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Full text of "Beiträge zur Geschichte der Belagerung von Wien durch die Türken ..., Volume 1"

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© 

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE 

DER 






BELAGERUNG VON WIEN 



DURCH DIE TÜRKEN, IM JAHRE 1683. 



Historisehe Studien 



Johann NiBwald 

em. Director der k. k. Forst-Akademie in Mariabninn, des Herzoglich Sachsen Emestiuischen 

Hausordens Ritter I. Classe, Conservator der k. k. Central •Commission für Kunst- und 

historische Denkmale, Awsschuss - Mitglied des Alterthums • Vereines 2u Wien und 

des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich, Vorstands-Mitglied der 

Numismatischen Gesellschaft in Wien etc. etc. etc. 



Alle Rechte vorbehalten. 



WIEN 

Verlag v*on Kubasta & Voigt 
1883. 



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-. '-' . y 



\^<\.^h.hv^^'^^ 



Druck von L. W. Seidel & Sohn in Wien. 



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Seiner Hoheit 

dem 

Durchlauchtigsten Herrn 

Philipp 

Prinz von SactLsen-CobTirg und Gotlia 
Herzog zu Sachsen 

k. k. General - Major, Ritter des goldenen Yliesses ^ 

Grosßkreuz hoher Orden etc. etc. 

in tiefster Ehrfurcht 

gewidmet 

vom Verfasser. 



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Vorwort. 



Der Alterthums- Verein in Wien hat im Jahre 1879, aus 
Anlass seines 25jährigen Bestehens, das Denkmal des Grafen 
Niclas zu Salm, des ruhmreichen Vertheidigers von Wien 
gegen die Türken unter Sultan Soliman im Jahre 1529, in 
der Yotivkirche aufstellen lassen. Es wurde mir damals die 
ehrenvolle Aufgabe übertragen, eine Erklärung der auf diesem 
Denkmale befindlichen Schlachtenbilder zu verfassen. Die Er- 
gebnisse meiner Studien sind in einer Biographie des Grafen 
Niclas zu Salm zusammengestellt, welche im XVIIL Bande 
der Berichte und Mittheilungen des Wiener Alterthums- Vereines 
Aufnahme fand, zugleich auch in einer Separat- Ausgabe publi- 
cirt wurde. 

Bei den Forschungen, welche ich über die Türkenbelagerung 
1529 in den grossen Wiener Archiven durchführte, kamen mir 
zahlreiche Actenstücke, die sich auf die Belagerung unserer 
Stadt durch die Türken im Jahre 1683 beziehen, zur Kenntnis. 

Das schon damals angesammelte Quellen-Materiale wurde 
ansehnlich vermehrt durch die aus Aillass meiner münzgeschicht- 
lichen Arbeiten seit mehreren Jahren vorgenommenen Quellen- 
studien, namentlich aber durch eingehende Forschungen, welche 
ich über die Türkenbelagerung 1683 und die mit derselben im 
Zusammenhange stehenden Ereignisse durchführte. 

Das Bild, welches ich über das welthistorische Drama des 
Jahres 1683, dessen Mittelpunkt Wien war, gewonnen hatte, 



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zeigte sich in vielen und wesentlichen Beziehungen abweichend 
von den bisher bekannten Darstellungen desselben. 

Die vorliegende Arbeit soll nicht eine Geschichte der Be- 
lagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 sein, 
ich beschränke mich darauf, lediglich Beiträge für eine solche 
Geschichte zu liefern, zu welchem Ende ich die einschlägigen 
Quellen fort und fort thunlichst eingehend anführe. Mehrere 
Momente konnte ich ntfr andeuten, ihre Erörterung würde zu 
weit geführt haben, auch müssen ihrer Klarstellung eingehende 
Quellenstudien vorausgehen. 

Der Hauptsache nach reihe ich zunächst die Acten und 
Quellen aneinander und lasse diesen gleichsam das Wort. Was 
ich beifügte sind lediglich Schlussfolgerungen, welche sich aus 
dem vorliegenden Quellenmateriale von selbst ergaben. 

Dem Vorstehenden habe ich noch eine Bemerkung bei- 
zusetzen. In den verschiedenen Publicationen über die Türken- 
belagerung, so auch in den Acten, werden die Namen einzelner 
Personen in von einander abweichender Weise geschrieben. Wo 
von mir eine einschlägige Publication oder ein Act citirt wird, 
behalte ich die dort vorkommende Schreibweise bei. Im Texte 
selbst schreibe ich die Namen der betreffenden Personen jedoch 
in der Art, wie sie sich in den mir vorgelegenen Originalien 
eigenhändig gefertigt hatten. 

Wien, den 16. Mai 1883. 

Johann Newald. 



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I. 

Die Stände von Nieder- und Ober-Oesterreich. 

Unter den zahlreichen historischen Werken über die Türken- 
Invasion vom Jahre 1683 hat bisher noch keines die Wirksamkeit und 
die Betheiligung der Landstände, namentlich aber der Stände 
von Nieder- und Ober-Oesterreich, welche Länder durch die 
in Folge eines Türkenkrieges drohende Katastrophe am meisten gefährdet 
waren, in den Kreis seiner Forschungen und Erwägungen gezogen. 

In Nieder-Oesterreich war die Stadt Wien als Mitglied des 
vierten Standes, von wesentlicher Bedeutung.^) In unserer Stadt hatte 
sich jedoch im Laufe der letzten Zeitperiode eine Veränderung voll- 
zogen welche, wie es scheint, bei der Beurtheilung der zweiten Türken- 
belagerung viel zu wenig berücksichtiget worden ist. Im Jahre 1679 
trat bekanntlich in Wien die Pest in verheerender Wirkung auf. Zwölf- 
bis sechzehntausend Einwohner erlagen dem „Contagium**, mehr als 
300 Häuser waren gänzlich ausgestorben. Die im Bevölkerungsstande 
zurückgebliebenen ausserordentlichen Lücken füllten sich allerdings 
durch Einwanderer ziemlich rasch vdeder aus, allein es war sicher 
nicht in allen Fällen die Blüthe der Nachbarländer, welche in Wien 
eine neue Heimath suchte; so mancher Einwanderer von zweifelhaftem 
Werthe dürfte Aufname gesucht haben, ja vielleicht willkommen gewesen 
sein. Bis zum Jahre 1683 mögen jedoch nur wenige der neuen Stadt- 
bewohner sich zum Bürger in der altbewährten Tradition und Würde 
dieses Wortes eingelebt haben. 

Die Pest in Wien gibt jetzt schon Anlass des verdienstvollen 
Bürgermeisters Johann Andrae von Liebenberg zu gedenken. 
Kaiser L e o p o 1 d I. hatte mit der Führung der Geschäfte in Wien, während 
der Dauer der. entsetzlichen Calamität ein Deputirten-Collegium betraut, 
dessen Mitglieder Conrad Balthasar Graf v. Starhemberg, 
Statthalter, Johann Balthasar Graf v. Hoyos, Landmarschall, 
Johann Quintin Graf v. Jörger, Hofkammer - Vice - Präsident, 



*) Die Stadt Wien rcpräsentirte den halben vierten Stand, die zweite 
Hälfte bestand aus den 18 landesf. Städten und Märkten. 

1 



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Karl Ludwig Graf v. Hofkirchen und Johann Oswald Hart- 
mann V. Hüttendorf, n. ö. Regiments-Kanzler, waren. „Während 
der Zeit der grausambsten Infection, war zu dem Directori dess schweren 
Contagions-Wessen" der damalige Stadtrichter L i e b e n b e r g verordnet 
worden.^) Derselbe übernam jedoch schon im Jahre 1680 als Bürger- 
meister die Leitung des damals mit Schwierigkeiten aller Art besonders 
belasteten Gemeinwesens von Wien. Der in alle Verhältnisse der Stadt 
vollständig eingeweihte Herr mag die Veränderungen, welche sich hier 
sowohl auf dem Gebiete der Stadt-Administration, als auch in den 
Privat-Beziehungen und Zuständen der Bürgerschaft vollzogen, mit 
sorgenvollem Blick beobachtet haben; denn gewiss, es gibt wenige 
Perioden des Wiener Stadtlebens, in denen sich derart überwältigende 
Schwierigkeiten auffchürmten, wie zur Zeit der Amtsverwaltung des 
Herrn Johann Andrae v. Liebenberg als Stadtrichter und Bürger- 
meister. 

Nachdem im Landtage von Nieder-Oesterreich, wie oben bereits 
betont wurde, die Stadt Wien ein wichtiges Mitglied des vierten 
Standes war, so war selbstverständlich die Haltung der Stände des 
Landes, auch auf die Stellung, welche der Stadtrath von Wien zu den 
verschiedenen öffentlichen Angelegenheiten und Fragen einnam, von 
wesentlichem Einfluss. 



*) Liebenberg war für die Jahre 1678 und 1679 mit seiner „Stadt- 
Richter Amt Reittnng'' im Rückstande geblieben. Von Oedenburg aus, wo sich 
Kaiser Leopold I. des Reichstages wegen befand, erfolgte unterm 26. Nov. 1681 
die Aufforderung zur Vorlage der Rechnung binnen 4 Wochen, so gewiss, „als 
widrigen fahls wider Ihm mit schärffem einsehen verfahren werden solle. '^ Mit 
der Eingabe ddo. Wien 16. Jänner 1682 entschuldiget Liebenberg diesen Rück- 
stand und hebt hervor, dass, als er „zu dem Directori dess schweren Contagions 
Wesens verordnet worden" in seiner Abwesenheit Doctor Löhr „als Senior in 
officio präsidirt habe,'' und hat derselbe die ganzen Strafen und Gerichtsgelder 
ohne des Liebenberg Wissen eingenommen, auch ist der Gegenhändler Pett- 
scholli gestorben. Er bittet schliesslich um die Anordnung einer Commission 
zur Aufaame dieser Rechnung. Unterm 1. März 1682 erfolgte nunmehr ein 
Hofkammer-Erlass, in welchem hervorgehoben wird, dass nicht die Aufname, 
sondern erst die Prüfung der Rechnung durch eine Commission stattfinden 
könne, und ergeht die neuerliche Weisung: „dass Er Herr von Liebenberg 
gedachte Raittungen demnächst Erstatte." Ein Termin oder eine Strafsanction 
wird nicht mehr betont. K. k. Hof kammer- Archiv, fasc. 17094. Die Eingabe 
vom 16. Jänner 1682 ist das einzige Actenstück mit der eigenhändigen Unter- 
schrift des Bürgermeisters Liebenberg, welches mir im k. k. Hofkammer- Arch. 
vorgekommen ist. 



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Es möge gestattet sein, die Haltung der Landstände, an der 
Hand eines überreichen Quellen-Materials einer kurzen Beleuchtung zu 
unterziehen. 

Als bekannt darf vorausgesetzt werden, dass in jener Zeitperiode, 
welche wir im Auge haben, den Ständen der einzelnen Länder das 
Steuerbewilligungsrecht zustand, und dass mit denselben über 
das Ausmass der Steuerbeiträge, auf Grundlage der den einzelnen 
Landtagen jährlich vorgelegten Postulate oder Propositionen, durch die 
kaiserl. Hof-Kanzlei, u. zw. mit dem Landtag eines jeden einzelnett 
Landes speciell verhandelt werden musste. 

In den der Türken-Invasion unmittelbar vorausgegangenen Jahren, 
fand die Vertheilung des von der Regierung für das einzelne Jahr 
veranschlagten Gesammt-Bedarfes , oder wie derselbe auch genannt 
wurde, des Gesammt-Zutrages, auf die einzelnen Länder nach einem 
bestimmten Repartitions - Masstabe derart statt, dass die Gesalnmt- 
Summe zunächst in 18 gleiche Quoten abgetheilt wurde. Auf Böhmen 
und seine Nebenländer Mähren und Schlesien entfielen IP/^ solche!* 
Antheile. Von den restlichen 6V4J fiel die Hälfte, nämlich S^/g Acht- 
zehntheile auf Inner-Oesterreich, und die letzten S^/g auf Nieder- 
und Ober-Oesterreich. Von dieser letztern Quote entfielen auf 
Nieder-Oesterreich ^3, auf Ober-Oesterreich ^/g. Nachdem sich der 
Landtag von Nieder-Oesterreich nach den vier Ständen, u. zw. 
Prälaten, Herren, Ritter und Städte gliederte, so entfiel auf die letzteren, 
den sogenannten vierten Stand, von dem gesammten „Landeszutrag* ^/^^ 
und von diesem Theilbetrag auf die Stadt Wien die Hälfte, daher von 
der ganzen Landesquote Vio-^) Nach Procenten hatten zur Deckung 
des Jahresbedarfes beizutragen, u. zw. 

Böhmen, Mähren und Schlesien zusammen . 650% 

Inner-Oesterreich, d. i. Steiermark, Kärnten, Krain, Istrien, 

Görz und Gradiska zusammen 17*5Yo 



*) K. k. Hofkammer-Archiv, Fase. 13862. Tirol und die sogenannten 
Vorderösterreich. Lande, welche erst nach dem am 25. Juni 1665 erfolgten 
Tode des Erzherzogs Sigismnnd Franz an Kaiser Leopold I. gefallen waren, 
sind in diesen Voranschlag, beziehxmgsweise Repartition desselben nicht ein- 
gerechnet. Es wurde mit denselben separat verhandelt. Den für die Stadt Wien 
entfallenden Masstab des Beitrages von Vio der Landessumme anbelangend, 
siehe einen Fall bei Camesina, Wien's Bedrängniss im Jahre 1683, Anhang 
Seite 15, Beilage V. 

1* 



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Nieder-Oesterreich . 11'7^/q^) 

Ober-Oesterreich 5'87o- 

Nieder-Oesterreich anbelangend kommen zwei Umstände her- 
vorzuheben. 

Dem halben vierten Stand, d. h* den 18 landesfürstl. Städten 
und Märkten, war unter Kaiser Mathias im Jahre 1613 zur Schulden- 
abstattung die Hälfte des auf sie entfallenden Steuerzutrages nach- 
gesehen worden. Dieses Zugeständniss wurde seitdem in verschiedenen 
Terminen, u. zw. bald für 5, 10 auch blos für 1 Jahr, zuletzt im 
Jahre 1662 auf 20 Jahre verlängert, und hatte somit im Jahre 1682 
zu erlöschen. 

Eine zweite Schwierigkeit ergab sich in Nieder-Oesterreich aus 
der Anrechnung der von den landesfürstlichen oder sogenannten v i c e- 
domischen Herrschaften entfallenden Beitragsquote. Die drei 
oberen Stände nahmen dieselbe für sich in Anspruch und brachten 
sie bei ihrem Jahresbeitrag in Abrechnung. Auf diese Quote erhob 
aber auch der vierte Stand Ansprüche, und blieb ebenfalls mit einem 
Theile seines Jahresbeitrages im Rückstande. Wir werden später eigen- 
thümliche üebelstände kennen lernen, welche aus dieser Streitfrage 
hervorgegangen sind. 

Dass die kaiserliche Regierung die ausserordentlichen Schwierig- 
keiten und die grossen Gefahren, von welchen der Fortbestand der 
Habsburgischen Monarchie, namentlich von Seite der Türken bedroht 
war, nach ihrem vollen Umfange erkannte und würdigte, auch recht- 
zeitig die Mittel zur Abwehr der drohenden Katastrophe beizuschaffen 
suchte, dürfte alsbald zugegeben werden, wenn wir aus dem grossen 
Umfange des hier einschlägigen Acten-Materiales, nur eine massige 
Anzahl von Stücken einer Erwägung unterziehen. 

Im Anfange des Jahres 1680 entfernte der Kaiser den bisherigen 
Hofkammer-Präsidenten Georg Ludwig Grafen v. Sinzendorf, 
und legte dieses wichtige Amt in die Hände des Hof kämm er-Rathes 
Christoph Abele von Lilienberg.-) Dieser hatte bereits eine 



*) Auf die Stadt Wien entfiel somit eine Tangente von 1.1 /7o> welche 
Quote, verglichen mit dem Procentantheil der von dem Gesammtbedarf Cis- 
leithaniens dermalen auf Wien entfällt, wohl als ein Minimum erscheint. 

*) Der Sturz des höchst einflussreichen Grafen Sinzendorf machte ein 
ausserordentliches Aufsehen. Ztinächst scheinen dem Kaiser der Hofkammer- 
Vice-Präsident Graf Johann Quintiii Jörger und der Hofkammer-Rath Abele 
die vollen Nachweise der habsüchtigen Unterschleife desselben geliefert zu 



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Reihe schwieriger Aufgaben in energischer Weise zur Zufriedenheit 
des Kaisers gelöset, und genoss nunmehr das volle Vertrauen des- 
selben. ') 

Freiherr von Abele gehörte unter jene österreichischen 
Staatsmänner, welche die Anschauung vertraten, dass der Monarchie 
die bei weitem grössere Gefahr von Seite der Türken drohe. Unter 
den hervorragenden Militärs war es der, erst unterm 16. Februar 1680 
zum Stadt-Commandanten von Wien ernannte Feldmarschall-Lieutenant 
Graf Ernst Rüdiger zu Starhemberg, welcher die von Abele 
vertretene Auffassung der Lage unserer Monarchie vollständig theilte. 
Mit jener Energie und Consequenz, welche Freiherr von Abele bei 
allen wichtigen Angelegenheiten entwickelte, sehen wir ihn alsbald die 
BeischafFung jener Mittel in das Auge fassen, welche ihm als noth- 
wendig erschienen, um dem drohenden Untergänge mit Erfolg begegnen 
zu können. Seine vorzüglichsten Bemühungen waren selbstverständlich 
auf die Hebung und thunlichste Regelung der Geldzuflüsse gerichtet. 

Schon mit der kaiserlichen Resolution vom 27. April 1681 
wurde darauf hingewiesen: „Wasgestalten Se. Mayt. zu Abtreibung 
des allerseits denen Erbländern zuestossenden gänzlich vndgangs, nit 
allein dero alte Miliz zu erhalten, sondern noch hierzue 20/M Mann 
aufzustellen verordnet.* Es werden für die alte drei und für die neu 
anzuwerbende Miliz zwei Millionen Gulden erforderlich sein.^) Als 
Ergänzung einer an die Landstände gerichteten Resolution ddo. Neu- 
stadt 13. August 1681, erwirkte Freiherr von Abele, ddo. Neustadt 
14. August 1681 einen Befehl an die Hofkammer zur Einführung neuer 



haben. Der gegen Sinzendorf eingeleitete Process wnrde mit grosser Sorgfalt 
und Strenge durchgeführt, wie sich solches aus den Hofkammer-Acten Fase. 
17085, 86 und 89 n. s. w. ergibt. Er selbst anerkannte seine Veruntreuungen 
im Betrage von nahe 2 Hill. Gulden, zu deren Deckung sein Güterbesitz, seine 
beiden Häuser in der Herrengasse, der jenseits des Donaukanales in der Nähe 
des Augartens gelegene grosse Garten, u. s. w. für den Fiscus eingezogen 
wurden. Während dem Verlaufe des Processes war Sinzendorf an einem, in 
den Acten nicht näher bezeichneten Orte internirt. Mit der Resolution ddo. 
Neustadt 10. Aug. 1681 fand die Schbisserledigung der erhobenen Ersatzan- 
sprüche statt. K. k. H. K. A. Gedkb. Nr. 211, fol. 68ver8. Sinzendorf starb am 
14. Dec. 1681. 

*} Christoph von Abele, geb. zu Wien 1628, wurde den 16. März 1674 
in den Ritterstand und 5. Sept. 1679 in den FreiheiTnstand erhoben. Er führte 
das Prädicat „von Lilienberg, edler Herr von Hacking. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 17091. 



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6 

Steuern.') In der oben erwähnten Resolution wird gesagt, dass, um 
die Stände der Länder zu entsprechenden Beihilfen anzuregen, der 
Kaiser, ungeachtet der Erschöpfung der Cammeral-Mittel, von den 
erwähnten zwei Millionen Gulden eine Million auf seine Rechnung 
übernehme, es mögen jedoch die Stände der Länder auf dass „mit 
der newen anwerbung ein guter anfang gemacht, auch der Mannschaft 
ein Thail deren Verpflegung verschafft werden kann" die andere Million 
Gulden beitragen. Weil aber, sa.gt die Resolution weiter: „ein grosser 
vnentpöhrlicher verlag zur bestreittung allerhandt Kriegs-requisiten als 
Artigleria, Munition, Fortification, Magazin, remontirung der Völckher 
vnd dergleichen von nöthen; Alss wären Se. Mayt. wider mildt vätter- 
lichisten willen bemüssiget, sowohl zu Jetzt gedachten nebenausgaben, 
als auch zu Ersezung dessen was etwa an der pro nova Militia 
gewidmeten Summa an der Stände Bewilligung abgehen möchte, auf 
andere Extra-Mitl, sondlich solche zu gedenkhen, welche die Jenig 
maistens berührten, die sonsten dem gemainen anligen wenig oder gar 
nicht contribuirten. '^ Der Kaiser habe daher vor „für anheur einzu- 
führen: 1~° Die Erhöhung des Fleischpfennings auf einen Kreuzer von 
iedem Pfundt Rindt- und Jungfleisch in vomemben Stätten und 
Markhten durchgehents von Geist- und Weltlich zu bezahlen, vnd 
auf dem Landt in form einer Mauth mit geringen, auf iedes stuckh 
gross vnd Kleines Vieh einzuführen. 

2^^ das Leder, Ausländische Weine, vnd andere frembde, beuorab 
ad Luxu dienende Wahren mit aufschlag zu belegen. 

3*^^ den Abzug an Besoldung mit den Zwainzigsten Pfenning 
ausser des Bauren gesindels zu practiciren. 

4*** den Papieranschlag von Pogen Zwey groschen, so vill bey 
denen gerichtern ungesigleten Papier gebraucht wirdt, durch einen 
appaldo zu incaminiren.^) 

K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 70. 

*) Schon im Jahr 1677 hatte der kaiserl. Rath Hermann Gabriel 
von Välkeren, wahrscheinlich ein Brnder des Historiografen Johann Peter 
von Välkeren den Antrag auf die Einführung des Stempelpapieres gestellt, 
welcher jedoch als „nnpracticabel vermeint wurdte." Im Jahr 1681 wurde dieser 
Gegenstand neuerdings in Erwägung gezogen, jedoch ebenfalls ohne Erfolg*. 
Während der Dauer des kais. Hoflagers in Linz, ddo. 4. März 1684 richtete 
die Hofkammer wegen Einführung des „gesiegelten Papiers" eine neuerliche 
Note an die Hofitanzlei, mit dem Ansuchen, es mögen Formularien aus Holland 
und Spanien, wo dasselbe bereits in Verwendung ist, eingeholt und die Ein- 
führung in den Erblanden gefördert werden. (K. k. H. K. A. Fase. 13866.) Mit 



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5*** die Niederlags-Verwandte vnd Hoffbefreute auf eine Zeitt, 
mit einem erfindlich currenti anzuhalten, auch auf die Carozzen Zu- 
schlag zu machen, vnd anderes mehreres." 

Die Stände wurden aufgefordert über diese Punkte bis zum 
15. September 1681 ihre Aeusserung abzugeben. Die nied.-österr. 
Stände entsprachen dieser Aufforderung mit der Eingabe ddo. Wien 
17. September 1681. Selbstverständlich wurden mit einem Aufwand 
von Einwendungen die neuen Abgaben abgelehnt, auch beriefen sich 
die Stände zum Schlüsse darauf, dass ihnen der Kaiser bei der 
Erbhuldigung die Zusage machte, sie mit allen neuen Auflagen zu ver- 
schonen. 

üeber diese Eingabe äusserte sich die Hofkammer, oder was 
dasselbe ist, der Präsident Freiherr v. Abele, ddo. Wien, 15. October 1681 
dahin, dass er früher selbst der Ansicht war, man könnte die Ein- 
führung der neuen Abgaben bis zum nächsten Jahre verschieben, nach- 
dem aber die Noth drängt, sollte man damit nicht weiter säumen 
„auch solche ohne weitere Vernehmung der Stände (zumahlen Sye 
doch weder zu einem noch andern einwilligen, sondern beständig de- 
precieren werden) gleich von Hof aus determinirt vnd würklich ein- 
geführt werden möchten, in erwägung Ihro Kays. Mays. sei an die 
Stendte nicht gebunden, dass Sy tempore necessitatis, welche kein 
gesatz hat, dergleichen extraordinari mitl, nicht selber köntten practi- 
ciren lassen."^) 

Wie wir sehen, Hess sich der Hofkammer-Präsident Freiherr v. 
Abele durch die Einwendungen der Stände nicht hindern, auf die Ein- 
führung neuer Abgaben und Eröffnung erweiterter Zuflüsse an Geld- 
mitteln, mit allem Ernste zu dringen. Durch den 5. Punkt der oben 
citirten Anträge, mit welchem die Einführung einer Vermögenssteuer 
in das Auge gefasst war, wurden namentlich die drei oberen Stände, 
Prälaten, Herren und Ritter empfindlich getroffen. Diese genossen bisher 
die Steuerbefreiung, sie legten die von ihnen übernommenen Bei- 



der kaiserl. Resol. ddo. Wien 30. April 1686 wurde Hermann Gabriel v. Väl- 
keren „weil er das früher öfters in Vorschlag gekommene, aber iederzeit für 
nnpracticabel vermeiate Papier-Wesen, nicht allein de novo resuscitirt, sondern 
auch weiter als Vorhin keiner geb rächt '^ als „Ober-Sigl Amtmann" in allen 
kaiserl. Ländern bestellt, und das Siegelpapier mit dem Patent vom 29. April 
1686 eingeführt. Nachdem sich bei der Durchführung abermals Misstände 
zeigten, wurde mit dem Patent vom 20. Octob. 1692: die „Neu-eingericht-ge- 
stämpelte Papier-Ordnung" kundgemacht. Cod. aust. IL Bd. S. 119. 
*) K. k. H. K. A. Fase. 17091. 



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träge lediglich auf ihre Herrschafts-Unterthanen um und wurden zur 
Steuerleistung erst dann herbeigezogen, wenn die auf die Unterthanen 
umgelegten Quoten nicht hereingebracht werden konnten. Wir werden 
diese Angelegenheit später noch zu besprechen haben und heben jetzt 
nur hervor, dass Abele namentlich durch die Einführung der 
Vermögenssteuer, der man bald den Namen „Türkensteuer** 
gab, mit den obern drei Ständen in einen scharfen Gegensatz kam, 
was ihn aber nicht abhielt, bezüglich der von den einzelnen Ländern 
zu leistenden Beiträge, auch bei den Landtags- Verhandlungen, welche 
unter Sinzendorf allen Ernst eingebüsst hatten, mit kräftiger Energie 
einzuschreiten. 

Die Verhandlungen mit den einzelnen Landtagen über die den- 
selben vorgelegten Postulate und Propositionen standen allerdings der 
Hof- Kanzlei zu, allein bei allen Geldfragen waren dabei die von 
der Hof- Kammer gestellten Anträge massgebend. Der neue Hof- 
Kanzler Theodor Althet Heinrich Freiherr von Stratt- 
man ein denk- und redegewandter Herr musste, so schonend er zu 
vermitteln suchte, durch den furchtbaren Ernst der Lage gedrängt, 
schliesslich den Anträgen der Hofkammer beitreten. 

Die Stände wurden im Allgemeinen auf das Ungerechtfertigte 
ihrer, gegen die neuen Abgaben erhobenen Einwendungen aufmerksam 
gemacht, gegenüber dem Wiener Landtag wurde die Zustimmung zu 
dem pro 1681 bewilligten Beitrag von 600/M Gulden ausgesprochen. 
Ausser diesem „Zutrag" hatten die Stände von Nieder-Oesterreich die 
Verpflegung der Besatzung von Raab, die Besoldung des dortigen 
Obersten, endlich auch die Bestreitung des sogenannten Serviz-Guldens 
pro 1681 übernommen.^) Aus der Sinzendorfischen Zeit war eine 
eigenthümliche Gepflogenheit zurückgeblieben. Die Stände statteten die 
für das eine Jahr genehmigten Beiträge zum grossen Theile erst im 
nächsten Jahre ab. ") Die Stände Nieder-Oesterreichs hatten die beiden 
letzten Zahlungstermine des 1681er Zutrages, auf Lichtmessen und 



*) Zur Bestreitung der Auslagen für Bett, Holz, Licht und Salz bezog 
unter dem Namen „Serviz-Gulden" jeder Mann einschliesslich der Officiere 
monatlich 1 fl., u. zw. vom Jänner 1681 angefangen, weil sich die Stände 
geweigert hatten, diese Leistungen in Natura zu prestiren. 

*) Diese Manipulation gab öfter zu neuen Verzögerungen Anlass. Es 
wurden Zweifel erhoben, ob irgend eine Post für das laufende oder für das 
vorige Jahr gehöre. Bis zur Austragung vergingen oft Monate, — die Stände, 
sistiiien mittlerweile die Abstattung. 



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9 

Ostern 1682 beantragt. Mit der Note an die Hofkanzlei ddo. Oeden- 
burg 14. October 1681 sprach sich die Hofkammer energisch gegen 
diese Termine aus, und verlangte die Zahlung bis Ende des Jahres 1 68 1 , 
,,denn die soldatesca kann mit der Paga nicht so lange warten und 
die Hofcammer müsse dann Interessen zahlen." Eine lebhafte Vor- 
stellung wurde in Angelegenheit des Beitrages der vicedomischen 
Herrschaften erhoben, welchen wie oben erwähnt, seit einer Reihe von 
Jahren sowohl die drei oberen Stände als auch der vierte Stand bei 
seinem „Zutrag" in Abrechnung gebracht hatten. Die Hofkanzlei 
wurde dringend aufgefordert, in dieser Angelegenheit endlich eine 
Entscheidung zu fällen „oder wenigstens interim so weith zu ver- 
abschieden, welcher theill Indessen biss zu ausstrag der sache, ob 
nemblich die drei obern Herrn-Ständte oder der vierte Stand sothanigen 
aussstand zu entrichten, damit dieser ad publicas necessitates ge- 
wiedtmete Zuetrag nicht lenger zu nacbteill des boni publici vorent- 
halten werde." ') 

Die für das Jahr 1682 aufgestellten Postulate wurden den Land- 
tagen schon im Monat Februar zugemittelt. Bei der drohenden Kriegs- 
gefahr hatte die Regierung diessmal erhöhte Forderungen gestellt. 
Die nied.-österr. Stände gaben unterm 3. März 1682 ihre Erklärung 
dahin ab, dass sie pro 1682 zusammen 582.289 fl. beitragen wollen, 
jedoch auf den Serviz-Gulden nicht mehr verzichten, auch nachdem 
sie zur baldigen Einzahlung ihrer Beiträge 90.000 Gulden anticipiren 
müssen, für dieselben eine 6^/q Zinsenvergütung in Anspruch nehmen 
und von dem Beitrag abrechnen werden, lieber diese Anträge gab die 
Hofkammer schon ddo. Wien 11. März 1682 ihre Aeusserung ab, in 
welcher die Hofkanzlei aufgefordert wird, die nied.-österr. Stände pro 
1682 zu einem Zutrag von mindestens 700, M Gulden zu vermögen; 
die Vergütung des Serviz-Guldens, sowie die angesuchte Zinsen- 
anrechnung könne nicht zugegeben werden, weil die erstere bei den 
andern Ländern eine nachtheilige Consequenz herbeiführen würde, 
weiters die rechtzeitige Beischaffung der erforderlichen Geldmittel 
Sache der Stände ist und der Abzug einer Zinsenvergütung zu Lasten 
Sr. Mayt. unstatthaft sei. Die Hofkammer urgirte schliesslich die 
Entscheidung bezüglich der beim vierten Stande bestehenden Rück- 
stände. ^) 



K. k. H. K. A. Fase. 17091. 
') K. k. H. K. A. Fase. 17094. 



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10 

Nach einem vielfältigen Schriftenwechsel, welcher den grössten 
Theil des Jahres 1 682 in Anspruch nahm, der auch bei dem von Tag 
zu Tag sich drohender gestaltenden Verhältniss zur Türkei, einen 
unersetzlichen, geradezu verhängnissvollen Zeitverlust zur Folge hatte, 
gaben die Stände Nieder-Oesterreichs endlich am 4. September 1682 
die Erklärung ab, dass sie pro 1682 eine Beitragsquote von 650/ M 
Gulden und wie im Vorjahre die Bestreitung der ßaaberischen Grenz- 
auslagen leisten werden, fügten dieser ihrer Erklärung jedoch in 
14 Punkten verschiedene Bedingungen an. Ein Theil dieser letztem 
war von finanzieller Natur, ihre Erledigung fiel der Hofkammer zu, 
der andere Theil betraf politische Fragepunkte, welche die Hofkanzlei 
zu beantworten hatte. 

Die Hofkammer gab über diese Eingabe schon unterm 16. Sep- 
tember 1682 ihre Aeusserung an die Hofkanzlei ab. Für die Beur- 
theilung der damaligen finanziellen Lage ist dieselbe von hoher 
Wichtigkeit, daher ich das Wesentliche daraus dem Wortlaute nach 
mittheile. Nach dem üblichen Eingang wird gesagt: „Und obzwar die 
Hofkammer von selbsten erkhennet, dass sothane Summa respectu 
anderer Erblanden ein Grosses seye, so kan doch die Löbl. Kanzley 
vernünftig ermessen, dass bei allem deme die Hof-Kammer bei gegen- 
wertig grossen Khrigs-Erfordernussen, damit gleichwohl nicht auss- 
zulangen waiss, und dahero eines mehrer Zuetrags höchst nöthig 
hette, weillen es aber nunmero spatt im Jahr, vnd also die notturfft 
erfordern will, dass die heurige Landtags-Handlungen demfahleinst 
geendtiget, vnd zu dem Newen ehistens die abermalige postulata zu- 
samben getragen werdten, Alss wolte man pro hie et nunc bey obiger 
bewilligung ohnmassgebig acquiescirt haben. Sovill aber die mitange- 
führten Conditiones vnd Bedingnussen, vnd zwar 

„1™^ die deprecirung der accisen anraicht, da khondte es für 
heuer darmit sein Verbleiben haben. Indeme aber notorium, in wass 
vnversehenen Zuefahl man indessen ab Oriente gerathen, vnd wass 
gefährlichkeiten insonderheit den Oesterreichischen Landen anbethroet 
wird, zu dero abwendung extrema media zu ergreiffen, einvolglich für 
das negstfolgendte 1683 Jahr mit stärkherer anforderung den heuer, 
in die Herrn Ständte zu setzen, die vnumbgengliche notturfft erfordern 
will, Alss wurde sehr woU gethan sein, wann die Herrn Ständte ent- 
zwischen einige modos Extraord^^ zu dero aigenen, vnd Ihrer Unter- 
thanen Verschonung vnd sublevation aussfindtig zu machen, auch 
solche wollaussgearbeiteter zu bedenkhung der weitern notturfft, zeitlich 



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u 

in bereitschaft halten wollten, wie man sich dann die Gedankhen 
nicht wohl machen kann, dass auss dem ord** Contribuendi modo, die 
zum anthroendten Tirkhen Krieg, erforderte praestationes allerdings 
zu nemben möglich sein werde. Gleiche bewandtnus hat es auch 

„2^® mit belegung der Capitalia der Jenigen, die den Landschutz 
gemessen, vnd weiter in keinem mitleiden stehen, dass auch dieses 
Extra mitl ehest aussgearbeitet werde, vnd khünfftiger Zeit, nach be- 
schaffenheit der vmbständt vnd auf weitere handlung Ehest in effect 
gesetzet werden khöndte, dessen man sich Jedoch wegen heuriger 
Verwilligung, alss welche auf die Unterthanen vnd pftindtgelter, dem 
Vememben nach, bereits nach dem bissherigen Contribuendi modo 
ausgetheilt ist, keineswegs verstehen, sondern auf „das künftige 
Jar wegen des so vill alss bereits wirklich vorhandenen 
Türkenkrieges vnd also schon sich gegenwertig befin- 
denden euseristen Gefahr vormanen thuet,"*) dass 

„3*^® der vierte standt in solutum vbemomben werden wolte, 
were der Hof-Camer nicht bedenklich, wan derselben zugleich auch 
von Hoff auss, wider die morose vnnd saumige die execution einge- 
raumbt wurdte, Indeme man aber damit noch jeder Zeit sich ver- 
weillet, die Hof-Camer sich auch noch immerfohrt höchst beschwert 
befindet, das mit der Vicedombischen Zuetragsquota, wer dan entlich 
hievon zu participieren ? keine richtigkeit gemacht, vnd die sache noch 
zu dato vndecidierter gelassen wordten. Indessen aber laider zuesehen 
muess, dass beede thail, die drei obern Herrn Ständte alss auch der 
vierte Standt, auch sogar die Statt Wienn, von gahr kurzen Jahren 
hero^ dessen sye sich vorhin nie angemast, „in allen Steuern vnd 
Gaben, das Jus retentionis sich selbst eingeraumbt 
habe, welches dan bereits etliche 100 Tausend fl. auss- 
traget, vnd jaerlich zwischen 50 bis 60 Taasend fl. auch 
mehrers dem militari vnd folgends dem publico mit 
grossem schaden der allgemeinen Wohlfahrt entgeht;"'^) 
dahero die Hof-Camer vorlengst gebetten, damit Ihr Kays. Mayt. nicht 
toppelt zu schaden khomben, die Löbl. Canzley wolle wenigist ad in- 
terim decidieren, welcher aus beeden thaillen biss zu ausstrag der 
sache, reservato regressu, indessen die Zallung, sowohl des Currentis 
alss preteriti vorkehren solte, vmb welches hiemit nochmallen, und 



*) Im Original-Concept erscheint diese Stelle von der Hand des Hof- 
kammer-Präsidenten von Abele eingesetzt. 

*) Auch diese Stelle ist von der Hand des Freiherrn v, Abele. 



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12 

insonderheit auch dises inhaerendo prioriby instantissimi freundl. ge- 
betten wirdt, weillen anheur die befreyung des halben vierten Standts 
Zuetragungs-Contingent zu ende gehet, „vnd Iro Kays. Mayt. 
bereits sich zu keiner weiteren Extension erklert."') 
Eine Löbl. Kanzley wolte Ihres vermögenten ohrts zur weiteren 
extension, welche „wie erwendt, dem publice sehr schädlich, 
vnd auch in Böheimb, Schlesien, Mähren, Steyr, 
Kärndten vnd Crain, auch denen noch weit mise- 
rableren vnd ärmb ern Königlich vnd Landesfürstli chen 
Statt vnd Märkten wegen des militari nicht vergondt 
wirdet.*''^) Ihnen Stätten und Markhten aber nicht nützlich, fürohin 
nicht concm-riren, „also dass bey so beschaffenen sachen 
vnd so lang die Executionder Hof- Camer wider Sye 
Landesfürstliche Stätte und Markt nicht widerumb 
eröffnet vnd eingeraumbt wirdet, sich die Hoff-Camer 
zu der von denen Herrn Ständten antragenden An- 
nembung in solutum keineswegs verstehen kann, weilen 
Ire Kays. Mayt. hingegen sonsten das auf Sy Stadt vnd 
Markt järlich valendte 50, 60 oder mehr Tausend fl. aus 
Iren andern eigenen Mitlen ersetzen müsste, so Ein- 
für alle Mall vnmöglich, vnd Sie Löbl. Hoff-C anzlei für 
sich Selbsten für unbillig befinden wirdet."^) 

Aus der vorstehenden an die Hofkanzlei gerichteten Note geht 
nur zu klar hervor, wie ernst der Hofkammer-Präsident die Lage der 
Monarchie auffasste, und wie er in seinem Wirkungskreise in energischer 
Weise dahin strebte, die zur Bekämpfung der Gefahr erforderlichen 
Mittel rechtzeitig herbeizuschaffen. 

Wir werden durch dieses Actenstück zugleich auf einen andern 
beachtenswerthen Umstand aufmerksam gemacht. Es ist dieses die 
Steuerverweigerung der Stadt Wien. Die Hofkammer be- 
schwerte sich darüber „dass sogar die Statt Wienn, in allen 
Steuern vnd Gaben, das Jus retentionis sich selbst 
eingeraumbt habe, welches dan bereits etliche 100 
Tausend fl. ausstraget und jaerlich zwischen 50 bis 60 
Tausend fl. ausmacht." Da der Landtag von Nieder-Oesterr. pro 
1681 600 Tausend Gulden bewilliget hatte, auf die Stadt Wien, wie 
oben nachgewiesen, hievon'lOVo ^tls Beitrag entfiel, so entspricht der 



^), *) und 8) Auch diese drei Stellen sind im Concept von der Hand 
des Freiherrn v. Abele nachgetragen. K. k. H. K. A. Fase. 17098. 



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13 

von der Hofkammer angegebene jährliche Rückstand thatsächlich der 
Jahresquote der Stadt. 

Nachdem die von den nied.^österr. Ständen in 14 Punkten vor- 
gebrachten Beschwerden und Bedingungen im Sinne der Antragsteller 
nicht erlediget werden konnten, gaben dieselben eine neue Aeusserung 
dahin ab, dass sie von den pro 1682 bewilligten 650 Tausend, 50 
Tausend Gulden zurückbehalten werden. Dieser Zwischenfall rief von 
Seite der Hofkammer ddo. Wien 23. November 1682 eine lebhafte 
Verwahrung hervor.^) Die Hofkammer sah sich überdiess, nachdem die 
von den einzelnen Ländern bewilligten Zuträge noch erhebliche Rück- 
stände nachwiesen, gezwungen, unterm 16. December 1682 an die 
Hofkanzlei das Ansuchen zu richten, sie wolle „nachdruckhsamst* 
dahin wirken, dass die Landesbeiträge pro 1682, bis Ende des Jahres 
einbezahlt werden.'^) 

Die immer noch unentschiedene Frage bezüglich Zurechnung 
der vicedomischen Beiträge gab der Hofkammer zu einer Note Anlass, 
welche dieselbe unterm 19. Jänner 1683 an die österreichische Hof- 
kanzlei richtete. Sie stellte in eindringlicher Weise das Ansuchen um 
die endliche Entscheidung dieser Angelegenheit, indem die „Steuer- 
retentionen*' fort und fort grösser werden, während die Truppen- 
Anwerbungen, Beistellung von Munition und Proviant, Fortifications- 
arbeiten bei der Stadt Wien etc. ausserordentliche Summen in An- 
spruch nehmen.^) 

Zur Beratung der ül^eraus schwierigen Finanzlage hatte Kaiser 
Leopold L aus den geheimen Räthen eine Haupt-Commission zusanmien 
treten lassen, deren Präsident der Obersthofineister des Kaisers, Fürst 
Ferdinand Dietrichstein war. Als Ergebniss einer am 19. Juni 1683 
abgehaltenen Sitzung wurden dem Kaiser 8 Punkte zur Entscheidung 
vorgelegt. Der dritte und vierte derselben bringt die Verhängung 
einer Militär- Execution zur Einbringung der rückständigen Steuern 
und Beiträge in Vorschlag, welchem Antrag der Kaiser sein „placet* 
beisetzte.*) Zur Durchführung dieser Massregel, die nach dem dringenden 
Antrag der Hofkammer unzweifelhaft bald auch den „morosen und 



1) K. k. H. K. A, Fase. 17100. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 17100. Die nied.-österr. Stände hatten bis 
April 1683 von dem pro 1682 bewilligten Beitrag von 650, M fl. erst 300/M fl. 
abgestattet. Unter dem Rest befand sich der Steuerrückstand von "Wien und 
den 18 landesfürstl. Städten und Märkten zusammen 130/M fl. 

») Daselbst Faso. 17101. 

*) Archiv, des Min. des Innern. V. B. 3. 



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14 

säumbigen" vierten Stand getroffen hätte, kam es, des in wenigen 
Wochen darauf erfolgenden Türkeneinbruches wegen, nicht. 

Die „Steuer-retention" der Stadt Wien hatte dadurch eine leidige 
Schattenseite, dass sie die Stadtvertretung mit der kaiserlichen Re- 
gierung in einen starken Gegensatz brachte, welcher auch während 
der Belagerung fortbestand. Forscht man nach der Ursache dieses 
Conflictes, so wird man auf Partei-Umtriebe innerhalb der Bürgerschaft 
und des Stadtrathes hingeleitet, wie sich solche Parteiungen in 
schwierigen Zeiten stets bilden. Die eine Partei, verstärkt durch die 
in Folge der Pest zahlreichen neuen Stadtinsassen, trat gegen die 
Anordnungen und Bestrebungen der Regierung in Opposition. Als 
Führer derselben lässt sich der Stadt-Syndicus Dr. Nicolaus Hocke 
bezeichnen. Derselbe dürfte die Stellung des würdigen Bürgermeisters 
Liebenberg ausserordentlich erschwert haben. Dieser war ein in den 
Geschäften der Stadt und mit ihrer Lage viel zu vertrauter Herr, um 
von ihm die Anschauung voraussetzen zu können, dass in einer Zeit 
der höchsten Gefahr, deren Spitze zunächst gegen Wien gerichtet war, 
das Literesse der Stadt, durch eine „Steuer-retention*^ gefordert werden 
könne. 

Es kömmt nun noch zu erwähnen, dass am 1. April 1683 der 
Hofkammer -Präsident Freiherr von Abele seine Stelle niederlegte. 
Unterm 18. März 1683 hatte der Kaiser „auf sein inständig vnd 
wiederholtes Bitten," unter Berufung desselben in den geheimen Rath, 
seine Enthebung genehmiget, und ihm eine Gnadengabe von 30.000 
Gulden und 2000 Gulden Provision jährlich bis zu dessen „wieder- 
accomodirung" angewiesen.^) Die Ursache des Rücktrittes des hoch- 
verdienten Hofkammer-Präsidenten lässt sich aus den Acten nicht 
entnehmen. Auf den Hofkammer-Acten, namentlich auf denen von 
Wichtigkeit finden sich auch später noch Anmerkungen von seiner 
Hand. Er hatte als Nachfolger den Grafen Wolf Andreas Orsini- 
Rosenberg. 

Das Bild , welches die Verhandlungen mit den nied.-österr. 
Ständen in Angelegenheit ihrer Beiträge zur Landesvertheidigung 
bietet, ist wenig erbaulich; — peinlich berührt jedoch der mit den 
Landständen von Ober-0 esterreich über diesen Gegenstand 
durchgeführte Schriften- und Notenwechsel. Es ist nur zu gut bekannt, 
wie die Stände aller Länder, lediglich durch eingehende Vorstellungen 



K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 283. 



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15 

und wiederholtes Drängen zu einer entsprechenden Steuerbewilligung 
zu bewegen waren. In friedlichen Zeiten war es zu verzeihen, wenn 
dieselben dem Landesfürsten und der Regierung gegenüber durch 
Beschränkung der Geldmittel ihre landständischen Rechte, ihre Macht 
und ihre Privilegien zur Schau zu stellen suchten. In den Zeiten der 
grössten Gefahr und der höchsten Bedrängniss jedoch, werden nur 
Abgang des guten Willens und Mangel an Einsicht, die zur Abwehr 
der Gefahr unentbehrlichen Mittel vorenthalten. Die Eingaben der 
obderensischen Stände fliessen über von den Versicherungen ihrer 
„treugehorsamsten Ergebenheit," sie betonen immer wieder, dass sie 
das voll^ Vertrauen haben, der Kaiser werde die „ihm von Gott an- 
vertrauten Länder gegen die denselben drohenden Gefahren zu schützen 
wissen," allein mit gesteigerten Geldanforderungen möge man sie 
„allergnädigst verschonen." 

Es wurde bereits betont, dass während der langen Reihe von 
Jahren, durch welche Graf Sinzendorf als Hofkammer-Präsident die 
finanziellen Angelegenheiten Oesterreichs leitete, die Verhandlungen 
mit den Ständen bezüglich der jährlichen Steuerbewilligungen allen 
Ernst verloren hatten. Der neue Hofkammer-Präsident Freiherr von 
Abele stand nun vor der Aufgabe, einerseits den altgewohnten 
Schlendrian in der Behandlung der Steuerbeiträge zu bekämpfen, 
anderseits aber auch die in Folge der höchst dringlichen Vorkehrungen 
zur Landesvertheidigung, ausserordentlich gesteigerten Geldbedürfoisse 
zu decken. ^ 

Wie oben hervorgehoben, wurde der auf die beiden Länder 
Oesterreich unter und ob der Enns zusammen entfallende Jahres- 
zutrag derart vertheilt, dass davon auf ersteres ^g, auf das letztere ^/j 
entfielen. Da die ober-österr. Stände mit der Abgabe ihrer 1681er 
Erklärung fort und fort hinhielten, wurde ihnen von der Hofkanzlei 
ddo. 24. Juli 1681, ein Termin bis 24. August 1681 gestellt. Nun- 
mehr erfolgte ddo. Linz 28. August 1681 eine Eingabe, in welcher 
die Stände sagen, dass sie die Nothwendigkeit einer „behörigen Ver- 
mehrung der Defensions-Mitl zur abwendung anthrohender gefahren" 
einsehen, dass sie die Propositionen sorgfältig erwogen, allein sie 
können nicht mehr als 200 Tausend fl. bewilligen,^) und diese nur 
unter der Bedingung, dass an sie keine weitere Anforderung gestellt 
werde, auch „Se. Kays. Maytt. hievon den Servizgulden, wan Völkher 

^) Die Stände von nied. Oesterr. hatten pro 1681, 600 Tausend Gulden 
bewilligt, auf ob der Enns würden sohin 300 Taus. fl. entfallen seiÄ. 



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16 

ins landt khomen, abraitten zu lassen, allergnädigst nit dagegen sein 
werden," schliesslich halten sich die Stände den „freien Eingriff* in 
die von ihnen bewilligten Zutragsquoten bevor. 

Als einen besondern Beitrag zu den „defensions Mittl" bewilligen 
sie noch 30 Tausend Gulden, jedoch in der Art, dass sie damit eine 
Schuldpost der Hofkammer an die Stadt Weiss von gleichem Betrage 
an Lichtmessen 1682 abstatten werden. Gegen die Accise und die 
Einführung einer Vermögenssteuer auf Grundlage einer Art von Ver- 
mögens-Fassionen, sprechen sich die Stände in lebhafter Weise aus 
und bitten schliesslich die landesfürstl. Landtags-Commissäre, diese 
ihre Erklärung „Sr. Mayt. mit solcher nachdruckhlicher recommandation 
vorzutragen, damit der heurige Landtag nunmehro geschlossen, vndt 
bey diesem quanto allergnädigst acquiescirt werdte."^) 

Diese Erklärungen beleuchtete die Hofkammer in einer Note, 
welche sie ddo. Oedenburg 13. October 1681 an die österr. Hofkanzlei 
richtete. Sie sagt: die Beiträge des oberösterr. Landtages stehen im 
Verhältniss zu dem von den nied.-österr. Ständen pro 1681 bewilligten 
Zutrag gar weit zurück, „sie werden kaum zu denen dahin destinirten 
militar Aussgaben erklekhlich sein," und überdies haben sich die 
Stände den „freien Eingriff' (d. h. das Recht, vorkommenden Falles 
über diese Gelder nach ihrem Ermessen verfügen zu können) vor- 
behalten. Die gegen Accise und Vermögenssteuer erhobenen Ein- 
wendungen werden in gleicher Weise wie bei den übrigen Ländern 
abgelehnt, auch wird die Erwartung ausgesprochen, dass die Stände 
auf die Abrechnung des Serviz-Guldens „der ohnedeme wegen zeitlich 
ab marche der im land einquartierten Völkher ein Geringes betragen 
wird, ad Exemplum anderer länder" verzichten werden. Die Hofkammer 
ersucht schliesslich, die Hofkanzlei möge die ober-österr. Stände dahin 
vermögen, dass sie pro 1 68 1 „noch 1 5 bis 20 Tausend fl. bewilligen," 
und sagt: „Zu mallen aber Ihro löbl. Canzley anbey vn verborgen. In 
wass Zuefahl man gegenwertig wegen vnvermuther übergab der 
Statt Strassburg im Rom. Reich, alss auch annoch für wehrendten 
feindlichen Vorbruch der Siebenbürgischen und der Rebellen in Hungarn 
laider gerathen, welche bese aspecten vnd bey geringster Zeit Verlust 
erwachsendte nachtheilige Consequenzen, eine eillende Zusambseh- 
vnd Hilfslaistung vnumbgenglich erfordlich machen, man sich 
aber nicht einfallen lassen kann, dass der iezige Contribuendi modus 



2j K. k. H. K. A. Fase. 17091. 



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17 

hiezue werde zuelänglich seyn, noch auch von selbsten ex sua natura 
lang mehr werdte bestehen köhnen."^) 

Es kann uns nicht entgehen, wie die Hofkammer, oder was 
richtiger ist, der Hofkammer-Präsident Freiherr von Abele, keine 
Gelegenheit vorübergehen Hess, um auf die Dringlichkeit der Gefahr 
und die Nothwendigkeit der Beischaffung vermehrter Geldmittel hin- 
zuweisen. In dem vorliegenden Fall wird besonders betont, dass „ein© 
eillende Zusambseh- und Hilfslaistung vnumbgenglich 
erfordlich" sei. Diese Mahnung ist sowohl an die Gesammt- 
regierung, wie an die Stände der einzelnen Länder gerichtet. 

Es finden sich in den Acten Andeutungen, dass bei der steigen- 
den Gefahr, auch die Berufang eines „General-Landtages" in 
Erwägung gezogen wurde, um mit den Abgeordneten sämmtlicher 
Länder die Mittel zur Abwendung der, zunächst allerdings nur einige 
Länder, schliesslich jedoch alle mit gleicher Wucht bedrängenden 
Gefahr zu beraten. Freiherr von Abele gehörte unverkennbar unter 
die Vertreter dieses Gesammt-Landtags-Gedankens. Bei dem sich kund 
gebenden geringen guten Willen, Seitens der Stände der meisten 
Länder, und dem Mangel eines Bewusstseins der Zusammengehörigkeit 
und der Solidarität, kann es der Gesammt-Regierung nicht verargt 
werden, wenn sie Anstand nahm, die von Aussen ohnehin drohenden 
ausserordentlichen Gefahren, noch durch Schwierigkeiten und Ver- 
jegenheiten im Innern zu steigern. 

Zu den Verhandlungen mit den ober-österr. Ständen zurück- 
kehrend, bleibt mir nur zu erwähnen, dass aus einer von den Land- 
tags-Commissären (Helmhardt Christoph Graf Weissenwolff, 
Landeshauptmann, Coelestin Abt von Mondsee und Joh. Ant. 
Ekhardt von der Thään, Vicedom in Ober-Oesterr.) eingebrachten 
Anzeige hervorgeht, dass sich die Stände trotz der eingehendsten 
Vorstellungen zu einer Erhöhung des pro 1681 bewilligten Steuer- 
beitrages nicht herbeiliessen, indem sie ddo. Linz 22. November 1681 
erklärten, dass sie ausser den bewilligten 2(X)/M Gulden keine weitern 
Leistungen übernehmen.*-) Auf die Gesinnung derselben wirft ein diese 
Bewilligung betreffender Zwischenfall ein eigenthümliches Licht. 

Mit Schluss des Jahres 1681 waren die Stände Ober-Oesterreichs 
an ihrer Steuer summe noch mit dem Betrag von 51.513 fl. 2 /? 26 dn. im 



') K. k. H. K. A. Fase. 17091. 
«) Daselbst Fase. 17092. 



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18 

Rückstande. Zur Einzahlung aufgefordert, sagen sie ddo. Linz 2. Juni 1 682, 
dass, weil die Einmahnung nicht zur rechten Zeit erfolgte, sie sich 
aueh den „freien Eingriff" in den von ihnen bewilligten Steuer-Zutrag 
vorbehalten hatten, so haben sie diesen Rest zur Truppenverpflegung 
verwendet, und glauben keine weitere Abstattung schuldig zu sein. 
Mit der Note ddo. Wien 26. Juni 1682, spricht sich die Hofkammer 
in energischer Weise gegen diesen Vorgang aus, der auf die übrigen 
Länder den übelsten Eindruck machen, auch zu nachtheiligen Conse- 
quenzen führen würde, und ersucht die Hofkanzlei um ihr Ein- 
schreiten.^) 

Die für den oberösterr. Landtag 1682 bestimmten Postulate und 
Propositionen hatten schon unterm 21. December 1681 die kaiserl. 
Genehmigung erhalten. Verschiedener Zwischenfälle wegen wurde der 
genannte Landtag erst am 17. Februar 1682 eröffiiet. Die kaiserl. 
Propositionen betonten in erster Linie die dringend nothwendigen 
Rüstungen gegen die Türken. Die Stände erklärten jedoch, dass sie 
nur 150/M Gulden bewilligen können, u. z. werden sie an Ostern 100, 
an Bartholomae 30, und Ende des Jahres 20 Tausend fl. abführen. 
Sie bemerken hiezu, dass diese Summe „pr. Pausch vnd mit Vorbehalt 
des freyen Eingriffs auch wirkhlicher abziehung des Serviz-Gulden" 
genehmiget wird. Unter Darstellung der dringenden Nothlage stellt 
die Hofkammer unterm 11. März 1682 an die österr. Hofkanzlei das 
Ansuchen, es mögen die Stände pro 1682 zu einem Steuerbeitrag von 
mindestens 300/M fl. veranlasst werden»-) 

üeber Einschreiten der Hofkanzlei berichten die landesfürstl. 
Landtags-Commissäre (Johann Veit Herr von Gera und der Vicedomj 
ddo. Linz 17. April, dass die Stände zu den bewilligten löO^M Gulden 
noch 50/M fl. 'u. z. 30/M an Bartholomae und 20/M am Ende des 
Jahres zahlbar beitragen, die gestellten Vorbehalte jedoch wiederholen. 
Die Commissäre sagen am Schluss, dass die Stände zu einem stärkern 
Zutrag nicht zu vermögen sind, und ein weiteres Verhandeln mit 
ihnen „nur schimpflich ausfallen würde." 

Diese Erklärung gab der Hofkammer zu zwei an die Hofkanzlei 
gerichtete Vorstellungen Anlass, u. z. ddo. Laxenburg 16. Mai 1682 
und Wien 26. Juni 1682. Unter erneuerter Darstellung der grossen 
Bedrängniss wird das Ansuchen gestellt, es wolle die Hofkanzlei bei 



^) K. k. H. K. A. Fase. 17096. 
■) Daselbst Fase. 17094. 



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19 

den oberösterr. Standen auf die Uebername der Serviz-Gelder und des 
Beitrages von 280/M fl. dringen.^) Erst unterm 27. August 1682 er- 
wiedern die Stände, dass sie den bewilligten 200/M Gulden noch 
20/M Gulden jedoch erst an Lichtmess 1683 zahlbar beifügen, „aber 
die Serviz vnd alle andere erweissliche Militärische aussgaben hievon 
abgezogen werden sollen." 

Wieder sah sich die Hofkammer in die peinliche Nothwendigkeit 
gebracht, ddo. Wien 20. September 1682 zu erklären, dass sie sich 
mit diesem Antrage nicht zufrieden stellen könne, da von den Militär- 
auslagen allein, auf Ober-Oesterreich 286/M fl. entfallen, und die ob- 
waltende höchste Gefahr auch die Anspannung aller Kräfte unab- 
weislich fordert. Sie verlangte noch einen Zuschuss von 30/M fl.^) 
Es wurde jedoch kein Resultat erreicht, denn die Stände waren durch 
das Verschleppen der ganzen Angelegenheit über den grössten Theil 
des Jahres 1682 zu dem Erfolg gekommen, dass sie mittlerweile keine 
Zahlungen zu leisten hatten. 

II. 

Yorbereitungen und Rüstungen zur Yertheidigung von Wien. 

Zwei Männer waren es, in deren Hände Kaiser Leopold I. im 
Anfange des Jahres 1680 beinahe gleichzeitig Aemter von der höchsten 
Bedeutung, aber auch mit den grössten Schwierigkeiten belastet, über- 
tragen hatte. Es waren dieses der Freiherr Christoph Abele von 
Lielienberg, zuerst als Administrator, bald jedoch als Präsident 
der Hofkammer, und Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg 
als Stadt-Commandant von Wien. Beide Herren waren von der Ueber- 
zeugung durchdrungen, dass der Stadt Wien, und somit dem Bestände 
der Monarchie die grösste Gefahr von Seite der Türken droht; ihr 
Denken und Trachten war von ihrem Amtsantritt an auf die Beischaffung 
jener Mittel, und auf die Durchführung jener Vorkehrungen und 
Anstalten gerichtet, durch welche sie der ausserordentlichen Bedrängnis 
ZU' begegnen hofften. 

Wohl selbstverständlich war das nächste Augenmerk auf die 
Hebung und Vervollständigung der Wiener Fortificationen 
gerichtet. Um für alle dahin zielenden Anträge eine bestimmte Grund- 

K. k. H. K. A. Fase. 17096. 
') Daselbst, Fase. 17098. 

2* 



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20 

läge zu besitzen, Würde zunächst ein Plan der Stadt herbeigeschafft. 
Diesen liefßrte der Ingenieur Daniel Suttingei*, welchem über 
kaiserl. Erlass, ddo. Prag 20, Mai 1680, die Kriegs-Cassa „wegen in 
Grundt gelegter residenz Statt Wienn" 500 fl. auszubezahlen hatte. ^) 
Wenige Tage später, u. z. ddo. Prag, 27. Mai 1680, erfolgte an die hinter- 
lassene Hofkammer die kaiserl. Resolution: sie habe dem Stadt-Guardie- 
Obristen Grafen von Starhemberg 40C0 fl. und die* „einkommenden 
nächtlichen Einlassgelder" zu Fortifications- Arbeiten ausfolgen zulassen. ^) 
Unterm 7. Juni 1680 erging ein kais. Erlass an die nied.-österr. 
Stände: „Es habe der Stadt-Commandant Graf Starhemberg, die hoch- 
nothwendige Reparatur vnd aussbesserung der fortification bey hiesiger 
Residenz-Statt insonderheit aber, dass in tempore Pallisaden herbey 
zu schaffen die Notthurfft erfordere vnderthänigst repraesentirt. ^ 
Wegen Hackung der Pallisaden sei bereits Anstalt gemacht und es 
werden die Stände aufgefordert, die Zufuhr besorgen zu lassen. „Die 
Löbl. Ständt werden die von Ihro Kays. Mt. erst dieser Tagen Ihnen 
eröffnete gefahr, so sich an villen orthen zaiget, nicht gering achten, 
sondern von selbsten begierig seyn diser Kays. Residenz, vnd vor- 



K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 209, Fol. 209. Die Resolution lautet: „Leopold 
etc. Wür haben gnädigst resolvirt, Vnserm Ingenieui* Suttinger wegen Ver- 
fertigter Grundtlegung und abris Vnserer Haubt- und Kays. Residenz Statt 
Wienn, zu wohluerdienter recompens 500 fl. entrichten zu lassen. Befehlen Dir 
demnach gnädigst, dass Du besagten Ingenieur sothanige 500 fl. auss unter- 
habenden Vnsern General - Khrigs-Cassa mitlen, auf dessen Quittung erfolgen 



Diese Bezahlung wurde augenscheinlich für einen bereits gelieferten 
Plan geleistet. Der- im Aichive des Stiftes Heiligenkreuz befindliche mit der 
Jahreszahl 1684 versehene Plan von Wien, von welchem bei Camesina 1. c. 
Anhang Seite 156, ein Segment mitgetheilt wird, kann somit nicht jener Plan sein, 
für welchen schon im Jahre 1680, 500 fl. ausbezahlt worden sind. Dass der 
Heiligenkreuzer Plan eine nach 1680 angefertigte Copie ist, geht aus dem 
Umstand hervor, dass auf demselben, für das an der äussern Ecke der Tein- 
faltstrasse befindliche Haus, als Eigenthümer „Ihr. Excel. Hr. Balthas. graff 
von Hoyos erben" angegeben sind, welche Eintragung auf dem Plan von 
1680 nicht vorkommen kann, indem Graf Hanns Balthasar von Hoyos erst 
am 10. Oktober 1681 starb, mithin auf dem Plane vom Jahre 1680, noch sein 
Name und nicht der seiner Erben, bei dem fraglichen Haus vorkommen 
muss. 

2) K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 209, Fol. 211. Nach der täglichen Absperrung 
der Stadtthöre musste für das Oeffnen eine gewisse Taxe bezahlt werden, üeber 
die Bezahlung dieser Sperrgelder erfolgte ddo. Laxenburg 2. Juni 1665, ein 
verschärftes Mandat, n. ö. Landes-Archiv E. 4. 21. 



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21 

nembsten Vestung dieses landts ziemlich abkhomene äussere forti- 
f i c a t i n in einen bessern standt zu setzen, damit auf allen vnglück- 
seeligen fahl, welchen Gott verhütten wolle, all dass jenige in tempore 
geschehen seye, wass man hernach mit grossen üncosten nicht mehr 
zu Werkh richten khan." Unterm 17. Aug. 1680 meldeten die Stände 
dass sie, weil die Noth zu gross ist, in die Zufahr der Pallisaden 
nicht eingehen können. ^) Im Jahre 1680 beschränkten sich die Fortifi- 
cations-Arbeiten auf Mauerwerks-Reparaturen an den Basteien, Ravelins 
und Courtinen. Mit der Ausbesserung der Fortifications-Gebrechen war 
jedoch der Anfang gemacht. Im Jahre 1681 sollten über kais. Erlass vom 
18. Juli zu diesem Ende aus der Bewilligung der nied-österr. Stände 
abermals 4000 fl. „zum Bau von Ravelins und schadhaften Couiünen" 
verwendet werden. Nachdem diese sich jedoch entschuldigten, dass sie 
diesen Betrag „gleich aniezo nicht erlegen können, ihn aber innerhalb 
der negsten drei Monate abführen werden", erging ddo. Wien, 26. Juli 
1681, eine kaiserl. Resolution an den Hofzahlmeister, dass er dem 
Wiener Stadtobristen Grafen von Starhemberg „zu reparirung des an 
dero Residenz-Stadt Wien zu grünt gehenden Fortifications-Bau" 
4000 fl. auszubezahlen habe. Von den Ständen ist seinerzeit dieser 
Betrag einzuheben, und dem Hofzahlamt zuzuführen. -) In der Resolution 
ddo. Oedenburg 20. Nov. 1681. sagt der Kaiser, er habe vernommen 
dass die Verordneten diese 4000 fl., welche bereits verwendet wurden, 
noch immer nicht rückvergütet haben, obwohl sie versprochen hatten 
dieses binnen drei Monaten zu thun, er beauftragt die hinterl. Hof- 
kammer „dass Ihr wegen des Erlags der völligen 4000 gülden an 
Sye Verordnete die weitere Notturfft mit nachtrukh verfüeget." ^) 
Auf dass „noch vor dem einfallenden grossen Regenwetter, vnd herzue 
khomenden Winter, die drey an unserer Residenz-Statt Wienn in Bau 
begriffenen Ravelins und schadhaften Courtinen zur VoUkhomenheit 
gebracht werden können*, wurden vom Kaiser ausser den am 18. Juli 
1681 genehmigten 4000 fl. noch weitere 2000 fl. angewiesen.*) 

um die Verbindung der Stadt Wien mit dem jenseits der Donau ge- 
legenen Land besser zu sichern, auch um die Fortifications-Arbeiten fort- 
zusetzen, erliess Kaiser Leopold ddo. Ebersdorf, 1 . Octob. 1682, den Befehl 
„dass zur defension vnserer Kays. Residenzstadt Wienn auf eine 



Nied.-österr. Landes- Archiv. A. 8, 17. 

») K. k. H. K. A. Fase. 17089. 

*) Daselbst Fase. 17092. 

*) Nied.-österr. Laudes-Archiv. A. 8. 17. 



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22 

besorgliche Feindsgefahr, erstlich die Schanz vor der Donau-Bruckhen 
auf die Maass vnd Weiss wie der Ingenieur Rimpler den Riss 
gemacht, alsogleich in Stand gebracht, vnd die dazu benöthigde 15/M fl. 
ausgefolgt, wie zumalen auch fürs Andtere, zur Reparirung bey der 
Statt, der nothwendigsten, Revellins, bedekhten weeg. Brustwähren, 
Casamaten vnd dergleichen 6000 fl. hergeben werden sollen." ^) üeber 
einen weitern kaiserl. Befehl verordnete der Hofkriegsrath, ddo. Wien 
10. Ngvemb. 1682, eine Commission welcher die Aufgabe zugewiesen 
wurde, an Ort und Stelle die Einleitung zu treffen, dass zur Ver- 
stärkung der Fortificationen Wasser vom Donaustrome zugeleitet 
werde.. Von Seite der Iflofkammer betheiligte sich bei diesen Erhebungen 
der Hofkammer-Rath Sebastian Graf von Pötting.^) Die von 
der Commission getroffenen Vorkehrungen waren zunächst auf die 
Entfernung jener Hindernisse gerichtet, durch welche das Einrinnen 
des Wassers in den der Stadt zunächst gelegenen Donauarm beschränkt 
wurde. Eigentliche Wasserbauten wurden erst im Frühjahre nach dem 
Freiwerden des Stromes vom Eise ausgeführt, zu welchem Ende über 
kaiserl. Erlass, dto. 28, März 1683, der Oberstlieutenant und Ingenieur 
von Hohen eine Frei-Compagnie von 50 Mann errichtete. 

Alle diese Massregeln erschienen dem Stadt - Commandanten 
Grafen von Starhemberg noch viel zu ungenügend. Er drang auf die 
Durchführung umfassender Fortifications- Arbeiten, bei denen er die 
Herstellung einer Art befestigten Lagers auf dem Boden der heutigen 
Leopoldstadt im Auge hatte. Er wollte dadurch die Verbindung der 
Stadt Wien mit dem linken Donauufer sichern, zugleich aber auch dem 
schwächsten Theile der Stadtbefestigung eine Deckung gewähren. 
Durch eine Verständigung mit dem Hofkammer-Präsidenten Freiherrn 
von Abele suchte er sich zur Realisirung seiner Pläne die erforderlichen 
Geldmittel zu sichern. Bei der bekannten Abneigung des Hofkriegs- 
rath-Präsidenten Hermann Markgraf von Baden gegen den 
Stadt-Commandanten Grafen Starhemberg, verging einige Zeit bis die 
Anträge des letzteren zur Verhandlung vor dem Kaiser kamen. In der 
Sitzung des Hofkriegsrathes am 18. December 1682, welcher der Kaiser 
persönlich anwohnte, gelangte die Frage im Sinne der vom Oberst' 
lieutenant Rimpler entworfenen Pläne zur Entscheidung. Die kaiserl. 



K. k. H. K. A. Fase. 17099, auch Gdkb. Nr. 210, Fol. 505. 
2) Daselbst Fase. 17100. 



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23 

Resolution wurde dem Grafen Starhemberg noch an demselben Tage 
mit dem nachfolgenden Erlass bekannt gegeben. ^) 

»Der ,Röm Kays. Mayt. Hoffkriegsrath, Cämmerer General Veld- 
Zeugmaistem, bestelten Obristen vnd Stattguardi Obristen in Wienn, 
Herrn Ernst Rudiger, Graffen vndt Herren Von Starhemberg etc. hiemit 
zuerrindern, wass gestalt Ihro Kays. Mayt. bey der dem Kays. Hoff- 
Kriegsrath anheüt ertheilten Audienz, Vnter anderen gnädigst resolvirt 
haben, dass Zu conservation, vnd Erhaltung dero Königreich vnd 
Landen, bei iezigen gefahrlichen Coniuncturen vnd beuorstehenden 
Türkhen Krieg höchst Nothwendig seye. Vor allen dahin zusehen, wie 
Vomemblich die haldbahre Platz an der Donau, Alss da sein^t Raab 
Commom, Presburg, vnd Insonderheit, die hiesige statt Wienn, wohin 
dem ansehen nach, der maiste Schwall antringen möchte, nicht allein 
souiel immer möglich vndt in so Kurtzer Zeit sich wird thun lassen, 
zu repariren, Vndt in bessere defension Zu bringen, sondern auch 
mit allem Krieg- vnd Zeugs requisititen nach Notturfft zuuersehen.^ 
Zu solchem Endt auch absonderlich so Vill die hiesige Statt Wienn 
anlanget, welche in Vilen, an der Fortification mangelhaft, vnd an- 
noch in Schlechter Defension bestehet, wie auch wegen Versicherung 
der Neustatt, beeder Flüss der leütha, der March vnd anderer Kränitzen 
eine Haupt Conferenz anzustellen gnedigist befohlen, benebens auch 
dero Obristleüth. vnd Ingenieur Rimplers, Wegen Versicherung der 
hiesigen Statt vnd Insel gemachten Riess, vndt gethanen Vorschlag, 
Von welchen Vorschlag eine Abschrifft hiebey ligt, placidirt, nemblich 
dass diselbe zu defendiren, vndt das land diss- vnd Jenseits der 
Donau besser zu bedeckhen, an einer gewissen, in dess Rimplers 
abriss gezeichneten über der Donau neben der Nussdorffer Aw, vnd 
den Pratter ligenden gestatt, ein guete Schantz gemacht, vnd dan 
auch Zway Gräben oder Abschnitt, Von welchen Einer Zwischen den 
Pratter vnweith dess Montecucolischen Gartten, der Andere aber 
Zwischen Ihrer Kays. Mayt. Lusthauss, oder der Neuen Favoriten 
genandt vnd dem Tabor Verferttiget werden solle. Wodurch auff allen 



1) K. k. H. K. A. Fase. 17100. Ueber die Ani^e einer stabilen Befesti- 
gung auf dem Boden der heutigen Leopoldstadt, findet^ sich in einem im 
Landes-Archive aufbewahrten Gedenkbuche eine Relation,^welche die Noth- 
wendigkeit dieser Fortification in eingehender Weise begründet. Diese Relation 
ist nicht datirt, allein da in ihr die Erherzoge Karl und Ferdinand und der 
Feld-Obrist Don Juan erwähnt werden, muss sie vor oder in dem Jahr 1577' 
in welchem Don Juan d'Austria starb, v^rfosst worden sein. 



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24 

fahl Vermitels eines in der Insul postirten Corpo die verlangte Com- 
munication, vnd Versicherung der Donau trefflich erhalten, vnd man 
allezeit, Von der Statt an die Bruckhen, zu Wasser vnd Land sicher 
komben, auch nit abgeschnitten werden, folgents die Connexion vndt 
passage mit der Bruckhen vnd Statt behaubten könte." 

„Es solle aber auch zugleich die Mehrere Verbesserung der 
hiesigen Statt insonderheit an denen Aeussern Werkhen vnd sonst 
«rforderenten Defensions-Notturfften nach möglichkeit fortgesetzt werden, 
alss da ist die reparir aussmach vnd Verpalisadirung der Contra scarpa, 
sambt den Abschnitten Verbesser- und mehreref^ Versicherung des 
^rabens, damit sich der Feindt dessen nit gleich bemächtigen könne, 
Verferttig vnd Schliessung der gemelten Ausserwerkh, Vollkombene 
perfectionirung der parapet vnd batterien, auch Machung möglichster 
abschnitt, vnd anderer nidrigen defensionen in dem Graben, dem feindt 
ein Vorhaben auf allen fahl mehreres difficil zu machen." 

„Uebrigens ist an die Löbl. Kays. Hoff Kammer bereits erindei-t 
worden, auf beyschaffung, des benöttigten Bauholtz, Schiffwerkh, Palli- 
saden vnd anderer Notturfften gehörige Reflexion zu machen, vnd 
gleich anfangs wenigist biss Sibenzig tausent gülden herzuschissen.* 

„So ihme Herrn General Veld Zeugmeistern und Stattguardi 
Obristen alhier pro interim zur Nachricht nicht verhalten wirdet." 

Ex Consilio Bellico 

den 18. December 1682. 

Christoph Dorsch. 

Johann Adam Wöber. 

Zu den Fortifications-Arbeiten; welche auf Grundlage der oben 
erwähnten kais. Resol.vom 1. Oktob. 1682 ausgeführt wurden, kamen 
grösstentheils Truppen zur Verwendung, denen pr Mann täglich ein 
Zuschuss von 6 Kreuzer gereicht wurde. Um die neuen umfangreichen 
Anlagen und Baulichkeiten nach Kräften zu fördern, wurden unterm 
6. Jänner 1683 die nied.-österr. Stände zur Beistellnng von Robotern 
aufgefordert, „indeme hochnotwendig, sowohl bei der Stadt Wienn, alss auch 
ienseits der Schlagpruckhen zu des ganzen Landts nutzen gewisse 
Schanzen vnd Fortifications reparationen förderlich zu machen." Weil 
kein Tag zu versäumen, habe Se. Mayt. etliche Regimenter zu Fuss 
anhero zu beordnen „vnd Sye neben denen Unterthanen gegen Zallung 
Sechs Kreuzer dess Tags schanzen zu lassen" befohlen. Mit dem 
Landtagsbeschlusse vom 18. Jänner 1683 wurden „weil die Gefahr 
gross 3000 Robotter auf 2 Monat gegen deme dass dem Robotter 



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25 

wie dem Soldaten 6 Kreuzer gewiss entrichtet werden, jedoch ohne 
präjtidiz wieder der Löbl. Ständt althabenden herthomhen" bewilliget. ^) 
Von diesen Robotern waren nach dem üblichen Repartitions-Massstab, 
von der Stadt Wien 300 Mann zu stellen. -) Diese erklärte jedoch 
statt der auf sie entfallenden 300 Robotern, den übrigen 2700 Robotern 
in den Vorstädten „das underkhomen auf tach und fach umbsonst 
zu beschaffen." Die Stände namen diesen Antrag an, und es wurde 
ddo. 6. März 1683 der Bürgermeister von Liebenberg aufgefordert, 
für die etwa in 8 oder 10 Tagen ankommenden Roboter bezüglich 
Unterkunft Sorge zu tragen. ^) 

Im Anschlüsse an die kais. Resolution vom 18. Dec. 1682 
erfolgte, ddo. Wien 9. Jänner 1683, ein kais. Befehl an das Hof- 
Kriegszahlamt, dass: „zur Wienerischen Fortification 30.000 fl. nach 
vnsers Stadt-Guardi-Obristen alhier in Wien, Grafen von Starhemberg 
guetbefindlichen Anstalt und dann auch absonderlich auf die Disposition 
des Marches Obizzi die Nothwendigkeiten im Arsenal zu repariren 
und theils von neuem einrichten zu lassen 3000 fl. auszufolgen sind, ^y 

Nachdem die in der Leopoldstadt beschäftigten Arbeiter, falls sie 
ihre täglichen Gänge zur und von der Arbeit, über die Schlagbrücke 
machen müssten, zu viele Zeit verlieren würden, wendete sich Graf 
Starhemberg unterm 17. Jänner 1683 an die Hofkammer, es möge 
,beim weissen Lämpel in der Rossau" ein Schiff mit den Schiffleuten 
zum üeberführen der Arbeiter bereit stehen. Die Hofkammer ordnete 
ddo. 3. März 1683 an, dass zu diesem Ende eine Art fliegender 
Brücke hergestellt werde. ^) 

Die unterm 9. Jänner 1683 angewiesenen 30.000 fl. reichten 
zur Deckung der Bauauslagen bis Anfang Juni aus. üeber Einschreiten 
des Grifen Wilhelm Joh. Ant. zu Dann, General- Wachtmeister, 
Stadtguardi-Obristlieutenant, „und der Zeit Commandant alhier zu 



*) Landes-Archiv. E. 2. 8. 

') Camesina 1. c. Anhang, Seite 15, Beilagen HI und IV. 

•) Nied.-österr. Landes-Archiv. E. 4. 21. Es ist aus den Acten nicht zu 
entnehmen, ob für den Abgang von 300 Robotern, welcher durch dieses üeber- 
einkommen veranlasst wurde, ein Ersatz an Arbeitern eingeleitet wurde. 
Nachdem die Stadt Wien das „unterkhomen auf tach und fach" nur für 
2700 Robotern zugesichert hatte, so ist der Schluss gestattet, dass eine Er- 
gänzung auf die zugesagten 3000 Robotern nicht stattfand. Selbst die 2700 
dürften kaum vollzählig am Platze gewesen sein. . . 

♦> K. k. R K. A. Gdkb. Nr. 211, Pol. 259ver8. auch Fase. 13862, 

») Daselbst Fase. 13862 und 17102. 



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26 

Wien" resolvirte Kaiser Leopold I., ddo. Laxenburg 11. Juni 1683, 
dass aus der Türkensteuer „zur Fortsetzung des Wiennerischen forti% 
fications gebäw^ weitere 10.000 fl. auszufolgen sind. ^) 

Mit den Fortifications-Arbeiten im Zusammenhange, brachte der 
Stadt-Commandant Graf Starhemberg rechtzeitig Massregeln in Vor- 
schlag, welche geeignet waren, den Vertheidigungs- Rayon der Stadt 
Wien zu erweitem, d. h. die für die Stadtvertheidigung hinderliehen 
oder nachtheiligen Bauwerke u. s. w. zu entfernen. Ueber Antrag des 
Grafen Starhemberg resolvirte Kaiser Leopold L, ddo. 6. Jänner 1683, 
die Vorname einer commissionellen Begehung der Glacien, und hatten 
die Abgeordneten über die wegzuräumenden Gebäude Anträge zu 
stellen.^) Mitglieder dieser Commission, welche am 30. Jänner- 1683 
die Stadt umritten hat, waren: „General-Feldzeugmeister Graf Starhem- 
berg und Obrist Marches Obizzi, Oberst-Lieutenant Rimpler als 
Ober-Ingenieur, und Herr Reiner als Unter-Ingenieur der Stadtguardia. 
Von Seite der Regierung : Graf Leopold von Lamberg, Herr von Lewen- 
thurn und Herr Sahla; von Seite der Hof-Kammer: Herr von Aich- 
püchel; von Seite der Herren von Wien, Herr Springer und der 
Unter-Kämmerer. " 

Auf Grundlage der von der Commission erstatteten Anträge er- 
folgte ddo. Wien 22. April 1683 eine kais. Resolution,^) welche ich 
ihrem Wortlaute nach mittheile: 

„Der Löbl. Keyserl. Hoff-Krieges-Rath wirdet hiemit von der 
N. Oe. Regier*ung in Freindschafft erinnert, vndt wirdet demselben 
noch vnendtfallen seyn, wassgestalten bey der Römischen Keyserl- 
Mayt. Vnserm allergnädigisten Herrn vndt Landtfürsten, dero Hoff- 
Kriegesrath, Cammerer, General-Feldtzeigmeister, Obrister zu Fuess 
vndt Stadt'Guardi-Obrister alhier, Herr Ernst Rudieger Graffen vndt 
Herr von Starrenberg, noch im Monath Januario negsthin aller- 
gehorsambst angezaiget, wie dass sowoll zu Beförderung des vor- 
habenden Fortificationsgebäu, alss auch wegen der Besorgenden Türken- 

K. k. H. K. A. Fase. 13864, auch Gdkb. Nr. 211, Fol. 331. Ausser den 
Foiüfications- Arbeiten in und bei Wien, wurden bis 3. Juni 1683 beausgabt 
zur Befestigung von Raab 27.062 fl. 53 kr., Comorn 6000 fl. und Festung 
Leopoldstadt in Ungarn 10.000 fl. 

') In der oben citirten Relation über die Befestigung der Leopoldstadt 
aus den 70er Jahren des XVI. Jahrhunderts wird gesagt: „Öie Vorstätt seind 
der Festung ärgster Feind." 

») K. k. H. K. A. Fase. 17103. Kriegs-Archiv, Expedit-Protocoll Nr. 366 
Fol 311^e" und 312. 



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27 

gefahr höchst nothwendig seye, dass vor der Stadt etzliche Heuser 
vndt gebäu hinweg gebrochen werden sollen, derendtwegen dann mehr 
allerhöchst gedacht Ihro Keyserl. Majestaet eine Augenscheins-Com- 
mission angeordnet, vndt hiezu \^rschiedene Herrn Räthe vndt Com- 
missarien deputiret, welche die Stadt nicht allein vmbritten, sondern 
hirüber auch neben Ihrer relation die specificationes aller Vier Virtelen 
eingereicht^ vndt febey die Jenigen Häuser vndt gebäu, so anjezo 
vndt inns künfftig abzubrechen seyn möchten in drey vnterschiedliche 
Classis abgetheilet haben. 

„Wann nuhn zuvor allerhöchst erwehnt Ihre Käyserl. Majestaet 
über solche eingelangte allervnterthänigste relation, auch abgefordert 
vndt erstattete Bericht vnd Guethachten gestern den Zwey vndt 
Zwanzigsten diesess, sich dahin allergnädigst resoluiret, dass die in 
der ersten Class benennte Ziegeloffen gebäw vndt heuser alsobalden, 
vndt ohne Verlierung ainiger Zeit durch die aigenthümer und Pos- 
sessores derselben auff aigenöli Unkosten abgebrochen vndt die 
materialien hinweg gebracht, die übrige in der andern vndt drietten 
Class begriffene Possessores vndt aigenthümber aber dahin vermahnet 
werden, dass Sie auff Sein Herrn Stadt-Guardi-Obristens vndt Com- 
mandanten dieser Stadt "Wien erstens ansagen auff künfftigen Fall 
der Noth ohne Waigerung vndt machende difficulteten Ihre Gebäu 
vndt Heuser auf aigenen Unkosten nicht allein abbrechen, sondern 
auch die Materialien hienweg bringen, Im übriegen Fall aber der- 
selbigen Verlustet seyn sollen. 

„Allss hat Einem Löbl. Kays. Hoff-Kriegesrath Sie Regierung 
dieser AUergnedigsten Keys. Resolution hiemit in Freindschafft erindern 
wollen, vndt verbleibet demselben Regirung zu allangenember dienst- 
erweisung stets willig vndt bereit." 

„Actum Wien, den 23. Aprillis Anno 1683." 

Joan Jacob Hackl, 
n. ö. Gerichts-Secretarius. 

Von Aussen: Der Rom. Kayserl. Mayt. Hofkriegs-Rath, Cam- 
merer, General-Veldtzeigmeister, bestelten Obrister vndt Stadtguardi 
Obristen in Wien, Herrn Ernst Rüdiger Graffen vnd Herrn von Starrem- 
berg etc. allermassen in Vermelte allergnädigste Kays, resolution 
vermag zu communiciren. 

Ex Consilio Bellico. 
Wien, den 26. April 1683. 
Johann Adam Wöber, 



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28 

Diese kaiserl. Resolution vom 22. April 1685, wurde schon am 
nächstfolgenden Tage dem Hofkriegs-Rath und „denen von Wien" u. z. 
letzteren mit der Weisung bekannt gegeben, dass sie die betreffenden 
„Hauseigenthümer und Possessores" zeitlich zu intimiren haben. Bei 
der commissionellen Begehung wurden im Kärntner-Viertel sieben 
Gebäude, darunter die Bürgerspital-Mühle und das nächst der Kärntner- 
thor-Brücke und der Wasserableitung in den Münzgraben gelegene 
Häusel, zur sofortigen Abbrechung bestimmt. Als Anfangs Mai Graf 
Dann, welcher während der Zeit als sich Graf Starhemberg bei der 
Armee in Ungarn befand, das Stadt-Commando führte, die Demolirung 
des Wasserleitungshäusels anordnete, wendeten sich der Bauschreiber 
Quenzer und die Münzbeamten, jedoch aus Privatinteresse, an die 
Hofkammer um die Sistirung dieser Massregel. Auf die kaiserl. Resol. 
sich berufend, lehnte Graf Dann mit Schreiben vom 8. Mai 1683 
diese Einwendung in energischer Weise ab, hervorhebend dass, wenn 
bei einem kaiserl. Gebäude, welches übrigens ganz entbehrlich ist, 
die kaiserl. Resol. unbeachtet bliebe, die angeordnete Massregel ganz 
unausgeführt bleiben müsste.^) 

Im Vorhergehenden wurden, allerdings nur nach den Haupt- 
zügen, jene umfassenden Massregeln geschildert, welche seit der 
üebername des Stadt- Commandos von Wien durch den 
Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg, u. z. nahezu ausnamlos von 
ihm beantragt, zur Ausführung kamen. Es könnte ein Zweifel erhoben 
werden, ob denn die verschiedenen kaiserl. Anordnungen auch wirklich 
realisirt worden sind. In Bezug auf diese Frage kommt zunächst zu 
erwägen, dass Starhemberg als Stadt-Commandant für den Befestigungs- 
stand der Stadt verantwortlich war. Schon zur Zeit als er das Stadt- 
Commando übern am, dürfte ihm die üeberzeugung vorgeschwebt 
haben, dass er auf diesem Platze Tage der schwersten Kämpfe werde 
bestehen müssen. Es hiesse einen Zweifel setzen in die militärische 
Einsicht des Grafen, wenn man voraussetzen wollte, dass er die von 
ihm in vernachlässigtem Zustande übernommenen Festungswerke in 
dieser Weise werde fortbestehen lassen. Wollte er den in seinen 
Augen unzweifelhaften Kampf mit Aussicht auf Erfolg eingehen, so 
musste er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf eine 
alsbaldige Behebung der an den Fortificationen bestehenden Gebrechen 
hinstreben. Dass ihm dabei durch den ihm feindlich gesinnten Hof- 



*) K. k. H. K. A. Fase. 17103, 



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29 

kriegsraths-Präsidenten, den Markgrafen Hermann von Baden, manche 
Hindemisse in den Weg gelegt wurden, kann nicht fraglich sein* 
Dafür fand er eine Stütze an dem Hofkammer-Präsidenten Freiherrn 
von Abele, der sich gleich Starhemberg, über den furchtbaren Ernst 
der Lage, keinem Zweifel hingab. Dass Graf Starhemberg die ihm zu- 
gewiesenen, ziemlich bedeutenden Geldsummen in sachgemässer und 
correcter Weise zu dem Ziele, für welches sie bestimmt waren, ver- 
wendete, dafür dürften seine Einsicht und seine Ehrenhaftigkeit 
bürgen.^) 



*) Es sind nunmehr einige Iri-thümer richtig zu stellen, welche über den 
Befestigungsstand der Stadt Wien unmittelbar vor dem Turkenanznge , in 
mehreren jene Zeit behandelnden historischen Werken angetroffen werden. Bei 
Camesina 1. c. Seite 4, findet sich diessfalls folgende Angabe: „Bei dem 
Heranmarsche der Osmanen war die Stadt Wien gar übel berathen, denn 
die Festungswerke befanden sich in einem sehr vernach- 
lässigten Zustande, der Stadtgraben war nicht vollständig ausgehoben, die 
Contrescarpen noch nicht errichtet und konnten daher auch nicht mit Pallisaden 
besetzt werden", u. s. w. Graf Thürheim in der Biographie des Feldmarschalls 
Starhemberg, Seite 66, wiederholt diese Stelle wörtlich. Ohne die Verdienste 
Camesinas um eine bessere Kenntniss des Verlaufes der Türkenbelagerung 
1688, im geringsten verkürzen zu wollen, kömmt zunächst zu bemerken, dass 
derselbe sein mehrgenanntes Werk: „Wien's Bedrängniss im Jahre 1683" im 
Jahre 1865 herausgab. So weit von ihm das im k. k. Hofkammer-Archiv vor- 
handene einschlägige Quellen-Materiale benützt wurde, hatte er sich damals 
auf die Durchforschung jener Acten beschränkt, welche die Wiener Stadt- 
befestigung bis zu der Relation des Ingenieur-Obristen Wymes vom Jahre 
1674 behandeln. Undurchforscht Hess Camesina damals alle, die Periode der 
zweiten Türkenbelagerung Wiens umfassenden eigentlichen Hofkammer-Acten, 
die nied.-österr. Gedenkbücher und die sogenannten Hoffinanz-Acten, so wie 
auch von ihm die, jene Periode umfassenden, namentlich für die in den Jahren 
1682 und 1683 ausgefühi-ten Fortifications-Bauten, ein reiches Materiale ent- 
haltenden Acten des nieder.-österr. Landes-Archives, nicht eingesehen wurden. 
So kam es, dass Herrn Camesina im Jahre 1865, das die Frage der Stadt- 
befestigung behandelnde Quellen-Materiale unbekannt blieb, und er über den 
Zustand der Wiener Festungswerke beim Anrücken der Türken zu einem 
ganz I unbegründeten ürtheile gelangte. Dem Grafen Starhemberg wird 
bezüglich seiner Haltung während der Belagerung ein wohlverdientes 
Lob ertheilt, — ungerechtfertiget wäre es, ihm bezüglich einer rechtzeitigen 
Instandsetzung der Festungswerke für welche er als Stadt-Commandant Sorge 
zu tragen hatte, eine Nachlässigkeit und Pflichtversäumniss vorzuwerfen, dieses 
ist thatsächlich der Fall, wenn man von „einem sehr vernachlässigten 
Zustande der Wiener Festungswerke beim Heranmarsche der 
Osmanen" erzählt, üebrigens mögen Fachmänner die Frage erwägen, ob es 
möglich gewesen, die angeblichen Gebrechen an den Festungswerken der Stadt, 



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30 

Schon aus dem von mir bisher mitgetheilten Quellen-Materiale 
dürfte unwiderlegbar hervorgehen, dass die kaiserl. Regierung die 
aus Osten drohende Gefahr nach ihrem vollen Umfange bei Zeiten erkannt 
hatte und es ein Irrthum wäre, zu glauben, sie habe sich in dieser 
Beziehung einer Täuschung hingegeben. Die von Herrn Onno Klopp 
namentlich im in. Kapitel seines verdienstvollen Werkes über das 
Jahr 1683 ausgesprochenen diessfalligen Anschauungen entbehren somit 
der Begründung. 



binnen wenigen Tagen zu beheben, nnd dieselben in jenen wehrhaften Zustand 
zu versetzen, welcher gerade durch die Erfolge der Vertheidigung constatirt 
wird. Wäre es wohl möglich gewesen, das Burgravelin und die Lövelbastei 
monatelang gegen die heftigsten Angriffe zu vertheidigen, wenn sich dieselben 
schon vom Anfang im baufälligen Zustande befunden hätten? 

Erscheinen somit die von Camesina im Jahre 1865 über die Vemach- 
lässigimg der Wiener Stadtbefestigung erhobenen Beschwerden als ganz 
unbegründet, so muss es umsomehr befremden, diese Anklagen in noch ver- 
schärfter Weise vom Archivs -Director der Stadt Wien Berrn Carl Weiss, in 
der erst im Jahre 1882 erschienenen 2. Auflage der Geschichte von Wien, 
IL Band, Seite 150, wiederholt zu finden. Wir lesen dort: „So schlimm wie 
mit der Aufstellung eines starken Beeres stand es auch mit den Vertheidi- 
gungs-Anstalten Wiens. In welchem Zustande die Festungswerke bereits im 
Jahre 1674 waren, erfahren wir aus der Schilderung des Ingenieurs Baron 
de Wymes. Die Stadtmauern drohten an einigen Stellen einzustürzen; die 
Brustwehren waren zum Schutze der Vertheidiger wenig geeignet, der Stadt- 
graben hie und da zu seicht, die Ausgänge und Ausläufe in den Stadtgraben 
zu gross, die Contrescarpen nicht in entsprechendem Zustande und die Palli- 
saden verfault. Die Rathschläge dieses Ingenieurs blieben unausgeführt, und 
selbst dann dachte man nicht an eine Instandsetzung der 
Festungswerke, als der Feind bereits seine Operationen be- 
gonnen hatte." Berr Weiss sagt nicht, gegen wen namentlich der letzte 
Vorwurf einer groben Pflichtverletzung gerichtet ist, nach der Natur der Sache 
kann dadurch nur der Stadt-Commandant von Wien Graf Ernst 
Rüdiger von Starhemberg getroffen werden. Ich glaube das Un- 
gerechtfertigte einer derartigen Anklage genügend dargethan zu haben. Die 
Relation des Ingenieur-Obristen Wymes findet sich bei Camesina 1. c. Anhang, 
Seite 153, Beilage XLl, abgedruckt. Ich muss es dem Leser überlassen, dieselbe 
mit den von Berrn Weiss daraus gezogenen Schlussfolgerungen zu vergleichen. 
Die Angabe jedoch, dass seit dem Jahre 1674 die hftadtbefestigungen von Wien 
ganz veniachlässigt geblieben sind, glaube ich auf Grund des einschlägigen 
Quellen-Materiales richtig gestellt zu haben; es möge jedoch noch gestattet 
sein, auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass die Angaben des Berrn 
Weiss selbst durch die Stadtrechnungen widersprochen werden. Bei Camesina 
1. c. Anhang, Seite 3, wird zum 1. Februar 1683, also zu einer Zeit, wo die 
Türken ihre Operationen noch nicht eröffnet hatten, von einem 
„bey ieziger Zeit Eiferigst Vorhabenden Fortificationsgebäu" gesprochen. 



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31 

So wie man fiir die Instandsetzung der Befestigungswerke von 
Raab, Comorn, Leopoldstadt in Ungarn und Wien rechtzeitig Vorsorge 
traf, so säumte man auch nicht die Verproviantirung dieser Plätze 
einzuleiten. Mit der kaiserl. Resolution ddo. Wien, 25. August 1682 
erging an das Kriegs-Zahlamt der Befehl, dass, nachdem „bei den 
iezigen wohlfeilen Zeiten der Ankauf von Getreide mit Vortheil ge- 
schehen kann** zur Verproviantirung der ungarischen Grenzfestungen 
und von Wien, sofort 10.000 Gulden zu verwenden sind, und darauf 
zu sehen ist, dass diese Orte bis zum Ende 1683 genügend mit Vor- 
räthen versehen werden.^) Dieser Weisung folgte unterm 1. October 1682, 
ein neuer kaiserl. Erlass an das oberste Proviantamt „auf die Pro- 
viantirung der Kays. Residenz-Statt Wienn, bei der antrohendten 
Feindesgefohr, ein solche Reflexion zu machen, dass nemblich alhier 
ein Haubt-Magazin dergestaJten eingerichtet, woraus auf alle nothfahl 
nicht allein die Garnison, sondern auch Ein Corpo d' Armee genfigentlich 
versehen werden möge." Das Proviantamt hat die „Traidtkäufe nach 
müglichkeit zu befördern, auch den Erfolg von Zeith zu Zeithen zu 
forkherung des weitteren, vmbständiglich zu berichten. "2) 

Zur Durchführung dieser Anordnung wurde ddo. Ebersdorf 
3. October 1682 das Kriegs-Zahlamt angewiesen, „da die Getreide- 
Preise noch massig sind, zur Proviantirung der Wiener Garnison 
6000 fl, auszubezahlen.« 3) 

Die Verproviantirung der Festungen, sowie das Verpflegswesen 
überhaupt, wurden besonders gefördert durch die mit der kaiserl. 
Resol. ddo. Ebersdorf 7. October 1682, vollzogene Bestellung des 
Grafen Seyfried Christoph Breinner, eines überaus thätigen, 
gewissenhaften und dem Kaiser treu ergebenen Herrn, zum kaiserl. 
Gbristen-Feld-Kriegs-Commissär.^) Unterm 17. Februar 1683 erfolgte 
die Weisung an das Kriegs-Zahlamt: „demnach bei bevorstehenden 
Türkhen-Kriegh vnd etwa erfolgender belägerung der Statt Wienn für 
nothwendig befunden worden, in dem alhiesigen Arsional ein Pach- 

K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 201. 

») Daselbst. Fase. 17099. 

») Daselbst. Gdkb. Nr. 211, Fol. 215 v«s, auch Fase. 13862. 

*) Daselbst. Fol. 218. Die dem Grafen Breinner ertheilte Instruction 
nmfasst 30 enggeschriebene Seiten. Seine Ernennung wurde den Ländern erst 
am 27. März 1683 bekannt gegeben und die Landstände angewiesen, mit 
demselben in Verkehr zu treten. Schon unterm 3. Jänner 1683 hatte die Hof- 
kammer an den Hofkriegsrath und an das oberste Proviant-Amt eine Information 
über die Einrichtung des Proviantwesens gelangen lassen. Fase. 13862. 



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32 

hauss sambt allen Zuegehörungen einzurichten und sind auf threue 
Verrechnung der ünkhosten* 1000 Gulden auszubezahlen.^) 

Oben wurde mitgetheilt, dass Graf Starhemberg schon im Jahre 
1680 die Beistellung der erforderlichen Pallisaden angeregt hatte 
Damals wurde seinem Antrage nicht entsprochen; in den Acten be-' 
findet sich über eine im Jahre 1680 erfolgte Pallisadenlieferung nach 
Wien, keine Nachricht. Um diese wichtige Angelegenheit neuer- 
dings zu urgiren, zugleich aber auch um den Bedarf an „Defensiv- 
Materialien" rechtzeitig anzumelden, brachte Graf Starhemberg ein 
umfassendes Verzeichnis ein, welches, nachdem es von grossem In- 
teresse ist, hier vollständig mitgetheilt wird. 

„Auf Ihro Hochgräfl. Excellenz, dess Herrn General-Veldt-Zeug- 
meisters, vnd Statt-Obristen begehren, wass im Fall einiger Attaquen 
etwan für Defensiv-Materialien desideriert werden mögten, khönte 
specificirt werden, dass hierzue Vonnöthen währen. \ 

1"»° 200/M Pallisadten von 6 biss 8 Zoll dikh, vnd 9, 10 biss 
12 Schuech lang, die mehristen von harten, die wenigisten aber von 
weichen Holz, diesse werden zuegebrauchen seyn, 1™** die Contre- 
scarpe, vnd places des Armes, 2^** Revelines, und 3'^ Haubtwerkh 
darmit zu verpallisadieren, Jngleichen 4*® die Brechen zu retrenchiren, 
5*** die Gassen zu schliessen, 6'^ die Gräben zu traversiren, 7*"® die 
Gaponieren daraus zu machen, vnd dann 8^° Copereren vnd Sortien 
darmit zu verfertigen. 

2^*^ lO/IVI Span. Reitter, von 12 biss 15 Fuss lang, vmb selbige 
nach erheuschender Nothdurfft, 1^^ Vor und hinter die attaquierte 
Pallisaden zu werffen. 2^^ die Besteugung der Brechen difficil zu 
machen vnd 3^^ den anstirmenden feindt, ein geschwindes impediment 
zu geben. 

ßtio 5/1^ grosse Palkhen, von 24 biss 30 Fuess lang, vnd 
1 Fuess dikh, zu Verfertigung der Particular, vnd Gnrl. Retraden. 

4*** 5y/M Kleine Palkhen, 6 biss 8 Zoll dikh, zum Gaponieren 
vnd Contra- Minen. 

5*** 30/M Pretter, 1"^ zu Bedekhung der Gaponieren, 2^^ der 
Infanterie, vnd 3**° Bekhleidung der Contra-Minen. 

K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 272, auch Fase. 13862. Die noch im 
Act erliegenden Baupläne hatte der bürgerliche Maurermeister Wolfgang Eder 
angefertiget, dem auch die Ausführung .üheiii'agen wurde. 



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33 

0'® 2 M Grosse Schanz-Körb, von 4 Fuess in Diametro, vnd 
8 Fuess hoch, zu Bedekhung der Enfiladen auf denen Bollwerkhen, 
vnd in der Contrescarpe. 

7mo 2/M Kleine Schanz-Körb von 3 Fuess in Diametro, vnd 
6 Fuess hoch, 1™® Zu Bedekhung der Stükhe, 2^^ die Passagen zu 
traversiren, vnd 3*'^ Brechen desto eiliger zu vmbfangen. 

8^* 300;M Faschinen, l'"*^ Zu schieinig Verbauung, 2^^ selbige 
in die Brechen, vnd 3^^^ auch hinter denen Brechen zu legen, vmb 
beym antringenden Sturmb das feuer darrin zu setzen, vndt die 
feindtliche furia zu arrestieren. 

9"''400M Sandt-Säkh, 1\^ Fuess lang und 1 Fues brait 
1"^ zu bedekhung der Infanterien hinter den Parapetten, 2^*^ Schlei- 
niger stopfung der Minen. 3^'** Eiliger füllung der Schanzkhörb vor 
denen Stuckh. 4*** Verstopfang sehr !»eschädigter Erabrassuren, 5*** ge- 
schwindter Verbauung geöffneter Parapetten, vnd 6*** zu Versezung 
einiger Passagen vnd Coupuren. 

10™^ 100 grosse Woll-Säkh, 6 bis 8 Fuess in Diametro, vnd 
10 biss iL* fuess lang, vmb selbige vor die Mauern zu hangen, allwo 
der Feindt anfang Brech zu schüessen. 

11™<* 500 Kleine Woll-Säkh, 2 Fuess im Diametro, vnd 4 Fuess 
lang. Zu geschwind Verbauung der Ouvertüren, die der feindt durch 
gesprengte Brechen gemacht. 

12°*° 2C00 mit langen Näglen durchschlagene Pretter, solche 
dem feindtlich anlauf zu difficultirung der passage hin vnd wider vor- 
zuwerffen, sondlich wann durch die Minen die wähl gesprengt werden. *) 
Die vorstehende Zusammenstellung dürfte das Maximum des 
Bedarfes an den verschiedenen „Defensiv-Materialien" angegeben 
haben. Nachdem Starhemberg genügend Erfahrung gemacht hatte, um 
zu wissen, wie schwer die Kriegsbedürfnisse beizuschaffen sind, brachte 
er derart hohe Ziffern in Antrag, um durch einen Theil derselben den 
Bedarf ausreichend zu decken. Dem Hofkammer-Präsidenten von Abele 
gab dieses Präliminare Anlass zu einem ddo. Wien 8. October 1682 
an das kais. Waldamt zu Purkersdorf gerichteten Befehl: „dass zu 
besserer Versicherung der Residenz-Statt Wienn, vnter anderm ein 



*) Nied.-österr. Landes-Archiv. E. 4. 21. Dieses Verzeichnis ist sehr 
wahrscheinlich von dem Stadtguardi-Ober-Ingenieur Georg Rimpler zu- 
sammengestellt worden. Es ist nicht datirt, wurde aber wie wir alsbald sehen 
werden, vor dem 8. October 1682 vorgelegt. Die Erklärung der militär- 
technischen Benennungen, siehe Jacob v. Eggers Kriegs-Ingenieur, etc. Lexicon. 

3 



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grosse anzahl bei 200/M Pallisaden, sambt denen bedürfftigen Späni- 
schen Reuttern, Bauholz und andern derley mehr nothwendigkheiten^ 
fürdlich zuhandt gebracht und bey geschaffet werden sollen." Das 
Waldamt machte alsbald auf den Umstand aufmerksam, dass die Zu- 
fuhr einer solchen Anzahl von Pallisaden aus den kaiserl. Wäldern 
nach Wien auf Schwierigkeiten stossen würde, ja ganz undurchführbar 
wäre, hebt hervor, dass beim letzten Türkenkrieg in den Jahren 1G63 
und 1G64, die Lieferung der Pallisaden auf die benachbarten Wald- 
besitzer und Herrschaften vertheilt wurde, legt ein Verzeichnis über 
diese Vertheilung vor, bemerkt ferner, dass damals auch Eichenhölzer 
zur Verwendung kamen, welche aus den Auen entnommen wurden, 
und sagt schliesslich, die Pallisaden wären, wenn sie eine Länge von 
9 Fuss erhalten, mit 15 bis 18 Kreuzer per Stück zu veranschlagend) 
Nunmehr erfolgte der Pallisaden - Beistellung wegen ddo. Wien 
27. Jänner 1683, ein kais. Erlass an die nied.-österr. Stände: „es ist 
auch sowohl der kais. Hoff-Kriegsrath, als auch in specie hiesiger 
Herr Statt-Obrister eusserist befliessen, die hierzu in grosser Anzahl 
bestehende, jedoch nothwendige Materialia, sonderlich an Holz bei- 
schaffen zu lassen." Der Kaiser sagt, es möge über die Hölzer eine 
billige Taxe gemacht werden, er werde, da er der grossen Auslagen 
wegen, die Bezahlung nicht sofort leisten könne, dieselbe später ab- 
statten, auch soll es den Ständen unbenommen sein, die Kosten von der 
zu erwartenden Landtags-Bewilligung abzurechnen. Dem Erlass liegt 
bei eine „ Specification, In was für Waldung und Auen, das aichene 
Pallasaden vnd anders benöttigte Fortifications-Holz unmassgeblich zu 
nehmen. In Summa 37.860 Stämb, ä ü Pallisaden gibt 109.050 Pall. 
und 500 grosse Stück zu Spanischen Reiter und sonsten.« Dieses 
Verzeichnis war unverkennbar auf Grundlage der vom Waldamte vor- 
gelegten lü63er Pallisaden-Lieferung verfasst worden.-) 

Ueber diesen Erlass erstatteten die Ständischen Verordneten an 
den Landtag einen Bericht, der auf den engherzigen und kurzsichtigen 
Standpunkt, welchen die Stände in Bezug auf die Landesvertheidigung 
einnamen, ein eigenthümliches Streiflicht wirft und daher seinem 
vollen Wortlaute nach mitgetheilt wird: 

„Denen Löbl. Vier Ständten disses Erzherzogsthumbs Oesterreich 
Vnter der Ennss von deroselben Herren Verordneten vnd Heren Aus- 
schüssen in Frd. anzuefüegen. Demnach Ihr Rom. Khays. Mayt. an Sie 



K. k. H. K. A. Fase. 17099, 17100 und 17101. 
^) Nied.-österr. Landes- Archiv. E. 4. 21. 



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35 

obwohlermelte gesambte Ständte, auf dero ansuechen vom 23. Jannuary 
instehenden 1683sten Jahrs A, den 27. eiusdem per Decretum B. 
disses gelangen lassen, dass Sie thuenlicher zu sein befinden, dass 
die Zusambringung dess zur Conservation der Statt Wienn bedürfftigen 
sub C specificirten holzes, durch Sie Löbl. Ständte, allss welchen die 
gelegenheit disses Landts am besten bekahndt, zue vberlassen were, 
vnd dahero gdst. verlangt, dass Sie disses hochwichtige werkh ganz 
schleunig, vnd also einrichten möchten, damit vor allem über ein, vnd 
andere holz Sorten eine leidentliche Tax gemacht, vnd die interessirte, 
so es hergeben, wegen der bezahlung biss auf die gewünschte Zeit 
des widerumb ankhommenden lieben Fridens, so hemacher vndter 
etlichen Jahren guetgemacht werden khöndte, zum anstandt disponirt 
werden, mit der erindung, dass imgleichen an die Ständte des Landts 
ob der Enns geschriben worden seye, dass sie auch dorten eine 
anzahl dess begehrten holzes zuesamben zue bringen, vnd an das 
Wasser zeitlich zufuehren sich bearbeiten wollten etc.*' 

„Sie löbl. Ständt aber solches werkh denen Herrn Verordneten 
vnd Ausschüssen, vmb Ihren bericht vnd guetachten zuedecretirt j 
Alss haben Sie nicht ermangelt, bey der Registratur nachschlagen zu 
lassen, wie es vor dissem in dergleichen fällen gehalten worden, sodan 
die sach reiflichen zu vberlegen.** 

„Vnd zwar belangendt questionem A? ist nicht ohne, dass für 
die löbl. Ständt disses haubtsächlichen militirt, dass Sie durch die 
bissherige grosse vnerschwingliche Landtags- Verwillig ungen, frey willige 
Türkhensteuer, Soldaten-Quartier, dero Villfältig khostbahrliche march 
vnd contramarch, Vorspan, Robath vnd dgleichen beschwerden mehr, 
vorhero gänzlichen eneruirt, vnd dahero gnuegsambe Vrsach hätten? 
dises onus vnderthänigst zu depreciren, nach dem exempl Ihrer herrn 
Vorfahren, welche solches in, vnd allzeit, aussgenohmen Ao. 1664, da 
Sie vmb 500 Gulden 20 Fless khauffen, vnd nacher Theben zur Ver- 
schaffung Spänischer Reiter an den Marchfluess fuehren lassen, von 
sich geschoben hatten, allein weilen res nicht mehr integra, aller- 
massen thails Landtsmitglieder ied in particulari eine gewisse anzahl 
aichener Stammen schon bey der N. Oe. Regierung verwilliget, auch 
die Löbl. Ständt sub oben A nur auocationem gesuecht, vnd darbey 
sich verfänglich gemacht, Hesse sich die sach in corpore schwerlichen 
mehr in solidum retractiren, zuegeschweigen, dass dem ganzen Vatter- 
landt, vnd einem ieden Inwohner disses Erzherzogthumbs, an der 
conseiiiation der Statt Wienn, so hierdurch gesuecht würdte, vast 

3* 



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36 

alles gelegen, dahero Sie ad examen dess verwilligenden quanti der 
Stammen geschritten, vnd glaubten, da die löbl. Ständte zur machung 
80 Taussent Pallisaden, 1000 Floss Traunerische Drummer zum 
Wasser liefern Hessen, Ihr Kays. Mayt. damit allerdgst. zufrieden sein 
werden, sintemahlen die communicirte Specification D sich nur ad 
109.050 Pallisaden erstreckhete, so von denen particularibus nicht 
der halbschiedt nach zu hoffen gewesen were. Wegen dess Khauffs, 
vnd dero schleunigen lieferung anhero, hetten die Herrn Verordnete 
mit denen Flessern zu tractiren, vnd zu schliessen; das pretium, so 
ad 6000 fl. vngefehr sich erstrekhen würdte, were zue anticipirn, vnd 
in khünfftigen anschlag zue bringen. Die Motiua aber, warumben 
kheine aichene Stammen, die löbl. Ständte zue verwilligen, noch das 
Holz auss denen vnweit von Wienn ligenden Wäldtern zue nehmen 
hetten, weren vnter andern disse, dass vorderist zue verhuetten die 
Teurung dess Holzes, welche bey schon zimblich abgeoedten Waldtungen 
an dem Donaustrom nothwendig eruolgen müsste, thails auch dass 
auf die eusseriste noth, vnd zue einer flucht retirada dess gemeinen 
Mannss die verhackende Wäldter bestmüglichst in sue esse vnd vigore 
zue erhalten, zue deme die Zuefuhr der Stamen auss denen Wäldtern 
nicht allein dreymahl so viel, alss dass holz selbsten khosten, sondern 
auch inner Jahr vnd Tag auss mangl der Ross, wagen vnd leuth nicht 
practicirlich sein wurdte, man wolte dan die leuth an dem nechst- 
beuorstehenden bau zue Weingarten, vnd zue feld verhindern, vnd die 
commercien gänzlichen niderlegen, zu vnwidbr inglichen schaden, vnd 
völligen ruin dess Heben Vatterlandts. Wurdte man aber vber diese 
Verwilligung der 1000 Floss Traunischer Drummer (welche zue gegen- 
werttiger gefahr abwendtung gleich so tauglich, alss die aichene 
Stammen, vnd sich leichter elaboriren, vnd reguliren lassen) auch einich 
aichener Stamen zue fortification bedürfftig sein, stehete Dir Khays. 
Mayt. beuor, in Ihren aigenen Wäldtern solche hackhen oder ander- 
wertig khauffen, vnd durch die Fliegenschüzen gegen bahre bezahlung 
ohne entgelt der löbl. Ständte anhero fuehren zu lassen, wie Sie Sich 
dan Selbsten sub D ins mitleiden ziehen. Ess werden auch die Löbl. 
Ständte des Erzherzogthumbs Oesterreich ob der Ennss, sub oben B 
innuirtermassen, so willig und gehrne comportiren alss vill Ihnen an 
der conservation der Statt Wienn gelegen ist." 

„Wehren demnach Sie herrn Verordnete vnd Ausschuss zum ab- 
geforderten guettachten der vnvorgreiffHchen mainung, dass 1'"^ Ihr 
Kays. Mt. vnterthänigster dankh zu erstatten, dass Sie disses werkh 



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37 

zu denen Löbl. Ständten, alss gehöriger Stell allergdgst. zue dirigiren, 
ein onus commune darauss zu machen, hingegen die particulay 
tractaten, vnd schon beschehene Verwilligung gänzlichen zu cassiren 
Ihnen belieben lassen wollen, 2*^" einzuführen obberührter betragnussen, 
vnnd motiva, welche die getreue Ständte gleich Ihren Antecessorn 
billich hätten bewegen khönnen, dem concursum zue obgedachter 
fortification mit einichen holz in natura, oder mit dem Werth darfür 
vnterthänigst zu depreciren ; dennoch 3^'** wolten Sie zue contestirung 
Ihrer Deuotion gehorsambst verwillligen 1000 ¥\oah Traunische 
Drummer auf der Donau biss an die Gstetten anhero zu lieffern, 
darauss 80 Taussent Pallisädten gemacht werden khönten. Jedoch 
4*** mit dem beding, dass hierdurch die beschehene Bewilligung der 
Landtsmitglieder in particulari gänzlichen' wieder auffgehebt, dise will- 
fährigkheit in keine consequenz gezogen werden, weniger die getreue 
N. Oe. Ständte hiedurch Ihnen das fortifications vnd defensionswerkh 
ganz, oder zum thaill auffgeladen haben wolten, sondern der leidentliche 
werth vnd Tax obberührt verwilligten 1000 Floss, bey wieder er- 
haltenen lieben frieden Ihnen bonificirt werden solte. 6*^ zu rqcensiren 
obige Uhrsachen warumben man auss denen nechst gelegenen Waldungen 
kheine aichenstamm liefern khöndte, 6**^ einzuführen, dass der abgang 
in aichnen stamm, thails durch die Löbl. Ständte dess Landts ob der 
Ennss sub B Vertröstermassen, thails auch auss Ihr Kays. Mayt. vnd 
andern benachbarten Wäldern, ohne der löbl. N. Oe. Ständte zuethun, 
weder in pretio, noch in der robath ersezt werden khönte. Wan disses 
allerseiths adjustirt, mögte schliesslichen die einkhauffung vnd liefferung 
der verwilligenden 1000 Floss Traunischer Drummer denen Herrn 
Verordneten committirt werden. Welches Sie Herrn Verordnete, vnd 
Ausschuss vnmassgeblichen in Frdschft. erindern, und hierüber sich 
dienstlichen empfehlen wollen, datum 3. Febr. 1G83." 

„Die löbl. N. Oe. Ständte lassen ess bey disem der Herrn 

Verordneten und Herrn Ausschüssen guetachten bewenden, in 

conformitet dessen die notturfft nacher Hoff zu handtlen vnd 

einzurichten. " 

Wienn im Landtag, den 4. Fjßbruary 1683. 

Diesem Landtagsbeschluss gemäss wurde ddo. 13. März 1683 
mit den drei Holzhändlern Peter GrotzmüUer, Christoph Föttinger und 
Ehrenreich Köckh ein Vertrag abgeschlossen, durch welchen dieselben 
die Lieferung von 800 Floss einfacher Traunstamm jedes Floss zu 
4 fl. 45 kr., und 200 Floss doppelter Traunstamm jedes zu 8 fl. 



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38 

30 kr., das Floss zu 40 Stamm gerechnet, binnen drei Monaten nach 
Wien, Übernamen.^) 

Der an Pallisaden noch bestandene Abgang wurde theils aus 
dem kaiserl. Waldamt, theils mit, aus den benachbarten Auen ent- 
nommenen Eichen gedeckt.-) 

Zur Vervollständigung der Vertheidigungs- Vorbereitungen wurden 
von der Hofkammer an die ihr unterstehenden Aemter eine Reihe von 
Verordnungen* erlassen, von denen die vorzüglichsten im Nachfolgenden 
lediglich angedeutet werden. 

Unterm 1. October 1682 erging an das Wiener Hauptmauthamt 
der Befehl „souihl Schiff als man haben khan, demnegsten würklich 
beyzuschaffen, damit auf erheischenden notfahl, an tunlichen Orthen, 
Schiffbruckhen können verferttiget werden."^) Ferner wurde ddo. Wien 
26. Nov. 1682 der Salzamtmann zu Gmunden, P'reiherr von Schiffer 
beauftragt, zu berichten, wie viele entbehrliche Zillen und um welchen 
Preis dieselben zu haben sind.^) Am 22. December 1682 erging an 
denselben der Befehl: „demnach Ihro Kays. Myt. vnd des gemeinen 
Weesens Dienst erfordern thuet, das auf negstkhonfftig Frielling zu 
Proviantirung der Statt Wienn vnd der armaden ein starker Salzy 
Vorrath, bey Zeiten vnumbgenglich eingeschafft werdte, Als wierdet 
ganz gemessen vnd ernstlich anbefohlen, das Er dahin bedacht sein, 
vnd die behörige anstalt mache, damit ehezeitlich auf khonfftiges 
Fruehrjahr zu Proviantirung des hiesigen Haubt-Posto von Gmunden 
aus, eine erklekhliche Salzausfuhr der kleinen Kiefel anhero verschafft 
werde."'') Unter dem gleichem Datum erging an das kaiserl. Waldamt 
zu Purkersdorf die Weisung, dass bis zum künftigen Frühjahr ein 
„erkhleckhlicher Holzvorrath" nach Wien geliefert werde. "^) Am 



Nied.-österr. Landes- Archiv. E. 4. 21. Diese contrahirten 1000 Flösse 
oder 40.000 Stämme, haben somit 5500 fl. gekostet. 

^) Am 27. März 1683 machte die Hofkanzlei an den Hofkriegsrath die 
Mittheilung, dass der Prälat von Kremsmünster, Namens der oberösterr. Stände 
24.000 Stämme Holz, jeder 18 Fuss lang zu Pallisaden mit nächstem herab- 
schicken werde, worüber Starhemberg unterm 30. März verständiget wurde. 
Klriegs- Archiv. Prot. Nr. 3()G. Fol. 214. Ueber die richtige Lieferung dieser 
Hölzer findet sich in den Acten nichts vor. 

8j K. k. H. K. A. Fase. 17099. 

*) Daselbst, Fase. 17100. Freiherr von Schiffer zeigte sich etwas säumig 
in der Ausführung der ertheilten Aufträge, worüber er später eine scharfe 
Rüge erhielt. 

«) und 6) K. k. H. K. A. Fase. 17100. 



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39 

25. December erfolgten zwei Erlässe, u. z. nach Gmunden, dass von 
den dort vorhandenen Schiffen keines verwendet, sondern alle nach 
Wien geschafft werden, ferner an die nied.-österr. Regierung: „bey 
der nunmehro augenscheinlich annahenden Tirkhengefahr werden so- 
wohl zur Schlagung unterschiedlicher Schiff bruckhen, als auch vmb 
Abführung des in grossen Summen bestehenden Prouiants und Muni- 
tions-Vorraths, auch ."^oldaten," über den bereits vorhandenen Stand 
noch 80 Schiffe benöthiget. Die Regierung hat bei den Herrschaften 
an der Donau ober und unterhalb Wien solche Schiffe anzukaufen, 
auch Schiffarbeiter „nämblich 20 Schiffmacher und Zillenschopper und 
eine Anzahl Schiffleute anzuwerben, und darüber zu berichten.^) 

Unter;n 7. Februar ll)83 erging an die hiesigen Münzbeamten 
der Auftrag: „in Anmerkhung der beuorstehundt gefährlichen Khriegs- 
zeiten, alwo man sich ohnedem mit allen Nothwendtigkheiten ver- 
proviantiren müsse, haben Sye den zu ihrem Münzambt benöthigten 
Vorrath zeitlich, vnnd damit nit etwa in begebenden fahl, wan vber 
alles Verhoffen, die Weeg vnd Päss gespörth wurdten, besagt Ihr 
Münzweesen inns steckhen vnnd feyern gerathe beizuschaffen. " Die 
Münzbeamten u. z. der Münzmeister Mathias Mittermayr von Waffen- 
berg und der Wardein Sigmund Hammer schmidt legten ein Ver- 
zeichnis über den Bedarf an Kohlen, Holz, Salz, Salliter, Vitriol, Blei, 
Kerzen, Schmelztiegel und Schaidgläser vor, dessen Beiächaffung so- 
fort genehmiget wurde.-) An das Vicedomamt erging ebenfalls am 
7. Februar 16S3 die Weisung, dasselbe habe dem bürgl. Drechsler- 
meister Hanns Caspar Schnekh zur Anfertigung von „Sprengkugln, 
Kardätschen, Brandtröhren zu denen Granaten, welches alles aufs 
schleunigist solte verfertiget werden" aus den Auen der Herrschaft 
Orth Lindenholz zu überlassen.'^j 

Am 8. Februar 1683 ersuchte Karl Ludwig Graf Hof- 
kirchen General- Land- und Hauszeugmeister für das kaiserl. Guss- 
haus um die Beischaffung von 20 bis 30 Zentner Schlackenwalder 
Zinn. Nachdem dasselbe in Vorrath war, wurde die ungesäumte Ab- 
gabe, so wie von 400 Zentner Kupfer, letzteres in zwei Lieferungen 
angeordnet.^) 

Am 26. Jänner 1683 erging an das Hofbauamt der Auftrag zur 
Beischaffung einer genügenden Anzahl von Scheibtruhen.'*) Bei der 



') und ») K. k. H. K. A. Fase. 17100. 
*) Daselbst Fase. 17100 auch 13868. 
«) Daselbst. Fase. 13863. 



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40 

Schlesischen Kammer zu Breslau wurden 300 Handmühlen bestellt. 
Am 22. Mai 1683 langten 164 derselben sammt Gebrauchs-Information 
in Wien ein.^) Unterm 22. Februar 1683 erfolgte die Weisung, dass 
ein grosser Vorrath von Heu und Stroh nach Wien und auf die Insel 
zu schaffen „auch der benöttigte Schanz -Zeug zu hannden zu 
bringen" ist.") 

Alle diese Vorkehrungen, welche, wie bezüglich der Scheibtruhen, 
bis in das Detail gingen, deren Aufzählung auch noch erweitert 
werden könnte, waren zunächst von dem überaus thätigen und vor- 
sorglichen Hofkammer - Präsidenten Freiherrn von Abele veranlasst 
worden. Dass er dabei mit dem Stadt-Commandanten Grafen Starhem- 
berg im steten Verkehr war, ergibt sich wohl von selbst. Beide Herren 
hatten den Fall einer Belagerung von Wien schon zeitlich in das 
Auge gefasst, und demgemäss ihre Anstalten getroffen. Dieser Um- 
stand wird hier aus dem Grunde besonders hervorgehoben, um die 
Welfach geäusserte Anschauung, es sei die kaiserL Regierung 
ganz unvorbereitet durch die Türkeninvasion förmlich 
überrascht worden, richtig zu stellen. 

Bei der täglich steigenden Gefahr wurde mit der kaiserl. Reso- 
lution vom 14. Jänner 1683 eine Commission eingesetzt, welche die 
Defensions-Massregeln zu berathen und bezügliche Anträge zu stellen 
hatte,^) welcher der Hofkriegsrath unterm 18. Febr. 1683 den Grafen 
Starhemberg und den Marchese degli Obizzi als Mitglieder beiordnete.^) 
Von Seite der niederösterr. Stände wurden unterm 8. Februar 1683 
Otto Ehrenreich Graf von Traun, Hieronimus Probst zu 
Skt. Dorothea und Johann Peter von Malendein ersucht, 
dieser Commission, „auf jedesmaliges Ansagen, ad audiendum et 
referendum" beizuwohnen. Am 10. Februar erging ein gleiches An- 
suchen an den ständischen Syndicus und Secretär Johann Conrad 
Albrecht von Albrechtsburg. •'^) Die Hofkammer wurde durch die beiden 
Hofkammerräthe Carl Gottlieb Freiherr von Aichpüchel und 
Carl von Belchamps vertreten. 



') K. k. H. K. A. Fase. 13863. 

2) K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 367. Fol. 139ver8. Unterm 18. Mai 
1683 wurden die Hofbefreiten beauftragt, zur Unterbringung von Heu und Stroh, 
ihre nächst dem Tabor gelegenen Stadebi zu überlassen. Nr. 367 Fol. 343. 

») K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 366, Fol. m. 

*) Daselbst, Fol. 101. 

^) Landes-Archiv. E. 2. 8. 



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41 

lieber Conferenz-Vorschlag der Hofkammer und des Hofkriegs- 
rathes resolvirte der Kaiser unterm 22. Februar IG80 „dass Ein 
Jeder Sich dahier in der Statt auf Jahr und Tag verproviantire." 
Diese Resolution wurde der Defensions-Commission am 8. März 1683 
bekannt gegeben und erfolgten nunmehr die erforderlichen Weisungen 
an die Stadtvertretung. ^) Bezüglich Durchführung dieser Massregel 
stellte Starhemberg die Vorname von Revisionen in Antrag, worüber 
die Commission in der Sitzung vom 26. März 1083 den Beschluss 
fasste : „Es solle der Stadtobrister Graf Starhemberg, cooperiren, damit 
die Visitations-Commission bey der Bürgerschaft allhier, der Ver- 
proviantirung halber angestellt werde.-) 

Einer der Ersten, welcher dieser Aufforderung nachkam, war 
der Fürstbischof von Wien, EmerichSinelly. Er brachte unterm 
3. April 1683 das Ansuchen ein „um die mauthfreie Einfuhr von 
100 Zentner Rindtfleisch aus Parendorf in Ungarn, für seinen Haus- 
halt zur Verprofiantirung."^) Wohlhabende Stadtbewohner erhoben 
übrigens schon im Monat März 1683 Pässe zur Flucht nach Linz.^) 

Eine besondere Vorsorge wendete die kaiserL Regierung der 
Beischaffung des Munitions-Bedarfes zu. Es war dieses eine in gleicher 
Weise hochwichtige wie schwierige Aufgabe. Auf diesem Felde ent- 
wickelte der kais. Rath, Quecksilber- und Kupfer - Administrator 
Johann Ludwig Mittermayr von Waffenberg, ein Bruder 
des Wiener Münzmeisters, eine besondere Thätigkeit. Auch in dieser 
Angelegenheit begegnen wir bald die überall eingreifende Hand des 
-Hofkammer-Präsidenten Freiherrn von Abele. Schon in den letzten 
Monaten 1682 wurden an Mittermayr Munitionslieferungen übertragen. 
Um das Lieferungs-Geschäft in die nothwendige Ordnung zu bringen, 
auch um bezüglich Menge und Preise der verschiedenen Munitions- 
sorten schliessig zu werden, trat unter dem Vorsitz des Freiherrn von 
Abele und in dessen Wohnung am 9. März 1683 eine Commission, 
bestehend aus dem General - Zeugmeister Grafen Hofkirchen, dem 
General-Commissär Grafen Breinner, dem Hofkammer-Rath Meyer und 
den beiden Zeug-Lieutenants von Wenzelsberg und Spenemann, zu- 



') K. k. H. K. A. Fase. 13862. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 366. Fol. 111, 
und Nr. 367, Fol.. 138 und Mlvers. 

«) K. k. Kriegs-Archiv, Prot. Nr. 367, Fol. 247. 
3) K. k. H. K. A. Fase. 17103. 
*) Daselbst. Faso. 17102. 



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42 

sammen. Das Ergebnis der durch diese Commission mit Mittermayr 
gepflogenen Verhandlungen, wurde mit dem Vortrag vom 24. März 168.*> 
dem Kaiser zur Entscheidung vorgelegt, welcher demselben mit dem 
Beisätze: „Ich lasse mir alle dise anstalten wollgefallen, 
vnd in allem bestatte Ich Selbige. L e o p o 1 d." sofort erledigte. 

Da der erwähnte Vortrag an den Kaiser, sowie das Verzeichnis 
über die mit Mittermayr vereinbarten Preise von hohem Interesse 
sind, werden beide in der Beilage 1, ihrem vollen Umfange nach mit- 
getheiltJ) Mit Mittermayr wurde schon unterm 24. März IG 83 ein 
specieller Vertrag abgeschlossen;'^) derselbe hatte damals zur Deckung 
der Lieferungsauslagen bereits die Summe von 211.500 fl. erhalten. 
Nachdem durch das mit ihm vereinbarte Uebereinkommen vorherrschend 
die Deckung des Munitionsbedarfes von Wien berücksichtiget worden 
war, fanden bezüglich Beischaffung der für die operirende Armee be- 
stimmten Munition u. s. w. auch noch mit andern Unternehmern und 
Lieferanten Vereinbarungen statt, wie z. B. mit dem Frankfurter 
Handelsmann Johann Peter von Böhm, mit dem Juden Samuel Oppen- 
heim von Heidelberg, mit der Innerberger Hauptgewerkschaft u. A. 
Für Munitionslieferungen wurden im Jahre 1682 bis Juni 1683, 
581.800 fl. 47 kr. ausgelegt.^) 

Unterm 20. Mai 1683 mahnte der Hofkriegsrath die Hofkammer 
zur Betreibung des Mittermayr. Diese meldete am 25. Mai 1683 
den Umfang der Munitionsbestellungen und sagt am Ende ihrer Note : 
„man würdet in allem das Jenige thuen, was nur mensch vnd müglich 
ist."^) Mittermayr machte am 27. Juni 1683 die Anzeige, dass er 
seine contractlichen Lieferungen bis auf geringe Reste geleistet. An 
Pulver befanden sich 1800 Zentner im Pulverthurm zu Krems „Lug 
ins Land genantJ' 3650 Zentner kamen nach Wien, wovon 700 Zentner 
zur Hauptarmee abgegeben wurden. 500 Zentner, sagt Mittei-mayr, 
sind im gewöhnlichen Pulverthurm abgelagert, die übrigen liegen sehr 
gefahrlich im kaiserlichen Zeughaus.*^) 

Unterm 18. März 1683 hatte sich Kaiser Leopold I. mit einem 
„handtbrieflein" an den Erzbischof von Salzburg Maximilian Gan- 

') K. k. H. K. A Fase. VdSi^± 

«) Daselbst, Gdkb. Nr. 211, Fol. 304 der Wortlaut des Vertrages. 

«) Daselbst. Fase 13863. 

*) und «) K. k. H. K. A. Fase. 13863. Der Jude Samuel Oppenheimer 
aus Heidelberg lieferte die von ihm übernommenen 26.000 Handgranaten erst 
im Juli 1683 nach Linz. 



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43 

dolph Graf von Khuenburg um die üeberlassung von Pulver 
gewendet. Dieser meldete, ddo. Salzburg 30. März 1683, dass er 
300 Zentner Pulver und dazu die beiden „Pixenmeister Georg Perger 
und Christoph Kurzumb" abgesendet habe. Der Kaiser dankte unterm 
27. April für diese schon im Wiener Zeughaus eingelangte Gabe ^) 

Die Stadt Wien hatte schon im Monat October 1682 in Steier 
von 12. Gattungen 8553 Kugeln bestellt. Am 6. April 1683 suchte 
der Stadtrath um die mauthfreie Einfuhr derselben an, welcher Bitte 
sofort entsprochen wurde.-) Mit Pulver und anderen Munitionsgegen- 
ständen war damals das städtische Zeughaus übel bestellt, denn eine 
unmittelbar vor der Türkeninvasion aufgenommene „Specification, was 
sich annoch in gemeiner Stadt Wien, Zeughaus befindet" weiset 
lediglich an Karthaunen-Pulver 79 Pfunde, Musqueten-Pulver 56 Pf, 
Lunten 15 Zentn. 90 Pf, Blei 49 Zentn. 3 Pf. nach.») 

Den Kriegs-, bezitHiungsweise Vertheidigungs-Vorkehrungen kömmt 
die Beischaffung des zur Herstellung stärkerer Donaubrücken erforder- 
lichen Materiales beizufügen. Den 12. April 1683 machte der Hof- 
kriegsrath an die Hofkammer die Mittheilung, der Kaiser habe die Er- 
richtung einer Anzahl „Blockschiffe, wie solche von der, ratione der 
Beschütz und fortificirung dieses Erzherzogthums Oesterr. unter der 
Enns angeordneten commission für gut befunden," anbefohlen. Da der 
Obrist - Schiff-Lieutnant von Ehrenthal von diesen Blockschiffen 
keine Kenntniss hatte, wurde der Schiff- und Brückenhauptmann 
Peter Rulant von Philippsburg nach Wien berufen, welcher 
einen Ueberschlag über die Kosten eines solchen Blockschiffes vor- 
gelegt hatte. Der Stadtcommandant Graf Starhembcrg bevorwortete 
diese Schiffe sehr warm und schlug die Beischaffung von 50 derselben 
vor, um damit eine über die ganze Donau reichende Brücke herstellen 
zu können. Die Hofkammer beauftragte die Räthe Aichpüchl und 
Belchamps mit den erforderlichen Erhebungen, denen zu Folge unterm 
21. April 1683 die Mauthbeamten in Linz angewiesen wurden, an 
Rulant. 3000 fl. auszuzahlen, während gleichzeitig nach Gmunden und 
Neuburg am Inn der Auftrag zur Ausfolgung der erforderlichen Hölzer 
erging.^) 



K. k. H. K. A. Fase. 13863. 

*) Daselbst Fase. 17103. 

^) Nied.-österr. Landes- Archiv. Repartitionen. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 13863. 



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44 

Um den Verkehr auf der Donau zu sichern, auch im Falle einer 
Belagerung Wiens den Strom beherrschen zu können, trug der Arsenal- 
Commandant und Stadtguardi-Oberst-Wachtmeister Ferdinand M a r- 
c h e s e d e g T b i z z i für die Beistellung einer Anzahl von Tschaiken 
Sorge, welche er von Comorn und Raab nach Wien bringen Hess. 
Auch nach Gmunden erging der Auftrag zur Herstellung solcher Fahr- 
zeuge. Unterm 29. März 1(383 meldete das dortige Salzamt, dass o() 
ganze und 14 halbe Tschaiken in Arbeit sind, und binnen 14 bis 
15 Wochen mit dem erforderlichen Schiffzeug versehen nach Wien 
geliefert werden können, die Herstellung werde 2500 fl. kostend) 

111. 

Wachsende Kriegsgefahr und steigende Finanznoth des 

Kaisers. 

Unter den kaiserl. Erbländern war es das Erzherzogthum Oester- 
reich unter der Enns mit der Hauptstadt Wien, welche von der 
drohenden Türken-Invasion am meisten gefährdet waren. Gegen den 
siegreich vordringenden Islam war Wien die stärkste Grenzfestung. 
Von der Erhaltung derselben hing der Fortbestand der Habsburgischen 
Monarchie, ja, wie Herr Onno Klopp überzeugend dargethan hat, die 
Selbständigkeit des Deutschen Reiches gegenüber der Raubgier und 
Herrschsucht Ludwigs XIV. ab. Dass Kaiser Leopold I. und die Staats- 
männer an seiner Seite, sich des furchtbaren Ernstes der Lage voll- 
kommen klar waren, wird Niemand in Zweifel stellen können. 

Schon unterm 22. September 1682 hatte die kaiserl. Regierung 
die nied.-österr. Stände auf die Kriegsgefahr aufmerksam gemacht, 
und sie aufgefordert, die zum Schutze und zur Rettung der Unterthanen 
für den Fall einer feindlichen Invasion erforderlichen Massregeln, wie 
die Instandsetzung und Ausrüstung der sogenannten Fluchtörter, die 
Vorbereitung der Kreudenfeuer und Nothsignale u. s. w. rechtzeitig 
vorzukehren. 

Von Ebersdorf aus, ddo. 27. September 1682, erfolgten zwei 
kaiserl. Resolutionen. Mit der einen wurde der nied.-österr. Land- 
marschall Franz Maximilian Graf von Mollarth zum General- 
Land-Obristen für das Land unter der Enns, mit der andern der 
Oberstlieutenant vom Montecucollischen Regiment, Josef Heinrich 



») K. k, H. K. A. Fase. 17103. 



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45 

Scheller von üngershausen, zum General-Land-Oberst-Lieutenant 
ernannt.^) Als Antwort auf die Mahnung vom 22. September gaben 
die Stände unterm 29. September 1682 eine Relation ein, worüber 
schon unterm 5. October IG82 ein neuer kaiserl. Erlass erfolgte. Die 
Stände beauftragten nunmehr den Obristlieutnant Scheller mit den Er- 
hebungen in den beiden am meisten bedrohten Vierteln unter dem 
Wienerwalde, und unter dem Manhai*tsberge, und brachten auf Grund- 
' läge des eingelangten Berichtes und mit Bezugnahme auf den Erlass 
vom ö. Oktober 10.^2, ddo. 9. Jänner 1683 eine neue Eingabe ein, in 
welcher sie die Erwartung aussprechen, der Kaiser werde: „das liebe 
Vaterland durch seine sieghaften Waffen schützen. Sie bitten, dass von 
Ihr. Kays. Mt. ins Feldt ziehendten armeen etliche compagnie, welche 
March und Leitha mit abstechen und in ander weg versicherten und 
die Strayffereien einstelleten, zu hinterlassen wären," und bitten ferner: 
„wie auch weilen zu reparirung der Fluchtörther vor gählingen anlauff 
vnd zu aufrichtung der Kreudenfeuer, Materialien und vnkhosten von- 
nöthen, Se. Mayt. wolle den Werth an heurig Bewilligung abgehen 
lassen, in gleichen gewöhr und munition aus Ihr Kays. Mt. Zeughaus 
gegen Revers zu verschaffen, gnädigst geruhen". Diese Eingabe wurde 
mit dem kaiserl. Erlass vom 4. Februar 1683 erlediget,, in welchem 
gesagt wird, „dass gewöhrs, munition, wie auch der gesambten 
Ländter bewilligungen nicht einmal zu Versehung der ins Veldt setzen- 
den starkhen Armada erklekhlich, vnnd dahero unmüglich falle, darmit 
dem Ansuchen der Stand zu willfahren."-) 

Nachdem der Kaiser „die Beyschaffung der Gewöhrs, Munition 
und Schanzbauunkosten" für die Fluchtörter abgelehnt hatte, veran- 
schlagten die Stände den Geldbedarf hiezu mit 33000 fl. Zur Ver- 
wahrung der Kreudenfeuer, und als Besatzung der in den beiden 
untern Vierteln vorkommenden Fluchtörter, sollten 5010 Mann „Landt- 



*) Archiv des k. k. Min. des Innern. IV. H. 5. Der jedesmalige Land- 
raarschall war unter dem Titel: „General-Land-Obrister" der Chef des Landes- 
vertheidigungs-Wesens soweit dasselbe in die Competenz der Stände von Nied.- 
Oesterr. gehörte. Unter dem Titel: „ General-Land-Oberstlieutenant " war ihm 
als militärischer Techniker, ein höherer Officier zur Seite gegeben. 

^) N.-Oe. Landes-Archiv E. 4. 8. Unter den „Fluchtörtern" befanden 
sich viele herrschaftliche Schlösser, auch Klöster u. s. w. Wir sehen, die Stände 
nahmen keinen Anstand, die Reparirung derselben und die Ausstattung mit 
Waffen und Munition, auf kaiserl. Kosten, anzustreben. 



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46 

Volkh" von „Drillmeistern im gebrauch der Gewöhr" unterrichtet 
werden.^) 

Das Bestreben der nied.-österr. Stände, welches unverkennbar 
dahin gerichtet war, alle aus der Vertheidigung des Landes gegen 
einen Türkeneinbruch für sie erwachsenden Beiträge auf ein Minimum 
zu reduciren, führte nur zu bald zu einer Art Spannung gegenüber 
der kaiserlichen Regierung. 

Schon unterm 20. Jänner 1683 erhebt ein dem Kaiser vor- 
gelegter Bericht des Hofkriegsrathes Beschwerde, „es haben die Stände 
die der Einquartirung wegen an Sye ergangene Verordnung gar nicht 
acceptirt, selbige depreciert, den serviz zu geben expresse verbotten, 
vnd die Quartier aufgehöbt, da dann bey solcher Bewandnus der 
Soldath daraus vertrieben worden, vnd bey diser kalthen Zeit gleich- 
samb ohne logirung crepirn muess." Diesem Bericht folgte ddo, 
24. Jänner 1683 von Seite des Hofkriegsrathes an den Kaiser eine 
weitere Eingabe, in welcher ausgeführt wird: Der Kaiser habe dahin 
resolvirt, dass die in Nied.-Oesterreich liegenden deutschen Kriegs- 
Völker an die Ungarische Grenze zu verlegen sind, um das Land 
gegen feindliche Einfalle zu schützen. Die Stände haben diese Truppen 
derart weit von einander einquartirt, dass sie sich vor 3 oder 4 Wochen 
nicht vereinigen können. Da sich die Türken bei Neuhäusel, auch 
dissseits der Donau zusammen ziehen und bei den, dermalen gefrornen 
Wässern leicht ein grösserer Einbruch geschehen kann, so erstattet 
der Hofkriegsrath, um sich gegen Verantwortung zu sichern, dem 
Kaiser hievon Anzeige. Schon unterm 29, Jänner 1683 geht ein Hof- 
Erlass an die Stände: „Wie nun Allerh. gedacht Ihro Kays. Mayt. 
solche Contradictiones sehr ungern vernommen, bevorab bey solcher 
Zeit und Coniuncturn, da man in höchster Einigkheit, Coniunctis 
animis et viribus eyfferigst bedacht sein solle, das antrohende Uebel 
vom geliebten Vatterland abzuwendten. Also lassen dieselbe Sie getreu- 



*) Das Landes-Archiv bewahrt mehrere Verzeichnisse über die im ganzen 
Land vorgekommenen „Fluchtörter" mit der Beschreibung ihrer Lage, ihres 
Baustandes, ihrer Ausrüstung, ihrer Eignung als Fluchtort, den Bedarf an 
„Landt-Volkh" zur Vertheidigung derselben u. s. w. Diese Fluchtörter waren 
nur dazu bestimmt, den Bewohnern der benachbarten Ortschaften, welche 
nach ihrer Lage den einzelnen Fluchtörtern zugewiesen waren, gegen einen 
„feindlichen Streif" als augenblicklicher Rettungsplatz zu dienen. Eine eigent- 
liche Belagerung konnten nur wenige derselben bestehen. Diese Verzeichnisse 
haben ein hohes topografisches Interesse, desgleichen die Specificationen über 
die Kreudenfeuerorte. 



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47 

gehorsambste Ständt hiemit gnädigst und landtvätterlich erindern, Sie 
wollen zu ihr aigner Consei*vation die obschwebende gefahrliche 
Coniuncturn woll bedenckhen, vnd bey deme was zur Erhaltung des 
Landts vnd der Völkher, ohne welche die defension unmöglich, hail- 
samblich angeordnet wirdt, noch forthin gethreulich und dapfer con- 
curieren."^) 

Diese wenigen Andeutungen dürften genügen, um die ausser- 
ordentlich schwierige Lage des Kaisers zu ermessen. Von ihm sollte 
die Vermittlung solcher Gegensätze ausgehen, für welche nur zu häufig 
kaum der richtige Ausgangspunkt gefunden werden konnte. Dass unter 
solchen Schwierigkeiten manche Erledigung länger als es für die 
Sache zuträgig war, verzögert wurde, werden wir, wollen wir gerecht 
sein, nicht dem Kaiser zur Last legen dürfen. 

Eine Angelegenheit, welche fortt und fort zu den grössten An- 
ständen führte, war die Verpflegung der Truppen. Nachdem die 
Operationen gegen die Türken auf beiden Seiten der Donau stattfinden 
sollten, mussten alle Truppen-Durchzüge, mit geringer Ausnahme, Nieder- 
Oesterreich berühren. In dem Masse als die Gefahr eines Türkenkrieges 
näher rückte, nahmen auch die Einquartierungen im Lande zu. Die 
Truppen, welche durchgehends aus angeworbener Mannschaft bestanden, 
Hessen sich Ausschreitungen und Gewaltthätigkeiten aller Art zu 
Schulden kommen; am flachen Lande haussten sie wie im Feindeslande. 
Die ablehnende Haltung, welche die Stände in Bezug auf die Truppen- 
verpflegung gegenüber der Regierung einnamen, übertrug sich selbst- 
verständlich alsbald auf die Herrschaffcs-Verwaltungen am Lande und 
von diesen auf die Herrschafts-Ünterthanen. Man war nur zu sehr ge- 
neigt den Truppen Alles zu verweigern, und zwang dieselben dadurch 
zu Uebergriffen aller Art. 

Der, alle Regierungs-Angelegenheiten mit der grössten Sorgfalt 
überwachende Hofkammer-Präsident Freiherr von Abele, suchte auch 
für die Frage der Truppenverpflegung eine bestimmte Basis zu schaffen. 
Mit dem Militair-Einquartirungs- und Verpflegs-Patent ddo. Prag 
29, November 1679, war die Mund- und Pferde-Portion mit monatlich 
3 fl. „darunter aber die Servizen nicht zu verstehen" bemessen 
worden.^) Es fehlte in diesem Patent jedoch eine Bestimmung über 

1) N.-Oe. Landes-Archiv E. 2. 8. 

*) K. k. H. K. A. Patenten-Sammlungen. Wie oben bereits bemerkt, be- 
standen die „Servizen'' in der Gewährung „der Notthurff an Holtz Liecht vnd 



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48 

die Natural- Verpflegsgebühr der Mannschaft. Unterm 23. Februar 1682 
richtete die Hofkammer an den Hofkriegsrath eine Note mit dem An- 
trage zur Veranlassung einer Conferenz, welche Vorschläge zu berathen 
hätte: „auf dass die durchziehenden Völkher von ihren Verpflegungs- 
portionen leben, dahero über dasjenige, was ihnen von dem Landt zu 
reichen, damit es nit überschätzet werde, nach billich^n Dingen ein 
ordentliche Tappe gemacht werden solle, nach welcher sowohl die 
Landes-Inwohner, alss die Soldaten in allweg sich zu richten vnd zu 
verhalten heten."^) Die von der Hofkammer angeregte Conferenz fand 
alsbald statt, und es erschien ddo. Laxenburg 4. Mai 1682 das 
„Tappen -Patent," welches verordnete: „das nehmlichen für eine 
Mund-Portion auff ein ganzen Tag ein mehrers nicht, als Zwey Pfandt 
Brodt, Ein Pfundt Rindtfleisch, Ein halbe Maass Wein oder ganze 
Bindt Bier, Für ein Pferdt dess Tags Sechs Pfundt habern, vnd Sechs 
Pfundt Hew sambt einem Bund Stro gefordert und gereicht werde." 
Für die Natural-Verpflegung war vom Monatsold täglich 4 Kreuzer 
für die Mund-, und 4 Kreuzer für die Pferde-Portion abzurechnen. 
Durch eine Anzahl verschiedener Verfügungen sollte den Ausschreitungen 
des Militärs Einhalt gethan werden.-) An dieses Tappen-Patent schloss 
sich unterm 24. März 1685 ein neues Militär-Durchmarsch- und Ein- 
quartirungs-Patent, durch welches abermals schreiende Uebelstände be- 
hoben werden sollten an,^) allein das Militär- Verpflegswesen gab auch 
femer für ünterschleife aller Art ein ergiebiges Gebieth ab, bis mit 
dem „Reglement für die Kayserliche Soldatesca" vom 3. December 1697 
auch für diesen Gegenstand eine festere Grundlage gegeben wurde.*) 

Die Vorbereitung der an die Landtage der verschiedenen Erb- 
länder für das Jahr 1683 einzubringenden Propositionen, war eine 
Aufgabe von ernster Bedeutung. Der vor der Thüre stehende Türken- 
krieg drängte zu den grössten Anstrengungen, während die Stände 
der Länder, namentlich aber von Nieder- und Ober-Oesterreich eine 
in schroffer Weise ablehnende Haltung annahmen. 



Ligerstatt. so dem gemeinen Soldat bis Corporalen inclusive in natura als es 
der Wirth vermag und selbst genüsset, vnd darf dafür kein Geld gefordert 
werden." 

') K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 135vers. 

2) und •) Daselbst. Paten ten-Sammlung. 

*) Codex aust. U. Bd. S. 223. 



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49 

Die kaiserl. Regierung hatte die Absicht, den Türken mit einer 
entsprechenden Truppenmacht entgegenzutreten, und fasste die Auf- 
stellung von 80 Tausend Mann in das Auge. Der für die Ausrüstung 
und Verpflegung dieser Armee für das Jahr 1G83 erforderliche Geld- 
bedarf wurde von den übrigen Cameralauslagen gesondert veranschlagt; 
die diesfälligen Postulate erhielten vom Kaiser unterm 11. Jänner 1G83 
die Genehmigung und wurden sohin den einzelnen Landtagen vorgelegt . 
In Wien fand die Mittheilung an die Stände in der am 18. Jänner 
stattgefundenen Landtagssitzung statt. Die beiden grössten Beiträge 
welche hier angesprochen wurden, waren 571.G25 fl. zu den Militär- 
auslagen, ferner zur „vnderhaltung der bey der Regenspurgerischen 
Reichs versamblung vnd vast an allen Christlichen Hoffen kostbar 
stehenden Pottschaften, Residenten und extraordinari Gesandtschaften 
300; M fl.« 

Diese Propositionen fanden bei den nied.-österr. Ständen eine 
abfällige Beurtheilung. Um den Landtag mit den Absichten der Re- 
gierung bezüglich Abwehr eines feindlichen Einbruches bekannt zu 
machen, auch um den Ständen die sonst dem Lande drohende Gefahr 
eindringlich vorzustellen und sie zu einer entsprechenden Beihilfe an- 
zuregen, erging an dieselben unterm 7. Februar 1083 eine Art kaiser- 
liche Botschaft, auf deren Ausführungen den Leser besonders auf- 
merksam zu machen, ich mir erlaube. 

* Von der Rom. Kays, auch zue Hungarn vnndt Böheimb Königl. 
Maytt. Erzherzogen zu Oesterr. etc. Vnnsers allergnädigsten Herrn wegen, 
N. denen gesambten getreu-gehorsamsten Ständten dieses Erzherzog- 
thumbs Oesterreich Vnder der Ennss, hiemit in gnaden anzuzaigen, 
Mann habe mit der heurigen repartition darumben etwas langsamber 
vorgehen muessen, weillen es wegen der Soldatesca, in ansehung der 
vorgefallener Veränderung im Königreich Hungarn, wie auch der neu- 
werbenden Regimenter vnd verstärkhender Artigleria halber, von dem 
allten Standt zimblich ab- vnnd auff vergrösserung der Völkher ge- 
khommen ist." 

„Weilen dann nunmehro deren Eintheilung in die gesambte Erb- 
Königreich- vnd Ländter geschehen, vnnd die ienigen Völkher, welche 
mit ihren Quartiern an dieses Erzherzogthumb Vnder der Enns assig- 
nirt worden, in beyliegender specification benambset seindt : Alss haben 
Ihr Kays. Maytt. allergdst. befohlen, selbige ihnen getreu-gehorsamsten 
Ständten, wie hiemit geschieht, alssbaldten zu communicieren, vnndt 
Sie darbey zu versichern, dass bey auffrichtung der Haubtrepartition 

4 



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50 

alle gute gleichheit vnd proportion gegen ander dero Erb-Königreich 
vnnd Landten, diss orths gehallten worden, vnndt die anzahl allein 
darumben gestiegen seye, vmbwillen dero Armada auf den Fuess von 
(SO/M Mann noth wendig gestellt werden muesse. Es sezen zwar aller- 
höchstgedacht Ihre Kays. Maytt. auff Sie getreu gheste. Ständte dero 
feste vnnd gdiste hoffnung, Sie werden in betrachttung gegenwertiger 
grosser Türkhengefahr, vnndt dahero erforderter so starkher Annatur 
vnnd hieseitiger Verfassung, eine gleichmessige zulängliche Landtags- 
Bewilligung für anheuer nach proportion der grossen gefahr vnd noth- 
wendigen Defensionsanstalten ergehen lassen. Nichtsdestoweniger, vnd 
damit Sie getreu-gheste Ständte ihren bishero zur aigner Defension 
rühmblich bezaigten mueth, wegen allzugrosser anzahl der angewiesenen 
Regimenter nicht sinkhen lassen; Haben sich Ihre Kays. Maytt. mildt- 
Vätterlich resolviert, dass wan es doch ihnen vnmöglich fallen sollte, 
die völlige Verpflegung dieser assignirten Völkher zu übernehmen, die- 
selbe schon deren bezahlung halber auf ein solches temperament ge- 
denckhen wollten, damit Sie getreu-gheste Ständte über die möglich- 
keit vnd ihre heurige Bewilligung (so aber aus obgemeldten Ursachen 
auff ein grösseres, dann vorhero, zu lauffen hette) nicht beschwährt 
werden mögen." 

„Nachdeme nun auff geschwindte vnd rechte Einrichtung ober- 
wehnter Armatur, dess gemainen Weesens, vnd sondlich dieses Erz- 
herzogthumbs Hayl vnd Wohlfahrt lediglich gelegen; vnnd wan selbige 
zu vollkhomenen Standt gebracht sein wierdt, hoffentlich durch Gött- 
lichen Beystandt der feindtliche Einbruech von weittem abgewendet, 
vndt denen getreuisten Landten ein starkher Ruckhen gehallten werden 
khan; AUess aber an der Zeit vnndt geschwindten Beyschaffung der 
Mittel gelegen ist." 

„Alss begehren Ihre Kays. Maytt. nochmalen gdist. die Quartier 
für das neu-werbende Dragoner-Regiment ohne ainigen auffschueb zu 
eröffnen, Sodann für die andere angewiesene Völckher, gleich aniezo 
ein paar Monathsoldt in abschlag der verhoffenden heurigen Bewilligung 
(auch mit auffnehmb- oder anticipirung dieser geldter) ihnen zu ent- 
richten, damit noch in diesem Monath der Soldat sich zum nechst- 
bevorstehenden Veldtzug remontieren vnnd was noch abgehet, völlig 
darvon recroutiert werden möge; Sollten nun, wider bessere Zuver- 
sicht, die Mittel hierzue verschoben, vnd deren beyschaffung länger 
hinaus gezogen werdn, dörffte der Erbfeindt in die viscera dieser 
Provinz den Vorsprung gewinnen, vnd mit vnaussprechlichen laydt 



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51 

hemacher alles zu spath fallen. Welches aber Ihre Kays. Mayft. ver- 
mittels Göttlicher assistenz vnndt der getreuisten Ständte zeitliche 
und ergäbiger Beyhülff, kräfftigst abzuwenden, so tag als nachts Ihro 
Landts-Vätterlich angelegen sein lassen. Dieselben verbleiben benebens 
ihnen gesambten getreu-ghesten Ständten mit Kays, vnd Landtsfurstl. 
hulden vnd gnaden wohl gewogen. 

Per Imperatorem 

den 10. Febr. 1683. 

Johann Georg Koch.^) 

Die Berathungen über die Ausrüstung der aufzustellenden Armee, 
welche auf 80 Tausend Mann veranschlagt war, nahmen mittlerweile 
ihren Fortgang und fanden mit der kaiserl. Resolution vom 26. Fe- 
bruar 1683 ihren Abschluss. Die Hauptsumme der auf die Länder um- 
zulegenden Militär-Beiträge wurde mit 5,739.514 fl. präliminirt. Hie- 
von hatten nach dem Seite 3 mitgetheilten Vertheilungs-Massstab zu 
entfallen auf Böhmen und seine Nebenländer . 3,746.627 fl. — kr. 
Steiermark, Kärnten, Krain etc. . 996.443 fl. 30 kr. 

Nieder-Oesterreich 664.295 fl. 40 kr. 

Ober-Oesterreich 332.147 fl. — kr. 

Der Kaiser hatte jedoch resolvirt, dass den Ländern die Ver- 
pflegung nur für acht Monate aufzulegen sein wird, während vier 
Monate u. z. Juni, Juli, August und September, wo die Truppen im 
Felde stehen, und die richtige Bezahlung am nothwendigsten ist 
„durch die General- Veldt-Kriegs-Gassa, zu welcher schon gewisse mittl 
gewidmet seind, bestritten werden sollen."^) 

Mittlerweile hatten die nied.-österr. Stände ihre erste Erklärung 
eingebracht, welche dahin ging, dass sie 120 Tausend Gulden gegen 
6Vo Verzinsung darlehensweise leisten wollen, sie depreciren jedoch 
gegen die Vermehrung der im Lande einquartirten Truppen und pro- 
testirten zugleich gegen die Leistung des Serviz-Guldens. Bei der 
täglich steigenden Gefcihr und Nothlage, musste diese Erklärung auf 
die kaiserl. Regierung einen tiefverstimmenden Eindruck machen. In 
einer Note, welche die Hofkammer unterm 26. Februar 1683 an die 
Hof-Kanzlei richtete, verwahrte sich dieselbe gegen die Bezahlung der 
6^0 Zinsen und des Serviz-Guldens.^) 



^) N.-Oe. Landes-Archiv E. 2. 8. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13862. 

^) K. k. H. K. A. Fase. 17101. In Nieder-Oesterreieh lachen 6 Regimenter 



und 2 Compagnien. 



4* 



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52 

Auch den Kaiser erfüllte die Haltung der nied.-österr. Stände 
mit tiefem Kummer. Um auf dieselben einzuwirken, stand ihm jedoch 
kein anderes Mittel zu Gebote als Vorstellungen. Ein kaiserl. Erlass, 
welcher ddo. Wien, 6. März 1683 an die Stände gerichtet wurde, 
dankt zunächst für die anticipirten 120 M fl. mit dem Bemerken, dass 
die ü^/„ Verzinsung für ein halbes Jahr genügen dürfte. Der Kaiser 
erwartet, die Stände werden sich „bei diser bevorstehenden überaus- 
grossen gefahr bereit finden," bei der Haupterklärung über die heurige 
Landtagsbewilligung ergiebig beizutragen. „Weillen der einige Schutz 
und bedeckhung diser Länder auf einem frühen und zeitlich Anzug 
der Armada nacher Hungarn beruhet, und nun derselben der General- 
Rendevous auf den halben Monat April em bestimmt und vorgeschrieben 
ist, selbiger aber mit nichten werkhstellig gemacht werden kann, es 
werde dann der Soldat vorhero mit seinem Soldt versehen vnd ab- 
gefertiget," es mögen daher die Stände eifrig dahin wirken, dass den 
Truppen thunlich bald die Verpflegung zukomme. Auf den Serviz- 
Gulden mögen sie, da die Truppen ohnehin bald das Land verlassen, 
verzichten. „Sie gethreu-gehorsamste Ständte bezaigen hierdurch Ihre 
für das Vatterland tragende beständige Sorgfalt, befür- 
dern dessen wohlfarth, vndt ihre aigene conservation, 
wenden ab den sonsten besorglichen Vor- vnd Einbruch 
des grausamben Erbfeindts, vnd erweisen benebenss 
Ihrer Kays. Mt. einen zu immer wehrender Dankhnembig- 
kait erkenntlichen threu-gehorsamsten Dienst, für welchen 
dieselbe Ihnen mit Kays, vnd Landtsfürstl. Hulden und Gnaden be- 
ständig vnd ieder Zeit gewogen verbleiben." ^} 

Fragen wir nunmehr nach dem Erfolg, welchen der Kaiser mit 
diesen Vorstellungen und dem warmen Mahnwort erzielte, so müssen 
wir leider sagen, die Hilferufe desselben blieben wirkungslos. Erst am 
31. März 1683, somit drei Wochen nach dem inständigen Ansuchen 
des Kaisers vom G. März, bringen „die gesambt-gethreuen Landt- 
stände des Erzherzogthums Oesterr. vnter der Enns" ihre Haupt- 
erklärung ein, welche Eingabe, so weit sie sich auf die Steuerbewilligung 
für das Jahr 1683 bezieht, nachfolgend mitgetheilt wird: 

„Allerdurchleuchtigist etc. Kayser etc. 
Alergnädigister Herr vnd Landts-Fürst. Es haben Euer Kays. 
Mayt. den 1 1. January datirten, vnd hernach den 18ten eiusdem dises 



'} Nied.-Oest. Landes- Archiv. Repartitionen. 



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53 

Jahres allergdst. eröfneten Landtags-Proposition in krafft deren die- 
selbe 1^ Die vbernehmung der Raaberischen Gräniz bezahlung sambt 
dess Obristen alda gewöhnlichen Besoldung auf weiss vnd Form wie 
verwichenes Jahr, 2^ Zu Verpflegung der vorhandenen vnd bey antrin- 
genden Türckhenkrieg aufs höchst alss müglich nothwendig verstärk- 
hend Armada den dises Erzherzogthumb Oesterreich vnder der Enns 
gegen andern Erbkönigreich vnd Landen der proportion nach betreffen- 
den Unkosten pr. 571.625 fl., der gestalten, dass die portion durch- 
gehen ts zu 3 fl. gerechnet, hingegen die Services vnd durchzugs vn- 
kosten vnabgeraither verbleiben sollen. H" zu höchstbedürfftiger be- 
streitung der Magazinen, vnd dess Obristen Proviantambts 2000 Muth 
Getraids. 4" zu vnvmbgänglichen Vestungsbau der Statt Wienn alss 
auch nothwendigen Legung vnderschidlicher Schanzen bey denen 
Prückhen vnd Befestigung der Insul ienseits der Schlag-Pruck die 
Landtrobath zu verschaffen, vnd nit weniger zu bestraitung des Thul- 
nerisch vnd Nussdorfferischen Wassergebaü von 5 bis 6000 fl. beyzu- 
t ragen. 5" Zur freyen disposition vnd vnderhaltung der bey der Regens- 
purgerischen Reichsversamblung vnd vast an allen Christlichen Hoffen 
kostbar stehenden Potschafffcen, Residenten vnd extraordinari Gesandt- 
schafften 300 M fl. gdst. begehren. Die gethreu-gehorsamste Ständte haben 
die weithläuffig enthaltene Grundtvrsachen der allerseits aufflammenden 
Kriegsgefahrlichkeiten, derentwegen Euer Kays. Mt. zu zeitlich für- 
kherender Erröttung vnd conservation des geliebten Vatterlandts dero 
gethreue Ständte mit so hochen Postulaten zu belangen getrungen, 
wehmuethigist zu Gemueth genohmen; Vnd so herzseuffzend allen 
disen gestellten allergdste. postulatis, welche allein dem universo vnd 
particulari zu guetem angesehen, allergehorst. zu deferiren verlanget, 
als laider die vn vermögende erschwinglichkeit des abgeschwächten lieben 
Ünder-Oesterreich durch die so langjährig anhero erlittene Kriege, 
Underhalt- und Werbung der Kriegs- vnd Landtvölkher, contribuirung 
zu denen Hungarischen Gräniz- Vestungen, so villfeltig bisshero gelaiste 
des Landts-Kr äfften vbersteigende Bewilligungen, die gegen den alten 
Herkhommen vnwissendt der Ständte des Landts effecten gravirende 
vnd in die gehorsambste Bewilligung einlauffende neu aufgebrachte 
Aufschlag vnd Landtsgravamina, wardurch landtskündig vil Burger vnd 
ünderthanen in solches Abnemben, Armuth und Nothstandt kommen, 
dass viel derselben ihre Landtsanlagen nit aufbringen können, dahero 
die Herrschaften selbsten auch theilss mit Aufnehmung des Geldts 
gegen Interesse dem Publico zusteuren, die Gaaben herschiessen, vnd 



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54 

sich wegen des schlecht vnd vast ganz gespörrten Verschleiss der 
Landtseffecten bevorab des Weins, dessen Aussfuhr und Versilberung 
durch die allzu hoche Aufschlag niderliget, in Schulden eintieffen 
müssen, die ungehindert der Missrathung, Sterb- vnd Kriegslauff willen 
vorbehaltenen nit schuldig abzuführen doch gleichwohl in Hoffnung 
einiger sublevation in totum erstatten Bewilligungen, vnd die zurück 
geblibene höchstnothwendig habende Abhelffung obeingeführter vnd 
nachfolgender in specie vmb remedirung bittender Landtsgravaminum, 
die Unmüglichkeit vorstellen. Zu mahlen aber die Gefahr der einer 
vnd anderseithen ausgeschlagenen Kriegsflammen aniezo vast grösser 
alss niemalen vmb sich griffen, vnd in Eimanglung gewaltiger resistenz 
dem geliebten Vatterlandt der gänzliche ruin anbethrohet werden will, 
Alss wollen in zu Euer Kays. Mi vestsezenden Verthrauen, dieselbe 
miteis Göttlichen Beystandt, nach so immerher threuwillfährigist dar- 
gereichten hochen Dargaben, die grausamb christfeindtliche Verhörgung 
abwenden, vnd dem ganz forchtvollen Pauern, Burger vnd Landtsassen 
bey dem allein vbrig habenden Grundt und Boden starkhmuethigist 
schüzen werden, die gethreu gehorsambste Ständte vnder einsten die 
eusseriste Nothbewilligung ergreiffen, und, obwohlen das arme Landt 
wie oben vnderthänigist gezaiget worden, nur mitelloser und schwacher 
worden, nach allen Kräfften sich bearbeithen, das voriährige zuerstreitten, 
vnd mithin für gegenwerthiges Jahr die Hungar. Raaberische Gräniz- 
bezahlung in quanto et quali vnder vormahls vorgesehenen reservaten 
gehorsamst vber sich nemben, auch für all obig gestelte, oder so directe 
vel per indirectum stellende postulata, cumulatim tam pro militari 
quam Camerali 650/ M gülden, auf die gethane gdste. Versiecherung 
das Euer Kays. Mt. hiebey acquiescieren, vnd in die gethreue N. Oe. 
Stände mit einigerley was Namen habenden Begehren, oder particular- 
Darlehen anheuer weiters nit sezen, sondern hierauf den Landtag 
deroseits schliessen werden, doch dergestalten, das die Mundtportion 
der ienigen miliz, so im Lanät quartirt pr. 4 fl. abzurechnen vnd der 
Service gülden den hart belästigten Quartierstandt, der im widrigeseit 
vnauftraglich vnmüglich bestreitenden meheren Landtsanlagen zu be- 
legen sein wurde, zu gueten kommen solle, Nit weniger der durch- 
Zugsunkosten, er seye gross oder klein, den die von disem Landt zu 
logieren nit übernohmene durch marchirende Kriegs völkher Verursach, 
die Mundt* und Pferdtportion wie ie vnd allezeit gewesen, pr. 9 Kreuzer, 
wardurch der den Durchmarche leidende Burger und ünderthan gleich- 
wohl nit das Drittel dessen, was von ihme erprest wirdt, überkommet, 



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55 

zu defalciren, auch des vierten Standts bey der Gräniz bezahlung an 
ihren verglichenen schuldigen Bey trag vnd andern gebührenden 
Bewilligungscontingent, rückhbleibenden Rest ohne Entgelt der Vice- 
dombischen mit denen drey Obern Ständten verglichenen quota, welche 
denenselben alss einige von denen incorporirten Landtgüettern her- 
fliessende Gebührnuss zueständig, in solutum zu vbernemben, vnder 
vori ährigen terminen alss künfftige Liechtmessen vnd Ostern des er- 
warthenden 1684isten Jahres nach Abzug der ad interim verwilligten 
auch vast auf Anweisung vnd Hoffkriegs-Zahlmeisterische Quittungen 
der Soldatesca abgeführten 1 20/M fl. vnd des ersthin vor wenig tagen 
von denen gethreuen drey Obern Ständten in Abschlag solcher, über 
das was Sie sonsten durch ihre interims-Anschlägmitel zusamben brin- 
gen können, pr. 60, M fl. und dem vierten Standt pr. 40 /M fl. auf- 
zubringen, gleichfahls der Miliz zu bezahlen gehör s. erbiethenden Dar- 
lehens sambt dem von obberührten anticipationen denen Credits-Par- 
theyen verschriebenen Jahres-Interesse zu 6 pr cento, auch dessen 
wass auf weitere Anweisung dises Jahr hindurch vorauss angenohmen 
vnd bezahlt wurde, allerunderthänigist verwilligen. Wie nun Euer 
Kays. Mt. Guete allergdst. erkhennen wirdt, das dises eine in gegen- 
werthiger Kriegs vnd besorgender Landtsruingefahr zu Abwendung 
solcher neben der übernomenen Gränizbezahlung vnd der vom Landt- 
man vnd Burger dargereichten Vermögens oder besser Türkhensteuer auch 
a parte Verschaffung 1000 Floss Trauner Trümmer zu denen Pallisa- 
den äusseriste über eine Million sich belauffende Nothbewilligung ist^ 
der dem Burger vnd Underthan schwör fallenden Landtrobath, ingleichen 
dess bey Aufrichtung der Kreudenfeuer, reparirung der Fluchtörther, 
vnd etwas Versehung derselben mit munition und gewöhr, auch Ver- 
hauung der Wälder auflauffenden für dissmahl übernohmenen Unkosten 
zuge schweigen ; Eben also wirdt dero Milde landtvätterlich erwegen 
das solche anderer Gestalten nicht zu behaubten, Alss wan das Landt 
durch Euer Kays. Mt. Waffen von der befahrenden devastirung in 
totum geschüzter, auch vom Sterbslauff, Missrathung der Früchten vnd 
Landtschaden cuius cunque nominis gesegneter verbleibt. Wie im 
widrigen Fahl (darfür Gott gnädiglich seye) die gethreu-gehorsamste 
Ständte den Erlag des verwilligten quanti nach proportion des Scha- 
dens vnd Zeit allervnderthänigist zu depreciren getrungen sein wurden." 
Nun reihen die Stände in 14 Punkten verschiedene Beschwerden 
zum Theil finanzieller, zum Theil politischer Natur an, darunter in 
erster Reihe die in den letzten Jahren verfügten Aufschläge, Ver. 



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mögenssteaer u. s. w. um deren sofortige Aufhebung gebeten 
wirdt.^) 

Gehen wir in das Wesen der von den Ständen Nieder- Oesterreichs 
am 31. März 1683, somit zu einer Zeit, wo die türkische Heeresmacht 
bereits im vollen Anzüge gegen die Donau war, abgegebene Erklärung 
ein, so haben wir zunächst hervorzuheben, dass das in den Landtags- 
Propositionen gestellte Postulat in Geld zusammen 876.625 fl. und in 
20 JO Muth Getreide bestand, dem entgegen die Steuerbewilligung der 
Stände pro 1 683 im Ganzen 650.000 fl. betrug, woran sie überdiess die 
ausdrückliche Bedingung geknüpft hatten, dass im Jahr 1G83 an sie 
keine wie immer geartetete Anforderung, sei es als Darlehen oder als 
Steuerzuschuss gestellt werden darf. Allein selbst auf diesen gegen 
die Proposition um 226.625 fl. verminderten Steuerbeitrag leisteten 
die Stände blos eine Abschlagzahlung von 1 20.000 fl. ; femer die drei 
obern Stände ein Darlehen von 60.000 fl. und der vierte Stand von 
40.000 fl., jedoch Abschlagzahlung an der Steuer und Darlehen, zu 
6^^,, verzinslich. 

Am 31. März 1683, dem Tage, an welchem die nied.-öst. Stände 
ihre Haupterklärung für das Jahr 1683 abgaben, war das erste Quartal 
dieses Jahres bereits abgelaufen. Die Abschlagzahlung pr. 120.000 fl. 
betrug nicht den vierten Theil der Steuerbewilligung. Dieser Betrag 
war mit dem 31. März 1683 zur Abstattung fallig, die Stände hatten 
jedoch keinen Anstand genommen, für denselben eine 6^* q Jahresver- 
zinsung in Anspruch zu nehmen. Nach unsern heutigen Begriffen über 
Steuerzahlung, finden wir für dieses Vorgehen der Stände Nieder- 
österreichs nur schwer eine Erklärung. Wir sind jedoch mit unsern 
Erörterungen noch nicht zu Ende. Die Stände sprechen wiederholt die 
Erwartung aus, der Kaiser werde mit seinen Waffen das Land gegen 
feindliche Einbrüche zu schützen wissen, und erklären, dass sie die 
Steuerbewilligung pro 1683 nur unter der Voraussetzung machen, 
dass der Kaiser der von ihnen gehegten Erwartung entsprechen werde. 
Um auch in dieser Beziehung sicher zu gehen, erklären sie weiter, 
dass sie den nach Abschlag der als Steuer und Darlehen geleisteten 
3 Beträge zusammen 220.000 fl. noch verbleibenden Steuerausstand 
von 40O.OUO fl erst an Lichtmessen und Ostern des Jahres 
1684 bezahlen werden, woran sie jedoch sofort den Vorbehalt knüpfen, 
dass sie einen durch feindlichen Einbruch, Misswachs und Sterblauf 
ihnen zustossenden Schaden, davon in Abzug bringen werden. 

. ') Archiv d. k. k. Min. d. Innern IV. H. 3. und k. k. H. K. A. Fase. 17103. 



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67 

Die Stellung der Stände "Niederösterreichs zu den vom Kaiser 
angeordneten umfassenden Kriegsrüstungen, darf als im höchsten Grade 
befremdlich bezeichnet werden, in Bezug auf das Jahr 1683 kamen 
ihre Beschlussfassungen mehr einer Steuerverweigerung als der Be- 
willigung eines nur in etwas entsprechenden Steuerbeitrages gleich. 
Solche Zustände mussten ganz unvermeidlich lähmend auf alle Kriegs- 
vorbereitungen zurückwirken. Wenn diese schliesslich ungenügend 
blieben, so werden wir, wollen wir gerecht sein, weder dem Kaiser 
noch seiner Regierang eine Verantwortung aufbürden können. Ver- 
gebens waren alle eindringlichen Vorstellungen und Ansuchen des 
Kaisers um Beihilfe, ungewürdiget blieben seine warmen Mahnworte, 
man möge Angesichts der ungeheuren Gefahr keinen Augenblick ver- 
säumen, und „in höchster Einigkheit, Coniunctis animis et viribus 
eyfferigst bedacht sein, das antrohende Uebel vom geliebten Vatter- 
land abzuwendten. " 

Wir sind nunmehr an einem Punkt angelangt, wo an uns die 
Frage herantritt, welches war die Stellung der Stadt Wien, als des 
wichtigsten Mitgliedes des vierten Standes, zu der von den Ständen 
Niederösterreichs eingenommenen Haltung ? Es wurde oben darauf auf- 
merksam gemacht, dass von Seite der Hofkammer gegen die Stadt 
Wien der Vorwurf erhoben wurde, dass sie seit einigen Jahren „in 
allen Steuern vnd Gaben, das Jus retentionis sich selbst 
oingeraumbt habe, welches dan berait Etliche 100 Tau- 
send fl. austraget" (Seite 11); dass die Hofkammer bei der Hof- 
kaazlei dringlich um die Execution angesucht hatte, und dass diese 
ernste Frage auch bereits vor dem Kaiser zur Verhandlung gebracht 
worden war (Seite 13). Anlass zur Steuerverweigerung des vierten 
Standes gab, wie oben nachgewiesen wurde, die bisher unentschiedene 
Anrechnung des von den vicedomischen Herrschaften entfallenden 
Steuerzutrages. In der Erklärung vom ;>1. März 1683 (Seite 55) nahmen 
die ,drei obern Stände diesen Zu trag ausdrücklich für sich in An- 
spruch, in Folge dessen auch der vierte Stand bei seiner früheren 
Haltung blieb. Für das Jahr 1683 gewährte derselbe nur einen Bei- 
trag von 40.000 fl. und gab demselben, um sich nicht zu präjudiciren, 
den Namen eines Darlehens. Da der vierte Stand \/- des bewilligten 
Steuerbeitrages von 650.000 fl. mit 130.000 fl. zu leisten hatte, so 
blieb er abermals mit einem erheblichen Betrage im Rückstande, wo- 
von die Hälfte auf die Stadt Wien entfiel. Dass dieselbe mit Schluss 
1683 mit der Steuer pro 1683 im Rückstande war, geht aus dem 



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58 

Votum des vierten Standes über die 1684er Landtagsproposition her- 
vor. Wir finden dieses Votum bei Camesina 1. c. Anhang, Beilage XIV., 
Seite 20 u. f. abgedruckt, wo auf Seite 21, Zeile 23 von oben aus- 
drücklich gesagt wird: „dass sie (die Stadt Wien) die Fertige (vor- 
jährige) so grosse Landtagsbewilligung, mit ihrem Contingent 
noch fast völlig erligt." 

So wie die Stände von Niederösterreich, nahmen auch jene des 
Landes ob der Enns, gegen die ihnen schon im Jänner 1683 mit- 
getheilten Landtagspropositionen pro 1683, eine schroif ablehnende 
Haltung ein. Die kaiserl. Landtags-Commissäre Johann Veit Herr von 
Gera, Severin Abt zu Lamberg und Johann Anton Ekhart von der 
Thään, Vicedom, melden ddo. Linz 23. Jänner 1683, dass die Stände 
„für alle an Sye anheur Gethane Landtags-Postulate pro hie el nunc 
allein pr. Pausch 80/M fl. auf negsten khonfftige Osstern zu bezallen 
verwilliget. Im vbrig aber ains mehrern Quartierslast, als Sye bereits 
damit belegt seyn, in vnterthenigkeit depreciert haben." Die Com- 
missäre bemerken, sie wollten die Stände zu einem höhern Beitrag 
bewegen, allein der grösste Theil derselben sei nach Abgabe der ersten 
Erklärung eilends abgereiset. ^) 

Mit der Note vom 10. Februar 1683 erhob die Hofkammer bei 
der Hofkanzlei Beschwerde gegen diesen ganz ungenügenden Steuer- 
beitrag, mit Rücksicht auf die „allerorts antringenden grossen auss- 
gaben. " In Folge einer^ neuerdings an sie ergangenen Vorstellung er- 
klärten die oberösterr. Stände ddo. Linz 16. März 1 683, dass sie mit Vor- 
behalt des freien Eingriifes und Ersatz des verwendeten Serviz-Guldens, im 
Ganzen 180 M fl. beitragen wollen, u. z. zu den bewilligten 80 M fl. noch 
20/M fl. an Ostern, 40 M fl. an Bartholomai und 40 M fl. am Jahres- 
schluss, sie bitten jedoch, der Kaiser möge sie „mit vernerer Re- 
plic allergnädigst verschone n.** Auch diese Erklärung führte 
Seitens der Hofkammer zu einer Note an die Hofkanzlei ddo. 6. April 1683, 
es mögen die Stände veranlasst werden, wie im Vorjahre 230/M fl. 
zu bewilligen, u. zw. 150 M fl. an Ostern zahlbar, zugleich mögen sie 
auf den Serviz-Gulden verzichten, was um so leichter sein kann, da 
die Truppen in kurzem aus dem Lande abziehen werden.-) Die weiteren. 



^) K. k. H. K. A. Fase. 17101. Es war damals bei den ob der Ennser 
Ständen üblich, dass sie, um eine weitere Verhandlung abzusehneiden, nach 
der Abgabe einer Erklärung, Linz alsbald verlassen haben. 

2) K. k H. K. A. Fase. 17103. 



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59 

geradezu peinlichen Verhandlungen verhallten förmlich unter dem bald 
hereinbrechenden Waffenge tose. 

Nachdem die Stände der Erbländer bishin für ihre Person und 
ihr Vermögen steuerfrei waren, und lediglich in so ferne zu einem 
Beitrag beigezogen werden konnten, als von ihren Herrschafts-Unter- 
thanen, die auf dieselben umgelegten Landessteuern nicht beigebracht 
werden konnten, so hatte, um die Stände auch für ihre Person zu 
einem Beitrag zu den öffentlichen Lasten heranzuziehen, Kaiser 
Leopold L, wie oben bereits erwähnt wurde, über Antrag des Hof- 
kammer-Präsidenten von Abele eine Vermögenssteuer eingeführt, der 
man bald, da sie aus Anlass des Türkenkrieges entstanden war, den 
Namen „Türkensteuer** gab. Für die Stände war diese Neuerung, 
welche überdiess ohne ihre Zustimmung zur Durchführung kam, ein 
wahrer Dorn im Auge. ^) Sie legten bei jeder sich bietenden Gelegenheit 
gegen dieselbe Verwahrung ein, oder suchten sich ihr zu entziehen. 
Für das Jahr 1683 wollten sich die Stände von Oberösterreich durch 
die Entrichtung eines Pauschales von 80/ M fl. von der Vermögens- 
steuer frei machen. Die Hofkammer lehnte diesen Antrag unterm 
14. April 1683 ab.^) 

Es sind traurige Zustände, in welche uns durch das vorstehend 
mitgetheilte Quellen-Materiale ein Einblick geöffnet wird. Wenn die 
Landstände von Nieder- und Ober-Oesterreich, welche Länder durch 
die lawinenartig heranrückende Gefahr eines Türken-Einbruches zunächst 
und am meisten bedroht waren, trotz der eindringlichen Vorstellungen 
des Kaisers, die geschilderte ablehnende Haltung annahmen, wie konnte 
von den Ständen der übrigen, von der Türken-Invasion weniger und 
nicht unmittelbar bedrohten Länder ein ergiebiger Steuerbeitrag er- 
wartet werden ? Der Gedanke der Zusammengehörigkeit und der Noth- 
wendigkeit einer wechselseitigen Unterstützung in Zeiten der Noth und 
der Gefahr war bei den Ständen der einzelnen Länder ganz erloschen. 
So wie jedes Land die Steuerbewilligung und Beiträge zur Abwendung 
der gemeinsamen Türkengefahr, so weit es nur immer möglich war, 
auf ein Minimum herabzudrücken suchte, und sohin dem Nachbarlande 



*) Zur Bemessxing der Steuer waren Vermögens-Bekenntnisse einzubringen 
Die ganze Angelegenheit war im Anfange schwer zu handhaben, bis endlich 
auf Grundlage der gewonnenen Erfahrungen das Vermögenssteuer-Patent vom 
24. Nov. 170-2 erlassen wurde. Cod. anst. II. Bd. S. 368. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13863. 



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00 

die demselben dringend nothwendijge Beihilfe vorenthalten wurde, so 
geschah es auch durch die Mitglieder der einzelnen Landtage. Auch 
bei diesen fehlte jede Pflege des Gedankens der Solidarität und der 
Zusammengehörigkeit. 

Wir mussten wiederholt vernehmen, wie die Stände bei der Ab- 
gabe ihrer Steuererklärungen jedesmal ihr „Unvermögen" und die „Un- 
möglichkeit eines höheren Beitrages" geltend zu machen suchten. Dem- 
entgegen kömmt jedoch festzuhalten, dass sich damals der Reichthum 
der Länder thatsächlich in den Händen der Herrschaftsherren und der 
Geistlichen befand. ') Nur zum Steuerbeitrag gebrach es denselben an 
den Geldmitteln, sie waren jedoch bereit, bedeutende Summen, gegen 
ergiebige Verachreibungen und Verpfandungen und gegen hohe Ver- 
zinsung, welche später durch Superzinsen gesteigert wurden, der Re- 
gierung als Darlehen zu überlassen. 

In einer überaus schwierigen Lage befand sich bei dem, nament- 
lich in der Steuerbewilligungsfrage zwischen der Regierung und den 
Ständen obwaltenden Gegensatz, der Landmarschall, beziehungsweise 
Landeshauptmann. Dim fiel die Aufgabe der Vermittlung in dieser 
höchst verfänglichen Angelegenheit zu. In Oberösterreich nahm der da- 
malige Landeshauptmann HelmhardtChristoph GrafWeissen- 
w 1 f eine den Propositionen der Regierung wenig entgegenkommende 
Haltung ein. In Nieder-Oesterreich war an die Stelle des am 10. Octo- 
ber 1681 gestorbenen Grafen Hanns Balthasar von Hoyos, 
Franz Maximilian Graf von Mollarth als Landmarschall 
getreten. 

Obwohl die Verhältnisse damals noch bei weitem nicht so schwierig 
waren wie einige Jahre später, ergab sich dennoch zwischen dem 
ersteren und dem Hofkammer-Vice-Präsidenten Grafen Johann Quintin 
Jörger eine Misshelligkeit, welche zur Beleuchtung der obwaltenden 
Eigenthümlichkeiten nicht ohne Interesse ist. In einer an den Hof- 
kammer-Präsidenten Freiherrn von Abele gerichteten, eine Steuer- 
abrechnung der nied.-österr. Stände betreffenden Eingabe, bemerkt 

') Anch die Stadt Wien wurde durch das sich hier allmälig geltend 
machende Uebergewicht des Adels, der Geistlichkeit, der sogenanilten Hof- 
befreiten u. s. w. erheblich verkürzt. Man vergleiche diesfalls das bereits er- 
wähnte Votum des vierten Standes zur Landtagserklärung 1<J83. Camcsina 1. c. 
Anhang Seite 21. Besonders jedoch sind die nur allzuberechtigten Beschwerden 
der Stadt Wien hervorgehoben in einer Eingabe vom Monat November 1683, 
welche sich in dem Vortrage der Hofkanzlei an den Kaiser vom 5. Juli 1684, 
vorfindet (Arciiiv des k k. Min. des Innern). 



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61 

Graf Jörger: „Nun hab Ich mich mit Ihme Land-Marschallen in wei- 
tere contradiction daselbst darumben nit einlassen wollen, weilen 
vnlängst im verwichenen Jahr, alss Ich in Collegio Deputatorum das 
Kays. Interesse, Er hingegen contra Ofücium sunm der Ständt Syn- 
dicum agii't, von Ihme bey vilen vornemben Landts-Mitgliedern in 
praejudicium mein vnd Meiner Kinder fälschlich angegeben worden, 
ob hätte ich Sye Stände Rebellen gescholten, bis Herr Statthalter 
solches zu meinem glückh, in der Landesfürstlichen Regierung öffent- 
lich, et in fortissimis terminis widersprochen. Worüber ich sonst khein 
ander satisfaction erlangt, alss dass man mich bey Ihro Kays. Myt. 
zu Prag sinistre vorgestellt, offbesagten Landt-Marschallen ohne Ursach 
querilirt zu haben, so mir doch nie in Sinn komben; Worauss die 
Herrn dassmehrer, vnd zwar dieses vernünftig abzunemben, wie schwehr 
es mir vnd anderen falle, bey solcher gestaldtsambe Ihr Kays. Myt 
getreu und Eyfferig zu bedienen." ^) 

Bei der geschilderten, ablehnenden Haltung der Landstände be- 
züglich eines, der ausserordentlichen Nothlage nur in etwas entspre- 
chenden Steuerbeitrages, war die Hofkammer gezwungen, zur Deckung 
des Geldbedarfes ganz ungewöhnliche Mittel in Anwendung zu bringen. 
Obwohl die landesfürstlichen Beamten bereits den zwanzigsten Groschen, 
d. i. 5% ihrer Gehaltbezüge als Türkensteuer abgaben, so erfolgte 
dennoch ddo. Wien 4. October 1682 die Ausschreibung eines von den 
gesammten Beamten von Nieder- und Ober-Oesterreich zu leistenden 
Amtsdarlehens zu 6"/^ verzinslich und binnen drei Jahren rückzahlbar. 
Das Erträgniss dieser Finanzmassregel war auf 152 bis 162 Tausend 
Gulden veranschlagt. '-) Da mehrere Aemter nur ungenügende Erklä- 
rungen einbrachten, erging unterm 16. Mai 1683 an dieselben eine 
strenge Mahnung. •^) 

Nachdem die täglich wachsende Gefahr eine Beschleunigung der 
Steuerverhandlungen als dringend nothwendig erscheinen Hess, so 
richtete die Hofkammer unterm 28. April 1683 an die Hofkanzlei eine 
Note mit dem Ansuchen, die Beiträge der Stände zu betreiben, nament- 
lich aber für die Vermögenssteuer auf die Einbringung verlässlicher 
Bekenntnisse zu dringen, und gegen die Säumigen mit den patent- 
gemässen Strafen vorzugehen. ^) 

') K. k. H. K. A. Faso. 17092. 
2) Daselbst. Fase. 17099. 
8) Daselbst Fase. 17102. 
*) Daselbst. Fase. 13863. 



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62 

Unterm 20. Mai 1683 erstattete die Hoffeammer an den Kaiser 
einen Vortrag, in welchem sie die grosse Nothlage darstellte. Der 
Obrist-Feldkriegs-Commissär Graf Breinner hatte nachgewiesen, dass 
in Folge der ganz ungenügenden Steuerbewilligungen der Landstände 
an den ordentlichen Kriegsbedürfnissen noch 3.370.000 fl. ungedeckt 
sind, dass die Truppenanwerbungen und die Ausrüstung ins Stocken 
geratheii. Der Kaiser liess diesen Vortrag zunächst dem Fürstbischof 
von Wien Emerich Sinelly und dem Obersthofmeister Fürsten 
Ferdinand Dietrichstein zur Aeusserung zustellen.^) Es trat 
nunmehr auch die Frage einer Beiziehung des Vermögens der Geist- 
lichen und der Kirchen zu den Kriegslasten, wozu nach der damaligen 
Einrichtung die päpstliche Zustimmung nothwendig war, in den Vor- 
dergrund. 

lieber Anordnung des Kaisers traten am 6. Juli 1683, in der 
Wohnung des Fürstbischofs zusammen: der Fürstbischof, der Oberst- 
hofmeister, der böhmische und der österr. Hofkanzler, der Hofkammer- 
Director Graf Georg Sigmund zu Trautmannstor ff und der 
Referendarius Mayer. Die Beischaffung der Geldmittel anbelangend, 
erwähnte unter anderem Graf Trautmannstorf: „dass der Erz-Bischof 
zu Raab auf Vier Landtgutschen-Wägen diser Tagen Ein grosse Pahr- 
schaft Hieher nach Wien gebracht, welche pro Bono Publico doch 
gegen Einer Obligation und Versicherung, etwan auf Hungarische Fis- 
caliteten nit Unbillig zu ergreiffen, und anzuwenden, absonderlich auf 
den Türkenkrieg." Es wäre der genannte Erzbischof, so wie jener zu 
Gran, dann die Prälaten in Ober-, Unter- und Inner-0 esterreich „nit 
zwahr cum rigore. Jedoch mit aller immer diensamben vnd erhöblichen 
Persuasoriis und Vorstellung der obstehenden grossen Gefahr, vnd 
Ihres khundtbahren Wohlvermögen, auch cum comminatione der neuen 
Bereittung wegen Ihren genüssenden verschwiegenen Güldten ergäbige 
Anticipationes in all weg zu ersuchen , Vnd im Vbrigen wegen der 
Geistlichkeit dem Herrn Cardinal-Nuntio nach müglichkheit, an die 
Handt zu stehen, damit, was von dortten verhoffet wirdt, auch ehistens 
in würkhlichen Effect gebracht werden möge.*' Dem Act liegt eine 
Art Memorandum über die zur Beschaffung der Geldmittel geeigneten 
Massregeln bei. Es werden erwähnt: der Verkauf von Kammergütern; — 
„der Clerus und die Prälaten, welche unter denen anderen Land- 
ständten die Vermöglichisten, wegen eines ergäbigen besondern Bey- 



') K. k. H. K. A. Fase. 13864. 



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63 

träges anzugehen;*' — Verkauf der Steuern und der Landsteuer in 
Oesterreich unt. der Enns; — ein allgemeines Darlehen wie im Jahr 
1643; — Einführung des Stempelpapiers; — „Das Negotium, wegen 
der Geistlichkheit mit dem beystandt des Bäpstlichen Nuntij ganz 
ausszuraachen ;" — ,..So wehren auchKays. Mayt. Kleynodien 
vnd Schaz-Sachen, Hieuor versetzet worden, vnd etwa 
auch das Uebrige Silber anzugreifen." *) 

Die am 6, Juli 1683 in der Wohnung des Fürstbischofs statt- 
gefundene Beratung dürfte, vor der Türkenbelagerung, die letzte in 
Wien abgehaltene Verhandlung über die trostlose Finanzlage gewesen 
sein, denn schon am 7. Juli 1683 verliess der Kaiser mit dem grösstep 
Theile der Behörden die Stadt. 

IV. 

Actenstücke zu den Verhandlungen mit Polen, 

Unter jene europäischen Staaten, welche in der zweiten Hälfte 
des XVn. Jahrhunderts einer üeberflutung durch den Islam am meisten 
blosgestellt waren, gehörten in erster Reihe Polen und die österreichi- 
schen Länder. Die Gefahr steigerte sich, als der bishin von der Türken- 
herrschaft freigehaltene Antheil von Ungarn unter Tökely's Einfluss 



*) K. k. H. K. A. Fase. 13864. In Bezug auf den Prälatenstand wurde 
dessen „khundbares Wohlvermögen" aber auch die von ihm „genüssenden 
verschwiegenen Güldten" betont. Ueber die thatsächliche Stellung des nied.- 
österr. Prälatenstandes zur Finanznoth des Kaisers möge es gestattet sein, 
einen Fall hervorzuheben. Leopold I. war den nied.-österr. Prälaten den Betrag 
von 171 Tausend fl. schuldig. Mit der Resol. ddo. Neustadt 24. Juli IG81 wurde 
denselben der Antrag gestellt, der Kaiser wolle, weil er dermalen in grosser 
Geldnoth ist, diese Summe in drei Jahresraten bezahlen, und den jeweiligen 
Rest SU 5^0 verzinsen, „im widrigen fahl aber, würden Ihre Kays. Mt. nicht 
underlassen, zu erhaltung dess Edlen Credits die völlige entrichtung in Capital 
vnd Interresse auf heuer allergnädigst zu verordnen". Es wurde mit den 
Prälaten verhandelt und verlangten die sofortige Rezahlung ihres ganzen 
Capitals und ß*'/« Zinsen nur: „Mathäus Abt zu Lilienfeld, Carolus Probst zu 
Timstein, und Franziscus Probst zu Pernegg'^ Die übrigen gingen mit ver- 
schiedenen kleinen Aenderungen in den Zahlungsmodalitäten, in den gestellten 
Antrag ein. Obwohl den Prälaten die in Folge des Türkenkrieges eingetretene 
Finanznoth des Kaisers nur zu gut bekannt war, die Zahlung der letzten Rate 
auch erst mit Ende 1683 zu leisten war, nahmen sie dennoch keinen Anstand 
dieselbe schon unterm 12. Juni 1683 durch die Ständischen Verordneten in 
Erinnerung zu rufen. Als Erledigung findet sich auf dem Act lediglich die Be- 
merkung „Dient zur Nachricht". Fase. 1/103. 



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64 

derselben ebenfalls zu verfallen drohte. Die Türken hatten die Moldau, 
eine zwar selbständige, aber unter polnischer Lehensherrlichkeit ste- 
hende Provinz erobert, sie hatten der Republik Polen: Bessarabien, 
die Bukowina und Podolien entrissen, und waren bis Kaminiec-Podolsky 
vorgedrungen, von wo sie Lemberg bedrohten. Es ist somit die Frage 
berechtigt, was wäre aus Polen geworden, wenn Wien in die Macht 
der Türken fiel? 

Kaiser Leopold L hatte im Anfange seiner Regierung Polen vor 
der diesem Reiche durch die Invasion des Schwedenkönigs Karl 
Gustav drohenden Zerstückelung retten helfen. Der üebermacht der 
Türken gegenüber waren nunmehr der Kaiser und König Johann 
S b i e s k y durch alle Bande politischer Interessen an einander ange- 
wiesen. Durch den Tractat vom 24. April 1677 wollten beide Regenten 
die zwischen den beiderseitigen Staaten altbestandenen freundschaft- 
lichen Beziehungen neuerdings bethätigen. Der Türkei, als dem gemein- 
samen Feinde gegenüber, welche durch den unglückseligen Zwiespalt 
in der Christenheit, auf dem Ruin so vieler Königreiche und Länder 
zu einer, den Rest des Christenthumes mit der Vernichtung bedrohenden 
üebermacht angewachsen war, suchte Kaiser Leopold sorgfältig Alles 
zu vermeiden, um Polen in irgend einer Beziehung Verlegenheiten oder 
Schwierigkeiten zu bereiten. Nicht so König Johann Sobiesky, 
welcher nur zu bald gegen den Kaiser eine sehr zweideutige Haltung 
annahm. Er unterstützte den Aufstand in Ungarn, und liess es 
geschehen, dass von seinem Hoflager aus die Agenten Ludwig's XIV. 
die Unruhen in Ungarn schürten, ja förmlich lenkten, wodurch der 
Kaiser fort und fort mit der Gefahr eines neuen Türkenkrieges be- 
droht wurde. 

Herr Onno Klopp hat in seinem verdienstvollen Geschichtswerk 
über das Jahr 1683 das Verhalten des Königs Johann Sobiesky in 
eingehender Weise beleuchtet. Wir werden jedoch zugeben müssen, 
dass es nicht immer in der Macht des Königs stand, nach seiner 
eigenen Ueberzeugung vorzugehen, sondern dass er oft gezwungen 
war, dem Parteigetriebe an seinem Hofe Rechnung zu tragen. Wenn 
wir diesem Umstände eine Berücksichtigung zuwenden, so werden wir 
manche Schritte des Königs unter milderem Lichte beurtheilen können^ 
Zu diesem Ende müssen wir den am polnischen Hofe damals herr- 
schenden Zuständen und dem Verhältniss, in welchem eine Anzahl ein- 
flussreicher Personen zu demselben stand, unsere Aufiaierksamkeit zu- 
wenden. 



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65 

Kaiser Leopold I. war am polnischen Hofe durch einen überans 
gewandten und thätigen Abgesandten vertreten. Es war dieses der 
Resident Freiherr Hanns Christoph Zierowsky von Zierowa. 
Trotzdem Ludwig XIV. seine bewährtesten Agenten: ForbinJanson, 
Marquis Bethune, Duvernay und Marquis Vi try, mit den reich- 
sten Geldmitteln ausgestattet, an den Warschauer Hof abgeordnet 
hatte, zeigte sich Zierowsky schliesslich allen diesen Männern weit 
überlegen. Er war der eigentliche Vermittler des Allianz- Vertrages vom 
31. März 1683. Seit dem Beginne des Jahres 1672 dem kaiserl. Ab- 
geordneten zu Warschau Peter Ignaz Freiherrn von Stomb 
beigegeben, war Zierowsky seit October 1()74 als selbständiger Resi- 
dent dort thätig. ') 

Im Jahre 167<S ordnete Kaiser Leopold I. den obristen Land- 
richter in Mähren, Wenzel Graf von Althan als Gesandten zum 
Reichstag in Polen ab Unterm 25. Nov. 1678 erfolgte ein kaiserl. 
Erlass an die Schlesische Kammer, sie habe dem Grafen den „zu ge- 
heimben aussgaben'^ verwendeten Betrag von 20.000 fl. zu vergüten.-) 
Ludwig XIV. widmete ungemessene Geldsummen den geheimen Aus- 
lagen.'*^) Die kaiserl. Regierung musste ihm mit ähnlichen Waffen ent- 
gegenwirken. 

Für die diessfalls in Polen herrschenden Zustände ist zunächst 
ein Postscriptum bezeichHend, welches Zierowsky einem, ddo. Warschau 
18. März 1682, an die Schlesische Kammer gerichteten Schreiben bei 
fügt. Er sagt: „Wan dass Hungarische Wesen gäntzlich gestildt sein 
wirdt, so werden die Herrn Pohlen |^auch weniger Gelegenheit haben, 

K. k. H. K. A. Fase. 16047. 

^) Daselbst. Fase. 1()043. Es scheint dieses der erste in Polen 
derart verwendete Betrag zu sein, denn man war über die Verrechnung des- 
selben im Zweifel. Am 13. Jänner 1683 meldete die Hofbuchhaltung: ..die 
Verrartung besagter 20000 fl. wie solche zu gehaimben aussgaben Verwendet 
worden ist nit zur Hoff-Kamer oder dero Hofljuchhaltorei gelegt worden, 
sonndern naeher hoffe, vnd habe Ihro Kays. Myt. allergiiedigst befolchen, dar- 
über ein Absolutorium hinauss zu geben, so auch beschehen." Uebor die Ver- 
wendung dieses Geldes findet sich in den Acten kein Nachweis. 

^) Er sagte selbst: ..Massige Summen mit Geschick verwendet, erspa- 
ren dem Staate oft ungleich grössere Verluste. Weil man nicht Herr ist über 
eine Abstimmung, wie man es um einen wohlfeilen Preis sein könnte, zieht 
man sich den Angriff ganzer Nationen zu. Ein Nachbar, den man mit einer 
geringen Ausgabe zum Freunde machen konnte, kostet uns weit mehr durch 
seine Feindschaft,.'' Onno Klopp 1. c. S. 30. 

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66 

Vnns zu rupfen.*) Die in ansehung dieser coniuncturen die geriengste 
confidenz bezalt haben wollen, vndt so man Ihnen sowohl die Freundt- 
schafft abkauffen, alss auch wan sie sich wiederwertig zaigen sie 
durch geldt und geschenk gewinnen.-) Hie genius horum hominura, 
compositis rebus in Hungaria cadent horum talia lucra; biss dahin 
sein wir sub contributiono." '^) 

In einem Schreiben, welches Zierowsky ddo. 2. Mai 1682 an das 
königl. Oberamt in Schlesien richtete, meldete derselbe: „Unterdessen 
Berichte, dass der Herr Cron-Gross-Canzler Wielopolssky mit seiner 
Gemahlin, alss der Königin leibliche Schwester, nicht nach Carls-Baad 
sondern nach Hirschberg, vnd zwar von Crackau nach Czestokaw, von 
dannen über Nämbsslaw, Oelss nach Bresslau, vnd so forth reissen 
wirdt. Wie Er mir selbsten dise seine Disposition gestert referirt hat. 
Nun bin der bestendigen gedankhen, dass man Ihme allerorthen, alle 
nur mögliche Ehre erweissen möchte, theils weillen Er etwass 
sonders vor andern Pohlen, alss die Standthafftigkeit 
hat, vnd zue welcher Parthey Er einmahlen tritt, sehr 
fest darbey stehet, theils weillen vnss an Ihme vnd seiner haben- 
den Authorität vill gelegen, die Königin auch mehr dardurch wirdt 
gewonnen werden, wan dero Schwester mit allen Respect und Ehre 
wirdt angesehen werden."^) 

lieber Anfrage der Schlesischen Kampier, wie sich in diesem 
Falle zu benehmen sein wird, erledigte Freiherr von Abele: „dass der 
Kaiser nicht entgegen sein wolle, wie Es in dergleichen fahlen ge- 
bräuchig, die nachleb- vnd Passirung allergnädigst zu erstatten." 

Von Hennersdorf aus ddo. 18. Juni 1682 legte Zierowsky dem 
Kaiser folgende Eingabe vor : * 

Allerdurchlauchtigster etc. 
Allergnädigster Keyser, König und Herr! 

„Euer Kays, vnd Königl. Mayt. haben mittelss dero vnterm 
4. Aprilis an mich ergangenen allergnädigsten Recripts allergnädigst 
resolvirt vnd dero khayserlich Hoff-Cammer intimiren lassen, dass der 
Bischoff von Küow mit einem Kreutz mit Diamanten versetzt remunerirt 
werden solle. Nun habe entzwischen vndt biss solches kreutz erfolgen 

^) Bei dieser Stelle findet sich von anderer Hand mit Bleistift die Bemer- 
kung beigesetzt: „ist wohl wahr, Gott gebe es''. 

*) Daneben mit Bleistift: „ist war, man muss Sie nehmen wie Sy seint/" 
8) K. k. H. K. A. Fase. 16037. 
*) Daselbst. Fase. 16039. 



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67, 

würde, diese Euer khays. Mayt. gnade Dime Bischoffen von Küow an- 
gezeigt. Wass er mir aber geandtwortet hat, Vndt wie er klar zu 
verstehen giebet, dass Ihme mehr an baarem Gelde, alss an einem 
präsent gelegen sei, dass geruhen Euer kays. Mayt. auss dessen eigen- 
händig mir pr. Postscriptum beygeschlossenen Zettelss allergnädigst 
abzunehmen, worauf dan Eur khays. Mayt. allerunterthänigst bitte 
dero geheimben Rath vnd Hoff-Cammer-Präsident Freyhem von Abele 
dero allergnädigste resölution was an gelde dem Bischoffe zu geben 
sei zu ertheilen etc."*) 

In dem von Zierowsky erwähnten, vom Bischof von Kiew über- 
gebenen „Zettel", führt letzterer aus, dass er besorge, es werde durch 
diese kaiserl. Gabe Missgunst und Neid seiner Standesgenossen wach- 
gerufen werden, und dass, wenn er für des Vaterlandes Wohl wird 
reden wollen, man ihm vorwerfen wird, dass nicht sein Eifer, sondern 
die ihm zu Theil gewordene Auszeichnung ihn so sprechen lässt. 
Anderseits könnte die Geheimhaltung der Gabe, der Geber als eine 
Beleidigung betrachten. Er schreibt es nur Zierowsky zu, dass ihn 
Se. Mayt. in solchem Grade berücksichtiget, er werde trachten, dass 
Se. kays. Mt. niemalen diese Gnade bereuen. Um über die türkischen 
Intentionen zu unterrichten, schickt er das was aus der Walachei ein- 
gelangt ist, mit. 

lieber diese Eingabe wurde Zierowsky angewiesen, über die Höhe 
des an den genannten Bischof zu verleihenden Geldgeschenkes sich zu 
äussern. Von Wisocko aus, ddo. 2. October 1682 meldete derselbe an 
die Hofkammer: 

Hoch und Wohlgeborne 
Gnädige Herrn, Herrn! 
„Eur Excellenz vnd Gnaden haben an Mich gnädig rescribiret, meine 
meinung abzugeben, wie vil dem Herrn Bischof von Kyow, nunmehro 
von Luck Witwicki stat des Ihme offerirten Diamantenen Kreutzes an 
Gelde zu geben sein möchte. Darauf gehorsambst bekhennen muss, 
dass alss vnlängst auf mein einrathen ein Kreutz von Smaragden, von 
einem mittlem Werth verferttiget vnnd vbergeben worden. Solches 
aber damals anzunehmen Entschuldiget, vnd gleichsamb erzeuget 
werden wolle, Samb der Werth zu schlecht seye mir folgendts zuge- 
schriben worden, dass niemandt daran alss Ich Selber Vrsach sey, 
vnnd dahero fast bekümmert bin, Wie Ich es mit dem einrathen 

') K. k. H. K. A. Fase. 16039. 

5* 



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68 

treffen möchte, dass Es bey ietzigen schweren Ausgaben die hochlöbl. 
Cammer nicht zu vil zu sein bedunken, hingegen aber auch ein pro- 
portionirtes quantum aussgesetzet, vnnd mir kheine Schuldt beige- 
messen werden möchte. Die Bischöfe machen alhie in Pohlen Zwey 
figuren, eine in der Kirchen die ander im Senat, diser Witwicki aber 
hat noch dise dritte Qualität, dass Er vor den Witzigsten viid Ge- 
lähi'test gehalten, Wöchentlich mit dem König Correspondiret, vnd 
Kurtz zu sagen, der König in materiis Status fast eintzig vnnd allein 
desselben gutbefinden beobachtet, Vnd wie dieser Witwicki Vnns vor- 
hin seh wehr gefahlen, als Er der französischen parthey angehangen, 
Also haben wir Anietzo ein sehr grosse auantage alss Er sich zu 
Vnns gewendet, Vnd den König auf beständigen gutten Gedanken 
gegen Ihro Kays, Mayt. vnnd der nachbarschafft haltet. Glaube also 
nicht, dass man Ihme unter 1000 Reichstaller pro Subarrhatione vnd 
zu fernerer Gewinnung seiner gutten affection geben khönne." 

Von „Reusslemberg" ddo. 9. Dec. 1682 legte Zierowsky der 

Hofkammer die Rechnung über die von ihm im Laufe des Jahres 1682 

bestrittenen geheimen Auslagen, mit dem nachfolgenden Schreiben vor. 

Hochlöbl. Kays. Hof-Cammer 

Gnädige Herrn Herrn. 

„Vber die dises Jahr herumb zu Extra ordinär Vnd geheimben 
Aussgaben empfangenen Gelder erstatte hiemit (sub A) die Verrechnung 
darauss gnädig zu ersehen sein wird, wass bey mir noch im rest ver- 
bleibet. Wann aber solcher rest zu dennen nechst Khünfftigen Reichs- 
tags-negociationes gar nicht Erkleckhlich sein würd. Alss stelle Zu 
Eur Excellenz vnd Gnaden gnädigem belieben, ob selbte geruhen 
möchten dem herein Khommendten Kays, gesandten die auf folgendes 
Jahr destinirte 6000 fl. mitzugeben, oder an mich vbermachen zu 
lassen. Ich muss bekhennen was die Franzossen aussiegen vnnd respectu 
Vnsser Alles mehr als doppelt prestirn, wie mein Amannuensis in ge- 
heimb berichten khann. Mich anbey gehors. Empfehle." 

Zierowsky hatte im, Laufe des Jahres zu geheimen Ausgaben 
19.900 fl. bezogen, darunter den 26. October 1682 „zu einer sehr 
geheimben aussgab durch Wechsel 3000 fl." Aus der Rechnung kann 
entnommen werden, dass derselbe eine grosse Anzahl von „Confidenten* 
angeworben hatte, durch welche er von allen Vorfallenheiten alsbald 
in Kenntniss gesetzt wurde. 

Einige Rechnungsposten haben ein besonderes Interesse, wie 
z. B. „den 19. Aug. 1682 der Fürst Radzivilin ober Regenten auf 



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denen hungarischen gräntzen wegen Bestellung der Wachten 180 fl." 
ferner den 20. Sept. 16^2, „zu captivier, arrestier undt Lieferung der 
Hungarischen persohnen auch intercipierung der französ. vnd hungar. 

brief, zu Händen eines confidentens 75 fl. 36 kr. 

Mehr 136 fl. 

Item zu Händen eines andern Confidenten . . . . . 108 fl." *) 

Die französischen und ungarischen Briefe, welche durch diese 
Grenzüberwachung, Zierowsky in die Hände gefallen waren, sind un- 
zweifelhaft jene Correspondenzen, die über das Zusammenwirken franzö- 
sischer Agenten mit Töckely und den Türken ein authentisches Zeug- 
niss lieferten. Zierowsky Hess diese Briefe durch den Druck in Europa 
verbreiten; auch erzielte er mit denselben bei dem König von Polen 
entscheidende Resultate.-) Ein mit dem Aufwand von 499 fl. 36 kr. 
meisterhaft durchgeführter Handstreich Hess eine für den Kaiser 
äusserst günstige Wendung in der Politik des Königs Johann Sobiesky 
erreichen. 

Kaiser Leopold L sandte an den Reichstag in Polen den Grafen 
Carl Ferdinand von Waldstein ab, mit der Aufgabe, den König 
von Polen, so wie den Reichstag zu einem Bündniss gegen die Türken 
zu bewegen. Der Gesandte verliess Wien in den ersten Tagen des 
Monates Februar. Der Kaiser hatte demselben unterm I. Febr. 1683 
zur Bestreitung besonderer Auslagen den bescheidenen Betrag 
von 12 Tausend fl. auszahlen lassen.^) 

Bei den in Warschau herrschenden Zuständen und der Thätigkeit 
der Agenten Ludwigs XIV., welche mit dem Aufwände grosser Geld- 
summen, das vom Reichstag in Verhandlung genommene Bündniss des 
Königs mit dem Kaiser zur gemeinschaftlichen Kriegsführung gegen 
die Türken zu hintertreiben suchten, musste auch Graf Waldstein um 
Geldmittel zur Bestreitung geheimer Auslagen bitten. Er schloss der 
diesfälligen, an den Reichs-Vice-Kanzler Grafen Leopold Wilhelm 
zu Königsegg gerichteten Eingabe einen „Summarischen Extract" 
folgenden Inhaltes bei: 

, Summarischer Extract der Kays. Gesandtschafft in 
Polin relation vom 17. Marty 1683.« 

„V Der Fürst Lubomirsky Gross-Marschall hat der Kays, ge- 
sandtschafft vortragen lassen, dass Er verhoffen thete, wegen befür- 



') K. k. H. K. A. Fase. 16043. 

Siehe Onno Klopp 1. c. die Seiten 186.. 159 und 164, 

8) K. k. H. K. A. Fase. X6043, 



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70 

derung des Allianz- Werks vnd des Kriegs, mit 20 M. Reichsthlrn. be- 
obachtet zu werden; Vnd hat Er verschiedene mahlen darumben in- 
sistiret, mithin erstlich von erstgedachter Summe bis 10 M. Rthlr., 
vnd Zum andernmahl, da die Kays, gesandtschaft sich auf 4 M Rthlr. 
eingelassen, biss 6 M. Rthlr. abgesprungen; mit welchen 4000 Rthlr. 
aber sothaner Fürst sich nicht contentiren will. 

2''** Haben nicht weniger die Zwey Gebrüder Potocky, als primi 
Senatores Regni Saeculares Zum öfftern der Kays. Gesandtschafft die 
gefahr ihrer guether vnd dass solche Zum ersten von denen Tartaren 
würden angefallen werden, repraesentiren vnd umb gelt vnd largitiones 
an Sie setzen lassen; mit erwehnung sich vnterdessen mit einer Obli- 
gation von 3- biss 4000 Ducaten zu befriedigen. 

3tio Wii.(Jt von dem Woywodt von Reussen vnd Grossfeldtherrn 
Jablonovsky vber seine ordinari pension der 4 M Rthlr. bey dieser 
gelegenheit auch etwas extra ordinari verlangt, welchen die Kays, 
Gesandtschafft ohne Vertröstung nicht lassen hat können. 

4"" Weren noch verschiedene andere Magnaten, Landtbotten vnd 
Confidenten, welche alle auff gelt einnehmen ihr absehen gerichtet, 
worzu aber die von Ihrer Kays. Mayt. auff Zwey mahl vnd Zusamben 
gnädigst resolvirte 20 M fl. woran allererst die helffte remittirt worden 
lang nicht erkleklich sein wurden." 

Nach der zuvor durch den Kaiser ertheilten Zustimmung über- 
mittelte der Reichs- Vice-Kanzler diese Angelegenheit mit der Note vom 
6. April I68H an die Hof-Kammer. 

„Von der Rom. Kays. Maytt. Vnsers allergnädigsten Herrns 
wegen, dero löbl. Hoff-Cammer hiemit in gnaden anzudeuten : Vnd 
wirdt Sie auss hiebey kommenden Extractu der von deroselben ge- 
sandtschafft bey dem Reichstag in Polin vnderm 17. Marty negsthin 
eingeschickten relation sattsamb zu ersehen haben, wass von ein vnd 
andern Magnaten vnd Confidenten daselbst, wegen ihrer zu der vor- 
habenden Bündnus vnd dem Krieg wider den Türeken beytragenden 
ofiicien für remunerationes verlangt werden, vnd dass die zu der- 
gleichen gehaimben aussgaben allergdst. resoluirte 20 ^M fl. woran er- 
melter, Kays, gesandtschafft allererst der halbe theil remittirt worden, 
nicht erkleklich sein werden.** 

„Diessemnach haben Ihre Kays. Mtt. gdst. anbefohlen, der löbl. 
Hoff-Cammer hiervon communication zu thun, dass Sie das weitere 
beobachten wolle, damit zu befürderung dero Dienste nichts vnterlassen 



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71 

werde, die der löbl. Hoff-Cammer anbey mit Kays. Gnaden wohlgewogen 
verbleiben. '^ 

Leopold Wilhelm 
Graf zu Königsegg. Per Imperatorem 

Vienna, 6. Aprilis 1683. 
Johann Probst.') 
Mit dem Hofkammer-Erlass vom 10. April 1683 erhielt die 
Schlesische Kammer die Weisung, dass sie dem Grafen Waldstein zu 
den ihm bereits am 1. Februar zugekommenen 12.000 fl. noch weitere 
8000 fl. ungesäumt zuzusenden habe. 

Nach der Ueberwindung der mannigfaltigsten Schwierigkeiten 
kam endlich am 31. März 1683 der Offensiv- und Defensiv-Allianz- 
vertrag zwischen Kaiser Leopold L und Johann IIL (Sobiesky) König 
von Polen zu Stande. Der Kaiser ratificirte denselben zu Laxenburg 
den 2. Mai 1G83.-) 

Der Kaiser hatte in diesem Vertrage die Verpflichtung über- 
nommen, zur Bestreitung der Rüstungs-Auslagen dem Könige die 
Summe von 200 Tausend Reichsthalern auszubezahlen. Es wurden zu 
diesem Ende die vom Papst InnocenzXL geleisteten Subsidien, zum 
Theile auch schlesische Steuergelder verwendet. Die letzte Rate ging 
von Bresslau am Pfingstmontag 1683 (7. Juni) nach Warschau ab.^) 

Die dem ausserordentlichen Gesandten Grafen von Waldstein zur 
Bestreitung geheimer Ausslagen zugewiesenen 20.000 fl. waren ganz 
ungenügend, um die in dieser Richtung entstandenen Bedürfnisse zu 
decken. Es mussten diese Summe weit überschreitende Zusagen ge- 
macht werden. Von Warschau aus, ddo. 10. Mai 1683, meldete der 
nach der Abreise des genannten Gesandten dort zurückgebliebene 
kaiserl. Resident Zierowsky, dass dort „vnendtlich nach dem gelde 
verlanget wirdt, non obstante dass Sie noch vnter einander tumultuiren 
vnd von Zernichtung des Reichstags Viel Reden vorgehen."^) unterm 
10. Juni 1683, ebenfalls von Warschau, erstattete Zierowsky an den 
Kaiser den nachfolgenden Bericht: 



*) K. k H. K. A. Fase. 16043. 

*) Die Verhandlungen finden sich nach den Quellen dargestellt bei Onno 
Klopp 1. c. IV. Kapitel. Der Vertrag selbst ist abgedruckt bei Camesina 1. c 
Anhang, Seite 183. 

8 } K. k. H. K. A. Fase. 13863. 

•») Daselbst Fase. 13863. 



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72 

Allergnädigster Kayser etc. 
,,Ewer Kays, undt Königl. Mayt. haben auss den bey wehrendem 
Reichsstage eingeschickten Consignationen allergnädigst wahrgenommen 
und ersehen, was auf höchst importunes Sollicitiren Vor Remunerationen 
haben müssen entrichtet werden, und hat man auch befunden dass über 
dieses der Cron-Grossfeldtherr Jablonowski mit einer extraordinär Lar- 
gition Zu versehen nicht weniger der Gross-Canzler Wielopolski mit 
einigem praesentZu regaliren sey. Nun hat es so lange nicht anstehen 
können dass nur hierüber Ewer Kays. Mayt. Gesandter hette aller- 
unterthänigste relation erhalten können, sondern es hatt dessen Hoff- 
meistet den Obristen Strem zu mir geschickt vndt GOO Ducaten Ver- 
sehen und münze dafür aussleihen wolle«, Welches mir dann schon 
mehr alss genugsamben Zu verstehen gegeben dass man unnachläss- 
lich Geldt verlange, und indessen eüserster mangel sey. Wie denn 
auch sonnsten bin benachrichtiget gewesen dass in dess Jablonowski 
Cassa nicht so viel Geldt gewesen, dass Er hette von hier jibreisen 
können. Zu diesem hat er oft und Vielmahl gegen dem Baron v. Königs- 
egg gedacht samb man Vnserseits gegen Ihme eine diffidenz zeuge 
welche in nichts mehrem alss dem bestanden dass jnan nicht baldt 
geldt gegeben. Er hat sich öfters klärer gegen dem Baron von Königs- 
egg heraussgelassen man gebe ja gemeinen Dienern wan sie etwas 
Ihren Herrn extraordinary verrichten wenigstens ein Trunck Bier Seine 
Leuthe aber alss der Hoffmeister haben öffentlich gar ärgerlich geredet, 
die Pohlen hetten die fianzössische freundsehaft vor 200 M Rthlr 
verkaufft undt Ihnen den Türekenkrieg dadurch eingeschafft. Welches 
dann alles mich unvermeidentlich dahin getrieben, dass ich auss der 
KriegsCassa worzu über das Bäbstliche Geldt 150 M flr auss ScW«. 
Sien kommen annoch 6000 fl. nehmen und dem Jablonowski vermittelst 
des Baron von Königsegg müssen Zustellen lassen, dass also in allem 
m die Kneges-Cassa welche der Comissari Jacob Wenzel mitgenommen 

nung in 3b fl. zu ersetzen sein." 

Dem Wielopolski Cronn Gross Canzlern hat Ew. Kays. Mavt 
Gesandter nebst mir angestanden, (alss dess Königs Schwägern und 
der von grossen Mitteln ist) mit etwas Geld zu deuinciren sondern 
es hat der Königin Canzler Zaluski selbsten vor gutt befunden Ihn 
mit einigen Kleinodt zu bedencken. Worüber auch Ew. Kays Mavt 
Gesandter mündliche relation erstatten wird. Letzlichen bleibet auch 
der Kastelai. von Lieflandt Felckersamb mit einer remuneratio Zu 



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73 

beobachten, welcher seine merita Hoch anziehet vndt ohne alles treu- 
gehorsambstes maassgeben alss Ein Senator Prima Classis mit 1500 fl. 
gleich andern geschehen zu versehen sein möchte. Welchem nach Ewer 
Kays, undt Königl. Mayt. allerunterthänigst Bitte, Selbte geruhen 
Allergnädigst zu befehlen, womit sowohl diese 1500 fl. von Dehro 
Schlesischen Kammer an mich remittirt, als auch die 11736 fl in die 
Kriegs-Cassa bey den Lubomirskischen Völckern zu selbtigen Commis- 
sarii Jacob Wenzels Empfang und Verrechnung abgestattet werden 
möcht^'U. Zu beharrlicher Kays, und Königl. Gnaden mich in treuester 
devotion Allerunterthänigst empfehle." 

Zierowski hatte diesem Bericht eine „Consignation der Geheimben 
Extraordinär Aussgaben" angeschlossen, welche die Summe von 58.919 fl. 
umfasst. *) Um in dieser Angelegenheit die Schluss-Resolution des Kaisers 
zu erwirken, erstattete die Hofkammer unterm 25. Juni 1G83 den nach- 
folgenden Vortrag: 

Allergnädigster Kayser vndHerr, Herr etc. 

Euer Kays. Mayt. Abgesandter an dem Pohlnischen Hoff Freyherr 
Zierowsky Berichtet Dieselbe, sub dato Warschaw, den 10. dises ab- 
lauffenden Monaths, da&s occasione des mit der Cron Fohlen geschlos- 
senen Foederis, Veber die vorherige Remunerationes, noch der Gross 
Veldtherr Jablonowsky, wie auch der Grosß Canzler Wielopolsky, vnd 
der Castelan von Lifflandt Felckersamb, mit einer Extra ordinari Largition 
nothwendig zu beobachten, vnd dass Er endlich auf importunes an- 
treibe», dem Jablonowsky, durch den Baron von Königssegg, Sechs 
Tausend gülden, auss der für die Lubomierskische MiHz dem Commis- 
sario Jacob Wenzl, anuertrauten Kriegs-Cassa zuestellen lassen. 

Im andern wehre man angestanden, den Cron Gross Canzler 
Wielopolski (alss des Königs Schwägern, vnd der von grosseu Mitteln 
ist) mit Etwas geldt zu devinciren, sondern es hatte der Königin 
Canzler Zaluski Selbsten vor gutt befunden, Ihne mit einigen Kley- 
noth zu bedenkhen. Der Felckhersamb aber, alas Ein Senator primae 
Classis, möchte mit fünffzehenhundert gülden, gleich andern, remunerL^et 
werden, Vnd bittet dabey der Abgesandte, sowohl dise fünffzehenhundert 
gülden, alss die mit der Jablonowskyschen Post, restirende 11736 flr. 
färdlich zuübermachen. Daneben Er auch hiebeygefüegte Consignation 
aller dissfahlss angesetzter Extra ordinari geheimben Aussgaaben ein- 

') Aus mehrfachen Griindßii unterbleibt die MittheUung dieses Namens- 
Verzeichnisses. 



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74 

geschikhet, welche pr. resto zubezahlen umb 1083 flr. gegen besagtem 
Seinem Schreiben mehreres in sich enthaltten thuet. 

Man hat hierüber mit Euer Kays. Mayt. Geheimben Rath, vnd 
in Pohlen gewesten Kays. Gesandten Graffen Carl von Waldtstein nach 
befundener notturfft Sich auch vernehmen, welcher vermeldet, es werde, 
wegen des Jablonowsky bey denen Ihme gegebenen 6000 flr. sein Be- 
wenden haben mü essen, was aber den Gross Canzler anbetrifft, weilen 
Er gar Vihl Vermag, Vonnöthen seyn, mit einem Praesent oder Kley- 
noth, im werth nit weniger alss Einer von denen Gebrüedern Potoczky, 
tanquam Inferiores, Bekhomen hat, aufs wenigste von 6/M flr. Ihne 
zubeschenkhen, vnd wolle besagter Graff von Waldtstein dem Zierowsky 
Selbsten an handt geben, Sich zuerkhundigen, was besagtem Gross 
Canzler annemblich seyn möchte; Der Felckersamb aber khönte Sich 
mit denen 1500 flr. begnügen lassen. 

Die Hoff Camer befindet, dass dise Geldt-Largitiones (ausser des 
Praesents für gedachten Gross-Canzler, worüber die weittere nachricht 
^uerwartten, und ohnmassgäbig inzwischen die Vertröstung des gewissen 
Erfolges darauf zugeben) gleichwohl auf Ein nahmhafftes, nemblich 
zusamben auf 60419 flr. hinausslauffen Daran bereiths 5084G flr. 
erlegt worden, vnd also noch 9573 flr. guttzumachen, an welchem Rest 
die 1500 flr. für offternenten Felckersamb, zu banden des Zierowsky 
vnd 8073 flr. an besagten Wenzl zu remittiren, Vnd Jenes von der 
Schlesischen Camer, dises aber auss der Kriegs Cassa zunehmen wehre, 
wie auch dem Zierowsky zuzuschreiben, dass Er obgedachten Unter- 
schidt wegen der 1083 flr. erleütheren solle. Jedoch bleibet alles Euer 
Kays. Mayt. zu Dero Allergnädigsten Disposition allerunterthänigst 
anheim gestellt. Ita conclusum in Consilio Camer ali Aulico. Viennae, 
den 25. Junij 1683. Praesentibus D'^'^- Com. Trautmanstorf, Concin, 
Brandeiss, Crollolanza, Mayer, Belchamps, Thomasis, Albrecht. 

Placet. 

Leopold, 

Mit dem Erlass ddo. Wien 30. Juni 1683 wurde Zierowsky von 
dieser kaiserlichen Resolution verständiget. ^) 



^) K. k. H. K. A. Fase. 13864. Als ein specielles kaiserl. Geschenk kömmt 
zu erwähnen „eine in 70 grossen Diamandt-Rauthen bestehende grosse Maschen 
so wir an die Königin in Pohlen ' Liebden überschickht.'^ Mit der Resol. ddo. 
26. Sept. 1684 wurde für diesen Schmuckgegenstand dem Kammer-Juvelir 
Franz Muytinks der Betrag von 13167 fl. angewiesen. Fase. 13868 auch Gdkb. 
Nr. 213, Fol. 119. Ich glaubte auf diese „grosse Maschen" aus dem Grunde 



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75 

Die Bezahlung von 200.000 Reichsthalern oder 1,200.000 Gulden 
polnisch Courant, an den König von Polen, zur Bestreitung der ersten 
Rüstungs- Auslagen, war nicht die einzige Leistung, welche Kaiser 
Leopold L durch den Allianz-Vertrag vom 31. März 1683 übernommen 
hatte. Der Kaiser verzichtete zugleich auf jene Ansprüche an Polen, 
welche ihm aus den zur Zeit des schwedischen Krieges geschlossenen 
Tractaten zustanden, sowie er auch jede allfallige Hypothek, Vormer- 
kung und Ansprüche auf die Salzwerke von Wieliczka, als nichtig und 
erloschen erklärte. 

Unterm 26. April 1683 wurde der Allianz-Vertrag dem Inter- 
nuntius, Grafen Albert Caprara, zu dem Ende mitgetheilt, dass er den- 
selben dem Gross-Wesir mündlich zur Kenntnis zu bringen habe. ') 

Unter den Wiener Staatsmännern befanden sich mehrere, welche 
einem Bündnis mit Polen keinen besonderen Werth beilegten. Der 
Hofkammer^Vice- Präsident Graf Johann Quintin Jörger, äusserte sich 
in seinem Gutachten vom 11. Dec. 1682 dahin: „Aus Pohlen ist sich 
nichts zu getrösten, weil der Weg durch den Verlust Oberungarns 
nicht mehr offen, und die Donau gar leicht von den Türken bei Krems 
gesperrt werden könnte." -) Dieses Bedenken wurde von der kaiserl. 
Regierung vollständig gewürdiget. Sie war alsbald auf Vorkehrungen 
bedacht, durch welche für eine nach Wien marschierende polnische 
Armee der Weg durch Schlesien und Mähren thunlichst offen gehalten 
werden sollte. Nach dem Abschlüsse des Tractates vom 31. März 1683 
wurJe dem Prinzen Hieronymus Lubomirsky die Anwerbung 
von Truppen in Polen auf kaiserl. Kosten übertragen, und 400 Panzer- 
reiter, 2 Regimenter leichte Reiter und ein Dragonerregiment aus- 
gerüstet, denen Zierowsky aus den päpstlichen Subsidien den ersten 
Monatssold auszahlte. Der König von Polen erklärte, er werde zu 
diesen Truppen „aus Dero eigenen Cron-Völkern 20 Compagnien, so 
ohngefahr 3000 Mann aussmachen sollen" beigeben, und siclierte den- 
selben die Bezahlung des gewöhnlichen Soldes zu, ihre Verpflegung 
sollte jedoch der kaiserl. Regierung obliegen. Dieses Corps sollte sich 
mit dem unter dem Feldmarschall-Lieutenant Johann Valentin 
Graf von Schulz in Oberungarn u. zw. im Wagthale zusammen- 
gezogenen Truppen „coniungiren".^) 

aufmerksam machen zu sollen, weil sie sich möglicher Weise noch irgendwo 
vorfindet. 

1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 314. 

«) Onno Klopp 1. c. Seite 166. 

8) K. k. H. K. A. Fase. 13863. 



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76 

Die grosse Bedeutung der polnischen Mithilfe beim Entsätze von 
Wien kann nicht einen Augenblick zweifelhaft sein, doch war dieselbe 
kein Act der Grossmuth und des freien Entschlusses. Mit dem Marsche 
nach Wien erfüllte König Johann Sobiesky eine durch den Allianz- 
Vertrag vom 31. März 1683 übernommene heilige Verbindlichkeit. 
Wollte man die polnische Hilfe als die Bethätigung einer grossherzigen 
und uneigennützigen Handlungsweise preisen, so dürften die mit- 
getheilten Actenstücke genügen, um eine solche Anschauung auf das 
richtige Maas zurückzuführen. 



V. 

Das Defensionswesen in Nieder-Oesterreich. 

Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass die Annahme, die 
kaiserl. Regierung sei durch den Türkenkrieg förmlich überrascht 
worden, auf einem Irrthum beruhe. Allerdings drohte zu gleicher Zeit 
im Osten und Westen die Kriegsgefahr; allein bei dem Kampfe im 
Osten kam unmittelbar die Erhaltung der habsburgischen Monarchie 
in Frage, während es am Rhein sich zunächst nur um die Wahrung 
des ohnehin bereits sehr geschwächten Ansehens des Reichsoberhauptes 
handelte. Die kaiserl. Regierung erkannte den ganzen Umfang der 
Gefahr, welche sich aus einem Kriege mit der Türkei ergeben musste, 
und darum suchte sie denselben hintanzuhalten, so lange dieses nur 
immer möglich war, — seine Unvermeidlichkeit schwebte ihr jedoch 
stets vor. 

Von zwei Männern, u. zw. vom Hofkammer-Präsidenten von Abele 
und vom Stadtkommandanten Grafen von Starhemberg, konnte mit 
aller Bestimmtheit nachgewiesen werden, dass sie den Verwicklungen 
im Osten die grösste Aufmerksamkeit zuwendeten und keine Gelegenheit 
vorüber gehen Hessen, um auf die von dort drohende Katastrophe hin- 
zuweisen. Wenig gewürdiget wurden die Mahnworte derselben gerade von 
einer Seite, wo man ihnen die ungetheilteste Aufinerksamkeit hätte 
zuwenden sollen. Es waren dieses die Stände von Nieder- 
Oesterreich. 

Schon am 22. September 1682 wurden dieselben von der Re- 
gierung auf den unvermeidlich gewordenen Krieg mit den Türken auf- 
merksam gemacht, um rechtzeitig auf dem flachen Lande die erforder- 
lichen Vorsichtsmassregeln zu treffen. In geradezu engherziger Weise 



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77 

suchten die Stände jedoch jede, mit irgend einer Auslage verbundene 
Betheiligung an der Organisation der Vertheidigungsanstalten abzu- 
lehnen. Man durchforschte die Acten, um sich darin Raths zu erholen, 
wie in ähnlicher Lage die Vorfahren vorgegangen sind. Man „depre- 
cirte" fort und fort und suchte die ablehnende Haltung durch lange 
Schriftstücke zu rechtfertigen, allein man handelte nicht. So vergingen 
Wochen um Woche^, während bei der lawinenartig hereinbrechenden 
Gefahr, für die Organisation des Vertheidigungswesens, kein Augen- 
blick hätte unbenutzt bleiben sollen. 

Kaiser Leopold L hatte mit der Resolution vom 4. Jänner 1G83 
zur Leitung des „Defensionswesens" eine besondere Commission ein- 
gesetzt. Die nied.-österr. Stände trafen eine ähnliche Einrichtung, 
indem sie einen „Defensions-Ausschuss", bestehend aus dem Grafen 
Otto Ehrenreich von Abensperg-Traun als Vorsitzenden, 
dem Abt Johann zu Göttweih, dem Grafen Hanns Georg von 
Kuefstein, Johann Peter von Malendein, Karl Hackel- 
berg von Höhenberg und dem Secretär Johann Konrad 
Albrecht von Albrechtsburg einsetzten. 

Der General-Landt-Obristlieutnant Scheller (Seite 45) hatte 
mittlerweile die im Falle eines Türken-Einbruches am meisten ge- 
fährdeten Städte: Hainburg, Brück an der Leitha, Baden, 
Laa, Retz und Korneuburg bereiset, und berichtete nunmehr, 
wie dieselben in einen genügenden Vertheidigungsstand zu setzen 
wären, \) um selbst eine Belagerung aushalten zu können, lieber die 
sogenannten Fluchtörter hebt er hervor, dass diese nur im Fall eines 
„plötzlichen Streifs genügen können." Er bemerkt ferner, „die ver- 
hauung der Wälder nimbt den anfanng auf den Kaltenberg ober Nuess- 
doi*ff, vnd geht durch die Kays, und Herrn Wälder gegen Mauerbach 
vnd selber schanz, sodann auf die schanz Burgerstorff, dann ferners 
nacher Kalten-Leithgeben, da auch eine schanz gewesen, von dort 
auss durch lauter Wälder bis umb Rauhenstain vnd an den Fluoss 
Schwechat. " 

Für die Besorgung der Defensions-Angelegenheiten in den vier 
Kreisen hatten die Stände Viertel-Hauptleute bestellt, u. z. für U. W. W. 
Franz Hermann Mechtls von Engelsberg, O.W.W. Hanns 
Ferdinand von Velderndorf, U. M. B. Benedikt Friedrich 

') Landes- Archiv E. 2. 8. In Korneuburg waren die Stadtthöre noch 
seit der Wiedereroberung der Stadt durch die Kaiserlichen gegen die Schweden 
zerschossen. 



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78 

Freiherr von Schiefer und 0. M. B Karl von der Ehr, 
Freiherr, denen Stellvertreter und Coramissäre an die Seite gegeben 
wurden. ') 

Um die Fluchtörter im V. ü. W. W. in den entsprechenden 
Stand zu setzen, wurde eine vom 29. Mai 1683 datirte „Specification 
über die zum repariern ausgesetzten Flucht-Oerther, wie auch, was 
zu einem Jeden für Fleckhen mit der Hand- und Wagen-Robath ver- 
ordnet, und über das ein und andern Orths vorhandene Gewöhr vnd 
Munition annoch dahin zu verschaffen," durch den Landschaft sbothen 
den einzelnen Städten und Herrschafts- Verwaltungen im Wege einer 
Currenda bekannt gegeben. Wie aus den eingetragenen Bestätigungen 
zu entnehmen ist, erfolgte im V. U. W. W. diese Zustellung in der 
Zeit vom 1. bis 15. Juni 1GS3. Im V. U. M. B. fand die Verlaut- 
barung eines ähnlichen Verzeichnisses schon in der Zeit vom 29. Mai 
bis 7. Juni 1683 statt. 

Nunmehr stellte u. z. ddo. Wien oO. Mai 1683 der ständische 
Ausschuss über die Durchführung der verschiedenen Defensions-Mass- 
regeln den Antrag, dass dieselbe in den vier Monaten Juni, Juli^ 
August und September stattzufinden habe, „in welcher Zeitt die 
benöttigte einrichtung des werkhs hoffentlich vollbracht sein würdt." 
Die Stände nahmen im Landtag am 31. Mai 1683 diesen Antrag an, 
die Ausführungs- Verordnung wurde jedoch erst am 19. Juni 1683 er- 
lassen.^) 

Zur Besetzung der Fluchtörter und zur Besorgung der Kreuden- 
feuer sollten in den zwei untern Vierteln 50 1 Mann Landleute durch 
Drillmeister im Gebrauche der „Gewöhr" abgerichtet werden. Diese 
letztern traten im Monat Juni gegen eine Besoldung von monatlich 
6 fl. in Dienst. Wie übel diese Angelegenheit bestellt war, geht aus 
der nachfolgenden Zuschrift hervor, welche dem Viertel-Hauptmann 
Mechtls zukam. 

Extract 

Auss des Pflegers zu Ebreichstorff Brieff, de dato 2. July anno 1G83 

so Er an seinen Gn. Herrn geschrieben. 

„Der Trillmaister ist vorgestert zu Schranäwandt gewesen, welchen 
der Richter versprochen. Er wolle die Leuth heut zum Exerciern hieher 



*) Es ergaben sich diese Anstalten aus der Defensions-Ordnung vom 
10. Juni 1663, zur Zeit des letzten Türken-Krieges erlassen. Cöd. aust. I. Bd. 
Seite 275. 

«) Landes-Archiv. E. 2. 8. 



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79 

schickhen, Gestert aber Lab ich mit dem Pfleger zu Unter- Walterstoi*ff 
geredt, welcher mir gesagt, Es habe ihme sein Gnediger Herr Graf 
Cavriani geschriben, vnd verbotten, er solle von seinen ünterthanen 
Niemandt weder nach Pottendorff, noch hieher nacher Ebreichstorff 
schicken, es habe Niemandt anderer mit seinen Ünderthanen nichts zu 
schaffen, er habe weder von der Regierung noch N. Oe. Löbl. Landt- 
schafft, derentwillen noch keinen Befelch bekommen, hat also dem Richter 
zu Schranäwandt anbefohlen, Er solle Niemandt hieher schikhen. Dess- 
gleichen hat mir vnser Richter gesagt, der Herr Prälat von Heillig- 
Creuz, hat auch denen Münckhendorffem, Eben auf solche Weiss ver- 
botten, dass sye nicht hieher kummen solten, weillen an ihm weder 
von der Regierung, noch Landtschafft kein Befelh kummen seye. 
Ebenermassen reden sich die Weigelstorffer auss, sye betten noch 
kein Befelch von ihrer Herrschaft, vndt die Auer habens gleich im An- 
fang rundt abgeschlagen." 

Mit dem kaiserl. Erlass vom 3. Juli 1683 wurde von den Ständen 
ein Bericht, was in Angelegenheit der Landes-Defension geschehen 
(Kreudenfeuer, Fluchtörter, Verhauung der Wälder) abverlangt. Unterm 
5. Juli melden dieselben im Kurzen über diese Angelegenheit, und 
s prechen die Erwartung aus, der Kaiser werde sie „ gegen Järlich alier- 
gehorsamst thuende bewilligung, vndt dargereichte Vermögens-Steier" 
durch seine Miliz schützen.') 

Wie oben mitgetheilt, standen bei den Wiener Fortifications- 
Arbeiten Roboter in Verwendung, deren Beistellung die nied.-österr. 
Stände für die Zeit von zwei Monaten bewilliget hatten. (Seite 24.) 
Unterm 7. Juni 1683 richtete der Hofkriegsrath das Ansuchen an die 
Stände, „weillen abermahlen Vil nachdenkhliche Zeitung von des 
Feindts ankommenden Macht einlaufen" die überlassenen Arbeiter zur 
Vollendung der Fortificationsbauten, „noch auf eine Zeit zu prolon- 
giren." Auf der Rückseite dieses Ansuchens findet sich ddo. 18. Juni 
1683 als Erledigung: „Bey der Registratur auffzubehalten, Vorhero 
aber abschlägig zu beandtwortten. " -) 

Nunmehr erfolgte in dieser Angelegenheit ddo. Wien 25. Juni 1685 
ein kaiserl. Erlass: „Alss lassen Allerhöchstgedacht Ihro Kays. Mt. 
Sie gethreu-gehorsamste Ständte hiemit gnedigist vnd aufs beweglichste 
erindern, Sie wollen die Nothwendigkheit, dass dieser Defensions-Bau 

1) Landes-Archiv, p. 2. 8. 

2) Daselbst. E. 4. 21. Kriegs- Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 484vw8. 



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80 

in eine Vollkommenheit mit eyfer und aufs bäldigst gesetzt werde, in 
fernere reiffe Consideration ziehen, vnd zu solchem Ende die weitere 
Landt-Robath der ünderthanen noch auf etliche Wochen, auf weis und 
gestalt wie nechstens geschehen anordnen, vnd hiedurch dess lieben 
Vatterlandts haubt Retirada und zueflucht in verlässliche Perfection 
stellen helfen." 

Auf dieses Ansuchen des Kaisers lautete die Erledigung: „In 
nahmen der löbl. Stände in vermelt verlangte extension der Landt- 
robath omni meliori modo zu depreciren. Wien, im Landtag den 
28. Juny 1683.«*) 

So beschlossen die stände von Nieder-Oesterreich am 28. Juni 
1683, als die türkische Macht bereits von Stuhlweissenburg gegen 
Wien aufgebrochen war. Mit Recht darf hier die Frage gestellt werden, 
wo waren bei allen diesen Beschlüssen des Landtages die Mitglieder 
des vierten Standes, wo waren die Vertreter von Wien? Fanden 
sie keine Worte um ihre in starrer Verblendung hingeopferte Stadt 
zu vertreten, und hatte es für Wien gar kein Interesse, ob dem drin- 
genden Mahn wort des Kaisers entsprochen werde oder nicht? 

Wie wir wissen hatte der Hofkriegsrath zur Ausführung der 
Fortifications-Arbeiten einige Tausend Mann Fusstruppen nach Wien 
gezogen. Beim Beginn der Kriegsoperationen in Ungarn mussten die- 
selben dahin abgehen, und es wurden unterm 28. Mai lt383 aus Ober- 
österreich 5 Compagnien, circa 1000 Mann, des Kaisersteinschen Re- 
gimentes hieher berufen.-) Am 1. Juni 1683 wurde der Commandant 
derselben, Oberstlieutenant WolfHeinrichvon Schenk angewiesen 
mit seiner Mannschaft ,, gegen gebrauchter Bezahlung die fortifications- 
arbeith zu versehen,**^) und am 6. Juni erging an den Grafen Daun 
der Befehl: „dass die hier ankommenen 5 Kaysersteinschen Comp, nit 
zum Wachten oder Convoy, sondern allein! g zu fortifications- 
arbeit applicirt werden sollen."^) Nachdem die Stände die Verlängerung 
der Robotarbeit abgelehnt hatten, mussten, um die Fortifications- 
Arbeiten nicht ganz zu unterbrechen, diese 10(K) Mann in Wien zu- 
rückbehalten werden. Bei dem ohnehin schwachen Stande der kaiser- 
lichen Hauptarmee in Ungarn war dort jeder Abgang an Truppen 
bedauerlich. So durchkreuzte die kurzsichtige Opposition der Stände 



') Landes-Archiv. E. 4. 2L 

«) K. k. Kviegs-Archiv. Prot. Nr. 367, Fol. 35.')ver8. 

8) Daselbst. Fol. 367verB. 

*) Daselbst Fol. 387. 



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81 

selbst die auf die Vertheidigung des Landes gerichteten Dispositionen, 
und wirkte lähmend nach allen Beziehungen. Geradezu befremdend er- 
scheint es jedoch, dass sich auch die Stadt Wien dieser verhängniss- 
vollen Opposition anschloss. Die Stände hatten trotz der eindringlichen 
Vorstellung des Kaisers, die Verlängerung der Landrobot um einige 
Wochen, abgelehnt. Die Stadt Wien war durch nichts gehindert, das 
von dieser Robot auf sie entfallende Contingent von 
300 Arbeitern zu stellen; — es handelte sich ja um ihre eigene 
Rettung. Sie that es nicht. Am 17. Juni 1G83 wurde Graf Dann an- 
gewiesen, dahin zu wirken, „dass der Magistrat zu Wienn zur Vort- 
setzung der fortification gedachter Statt, einigen Vorschuss thuen 
möge."*) Weder aus den Acten, noch aus den bei Camesina 1. c. An- 
hang, Seite 3 u. f, mitgetheilten Kammeramts-Rechnungen aus dem 
Jahre 1683 ist zu entnehmen, dass von Seite der Stadt zu den Fortifi- 
cationsbauten ein Vorschuss gewährt wurde. Ein solches Ablehnen 
jeder Beihilfe zu Massnahmen, welche im höchsten Grade zunächst das 
Interesse der Stadt Wien betrafen, musste nothwendiger Weise die 
zwischen der kaiserl. Regierung und der Stadtvertretung, schon der 
„Steuer-Retention" wegen bestehende Spannung noch verschärfen. 

Der Beschluss der Stände im Landtag vom 31. Mai 1683, dass 
sie die verschiedenen Defensions-Massregeln im Laufe der vier 
Monate Juni bis October durchführen wollen, „in welcher Zeit 
die benöttigte einrichtung des werkhs hoffentlich vollbracht sein würdt," 
war hervorgegangen aus einer Verblendung, die wir heute kaum zu 
erfassen vermögen. Es konnte den Ständen unmöglich unbekannt sein, 
dass das türkische Heer damals bereits gegen Stuhlweissenburg im 
Anzüge war, auch hatte sie die Regierung und der Kaiser selbst 
wiederholt und in der eingehendsten Weise auf die ausserordentliche 
Gefahr aufmerksam gemacht. 

Eine unter den obwaltenden Verhältnissen dringend nothwendige 
Massregel, die sorgfältige üeberwachung der Kreuden- 
feuer unterblieb, und so kam es, dass die Landbevölkerung ganz 
ungewamt von dem entsetzlichen Feind überfallen wurde. Mit Aus- 
nahme von Pottendorf,^) Ebenfurt und Wr.-Neustadt fielen alle Orte von 
der Leitha bis an das Gebirge alsbald in die Gewalt der Türken. 
Tausend und Tausende der Landbevölkerung und der Städtebewohner 



») K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 404. 

*) Pottendorf hatte in Folge Verwendung des der Tökelyschen Partei 
aagehörigen Grafen Nadasdy eine türkische Sanvegarde. 

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82 

büssten die unterlaufenen Versäumnisse und Mängel mit Hab und Gut, 
mit Blut und Leben. 

Nach dem Abzüge der Türken von Wien im Jahre 1529 machte 
König Ferdinand I. den Ständen des Landes unter der Enns den Vor- 
wurf, dass sie zur Erhaltung und Rettung der Stadt Wien nur ganz 
Unzulängliches beigetragen haben, auch mussten dieselben später die 
schwere Anklage hören, dass eine Geldhilfe, welche nur den zehnten 
Theil jenes Schadens betragen hätte, den das Land durch den Türken- 
einfall erlitten hat, die Mittel geboten hätte, um eine Truppenmacht 
aufzubringen, welche vollkommen genügend gewesen wäre, um die 
Türken weit von der österreichischen Grenze abzuhalten. ^) Möge sich 
der Leser die Frage beantworten, ob Kaiser Leopold L nicht zu einem 
ähnlichen Vorwurf berechtigt war. 

VI. 

Vor der Ankunft der türkischen Hauptmacht hei Wien. 

Ehe ich, so weit dieses im Rahmen meiner Aufgabe liegt, zur 
Schilderung der alsbald über Wien hereingebrochenen Calamität über- 
gehe, erscheint es nothwendig, zur Beleuchtung der Vertheidigungs- 
mittel der Monarchie einige Rückblicke einzuschalten. 

Auf Grundlage reiflicher Vorberatungen wurde zum Kriege gegen 
die Türken, die Aufstellung einer Truppenmacht in der Stärke von 
80 Tausend Mann beschlossen, und zu diesem Ende die erforderlichen 
Propositionen und Postulate den Ständen der einzelnen Länder, wie 
oben nachgewiesen erscheint, rechtzeitig vorgelegt. Für die Errichtung 
einer Zahl neuer Regimenter wurden an bewährte Truppenführer Werbe- 
Patente ausgefertiget, mit allen befreundeten Höfen suchte man durch 
die Absendung erprobter Staatsmänner Allianz-Verträge abzuschliessbn. 

Leider fanden die Bemühungen des Kaisers Leopold L und der 
ihm zur Seite stehenden Staatsmänner gerade dort keine Unter- 
stützung, wo sie im vollen Masse hätten gewürdiget 
werden sollen. Es waren dieses die Landtage der verschiedenen 
Erblande. Die ablehnende, ja geradezu oppositionelle Haltung der 
Stände Nieder-0 Österreichs , jenes Landes, dessen Rettung aus der 
furchtbaren Gefahr in erster Linie in der Absicht des Kaisers und 



^) Newald. Niclas Graf zu Salm, in den Berichten des Alterthums-Ver- 
eines zu Wien. XVÜI. Bd. Seite 100. 



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83 

seiner Regierung lag, haben wir der Hauptsache nach kennen gelernt. 
Das Vorgehen des nied.-österr. Landtages war um so bedauerlicher, 
als zu erwarten stand, dass, falls er dem Kaiser hilfreich zur Seite 
getreten wäre, auch die Stände der übrigen Länder sich in der Ge- 
währung entsprechender Steuerbeiträge williger gezeigt hätten. 

Bei den im Verhältnis zu den ausserordentlichen Auslagen ganz 
unzureichenden Steuerbewilligungen der Stände, gerieth die Anwerbung 
und Ausrüstung der Truppen bald in's Stocken, die neuen Regimenter 
konnten nicht complettirt werden und daher auch nicht zur Armee 
nach Ungarn abgehen. Obwohl der Kaiser seine „Kleynodien vnd 
Schaz-Sachen versetzet hatte", zeigte sich auch diese aussergewöhn- 
liche Aushilfe als unzulänglich. Aus der äussersten Noth ret- 
teten den Kaiser lediglich die Subsidien, welche Papst 
Innocenz XI. im reichen Masse gewährte. Diese Geldhilfe 
ermöglichte die rechtzeitige Bezahlung der an den König von Polen 
laut Vertrag vom 31. März 1683 zugesicherten Rüstungskosten im 
Betrage von 200 Tausend Reichsthalern, sowie damit auch die aller- 
dringendsten Auslagen bestritten werden konnten. 

Graf Johann Quintin Jörger stellte in seinem Gutachten 
vom I L März 1683 die Rettung von Wien in den Vordergrund, „denn 
Wien verloren, ist Alles verloren". Die päpstlichen Sub- 
sidien Hessen Wien ,vom Untergang retten", sie retteten daher 
auch die habsburgische Monarchie. 

Der kaiserl. Internuntius Graf Caprara hatte wiederholt darauf 
aufmerksam gemacht, dass ein kräftiges Einschreiten gegen Tökely 
und seine Anhänger auf die Kriegs-Partei in Konstantinopel einen ein- 
schüchternden Einfluss ausüben würde." ^) Mehrere der Wiener Staats- 
männer waren derselben Anschauung. Ein kräftiges Vorgehen konnte 
jedoch nur dann stattfinden, wenn die Armee rechtzeitig auf den 
beabsichtigten Stand von 80 Tausend Mann gebracht worden wäre. 
Nachdem in Folge Geldmangels die Truppen verspätet und nur in 
ganz ungenügender Stärke in Action treten konnten, musste man sich 
nur zu bald an allen Orten auf die Defensive beschränken. 

Schon unterm 7. März 1683 meldete Bathyani aus Balouck, dass 
die Türken diesmal den Feldzug zeitlich im Jahre eröffnen. *) Von 
Belgrad aus zog der Gross- Wesir die Save aufwärts nach Posega, 



*) Onno Klopp 1. c. IQ. KapiteL 

«) Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 227ver8. 



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84 

wo er am 3. Mai 1683 anlangte. ') Unverkennbar in der Absicht, über 
den eigentlichen Angriffspunkt Zweifel hervorzurufen, wurden hier An- 
stalten getroffen, als sollte ein Theil der türkischen Macht gegen Krain 
vordringen, wodurch man in Venedig in grosse Sorge versetzt wurde. -) 
Die dem Kaiser treu gebliebenen Croaten, an ihrer Spitze der Banus 
Nikolaus Erdödy, und ein kleines kaiserl. Truppencorps, welches 
sich unter dem General Ferdinand Jobert GrafzuAspremont 
bei Legrad an der Drau zusammengezogen hatte, suchten an den 
Süd grenzen den Einbruch türkischer Streif parteien zurückzuweisen. 
Eine gleiche Aufgabe fiel zur Deckung von Steiermark dem General 
Carl Graf von Strassoldo zu. ^) 

Von Posega wendete sich der Gross- Wesir gegen Ess egg, von 
wo er zwischen dem 20. und 25. Mai gegen Stuhlweissenburg 
abzog."*) Um die Kriegsvorbereitungen zu vervollständigen, blieb Kara 
Mustapha durch mehrere Wochen in Stuhlweissenburg, denn der 
Herzog von Lothringen meldete erst unterm 28. Juni 1683, dass der 
Feind von dort aufgebrochen, „auch der Gross-Wesir bereits zwei 
Meilen von Stuhlweissenburg gegen Raab stehe." '') 

Viel bedrohlicher hatten sich mittlerweile die kriegerischen Ver- 
hältnisse an der nordöstlichen Grenze der Monarchie gestaltet. Es 
möge gestattet sein, dieselben, ehe das um Wien sich abspielende 
Drama unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, einer kurzen 
Erörterung zu unterziehen. 

In Ober-Üngam entwickelte Tökely, nachdem der Abschluss des 
Allianz-Vertrages vom 31. März 1683 zwischen dem Kaiser und dem 
Könige von Polen bekannt geworden war, eine ausserordentliche Thätig- 
keit. Er suchte durch Ränke und Vorspiegelungen aller Art die Mass- 
nahmen der ohnehin schwachen kaiserl. Partei, sowie der kaiserl. Truppen- 
führer zu lähmen, während er alle Vorbereitungen zu einem rechtzeitigen 
kräftigen Losschlagen traf. Leider war es die durch den unseligen 

1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 428. 

2) Onno Klopp 1. c. S. 129. 

^) Unterm 11. Feb. 1683 erging ein kaiserl. Erlass an die Kärntner 
Stände, sie mögen zur Erhaltung der das Land schützenden Truppen eine 
Quantität Korn und Hafer in Natura beitragen. Die Stände ertheilten unterm 
6. März eine ablehnende Antwort. K. k. H. K. A. Fase. 13862. 

*) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 483. 

^) Daselbst Fol. 416. 



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8f) 

Geldmangel verursacMe Verzögerung in der Complettirung der kaiserl. 
Truppen, durch welche seine Pläne wesentlich gefördert wurden. An 
der Steuer-Restrinction der Stände der Erbländer hatten 
Tökely und die Türken nur zu wirksame Bundes- 
genossen. 

Durch den erwähnten Allianz-Vertrag war König Johann Sobiesky 
gegenüber dem Kaiser nur für den Fall zu einer Vereinigung seiner 
Truppen mit jenen des Kaisers verpflichtet, als die Stadt Wien mit 
einer Belagerung bedroht würde. Da Kara Mustapha seine Absicht auf 
Wien thunlichst lange zu verdecken suchte, beeilte sich der König 
nicht besonders mit seinen Rüstungen. Tökely gegenüber blieb seine 
Haltung fort und fort sehr zweideutig. 

Die Dispositionen, welche von der kaiserl. Regierung in Ober- 
Ungarn getroffen wurden, scheinen bei Tökely die Sorge wachgerufen 
zu haben, dass die Absicht dahin gehe, ihn vor der Ankunft des 
türkischen Heeres zu erdrücken, oder doch so weit zu schwächen, dass 
jene Ungarn, welche gezwungen zu seiner Partei zählten, so weit 
ermuthigt werden, um sich von ihm loszusagen. 

Schon unterm 25. März 1683 wurde dem Feldmarschall-Lieutenant 
Johann Valentin Graf von Schulz, einem der tüchtigsten 
kaiserl. Truppenführer, das Commando an der Waag übertragen, auch 
erhielt derselbe sowie der ihm beigeordnete General Graf Ca raff a die 
Weisung, am 20. April nach Rosenberg aufzubrechen und dort 
weitere Ordre abzuwarten. *) 

Unterm 2. März 1683 erging an 30 Regimenter ein Befehl, 
welcher die Concentrirung für den halben Monat April anordnete, am 
10. März wurde weiters anbefohlen, dass diese Regimenter am 20. April 
bei Pressburg einzutreffen haben. -) Nach dem Abschlüsse des Allianz- 
Vertrages vom 31. März 1683 wurde dem Prinzen Hieronymus 
Lubomirsky die Anwerbung von Truppen auf kaiserl. Kosten über- 
tragen, und sollten thunlichst rasch 400 Panzer-Reiter, 2 Regimenter 
leichter Reiter und ein Dragoner-Regiment ausgerüstet werden, zu 
welchen der König von Polen „von Dero eigenen Cron- Völkern 20 Com- 
pagnien, so ohngefähr 3000 Mann aussmachen sollen", abordnen wollte. 
Diese Truppen sollten sich mit dem unter dem Grafen Schulz zusammen- 
gezogenen Corps „coniungiren". ^) Aus Schlesien führte der Oberst 



1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 340ver8. und Nr. 367 Fol. 244v»'rs. 

2) Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. 171ve.s und 197. 

3) K. k. H. K. A. Fase. 13863. 



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86 

Johann von Dihm Truppen herbei, welche schon in der ersten 
Hälfte April 1683 in Jablunkau eingetroffen waren. *) Alle diese 
Anstalten scheinen Tökely mit lebhaften Sorgen erfüllt zu haben. Um 
bis zur Ankunft der türkischen Macht Zeit zu gewinnen, suchte er 
unter der Vermittlung des Königs von Polen mit der kaiserl. Regie- 
rung neuerliche ünterwerfungs- Verhandlungen anzuknüpfen. Der Ab- 
schluss eines bis zum 21. Juli 1683 dauernden Waffenstillstandes war 
ein wesentliches Resultat, welches er erzielte. ^) Die nächste Folge des- 
selben war ein unterm 30. April 1683 an den Grafen Schulz erlassener 
Befehl, dass er in Neustadtl (bei Sillein) zu verbleiben und, mit Rück- 
sicht auf den Waffenstillstand, das Arader Comitat nicht zu besetzen 
habe. Dieser Befehl wurde unterm 28. Mai 1683 erneuert. ^) 

Für den Prinzen Lubomirsky war der Waffenstillstand ein will- 
kommener Anlass, um die ihm übertragene Truppenwerbung fort und 
fort zu verzögern. Schon unterm 21. April 1683 wurde ihm bekannt 
gegeben, dass das Corps des Generals Schulz am 3. Mai zu Neustadtl 
und Sillein eintreffen werde, auch er möge sich mit der „accordirten 
Mannschaft" dort einfinden. ^) 

Dieser Weisung wurde nicht entsprochen, denn die Lubomirs- 
kyschen Truppen wurden erst Anfangs Juni zwischen Bielitz und 
Teschen gemustert, von wa sie über den Jablunkapass nach Sillein 
abrückten. '') Nachdem Lubomirsky dem Grafen Schulz untergeordnet 
wurde, brachen zwischen Beiden bald Misshelligkeiten aus, welche Graf 
Caraffa vergeblich zu vermitteln suchte. Unterm 28. Juni 1683 erging 
an den Grafen Schulz die Weisung, „dass die Lubomirskyschen Völker 
zur Hauptarmata zu gehen beordert sein, hingegen werden die Regi- 



») K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 284ver8. 

*) Tökely hatte sich fölschlich als Vermittler abwischen dem Kaiser und 
der Pforte ausgegeben. Unterm 4. März 1683 wurde über das Unbegründete 
dieser Behauptung dem kaiserl. Gesandten in Warschau, Grafen Waldstein 
Mittheilung gemacht. K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 175. 

8) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 320vers und 355^er8. 

*) Gleichzeitig wurde Lubomirsky mitgetheilt, dass das Feldmarschall- 
Lieutenants Patent für ihn, und die Obersten-Patente far Tetwin und Baron 
Königsegg ausgefertiget werden. Kriegs- Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 300. 

*) Schon beim Beginn der Werbungen hatte Zierowsky zu Warschau aus 
den päpstlichen Subsidien an Lubomirsky Zahlungen geleistet; unterm 4. Mai 
1683 erfolgte an den Kriegs-Commissär Jakob Wenzel die Weisung, demselben 
zur U nterhaltung der angeworbenen Truppen 50625 fl. und an Werbgeld 1500 fl. 
zu bezahlen. K. k. H. K A. Fase. 13863. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 418- 



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87 

menter Lodron, Kery, Riciardi, Castell und Herbeville zu seinem Cor- 
petto stossen", mit denen der Waagfluss zu beobachten sein witd. ') 

Nachdem es Tökely nur darum zu thun war, Zeit zu gewinnen, 
so legte er erst im Juni durch Saponara seine Forderungen vor. 
Diese waren: 
„1, Der titul eines Reichs-Fürstens vnd einraumbung 13 Spann- 

schaffcen. 

2. gebung des Toisons, vndt 

3. Eines Guetts in Deutschland. 

4. amnistiae für sich vnd seine adherenten. 

5. restitutionis bonorum. 

6. Geheimbhaltung der tractaten. 

7. Sicherheit das man ihme Tökely bey dem conclusum manuteniren 
werde. 

8. Abschickung an König in Pohlen mit communication dieser 
tractaten. 

9. üeberlassung der Pergstätten. " ^) 

üeber diese Anträge gingen an den Residenten Zierowsky in 
Warschau unterm 22. Juni 1683 mehrere Erlässe ab, u. zw. „eine 
Pienipotenz über die mit dem Tökely und adherenten vorzunehmenden 
tractaten," femer die Mittheilung, dass „das armistitium mit dem 
Tökely den 21. July zum end gehe, vnd so ferne die tractaten nichts 
verfangen, die hostilitäten wieder beginnen", endlich wird er beauf- 
tragt, „den König auch dahin zu bewegen, mit seinen Waffen nit in 
die Ukraine, sondern in Ober Hungarn gegen Munkatz, oder wo. die 
grösste Gefahr sein werde, zu operiren". *) Schon am 26. Juni ging 
an Zierowsky eine neuerliche Weisung ab, er habe dem König von 
Polen „die Türkengefahr zu remonstriren , vnd nit allein vmb die 
4000 PoUackhen zum Schulzischen corpetto, sondern auch vmb die 
übrige Königl. Völker in Ober Hungarn zu operiren anzuhalten, auch 
das Er die angestelte tractaten mit dem Tökely Ihro Mayt. dem König 
vortragen, vndt dieselbe vmb befürderung derselben ersuchen solle*. ^) 



1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 412ver8 und 421. Die drei 
erstgenannten- Regimenter waren Kroaten zu Pferd, die beiden letztern Dragoner. 
Der Zus8^ge des Königs von Polen, dem Truppenkorps des Prinzen Lubomirsky 
20 Kompagnien „Cron Völker'* beizugeben, war nicht entsprochen worden. 

«) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 445ver8. 

«) Daselbst Fol. 414ver8 tmd 415. 

*) Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. 418v''rs. 



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88 

Mittlerweile war jedoch die türkische Heeresmacht bis Stuhl- 
weissenburg vorgerückt. Tökely hatte somit seine Absicht vollständig 
erreicht, auch hatte ihn Kara Mustapha im Namen des Sultans durch 
die Proclamation vom 15. Juni 1683 bereits als König von' Ungarn 
eingesetzt. ^) Er Hess sohin die Maske vollständig fallen und kündete 
durch einen seiner Agenten, Johann Melzer, den Waffenstillstand auf, 
worüber ddo. 28. Juni 1683 dem Herzog vpn Lothringen Mittheilung 
gemacht wurde. -) 

Der König von Polen scheint der Ueberzeugung gewesen zu sein 
— welche auch von Wiener massgebenden Personen getheilt wurde — 
Kara Mustapha werde im Jahre 1683 zunächst die Festungen Raab 
und Comorn in seine Gewalt zu bringen trachten. Da somit der durch 
den Allianz-Vertrag vorgesehene Fall einer Vereinigung seiner Truppen- 
macht mit jener des Kaisers nicht vorlag, fasste er die Wiedereroberung 
jener Provinzen in das Auge, welche Polen im Laufe der letzten Jahr- 
zehnte an die Türken verloren hatte, was um so leichter zu erreichen 
war, da die ganze türkische Macht in Ungarn in Verwendung stand. 
Eine wohlwollende Haltung des Königs, dem Kaiser Leopold gegen- 
über, lässt sich hier ebensowenig wie in dem Verhältnis desselben zu 
Tökely erkennen. 

In Folge kaiserl. Resolution erfloss ddo. 17. März 16Ö3 an den 
Herzog Carl von Lothringen die Aufforderung, „Umb sich den 
8. oder 10. Aprilis bey Hoff einzufinden, vnndt was zu künfftigen 
Veldtzug wider die Türken nüzlich wäre, concertiren zu helffen". ^) 
Unterm 13. April erging an die Regimenter die Weisung, dass das 
Rendezvous bis 3. Mai prolongirt sei. '*) Schon unterm 21. April 1683 
erfolgte in Folge kaiserl. Resolution an die Truppen der Befehl, „das 
dem Herzogen zue Lothringen über die wieder den friedbrüchigen Erb- 
feindt zusammen Ziehenden armee in Vngarn das commando aufgetragen 
seye, vmb deroselben den gebührenden respect vnd gehorsamb zu 
erweisen." ^) 



1) Onno Klopp l. c. Seite 192. ♦ 

2) K. k, Kriegs-Aichiv Prot. Nr. 367, Fol. 420. 

8) und *) K. k. Kiiegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 224verä und 280vers. 

«) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 300. Die Regimenter welche 
dem Herzog Karl von Lothringen als dem General-Lieutenant der 
Armee unterstellt worden waren : 1. zu Pferd: Caprara, Rabatta, Dünewaldt, 
Metternich, Caraffa, Palffy, Taff, Mercy, Montecucolli, Hallweil, Gondola, Veterani, 



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89 

Dem Könige von Polen wurde über sein Verlangen mit dem Er- 
lasse vom 21. April, der General- Wachtmeister Caraffa ^zur Pflegung der 
Correspondenz mit dem Hauptquartier" zur Seite gegeben/) und der 
Feldzeugmeister Jakob Graf Leslie aus Vorder-Oesterreich zur 
Armee berufen, an dessen Stelle Graf Maximilian Starhemberg 
neich Philippsburg abging. *) 

Am 5. Mai fand zu Pressburg ein grosser Kriegsrath über 
8 Berathungspunkte, „wass in dieser Campagna wider die Thürken 
für Operationes zu unternehmen und wie wieder disen Erbfeind zu 
agiren seye", statt,^) worüber dem Kaiser sofort eine Relation vor- 
gelegt wurde. Unterm 9. Mai, somit nach der am 6. Mai stattgefundenen 
grossen Musterung bei Kitsee, el-folgte die kaiserl. Erledigung der- 
selben.^) Aus der grossen Anzahl der Regimenter, welche mit der 
kaiserl. Resol. vom 21. April 1683 unter den Oberbefehl des Herzogs 
von Lothringen gestellt wurden, darf jedoch nicht geschlossen werden, 
dass die bei Kitsee zusammengezogene Heeresmacht von besonderer 
Stärke war. Sie betrug wenig über 30.000 Mann.'*) Des leidigen Geld- 
mangels wegen, waren viele Regimenter mit ihrer Ausrüstung im Rück- 
stand geblieben.^) 



Göz, Dupigny; — 2. Polacken zu Pferd : Lubomirsky, Tetvin; — 3. Dragoner: 
Schulz, Styrumb, Castel, Serau, Savoy, Herbeville; — 4. poln. Dragoner 
Königsegg; — 5. Croaten zu Pferd: Lodron, Kery, Ricciardi ; — 6. Regimenter 
zu Fuss : Kayserstain, Knigge, Grana, Stahrenberg alt, Baaden Louys, Strassoldo, 
Mansfeldt, Sereni, Souches, Scherffenberg, Neuburg, Wallis, Salm, Diependael, 
Beck, Timb, Aspermont, Heister, Lothring Jung, Croy, Dann, Würtenberg, 
Rosen, endlich erging der Befehl an den Artillerie-Oberst Berner. Zu bemerken 
kömmt, dass unter Starhemherg alt, der Commandant von Wien, Graf 
Ernst Rüdiger; und unter Starhemberg jung, dessen jüngerer Bruder, der 
Commandant der Festung Philippsburg, Graf Maximilian Laurenz, zu ver- 
stehen ist. Onno Klopp 1. c. S. 189 sagt, dass die Ernennung des Herzog von 
Lothringen zum Oberanführer der kaiserl. Armee erst im Lager bei Kitsee 
stattgefunden habe. Diese Angabe kömmt somit richtig zu stellen. 

1) und «) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 306 und 320. 

3) Daselbst Prot. Nr. 366, Fol. 427. 

*) Daselbst Prot. Nr. 367, Fol 333. Vergl. Onno Klopp 1. c. Seite 189. 
Camesina 1. c. S. 93 lässt diese Musterung am 1. Mai stattfinden. 

*) Die bei Onno Klopp 1. c. Seite 188 vorkommende Angabe lässt sich 
als zutreffend bezeichnen. 

®) Camesina 1. c. Seite 93 und Weiss 1. c. Seite 149 sagen, dass die bei 
Kitsee versammelten Truppen die Grenzen von Pettau bis Jablunkau überwachen 
sollten u. s. w. Die Anstalten, welche rechtzeitig zur Deckung von Kroatien, 
Krain und Steiermark im Süden, und von Mähren und Schlesien im Norden 



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90 

Der mehrere Wochen anhaltende Stillstand der türkischen Heeres- 
macht in und bei Stuhlweissenburg, Hess selbst das Vorbrechen der- 
selben in der Richtung gegen Graz, wie solches im Jahre 1664 statt- 
fand, besorgen. Am 17. Juni 1683 richtete der Hofkriegsrath an die 
Hofkammer eine Note, „betreffend die Proviandtanstalten vor die armee, 
so selbige gegen gräz rucken solte."^) 

Nach der Aufhebung der Belagerung von Neuhäusel concentrirten 
sich die kaiserlichen Truppen in der Nähe von Raab. Immer noch 
herrschte die Anschauung vor, dass Kara Mustapha zunächst zur Be- 
lagerung dieser Festung schreiten werde. Bereits auf dem Rückzuge 
gegen Wien, „auss dem Veldtläger bey Teutsch-Jahrendorff den 4. July* 
meldete der Herzog von Lothringen unter Anderem, „er habe die Re- 
gimenter de Gran, Baaden vnd Wallis in Raab gelegt, dem Wallis 
das Commando ad Interim ybergeben," jedoch wäre „Vornehmlich 
1"'® ein anderer Commandant in Raab von höherer qualiteten vndt 
Authoritet, nicht münder, 2^® mehrere, vndt andere artigl. Persohn 
vonnöthen, dahero oberst-leutn. gschwindt, Hauptmann Koch, vnd der- 
gleichen hinein zu verschaffen," ^) 

Dieser Bericht vom 4. Juli kreuzte sich mit einem Erlass, welcher 
ddo. Wien, 5. Juli 1683 an Lothringen abging, in welchem ihm mit- 
getheilt wird, „ das dem Fürsten von Croy das interims-commando 
zu Raab, bis sich der Markgraf zu Baden, Hörmann selbsten einfindet, 
aufgetragen seye."^) Der Umstand, dass das Commando in Raab 
dem Präsidenten des Hofkriegsrathes anvertraut werden wollte, lässt' 
erkennen, dass man in Wien diese Festung als einen der Hauptpunkte 
beurtheilte, um welchen der Kampf zunächst entbrennen werde.^) Diese, 

getroffen wurden, habe ich oben, der Hauptsache nach, erwähnt, Diese Angaben 
sind sohin, so wie überhaupt die Darstellungen bei Camesina 1. c. Seite 92 
und 93, ferner Weiss 1. c. Seite 149 und 150 richtig zu stellen. Wenn ausser- 
österreichische Schriftsteller aus Mangel genügender Information, über österr. 
Zustände abfallig urtheilen, so können wir darüber mit Schweigen hinweggehen. 
Wenn aber in historischen in Wien entstandenen Arbeiten, welche als Quellen- 
werke angesehen werden, derartige Irrthümer vorkommen, dann kann man nur 
sein tiefes Bedauern aussprechen. 

*) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 404. 

2) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 518. Die Angabe bei Thürheim 
1. c. S. 61, dass der Herzog von Lothringen den Grafen Starhemberg zum 
Commandanten von Raab bestellt hatte, ist somit richtig zu stellen. 

») Daselbst. Prot. Nr. 367, Fol. 439^8. 

*) In Comom war Festungscommandant der mehrerwähnte General- 
Feld- und Hauszeugmeister Graf Hofkirchen, welcher schon am 22. Jänner 1683 



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91 

das Commando in Raab betreffenden Anordnungen kamen jedoch 
nicht zur Durchführung, sondern es blieben dort die Generale Hanns 
Esterhazy und Wallis als Befehlshaber zurück. 

Schon von Raab aus war der Feldzeugmeister Graf Leslie mit 
den Fusstruppen und der Artillerie auf die kleine Schutt übergetreten. 
In einem Erlass vom 4. Juli äusserte der Kaiser seine Sorge über die 
Trennung der Infanterie von der Cavallerie, worüber der Herzog „aus 
dem Veldtlager bey Bergen den 6. July" meldet: „Er habe dis Ex- 
pediens ergriffen, nit von Wienn abgeschnitten zu werden, durch 
welchen dem Leslie kein gefahr zuwachsen werde, die 4 Herbevill 
Comp, das Castellsche Tragoner und de Lika Kroaten-Regiment, wie 
auch die Lubomirskyschen Völkher, wären dahin beordnet." Lothringen 
bemerkt ferner „es habe der Graf Leslie zuwider der ordre ohne einige 
gefahr die kleine Schütta nunmehr verlassen," legt aber „die motiva 
des Leslie warumben dis beschehen" bei, und meldete schliesslich 
„das Er bey einkommenden Schiffen, zwey bruckhen bey Carlspurg 
werde schlagen lassen, vnd sich mit der Infanteria conjungiren, ent- 
zwischen bis Verfertigung in disem Lager verbleiben wolle. "^) Es ist 
dieses der letzte Bericht des Herzogs vom rechten Ufer der Donau. 

Aus der vorstehenden Relation erfahren wir, dass der Graf Leslie 
jzuwider der ordre" mit dem Fuss- Volk, der Artillerie und einem 
Kavalleriecorps den Marsch gegen Pressburg fortgesetzt hatte. Er 
scheint die eigentliche Sachlage vollkommen richtig beurtheilt zu 
haben und erkannte, dass er so rasch als möglich, Wien erreichen 
müsse.^) Diesen Truppen voraus eilte Graf Starhemberg auf den nun- 
mehrigen Schauplatz seiner Thätigkeit, auf welchem er Unsterblichen 
Ruhm erwerben sollte. 

Der Kriegszug des Herzogs von Lothringen im Laufe der Monate 
Mai und Juni 1683 ist mehrfach getadelt worden. Ich bin nicht Fach- 
mann, um über diese Frage ein ürtheil äussern zu können. Eines 
dürfte jedoch ausser Zweifel stehen. Hätte der Herzog von Lothringen 
statt kaum 30.000 Mann, nach der Absicht der kaiserl. Regierung 
50 oder 60 Tausend Mann, gestützt auf die Festungen Comorn und 
Raab unter seinem Befehl gehabt, dann konnte es Kara Mustapha 

den Befehl erhielt sich nach Comorn zu verfugen. K k. Kriegs-Archiv Prot. 
Nr. 366, Fol. 32. 

') K. k. Kriegs-Archiv Prot Nr. 366, Fol. 518 u. f. 

*) Camesina 1. c. Seite 93 lässt das Fussvolk und die Artillerie von 
Raab über Comorn durch die Insel Schutt nach Presßburg ziehen? 



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92 

nicht wagen, diese Armee in seinem Rücken lassend, gegen Wien vor- 
zubrechen. 

Die Heerschau bei Kitsee, gegen deren Vornahme sich mehrere 
Generale ausgesprochen hatten, war besonders geeignet, um dem Feinde 
das Ungenügende der kaiserlichen Kriegsmacht klar zu legen. 

Wo die Ursache zu suchen ist, dass Kaiser Leopold I. mit derart 
unzulänglichen Kräften den Kampf um den Fortbestand der Monarchie 
aufnehmen musste, und wo eigentlich die wirksamsten Verbündeten 
der Türken zu finden sind, wurde wiederholt angedeutet. 

VII. 

Abreise des Kaisers und Bestellung der höchsten Civil- und 
Militär-Functionäre. 

Die Conferenz, welche am H. Juli 1683 in der Wohnung des 
Fürstbischofs Emerich Sinelly stattfand, beschäftigte sich in 
erster Linie mit der Frage, auf welchem Wege der 'ausserordentlichen 
Finanznoth abzuhelfen wäre. Unter dem Drucke der aus dem Geld- 
mangel sich ergebenden Schwierigkeiten, mussten alle Vorbereitungen 
zur Vertheidigung der Monarchie und speciell von Wien durchgeführt 
werden. 

Nachdem für die Verpflegung der in Ungarn operirenden kaiser- 
lichen Truppen, in Wien ein Hauptmagazin angelegt wurde, 
hatte man mit einer Zahl von Parteien, theils Herrschaftsherrn, theils 
Händler, Verträge über die Lieferung von Korn und Hafer abge- 
schlossen. Unterm 18. Mai 1683 berichtete der Proviant-Commissär 
Anton Dortsch, dem das Wiener Hauptmagazin unterstand, über den 
Stand der Lieferung und drängte zur Bezahlung, indem die Contra- 
henten mit der Einstellung der Lieferung drohen.^) Mit der Note vom 
5. Juli 1G83 konnte die Hofkammer an den Hofkriegsrath bekannt 
geben, „dass Wienn mit der ausgeworfenen Proviant- 
quantität völlig versehen sei."^) 



^) K. k. H. K. A. Fase. 17103. Die Preise waren beim Korn zwischen 
13 bis .16 fl. 30 kr. pr. Muth. Dem Acte liegt ein Verzeichnis der Contrahenten 
bei. Eingeliefert waren bereits 1376 Muth Korn und 108*2 Muth Hafer, wofür 
44321 fl. ausstanden. 

'^) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 439ver8. Obwohl Wien mit 
Getieide, Mehl und Hafer genügend verproviantirt war, wurden dennoch beim 



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9ä 

Unterm 5. Juli 1683 erging an den Staätgttardi-ObristKeutnant 
Grafen Dann, welcher während der Abwesenheit des Stadtcommandanten 
Grafen Starhemberg, der sich bei der Armee in Ungarn befand, das 
Stadtcommando führte, die Weisung, Vorsorge zu treffen „damit die 
vnter den Stadtthoren zue Wienn ankommenden Leuthe, besser als 
bishero geschehen, ausgefragt, wer Sie seyn, vndt woher Sie kommen, 
vndt was Sie alhier zu schaffen, wohl examinirt werden.^) Unter dem 
gleichen Datum wurde die Nied.-österr. Regierung zur Veranlassung 
folgender „defensions-anstalten" angewiesen, u. z. 

1. „Decreta an die Clöster, die alte Religiösen an andere orth 
zu schicken vnd die Jungen alhier zu behalten. 

2. die Vorstätt und benachbarte Dörffer auch die Statt zu 
visitiren vnd die Franzosen vnd frembde Leuth hinweg zu 
schaffen. 

3. Die Spitähler, für die Kranken Soldaten zu halten. ' 

4. Die Hausswirth von wochen zu wochen verlässliche Listen 
einzureichen, was sich für leuth bey Ihnen befinden. 

5. Die Verhack und Verschantzung des Wienerwaldts."^) 

Von diesen Verordnungen, welche sich zunächst mit den inneren 
Angelegenheiten der Stadt Wien beschäftigten, ist namentlich die in 
Bezug auf die Ausweisung von Fremden, insbesondere der 
Franzosen erlassene Verfügung wohl zu beachten. Am 5. Juli 16S3 
ertheilte ferner der Hofkriegsrath dem Grafen Philipp von Thurn 
den Auftrag zur ungesäumten Abreise nach Warschau, um dem Könige 
von Polen „die Türkengefahr zu representiren, und ihn dahin zu 
persuadiren, damit von dero Völkern, so viel Sie immer entbehren 
können, der Kays, armata eilfertig zu kommen/' An den Residenten 
Zierowsky erfolgte die Weisung, „dass er den Thurn eifrigst zu 
assistiren habe.^) 

In der mehrerwähnten Conferenz vom 6. Juli, meldete der Hof- 
kammer-Director Graf Trautmanstorff, dass er wegen Verhauung des 



Anzüge der Türken Requisitionen unter Verwendung „der Artiglerie, Pagage, 
Veitproviantamts- und Regiments-Proviantspferde, gegen recognition des er- 
höbenden Quanti" vorgenommen, um die sonst dem Feinde in die Hände 
fallenden Vorräthe zu retten, und zur Verpflegung der Entsatztruppen ver- 
wenden zu können. Die Requisitionen hatten auch die Beischaffung von Schlacht- 
vieh aller Art im Auge. K. k. H. K. A. Fase. 13864. 

^) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 439. 

2) und 3) Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. 440vers und 44lv«5'». 



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94 

Wienerwaldes dem Waldschiaffer bereits Auftrag ertheilt habe und 
diese Arbeit im besten Zuge sei. An einzelnen Orten seien Pallisaden 
und Schanzen aufzurichten, worüber vom Hofkriegsrath ein Ingenieur 
verlangt werden wird. „Bey disem Punkt ist auch des Herrenlosen 
muessig vnd Verdächtigen frembden Gesindlss, Eine 
meidung beschehen" und bemerkte der österr. Hofkanzler Freiherr von 
Strattmann, dass er wegen Ausweisung desselben dem Kaiser Vortrag 
erstatten werde. Noch an demselben Tage erging an den Grafen von 
Traun der Auftrag, dass er wegen Verhauung der Wälder jenseits 
der Donau, das Erforderliche ungesäumt anzuordnen habe. Am 
7. Juli legte der Hofkanzler dem Kaiser über diese Conferenz „ein 
Referat" vor.^) Da Leopold I. am Abend des 7. Juli Wien verliess, 
blieb die Frage über die Ausweisung „des Hermlosen muessig vnd 
Verdächtigen frembden Gesindlss" unentschieden. 

In dem Bericht, welchen der Herzog von Lothringen am 6. Juli 
1683 von Berg, — gegenüber Pressburg gelegen, — an den Kaiser 
eingesendet hatte, meldete er, dass er die Absicht habe, sich über 
zwei bei Karlsburg zu schlagende Schiffbrücken mit der Infanterie zu 
conjungiren. Die rasch gegen Wien vordringenden Tartaren zwangen 
ihn, noch an demselben Tage den Marsch u. z. am rechten Ufer der 
Donau über Hainburg nach Wien anzutreten. Er erreichte noch am 
6. Juli Deutsch-Altenburg. Am 7. Juli wurde die ausgedehnte Ge- 
päcks-Colonne in der Nähe von Rägelsbrunn von einigen Tausend 
Tartaren überfallen. Die dadurch unter den kaiserl. Truppen verursachte 
Verwirrung, wurde vom Feind benützt, um einen Theil des Gepäckes zu 
plündern. Die bald wieder in Ordnung gebrachte kaiserl. Cavallerie ver- 
trieb die Tartaren nach kurzem Gefecht, wobei von den Kaiserlichen 
zwischen 40 bis 50 Mann todt blieben und eine Zahl verwundet wurde. ^) 



K. k. H. K. A. Fase. 13864. 

*) Bei diesem Gefecht erlitt der Herzog Julius Ludwig von Savoyen, 
ein älterer Bruder des Prinzen Eugen von Savoyen eine schwere Verletzung. 
Das tödtüch getroffene Pferd stürzte, wobei dem Prinzen durch den Sattelknopf 
die Brust derart gequetscht wurde, dass er sofort Blut ausbrach. Er wurde 
nach Wien gebracht, wo er jedoch nach einigen Tagen starb. Kaiser Leopold I. 
hatte dem Prinzen erst am 20. Jänner 1683 das Patent zur Errichtung eines 
Dragoner-Regimentes ertheilt. In den Berichten des Residenten Baron Kuniz 
an den Herzog von Lothringen vom 3. Juli bis 6. Sept. 1683, welche in gleich- 
zeitigen, jedoch von verschiedener Hand angefertigten Abschriften im k. k. 
Kriegs-Archiv aufbewahrt werden, wird über den Ort des üeberfalles erwähnt: 



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95 

Von dieser Affaire, welche an sich ganz unbedeutend und im 
Grunde ein üeberfall war, wie er beim Rückzuge von Truppen häufig 
vorkömmt, gelangten alsbald die übertriebensten Nachrichten nach 
Wien und verursachten dort einen panischen Schrecken, sowie eine 
heillose Verwirrung. 

Der Herzog von Lothringen hatte schon am Morgen dieses ün- 
glückstages den General Aeneas Graf Caprara voraus an den 
Kaiser abgesendet, um über die Gesammtlage der Armee Bericht zu 
erstatten; diesem folgte — wie es scheint, nach dem Scharmützel bei 
Rägelsbrunn — der Oberst Graf Philipp Leopold vonMonte- 
cuccoli nach. Dass unter den obwaltenden Verhältnissen der Hof 
nicht länger in Wien verbleiben konnte, erscheint wohl als selbstver- 
ständlich. Namentlich mussten die zu Rathe gezogenen Militärs auf 
die sofortige Abreise des Kaisers den dringenden Antrag stellen. 

Leopold I. yerliess um 8 ühr Abends desselben Tages mit dem Hof- 
staat die Stadt und gelangte noch bis Korneuburg. Die Abreise des 
Hofes war das Signal zur allgemeinen Flucht. Namentlich war es der 
wohlhabende Theil der Bevölkerung, welcher um jeden Preis zu ent- 
kommen suchte. Dass bei einer derartigen Aufregung mancher Gewalt- 
act, namentlich gegen die Jesuiten, deren Einfluss und Rathschläge 
man diese Calamität zur Last legte, vorfiel, darf uns nicht befremden. 
Es waren dieses jedoch Vorkommnisse, welche auf den Verlauf der 
Katastrophe keinen Einfluss nahmen. ^) 



„den 13. seindt Wir vnterhalb der Schwechat gelagert, aber passando ausser 
Röglssbrunn im Veldt bey etlich undt 40 Cörper Teutsche Cuirassier todter 
gesehen, hingegen wie Sig. Janaki referirt hatten die Tartarn deren totte negst 
deto Veldt in einem Waldtl begraben, massen er über 200 Gräber aldorth selbst 
gesehen und gezehlt." Vergl. auch das im Jahr 1684 gedruckte Diarium des 
Residenten Baron Kuniz, Seite 5. Der Rückzug der kaiserl. Truppen von Raab 
nach Wien hatte für dieselben bedeutende Verluste an Proviant und Munition 
zur Folge. Zum 1 . Juli 1683 meldet Baron Kuniz : „Es hat sich der Janitscharen- 
Aga bey Hung. Altenburg gelagert, und den Gross-Vezier erwartet, in Hung. 
Altenburg hat man eine vnbeschreiblich mänge mehl, gedraidt, vnd Wein, in 
der Vestung aber eysserne Kugel, Hauen vnd Schauffei gefanden, diese Munition 
zu beladen, haben Sie bis 10 ten frühe daselbst still gelegen." 

*) Camesina 1. c. Seite 95 sagt, dass der Hof auf dem Wege von Wien 
nach Komeuburg, von kleinen türkischen Reiterabtheilungen umschwärmt 
wurde.** Diese Angabe ist vollständig xmrichtig. Am 7. JuU Abends befand 
sich noch keine Abtheilung von Türken oder Tartaren auf der linken Seite der 
Donau zwischen Wien und Korneuburg. 



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Nach der Vertreibung der Tartaren und wiederhergestellter Ord- 
nung in der Traincolonne, setzte der Herzog von Lothringen mit der 
bei ihm befindlichen kaiserl. Cavallerie den Marsch gegen Wien fort. 
Er erreichte noch Fi schämend, wo er die Nacht über lagerte. Von 
den mittlerweile in Wien herrschenden Zuständen scheint er ohne 
Nachricht geblieben zu sein, weil vorausgesetzt werden muss, dass er, 
seinen Truppen voraus, in die Stadt geeilt wäre, um durch seine 
Gegenwart sowohl den Hof, sowie die angsterfüllte Bevölkerung in 
etwas zu beruhigen. So aber zog er am 8. Juli Morgens, „mit Paucken 
und Trompeten Schall" über St. Marx, den Rennweg und die Schlag- 
brücke — ohne die Stadt zu passiren — gegen den Tabor, wo 
er die Cavallerie ein Lager aufschlagen Hess. ^) 

Ehe ich den weiteren Verlauf der Ereignisse schildere, muss ich 
mir erlauben, auf einige Irrthümer auftnerksam zu machen, welche in 
hier einschlägigen Publicationen mehrfach anzutreffen sind. 

Der Stadt-Syndicus Dr. Nikolaus Hocke -) erzählt, dass am 8. Juli 
Morgens 3 ühr der Hofkriegsraths-Präsident Markgraf Hermann von 
Baden den Bürgermeister Liebenberg, den Stadtrath Peickhardt und 
ihn (Hocke) vorgerufen, und denselben in Gegenwart der Generäle 
Grafen Daun und Grafen Sereni mitgetheilt, „dass der Kaiser 
dem Grafen Ernst Rudiger von Stahrenberg, als Statt-Obristen , und 
Commandanten das höchste Commando gegeben", und den 
Feldzeugmeister Grafen Caplirs „pro Directore dess geheimen depu- 
tirten Consilij benennet hätten, und wurde an Proviant und 
Munition in derVestung kein Abgang sein: Es werde aber 
auch die Burgerschafft zu deren selbst aigenen Schutz, und Conser- 
virung dess ihrigen nicht ermanglen." 

Camesina lässt bei dieser Verhandlung ausser den eben genannten 
Personen auch noch die Generäle Grafen Starhemberg und Caplirs 
zugegen sein. *) Wir stehen nunmehr vor der Frage : wann traf der 
Stadtcommandant Graf Starhemberg in Wien ein ? Hocke erzählt zum . 
8. Juli: „gegen dem Abend seynd Ihro Exe. Herr Commandant über 



*) Die mit dem Herzog von Lothringen angekommene Cavallerie wird 
zu 10«000 Mann angegeben. Diese Ziffer ist entschieden zu hoch, 

') Kurze Beschreibung der türkischen Belagerung der Statt Wienn etc. 
etc. durch Nicolaum Hocke, der Rechten Doctorn, Syndicura und Stattschreibern 
allda. Wien 1685. Seite 3. 

') Camesina 1. c. Seite 5. 



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97 

die Don au -Brücken- angelanget, und mit Ihro Durchl. Hertzogen 
von Lothringen in Dero Karotzen in die Statt gefahren". ') In gleicher 
Weise meldet auch Daniel Suttinger, dass Graf Starhemberg am 8. 
Abends in Wien ankam. ^) Dem entgegen erzählt Camesina, Seite 4, 
„dass Graf Rüdiger von Starhemberg noch am 7. Juli gegen Abend 
über die Donaubrücke in Wien eintraf und mit dem Prinzen von 
Lothringen in dessen Wagen in die Stadt einfuhr. Li gleicher 
Weise äussert sich Graf Thürheim ^) u« m. A. Auf Seite 5 sagt jedoch 
Camesina, dass Donnerstag den 8. Juli der Herzog von Lothringen 
mit der Cavallerie von St. Marx über den Rennweg kommend, gegen 
die Leopoldstadt und die Taborau zog. Wir wissen, dass der Herzog mit 
seinen Truppen in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli bei Fischamen t 
lagerte, er kann somit am 7. Abends ^icht mit dem Grafen Starhem- 
berg in Wien eingefahren sein. Bei Camesina begegnen wir somit 
einem wesentlichen Widerspruch. Der Anlass hiezu dürfte in Folgendem 
liegen. Graf Starhemberg ^ erstattete am 11. Juli an den Kaiser einen 
Bericht, den wir jedoch nur aus einem in der österr.-milit. Zeitschrift 
vorkommenden Abdrucke kennen, das Original ist nicht mehr vor- 
handen. ^) 

Dass Graf Starhemberg ddo. Wien 11. Juli 1G83 einen Bericht 
an den Kaiser abgehen Hess, und in demselben seine Ankunft in der 
Stadt meldete, unterliegt keinem Zweifel, '') allein das in der milit. 
Zeitschrift mitgetheilte Datum „7. Abends" ruft Bedenken hervor. 

Aus dem Feldlager beim Tabor, den 9. Juli, meldete der Herzog 
von Lothringen an den Kaiser, „das der Stadtoberst Graf von Stahren- 
berg in die Stadt ankommen, vndt möglichst vorsorgliche anstalten 
mache". ^) Nachdem mit jedem Tage Berichte an den Kaiser abgingen, 
so lässt sich kaum annehmen, der Herzog habe einen ganzen Tag 
vorübergehen lassen, ehe er von einem derart wichtigen Vorfall, wie 
das Eintreffen des Stadtcommandanten in Wien, Meldung machte. Der 
Herzog von Lothringen hatte dem Grafen Breinner und dem Hof- 



*) Hocke, 1. c. Seite 5. 

2) Suttinger Daniel. Kui-ze Erinnerung von der Stadt Wien etc. Seite 21. 
Auch Välkeren 1. c. Seite 15 erzählt dass der Stadtcommandant der Artillerie 
und Infanterie voraus, „über die Brücken und Insul, worin der Herzog voii 
Lothringen mit der Cavaglerie campirte" in die Stadt kam. 

8) L. c. Seite 66. 

*) Oesterr. milit. Zeitschrift I. Bd. Seite 10. 

*) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. ölövers. 

ö) Daselbst Fol. 518 u. f. 

7 



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98 

kammerrath Karl von Belchamps den Auftrag ertheilt, sich mit Starhem- 
berg darüber zu berathen, wie bei dem grossen Andrang der Türken 
„die zur Defension der Statt Wienn Höchstnothwendige requisita 
an geldt, munition vnd Proviant beyzuschaffen, und einzurichten wäre". 
Diese Conferenz, über welche ich später Mittheilung machen werde, 
fand in der Wohnung des Grafen Starhemberg am 9. Juli statt. Auch 
von dieser Verhandlung lässt sich nicht annehmen, dass sie um einen 
vollen Tag verschoben wurde. Ein Umstand verdient noch besonders 
erwogen zu werden. Kaiser Leopold verliess mit dem Hofstaat Wien 
am 7. Juli, Abends 8 Uhr. Bis der Zug die Taborbrücke passirte, 
dürfte esv 9 Uhr gewesen sein. Wäre es richtig, dass Starhemberg, wie 
Camesina erzählt, am 7. Juli gegen Abend über die Donaubrücke 
in Wien - ankam und mit dem Prinzen von Lothringen in dessen Wagen 
in die Stadt einfuhr, so hätte er den Kaiser entweder noch in Wien 
getroffen oder er musste demselben am Wege begegnen. In beiden 
Fällen war es dann überflüssig, des Stadtcommandanten Eintreffen 
dem Kaiser besonders zu melden. 

Alle diese Zweifel lösen sich jedoch ganz einfach, wenn man mit 
Hocke und Suttinger den Grafen Starhemberg am 8. Juli Abends 
in Wien ankommen lässt. Er fand am Tabor das Lager der mit dem 
Herzog von Lothringen am Morgen desselben Tages angekommenen 
Cavallerie und den Herzog selbst, der ihn in seinem Wagen in die 
Stadt begleitete. 

Den Grafen Caplirs lässt Hocke, Seite 9, am 9. Juli in Wien 
ankommen. Der Herzog von Lothringen meldete dessen Eintreffen in 
einem am 11. Juli an den Kaiser erstatteten Bericht. Nach Hocke 
waren bei der am 8. Juli, Morgens 3 Uhr, beim Markgrafen Hermann 
von Baden stattgefundenen Audienz, bei welcher Hocke persön- 
lich zugegen war, nur die beiden Generäle Daun und Sereni 
anwesend. ^) Camesina lässt jedoch auch die Generäle Grafen Starhem- 
berg und Caplirs zugegen sein. ^) Man sucht vergebens nach einem 
Grund, welcher Hocke bestimmen konnte, die Anwesenheit der beiden 
wichtigen Generale Starhemberg und Caplirs bei der in Rede stehenden 
Audienz zu verschweigen. Die Besprechung der bei Camesina, Seite 4 
und 5, unterlaufenen Irrthümer erschien als unvermeidlich, daher ihre 



1) Hocke 1. c. Seite 4. 

*) Camesina 1. c. Seite 5. Dieselbe Angabe findet sich bei Graf Thürheim 
1. c. Seite 69, und Onno Klopp 1. c. Seite 208. 



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9Ö 

eingehendere Erörterung entschuldigt werden wolle. Leider sind wir 
mit diesen Richtigstellungen noch nicht am Ende. 

Hocke, Seite 4, lässt in der mehrerwähnten Audienz den Mark- 
grafen von Baden zu den anwesenden Stadtvertretern sagen: „und 
wurde an Proviant und Munition in der Vestung kein 
Abgang sein". Dieser Satz lässt sich wohl nur dahin deuten, dass 
der Sprecher mittheilen wollte, die Festung sei mit Proviant und 
Munition ausreichend versorgt. Nach Camesina, Seite 5, sagte der 
Markgraf jedoch, „dass es an Proviant und Munition für die 
Soldaten nicht fehlen dürfe". Noch weiter geht Onno Klopp, 
Seite 208, er lässt den Markgrafen an den Bürgermeister die Auffor- 
derung richten: „Proviant und Munition zu beschaffen, sowohl 
für die Bürger als für die Soldaten". 

Proviant und Munition anbelangend, werde ich später noch einige 
Umstände zu besprechen haben. Jetzt schon darf jedoch darauf auf- 
merksam gemacht werden, dass sich der Präsident des Hofkriegsrathes, 
Markgraf Hermann von Baden, vor -dem Bürgermeister und den 
anwesenden Stadtvertretern der gröbsten Vernachlässigung seiner Pflicht 
angeklagt haben würde, wenn er dieselben jetzt, wo der Feind vor 
den Thoren war, aufgefordert hätte „Munition zu beschaffen sowohl 
für die Bürger als für die Soldaten". Im Verlaufe meiner Darstellungen 
habe ich wiederholt hervorgehoben, dass die kaiserl. Regierung den 
Fall einer Belagerung von Wien durch die Türken seit Jahren in das 
Auge gefasst hatte, und auch bezüglich Bei Schaffung der Munition 
rechtzeitig Vorsorge traf. Die Deckung einer Festung mit dem Munitions- 
bedarf war jederzeit eine Aufgabe der Kriegs Verwaltung. In Wien 
jedoch lässt man diese Aufgabe, deren Durchführung Monate in Anspruch 
genommen hätte, im letzten Augenblick der Stadtvertretung zuweisen, 
und erzählt, diese Letztere habe, dieser Aufforderung nachkommend, 
die Munition beigeschafft. Woher man binnen wenigen Tagen die 
mannigfaltigen Munitionssorten in den kolossalen Mengen genommen 
oder bezogen hat, das vermag man uns jedoch nicht zu sagen. 

Auf Seite 95 erzählt Camesina, dass Kaiser Leopold erst am 
7. Juli 1683, unmittelbar vor der Abreise, den Grafen Starhemberg 
zum Commandanten der Stadt Wien bestellt habe, welche Angabe von 
Onno Klopp u. A. wiederholt wird. ^) Feldmarschall-Lieutenant Graf 
Ernst Rüdiger von Starhemberg wurde schon am 16. Februar 1680 

») Onno Klopp 1. c. Seite 206. 

7* 



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100 

zum Stadtguardie-Obristen und Stadtcommandanten von 
Wien ernannt. Fort und fort konnten wir die Umsicht und Sorgfalt 
wahrnehmen, welche derselbe dem Fortifications- und Defensionswesen 
der Stadt, in klarer Voraussicht der drohenden Katastrophe, zuwendete. 
Graf Starhemberg wurde allerdings im Mai 1683 mit einem Truppen- 
Commando in Ungarn betraut, allein nicht der mindeste Anhaltspunkt 
liegt vor, woraus sich der Schluss ziehen Hesse, er sei damals seines 
Amtes als Stadtcommandant von Wien enthoben worden; — im Gegen- 
theile, er wird während seiner Dienstleistung in Ungarn, in Erlässen 
und Resolutionen, Stadtcommandant von Wien genannt; er war als 
solcher, während der Dauer seiner Anwesenheit bei der Armee in Un- 
garn, durch den Stadtguardie-Oberstlieutenant, Feldmarschall-Lieutenant 
Wilhelm Johann Anton Grafen Dann, vertreten. 

Camesina dürfte zu der von ihm geäusserten Annahme durch 
eine bei Hocke vorkommende Stelle verleitet worden sein. Dieser erzählt 
Seite 4, es habe der Hofkriegsraths-Präsident bei der mehrerwähnten 
Audienz am 8. Juli Morgens vorgetragen, der Kaiser habe „dem Herrn 
Ernst Rutiger Graffen von Stahrenberg, als Statt-Obristen und Com- 
mandanten (Titl) das höchste Commando gegeben". Starhem- 
berg wurde somit nicht erst zum Stadtguardie-Obristen und Stadt- 
commandanten ernannt, sondern als solcher wurde ihm eine neue Dienst- 
function, das höchste Commando in der Stadt, übertragen. Es 
war dieses eine Anordnung, welche die grosse Umsicht des Kaisers 
wahrnehmen lässt, deren Bedeutung wir alsbald erkennen werden. 

Die Besorgung der Regierungsgeschäfte während der Dauer 
der Belagerung anbelangend, traf Kaiser Leopold I. eine ähnliche Ein- 
richtung wie im Jahre 1679 während des Wüthens der Pest in Wien 
(Seite 1). Da es sich dermalen jedoch nicht blos um politische 
Angelegenheiten handelte, sondern auch für die Erledigung der 
militärischen Fragen und Gegenständen, welche unter den 
obwaltenden Verhältnissen unverkennbar von hoher Wichtigkeit waren, 
Vorsorge getroffen werden musste, war ein zweites Collegium noth- 
wendig. 

Die erstere Stelle, mit dem Namen „geheimes Deputirten- 
Collegium", hatte als Vorsitzenden den Feldzeugmeister und Hof- 
kriegsraths-Vice-Präsidenten Grafen Caspar Zdenko von Caplirs. 
Die Mitglieder waren: Der nied.-österr. Landmarschall Franz Max 
Graf von Mollard für die Angelegenheiten des Landes unter der 



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101 

Enns, der Stadtcommandant Ernst Rüdiger von Starb emberg 
für Militärsacben, der nied.-österr. Regiments-Canzler Oswald Hart- 
mann von Hüttendorf für Justizsacben und der Hofkammerratb 
Carl von Belcbamps für Cameral- und Finanzangelegenbeiten. 
Dieses Collegium zäblte somit zwei Militärs und drei Civilpersonen. 

Alle militärischen Gegenstände, wie Evidenzbaltung der Besatzungs- 
truppen, Besoldung derselben, Verrecbnung, Militär- Justizsacben, Dis- 
ciplinar-Angelegenbeiten, Avancementsacben u. s. w. und überhaupt alle 
Fragen, über welche die Bescblussfassung und Erledigung nicht einem 
Collegium zugewiesen werden konnte, in welchem die Majorität der 
Mitglieder aus Civilpersonen bestand, fielen, wie solches auch unter 
normalen Verhältnissen während der Abwesenheit des Kaisers von Wien 
stets der Fall war, dem hinterlassenen Hofkriegsrath,, dessen 
Vorsitzender ebenfalls der Graf Caplirs war, zur Entscheidung zu. ^) 

Die für Wien verfügten administrativen Einrichtungen wurden mit 
dem Erlasse vom 13. Juli 1683 dem Herzog von Lothringen bekannt 
gegeben. „Betreff die anstalten Zue Wienn tam in civil e quam 
militari, vndt führen das Directorium die hinterlassene geheimbe 
vndt Deputirte Räth, woruon alle instantien dependiren." 

„Die Geheimbe und Deputirte Rathsstellen weren 
nachfolgender gestalt ersetzt, nemblich mit dem grafen von Caplirs, 



*) üeber die Bezeichnung : „hinter lassener Hofkriegsrath" möge 
folgende Erklärung gestattet sein. Sobald der Kaiser für längere Zeit Wien 
verliess, hatten ihn die Präsidenten der Centralstellen (Hofkanzleien, Hof- 
kammer, Hofkriegsrath) mit einem Theile der bezüglichen Räthe und Expeditions- 
Offlcialen zu begleiten. Diese CoUegien waren die „anwesende Hofkammer " 
der „anwesende Hofkriegsrath" u. s.'w. An sie waren alle wichtigen, der Ent- 
scheidung des Kaisers vorbehaltenen Gegenstände zu leiten. Die Vicepräsi- 
denten mit den in Wien zurückgebliebenen Räthen waren „der hinterlassene 
Hofkriegsrath", die „hinterlassene Hofkammer" u. s. w. Herr Onno Klopp, 
Seite 203, gibt ganz richtig an, dass während der Belagerung, in Wien ein 
doppelter Rath bestand, durch eine specielle Resolution wurde jedoch nur das 
„geheime Deputirten-Collegium" eingesetzt, der „hinterlassene Hof- 
kriegsrath'* ergab sich instructionsgemäss, es bedurfte dazu keiner speciellen 
Bestellung. Aus diesem Grunde dürfte auch seine Thätigkeit in Wien bisher 
übersehen worden sein. Damit beheben sich auch jene Bedenken welche Freiherr 
von Belfert in seiner dem Grafen Caspar Caplirs gewidmeten Abhandlung, 
Berichte des Wiener Alterthums-Vereines XXI. Band, Seite 136, über den von 
Herrn Onno Klopp erwähnten „doppelten Rath" erhebt. Von der Anwesenheit 
des hinterlassenen Hofkriegsrathes in Wien während der Belagerung, findet 
sich ein Beleg bei Hocke, 1. c. S. 46. 



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102 

als Directore, dem Landtmarschalchen (Molart) Stattguardi-Obristen 
(Stahrenberg) Regiments-Canzler (Hartman) und Belchamps mit welchen 
man sich zu vernehmen." 

„Der hinterlassene Hoff-Kriegs-Rath bestehe in dem 
Vice-Präsidenten graffen Caplirs vndt anderen daselbst sich befindenden 
Käthen." 

„In Consultirung der defensions Sachen wegen Wienn 
könne nebst denen sich alda befindenden Generals-Personen und hohen 
Kriegs-Officirn, auch der Ingenieur Rümpler gezogen werden." 

„Die altern Generalen sollen denen Jüngeren, altem gebrauch 
nach, Vorgehen. Die einigkeit vndt obedienz were vor allem zu ob- 
serviren, die miliz auch von ihren officirn mit glimpf vnd Sanfftmuth 
zu tractiren." 

„Das artigler.-Weesen wird von dem Obristleuthnant Geschwindt 
wohl zu beobachten sein. Die Statt Wienn, so es nit beschehen ist 
mit constablern zu versehen." 

„Der Minirerofficier nebst allen minirern alda zu lassen." ') 

Durch die Anordnung, welche Leopold I. traf, dass: „In con- 
sultirung der defensions-Sachen", sich der hinterlassene 
Hofkriegsrath durch Zuziehung der Generals-Personen (unverkenn- 
bar jene Generäle, welche nicht Hofkriegsräthe waren) und hoher 
Kriegs-Officiere, sowie des Ingenieurs Uimpler zu verstärken hat, geht 
wohl klar hervor, dass es dem Kaiser ferne lag, die Defensionssachen 
durch das „geheime Deputirten-CoUegium" berathen und entscheiden 
zu lassen, in welchem von den fünf Mitgliedern drei dem Civilstande 
angehörten, somit Laien in militärischen Angelegenheiten waren. Eine 
solche Einrichtung hätte unter den Generälen nur zu bald Wider- 
sprüche hervorgerufen und Zerwürfnisse herbeigeführt. 

Graf Caplirs war der Vorsitzende in beiden Collegien. Auch in 
dieser Anordnung lässt sich die grosse Umsicht des Kaisers erkennen. 
Ein einträchtiges Zusammenwirken beider Gruppen war dadurch jeden- 
falls mehr gesichert, als durch die Bestellung von besonderen Vor- 
sitzenden für beide Collegien. Die Relationen und Berichte, welche 
Caplirs erstattete, lassen übrigens mit ziemlicher Sicherheit erkennen, 
ob er sie als Präsident des geheimen Deputirten-Collegiums oder als 
Vorsitzender des hinterlassenen Hofkriegsrathes einbrachte. 

') K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367. 



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103 

Aus dem Vorstehenden lässt sich die Competenzgrenze des „ge- 
heimen Deputirten-Collegiums", welches mehrfach auch „Guberni" 
genannt wird, genau erkennen. Es war die oberste Stelle in 
allen Civil-Angelegenheiten. Als Präsident desselben war Graf 
Caspar Zdenko von Caplirs der Chef der Civil- Administration 
der Stadt Wien während der Türkenbelagerung." ') Auf militärische 
Fragen und in das eigentliche Defensionswesen reichte diese Competenz- 
grenze nicht herüber. Dem hinterlassenen Hofkriegsrath blieb sein 
instructionsgemässer Functionskreis unberührt. 

Dieses vorausgeschickt, wird sich nunmehr auch die Stellung des 
Stadtcommandanten Grafen Starhemberg dem geheimen Deputirten- 
Collegium gegenüber klarstellen lassen. Darum, weil Graf Starhemberg 
diesem Collegium als Mitglied zugetheilt war, kann nicht geschlossen 
werden, dass er demselben in seiner Stellung als Stadtcommandant 
untergeordnet war und er von diesem auf die Stadtverthei- 
digung einflussnehmende Befehle und Aufträge erhielt. 
Man erwäge die Lage des Stadtcommandanten, falls Befehle des 
geheimen Deputirten-Collegiums nicht im Einklänge standen mit Be- 
schlussfassungen des hinterlassenen Hofkriegsrathes , auch nicht im 
Einklänge waren mit seinem eigenen Urtheil über die Nothwendigkeit 
gewisser Vertheidigungs-Dispositionen. 

In jeder belagerten Festung muss schliesslich eine Persönlichkeit 
mit jener Vollmacht und Autorität ausgerüstet vorkommen, durch 
welche sie berechtiget wird, das letzte und entscheidende Wort zu 
sprechen. In Wien war dieses der Stadtcommandant Graf Ernst 
Rüdiger zu Starhemberg, dem der Kaiser, wie solches der Hof- 
kriegsraths-Präsident Markgraf Hermann von Baden am 8. Juli den 
anwesenden Stadtvertretern bekannt gab, „das höchste Com- 
mando" übertragen hatte. 

In dem Schreiben vom 11. Juli 1683, mit welchem Graf Starhem- 
berg dem Kaiser sein Eintreffen in Wien und die Uebernahme des 
Stadtcommandos meldet, sagt derselbe zum Schlüsse : „was zur Erhaltung 
dieses mir vonEuerMt. anvertrautenPostens dienen kann, 
und meinen letzten Blutstropfen werde ich in Euer Mt. Dienst mit 



') Hocke 1. c, Seite 19, sagt: „welches hochansehnliches, Geheimbes- 
CoUegium das Statt- und Civil- Wesen höchstvernünftig dirigiret, das bonum 
publicum getreulichst promovirt, und der gesambten Burgerschafft mögligist 
an die Hand gestanden." Vergl. auch Välkeren: Wien von Türken belagert etc. 
Seite 12. 



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104 

Freuden aussetzen." So spricht nur ein Mann, der sich im Moment 
des höchsten Ernstes, des ganzen ümfanges der ihm übertragenen Auf- 
gabe, und der damit verbundenen ausserordentlichen Verantwortlichkeit 

bewusst ist. 

Weit entfernt, die Verdienste des Grafen Caplirs im geringsten 
verkürzen zu wollen, habe ich mich dennoch für verpflichtet gehalten, 
auf ein umfangreiches Actenmateriale gestützt, jene Momente hervor- 
zuheben, aus denen sich eine Richtigstellung der in den Berichten 
und Mittheilungen des Alterthums-Vereines in Wien, Band XXL, 
Seite 118 u. f. ausgesprochenen Anschauungen ergiebt. 

Graf Caspar Zdenko von Caplirs wurde mit dem kaiserl. Erlass 
ddo. Krems 9. Juli 1683 mit dem Präsidium des Deputirten-Collegiums 
in Wien betraut.^) Schon unterm 12. Juli richtete er an den Präsi- 
denten des Hofkriegsrathes eine Eingabe, in welcher er bittet „ihme 
bey hoff seiner Sfera nach, oder bey der Armee zue employren, seye 
zu disen carico in der Stadt zu alt, vndt abgemath, wüsse auch nit 
zu subsistiren," worüber ihn ein zweiter kaiserl. Erlass zum Verbleiben 
in Wien aufforderte.^) 

Die am 7. Juli begonnene Flucht aus Wien, setzte sich noch 
am 8. fort. Viele wehrhafte kräftige Männer, namentlich aber 



') Dieser Erlass ist abgedruckt in der Beilage zur Wiener Abendpost Nr. 87, 
Freitag 16. April 1880 und im XXI. Band der Berichte und Mittheilungen des 
Wiener Alterthumsvereines. Seite 125. Der Name des Grafen Caplirs wird ver- 
schieden geschrieben, uz. Cappliers, Capliers, Kapliers. Er selbst unterschrieb 
sich Caplirs, daher ich ihn in gleicher Weise schreibe. Schon mit dem kaiserl. 
Erlass vom 11. Jänner 1683 wurde er als Vorsitzender einer Commission „zu 
mehrerer Versicherung und Einrichtung der defension in Hungam auch besserer 
Vnterhaltung der Kays, trouppen bestellt". Mitglieder dieser Commission waren 
die Generäle Starhemberg, Rabatta, Ludwig von Baden, der Hofkriegsrath Pozzo, 
Graf Breinner und in dessen Verhinderung einer der Feld-Kriegscommissäre 
Schipko oder Vorster. K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 16. 

2) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 520ver8. Caplirs hatte sich 
ddo. Linz 6. Juli 1684 an den Kaiser um Genehmigung des Betrages von 1000 fl. 
gewendet. Er sagt dass jer ohne Geldmittel in Wien angekommen und hebt 
hervor: „habe mich mehrer dahin bearbeithet, wie die mittel zur Erhaltung 
der so glückhlich hineingekommenen starkhen Mannschafft vnndt bestreittung 
so vieler zuer defension benöthigte vnd täglich ja Stündlich vorgefallenen 
nothurfften auszubringen, alss darvon nur einig heller zue meiner Subsistenz 
nehmen oder mir zu aygnen hatte wollen." Er musste sich 1100 fl. ausborgen. 
Die kaiserl. Resolution lautete: „Weillen die summa nit gross und Er In der 
belagerung guette Dienst geleistet hatt also könnthen dise 1000 fl. wohl ge- 
geben werden, Leopold«. K. k. H. K. A. Fase. 13868. 



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105 

der wohlhabendere Theil der Bevölkerung verliess, den besten 
Theil seiner Habe mit sich nehmend, die Stadt. ^) Die ersten Anord- 
nungen, welche der am 8. Juli in Wien eingetroffene Stadtcommandant 
Graf Starhemberg traf, bezogen sich auf die Vollendung der Defensions- 
Anstalten. Hieher gehörte zunächst der Abschluss der Contrescarpen 
mit Pallisaden, welche Arbeit bisher nur an einzelnen Stellen in An- 
griff genommen war. 

Wir wissen, dass zur Durchführung der Stadtfortification einige 
Tausend Mann Fusstruppen und eine Anzahl Landroboter in Ver- 
wendung standen. Als die nied.-österr. Stände, trotz der eindringlichen 
Vorstellung des Kaisers, die Verlängerung der Robot für einige 
Wochen ablehnten (Seite 79) und auch die Truppen nach Ungarn 
abziehen mussten, blieben nur 1000 Mann des Kaisersteinischen Re- 
gimentes für die Fortführung der Fortifications-Arbeiten zurück. 

Die gegen die kaiserl. Regierung erhobenen Vorwürfe, dass von 
ihr das Fortifications- Wesen der Stadt Wien vernachlässiget worden 
war, habe ich > Seite 29 richtig zu stellen gesucht; — ich muss auf 
diese Frage jedoch nochmals zurückkommen. Camesina 1. c, Seite 4 
sagt: „die Contrescarpen waren noch nicht errichtet und 
konnten daher auch nicht mit Pallisaden besetzt werden, ja man hatte 
nicht einmal diese letzteren herbeigeschafft, sie fehltei eben 
so gut als Faschinen und Sckanzkörbe." Ohne diese Angaben einer 
Prüfung zu unterziehen, wurden sie sogar von militärischen Schrift- 
stellern nachgeschrieben.-) Wären Camesinas Schilderungen richtig, so 
würden damals die Contrescarpen ganz gefehlt haben. Wir müssen 
nun zunächst fragen, welche Bestandtheile einer Festung 
sind die Contrescarpen? In dem bereits erwähnten Ingenieur- 
und Artillerie-Lexicon von Jack, von Eggers, I. Bd., Seite 583, finden 
wir folgende Definition: „Contr escarpe ist eigentlich die äussere 
Böschung oder Abhang des Grabens einer Festung. Gemeiniglich aber 
wird darunter die gedachte Böschung, der bedeckte Weg und das 
Glacis zusammen genommen verstanden, dass also, die Contrescarpe 
attaquiren, sich auf die Contrescarpe logiren, eben so viel, 
als den bedeckten Weg anfallen, sich des bedeckten Weges Meister 
machen heisset." Nun ist wohl die Frage gestattet, wie überhaupt 



^) Die Beschwerden welche sich über diese Angelegenheit in dem Votum 
der Stadt Wien zu den Landtags-Propositionen pro 1684 vorfinden, waren voll- 
ständig begründet. Vergl. Camesina 1. c. Anhang. Seiten 20 und 21. 

«) Thürheim 1. c. Seite 66. 



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106 

von dem Bestände eines Stadtgrabens die Rede sein kann, wenn das 
Vorhandensein der äusseren Böschung, der„Contrescar- 
pen", desselben, in Abrede gestellt wird. Es kömmt auch 
ferner zu erwägen, dass die Contrescarpen nicht blosses Erdwerk 
waren, sondern dass wesentliche Theile derselben, so wie die Brust- 
wehren des bedeckten Weges aus festem Mauerwerk bestanden. \) Wie 
die angeblich noch gar nicht errichteten Contrescarpen und all ihr 
fortificatorisches Zugehör im ganzen Umfange der Stadt Wien, die 
kurze Strecke der Donauseite ausgenommen, binnen vier oder fünf 
Tagen hergestellt werden konnte, lässt man freilich als ein Räthsel 
offen. 

Camesina sagt weiter, dass die Pallisaden nicht herbei- 
geschafft waren, sondern fehlten. Die Anstalten, welche ge- 
troffen wurden, um Pallisaden in genügender Zahl rechtzeitig herbei- 
zubringen, habe ich oben eingehend geschildert. Aus den Acten ergibt 
sich kein Anhaltspunkt um nachweisen zu können, dass die von den 
nied.-österr. Ständen übernommene Beschaffung von 80.000 Pallisaden 
unterblieben ist. Grosse Mengen wurden femer aus dem kaiserl. Wald- 
amt und aus den Donauauen rechtzeitig beigestellt. Wären, wie Came- 
sina angibt, keine Pallisaden vorhanden gewesen, so darf wieder die 
Fragl gestellt werden, woher die Zahl von circa hundert Tausend 
Rundhölzer, jedes 9 bis 12 Fuss lang und 8 bis 12 Zoll im Durch- 
messer, binnen vier oder fünf Tagen genommen wurden?-) 

Am 9. Juli griff bereits der Stadtcommandant Graf Starhemberg 
in die das Fortificationswesen betreffenden Massnahmen ein. Unter 
Bedrohung mit Lebens strafe war die Stellung von mindestens 
500 Mann zur Fortsetzung der Verpallisadirungen aufgetragen worden. 
Das altgewohnte „Depreciren" hatte somit sein Ende erreicht. Um der 
Bevölkerung das unvermeidlich gewordene „Muss" zu demonstriren, 
sah man Geistliche und Rathsherren sich an der Arbeit betheiligen. 
Hocke 1. c, Seite 7, erzählt zum 9. Juli: „ist man mit dem Schanzen 

Auf Suttingers Plan von Wien, welcher wie Seite 20 nachgewiesen im 
Jahr 1680 angefertiget wurde, sieht man deutlich das Mauerwerk der Contre- 
scarpen. 

*) Camesina 1. c. Seite 7 lässt am 9. Juli Pallisaden setzen. Diese müssen 
somit vorhanden gewesen sein. Der später im Laufe der Belagerung eingetretene 
Mangel an Pallisaden und Bauholz erklärt sich dadurch, dass am 18. Juli beim 
Abbrennen der Vorstädte ausser 1000 Klafter Brenn-Holz, durch den „contrari 
Wind" auch das „fast bis an die Contrascarpen auff denen Zimmer-Plätzen 
gelegene häuffige Bauholz mit verbrunnen". Hocke 1. c. S. 16. 



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107 

und Pallisaden setzen in denen Contrescarpen fortgefahren; Wie dann^ 
der gantze Clerus in der Fürstl. Bischöflichen Residenz durch den 
Vicarium Generalem und Officialem, jhro Hochw. Herrn Joh. Bapt. 
Mayr beruffen, der in Beyseyn jhro hochw. Herrn Claudy Herrn 
Klöckhers jetzigen Thom-Dechanten etc. dess Schantzens halber der 
Vortrag gethan worden, und die Erklärung dahin ergangen, dass alle- 
sambt bey der erforderten so hohen Noth sich gebrauchen lassen 
möchten, so auch beschehen vnd allerley Ordens-Persohnen und Reli- 
giösen in denen Contrascarpen geschantzet und Pallisaden setzen helffen, 
worbey die meiste Vorsteher denen andren ein gutes Exempel gegeben; 
Und hat sich auch Herr Burgermaister sambt der meisten Burger- 
schafft darbey eingefunden; und den Anfang mit Führung etlicher 
Scheib-Truhen voller Erden gemacht.« 

Die, jede Betheiligung an den Vertheidigungs- Vorkehrungen ab- 
lehnende Haltung der nied.-österr. Stände, hatte den Kaiser mit tiefer 
Sorge erfüllt. Mit den wärmsten Vorstellungen hob er hervor, „dass 
der Erbfeindt in die viscera dieser Provinz den Vorsprung gewinnen, 
vndmitvnaussprechlichen laydthernacher alles zuspath 
fallen wurde." 

Mit einer heute gar nicht mehr zu erklärenden Kurzsichtigkeit, 
hatten sich auch die Vertreter der Stadt Wien im Landtage dieser 
oppositionellen Haltung der Stände angeschlossen. Anstatt die kaiserl. 
Regierung in den Vorkehrungen zur Defension der Stadt Wien zu 
unterstützen, „deprecirte" man gegen jede Betheiligung. So vergingen 
Wochen um Wochen, nunmehr aber stand das vom Kaiser warnend 
gesprochene „zu spät" in dem furchtbarsten Bilde des Verderbens 
und des Unterganges vor den Augen. 

Wie manchem jener Herren, ob geistlich oder weltlich, die nun- 
mehr den Krampen, die Schaufel und die Scheibtruhe zur Hand nahmen, 
um wenn noch möglich das Versäumte nachzuholen, mag, wenn sie 
sich selbst befragten, ein „mea culpa" vorgeschwebt haben. 

VIII 

Beschaffung der für Wien während der Belagerung 
erforderlichen Geldmittel. 

Der Herzog von Lothringen hatte dem General-Feld-Kriegs-Com- 
missär Grafen Breinner und dem Hofkammerrath Karl von Belchamps, 
welchem im geheimen Deputirten-Collegium die Cammeral- Angelegenheiten 



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108 

übertragen warön, den Auftrag ertheilt, sich mit dem Stadtcomman- 
danten Grafen Starhemberg darüber zu berathen, wie bei dem grossen 
Andrang der Türken „die zur Defension der Statt Wienn Höchst noth- 
wendige requisita an geldt, munition und Proviant beyzuschaffen und 
einzurichten wäre?" 

Die Genannten hatten sich am 9. Juli in die Wohnung des 
Grafen Starhemberg verfügt, wo zunächst über die Proviant-Angelegen- 
heit verhandelt wurde. Ueber die Frage, wie hoch Starhemberg die 
Besatzung der Stadt veranschlage, hat dieser „hierauf den ausspruch 
auf 10/M Mann gemacht, vnd sambt diesen auch für die Studenten 
vnd andere, welche sich zu Defendirung der Statt Wienn gebrauchen 
lassen, oder sonsten aufgebracht wurden, die Proviantnotturfft auf 
Vier Monath lang begehret." 

Nachdem dem Stadtcommandanten „über die aigentliche Be- 
schaffenheit des ordinary vnd extraordinary Vorrath" Ausweise vor- 
gelegt wurden, äusserte er sich sehr befriediget, und wurde von ihm 
über den Antrag: „dass der üeberrest dennen in Veldt stehenden 
Völkhern appliciert werden kunte, kein weithere difficultet mouirt." 
Um über das Geldbedürfhiss zu verhandeln, verfügten sich die beiden 
Herrn am 10. Juli unter Zuziehung des Hofkammer-Rathes Hager 
und des Hof-Kriegszahlmeisters abermals zum Grafen Starhemberg. 
Sie hoben hervor, dass im Hof-Kriegszahlamt nur 30 Tausend 
Gulden erliegen, von denen 6000 fl. für die Bauzahlamt skassa und der 
Rest „bei der Veld-Krigskassa, welche ohne deme sehr erschöpft ist, zu 
denen augenblicklichen vorfallenden extra Kriegsausgaben, vorbehalten 
werden möchten." Ueber diese Mittheilung ermahnte Starhemberg „auf 
die Regimenter pro Junio und so lang dieselben etwa eingesperrt seyn 
wurden, auf keine weiss zu vergessen, wan man änderst von disen 
Leuthen eine guette vnd vigoreuse Defension haben will." 

Nach einem sofort verfassten Ueberschlag stellte sich zu diesem 
Ende ein Bedarf von monatlich 40 Tausend Gulden heraus. 

Ein dritter Verhandlungspunkt bezog sich auf das von Starhem- 
berg gestellte Begehren, dass der bei der Fortification arbeitenden 
Miliz statt 2, pr. Mann 3 Groschen täglich als „Zubusse*^ verabfolgt 
werde, worauf der Stadtcommandant besonders beharrte. Die Commis- 
sion konnte dieses Begehren vorläufig nur zur Kenntnis nehmen, um 
darüber eine weitere Entscheidung einzuholen, bemerkte jedoch, nach- 
dem der in den Vorstädten erliegende Wein hereingebracht werden 



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109 

soll, „einem Jeglichen welcher In Herrn Dienst Handt anleget, täglich 
aine Halbe raichen zu lassen." 

Ueber diese mit dem Grafen Starhemberg am 9. und 10. Juli 
gepflogenen Verhandlungen erstatteten die beigezogenen Commissäre 
noch am 10. Juli an die Hofkammer Bericht, worin die „also baldige 
Beyschaffung ainigen 2 Monathsold cum Summa efficacia, danebens 
auch die eylfertige Herab Lieferung der mit dem Böhm contrahirten 
Pulfers vndt munitionssorten hiemit besonders recommandirt wird". 
Nachdem das erforderliche Geld schwer beizuschaffen sein dürfte, 
machen die Commissäre darauf aufmerksam, dass es gerathen wäre, 
die von Auswärtigen nach Wien geflüchteten Gelder für die Kriegs- 
Zahlamts-Kassa einzuheben und den Parteien über die seinerzeitige 
Rückvergütung Versicherungen auszustellen. ^) 

Ueber diesen Bericht erfolgte ddo. Linz 14. Juli 1683 an den 
Grafen Breinner ein Hofkammer-Erlass, worin er belobt wurde, dass 
er dem Grafen Starhemberg über die in Wien vorhandenen Vorräthe 
an Mehl und Früchten Mittheilung gemacht: Wegen Geld wird die 
weitere Resolution noch erfolgen, „Und ist man inzwischen bey Hoff 
gewerttig, was wegen gewisser in Wien gefleheten pahren Gelder, 
Vnseres Mittelss, Herr CoUega von Belchamps mit der Ihme beson- 
ders aufgetragenen Handlung, durch Seine gutte Dexteritet 
ausswürckhen vnd erhalten wirdt." -) 

Welchen besonderen Auftrag der Hofkammerrath von Belchamps 
auszuführen hatte, ist im Act nicht angegeben, wir erhalten darüber 
jedoch alsbald von einer anderen Seite Klarheit. Unzweifelhaft über 
eine von Belchamps ausgegangene Anregung, richtete der Erzbischof 
von Calocza, Graf Georg Szecheny, von Laureaty 14. Juli 1683, 
an den Kaiser ein Schreiben, worin er sagt: Seine Mt. werde sich 
erinnern, dass er im Vorjahre 100/M fl. dargeliehen hat. Nun habe er 
bei der Reise über Wien, dahin 61/M fl. mitgeführt und im Collegium 
Pazmaneum deponirt. Er hätte diese Gelder auch weiter mitnehmen 
können, allein er habe sie in Wien gelassen, um damit dem Kaiser 
ein neues Zeichen seiner Treue zu geben. Er ist geneigt dieses Geld 
gegen 5®/o Verzinsung dem Kaiser zu überlassen. Die Schlüssel zui* 
Kiste habe er bei sich, er ist bereit, sobald es befohlen wird, nach 
Linz zu kommen auf dass dort die Verschreibung ausgefertigt werde, 
und er dagegen den Schlüssel ausfolgen kann. Auf der Aussenseite 

Ö^. k. H. K. A. Fase. 13864, auch Gdkb. Nr. 211, Fol. 344ver8. 
«) K. k. H. K. A. Fase. 13864. 



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110 

des Schreibens findet sich von der Hand des Kaisers die Zuweisung 
an den „Hofkammer-Präsident*', femer die Bemerkung „Expedirt 21. Juli 
1683.« ') 

Kaiser Leopold I. befand sich damals in Passau, wodurch sich 
eine Verzögerung in der Erledigung dieser Angelegenheit ergab; auch 
erfolgte mittlerweile die gänzliche Einschliessung von Wien durch die 
Türken. Ehe noch über diesen Gegenstand eine Weisung hieher 
gelangen konnte, sah sich das geheime Deputirten-CoUegium durch die 
Nothlage gezwungen, die von den beiden Erzbischöfen von Gran und 
Calocza nach Wien geflüchteten Gelder für die Kriegskassa einzuziehen. 
Dasselbe beauftragte unterm 17. Juli mit dieser Aufgabe den Bischof 
von Wr.-Neustadt, Leopold Grafvon KoUonitsch, welcher unter 
Zuziehung des Hof - Kriegszahlamts - Controlors Johann Michael 
Eineder auf Grundlage zweier, am 21. und 22. Juli 1683 ausgefer- 
tigten Specificationen, im Hause des Erzbischofs von Gran Georg 
Szeleptseny^) an baarem Geld und Kostbarkeiten — letztere 
schätzungsweise veranschlagt — die Summe von 499.780 fl. 7^/4 kr.; 
und im CoUegium Pazmaneum aus den Geldern des Erzbischofs von 
Raab den Betrag von 61.555 fl. 10 kr. übernommen.^) 

Noch vor der Uebernahme der eben erwähnten zwei Summen 
hatte am 9. Juli Fürst Ferdinand Schwarzenberg an den 
Grafen KoUonitsch für den Kaiser ein Darlehen von 50.000 fl. über- 
geben und gegen seinerzeitige Vergütung 1000 Eimer Wein für die 
Garnison überlassen. ^) 



») K. k. H. K. A. Fase. 13861. Laureaty ist der Ort Lorch bei Enns. 

*) Der Erzbischof Georg Szeleptseny von Prohoncz hatte sich auf seine 
in Mähren gelegene Herrschaft Lettowitz geflüchtet. 

^) Die über diese Amtshandlung aufgenommenen zwei Protokolle befinden 
sich im Graner Primatial- Archiv, archivum seculare H. Nachdem der Erzbischof 
von Gran nicht blos Baargeld, sondern auch Gold- und Silbergegenstande nach 
Wien gebracht hatte, konnte der Werth der letztern vorläufig nur schätzungs- 
weise angesetzt werden. Die genaue Ziffer werden wir noch später kennen lernen. 
Dem von dem Grafen Georg Szecheny, welcher in den Acten immer Erzbischof 
von Raab genannt wird, behobenen Betrag pr. 61000 fl. wurde für Goldmünzen 
ein agio von 555 fl. 10 kr. zugerechnet. Die an den Grafen KoUonitsch ertheilte 
Weisung vom 17. Juli erwähnt auch Hocke 1. c. Seite 45. Aus dem Vorstehenden 
ergibt sich eine Richtigstellung der bei Onno Klopp 1. c. Seite 241 vorkom- 
menden diese Angelegenheit betreffenden Darstellung, so wie der bei Camesina 
1. c. Seite 12, Note 4 vorkommenden Citate. 

*) Fürst Schwarzenberg befand sich in Steiermark. Da er von dem starken 
Anmarsch der Türken gegen Wien Nachricht erhielt und hier seine hoch- 



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111 

Für die Deckung der während der Belagerung von Wien vor- 
kommenden Auslagen waren nunmehr Geldmittel in dem genügenden 
Umfange vorhanden. Aus den Acten lässt sich jedoch unschwer ent- 
entnehmen, dass nur eine geringe Anzahl der massgeben- 
den Personen hievon Kenntnis hatte, woraus sich die über 
diese Angelegenheit selbst bei den gleichzeitigen Chronisten vorkom- 
menden ganz irrthümlichen Angaben erklären. Wie oben erwähnt, 
hatte der Erzbischof von Gran auch Silber und Goldgegenstände nach 
Wien geschafft. Die Vermünzung derselben wurde rechtzeitig in An- 
griff genommen und liegen über dieses Geschäft vom Münzmeister 
Mathias Mittermayer von Waffenberg detaillirte Nachweise vor. 



schwangere Gemalin sich befand, eilte er nach Wien, wo er am 8. oder 9. Juli 
ankam. Seine Gemalin hatte mit dem Hot im Gefolge der verwittweten Kaiserin 
die Stadt u. z. im Wagen des Grafen Kollonitsch verlassen. Hier folgte er auch 
das oben erwähnte Darlehen aus. Da von einigen Schriftstellern angegeben 
wird Fürst Ferdinand Schwarzenberg habe für die Garnison 3000 Eimer Wein 
gespendet, so möge es gestattet sein, diese Angelegenheit hier unter Einem 
klar zu stellen. Unterm 3. October 1683 brachte der Hofkammerath Carl von 
Belchamps an die Hofkammer einen Bericht ein, in welchem sich folgende Aus- 
lührung vorfindet : „Die 8000 gülden hat der Kriegs-Cassierer Erhoben, herent- 
gegen will der Herr Bischoff von Kollonitsch von denen im Münz-Ambt zu 
Completirung der hier verlassenen 50000 fl. von den Herrn Controlor Einöd^r 
dem Cassier angewiesenen 13000 fl. 11500 fl. mit dem Vorwandt weg- 
nehmben, Er habe es also mit Ihro Kays. Mt. vnd Ihro Excell. dem Herrn 
Cammer Präsidenten abgeredet, vnd zwar Zur guettmachung deren von dem 
Fürsten Schwarzenberg in wehrend Belagerung hergegebenen 3(XX) Eimer Wein, 
welches mich vmb so Vüll mehr bestürzet, dass wohl gedachter Herr Bischoff 
anfangs der Belagerung sich bey dem Löbl. gehaimben Deputirten CoUegio 
angegeben vnd ausstrükhlich gemeldet; der Fürst von Schwarzenberg gebe 
denen Streittenden, blessirten vnd khranken Soldaten 3000 Eimer Wein zum 
Bösten, vnd da er sich des andern tags Bey der Deputation widerumb angegeben, 
hat er dise Formalia aussgesagt : Der Fürst von Schwarzenberg seye ein Junger 
Würth, der anstatt 3, nur 1000 Emer Wein im Keller habe. Er Bischoff aber 
wolle es guettmachen, wie Er dan noch 1000 Emer darzue gekhaufft^ vnd an- 
statt der dritten Tausend Emer 1500 Gulden in die Spittäler gegeben, vndt 
ein anzahl Hemeter machen lassen, also das dises zusammen, anstatt d,er 
3000 Emer, so 9000 fl. ausgetragen, hergegeben worden. Nun hat dass Löbl. 
geheimbe Deputirten Collegium sich wegen des Allmosen Bedankht, vnd meines 
orths hette Ich Mich Ehend des Himels fahls versehen, alss dass der Jlerr 
Bischoff nicht allein dise 9000, sondern 11500 fl. darum widerumben wegg 
nehmen solle. Vnndt hette Ich den geringsten windt gehabt, dass es also mit 
disen 3000 Emer wein hergehen soll, wären sie niehmals angenohmben worden, 
Indem Wür anstatt ein pr. 100 Emer, Zwey Leicht hetten in der Statt Wienn 
nehmen vndt dardurch dise 1150) Gulden ersparen können, vnd ist für mich 



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112 

Das Defensionswesen anbelangend, kommen noch einige Vorkeh- 
mngen hervorzuheben. Die Beistellung der Bedienungsmannschaft für 
die Geschütze stiess in jeher Zeit, welche wir im Auge haben, auf 
manche Schwierigkeit. Die Artillerie, beziehungsweise die Artillerie- 
Mannschaft, war damals noch nicht, wie dermalen, ein der Armee 
dauernd einverleibter Bestandtheil. Dieselbe wurde besonders ange- 
worben und war ein Corps mit nahezu zunftartiger Verfassung. In 
dem mehrfach citirten Lexicon von Eggers, I. Bd. Seite 445, wird 
gesagt: „Canonierer, Constabel, Büchsenmeister, Canonier,- maitre- 
canonier, ist ein Bedienter bey der Artillerie, der zu den Stücken, 
selbige zu laden, zu richten und abzufeuern, bestellet ist, und dieses 
Gewerbe wohl verstehen muss." 

Am 12. Februar 1683 erging die Weisung zur Abrichtung von 
100 „Pixenmeistern" und zur Werbung von Mineurs in Tirol. ^) Schon 
unterm 15. März 1683 wurde der Stück-Obrist Christof von Bör- 
ne r beauftragt, zu berichten, wie weit die Anwerbung erfahrner Feuer- 
werker, Pixenmeister und Minirer gediehen ist. -) Am 7. Juli, somit 
unter dem Eindrucke der in Wien herrschenden Verwirrung, erfolgte 
von Seite der Hofkammer an das Schlüsselamt zu Krems die Weisung, 
„ohne Verliehrung einiges äugen blickhs" 1000 Zentner Pulver nach 
Wien schaffen zu lassen. Ein ähnlicher Befehl erfolgte von Seite des 
Hofkriegsrathes. ^) Nachdem der Kaiser am 8. Juli in Krems ankam, 
wurde ihm vorgetragen, dass sich 1800 Zentner Pulver in Vorrath 
befinden, worauf er die ungesäumte Abfahr von 1000 Zentner nach 



ein glückh, dass der Herr von Aichbüchl ankhommen, dann ich gewiss dem 
Herrn Bischoff von KoUonitsch nit gestattet hette, ohne mein Vorwissen auss 
denen Kays. Amptern gelt, noch Silber weg zu nehmen, u. s. w." In der auf 
diesen Bericht erfolgenden Erledigung ddo. Linz 10. October 1683 wird unter 
Anderm gesagt: „Für das dritte syndt Wür der mainung, dass des aussge- 
münzten Silbers halber, vnd was hiebey mehr eingezogen, mit den Herrn 
Graffen ven KoUonitsch, derzeith die Sache nit ausszumachen. Damit aber 
gleichwohl zu nöthigen aussgaben die mittl nit ermangeln mögen, Alss über- 
sehickhen Wür hiebey zwey Wechsslzettl, zusamben auf 14870 fl. u. s. w." 
K. k. H. K. A. Fase. 13864. Das Vorstehende genügt wohl, um die in dieser 
Angelegenheit bestehenden Irrthümer, namentlich die Angaben in den Berichten 
des Wiener Alterthums-Vereines XXI. Band, Seite 127 richtig zu stellen. 

1) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 113»«J^«. Nicht nur in Tirol auch 
in den ungar. Bergstädten wurden Bergknappen als Mineurs angeworben. 

2) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 198. 

8) K. k. H. K. A. Fase. 13864. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367. Fol. 

445?er8. 



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Wien anoränete. *) Nachdem die erste Pulversendung glücklich 
durchgeführt war, würde mit dem Erlass ddo. Linz 14. Juli 1683 dem 
Schlüsselamt in Krems aufgetragen, mit Ausnahme von 100 Zentner, 
alles Pulver nach Wien zu liefern. ^) Diese Weisung konnte nicht 
mehr realisirt werden. 



Die Besatzung von Wien und Vorsorge für die Kranken und 

Yerwundeten. 

So wie die türkische Heeresmacht auf der rechten Seite der 
Donau gegen Wien vorrückte, suchte auch das kaiserl. Fussvolk und 
die Feld-Artillerie über Pressburg und das Marchfeld kommend, 
die Stadt zu erreichen. Schon am 10. Juli Abends rückten 7 Com- 
pagnien des Scherffenbergischen Reginientes ein, diesen folgten mit 
jedem Tage kleinere Abtheilungen bis endlich das Hauptcorps, geführt 
vom Grafen Leslie, am 14. Juli unter dem Jubel der Stadtbewohner 
in Wien einzog. 

Die eingerückte Mannschaft wurde, sobald sie sich in etwas von 
den Strapazen des Marsches erholt hatte, zu den Fortifications-Ar- 
beiten verwendet, wobei auch die Bürgerschaft auf das thätigste mit- 
wirkte. Um diese Arbeiten gegen feindliche Ueberfalle zu schützen 
Hess der Herzog von Lothringen die Glacien durch Cavallerie-Ab- 
theilungen besetzen, auch wurden auf den Basteien leichte Geschütze 
aufgeführt, deren Schüsse die andringenden Tartaren bald verjagten, 

^) Die beiden Weisungen waren unverkennbar noch nicht eingelangt. In 
Krems fanden sich nur 4 Sechserinzillen vor, welche der Oberst-Stallmeister 
Ferdinand Bonaventura Graf von Harrach, von Aschau in Oberösterreich 
für den Transport seiner Effecten von Wien, bestellt hatte. Er überliess sofort 
zwei dieser Fahrzeuge, welche mit lOüO Zentner Pulver beladen wurden. Sobald 
die Verladung vollendet war, eilte der Schlüsselamtmann Simon von Wagen- 
heim zu Fuss nach Wien voraus um das Pulver anzumelden. Dasselbe kam 
afm 12. Juli in Wien an. Die zwei Schiffe wurden hier zurückbehalten. Der 
Eigenthümer, Schiffmeister Sebastian Göschel, der mit „dieser heicklen Waar" 
selbst nach Wien gefahren war, bekam als Ersatz zwei Sechserinschiffe und 
2i)0fl. Fuhrlohn. K. k H. K. A. Fase, 17108. Aus dem Vorstehenden ergibt sich 
eine Richtigstellung der bei Onno Klopp 1. c. Seite 208 vorkommenden Angabe, 
dass diese 1000 Zentner Pulver der Erzbischof von Salzburg geschickt habe. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13804 und k. k. Kriegs- Arch. Prot. Nr. 367, 
Fol 452. 

8 



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114 

Nachdem die Türken namentlich am 12. Juli in starken Abtheilungen 
gegen die Vorstädte vordrangen, beschloss ein Kriegsrath nach 
eingehender Verhandlung, das Abbrennen derselben, welche traurige 
Massregel am 1 3. Juli durchgeführt wurde. Der Herzog von Lothringen 
erstattete noch an demselben Tage über diesen Kriegsrathsbeschluss 
dem Kaiser Bericht mit der Versicherung, dass er sich die Erhaltung 
der Festung auf das eifrigste werde angelegen sein lassen. Am 15. Juli 
meldete er aus dem „Veldtläger bey yerlsee ausser der Bruckhen*', 
dass der Feind mit ganzer Macht von St. Marx bis gegen Heiligen- 
stadt lagere, „und bey dem Schiedenizischen garten vor dem Burgthor 
posto gefasst, also an der attaquirung an diser selten nit zu 
zweifln." ^) 

In demselben Bericht meldete der Herzog besonders, dass der 
Feindt durch den Wienner Waldt gebrochen, vnd straiffend allent- 
halben auf dem Dulner Veldt, dahero er das Lodronsche Kroaten, vndt 
Königgsegg Tragoner-Regiment sammt einem Theile des Dünewaldschen 
Regiments" unter dem General von Dünewald, „nach Crembss 
die bruckhen zu erhalten beordert."^) 

Die Truppen anbelangend, denen die grosse Aufgabe zufiel, Wien 
gegen den Islam, und somit auf den Wällen unserer Stadt den Fort- 
bestand der Habsburgischen Monarchie, aber auch den Culturstand 
Mitteleuropas gegen die demselben drohende Vernichtung zu verthei- 
digen, gehörten dieselben zu folgenden Regimentern,^) u. z. 
-"^'^Alt-Starhemberg ganz, 
•'"Neuburg ^/g Regiment, 
' .- Württemberg Yg Regiment, 
^Kayserstain Y> Regiment, 



») und ') K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 518 u. f. Diese letztere 
Massregel zeigte sich alsbald in ihrer vollen Wichtigkeit. Die türkische Reiterei 
drang, von abgefallenen Ungarn gefuhrt, gegen die Kremser Brücke vor, wo 
ihnen jedoch Graf Dünewald zuvor kam. Dieser meldete schon ddo. Krems 
22. Juli „seine verichte Parthey wider den Erbfeindt bei Sitzenberg, in 
welcher Er vber 400 nider gemacht, vndt 1000 gefangene Christen erlediget 
hat. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 543ver8 und Nr. 367, Fol. 457. Düne- 
wald blieb in Krems wo auch bald Graf Leslie ankam. Der „Schiedenizische 
Garten" ist wohl derselbe, welcher bei Hocke 1. c. S. 38 und bei Välkeren 
(Wien von Türken belagert von Christen entsetzt, von Johann Peter von Välkeren) 
Seite 30, ^Reiko witzischer Garten" genannt wird. 

') Der Rechnung über die Kosten der Stadtvertheidigung , welche ich 
später mittheilen werde, entnommen. 



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m 

--de Souches gaüÄ, 

^ Scherffenberg ganz, 

— Manssfeldt ganz, 

^-Beckh ganz, 

^Heyster Y2 Reginient, 

-^hünbische 3 Compagnien, 
die Strasoldische Mannschaft, 
das Stadtguardia-Regiment, 

— -das Dupignische Regiment zu Pferdt, 
die Artiglerie Persohnen."^) 

Die Oesterr. milit. Zeitschrift, Seite 12, gibt den Gesammtstand 
der Besatzungstruppen mit 11.223 Mann an, welche Ziffer jedoch 
selbst zur Zeit des Einrückens derselben in Wien, nicht vorhanden 
gewesen sein dürfte, denn Graf Starhemberg veranschlagte die Be- 
satzung wie wir oben gesehen, mit 10.000 Mann und brachte für 
dieselben einen Proviantbedarf für vier Monate in Antrag. Auch 
Välkeren 1. c, Seite 19, beziffert die Besatzung auf ungefähr 10.000 
Mann und sagt, dass über dieselbe Graf Ernst Rüdiger Star- 
hemberg als Stadt-Obrister und Commandant das höchste Com- 
m a n d führte. In Bezug auf die Einzel-Commanden wurde festgestellt, 
„dass neben dem Grafen von Daun der Graf de Souches als ältester 



*) Dieses Verzeichnis stimmt mit der bei Välkeren 1. c. Seite 18 vor- 
kommenden Aufzählung überein. Im Vergleiche mit der in der Oesterr. milit. 
Zeitschrift I. Band, Seite 12 anzutreffenden Zusammenstellung der Besatzungs- 
truppen, welche sich auch bei Graf Thürheim 1. c. Seite 78 vorfindet, ergibt 
sich darin ein Unterschied, dass hier statt „Thün bische 3 Comp." — 5 Comp, 
des Daun' sehen Reg. aufgeführt werden. So wie in der oben citirten Rechnung, 
finden sich auch in einem Verzeichnis über die nach der Belagerung zurück- 
gebliebenen blessirten und kranken Soldaten, die „3 Thümbischen Comp." 
erwähnt. Dem Verfasser der Abhandlung in der Oesterr. milit. Zeitschrift scheint 
die deutsche Ausgabe von Välkeren unbekannt geblieben zu sein, denn 
dort finden wir Seite 19 ausdrücklich; „10. drey Comp, yon des Christen 
Johann von Dihm Reg. Die Daun'scheii Comp, anbelangend kömmt zu bemerken • 
Am 4. Juli 1683 erging an den Stadtquardi-Obristlieutn. Grafen Daun der Auftrag, 
dass 5 Comp, seines Regiments eilends nach Wien zu kommen, die andern 
5 Comp, in Prag zu bleiben haben. K. k. Kriegs- Arch. Prot. Nr. 367. Fol. 436. 
Erst ddo. Prag 14. Juli 1683 „Erindert die böhmische Hofkanzlei die Marchrouta 
der nacher Wien beordneten 5 Dhaunischen Comp." K. k. Kriegs- Arch. Prot. 
Nr. 366, Fol. 525. Diese Truppen kamen somit nicht mehr vor der gänzlichen 
Absperrung der Stadt nach Wien, wohl aber meldete der Herzog von Loth- 
ringen ddo. 22. Juli, an den Kaiser, das Eintreffen der 5Daun'schenComp. 
bei Krems. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 523. 

8* 



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116 

Brigadier sambt dem Obristen Freyherrn von Beck als ältisten vnter 
den gegenwärtigen Obristen: Neben dem Grafen Sereni aber alter- 
native, wann der Dienst an ihne kombt, der Graff von Scherffenberg 
als jüngerer Brigadier sambt dem Baron Heister und Fürsten von 
Würtenberg als beyden Obristen, vnd so forthin auff die andere 
Obristen und Obrist-Lieutnant zu gehen, die Wachten vnd Dienste 
verrichtet, der Marchese Obizi aber durchgehend vnd stets mit der 
Ordinari Statt-Guardi zu schaffen vnd zu walten habe."^) 

Bei der vorstehend bezeichneten Zutheilung der Commanden, 
hatte man sich augenscheinlich an die vom Kaiser ertheilte Weisung, 
„die ältere Generalen sollen denen Jüngern, altem gebrauch nach, vor- 
gehen" gehalten. Dass dieselbe nicht von dem geheimen Depu- 
tirten-Collegium, sondern vom hinterlassenen Hofkriegs- 
rath beschlossen und aufgestellt wurde, braucht wohl nur erwähnt 
zu werden. Johann Peter von Välkeren, der selbst Mitglied des Hof- 
kriegsrathes war, bezeichnet in Uebereinstimmung mit dem Markgrafen 
Hermann von Baden den Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg als 
denjenigen, der während der Belagerung „das höchste Commando" 
führte.-) Es wird auf diesen umstand aufmerksam gemacht, um noch- 
mals die Anschauung: „dass der Graf Caplirs eigentlich der 
Höchst-Commandirende war," zu berichtigen. 

Anlässlich der am 9. Juli mit dem Grafen Breinner statt- 
gefundenen Conferenz (Seite 108), hatte Graf Starhemberg bei der Ver- 
anschlagung des Proviant-Bedarfes auch die Studenten einbezogen. 
Er rechnete somit schon vom Anfang auf die Betheiligung derselben 
bei der Stadtvertheidigung. Camesina 1. c, Seite 16 gibt an, djiss sich 
700 Studenten in drei Compagnien organisirt hatten. 

Die „Burger Schaft hat Herr Burgermeister und Rath in ihre 
acht Compagnien, dem alten gebrauch nach eingetheilet. ' Sie betrug 
1815 Köpfe, ^) „worunter sich allerhand ehrliche Leuthe von vnter- 
schiedlichen Conditionen, Ständen vnd GeWörb begeben." ^) 

Eine besondere Compagnie hatten „die Kau ff- vnd Handel s- 
Leuth der Kays, befreyten Niderlag'' gebildet, welche mit 
guten Feuerröhren bewaffnet und aus ihren eigenen Mitteln besoldet 

^) Välkeren 1. c. S. 19. Graf Sereni war krankheitshalber vor kurzer 
Zeit von Szathmar, wo sein Regiment stand, nach Wien gekommen, und hatte 
die Dienste mit dem Grafen Dann, Tag und Nacht alternirt. 

«) Välkeren 1. c. Seite 19. Hocke 1. c. Seite 18. 

®) Hocke 1. c. Seite 26. Camesina 1. c. Seite 14. 

*) Välkeren 1. c. Seite 23. 



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11^ 

waren. „Diese Leuthe haben ihre Station meistens in denen mitteren 
Zimmern der neuen Kays. Burg, oder aber auf der Burg-Pastey, oder 
in denen Abschnitten derselben, gehabt. • ') 

Die Hofbedienten und Hofbefreiten hatten 4 Compagnien 
errichtet. Es war ihnen das Stubenthor-Ravelin zur Ueberwachung zu- 
gewiesen, wohin aus der kaiserl. Zeltkammer 11 Zelte abgegeben 
wurden. -) 

Ausser diesen entstand noch die sogenannte Freicompagnie, 
ferner die Bäcker-, Fleischhacker- und Bierbrauer-, endlich die Schuh- 
knecht-Compagnie. ^) Diese verschiedenen Corps bildeten sich 
jedoch nicht alle gleichzeitig beim Anfang der Be- 
lagerung, sondern sie entstanden nach und nach im 
Verlaufe derselben. Sie wurden vom Stadtcommandanten angeregt, 
dem hiezu eigenthümliche Umstände Anlass gaben. Wir wissen, dass 
sich in die Stadt „viel müssigs, herrenloses, verdächtigs Gesindl* ein- 
geschlichen hatte, dessen Entfernung wohl beabsichtigt, aber nicht 
durchgeführt wurde. Namentlich waren es „Franzosen", deren Weg- 
weisung stattfinden sollte. Es lag der Gedanken nahe, dass Ludwig XIV. 
sowie Kara Mustapha und Tökely, selbst grosse Geldopfer zu bringen 
sich bestimmt fanden, um im Laufe der Belagerung in der Stadt eine 
meuterische Bewegung hervorzurufen.^) Um zu verhüten, dass die 
grosse Zahl der Gesellen verschiedener Zünfte, welche erwerblos ge- 
worden waren, dem „verdächtigen Gesindl" zufallen, wurden sie zu 
Compagnien zusammengestellt und thunlichst disciplinirt. Sie wurden 

') Hocke 1. c. Seite 32. Välkeren 1. c. Seite 24. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13668. 

^) Välkeren 1. c. Seite 24. Camesina 1. c. Seite 14. 

*) Ein interessantes Streiflicht auf derartige Pläne und Bemühungen er- 
gibt sich aus Folgendem : Der kaiserl. Resident von Kuniz meldete an den Herzog 
von Lothringen: „den 7. July frühe ist ein expresser nach Ofen an den Cai- 
macam spedirt worden, dass Er den Kays. Internuntius dorten licentyren, vndt 
nach Raab convoyren lassen solle, mit dieser occasion gedenket der gross Vezir 
Jemandt dahinein zu bringen, so des Tökely partes agiren, vndt womöglich 
eine Meuterey anspinnen solle." (K. k. Kriegs- Arch. Berichte des Kuniz.) Kurze 
Zeit später lief von der Regierung zu Graz die Anzeige ein, es sei dort die 
verdächtige Nachricht verbereitet, die Festung Raab werde auch ohne General- 
sturm in die Hände der Tiirken fallen. In einem Erlasse an den Raaber 
Festungscommandanten wurde demselben hievon Mittheilung gemacht, mit der 
Weisung, er möge dahin trachten, die Hussaren auf eine gute Weise aus der 
Festung zu entfernen. 



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118 

bei verschiedenen Defensionsarbeiten verwendet und gut bezahlt. Die 
Waffen, welche man ihnen in die Hand gab, sollten zunächst mehr 
gegen die inneren Feinde, als gegen die Türken bestimmt sein. 

Wesentliche Dienste leistete das Schützencorps, welches der 
unter Jägermeister Heinrich Gottfried Freiherr v. Kielmans- 
eck in die Stadt gebracht hatte. Derselbe bewohnte den Auhof bei 
Hütteldorf. Beim Anzüge der Türken rief er das damals zahlreiche 
Jagdpersonale etwa 80 Mann zusammen, welche, da sie durchaus 
geübte Büchsenschützen waren, dem Feind sehr erheblichen Schaden 
zufügten.^) 

Wie übereinstimmend aus allen gleichzeitigen Aufzeichnungen zu 
entnehmen ist, wurden sowohl die bürgerl. Compagnien, sowie die 
Compagnien der Studenten, Zunftleute u. dgl. ganz neu zusammen- 
gestellt. Sie waren daher auch nicht militärisch einexercirt, auch der 
grössten Zahl nach im Gebrauche der Waffen, namentlich des Feuerge- 
wehres wenig eingeübt Nur die bürgerl. Constabler und Büchsenmeister 
machten eine Ausnahme. Diese jedoch dürften nicht Bürger, sondern 
eine angeworbene, im Solde der Stadt gestandene Mannschaft gewesen 
sein, denn es bezogen jene „bürgerl. Pixenmeister," welche bei kaiser- 
lichen Geschützen Dienst machten, einen Sold.^) Dass dieselben eine 
Soldtruppe waren, ergibt sich auch aus einer Stelle bei Hocke 1. c, 
Seite 63 : „Anheut haben auch Diro Exe. Hr. Commendant 40 Bürger- 
liche Kunstabler begehret, welche mit Vorbehaltung der zur Gemeiner 
Statt auf*der Pastey vnd Cavallier bey denen Patribus Dominicanern 
assignirten Posto bedürfftigen Kunstabler auch bewilliget worden." 

Die Stadtbesatzung wurde mit Ausnahme der höheren Officiere, 
welche man in der Stadt einquartirte, in den Contrescarpen, d. i. in 
den Casematten und im Stadtgraben, wo man für sie Baracken auf- 
geschlagen hatte, eingelagert.^) Die Setzung der Pallisaden auf den 
Contrescarpen wurde noch am 14. Juli vollendet.^) 



*) Kielmanseck genoss die besondere Zuneigung des Kaisers. Er liess 
sich gerne zu üebergriffen hinreissen, welche ihn mit dem Hofkammer -Präsi- 
denten Freiherrn von Abele in Conflict gebracht hatten. 

•) K. k. H. K. A. Fase. 17723. Die diessfälligen Rechnungen finden sich, 
jedoch nicht ganz vollständig abgedruckt, bei Camesina 1. c. Anhang. Beilage VI, 
Seite 15 und 16. 

^)- Hocke 1. c. Seite 24. 

*) Hocke 1. c. Seite 34. Die erforderlichen Pallisaden, welche Camesina 
ganz fehlen lässt, müssen somit vorhanden gewesen sein. 



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119 

Die bürgerl. Artillerie hatte die Prediger-, auch „Bürger- 
bastei" genannt, besetzt.^), von wo dieselbe den Türken so manchen 
Abbruch ' that. Von einer eigentlichen Vertheidigung dieser Bastei 
kann jedoch keine Rede sein, indem auf dieser Seite der Stadt- 
befestigung, ein Angriff durch die Türken gar nicht statt- 
fand. Den Studenten war der zwischen dem Schottenthore und dem 
Neuthor gelegene Theil der Befestigung zur Bewachung zugewiesen. 

Eine der dringlichsten Vorkehrungen, welche schon beim Ein- 
märsche der Besatzungstrupppen in ihrer grossen Bedeutung in den 
Vordergrund trat, war die Vorsorge für die kranken und verwundeten 
Soldaten. Die Schwierigkeiten, welche sich aus diesem Anlasse für das 
geheime Deputirten-Collegium ergaben, sind bisher viel zu wenig ge- 
würdiget worden. In einem Bericht, welchen der Hofkammerrath von 
Belchamps unterm 7. October 1683 einbrachte, findet sich über die 
Einrichtung des Spitalwesens folgende Schilderung: 

„Wie die Kays. Infanteria herrein marchierte, hat ein iedes Re- 
giment wegen den schweren Marsches vill Krankhe, die konte ich 
nicht hin vnd her auff der gasse ligen sehen, gedachte dahero Spi- 
taler in denen Klöster auffzurichten. Es ginge Mir aber gantz änderst 
als ich verhoffte, dann kein Closter die Krankhe in ihren Zimmer, son- 
dern in denen Kreützgang mit harter Mühe auff der blossen Erdt, 
logieren wollen, bis ich von Jedem Hauss ein strohsackh durch die 
Herrn geheime Deputirte erhalten, Folgendts vmb 1300 fl. Kotzen sie 
zu bedeckhen Erkhaufft, vnndt alle erdenkhliche victualien vmb das 
bahre gelt bey schaffen lassen, alle Apothekher vmb die Arzeneyn zu 
praeparieren angefrischt, Vier Medicis auffgenohmen vndt alle barbier 
vndt bader in der Statt zum Verbindten angehalten, also dass in 
wehrendter Belagerung Ihnen nichts abgangen, indeme vber dise War- 
tung, ich Ihnen Kleider, schueh, strimpff vndt hemeter, wann sie 
gesundt worden, geben lassen» Alss aber Wienn entsetzet, die Thor 
geöffnet, vndt die Geistliche keine Forcht vor den Feindt mehr gehabt, 
da seindt die barbier Entloffen, vndt die Christliche lieb gantz erloschen, 
also dass die arme leüth bey zunehmender Kalten Lufft in denen 
Kreützgang vill mehr als zuvor leyden müessen absonderlich weillen 
die barmherzigen brüder fast alle erkhrankhet, vnndt die andre geist- 
liche Ihnen nichts mehr guetes gethan." ^) 

') Weiss. Gesch. der Stadt Wien, 2. Auflage 11. Bd. Seite 820. 
«) K. k. H. K. A. Fase. 13864. Die Thätigkeit der barmherzigen Brut c: 
findet in den Acten wiederholt ein besonderes Lob. 



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120 

Um in die Spitalsangelegenheiten eine bestimmte Ordnung zu 
bringen, wurde von dem Deputirien-Collegium alsbald eine Instruction 
aufgestellt, welche ich ihrem vollem Wortlaute nach mittheile. Dieselbe 
gibt Zeugnis von dem Geiste der Menschenliebe, der das genannte 
Coll^gium in dieser hochwichtigen Angelegenheit leitete, und man wird 
kaum irren, wenn man den Hauptantheil an der Aufstellung dieser 
Instruction den beiden militärischen Mitgliedern desselben, dem Prä- 
sidenten Grafen von Caplirs, und dem Stadtcommandanten, Grafen von 
Starhemberg, zuspricht. Als erfahrene Truppenführer waren sie gewiss 
von der Ueberzeugung durchdrungen, dass von jedem einzelnen Sol- 
daten nur dann eine aufopfernde Dienstleistung und, wie Graf Starhem- 
berg bei einem andern Anlass betonte, ,,eine guete und vigoreuse 
Defension' nur dann zu erwarten ist, wenn derselbe überzeugt sein 
kann, dass im Falle der Verwundung für ihn in menschenfreundlicher 
Weise vorgesorgt wird. 

Dieser Theil von der Thätigkeit des geheimen Deputirten-Col- 
legiums war, wenn auch nahezu vergessen, für die Rettung der Stadt 
Wien gewiss von der höchsten Bedeutung. Die in Rede stehende In- 
sruction lautete: 

„Notanda bey einrichtung der Spitäler für die Blessirte vnd Krankhen 

Soldaten." 
Imo Einem ieden Regim. ein besonders Closter anzuweisen, worbey 
zu merkhen das die ienige Geistliche, so arm vnd für sich selbst 
kheine Mitl haben, vnd deren wohnung der Feundtlich Artigl. 
vnderworffen , entweder gar nit,, oder mit deren Regimentern, 
die nur etliche Compagn. allhier haben zu belegen sein werden. 
2^*^ Zu wissen vnd zu vndersuchen was für medici nebst den Staabs- 
vnd anndern Veldtscherern, in einem ieden ort die blesirten vnd 
Krankhen versehen. 
3'^ Die Arzneuen aus denen hiesig Appoteckhen mit den ünderschid 
zunemmen, das ein Appotekher nit mehr als der ander beschwert 
werde, vnd das khein medicamment ohne vorwissen der Herrn 
Doctoren oder Staabs Barbierer, was die Wundten anbelangt 
erfolgt werde. 
4to Vnnd weillen bey dennen Blessirten das leinen tuech höchstens 
vonnöthen, wird mit denen Geistlich die sach also einzurichten 
sein, das sye die Leylach vnd ander Leingewandt, so vorhero 
für eine so grosse meng Geistliche, wie sye gehabt haben, 
gehört, dahin verwendet werde. 



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121 

5*° Ebendises ist mit dem Betsgewandt zuthuen, vnd acht zu hz^ben, 

das die arme Soldaten guette vnd raine Betten haben, 
gtö Yjj^ damit einer den anndern nit ansteckhe, seint die Fieber- 
hafftige vnd ander anstekhende Krankheiten am Bels habende 
Leuth von denen Blessirten zu separiren. 
jmo ^yj^. a^m»]^ etliche Zimmer besonders vorzuhalten, vmb die gene- 
sende von denen Krankhen zu logiren. j 
8^'^ Zum fahl die Geistliche in einem ieden orth in der anzahl zu- 
wenig weren, dennen Krankhen zu wartten, seint andere Männer 
oder Weiber zu suechen, denen man wöchentlich eine Zuebuess 
versprechen kann. 
9"^ Vor alle Ding aber ist zu sehen, das die Krankhe nebst der 
Warttung die nöthige Speis richtig vberkhommen, dahero wird 
dahin zutrachten sein, das die Clöster guette Suppen vnnd 
ander Zuegemiess nebst dem Wein für die ienige, denen es die 
Doctores erlauben, bey schaffen. 

jQirao w^an aber die Geistliche dise alimenta herzugeben nit vermöchten, 
wird aus der Cassa etwas geld hierzue dennen Herrn Commis- 
sarien, die es threulich administrieren vnd zuverrechnen haben, 
behendigt werden. 

\V^^ Die ienig Soldaten, welche geringe Wundten haben, vnd gehen 
khönnen, werden zu des Herrn Pillioti fundation, alwo man die 
Leuth gratis verbindt, zu weisen sein. 

22'no Vnnd weillen es übl stehet, krankhe Soldaten hin vnd her auf 
der gassen ligen zusehen, müssen alle ein ieder zu seines Re- 
giments-Spitall geführt werden. 

15'^ Für die ienige, die khein Wein tfinkhen derffen, vnd denen das 
frische Wasser nit dienlich, ist das Wasser zum wenigisten 
sieden zu lassen wan auch nur ein Stickhl gebäths Brod ein- 
gelegt werden solle. 

14to W'an einer oder mehr die Gessundheith erhalt, ist Er zu seinen 
Regiment zu schikhen, vnd wan die Kleider entweder zerrissen 
oder voller Vnflath, absondlich bei denen, welche ansteckhende 
Krankheith gehabt, khann von denen vorhandenen, im Hoff 
Kriegs Zall Ambt ligende mundirungs Kleider, die Notturfft 
genommen werden. 

j^5to Yqj. alle ding aber ist die Seell bey Zeith zuuersorgen, vnnd 
darob zu sein, das die arme Leuth mit denen Heyl. Sacramenten 
versehen werden. 



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122 

16*" Ist eine Lista über eines ieden Spitall habende Krankhe vnd 
Blessirte aufzurichten, vnd wöchentlich Ihro Excell. dem Herrn 
General Graff Caplirs, vnnd Ihro Excell. dem Herrn Statt-Obristen 
Graff von Starhemberg, die Extract darüber zugeben. 
17'"" Vnnd alle tag wenigisten einmahl die Spitäller zu visitiren 
vnnd zu sehen, ob die Warttung der Krankhen continuirt, vnnd 
Alles woll bestelt seyn, Nemblichen Doctor, Barbierre, vnnd 
dienende Leuth." ^) 

Die Schwierigkeiten, welche sich aus der Wartung und Vorsorge 
für die kranken und blessirten Soldaten ergaben , werde ich noch 
später zu erwähnen haben. Schon am 2(3. Juli 1683 musste das 
Deputirten-Collegium die Jesuiten, u. zw. sowohl im Profess-Haus als 
im Collegium, ferner die Geistlichen bei St. Anna, die Pazmaniten, 
Dominikaner, Franziskaner, Augustiner, Dorotheer und Minoriten erin- 
nern, dass Beschwerden über die schlechte Behandlung der bei ihnen 
sich befindenden kranken und blessirten Soldaten vorkommen, und sie 
beauftragen „indeme es die Christliche Liebe ohne das erfordere" den 
Kranken nichts abgehen zu lassen. ^') 

X. 

Betreiben des Entsatzes durch den Herzog von Lothringen. 

Die letzten Tage vor der gänzlichen Einschliessung von Wien 
wurden noch benützt, um die Defensionsanstalten thunlichst zu ver- 
vollständigen. Die in der Leopold stadt befindlichen Vorräthe von Heu 
und Stroh wurden in die Stadt geschafft und eine grosse Partie im 
Schotten- Meierhofe untergebracht. Aus den Auen wurde Faschinen- 
materiale herbeigeliefert, desgleichen wurden Vollkugeln, welche noch 
rechtzeitig auf der Donau ankamen, in das Zeughaus transportirt. Die 
über das Marchfeld nach Wien einrückenden Fusstruppen brachten 
bedeutende Mengen von Schlachtvieh aller Art mit sich, sowie auch 
die Feldmunition dieser Truppen in die Stadt gebracht wurde. 

Unterm 12. Juli 1683 gelangte an den Herzog von Lothringen 
ein kaiserl. Erlass,^) in welchem ihm „ anheimbgestellt wurde, ob die 
pretiosa vnd archiven von Wienn auf dem Landt oder Wasser nach- 



K. k. H. K. A. Pasc. 13864. 

2) K. k. Kriegs- Archiv Prot. Nr. 367, Fol, 712. 

8) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol MSvers. 



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123 

geführt werden" . Der Transport erfolgte zu Schiff bis Passau. Es 
zeigte sich alsbald die ausserordentliche Wichtigkeit der noch durch 
den Hofkammer-Präsidenten von Abele rechtzeitig veranlassten Bei- 
schaffung von Schiffen aller Art. Während der Belagerung der Stadt 
hatte man auf der Donau von Passau bis Wien mehr als 500 Fahr- 
zeuge verschiedener Grösse zur Verfügung, womit der Strom vollständig 
beherrscht wurde. Auf der unteren Stromstrecke bis Pressburg waren 
alle Schiff» rechtzeitig heraufgeschafft, oder falls dieses nicht aus- 
führbar war, verbrannt worden. Deshalb konnten auch, so lange der 
Herzog von Lothringen die Leopoldstadt besetzt hielt, von Seite der 
Stadtbewohner und der in die Stadt sich flüchtenden Landbevölkerung 
noch viele Lebensmittel vom linken Donau-Ufer zum Theile zu Wagen, 
grösstentheils aber auf dem Wasser nach Wien gebracht werden. Es 
genügt wohl die Bemerkung, dass die durch die Regierung ausgeführte 
Verproviantirung der Stadt sich nur auf die Besatzung und auf die 
nach Ungarn bestimmten Truppen beziehen konnte. Die Stadtbevölkerung 
anbelangend, war wiederholt die Verordnung erflossen, dass sich Jeder- 
mann auf Jahr und Tag zu verproviantiren habe. (Seite 41.) Dieser 
Weisung scheint man nicht genügend entsprochen zu haben, daher 
man nunmehr das Versäumte mit aller Kraft nachzuholen suchte. Wenn 
daher von einigen Seiten erzählt wird, dass der Stadtrath von Wien 
unmittelbar vor dem Anrücken der Türken für die Verproviantirung 
der Stadt Sorge getragen, so kann sich dieses nur auf die Civil- 
bevölkerung beziehen. Für die Besatzung war, wie nachgewiesen wurde, 
längst und im vollen Masse vorgesorgt worden. 

In einer Reihe von Relationen erstattete Graf Caplirs, jedoch 
nicht als Präsident des geheimen Deputirten-CoUegiums, sondern in 
seiner Stellung als Vorsitzender des hinterlassenen Hofkriegsrathes 
Meldungen an den Kaiser und an den anwesenden Hofkriegsrath. Schon 
unterm 12. und 13. Juli lobt er „des Stadtobristen grafen von Stahrem- 
berg fleiss vndt Vorsichtigkheit". ^) Am 14. Juli „repraesentirt Graf 
Caplirs die yber mit Herrn Herzogen zu lothringen vndt grafen 
Stahrenberg gehaltene Conferenz befindtendte mangl vnndt abgang 
auch nothwendigkheith der Stadt Wienn, durch welche dieselbe in 
gefahr, vndt wohl gar in Verlust gerathen möchte, besonders Weilten 
das nit alles geschehen, was offt gehorsambst ist eingerathen wordten, 
entzwischen seind die Vorstadt abgebränt worden". -) 



») und «) K. k. Kriegs- Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 520^«m und 516^ei^ 



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124 

Unterm 14. Juli schildert das geheime Deputirten-Collegium den 
Stand der Stadt Wien „vnd erachten also ein Testa vor die Bruckhen 
zu Stain aufwerffen zu lassen, vndt mit Manschafft zu versehen, ent- 
zwischen sollen solche die landt Völkher beschüzen. " ' ) Am 15. Juli 
meldete Caplirs, dass die Besatzung von ^ien nur 7000 Mann be- 
trage.-) 

Auf diese letztere Angabe erfolgte ddo. 18. Juli 1683 an den 
Grafen ein Erlass, worin gesagt wurde, „dass man sich befrembde, 
dass sich bei so viel dahin (nach Wien) geschikten Regimentern, nur 
7000 Mann befinden sollen, dahero zu berichten, ob die ordinari 
garnison, sambt den Kaysersteinschen 5 Comp, darunter mit begriffen. 
Das nur 5000 Centn. Pulver alda vorräthig sein sollten, findte man, 
das bis 9000 Centn, vorhanden, auch der Abgang an Kuglen nit so 
gross seye, vnd wan man hiemit menagire, mann auf etlich Monath 
erklecken könnte."^) 

Aus dem „Veldtläger bei Jedelsee" meldete der Herzog von 
Lothringen an den Kaiser am 17. Juli „weillen Er die Insul nit er- 
erhalten können, seye die communication mit der Stadt aufgehoben, 
Vndt habe die bruckh um sicherheith halber abgeworffen. *' ^) Unterm 
18. Juli wurde berichtet, dass Kugeln und Munition nicht mehr in 
die Stadt gebracht werden können, „weillen der Feind ein lauff- 
bruckhen ober der Rossau geschlagen."^) Unterm 20. Juli „aus dem 
Veldtläger bei Elpetau" erstattete der Herzog an den Kaiser die 
wichtige Anzeige, „das Er mit der Generalitet consultirt, vndt für 
guett befundten den Succurs yber Wienner Waldt gehen 
zu lasse n." ^) 

Es fällt auf, dass sowohl der Herzog von Lothringen, als auch 
die Grafen Caplirs und Starhemberg in ihren Meldungen an den Kaiser 
wiederholt über Munitions-Mangel, und überhaupt über den Abgang 

') K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 36«, Fol. 517vers. In Bezug auf diesen 
Gegenstand wissen wir bereits (Seite 1 14) dass der Herzog von Lothringen nach 
seinem Eintreffen vor Wien sofort den Grafen Dünewald mit Truppen nach 
Stein abgeordnet hatte. 

'') und 8j Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. 459. 

4) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 36(3, Fol. 526vers. 

5) Daselbst Fol. 518 u. f. 

**) Daselbst Fol. 526veis, Camesina 1. c. Seite 116 lässt diese Angelegen- 
heit erst am 30. Aug. beraten. Ich behalte mir die Erörterung dieses Gegen- 
standes für später bevor. 



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125 

an Defensions-Mitteln klagen, — Graf Caplirs sogar die Stadtbesatzung 
nur mit 7000 Mann angiebt. ^) 

Es ist für die Beurtheilung der nachfolgenden Ereignisse von 
Wichtigkeit, dem^ wahrscheinlichen Anlass zu diesen Beschwerden, 
welche mif den thatsächlichen Verhältnissen nicht ganz im Einklang 
waren, nachzuforschen. Zu diesem Ende ist es nothwendig, dass wir 
die Massnahmen des Herzogs von Lothringen noch für einige Zeit 
verfolgen, und dann erst nach Wien zurückkehren, um dort die Ent- 
wickelung der mittlerweile einen ernsten Charakter angenommenen Zu- 
stände an der Hand der Quellen zu beleuchten. 

Am 22. Juli 1083 ordnete der Herzog von Lothringen in Ge- 
meinschaft mit dem Grafen Breinner den Feldkriegs-Commissär Franz 
Balthasar Rostinger nach Passau ab, um dem Kaiser über die 
Gesammtlage und über die dringende Nothwendigkeit eines alsbaldigen 
und genügenden Succurses Vortrag zu erstatten. Die Instruction, 
Welche diesem Abgeordneten für seine Mission ertheilt wurde, enthält 
im Eingange die nachfolgenden Ausführungen:-) 

Puncta 
„Der Von des Herrn Herzogens zu Lothringen Durchlaucht vnnd 
Gral. Khriegs-Commissarij Herrn Graffen Preiner dem Feldt- 
Khriegs-Secretario Rostinger mündlich aufgetragener, vnnd bey 
Ihro Khays. Mayt. anzubringen habende Commissionen. 
„l™^ Solle Er Rostinger den succurs für die Stadt Wienn eatenus 
allergehorsamst soUicitiren, das solicher nicht allein in grosser anzahl 
vnnd velich sufficient seye, vmb darmit den feindt. auch mit lifferung 
einer schlacht vndter die äugen zu gehen, sondern das selbiger aufs 
schleunigst, als immer möglich beygebracht werden möge, vnnd zwar 
so vill primam Partem Propositionis anbetreffen thuet, wirdt dessent- 
wegen solicher starckher succurs vonnetten sein, damit man efficaciter 
die belagerte Statt entsetzen, vnnd soliche bey nicht erhaltend genueg- 
samer Mannschaft nicht länger periclitiren lasse. 

^) Die Vorräthe an Pulver, Kugeln u. dgl. lassen sich aus dem Verbrauche 
während der Belagerung beurtheilen. Nach Välkeren 1. c. S. 106 wurden verwendet : 
35383 grosse und kleine Stückkugeln, 48421 Doppelhacken und Drahtkugeln, 
G657 Mörser und Haubiz-Granaten, 80502 Handgranaten, 3187 Centner Pulver. 
Vom Pulver wurde somit nicht die Hälfte des Vorrathes verbraucht. 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13864. Diese Instruction ist abgedruckt bei 
Camesina 1. c. Anhang, Beilage LX, Seite 197. In diesem Abdruck kömmt 
jedoch eine Zahl störender Lesefehler vor. 



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126 

„Das aber in 2^^ parte propositionis die möglicheste befürderung 
verlangt wirdt, ist vndter andern (als nemblichen, dass die Statt mit 
langer belägerung nicht ruinirt, oder villeicht gar ad extrema wegen 
der vom H. Graffens Capliers Exe. vermeldeten mehr Vrsachen ge- 
ratten möge) auch dise eine erhöbliche Consideration, weillen leicht zu 
ermessen, dass wan auch bey Crembs das völlige Corpo gedachten 
succurses sich conjungirt haben wirdt, dennoch eine zimliche Zeit 
nicht allein zu dem Marsch durch den Wienner Waldt, vnnd wan man 
hindurch khommen, zu Posto fassung vonnetten seye, sondern anbey 
auch in erwegung gezogen werden wolle, dass wan der feindt (wie es 
vermuthlich ist) die Passage des Waldes disputiren wölte, Ihme nach 
vnnd nach zu amouiren, vnnd zuruckhzutreiben, dennoch ville tsig 
erfordert wurden, welche protractio temporis iederzeit der belagerten 
Statt bekhanter Vrsachen halber, zu einem nachdenkhlichen disauantage 
gereichet, dahero die möglichste beschleunigung mit allem Eyfer ge- 
botten werden solle, u. s. w." 

von Aussen: „Eingeraicht zu Passau den 27. Juli 1683."^) 

Wie aus der auf dem Actenstück vorhandenen Bemerkung „Fiat 
statim Copia, dem löblichen Hoffkriegs-Rath zu communiciren", hervor- 
geht, wurde diese Eingabe sofort in Verhandlung genommen und 
ordnete der Kaiser durch den Obersthofmeister Grafen von Zinzen- 
dorff eine Berichterstattung an. Die Conferenz, bestehend aus dem 
Hofkriegsraths-Präsidenten Markgraf Hermann von Baden, dem Hof- 
kammer-Präsidenten Grafen von Rosenberg, den Hofkammer-Räthen 
Mayer und Albrecht und dem Hofkriegsrath Wöber, gab schon am 
28. Juli ihre Aeusserung ab. 

Der Umstand, dass der Herzog von Lothringen, abweichend 
von dem üblichen Geschäftsgange, sein Anliegen unmittelbar 
dem Kaiser vorbringen Hess, scheint die Conferenz etwas verstimmt 
zu haben. Gleich im Anfange ihrer Relation und unverkennbar in der 
Absicht, dem Vorwurf einer Verschleppung dieser hochwichtigen An- 
gelegenheit zu begegnen, sagt dieselbe: „Souihl nun im Ersten den 
Succurs betreffen thuet, ist von Seithen des Löbl. Hofkriegsraths er- 
indert worden. Man habe dissfahlss solche diligentis mit abschickhung 
Cavallier, Courrier, vnd andern schon gethan, was sowohl ratione 
Quantitatis, Qualitatis et temporis nur immer mensch- vnndt 
müglich gewesen, Vnndt alss ob man der Statt Wienn, 



^) Auch hier wird der Succurs über den Wiener Wald als ein endgiltig 
gefasster Beschluss betont. 



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127 

Sich nit auf Acht Tag zu versichern wusste." Es folgt nun- 
mehr eine eingehende Darlegung jener Vorkehrungen, welche für einen 
rechtzeitigen Entsatz der Stadt Wien bereits getroffen wurden, und 
welche noch zu veranlassen sind, lieber diese Relation erfolgte schon 
ddo. Passau, 29. Juli 1G83 ein kaiserlicher Erlass an den Grafen 
Breinner, in welchem ihm von den Beschlüssen und Anträgen der Con- 
ferenz Mittheilung gemacht wird. ^) 

In der an Rostinger ertheilten Instruction wird um die möglichste 
Beschleunigung des Entsatzes von Wien gebeten, auf dass „die Statt 
mit langer belägerung nicht ruinii*t, oder villeicht gar ad ex- 
trema wegen der vom Graffen Capliers vermeldeten mehr 
Ursachen geratten möge." Es wird sich hier unverkennbar auf 
den oben erwähnten, vom Grafen Caplirs unterm 14. Juli erstatteten 
Bericht bezogen. 

Den Herzog von Lothringen dürften zur Absendung des Feld- 
kriegs-Secretärs Rostinger zwei Momente bestimmt haben. Zunächst 
wollte er, unter besonderer Betonung der aus Wien, über Mangel an 
Munition und anderen Defensions-Mitteln, über ungenügende Be- 
satzung u. s. w. eingelangten Berichte, den Kaiser dazu anregen, dass 
derselbe die Angelegenheit des Entsatzes mit aller Sorgfalt persönlich 
im Auge behalte. Zum Andern scheint der Herzog dem Hofkriegs- 
raths-Präsidenten gegenüber, mit Misstrauen erfüllt gewesen zu sein. 
Dieser hatte bis zum letzten Augenblick dahin getrachtet, den Krieg 
mit der Türkei zu verhüten. Es fielen ihm aus diesem Anlass auch 
manche Versäumnisse in E(ezug auf eine rechtzeitige Ausrüstung von 
Wien zur Last. Zugleich musste sich der Hofkriegsraths-Präsident ver- 
letzt fühlen, dass der Kaiser das Armee-Ober-Commando nicht ihm, 
sondern dem Jüngern Herzog von Lothringen übertragen hatte. Dass 
derselbe gegen den Stadtcommandanten Grafen Starhemberg feindlich 
gesinnt war, konnte dem Herzog kaum unbekannt sein. Das directe 
Einschreiten an den Kaiser ist unverkennbar hervorgegangen aus 
einem Misstrauen, welches sowohl der Herzog von Lothringen, als 
auch, die Grafen Caplirs, Starhemberg und Breinner gegen den Hof- 
kriegsraths-Präsidenten hegten. Um den Kaiser zu einem persönlichen 

') K. k. H. K A. Fase. 13864. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 
543vor8. Bei Camesina 1. c. Anhang Seit 198. Beilagen LXI und LXII, finden 
sich die Relation der Conferenz und der Erlass an den Grafen Breinner, jedoch 
mit mehrfachen Lesefehlern abgedruckt. 



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128 

Einschreiten anzuregen, schilderten sie die Lage der Stadt Wien 
gleich im Beginne der Belagerung als bedenklich. ') 

Neben dem, dass der Herzog von Lothringen die Präsidenten 
des Hofkriegsrathes und der Hofkammer durch, dem üblichen Ge- 
schäftsgange allerdings nicht ganz entsprechende Massnahmen, zur 
Anspannung aller Kräfte anzuregen suchte, wendete er sich, sobald 
der Anzug der türkischen Heeresmacht gegen Wien ausser Zweifel 
stand, an die ihm befreundeten deutschen Fürsten, namentlich an den 
Churfürsten Johann Georg HL von Sachsen und den Herzog 
Julius Franz von Lauenburg um Beschleunigung des Succurses. 
Dem Könige von Polen liess er durch den Prinzen Lubomirsky durch, 
einen Expressen von den auf dem Kriegsschauplatze eingetretenen 
Ereignissen Mittheilung machen. Von diesen seinen Vorkehrungen er- 
stattete er dem Kaiser ddo. „Veldtlager ausser der Wiennerisch 
Bruckhen 18. Juli" Meldung, und konnte schon ddo. Eipeltau 24. Juli 
unter Berufung auf des Grafen von Thurn mündliche Relation melden, 
dass der König von Polen, seine Hilfstruppen in Person herbeiführen 
werde, und ddo. 31. Juli anzeigen, dass der Churfürst von Sachsen 
und der Herzog von Lauenburg erklärt haben, sich persönlich bei der 
Armee einzufinden.^) 

Ehe ich den weitern Verlauf der unermüdlichen, nach einem 
wohldurchdachten Plane vorgehenden Thätigkeit des Herzogs von 
Lothringen zur Rettung von Wien schildere, wollen wir zuvor den 
Zuständen und Ereignissen im Innern unserer Stadt, unsere Aufmerk- 
samkeit zuwenden. 



^) Es darf nicht übersehen werden dass, seit mit 1. April 1683 Freiherr 
von Abele seine Stelle als Hofkammer-Präsident niederirelegt hatte , auch der 
energische Einfluss desselben bezüglich der Vorsorge für Wien fehlte. Seinem 
Nachfolger, dem Grafen Orsini-Rosenberg gebrach es an der in schwierigen 
Zeitläufen doppelt nothwendigen Thatkraft. 

3) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 3G6, Fol. 518 u. f. Fol. 549 und Fol. 
549vers. Schreiben des Königs von Pohlen an den Herzog von Lothringen. 

Fol 529ver8. 



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XI. 

Vom 8. Juli bis 12. August 1683. 

Nach dem Eintreffen des Stadtcommandanten Grafen Ernst Rü- 
diger von Starhemberg in Wien lässt sich alsbald eine feste und 
sichere Hand wahrnehmen, welche das gesammte Defensionswesen der 
Stadt leitete. Mit dem Zusammenfassen aller Arbeitskräfte wurde an 
der Verpallisadirung der Contrescarpen gearbeitet, die Bettungen für 
die Geschütze auf den Basteien vorgerichtet, die Brustwehren auf- 
geworfen u. s. w. Von jenen Vorstadthäusern, die zum gänzlichen Ab- 
bruche bestimmt waren (Seite 26), hatte der Stadtguardi-Öbristlieu- 
tenant Graf Dann, welcher während der Zeit, - als sich der Stadtcom- 
mandant Graf Starhemberg bei der Armee in Ungarn befand, das 
Stadtcommando führte, jene der 1 . Classe schon im Monat Mai abtragen 
und das Materiale wegschaffen lassen. Es musste nunmehr auch das 
Demoliren der in die 2. und 3. Classe eingereihten verschiedenen Ge- 
bäude durchgeführt werden. ^) Der Herzog von Lothringen liess diese 
Arbeiten durch Cavallerie - Abtheilungen gegen feindliche üeberfälle 
sichern. Wie bereits erwähnt, wurde der Pallisaden-Abschluss am 
14. Juli vollendet. Eine der nächsten Arbeiten war das Verbollwerken 
der Stadtthore und das Abbrechen der vor denselben befindlichen 
Brücken. Der Anfang wurde beim Burgthor gemacht. 

In mehreren Schriften, welche die Belagerung von Wien im Jahre 
1683 behandeln, wird besonders hervorgehoben, dass derStadt- 
rath verschiedene Fortifications- und Defensionsanstal- 
ten durchführen liess. Diese Angabe kann jedoch nur in dem Falle 
als mit den Quellen stimmend anerkannt werden, wenn zugegeben 
wird, dass es Anordnungen desStadtcömmandanten waren, 
welche der Stadtrath vollziehen liess. Ich glaube die Frage : ob in 
einer belagerten Festung zwei von einander unabhängige 
Commanden bestehen können, ruhig den Fachleuten zur Be- 



*) Graf Daun wollte schon im Monat Juni das Abbrechen der in die 
2. Classe gehörigen Gebäude in Angriff nehmen, erhielt jedoch vom Hofkriegs- 
rath Unterm 14. Juni 1683 die Weisung vorläufig die Demolirungen auf die 
Häuser 1. Classe zu beschränken. Bezüglich Abräumung der Gebäude 2. u. 3. 
Classe „wird zuvor der Präs. fürst. Durchlaucht umb die Stadt fahren und 
den Augenschein einnehmben." K. k. Kriegs- Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 456ve". 
Aus den Acten ist nicht zu entnehmen, dass eine Weisung nachfolgte. Wir haben 
somit einen Fall der durch den Hofkriegs-Präsidenten verursachten Verzöge- 
rungen vorliegen. 

9 



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1^ 

antwortung anheim geben zu können. Eines jedoch steht fest, dass 
Graf Starhemberg ein selbötständiges Eingreifen in das Defensions- 
wesen der Stadt, falls von Seite des Stadtrathes ein dahin zielender 
Versuch gemacht worden wäre, nicht geduldet hätte. ^) 

Zum 8. Juli erzählt Camesina, 1. c. Seite 6: „Noch am selben 
Tage versammelte der Stadtcommandant auf einem Platze der Stadt 
die Bevölkerung und hielt an dieselbe eine Ansprache, in der er sie 
aufforderte, zur Bekämpfung des Feindes sich ihm anzuschliessen.*' ^) 
Obwohl Camesina bei wichtigen Vorfällen jedesmal den Ort angibt, 
wo dieselben stattfanden, lässt er Starhemberg seine Rede lediglich 
„auf einem Platze der Stadt" halten. Hocke, 1. c. Seite 6, 
meldet zum 8. Juli von einem „Vorhalt den der Herr Burgermaister 
gethan" und erzählt weitwendig, was er selbst „im Rath-Hauss auff 
den Steinernen Gang den versambleten ledigen Pursch nachdrucklich 
vorgetragen", von einer Rede, die der Stadtcommandant am 8. Juli, 
oder an einem der folgenden Tage gehalten haben soll, schweigt er 
gänzlich, desgleichen Välkeren und Suttinger, welche Beide sowie 
Hocke während der Belagerung in Wien anwesend waren. Die Erzäh- 
lung von einer durch den Stadtcommandanteji am 8. Juli gehaltenen 
Rede, lässt sich um so berechtigter als ganz unbegründet bezeichnen, 
als Graf Starhemberg erst am 8. Juli Abends in Wien ankam, ^) auch 
am 8. Juli die Flucht aus Wien fortdauerte, und es wenig glaub- 
würdig erscheint, dass sich „die Bevölkerung auf einem Platze 
der Stadt" eingefunden hat, um eine Rede zu hören, und es endlich 
ebensowenig glaubwürdig ist, dass der Stadtcommandant den bei den 
verschiedenen Fortifications- und Defensionsarbeiten beschäftigten Theil 
der Stadtbevölkerung von den so dringenden Arbeiten abgerufen hat, 
um von ihm eine Rede zu hören. 



^) Von dem VerboUwerken des Burgthores, als der ersten grösseren Arbeit, 
welche der Stadtrath ausführen Hess, sagt die Kammeramts-Rechnung (Came- 
sina 1. c. Anhang, Seite 6), dass dasselbe „auf jhro Excell. Herrn Statt Com- 
mandantens Graffen von Starhemberg, gnädigen Befelch, vnd gleich darauf? 
ertheilten gnedige Raths Passirung", ausgeführt wurde. 

^) Camesina 1. c. Seite 6, Note 7 citirt diese angebliche Rede nach 
J. Ch. Lünig: „Grosse Herren Reden", gibt jedoch nicht die Quelle an, worauf 
er die Angabe, dass Starhemberg diese Rede wirklich gehalten hat, 
stützt. 

«) Hocke 1. c. Seite 5. Välkeren 1. c. Seite 15. Suttinger 1. c. Seite 21. 
Vergl. auch die oben Seite 96 vorkommenden Erörterungen. 



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läi 

Ein Ereignis, welches für die Stadt wahrhaft verhängnisvoll zu 
werden drohte, war der Brand, welcher am 14. Juli, Nachmittags 
zwischen 2 und 3 Uhr, im Schottenhofe ausbrach. Durch die Nähe des 
kaiserl. Zeughauses, wo der grösste Theil der Pulvervorräthe abgelagert 
war, in welche Richtung das Feuer durch den Wind getrieben wurde, 
steigerte sich die Gefahr ausserordentlich. Die aufopferndsten Anstren- 
gungen, welche von der Bürgerschaft unter der Leitung des Bürger- 
meisters Liebenberg und mehrerer Stadträthe gemacht wurden, und 
der Umstand, dass sich der Wind wendete und das Feuer gegen die 
Häusergruppe trieb, welche zwischen der Freiung, der Strauchgasse 
und der Herrngasse liegt, die auch niederbrannte, retteten die Stadt. 

Unter der Bevölkerung herrschte die Ansicht vor, dass das Feuer 
gelegt wurde, und es fielen mehrere Peisonen der ausserordentlichen 
Aufregung der Stadtbewohner zum Opfer. Der Verdacht wurde gestei- 
gert, als auf dem Dache des Auerspergischen Hauses nächst dem 
Matschakerhof eine roth- weisse Fah^je wahrgenommen wurde, welche 
man als ein Signal betrachtete. Die Entstehungsursache des Brandes 
wird wohl nicht mehr nachgewiesen werden können, allein bei der 
Anwesenheit vieler Fremden, welche in den Acten „müssiges, herren- 
loses und verdächtiges Gesindl" genannt werden, und der verwerflichen 
Rücksichtslosigkeit Ludwig's XIV. und seines ihm an persönlicher 
Schlechtigkeit gleichen Genossen Tökely steigert sich der Verdacht 
einer Brandlegung in hohem Grade. Dass auch das geheime Deputirten- 
Collegium. die Volksmeinung nicht ganz ungewürdigt gelassen hat, 
ergibt sich aus dem Umstände, dass dasselbe schon am nächstfolgenden 
Tage den Befehl publiciren Hess: „dass jeder Hauss-Herr und Inn- 
wohner, es sey in Bürgerlichen oder un-Burgerlichen- Geistl- oder 
Befreyten Häusern eine verlässliche Specification aller derjenigen Per- 
sohnen, so sich bey jhnen aufhalten, bey Lebens-Straff einreichen 
sollen.« 1) 

Die türkische Hauptmacht traf am 14. Juli 1683 vor Wien ein. 
Durch die Lager-Dispositionen und die alsbald eröffneten Arbeiten 
liess sich zunächst erkennen, dass ihr Hauptangriff gegen den zwischen 
der Burgbastei und der Löwelbastei gelegenen Befestigungstheil 
gerichtet werden wird. Nunmehr war auch der Stadtcommandant Graf 

') Hocke 1. c. Seite 40. Suttinger 1. c. Seite 22 bezeichnet das Feuer als 
gelegt. Die am 16. Juli stattgefundene Errichtung von Schnellgalgen auf der 
Freiung, auf dem hohen Markt und neuen Markt dürfte durch diesen Brand 
als nothwendig erkannt worden sein. 

9* 



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132 

Starhemberg in der Lage, in Bezug auf das angegriffene Pestungs- 
segment die erforderlichen Anordnungen treffen zu können. ^) Die Ge- 
schütze wurden aufgeführt, die nothwendigen Einschnitte in den Para- 
pets vervollständigt, die Brustwehren selbst durch das Auflegen von 
mit Erde gefüllten Säcken erhöht, die Bettungen für die Geschütze 
vollendet u. s. w. Da es vorläufig an Schanzkörben fehlte, wurden grosse 
Fässer herbeigeschafft und mit Erde gefüllt, oder es wurden neben 
den Geschützen Erdsäcke aufgelagert. ^) 

Die Türken machten mit dem Geschützfeuer gegen die Stadt am 
15. Juli den Anfang, ^) am 16. Juli begannen sie Bomben zu werfen, ^) 
und wurde von ihnen somit der Kampf um das Glacis und die 
Contrescarpen mit der grössten Lebhaftigkeit eröffnet. 

Es ist dieses die erstf Abtheilung des vor den Wällen von Wien 
sich abspielenden welthistorischen Dramas, welche mit dem Fest- 
setzen der Türken im Stadtgraben, am 12. August, zum 
Abschlüsse gelangte. 

Selbstverständlich kann es nicht meine Aufgabe sein, den Ver- 
lauf der Belagerung nach den einzelnen Phasen der Kämpfe zu schil- 



^) In einigen Schriften über die Türkenbelagerung 1683, klingt es wie 
ein Ton des Tadels, dass auf den angegriffenen Basteien so spät mit dem Auf- 
iühren der Geschütze und überhaupt mit den Defensionsvorkehrungen begonnen 
wurde. Man übersieht offenbar, dass der Feind zunächst den Ort markiren 
musste, welchen er anzugreifen beabsichtiget, ehe Starhemberg seine diessfalligen 
Dispositionen treffen konnte. Der Vertheidiger ist der Hauptsache nach mit 
seinen Massnamen an die Unternehmungen des Angreifers gebunden. 

*) Noch in einem Erlasse vom 19. Juli bedauerte der Hofkriegsrath den 
Mangel an „Schanzkörben und Vatschinen." K. k. Kriegs- Arch. Prot. Nr. .S67, 
Fol. 416. Da während der Besetzung der Leopoldstadt durch die Cavallerie, 
Faschinen -Materiale aus den Auen in die Stadt gebracht ^iirde, konnte dem 
Mangel an Schanzkörben später abgeholfen werden. 

^) In dieser Angabe stimmen Hocke, Välkeren und Suttinger überein. 

*) Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 710. Onno Klopp 1. c. Seite 227. Die 
Angabe bei Weiss 1. c. H. Bd. Seite 152, dass die Türken die Beschiessung 
der Stadt vom Sporkenbühel (Himmelpfortgrund) am 14. Juli begonnen hatten, 
ist irrthümlich. Unrichtig ist die Angabe bei Camesina 1. c. Seite 18, und Graf 
Thürheim 1 c. Seite 87, dass am 14. Juli während des Brandes im Schotten- 
hofe, ein ununterbrochenes Beschiessen der Brandstätte durch die Türken statt- 
fand. Hocke und Suttinger schweigen darüber gänzlich. Välkeren 1. c. S. 29 
sagt, dass das Feuer erst am dritten Tage völlig gelöscht wurde, „darbey 
(also am 16. Juli) auch wahrgenommen worde, dass der Feind eben dahin wo 
die Brunnst wäre, vmb das Löschen zu verhindern, beständig aus Stucken 
und Mörsern spielete." 



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133 

dem. Ich muss mich diesfalls auf die Darstellungen von Fachmännern, 
auch auf die verschiedenen Berichte, von denen zunächst die Diarien 
von Hocke, Välkeren und Sutünger hervorzuheben sind, beziehen. 
Camesina hat in der, in vielen Beziehungen sehr verdienstvollen Ar- 
beit „Wiens Bedrängniss im Jahre 1683" die wichtigsten Ereignisse 
auf Grundlage dieser verschiedenen Schilderungen in einem Tagebuche 
der Belagerung, allerdings nicht immer ganz verlässlich, 
zusammengestellt — eine Publication, von der ich voraussetze, dass 
sie dem Leser meiner vorliegenden Studien bekannt ist. 

Nach dem am 16. Juli stattgefundenen Abzug der Cavallerie, 
von der Praterinsel auf das linke Donau-Üfer, und dem Abbruche der 
grossen Donaubrücke bemächtigten sich die Türken sofort der Leopold- 
stadt, brannten dieselbe nieder, und errichteten Batterien, aus denen 
sie die unteren Stadttheile zu beschiessen begannen. Da sie oberhalb 
der Rossau über den Canal eine Laufbrücke herstellten (Seite 124), 
war Wien nunmehr vom Feinde vollständig eingeschlossen. ^) Es han- 
delte sich nunmehr um die Einrichtung einer Kundschafterver- 
bindung zwischen der Festung und dem Herzog von 
Lothringen, welche Aufgabe nur unter grossen Schwierigkeiten zu 
realisiren war. Noch unterm 22. Juli 1683 „aus dem Veldtläger bey 
der Wienerischen Donaubrückhen" meldete der Herzog an den Kaiser, 
dass er seit sieben Tagen ohne Nachricht aus der Stadt sei. -) Darüber 
erfolgte sofort die Weisung, dass kein Geld zu sparen ist, um „ver- 
lässliche Kundschaften aus Wienn" einzuziehen. ^) Auch an den im 
türkischen Lager befindlichen Residenten Kuniz wurde der Auftrag 
ertheilt, dass er von Zeit zu Zeit dem geheimen CoUegium in Wien 
über die feindlichen Unternehmungen Nachricht gebe. '^) 

Eine überaus schwierige Aufgabe war es, in der Stadt die so 
dringend noth wendige Reinlichkeit zu erhalten. Ddo. Passau 17. Juli 
1683 erfloss an den Grafen Starhemberg, in Folge der vom Grafen 
Caplirs eingebrachten Meldung, dass die Besatzung nur in 7000 Mann 
bestehe, die Weisung, den Stand dieser Truppen anzuzeigen, wobei er 



*) Die Gi-ünde, welche den Herzog von Lothringen zum Verlassen der 
Praterinsel bestimmten, finden sich bei Camesina, 1. c. Anhang, Seite 200, 
Beilage LXIH. 

«) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 523. 

8) Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. iTl^ers. 

*) Dabelbst Fol. 711. 



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134 

auch erinnert wurde, dass er „die Sauberkeit in der Stadt beobachte". ^) 
An demselben Tage, somit vor dem Einlangen dieses Auftrages, war 
man in Wien genöthigt, zur Entfernung des in den Strassen gefallenen 
Viehes besondere Massregeln zu treffen, welche 'Anordnungen zwar oft 
wiederholt wurden, jedoch, wie wir später erfahren werden, nur ganz 
ungenügende Resultate erzielen Hessen. ^) Im Anschlüsse an die, am 
15. Juli an die Hausbesitzer, das Meldungswesen von Fremden betreffen- 
den Weisung, erfolgte am 17. Juli an die verschiedenen Handwerker 
der Auftrag, j.dass sie jhre Leuth beschreiben, wie viel derjenigen, 
und wo selbe sich in Arbeit befinden, " anzeigen. ^) 

Am 18. Juli ertheilte der Stadtcommandant an das Kammeramt 
den Befehl zur Verbollwerkung des Schotten-Ravelin-Thores und des 
Neuthores. ^) Nachdem beim Brand im Schottenhofe grosse Heu- und 
Strohvorräthe verloren gingen, musste man rechtzeitig darauf bedacht 
sein, die in der Stadt befindliche Cavallerie gegen allfalligen Mangel 
sicherzustellen. Es erging an den Stadtrath die Weisung, eine Speci- 
fication der vorhandenen Vorräthe anzufertigen. Diesem Auftrage 
scheint man nicht entsprechend Folge gegeben zu haben, denn unterm 
21. Juli gab der hinterlasse Hofkriegsrath dem Feld-Kriegs- Commissär 
Christoph Vorster bekannt: ,dass an Statt Magistrat alhier Verord- 
nung ergangen in allen Häusern, Bürger, Frei und Herm-Häuser 
was an Heu und Stroh vorhanden, zu visitiren und darüber ein speci- 
fication anzufertigen", er habe die Durchführung dieser Anordnung zu 
betreiben und zu überwachen. ^) 

Nachdem sich auf dem Glacis die feindlichen Angriffsarbeiten 
fort und fort ausbreiteten und den Contrescarpen näherten, ' musste 
Graf Starhemberg für die Verstärkung der Vertheidigungs-Anstalten 
durch die Anlage von Abschnitten, Verpallisadirungen u. s. w. recht- 
zeitig Vorsorge treffen, auch machte das Festsetzen der Türken in 
der Leopoldstadt an dem nächst dem Donaukanale gelegenen schwächsten 
Theile der Stadtbefestigungen, mehrfache Verstärkungsarbeiten noth- 



') K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. TlOvers. 

*) Kammeramtsrechnung, Camesina 1. c. Anhang, Seite 6. Hocke 1. c. 
Seite 46. 

8) Hocke 1. c. Seite 47. 

*) Kammeramtsrechnung, Camesina 1. c. Anhang, Seite 6. Hocke 1. c. 
Seite 49, sagt auf „Befehl". Camesina 1. c. Seite 22 „über Wunsch des 
Stadtcommandanten"?. Das innere Schottenthor wurde am 21. Juli verboU- 
werkt und die Brücke abgetragen. 

») Hocke 1. c. Seite 49. K. k. Kriegs-Aich. Prot. Nr. 367, Fol. 711. 



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1^5 

/i 

wendig. Das geheime Deputirten-Collegium erliess schon am JffT Juli an 
den Stadt-Magistrat die Verordnung, „alle Tag 1000 Mann zum 
schanzen zu stellen/ und verlautbaren zu lassen, „dass alle die-, 
jenigen Mann und Weibs-Persohnen und herrenlose Leuth, so zum 
Schanzen und Arbeiten tauglich, sich gegen Empfahung Brod und 
Weins bey der Betrohung gebrauchen lassen, dass im widrigen sie 
auss der Statt geschafft werden sollen."') Am 19. Juli Nachts 10 Uhr 
fand der erste Ausfall, geführt durch den Hauptmann Grafen Guido 
Starhemberg, den später so berühmten Feldherrn, mit Abtheilungen 
des Regimentes Starhemberg, und den Hauptmann Steinpach mit 
Abtheilungen des Regimentes Mansfeld statt. 

In einem schon vom 22. Juli datirten Schreiben meldete der 
Resident Kuniz, dass der Feind zwischen dem Burg- und dem Schotten- 
thore drei Minen angelegt habe, um auf diesem Wege rascher in die 
Contrescarpen eindringen zu können. ^) Diese Meldung kam jedoch 
erst am 24. Juli in die Stadt, und machte das Deputirten-Collegium 
sofort dem Stadtcommandanten Mittheilung. ^) Die Türken hatten jedoch 
schon am 23. Juli Abends 6 Uhr gleichzeitig zwei Minen, u. z. an 
den Spitzen der Contrescarpen vor der Burg- und Löwelbastei auf- 
fliegen lassen. Die dreimal wiederholten heftigen Stürme wurden ab- 
geschlagen. 

f Obwohl die Belagerung bisher wenig über eine Woche dauerte, 
hatten sich in der Stadt bereits wenig erfreuliche Erscheinungen kund 
gegeben. Die Aufforderung zur Stellung von Mannschaft zumSchanzen 
musste am 21. und am 22. Juli dahin wiederholt werden, dass statt 
der 1000 Mann, doch eine gewisse Anzahl gestellt werde. Die Be- 
schreibung der Fremden, die Aufzeichnung der Heu- und Strohvorräthe 
musste wiederholt aufgetragen werden. Den Besitzern von Häusern 
mit Schindeldächern wurde angedroht, dass wenn sie die Dächer nicht 
alsbald abtragen, und von der Gassen hinweg bringen, „Dächer und 
Schindel von der Soldateska hinwek gethan, und die Häuser Jeder- 
maniglich zum Preiss gegeben werden sollen." Den Bürger-Officieren 
musste anbefohlen werden, „bey Auffziehung der Burger schaft" an- 
wesend zu sein.^) 



') Hocke 1. c. Seite 51. Ich mache insonders auf den Umstand auf- 
merksam, dass diese 1000 Mann ausdrücklich „zum schanzen" zu stellen waren. 
2) Kuniz 1. c. Seite 6. 

») K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. Tllver.s 
*) Hocke l c. Seite 57. 



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136 

Eine Weisung, welche Graf Starhemberg am 23. Juli an den 
Stadtrath richtete, verdient besondere Beachtung. Nachdem beim 
Schottenthor und Stubenthor Manns- und Weibspersonen, ohne Er- 
laubnis und ohne Commando über die Pallisaden steigen, „und ge- 
fährlicher Weise aus- und eingingen," sei dieses abzustellen. 
Vom Stadtrath erfolgte alsbald ein strenges Verbot unter der Drohung : 
„da einer betretten wurde, selbiger ohne Verschonung durch das 
Schwerd, oder Strang hingerichtet werden solle. " ' ) Man wird 
kaum irren, dass es dem Stadtcommandanten um das Abschneiden 
von „in gefährlicher Weise* entstehenden Verständigungen mit dem 
Belagerer zu thun war, welche Vorsicht durch das viele in der Stadt 
befindliche „müssige verdächtige und herrenlose Gesindl** doppelt noth- 
wendig war. 

Zum 24. Juli kömmt ein bei Camesina 1. c, Seite 27, unter- 
laufener Irrthum richtig zu stellen. Es wird dort gesagt: „An diesem 
Tage verlangte Starhemberg vierzig bürgerliche Artilleristen zur Ver- 
stärkung und Unterstützung der auf der Dominicanerbastion 
(ordin. bürgerl. Bastei genannt) postirten Batterie-Mannschaft." Diese 
Angabe ging unverkennbar aus der bei Hocke 1. c, Seite G3, zum 
24. Juli gehörigen Notiz hervor, welche lautet: „Anheut haben auch 
Ihro Exe. Herr Commendant 40 Bürgerliche Kunstabler begehrt, welche 
mit Vorbehaltung der zue Gmeiner Statt auf der Pastey vnd Cavallier 
bey denen Patribus Dominicanern assignirten Posto bedürfftigen Kun- 
stabler auch bewilliget worden." Der bei Camesina unterlaufene Irr- 
thum lässt sich nunmehr leicht beurtheilen. Während dort gesagt 
wird, dass die in Rede stehenden 40 Kunstabler zur Verstärkung 
der auf der Dominicaner-Bastei postirten Mannschaft bestimmt waren, 
wird vom Stadtrath die Verwendung derselben an einem andern 
Ort unter dem Vorbehalt genehmiget, dass die auf dem genannten 
Posto „bedürfftigen Kunstabler" dort vorhanden bleiben. Diese 40 Kun- 
stabler wurden somit nicht auf die Dominicaner-Bastei commandirt, 
sondern sie wurden von dort abberufen. Dieselben scheinen jedoch der 
an sie ergangenen Weisung nicht nachgekommen zu sein, denn am 
folgenden Tage „haben Ihro Exe. Herr Commendant jhnen alle Burgerl. 
Kunstabler zu überlassen begehrt, denen von Rath auss der Vorhalt 
beschehen, und bewöglich zugesprochen worden, die haben aber die 



*) Hocke 1. c. Seite eo. 



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137 

Sach zu Bedacht genommen, unterdessen 20 Mann zu stellen sich 
erklärt." ^) 

Vor dem Burg-Ravelin waren die Türken am 25. Juli mit den 
Approchen bereits so weit vorgedrungen, dass eine um 6 ühr Nach- 
mittags aufgehende Mine in der Contrescarpe eine Zahl von Pallisaden 
sprengte. Da der Feind sofort zum Sturmangriff überging, entwickelte 
sich ein blutiger Kampf, bei welchem eine Zahl von Oberofficieren, 
darunter der tüchtige Ingenieur Rimpler verwundet wurden, andere 
den ITod fanden. Der Stadtcommandant Graf Starhemberg wurde an 
der Hand blessirt. -) Die umgeworfenen Pallisaden wurden wieder auf- 
gestellt. Am 27. Juli sprengte der Feind eine Mine an der Contre- 
scarpe- der Burgbastei, wo am 23. die erste Mine aufging. Bei dem 
nun folgenden Sturm sprangen 9 Türken mit dem Säbel in der Faust 



*) Hocke 1. c. Seite 66. Die eben geschildei-ten Verhandinngen dürften 
meine Seite 118 ausgesprochene Ansicht, dass die ^Compagnie der Bnrgelichen 
Pixenmaister vnnd Kunst-Stäbel in Wienn" wie sie Starhemberg in dem An- 
erkennungs-Attest vom 27. Mai IGS-i (Camesina 1. c. Seite 90) nennt, ein be- 
soldetes und für den Dienst auf der „Bürger-Bastei und Cavallier" ange- 
worbenes Corps war bestättigen. Välkeren 1. c. Anhang Blatt aS^ers sagt: 
zu den aus dem bürgerl Zeughaus aufgeführten „50 Stuck, woi-unter 8 Hau- 
bitzen seynd auf gute Vorsehung eines Statt-Raths ein ganzte Compagnie 
Pixenmaister 100 Mann, ohne der zugehörigen Officir vorhanden geweseij, welche 
Bui'gerliche Pixenmaister aut Ihre Exe. Grafen von Stharenberg, und Statt- 
Raths-Befelch, auff alle nothwendige Posten sich also gebrauchen lassen u. s. w. 
Da sie nur für den Dienst auf der „Burger-Bastei'* angeworben waren, wollten 
sie sich nicht durch einfache Befehle auf andere Plätze commandiren lassen. 
Erst «nach einer mit ihnen gepflogenen Verhandlung und nach dem ihnen 
„bewöglich zugesprochen worden" Übernamen sie auch den Dienst auf andern 
Basteien. In diesem Falle bezogen sie aus der kaiserl. Feld-Kriegs-Cassa, wie 
die noch vorhandenen Rechnungen nachweisen einen Sold pr. Mann und Tag 
von 30 kr. (K. k. H. K. A. Fase. 17723. Bei Camesina 1. c. Anhang, Seite 15, 
Beilage VI. finden sich Auszüge dieser Rechnungen.) 

2) Graf Starhemberg wurde schon am 15. Juli auf der Löwel-Bastei durch 
einen Steinsplitter verwundet. Oberst Rimpler starb am 3. August. Wenn Ca- 
mesina 1. c. Seite 30 und nach ihm Graf Thürheim 1. c. Seite 98 erzählen: „Die 
Türken versuchten die am 23. Juli gemachie B esche inderBurgbastion 
neuerdings zu stürmen, ging ihnen aber nicht besser als damals'* so haben 
wir es abermals mit einem grossen Irrthum zu thun. Weder am 27. und noch 
viel weniger am 23. Juli fand ein Sturm auf die Burg hast ion statt. Bei 
den bisherigen Kämpfen handelte es sich lediglich um den Besitz, beziehungs- 
weise Vertheidigung der Glacien und Contrescarpen. Es vergingen noch Wochen 
bis sich die Türken des Stadtgrabens bemächtiget hatten, von wo erst eine 
der angegriffenen Bastionen gestürmt werden konnte. 



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18S 

über die Pallisaden auf den gedeckten Weg, wo sie von den Soldaten 
jedoch in den Stadtgraben hinabgeworfen und unten von den Truppen 
„ihrem Mahomed seynd aufgeopfert worden." Bei diesem Gefecht wurde 
der General Graf Sereni und der Oberst Graf Scherffenberg 
verwundet und war der Verlust an todten und blessirten Officieren 
wieder sehr erheblich. 

Als Ergänzung einer schon am 26. kundgemachten Verordnung 
wurde am 27. Juli verlautbart, dass im Falle „der Feind die Statt 
an unterschidlichen Oerthern mit gefährlichen Stürmen angreiffen 
wurde," alle Glocken der Stadt geläutet werden, „aufF welches Geleitt 
dann männiglich schuldig seyn solle, alsobalden zuzulauffen, und zwar 
die Soldatesca auf ihren assignirten Posten, die Burgerschafft mit dero 
Zugethanen auff dem Hoff, die Universität auff der Schotten-Freyung, 
die üebrige aber, so unter vorbenannten Glassen nicht gehörig, auff 
dem Platz dess Neuenmarcks sich einfinden und ferrer erwarten, wohin 
sie commandirt; Zu dem Ende jhnen ein gewisser tauglicher Officir 
vorgestellt, vnd sie mit dem nothwendigen Gewöhr versehen werden 
sollen, mit diser ausstrucklichen Bedrohung, dass derjenige, so anjetzo 
das Gewöhr empfanget, und zur Defension der Vestung nicht erscheint, 
mit unaussbleiblicher Leibs- und Lebens-Straff belegt werde. "^) 

Es ist wohl an sich klar, dass die vorstehenden Anordnungen 
lediglich Vorkehrungen für den Fall eines seinerzeit etwa eintretenden 
Generalsturmes waren; ein Ereignis, welches vorläufig noch ziemlich 
ferne lag, da es den Türken bisher noch nicht einmal gelungen, sich 
in den Besitz der Glacien und der Contrescarpen zu setzen. 

Am 28. Juli sprengten die Türken in den Contrescarpen vor der 
Löwel-Bastei eine Mine, wodurch eine Reihe von Pallisaden umgeworfen 
wurde. Ein gleiches fand am 29. und 30, Juli an den Spitzen der 
Contrescarpen vor dem Burgravelin und der Burg-Bastei statt, wodurch 
am erstem Ort Pallisaden gehoben wurden. Zu einem Sturmangriff 
kam es jedoch an keinem dieser Tage. Es scheinen die grossen Ver- 
luste, welche der Feind bei den früheren Angriffen erlitten hatte, den- 
selben eingeschüchtert zu haben. Die beschädigten Pallisaden wurden 
bald wieder in Ordnung gebracht. 

Die bürgerl. Kunstäbler, „welche ihren Vorgesetzten eine schlechte 
Parition leisteten," gaben am 28. Juli dem Stadtcommandanten noch- 
mals zu einem Einschreiten Anlass, dem entsprechend „ein Stadt-Rath 

*) Hocke 1. c. Seite 70 und 73. Vom 26. Juli an, war das Läuten der 
Glocken bis zum Entsätze ganz eingestellt. 



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139 

an die Rotfmeister der Bürgerlichen Knnstäbler ein Beeret anssfertigen 
lassen, und denselbigen anbefohlen, ihre unterhabenden Kun stäbler 
dahin anzumahnen, dass sie diejenigen Posten, allwo sie hingestellt 
werden, wohl versehen und die Stunden, gleichwie die Miliz bei hoher 
Straff, und Statuirung eines Exempels fleissig halten sollen." *) 

Am 30. Juli sah sich Graf Starhemberg veranlasst, die am 
23. Juli das üebersteigen der Pallisaden betreffende Kundmachung, in 
verschärfter Weise „durch Trummel-Schlag in der Statt aller Orthen 
und Plätzen" zu wiederholen: „Wie dass allerhand Stands-Persohnen 
von Niederläger, Hoffbefreyten, Studenten und Burgerschafft sich unter- 
fingen ohne alles Commando über die Contrascarpa und Pallisaden 
ausszusteigen, ausszufallen, und ihres etwann geringen Gewinns halber 
sich in Feindliche Gefahr zu begeben, derentwegen anbefohlen, sich 
dergleichen Uebertreter derley aigenthätigen Aussfallens also gewiss 
zu enthalten, dass im widrigen der erste so ohne Commando sich 
dergleichen unterfangen wird, von der allhisigen Soldatesca gleich vor 
den Pallisaden niedergeschossen, oder auff Betretten ihrer Persohn, 
vor demjenigen Statt-Thor alwo sie die Pallisaden ohne Befelch über- 
steigen, ohne einige Verschonung auffgehenckt werden sollen. ** -) Un- 
verkennbar wollte der Stadtcommandant durch diese energische Mass- 
regel den Verkehr mit den Belagerern, welcher noch immer stattfand 
gründlich abschneiden, denn es wäre sonderbar, Leute, um sie vor 
„feindlicher Gefahr" zu sichern, sofort vor den Pallisaden nieder- 
schiessen oder aufhängen zu lassen. Beachtenswerth erscheint jedoch, 
dass, während die Kundmachung vom 23. Juli nur von „Manns- und 
Weibspersonen" spricht, die verschärfte Wiederholung vom 30. Juli 
„allerhand Stands-Persohnen" aufzählt. 

Am 28. Juli hatte der Stadtcommandant die Verordnung er- 
lassen, dass die Bürgerschaft beim Schanzen und Wachen im 
Stadtgraben, sowie die Soldatesca vor 24 Stunden nicht abzulösen ist. 
„Da der Burgerschaft die Nacht-Wacht schwär fallen 
wurde," machte eine Deputation dem Grafen Starhemberg Vor- 
stellung, worüber schliesslich unterm 31. Juli die Verfügung dahin 
getroffen wurde, dass, weil viele Bürger bereits an der Ruhr gestorben, 
„täglich nur 300 Mann von Früh 6 Uhr bis Abends 6 Uhr zum 



^) Hocke 1. c. Seite 77. Ein solches „Beeret" konnte wohl nur an eine 
im Solde der Stadt gestandene Truppe, nicht aber an Bürger, welche freiwillig 
eine Dienstleistung übernommen hatten, gerichtet werden. 

«) Hocke 1. c. Seite 80. 



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140 

schanzen zu stellen sind, die des Nachts mit 150 Mann von den 
ledigen Pursch abgelöst werden sollen. **') 

Die Belagerung der Stadt Wien, welche am 15. Juli 1683 er- 
öffnet wurde, hatte bereits 17 Tage gedauert, ohne dass die Türken 
bisher einen wesentlichen Erfolg erzielt hatten. Die Beschädigungen, 
welche das feindliche Geschützfeuer sowohl an den Befestigungen, als 
auch im Innern der Stadt verursacht hatten, waren bisher nicht er- 
heblich. Von den eingeworfenen Bomben hatten nur wenige gezündet, 
und nachdem man die Schindeldächer abgetragen hatte, war die Zahl 
der Brände nur eine massige. Am meisten hatte der Cavallier auf der 
Löwelbastei gelitten, da er jedoch zu enge und überdiess sehr hoch 
war, konnten dort nur wenige schwere Geschütze placirt und denselben 
auch nicht jene Senkung gegeben werden, um die nahen türkischen 
Batterien mit Erfolg beschiessen zu können. Dagegen hatte die Burg- 
bastei, schon in ihrer Anlage ein überaus festes Werk, nur wenig 
gelitten. 

Das vom Artillerie-Obrist Christof von Börner und dem 
Obrist-Lieutnant Johann Martin Gschwind von Pöckstein 
geleitete Geschützfeuer der Festung, zeigte sich jenem der Türken 
weit überlegen. -) In dem Masse, als die Arbeiten des Feindes gegen 
den Stadtgraben vordrangen, nahmen die Kämpfe an Heftigkeit zu. 
Die Verluste, welche die Türken dabei erlitten, waren höchst erheblich ; 
allein auch für die Belagerten waren die Einbussen nicht nur an der 
Mannschaft, sondern auch an Officieren aller Rangstufen überaus 
empfindlich. 

Die in der österr. Armee bis in die frühesten Zeiten derselben 
reichende Erscheinung, dass sich die Officiere namentlich bei Kämpfen 
von entscheidender Wichtigkeit auf dass äusserste exponiren, bringt 
dem Heldensinn und Opfermuth derselben stets neue Lorbeern, allein 
es müssen sich daraus schliesslich Bedenken, ja Gefahren für die 
Hauptaufgabe der Kämpfe ergeben. Bei der schon vom Anfange 
massigen Besatzung machte sich in Wien bald ein empfindlicher 
Mangel an Officieren bemerkbar. 



') Hocke 1. c. Seite 76 und 83. 

*) Am 9. Februar 1883 hielt der k. k. Artillerie-Oberlieutenant Paul Rehm 
im milit. wissensch. Vereine einen, die Geschützkämpfe während der Belagerung 
von Wien 1683 behandelnden, das Wesen derselben selbst dem Nichtfachmanne 
klarmachenden Vortrag. 



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141 

Nach einer Reihe vergeblicher Angriffe auf die Verpallisadirung 
der Contrescarpen, gelang es den Türken endlich am 3. August, Nachts 
10 Uhr, vor dem Burg-Ravelin u. z. im ausspringenden Winkel 
des gedeckten Weges, in die Contrescarpen einzudringen. In einem 
mörderischen Kampfe, dem abermals eine Zahl tüchtiger Officiere zum 
Opfer fiel, suchte man den Feind zurückzuschlagen, was aber nur 
theilweise gelang. Ein heftiges Geschützfeuer sollte demselben die Be- 
nützung des errungenen Vortheiles thunlichst erschweren. An den beiden 
Flanken des Angriffes, nämlich an den Contrescarpen vor der Burg- 
Bastei und vor der Löwel-Bastei, wurde den Arbeiten der Türken 
durch Gegenminen erheblicher Schaden zugefügt. ^) 

In der Nacht vom 4. zum 5. August brachte ein Caraffaischer 
Reiter Nachrichten vom Herzog von Lothringen. Es waren dieses zwei 
Erlässe ddo. Passau 29. Juli 1683. Der eine war eine Antwort auf 
des Stadtcommandanten Bericht vom 21. Juli an den Kaiser. In dem- 
selben wird „Starhembergs vndt der officier auch guarnison erweisen- 
der eyfer vnd valor in defendirung der Statt Wienn wieder die Türken 
gerühmbt, zue fernerer prosequirung dessen animirt, vnd vertröstet, 
das von Chur- Bayern 10/M, von Chur- Sachsen 10/M, von Chur- 
Brandenburg 12 M, von denen Fränkischen Allirten 15 M, und dem 
Schwäbischen Crais 5 M Mann zum succurs anmarschiren, auch der 
König in Pohlen durch den Grafen Thurn berichtet, das er in Persohn 
sambt seiner ganzen macht im Anzug seye, dieser succurs aber vor 
halben augusti nicht zusamben kommen könne".-) Der zweite Erlass 



^) Camesina 1. c. Seite 32 erzählt, dass die Türken am 1. August beim 
rothen Thurm einen Sturm versuchten. In den mir bekannten Quellen findet ^ <r^C i'^t^H^ 
sich foi- diese Angabe keine Bestätigung. Es ist auch schwer zu glauben, dass ^ /^l 
der Feind, ohne im mindesten zuvor Bresche geschossen zu haben, einen 
Sturm unternehmen werde. Seite 35 zum 4. August sagt Camesina ferner: 
„Die Approchen des Feindes erstreckten sich am heutigen Tage von der Spitze 
der BurgiSastion längs des Burg-Ravelins, der Löwelbastion, des Ziegelschanzels 
und der Melkerbastion bis zum Ravelin beim Schottenthor 
und umgaben somit bei vollkommener innerer Communication drei Boll- 
werke und drei Ravelin." Camesina gibt nicht die Quelle an, woher 
diese Angabe entnommen ist, dass sie, was die Mölkerbastei, das M ö 1 k o i-, 
Ravel in und das Schotten-Ravel in anbelangt, völlig unrichtig ist, er- 
gibt ein Blick auf die Tafel lil, Seite 102, und Tafel IV, Anhang, Seite 154, 
seines Werkes. 

«) K k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 479. Nachdem hier noch 
Chur-Brandenburg mit 12 Tausend Mann erwähnt wird, so scheint man damals 



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142 

war an das Deputirten-Oollegium ebenfalls als Antwort auf einen Be- 
richt vom 21. Juli gerichtet. In demselben wurde „der anwesenden 
Generalen, officier, Guarnison, Bürgerschaft vndt andern dapfere defen- 
sion der Statt Wi^nn wieder die Türken gerühmt", und der Entsatz 
wie oben in Aussicht gestellt. ^) 

Unterm 4. August richtete das Deputirten-Collegium an den 
Herzog von Lothringen ein Schreiben, in welchem es sich zunächst 
auf einen vom 24. Juli erstatteten Bericht bezieht, und meldet: „dass 
der Feind bereits weith gegen Vnsere Contrascarpen dergestalt avan 
cirt, dass nit wohl möglich, Vber ein oder 2 tag selbige mehr zu 
manuteniren, womit ihnen die fernere impatronirung des Grabens nicht 
zu verwöhren", auch wird betont, dass von den besten Artilleristen 
und andre Officieren, auch von der gemeinen Mannschaft Viele 
gefallen, daher durch einen Succurs „in zeitten hilfliche Handt zu 
biethen ist". 2) 

Bei den bedeutenden Verlusten, welche die Besatzung durch die 
heftigen Kämpfe sowie durch die stark grassirende Ruhr erlitten hatte, 
war das Deputirten-Collegium auf einen thunlichen Ersatz der Abgänge 
bedacht. Es resolvirte die Vornahme einer Werbung. Unterm 4. August 
erging an den Feld-Kriegs-Commissär Vorster die Mittheilung, „dass 
die dermalige sich alhier befindende guarnison noch mit einiger Mann- 
schaft durch öffentliche Werbung zu verstärken, wesswegen Er Ober- 
Commissär selbige von Zeit zu Zeit übernehmen vnndt denen officiern 
bedeuten solle, dass sich ihre Obligation länger nit, als die Belagerung 
wehren möchte, erstreken werde". ^) Wie aus der Rechnung über die 
Kosten der Stadtvertheidigung, welche ich später mittheilen werde, 
zu entnehmen ist, wurden 550 Mann angeworben. 

Ueber die Beschwerde „dass derBurgerschafft die Nach t- 
Wacht schwer fallen wurde", hatte der Stadtcommandant erst 
am 31. Juli sich einverstanden erklärt, dass täglich nur 300 Mann 
von Früh 6 Uhr bis Abends 6 Uhr zum schanzen zu stellen und die- 
selben des Nachts von 150 „ledigen Pursch" abzulösen sind. (Seite 139.) 



am kaiserl. Hofe noch auf eine Hilfeleistung von jener Seite gerechnet zu haben, 
welche bekanntlich gänzlich unterblieben ist. Vergleiche bei Onno Klopp die ein- 
schlägigen Verhandlungen. 

') K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 479. Camesina 1. c. 35 lässt 
melden, dass der Succurs bereits in der Gegend von Klosterneuburg sei. 

2) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol 713^er8. Der erwähnte Bericht 
vom 24. Juli scheint dem Herzog von Lothringen nicht zugekommen zu sein. 

8) Daselbst Fol. 713ver8. Hocke 1. c. Seite 91. 



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143 

In Folge des bereits sehr reducirten Standes der Besatzung sah 
sich der Stadtcommandant jedoch genöthigt, einen Theil der bei den 
verschiedenen Militär-Wachposten im Innern der Stadt verwendeten 
Mannschaft zur Truppe einzuziehen. Das Deputirten-Collegium erliess 
nunmehr an den Stadtrath den Auftrag, nachzuweisen, „was die Burger- 
schafft der Zeit noch täglich an Mannschafft stellen könne*'. Die ein- 
vernommenen Hauptleute erklärten, „in allen aber 1980 Mann jeder- 
zeit zu stellen*', worüber dem Deputirten-Collegium Bericht erstattet 
wurde. Schon am 5. August wurde dem Magistrat anbefohlen, über 
die in seinem Bericht eingegebene Mannschaft eine verlässliche Speci- 
fication vorzulegen, „dabey aber für sich selbst einigen weittern Abzug 
und Austheilung der Mannschafft nicht zu machen, ausser was zu 
denen etwa entstehenden Feuers-Brunsten vonnötten seyn möchte, dazu 
200 Mann genug wären, zu Verwahrung der Fändel bedarffte es keiner 
Mannschafft, weil die Burgerchafft, wann sie auf die Wachten 
ziehete, ihre Fändel gleich der Soldatesca jedesmahls mit sich 
nemmen, und dennen Burgern dadurch eine mehrere Animirung gegeben 
werden könnte. ^) Weiter wurde anbefohlen, „eine Beschreibung des 
vagirenden und dort und da in denen Häusern latitirenden Gesindels" 
einzureichen. 

Dass die Büi-ger nur zögernd den an sie ergangenen Auffor- 
derungen nachkamen, geht aus einem „Ruf" hervor, welcher am 



*) Hocke 1. c. Seite 92 bis 94. Camesina 1. c. Seite 35 zum 4. August, 
nur lässt er eine Zählung der Mannschaft, welche die Hauptleute jetzt noch 
zum Kampf stellen konnten, vornehmen. Auch Seite 40, zum 8. August 
sagt Camesina „Die Bürgerschaft wurde aufgefordert, 800 Mann zum Kampfe 
und 200 Mann zum Löschen zu stellen. Diese Angabe ist unverkennbar aus 
Hocke 1 c. Seite 106 entnommen. Allein weder hier noch auf Seite 92 findet 
sich bei Hocke der Beisatz „zum Kampfe", auch lässt sich nicht ein einziger 
Fall quellensicher nachweisen, dass bis zum 8. August der Stadtcommandant, 
sei es die Bürgerschaft oder die andern Compagnien „zum Kampfe" aufge- 
rufen hat, er verlangte Mannschaft stets nur zum Wachen oder Schanzen. 
Auf welche Weise Camesina einfache VorfaUe ganz unrichtig wiedergibt, diene 
Folgendes als Beispiel: Välkeren 1. c. Seite 51 erzählt zum G.August: „Morgens 
Frühe nach dem übernachtlichen Scharmützel Hessen Ihro Excell. Ihro ein 
Ruhe -Bettlein auf den Burg -Platz in die Cour de Guarde bringen, vmb da- 
selbst ein wenig zu ruhen, vnd allen Beginne des Feinds näher zu sein." Ca- 
mesina 1. c. Seite 37 zum 6. August sagt: „Graf Starhemberg schlug sein 
Hauptquartier von heute an in der Burg auf, woselbst er jene Loealitäten bezog, 
in denen sich sonst die kaiserl. Leibwache befand." Aus dem Aufstellen eines 
»Ruhe-Bettlein" wird das ganze Hauptquartier gemacht. 



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144 

6. August erlassen wurde: „dass alle Behausste und unbehausste 
Burger; nicht weniger die Besitzer und Innhaber der Burgerl. Häuser, 
jene bey würcklicher Hinwecknemmung des Burger-Rechts, und Ver- 
liehrung ihres Ehrlichen Nahmens, dise bey der ausstrücklichen Be- 
trohung; dass dero Häuser mit allen vorfallenden oneribus beladen 
werden sollen, und zwar die Burger in aigener Persohn aufziehen, die 
andere aber an Statt ihrer ein Mann stellen, oder da sie Alters oder 
Krankheit halber nicht erscheinen können, derentwegen glaubwürdige 
Attestationes von denen Medicis bey bringen sollen". ^) 

Wie dieses das Deputirten-CoUegium in dem oben erwähnten 
Bericht an den Herzog von Lothringen vom 4. August, und Graf 
Caplirs in einem zweiten Bericht vom .8. August hervorgehoben hatten, 
war es nicht mehr zu vermeiden, dass sich der Feind in nächster Zeit 
des Stadtgrabens bemächtigen und sohin zum unmittelbaren Angriff 
der beiden mehrgenannten Basteien und des Burg-Ravelins übergehen 
werde. ^) Der Stadtcommandant musste nunmehr bei Zeiten für die 
Herstellung der erforderlichen Abschnitte, Abgrabungen, Verpallisadi- 
rungen u. s. w. auf diesen Bollwerken Sorge tragen. Er begehrte 
unterm 9. August vom Stadtrath die Stellung von täglich 1300 Mann. 
Dieser entsprach der Aufforderung und stellte nur das, vom Grafen 
Starhemberg sofort genehmigte Ansuchen: „die Burgerschaft in etwas 
zu verschonen und nicht an diis gefährlichsten Oerter stellen zu lassen".^) 

Die Kämpfe um den Besitz der Contrescarpen drängten sicht- 
lich zu einer Krisis. Minen von Seite der Angreifer, Gegenminen von 
Seite der Belagerten folgten mit wechselndem Erfolg. Ausfälle, bei 
denen neue höchst bedauerliche O^fer an hervorragenden Officieren 
aller Grade, und an der durch ihre heldenmüthige Tapferkeit und Aus- 
dauer hervorragenden Mannschaft, zu verzeichnen sind, folgten, um 
den Türken jeden Fuss breit auf den Glacien, den Contrescarpen und 

*) Hocke 1. c. Seite 98. Diese Kundmachung lässt ziemlich klar erkennen, 
dass es zunächst eine Arbeitsleistung war, welche von den Bürgern und von 
den Inhabern burgerl. Häuser angesprochen wnirde. Burgerl. Häuser konnten 
auch im Besitze von Frauen, Minderjährigen , Corporationen "a. s. w. sein, denen 
man auftragen konnte einen tüchtigen Mann zum WachenoderSchanzen, 
nicht aber zum Kampfe zu stellen. Die Betheilung am Kampfe lässt sich 
wehrhaften Männern, nicht aber Kranken, Greisen, Frauen oder Kindern auf- 
tragen. 

2) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 557. 

«) Hocke 1. c. Seite 107. Es waren überhaupt 1300 Mann, nicht blos 
Bürger zu stellen, daher die Erklärung des Stadtcommandanten „dass er 
der Burgerschaft vor andern möglichist verschonen wolle." 



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145 

schliesslich im gedeckten Wege streitig zu machen. ^) So wütheten 
die Kämpfe mit geringen Unterbrechungen, bis endlich die Türken am 
12. August Mittags mit einer starken Mine, „dass die halbe Statt 
davon gebebet", die Spitze des Burg-Ravelins sprengten und sofort 
zum Sturmangriff übergingen. 

Die erste Abtheilung des furchtbaren Dramas der Türkenbelagerung 
Wiens 1683, war somit zum Abschlüsse gekommen, die zweite Ab- 
theilung, der Kampf um die Festungswälle selbst, hatte begonnen. 

Seit der Eröffnung der Belagerung am 15. Juli hatten die Türken, 
trotz ihrer -anerkennungswerthen Thätigkeit und Tapferkeit, 29 Tage 
gebraucht, um sich des Glacis und der Contrescarpen zu bemächtigen.^) 
Es wurde der Versuch gemacht, den Stadtcommandanten Grafen Starhem- 
berg aus dem Grunde zu tadeln, dass er durch die vielen Ausfalle 
seine Truppen opferte. Dem entgegen darf hervorgehoben werden, 
welchen Werth der Gewinn eines jeden einzelnen Tages für den Anzug 
des Entsatzes hatte, und welche verhängnisvollen Folgen das geringste 
Versäumnis für die Stadt hätte haben können. 

Oben wurde hervorgehoben, dass Camesina an zwei Stellen die 
bei Hocke vorkommenden Angaben dadurch abänderte, dass er die 
Worte „zum Kampfe" einfügte.^) Es wird dadurch die Frage 
über eine allfällige Betheiligung der Bürgerschaft an den Kämpfen 
um das Glacis und die Contrescarpen, während der Zeit 

^) Am /. August wurde Oberst Heister durch einen Pfeilschuss am Kopfe 
verwundet. Der Hut sammt Pfeilspitze befindet sich in der k. k. Ambraser 
Sammlung, dabei folgende Pergament-Urkunde: „Mit diessen Pfeil ist diesser 
Huet meinem Herrn Sibert Graffen von Heister als Ob listen der Wiennerischei> 
Belagerung anno 1683 den .... auf dem Kopf genaglet worden, den hie 
beyligenden spitz davon hat er mit Eigenen bänden abgebrochen, und den 
andern Theil aus den köpf gezogen, welche Wunde ihm aber nur 10 tag im 
Bött gehalten, hernach hat er widerum seine Dienste verrichtet. Obwollen sel- 
bige erst Ende der 6. Woche zugeheillet ist, welches ich unssern Nachkömmling 
zu einer gedächtnus aufbehalten wollen. Liebenburg den 10. November anno 
1683. Maria Anna' Gräfin von Heister, ein geborne Gräfin von Zinzendorf." ' 
Sacken, die k. k. Ambraser Sammlung. I. Bd., Seite 148. Einen erfolgreichen 
Ausfall fahrte in der Nacht vom 11. zum 12. August der Oberst Herzog 
Friedrich Carl von Würtemberg persönlich an. Graf Starhemberg er- 
krankte am 7. August an der Ruhr. 

*) Ich glaube hier nochmals auf den grossen Irrthum Camesinas, des 
Grafen Thürheim u. A. hinweisen zu sollen, welche angeben, dass diese Con- 
trescarpen beim Anzüge der Türken noch nicht errichtet waren. 

^ Camesina 1. e. Seite 35 und 40. Hocke L c. Seite 92 und, 106. 

10 



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\4& 

vom Beginne der Belagerung bis zum 12. August, ange- 
regt. Zunächst kömmt hervorzuheben, dass in den wiederholten und 
bis zum 9. August andauernden Verhandlungen des Deputirten - Col- 
legiums und des Stadtcommandanten mit dem Stadtrathe über die 
Stellung von Mannschaft, nur vom „Wachten und Schanzen **, 
niemals aber von der Stellung einer Mannschaft „zum Kampfe" die 
Rede ist. 

Der Stadtschreiber und Syndicus Dr. Nikolaus Hocke, welcher 
seine „Kurze Beschreibung dessen, was in währender Belagerung der 
Stadt Wien geschehen", besonders aus dem Grunde verfasste, um die 
Leistungen des Stadtrathes und der Bürgerschaft während der Be- 
lagerung hervorzuheben, würde es sicher nicht unterlassen haben, 
davon getreulich Meldung zu machen, im Falle sich die Bürgerschaft 
an den erwähnten Kämpfen betheiligt hätte. Er würde auch umso- 
weniger versäumt haben, die Zahl der gefallenen oder verwundeten 
Bürger und deren Officiere, ja selbst die Namen derselben beizusetzen, 
da er die Namen der gefallenen oder verwundeten Officiere der Truppen 
und die Zahl der gefallenen Mannschaft angibt. So wenig wie Hocke 
machen andere gleichzeitige Diarien eine derartige Mittheilung, sowie 
mir auch in dem von mir durchforschten höchst umfangreichen Acten- 
und Quellen-Materiale nicht der geringsteAnhaltspunkt vor- 
gekommen ist, um auf eine Betheiligung der Bürger- 
schaft an den mehrerwähnten Kämpfen schliessen zu können. 

Wollte man sich auf den Erlass vom 29. Juli (Seite 141), in 
welchem auch die Bürgerschaft belobt wird, berufen, so kömmt zu 
erwägen, dass derselbe die Antwort auf einen Bericht des Deputirten- 
Collegiums vom 21. Juli war, das Lob sich daher nur auf die Leistungen 
der Bürgerschaft vor diesem Tage beziehen kann. Nun haben die 
Türken die ersten Minen am 23. Juli gesprengt, worauf erst die 
heftigen Kämpfe um Glacis und Contrescarpen folgten, daher sich der 
Bericht vom 21, Juli unmöglich auf dieselben beziehen kann. Die 
Leistungen der Bürgerschaft vor dem 21» Juli bestanden vorherrschend 
in der eifrigen Theilnahme an der Verpallisadirung und an den Arbeiten 
zur Vollendung der verschiedenen Fortificationsanstalten. Diese Thätig- 
keit, sowie die spätere Verwendung beim „Wachen und Schanzen" 
wird gar nicht in Frage gestellt, sondern lediglich die Theilnahme an 
den Kämpfen um Glacis und Contrescarpen 

Als in die erste Belagerungs-Periode gehörig, kommen noch 
einige Angelegenheiten nachzutragen. Bald nach dem Einmärsche der 



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147 

Truppen hatten Fürst Ferdinand Scliwarzenberg und Graf KoUonitsch 
jeder 1000 Eimer Wein zur Verfügung gestellt. (Seite 111.) Schon 
unterm 18. Juli erging an den Feld-Kriegs-Commissär Vorster der 
Auftrag, dass er diesen Wein nur gegen vom Grafen Caplirs aus- 
gestellte Anweisungen verwende, auch Repartitionen bezüglich der 
Kranken und Blessirten vorzulegen habe.') Mit Rücksicht auf den 
Spitalbedarf, suchte das Deputirten-Collegium rechtzeitig Weinvorräthe 
beizuschaffen. Es wendete sich zu diesem Ende an den Stadtrath. Un- 
term 5. August wurde Vorster beauftragt: „mit Zueziehung des Jenigen, 
so die von Wienn darzue deputiren werden, die in der Statt alhier 
sich befindtlichen Wein zu beschreiben, vnd zu sehen, wie die anwe- 
sende Soldatesca, vber dasienige, so bereits subministrirt worden, fer- 
ners versehen werden möchte". ^) Wie Hocke, 1. c. Seite 108, erzählt, 
wurden dem kaiserl. Proviant-Commissär Adolf Lysech für diese Wein- 
beschreibung „zwey Bediente aus Gemeiner Statt Zapffen-Mass-Amt 
zugegeben, die Wein beschriben, und ist die Specification derer dem Rath 
übergeben worden**. Die Absicht war dahin gerichtet, von den Eigen- 
thümem einen Beitrag von 1 Eimer von je 100 Eimer Wein Vorrath 
zu erhalten, welcher Aufforderung auch entsprochen wurde. *) 

Unmittelbar nach dem Einrücken der Stadtbesatzung hatte das 
Deputirten-Collegium für die Einrichtung von Spitälern Vorsorge ge- 
troffen. (Seite 119.) Die Oberaufsicht über diese höchst wichtige An- 
gelegenheit hatte der Bis.chofKoUonitsch übernommen. Sie konnte 
wohl kaum einer geeigneteren Persönlichkeit übertragen werden. Am 
19. Juli wurden ihm vom Stadtrath Hanns Christoph Hinter- 
hoff er und Ludwig Brenner als Spitals-Commissäre beigegeben.*) 
Unterm 20. Juli erfolgte durch das Deputirten-Collegium der Auftrag, 
dass die bürgerlichen Barbierer und Bader den kranken und blessirten 
Soldaten Hilfe zu leisten haben, ^) am 1. August erging an die medi- 
cinische Facultät die Weisung, zu den zwei bereits in Verwendung 
stehenden Medicis eine dritte geeignete Persönlichkeit beizuordnen.®) 
Am 5. August wurde, für den verstorbenen Dr. Satler, Dr. Philipp 
Pfan als Stadtguardi-Medici bestellt. ') Während der Zeit vom 15. Juli 
bis 15. August standen „1 Medico und 25 Feldscherer" und vom 
15. August bis 15. September „2 Medicis und 34 Veldtscherer" in 



1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. TlO^ers und «) Fol. TU^«". 

8) Välkeren 1. c. Seite 49. 

*), «) und «) Hocke 1. c. Seite 51, 55 und 86. 

') K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 714. 

10* 



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148 

Verwendung. Die Ersteren bezogen zusammen 170, die Letzteren 
278 fl. ') 

Ausserordentlich gross waren die Apothekerkosten. Die Feld- und 
Stadtguardi-Apotheke zum , Schwarzen Mohren, von Daniel Müllers 
seel. Witwe" berechnete für den 20. Juli allein 271 fl. 59 kr. mit der 
beigesetzten Bemerkung : „Hierbey ist zu observiren dass Ein Tag von 
dem andern mehr auch weniger genommen worden." ^) In der Rech- 
nung über die Kosten der Stadtvertheidigung werden für Medikamente 
3750 fl. angesetzt. Der Feldapotheker Johann Sigmund Panz zum 
„goldenen Greif" hatte vom 18. August beginnend während der Be- 
lagerung und nach dem Entsatz an die Truppen Medikamente abge- 
geben und rechnete dafür den Betrag von 13.461 fl. 2 kr. auf. Das 
war der Hofkammer zu arg, sie forderte die medicinische Facultät auf, 
dass sie zwei Doctoren und einen Apotheker bezeichne, welche unter 
Zuziehung eines Buchhalterei-Beamten die Recepte zu prüfen haben. •^) 
üeber das geringe Entgegenkommen der Geistlichen in Spitaflsangelegen- 
heiten (die Barmherzigen allein machten eine Ausnahme) spricht sich 
der Hofkammerrath Belchamps in dem oben mitgetheilten Bericht sehr 
abfallig aus. Die Jesuiten verweigerten sogar die Benützung des 
Brunnens.^) 

Der Zeit allerdings voraus, jedoch des Zusammenhanges wegen, 
wurde im Vorhergehenden die Medikamenten-Angelegenheit besprochen. 
Es liegt eben in der Natur vieler Menschen, dass sie nur äu sehr 
bereit sind, eine allgemeine Calamität für ihre Vortheile auszunützen. 
Als über eine ungerechtfertigte Steigerung der Lebensmittelpreise Be- 
schwerden laut wurden, stellte der Stadtrath, nachdem er zuvor die 
verschiedenen Händler und Verkäufer gehört hatte, Satzungen und 
Tarife für Fleisch, Naturalien etc. auf, welche unterm 6. August vom 
Deputirten-Collegium bestättigt und sohin verlautbart wurden. ^) 

1) K. k. H. K. A. Fase. 13864. 

«) Daseblst Fase. 13864. 

») Daselbst Fase. 13868. 

*) Hoeke 1. c. Seite 67. Die Zuweisung der einzelnen Regimenter, 
beziehungsweise ihrer Blessirten und Kranken, in die versehiedenen in den 
Klöstern eingerichteten Spitäler, findet sieh bei Hoeke 1. e. Seite 119. 

*) Hocke 1. c. Seite 95. Camesina 1. e. Seite 37, Note 2, bringt den Wort- 
laut des Deeretes vom 6. August 1683. Välkeren 1. e. Seite 48 sagt : „und ist 
gewiss zu verwundem, das es in aller Zeit dieser langwierigen Belagerung 
vnder so viel tausend Mensehen niemahl an Rindfleisch, ja sehier auch an 
anderen Fleisch-Sorten gemangelt habe, ob schon es nit allemahl in gleichem 
Prtiss verkauft worden ist. 



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149 

Ausser der eigentlichen Stadtbesatzung befand sich in Wien eine 
Anzahl Soldaten, welche bisher noch nicht zur Dienstleistung ein- 
bezogen waren. Unterm 5. August 1683 erliess der hinterlassene Hof- 
kriegsrath an den Feld-Kriegs-Commissär Vorster den Auftrag: „die 
ohne Dienstleistung herumgehende Strasoldische vnd Ratzische Mann- 
schaft, zur defension an den Obristen CoUalto zu weisen.* ^) Gross 
kann die Zahl dieser Mannschaft nicht gewesen sein, denn in der 
Rechnung über die Kosten der Stadtvertheidigung werden für dieselbe 
nur 172 fl. 30 kr. angesetzt. 

XII. 

Zustände und Ereignisse am flachen Lande Nieder- 
Oesterreichs. 

Ehe wir der zweiten Abtheilung jener denkwürdigen Kämpfe, bei 
denen es sich nunmehr um die Vertheidigung der vom Feinde an- 
gegriffenen eigentlichen Festungsbollwerke: Burgbastei, 
Löwelbastei und des zwischen beiden gelegenen Burgravelins, 
u. z. bis zum Aufgeben dieses letzteren handelte unsere Aufmerksamkeit 
zuwenden, möge es gestattet sein, zuvor die wichtigsten, mit der 
Belagerung unserer Stadt im Zusammenhange stehenden, jedoch ausser- 
halb ihrer Mauern sich vollziehenden Ereignisse, nur in den all- 
gemeinsten Zügen zu besprechen. 

Wir haben die in höchst bedauerlicher Weise ablehnende Haltung 
der nied.-österr. Stände bezügUch Gewährung der Steuerbeiträge pro 
1683, welche wesentlich die Verzögerung in der Ausrüstung der 
kaiserl. Truppen verschuldet hatte; zugleich aber auch die Lässigkeit 
in den Defensions -Vorkehrungen des Landes, wie Einrichtung der 
Fluchtörter, Kreudenfeuer etc., kennen gelernt. 

Während der Belagerung von Wien wurden die Landes-An- 
gelegenheiten durch einen Ausschuss geleitet, welcher zu Krems 
unter dem Vorsitze des Grafen Otto Ehrenreich von Traun zu- 
sammengetreten war, und dem als Mitglieder der Abt Johann von 
Göttweig, Hanns Georg Graf von Khuefstain und Karl 
Hackelberg von Höhenberg angehörten. Von den höhern Landes- 
beamten war der Landesunterkämmerer Grundemann und der Syndicus 
Albrecht von Albrechtsburg anwesend. Dieses Collegium, namentlich 



K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 715. 



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150 

aber sein Obmann Graf Traun entwickelte eine umsicbtige und energische 
Thätigkeit. Unterm 25. Juli wurden der Land-Obristlieutenant Scheller 
und die vier Vierteis-Hauptleute nach Krems berufen.^) 

Um das üeberschiffen der Türken auf die linke Donauseite hint- 
anzuhalten, wurde schon unterm 13. Juli mit einem kaiserl. Erlass 
anbefohlen, dass alle Schiffe vom rechten auf das linke Ufer der Donau 
zu schaffen sind. Der Abt Gregor zu Melk hatte, trotzdem er 
schon zweimal zur Entfernung derselben aufgefordert wurde, noch 
mehrere grosse Schiffe nächst dem Kloster stehen. Unterm 24. Juli 
ermahnte ihn Graf Traun neuerdings zur Entfernung dieser Fahrzeuge, 
mit dem Beisatze, im Falle er „nicht pariren sollte*^ werden die Ver- 
ordneten „andere Mittel vorkehren." Der Abt brachte nun ddo. Melk 
26. Juli 1683 ein Schreiben ein, in welchem er sagt, dass er „vnter 
allen Landtmitgliedern der Zeit in disem Viertl allein sich erhalten. 
Hoffe auch nicht, dass Ihr Kays. Myt., welche mir allererst gestern 
durch Hiro fürstl. Gnaden Herrn Bischoffen von Wienn, alle Hilf aller- 
gnädigst anbieten lassen, dieses haben will." Wenn man die Schiffe, 
welche er für den äussersten Fall in Bereitschaft hält, entfernt, so 
werde er Melk verlassen, wodurch auch die Bürger zur Flucht veran- 
lasst würden. 2) 

Der Abt Gregorius hatte seine Einwendungen durch einen Ex- 
pressen nach Krems gesendet. Dieser brachte ihm ddo. Krems 26. Juli 
die neuerliche Weisung zurück, „dass er dem Khays. Befehl gemäss 
seine Schiff hinweckh und disseits der Thonau bringen solle, wie in 



*) Landes-Arch. E. 5, 13. Der Hauptmann des Viertels Unter Wiener- 
Wald Hermann Mechtels von Engelsberg rausste, weil er auf die erste Vor- 
ladung nicht kam, ddo. Krems 3 . August 1683 wiederholt vorgeladen werden. 
Er scheint die grosse Verantwortung wegen Vernachlässigung der Kreudenfeuer 
in seinem Viertel gefürchtet zu haben. 

2) Landes-Arch. E. 5, 13. Die Angabe des Abtes stimmt mit einem anderen 
Umstand vollständig überein. Ddo. Passau 22. Juli 1683 erliess der anwesende 
Hofkriegsrath an den Commandanten von Linz, von Gallenfels, den Auftrag 
„er solle dem Prälaten zu Melk so sich nebst andern vor feindlichem An- 
lauf zu defendiren gesonnen, einen capablen Lieutenant, auch 20 Zent. Pulver 
zuesenden." K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 367, Fol. 468. Camesina 1. c. Seite 
10 gibt an, dass der Bischof Emerich Sinelly während der Belagerung 
in Wien war. Wie aus der obencitirten Stelle aus dem Schreiben des Prälaten 
von Melk hervorgeht, befand sich derselbe mit dem Kaiser in Passau. Came- 
sina hat die Angabe bei Hocke 1. c. Seite 19 offenbar missverstanden. Nicht 
der Bischof Emmerich, sondern sein General-Vicar Johann Bapt. Mayr, blieb 
in Wien. 



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151 

widrigen der ankhumendte Adiutant befolcht ist, solche mit Gewalt 
übersetzen zu lassen.^ 

Auch diese Drohung wurde vom Prälaten nicht beachtet, es 
erging somit ddo. Krems 29. Juli 1683 an den Mautner und Ver- 
walter zu EmerstorfF der Auftrag, dem abgesandten Adjutanten bei 
der Wegbringung der Schiffe bei Melk, falls er es verlangt, mit den 
„gewaffneten Bürgern daselbst an die Handt zu stehen. ** Der Abt 
wurde von dieser Verfügung verständigt. Unterm 1. Aug. erging auch 
an den Prälaten zu Agsbach die Weisung, seine Schiffe vom rechten 
auf das linke Donauufer zu bringen, ^) 

Eine wichtige Angelegenheit war die Herbeischaffung der für 
die heranziehenden Entsatztruppen erforderlichen Proviant- Vorräthe. 
Es wurde zu diesem Ende das in den Schlössern, Klöstern und Kästen 
vorhandene, entbehrliche Getreide und Hafer herangezogen. Mit dem 
kaiserl. Erlass ddo. Passau 19. Juli 1683 wurde Graf Traun er- 
mächtiget, „von einem vnd andern Ort den überschüssigen Vorrath 
gegen ausslieferung eines Scheins, in Ihro Kays. Myt. nahmen, wegen 
künfftiger billicher guttmachung vnd einer sichern Verzeichnuss weg 
und nacher Kremss führen zu lassen." ^) Gleichzeitig ging auch an den 
Grafen Breinner der Befehl wegen Proviantbeischaffung für die an- 
rückenden Hilfstruppen und ist für die bezüglichen Anstalten Krems 
als Mittelpunkt zu nehmen. ^) Nunmehr erliessen die ständischen Ver- 
ordneten ddo. Krems 29. Juli 1683 ein Patent wegen Einlieferung von 
Getreide und Hafer durch den Feld-Proviantamts-Administrator Joh. 
Fried r. Freiherrn von Kriechbaum, mit der Preisbestimmung 
pr. Muth Weizen 34 fl., Korn 28 fl. und Hafer 15 fl. und Festsetzung 
eines Fuhrlohnes von 30 kr. pr. Meile für jedes Muth.^) 

Auch an die ober-österr. Stände erging eine gleiche Aufforderung 
zur Proviant-Lieferung. Kriechbaum referirte schon ddo. Linz 3. August 
über die gepflogenen Verhandlungen, sagt jedoch zum Schlüsse, es sei 



^) Landes-Arch. E. 5, 13. Dass die bezügliche kaiserl. Verordnung vom 
13. Juli 1683 vollständig begründet war, ergibt sich aus der Seite 115 gemeldeten 
Thatsache, dass die Tartarn schon am 22. Juli bis Sitzenberg vorgedrungen 
waren, wo sie Graf Dünewald zurückgetrieben hatte. Das energische Einschreiten 
des Grafen Traun, mit welchem er die Opposition der beiden Prälaten ge- 
brochen hatte, war somit vollständig gerechtfertiget. 

«) Landes-Arch. E. 5, 13. K. k. H. K. A. Fase. 17104. 

8) K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 355. 

*) Landes-Arch. E. 5, 13. 



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152 

aus Allem zu sehen, „dass die Herrn Stände diss landts entweder zu 
keiner, oder doch wenigen vnd langsamben beytrag sich bequemben 
werden. " ^) Die Erklärung der ober-österr. Stände ging dahin, dass 
sie 300 Muth Korn ober-österr. oder 375 Muth nied.-österr. Maass in 
ein Magazin zu liefern bereit sind, über welches jedoch den Ständen 
die Disposition zu verbleiben hätte, um „bey einiger sich leichtlich 
ereignenden retirade der Armee oder begebenden Durchmarche der 
Kriegs-Völker" gefasst zu sein. Den Anschaffungspreis werden sie von 
der nächsten Steuerbewilligung abrechnen. In einer Note der Hof- 
kammer an die Hofkanzlei ddo. Passau 15. Aug. wird dieser Antrag 
als ganz ungenügend bezeichnet. Die Hofkammer erwartete 1000 Muth 
Korn darunter auch Mehl, jedweder Muth zu 21 Zentner veranschlagt, 
dann möge den Stände^ die Disposition verbleiben, und bemerkt am 
Schlüsse, dass bei der grossen Nothlage die Regierung berechtigt 
wäre, das Getreide ohne Einvernehmen der Stände dort zu nehmen, 
wo es sich im Vorrath befindet.^) 

Die im Lande unter der Enns ohnehin bestehende Calamität, 
drohte in den beiden Vierteln Ober- und Ünter-Manhartsberg 
noch durch Bauernunruhen vergrössert zu werden. Nachdem die üeber- 
zahl der Herrschaftsherm geflüchtet war, auch die Versäumnisse in 
der Einrichtung der Kreudenfeuer und Fluchtörter ausserordentliches 
Unglück über das Viertel Unter Wiener Wald gebracht hatte, die 
Landbevölkerung sich sohin verlassen und rathlos sah, kann es uns 
nicht überraschen, dass sie sich endlich auf ihre Weise Rath und 
Hilfe zu verschaffen suchte. Es fanden Zusammenrottungen statt, die 
jeden Augenblick in eine aufständische Bewegung übergehen konnten. 
Die ständischen Verordneten suchten den Hauptanlass der Bewegung, 
nämlich die Furcht vor einem Einbrüche der Tartaren oder der Töke- 
lischen Schaaren t dadurch zu beheben, dass sie eine Art Aufgebot 
organisirten. 

Nachdem keine Zeit zu verlieren war, erliessen dieselben ddo. 
Krems 28. Juli 1683 ein „Patent an die Herrschaften, Landtmitglieder 
auch Statt und Markh^ in beiden Vierteln Ob. und Unt. Manharts- 
berg, Allfermassen laider mehr alss zuuil vor Augen, in was erbärm- 
lichen Zuestand der feindliche Vorbruch die andern zwei Virtl Ob. und 



K, k. H. K. A. Fase. 13864 

*) Daselbst. Fase. 17103. Ich werde über diese leidige Angelegenheit 
später noch zu berichten haben. 



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153 

ünt. Wienerwald gesetzt. Diesemnacli wir zu rettung des geliebten 
noch übrig Vateriandts für höchst nothwendig befanden, zu besezung 
vnderschiedlicher X)ehrter und Päss ganz eilfertig ainige Mannschaft 
aufzubringen. ** Nachdem die kaiserl. Armee und die Auxiliar-Völker 
durch Abordnungen nicht geschwächt werden dürfen, so ist der zehnte 
Mann aufzubieten und binnen acht Tagen u. z. in Ob. M. B. nach 
Hom und Zwettl, in ünt. M. B. nach Meissau und Korneuburg ab- 
zusenden. ^) 

Mit der Eingabe ddo. Krems 29. Juli 1683 erstatten die ständi- 
schen Verordneten von ihrer Vorkehrung an den Kaiser Bericht. 
Nachdem von den „Zusammenrottirungen Ausschreitungen zu besorgen 
sind," haben sie ein Aufgebot des zehnten Mannes erlassen, bitten um 
die nachträgliche Genehmigung und bemerken, dass ungeßlhr 2000 
Mann zusammenkommen werden. Die Verordneten fügen jedoch das 
Ansuchen bei, der Kaiser möge Sr. Durchl. dem Herrn General- 
Lieutenant gemessen anbefehlen, dass er für die genannten beiden 
Viertel ein Regiment in die Städte und festen Orte verlege.^) 

Schon unterm 20. Juli 1683, hatten die oberösterr. Stände 
an den Kaiser die Bitte gestellt, es mögen 2000 Mann zu Fuss und 
ein Dragoner-Regiment im Lande belassen werden.^) Dieselben Stände 
von Nieder- und Ober-Oesterreich, welche noch vor wenigen Monaten 
gegen jede Truppen-Einquartierung auf das lebhafteste „deprecirt" 
hatten, die der Regierung trotz der wärmsten Vorstellungen des 
Kaisers, bei der Aufstellung einer genügenden Truppenmacht, durch 
die Steuerbeschränkung die kurzsichtigste Opposition gemacht hatten, 
sehen wir nunmehr in der dringlichsten Weise um militärische Hilfe 
einschreiten. Das vom Kaiser so warm betonte „Zu spät" drohte zur 
traurigsten Wahrheit zu werden. 

Von Krems aus ddo. 2. August richtete Graf Traun eine dringende 
Bitte an den Kaiser um die thunlichste Beförderung des bayrischen 
Succurses, indem er die Angst der verlassenen Bevölkerung schilderte.*) 

Der Kaiser hatte für die beiden Manharts viertel 1000 Musquetier 
und BOO Dragoner genehmiget. Ddo. Krems 14. August wendete sich 

1) Landes-Arch. E. 5, 13 und E. 2, 8. 

*) Daselbst E. 2, 8. Die Besetzung der beiden Vierteln mit Truppen lässt 
erkennen, dass die Sorge wegen einer Bauernerhebung sehr gross war. Der Haupt- 
mann der Herrschaften Kadolz und Seefeld, Johann Flor. Steinbock hatte 
besonders bedenkliche Meldungen erstattet. 

») K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 461. 

*) Daselbst Prot. Nr. 366, Fol. 546^«". 



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154 

Graf Traun an den Herzog von Lothringen um die Abordnung dieser 
Mannschaft mit dem Beisatze, dass dieselbe unter den Landes-Obrist- 
Lieutenant von Scheller zu stellen wäre. ^) 

Bei dem ohnehin geringen Truppenstande, mit dem der Herzog 
von Lothringen die Brücke bei Krems verwahren, den üebergang der 
Türken über die Donau verhindern, das wiederholte Vorbrechen des 
Tökely und der Türken über die March in das Marchfeld zurückweisen 
sollte, war die Abgabe dieser Mannschaft eine sehr schwer zu erfüllende 
Massregel. Dazu kamen die höchst bedenklichen Nachrichten aus dem 
belagerten Wien. Es waren dieses Tage, ja Wochen, welche die ganze 
Seelenstärke dieses Herrn auf eine harte Probe stellten. 

Am 14. August wurden von den ständischen Verordneten Graf 
Traun und Hackelberg nach Passau abgeordnet, um dort unter 
mehreren die Schlagung einer Schiffbrücke bei Tulln zu beantragen, 
auch um die Anweisung eines Geldbetrages zu bitten.^) Schon unterm 
16. August wurde denselben ein Schreiben nachgesendet, mit dem 
ihnen ein kaiserl. Erlass vom 11. August mitgetheilt wird, welcher 
anordnet, dass den anziehenden Auxiliar-Völkern die Verpflegung 
gegen Bezahlung zu reichen ist. Nun bezahlen dieselben aber 
nicht, es sei daher die Versicherung zu erwirken, dass dem Lande 
seinerzeit eine Vergütung gewährt werde. ^) 

Unterm 14. August richteten die ständischen Verordneten an 
den Abt zu Melk ein Schreiben, in welchem sie, „da der löbl. Ständt 
Gassa bey wider allmenigliches verhoffen vbereilte Wiennerische be- 
legerung zu Wienn verblieben" denselben um ein Darlehen von 8 bis 
10.000 fl. „auf sattsambe assecuration vnd selbstbeliebige hypothec" 
ersuchten.;^) Unterm 20. August überliess der Abt den Verordneten 
den Betrag von 4500 fl. zu 6%, rückzahlbar nach dem Entsatz von 
Wien, oder binnen Jahr und Tag. ^) 

Schon am 9. August hatte die österr. Hofkanzlei an den an- 
wesenden Hofkriegsrath die Aufforderung gerichtet, es möge, um Un- 
ordnungen zu vermeiden, der Anmarsch der Auxiliar-Truppen den be- 
treffenden Ländern rechtzeitig angezeigt werden, welchem Antrage 
auch entsprochen wurde. ^) In Nieder-Oesterreich sorgte besonders Graf 



*) Landes-Arch. E. 5, 13. 

*) Daselbst. Es wurden aus der Salzamtscassa Isu Krems 3000 fl. an- 
gewiesen. 

8), *) und ») Landes-Arch. E. 5, 13. 

«) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 547vei8. 



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155 

Traun für eine i'echtzeitige Verständigung der aufgestellten Viertels- 
Commissäre. Trotzdem kamen Störungen vor, welche beinahe aus- 
namslos durch die Truppenfiihrer herbeigeführt wurden. Namentlich 
war es der Commandant der bayrischen „Hilfs-Völker" Freiherr von 
Degenfeld, welcher eigenmächtrg von der vereinbarten Marschroute 
abwich, so dass schliesslich der Churfürst ersucht werden musste, 
„dem Baron Degenfeld nit zu gestatten, so viel lähre und schädliche 
difßculteten zu machen. " ^) 

lieber kaiserl. Erlass verständigten die ständischen Verordneten 
ddo. Krems 25. August 1683, die Viertels-Commissäre von Ober W. W, 
und Ober M. B. dahin, dass: „Proviant und glattes Futter, denen 
Königl. Pohlnischen, Chiir-Bayrischen und andern Craiss-Völckhern, 
wie auch denen Fränkischen und Ober-Rheinischen vmb leidenliche 
bezahlung zu ertheilen, denen Chur-Sächsischen vnd Chur-Brandenburg 
aber dassjenige, wass von Ihro Mayt. geraicht wirdt, fleissig zu 
notiren vnd darüber gehörige Schein und Quittung zu nehmben ist. "2) 

Schon zur Zeit als der Herzog von Lothringen den Rückzug 
von Raab antrat, hatte er, um die ihm zur Verfügung gestandenen 
kais. Truppen bei Vi/^ien zu concentriren, auch den Grafen Schulz mit 
seinem Corps von der Vi/^aag dahin berufen, welcher am 13. Juli bei 
der damals noch die Donauinseln besetzt haltenden Gavallerie des 
Herzogs eintraf.') Das Aufgeben der Waag hatte alsbald Einbrüche 
der Tökelyschen Banden nach Mähren zur Folge.*) 

») K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 494vers. 

*) Landes- Archiv E. 5, 13. Man rechnete auch damals noch auf einen 
Zuzug von CHnr-Brandenburgischen Truppen. Vergl. diessfalls Onno Klopp 1. c. 
Vn. Kapit.. Seite 263 u. f. 

') Unterm 18. Juli äusserte der Kaiser seine Bedenken über diese Mass- 
regel „weil dadurch die Coniunction mit den PoUackhen verhindert werden 
kann". Aus dem „Veldtläger bei der Wiennerischen Donaubrückhen den 22. July" 
rechtfertigte der Herzog dieselbe, „die allermassen mit dem Fürst Lubomirskj 
abgeredet worden.'* K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 523. Ausgebrochener 
Misshelligkeiten wegen, wurde Lubomirsky schon am 28. Juni vom Schulzischen 
Corps abberufen. (Seite 86.) Derselbe befand sich mit den, „PoUackhen" bei 
der nächst Raab concentrirten kaiserl. Armee, von wo er mit der Infanterie 
und Artillerie, unter Graf Leslie über die Schutt nach Pressburg zog. (S. 91.) 
Er meldete ddo. Angern 21. Juli an den anwesenden Hofkriegsrath seine 
Ankunft bei Lothringen. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 550. Aus dem 
Vorstehenden lassen sich die bei Camesina 1. c. Seite 96, Anmerk. 6, dann 
Seite 106 und 107 vorkommenden Angaben richtig stellen. 

*) Schon unterm 16. Juli 1683 meldete der Commandant der Festung 
Spielberg bei Brunn, Graf Zinzendorf, den Einfall der ungar. Rebellen in Mähren 



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156 

Die obere Stadt und das Stift Klosterneuburg hatten sich 
des ersten Anfalles der Türken tapfer erwehrt. Der Herzog versah den 
Ort mit einer kleinen Besatzung und Hess auch Munition dahin 
schaffen. 

Da Tökely, durch ein erhebliches türkisches Truppencorps ver- 
stärkt, gegen die March heraufzog, unverkennbar in der Absicht, die 
kaiserl. Truppen auch am linken Donauufer aus der Nähe von Wien 
wegzudrängen, gleichzeitig aber auch um über die Pressburger Brücke 
eine Verbindung mit der türkischen Hauptarmee herzustellen, kam ihm 
der Herzog von Lothringen bei Pressburg zuvor, zwang die Stadt ihm 
die Thore zu öffnen, verstärkte die Schlossbesatzung und brachte 
Tökely am 29. Juli durch einen entschlossenen Cavallerie-Angriff eine 
empfindliche Niederlage bei. In der Relation, welche der Herzog an 
den König von Polen erstattete, wurde hervorgehoben: „Toute la Ca- 
vallerie de l'Empereur alloit avec fermete et joye; mais Faction s'est 
passee seule entre les Polonois qui n'ont rien laisse ä faire aux AUe- 
mands. On ne peut assez se louer de la fermete, de la vigueur et de 
la conduite de Monsieur Lubomirski, et des Officiers et soldats du 
Corps qu'il commande.*' ^) 

Obwohl der Versuch der Türken, sich der Brücke bei Stein zu 
bemächtigen oder dieselbe zu zerstören, schon am 22. Juli durch den 
Grafen Dünewald bei Sitzenberg zurückgewiesen wurde, wiederholten 
sich ähnliche feindliche Unternehmungen, so dass Graf Leslie die all- 
mälig bei Krems eintreffenden kaiserl. Truppen bei Mautern ein Lager 



„das Landtvolkh verlanffe sich in die Wälder.*^ K. k. Kriegs -Arch. Prot. Nr. 

366, Fol. 524^«>f8. Ddo. Brunn 21. Juli berichtete der Landeshauptmann Graf 
KoUowrat über einen Einfall auf die Kannitzschen Güter Üng.-Brod und bat 
um die Absendung einiger Regimenter zum Schutze des Landes. K. k. Kriegs- 
Arch. daselbst, Fol. öOS^ers. Unterm 29. Juli erging ein kaiserl. Erlass an 
Saponara: „Solle dem Tökely bedeuten, das Er mit seinen adhaerenten, in den 
Kays. Erblanden das Brennen und sengen unterlassen solle, widrigens man 
auf seinen Gütern auch dergleichen verüben werde. K. k. Kriegs-Arch. Prot. 

367, Fol. 479^era. 

*) Camesina 1. c. Anhang, Seite 200, Beilage LXIII. Onno Klopp 1. c. 
Seite 285. Lubomirsky erstattete über diese Affaire unterm 3. August nach 
Passau Bericht, in welchem er besonders des Obristen Johann Casimir 
T.etwin „valor und Dapferkeit" belobt. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 
öio, Tetwin war Oberst eines Regiments „Pollaken zu Pferd" (Seite 89). Er 
ist unverkennbar derselbe, welcher bei Camesina 1. c. Seite 111 ^Oberst Titt- 
weisB genannt wird. 



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157 

beziehen liess, um die Brücke auch am rechten Donauufer ausreichend 
abzuschKessen. 

Er meldete aus dem „Veldtlager von Mautern 2. August 1683, 
dass „Viel tausend Menschen sich auf TuUn, Traisenmauer, Herzogen- 
burg, Göttweig, Lembach, Schloss Wald und St. Polten retirirt haben. ^) 
Nach dem Eintreffen der ersten „bairischen Völker*' konnte er jedoch 
anzeigen, dass sich die Türken nicht mehr gegen die Brücke vor- 
wagen, fügte auch die Bemerkung bei „der Wiennerwald sei durch 
die Tartam squadronweis durchzumarchiren practikabl gemacht." ^) 

üeber die Meldung des Herzogs von Lothringen, dass der Kriegs- 
rath beschlossen habe, den Entsatz der Stadt Wien über den Wiener 
Wald vorzunehmen, wurden sofort die Anstalten getroffen, um das 
zum Schlagen mehrerer Schiffbrücken erforderliche Materiale herbeizu- 
schaffen. Starhemberg hatte rechtzeitig den tüchtigen Brückenhaupt- 
mann Peter Rulant aus Philippsburg herbeigerufen (Seite 43); mit 
demselben waren der Schiffbrückenmeister Josef Hersei und der 

Brücken-Corporal Georg Karchner angekommen.^) 

* 
Unterm 27. Juli erliess die Hofkammer aus Passau an die Salz- 
ämter zu Gmunden und Krems und an den Vicedom in Linz den 
Befehl, alle Schiffe, wo sie sich finden, zur Schlagung von Schiff- 
brücken „in Verhaft" zu nehmen.^) Schon unterm 13. August konnte 
Rulant die Anzeige erstatten, dass er „zu zwei Standt und zwei 
fliegenden Brückhen die behörigen Requisiten beisammen habe" und 
nur auf die Bezeichnung des Ortes warte, wo er die Brücken zu 
schlagen habe, fügte jedoch die Bemerkung bei, dass ihm taugliche 
Schiffleute abgehen.^) Die ständischen Verordneten erliessen nunmehr 
ddo. Krems 24. Aug. ein Patent an alle an der Donau gelegenen 
Herrschaften, Schiffleute und deren Knechte eilends nach Krems zu 
schicken, damit sie beim Schlagen der Schiffbrücken bei Tul In gegen 
gute Bezahlung mitarbeiten.®) 



») K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 366, Fol. 548. 

. *) Daselbst Nr. 367, Fol. 521. 

8). Daselbst Prot. Nr. 367, Fol. 518. 

*) K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 211, Fol. 353. 

») K. k. Kriegs-Arch. Prot Nr. 366, Fol. ööO^erg. 

«) Landes -Arch. E. 5, 13. Als Orte für die Schiffbrücken kamen auch 
Nussdorf und Klosternenburg in Erwägung. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367. 
Fol. öOlvö" 



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158 

So wie der Herstellung neuer Uebergänge über die Donau, 
wendete die kaiserL Regierung auch dem Zustande der bei Stein be- 
standenen Brücke ihre Sorgfalt zu. Aus Passau ddo. 3. August 1683 
erfolgte an den General Leslie und an den Mauth- und Brücken-In- 
spektor Simon von Wagenheim die Weisung über den Zustand der 
genannten Brücke Bericht zu erstatten. Schon unterm 9. August konnte 
Wagenheim anzeigen, dass er sich mit den Generalen Leslie und 
Dünewald berathen und die Brücke lediglich das Einlegen einiger 
neuen Ensbäume und das Auswechseln von Bruckstreu nothwendig 
mache. Für besonders schwere Geschütze liegen zur Ueberführung 
Schiffe bereit. Die Hofkammer theilte diese Anzeige am 12. August 
dem anwesenden Hofkriegsrath mit. ^) 

Die Vorbereitungen für den Entsatz von Wien förderte der 
Herzog von Lothringen auf das thatkräftigste, auch ist das gute Zu- 
sammenwirken der verschiedenen Behörden und Aemter zunächst seinem 
Einflüsse zuzuschreiben. Nach dem Vertreiben des Tökely und der mit 
ihm vereinigten türkischen Truppen von Pressburg, verlegte der Herzog 
das Hauptquartier nach Angern, um von diesem Orte aus, das Vor- 
brechen Tökelyscher Banden über die March hintanzuhalten. Am 

7. August wurde ein solcher Raubzug kräftigst zurückgeschlagen. Am 

8. August versuchten die Türken die Wiederherstellung der abge- 
brochenen Taborbrücke, welches Unternehmen vom Grafen Schulz ver- 
eitelt wurde. Am 15. August erhielt der Herzog durch Kolschitzky 
Nachrichten aus Wien, welche er alsbald an den Kaiser nach Passau 
abgehen Hess, zugleich auf das dringendste die Beschleunigung des 
Succurses betreibend. Er meldete weiters, dass er sich am 20. August 
von Angern nach Wolkersdorf begeben werde, um zunächst das 
Schlagen von Schiffbrücken bei Tulln zu decken. 2) 

Aus dem „Feldlager bei Corneuburg 25. August 1683" be- 
richtete der Herzog von Lothringen „über die action, so gestern bey 
Pisenberg vnd Stammersdorf zwischen den Kaiserlichen und den 
Pohlen mit dem Erbfeind" stattfand.^) Dieses war der letzte Versuch, 
welchen Tökely, durch die Truppen des Pascha von Grosswardein 
unterstützt, machte, um am linken Donauufer die Vereinigung des 



1) K. k. H. K. A. Fase. 17103. K. k. Kriegs -Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 
553^er8 und Nr. 367, Fol. 489. 

2) K» k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol 556vers. 
8) Daselbst. Fol. 554ver8. 



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159 

Königs von Polen mit den übrigen „Auxiliar-Völkhern*^ zu verhindern. 
Er wurde mit grossem Verlust zurückgeschlagen. Von nun an waren 
es nur noch kleinere Streifzüge, welche die Türken Donau aufwärts 
unternahmen, die von dem hier mit seinem Corps zurückgebliebenen 
Grafen Schulz abgewiesen wurden. 

XIIT. 

Vom 12. August bis 3. September 1683. 

Mit dem Sturmangriff auf das Burg-Ravelin, dessen Spitze 
die Türken Mittags den 12. August durch eine Mine gesprengt hatten, 
eröffneten dieselben die zweite Abtheilung der Belagerungs- 
kämpfe. Nachdem dieses Ravelin die rückwärtige Courtine deckte, 
musste der Feind, ehe er zum Angriff dieser letztem übergehen konnte, 
zuvor dieses Bollwerk eingenommen haben. An dem Besitze des Rave- 
lins lag somit den Türken ebenso viel, wie den Belagerten an der 
Vertheidigung desselben. ^) Der Sturm , den der Feind mit grosser 
Heftigkeit durch zwei Stunden wiederholte, brachte ihm an Todten 
und Verwundeten einen Verlust von mehr als 2500 Mann. -) Die ge- 
sprengte Stelle wurde mit Pallisaden und anderem geeigneten Materiale 
wieder ausgebessert. 

Am 13. August wurde Georg Franz Kolschitzky mit 
Briefen in das Lager der Kaiserlichen abgesendet, welcher dieselben, 
wie Seite 158 erwähnt wurde, zu Angern an den Herzog von Lothringen 
übergab. ^) 

Am 14. August liess Graf Starhemberg den Cavalier auf der 
Löwelbastei theilweise abtragen und die Bastei sohin mit schwerem 
Geschütz und Mörsern armiren. Im Laufe der Nacht wurden auf der 
Burgbastei sowie auf der Löwelbastei Abschnitte gemacht und Palli- 



*) üeber deu Zweck der Ravelins vergl. Eggers 1. c. I. Bd., Seite 562. 

*) Camesina 1. c. Seite 42, sagt zum 11. August, dass das Burgravelin, 
bereits einem Maulwurfhügel ähnlich war. Diese Angabe ist entschieden un- 
richtig. Man hatte ledighch am 9. August die auf dem Ravelin vorhandenen 
Geschütze zurückgezogen, und auf demselben einen Abschnitt hergestellt. 

^) Kolschitzky kehrte am 17. August in die Stadt zurück. Zur Wieder- 
holung seines Unternehmens liess er sich nicht mehr herbei. Wie aus seinen 
Eingaben an den Stadtrath (Camesina 1. c. Anhang, Seite 31, Beilage XVII) 
auch aus dem von ihm selbst veröffentlichten Bericht über seine Sendung 
hervorgeht, war er ein arger Poltron. 



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160 

saden gesetzt, wobei namentlicb die Bürger thätig waren. Da sich 
noch Bauholz ausser der Stadt vor dem Neuthor befand, und dasselbe 
zur Anfertigung von Pallisaden und Andenn benöthigt wurde, suchte 
man es in die Stadt zu bringen, was aber durch den Feind vereitelt 
wurde. 

Den 15. August setzten sich die Türken im Stadtgraben vor der 
Löwelbastei fest und drangen vor dem Burg-Ravelin mit ihren Arbeiten 
bis auf die Berm desselben vor. ^) Sowohl auf den mehrerwähnten 
beiden Basteien, sowie auf der zwischenliegenden Courtine wurde ein 
System von Abschnitten und Verpallisadirungen hergestellt und mit 
Geschützen armirt, somit allmälig alle Vorbereitungen getroffen, um 
die angegriffenen Bollwerke, Stück um Stück erfolgreich vertheidigen 
zu können. ^) 

So wie bei früheren Anlässen, bei denen an die Thätigkeit der 
Bürger und der Frei-Compagnien erhöhte Anforderungen gestellt wer- 
den mussten, Beschwerden vorkamen, so war es auch diesmal der Fall. 
Hocke, 1. c. Seite 122, erzählt: „Der Statt-Rath hat auff beschehenes 
Beklagen Ihro Excellenz des Herrn Commendanten denen Herrn Statt- 
Viertl-Haubtleuthen und der fünff andern Compagnien ein scharpffen 
Vorhalt gethan, und selbigen die zugemuthe Saumigkeit in Stellung 
der Mannschafft abzustellen anbefohlen, die sich aber entschuldigt, 
derentwegen eine neue Bepartition vorgenommen, die per 800 >. Mann 
aussgeworffene Mannschaft ohne Widerred zu stellen, und dass allzeit 
ein Hauptmann oder Leutenandt mit ihnen auf die Wacht und Schantz 
ziehen sollen, anbefohlen worden.** ^) Den fünf Compagnien wurde 
bedeutet, dass die Namen derjenigen, welche sich verstecken, auch 
binnen 24 Stunden sich nicht einfinden und bei der Compagnie ver- 
bleiben, an den Galgen geschlagen werden sollen. Endlich wurde 

Berm ist eine zwischen dem Festungsgraben und dem Fusse des 
Walles hinlaufende, 4 bis 6 Fuss breite, etwas erhöhte Terrasse, auf welcher 
sich der vom angegriffenen Wall abfallende Schutt ablagert, und somit das 
Anfällen des Grabens hintangehalten wird. Eggers, 1. c. I. Bd. Seite 282. 

*) Auf dem Plane über die türkischen Angriffsarbeiten, welcher sich bei 
Suttinger 1. c. vorfindet, sind diese Abschnitte und Verpallisadirungen deutlich 
ersichtlich gemacht. In etwas verkleinertem Massstab hat auch Camesina 1. c. 
Tafel ni, zur Seite 102, diesen Plan mitgetheilt. Auch der bei Välkeren 1. c. 
beigeheftete Plan, so wie dessen Copie bei Camesina 1. c. Tafel IV, zeigt diese 
Abschnitte. 

') Es fallt auf, dass sich sogar die Officiere lässig zeigten. 



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161 

bekannt gemacht: „dass niemands einiges Pulver oder Bley von denen 
Soldaten bey Lebens-Straff kauffen solle. ^) 

Am 15. August hatte Graf Starhemberg in den Oasematten der 
beiden angegriffenen Basteien Brunnen graben lassen, „man hat aber 
aller Orthen gleich Wasser gefunden, und sich dess Untergra- 
bens nicht zu besorgen gehabt".^) 

Von den Glacien und den Contrescarpen war der Schauplatz der 
heftigen Kämpfe nunmehr in den Stadtgraben und vor die drei ange- 
griffenen Bollwerke, namentlich vor das Burg-Ravelin verlegt. Am 16. 
und 17. August gelang es den Belagerten, die Annäherungsarbeiten 
der Türken durch kräftige Ausfalle zu zerstören. Einer am 17., Abends 
7 Uhr, am Burg-Bavelin gesprengten, jedoch wenig wirksamen Mine 
folgte ein Sturmangriff, der bald zurückgewiesen wurde. ^) 

Am 18. August fiel bei einem Ausfall der Obrist üupigny. Am 
Abend sprengte der Feind abermals eine Mine am Burg-Ravelin, dem 
ein heftiger, durch zwei Stunden andauernder Sturmangriff folgte. 

Am 19. August liess Graf Starhemberg neuerdings einen Bericht 
an den Herzog von Lothringen abgehen. ^) Da derselbe über die 
damalige Sachlage den besten Aufschluss gibt, so lasse ich ihn seinem 



') Hocke 1. c. Seite 122. Diese Notiz verdient eine besondere Beachtung. 
Nachdem den Bürgern und den Freicompagnien die Munition ausgefolgt wurde, 
wollte man durch dieses Verbot unverkennbar verhindern, dass Pulver und 
Blei in die Hände unzuverlässiger Leute, die in der Stadt, allen Nachrichten 
nach, in grosser Zahl anwesend waren, falle. 

*) Hocke 1. c. Seite 121. Auch diese Notiz scheint bisher nicht genügend 
beachtet worden zu sein. 

*) Camesina 1. c. Seite 46 erzählt, dass am 16. August noch in der Nacht 
der Feind sich in seiner alten Stellung festgesetzt hatte, und gegen die L ö w e 1- 
bastei vorgerückt war, „wobei der Bäcker-Hauptmann Loth fiel.** 
Da bei Camesina die Quelle nicht angegeben wird, kömmt zu bemerken, dass, 
wie Suttinger 1. c. Seite 33 berichtet, „der Hauptmann über eine Compagnia 
Bürger Adam Loth am 16. Aug. auf der Burk-Pastey durch eine Deschincken- 
Kugel tod geschossen worden." Da am 16. gegen' die Burgbastei ein An- 
griff nicht stattfand, so fiel auch Loth nicht in einem Kampfe, sondern weil 
er sich zwecklos den Kugeln der Feinde exponirt hatte. Zum 16. August wird 
auch der Fall einer Desertion gemeldet, indem zwei Mann , u. zw, einer von 
der Stadtguardie, der zweite vom Beck'schen Regiment zu den Türken über- 
gehen wollten. 

*) Da Kolschitzky die zweite Sendung nicht mehr übernehmen wollte, 
fand sich hiezu dessen Diener, Georg Michaelowitz, der seinen Herrn das erste- 
mal begleitet hatte, bereit. 

11 



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162 

vollen Wortlaute nach, wie sich selber in deutscher Uebersetzung bei 
Onno Klopp, 1. c. Seite 233, findet, folgen: 

„Gnädigster Herr. Ich danke Gott, dass endlich ein Bericht von 
mir zu Ew. Durchlaucht hat gelangen können. Ich hätte seit dem 
22. Juli mehrere gesandt, wenn ich die geeigneten und glücklichen 
Persönlichkeiten hätte finden können. Mehreren ist das Unternehmen 
misslungen. Ich bitte also überzeugt sein zu wollen, dass es nicht 
von uns abhangt, wenn E. D. nicht mehr Berichte erhalten, und dass 
es auch in Zukunft nicht von uns abhangen wird. 

„Um also den Stand unserer Angelegenheit zu zeichnen, melde 
ich zuerst, dass wir bis zur Stunde den Feinden das Terrain, Schritt 
vor Schritt, streitig gemacht, und dass sie, ohne Haare dafür zu 
lassen, auch nicht einen Zollbreit gewonnen haben. Jedesmal, wo sie 
mit dem Degen in der Hand sich irgendwo einzunisten versucht haben, 
sind sie mit solchem Verluste abgetrieben, dass sie nicht wagen, den 
Kopf aus ihren Löchern oder ihren Arbeiten herauszustecken. Mit den 
letzteren haben sie die Contrescarpen an der Angriffsstelle rund um- 
geben, und suchen von dort aus den Graben von allen Seiten zu 
bestreichen. «^'^ 

„Aus meinem letzten Berichte werden E. D. entnommen haben, 
dass die Feinde in den Graben des Bavelins eingedrungen sind, und 
ein Stück von der Mauer des letzteren abgesprengt haben. Darüber 
hinweg sind sie zum Sturme angelaufen, und noch einmal; aber — 
Gott sei es gedankt — vergeblich» Wir haben sie dann wiederholt 
aus der Position zurückgeworfen, die sie am Fusse der Bresche sich 
zu machen suchten; aber in dem Augenblicke, wo die Unsrigen zurück- 
kehrten, waren sie wieder da. Ich habe daher der Vorsicht wegen 
nicht ermangelt, an der Spitze des Ravelins Minen-Brunnen ausgi'aben 
zu lassen, die von dort an den beiden Facen her, längs der Funda- 
mente laufen sollen. Eben so verfahre ich bei den beiden angegriffenen 
Basteien, gegen welche sie noch gar nicht vorgerückt sind, indem sie 
sich immer an den Rand der Contrescarpe halten. Am 14. machten 
\ sie eine Descente in den Graben vor der Löbel-Bastei, und in der- 
\iselben Nacht eine andere. Indem ich aber erkannte, dass ihnen dort 
jnicht beizukommen war, weder mit dem Feuer aus unseren Caponieren, 
/noch selbst mit demjenigen der Kanonen, so habe ich die Kanonen 
[gegen ihre den Graben bestreichenden Hocharbeiten richten, und mit 
dem Degen in der Faust sie hinaus treiben lassen, zum ersten Male 
bei hellem Tage, wo leider die Unseren nicht zahlreich genug waren, 



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163 

ihre Arbeiten zu zerstören, so dass sie nach einer Stunde wieder ^ 
kamen — das zweite Mal aber gegen Abend, wo man ihnen ihre 
Arbeiten zum Theile verdarb — und das dritte Mal während der 
Nacht, wo wir ihnen die Arbeiten völlig vernichtet haben. Da der 
Wind uns günstig war, so haben wir ihnen die Schanzkörbe und fast 
ihre ganze Gallerie verbrannt. Seit dieser Schlappe haben sie von 
jener Seite her nicht wieder einen Versuch gegen das Bavelin gemacht. 
^ „Gestern Abend haben sie eine andere Mine springen lassen 
wollen. Das ist ihnen schlecht geglückt, weil sie nach hinten aus- 
geschlagen ist, und vom Ravelin nur einige Stücke abgerissen hat, 
ohne es weiter zu beschädigen. Ich habe schon mitten im Ravelin 
einen neuen Abschnitt machen lassen, mit einem guten Graben. Auch 
die Burg- und die Löbel-Bastei sind mit doppelten Abschnitten ver- 
sehen. Und ich beginne jetzt hinter diesen beiden Basteien eine neue . 
Verschanzung aufzuwerfen. j 

„Demnach sehen E, D. dass wir nichts vergessen, dass wir nicht 
schlafen, sondern alle möglichen Vorsichtsmassregeln treffen. Um mich | 
des Vertrauens würdig zu beweisen, welches E. D. und vor Allem Se. 
Kays. Mt. auf meine geringen Dienste setzen, muss ich versichern, \,^^ 
dass ich den Platz nie übergeben werde, als mit meinem letzten Bluts- 
tropfen. 

„Im üebrigen haben unsere Leute vor den Türken keine Furcht. 
Diese halten bei nachdrücklichem Angriffe nicht Stand, und — Gott 
sei es gedankt, dreissig bis vierzig von meinen Leuten nehmen es 
immer mit hundert Türken auf und schlagen sie hinaus. Heute hat 
man mir einen gefangenen Janitscharen vorgeführt, welcher aussagt, 
dass sie während der Belagerung bereits ll.UOO Mann verloren, viele 
Officiere, die Paschas von Mesopotamien und Albanien, dass sie Mangel 
leiden an Lebensmitteln und Fourage, welche sie sehr weit her holen 
müssen. Sie erwarten auch einen Wagenzug mit Munition von Buda. 
Wenn es ein Mittel gäbe, diesen Zug abzuschneiden oder mit- der 
Cavallerie ihnen das Fouragieren zu verleiden, so glaube ich, dass 
man sie dadurch zur Desperation bringen könnte. 

„Meine Gesundheit beginnt — Gott sei gedankt — ein wenig 
sich zu bessern. Ich habe seit acht Tagen die Ruhr, lasse mich tragen ^ v 
wohin ich nicht gehen kann, und hoffe, dass das Uebel mich nicht 
nöthigen wird, es an meiner Pflicht fehlen zu lassen. Ich bitte Gott, 
dass E. D. uns bald durch Ihre Gegenwart trösten wollen. 

11* 



\^' 



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164 

„P. S. vom 19. August. — Seit gestern haben die Feinde wieder 
eine Mine springen lassen und sind dann, zu 1000 Mann, zum Sturme 
angelaufen. Wir haben sie mit Kanonen und Musketen wohl empfailgen 
und ungefähr 300 von ihnen niedergelegt, und endlich haben sie sich 
begnügt, sich in der Bärme festzusetzen. Ich habe darauf heute Morgen 
ein Fourneau unter ihnen springen lassen, welches einen guten Theil 
von ihnen begraben, die Andern verjagt hat. Ich erwarte in diesem 
Augenblicke eine ähnliche Begrüssung von ihnen her. Kann ich^ber 
eher fertig sein als sie, so lasse ich ihnen noch eins auf die Gesund- 
heit E. D. springen." ^) 

Der vorstehende Bericht wurde vom Herzog von Lothringen als- 
bald, mit dem dringenden Ansuchen um Beschleunigung des Succurses, 
an den Kaiser eingesendet, worüber zwei gleichlautende Erlässe, u. zw. 
an das Deputirten-Collegium und an den Grafen Starhemberg erfolgten. 
Es wurde gesagt, dass sich der Succurs um einige Tage verzögern 
werde. Vom Kahlenberg aus werde „durch dreimalige Feuer und 
3 Stuckschuss das Zeichen desselben gegeben werden". In dem Erlass 
an Starhemberg wurde das Bedauern über seine Erkrankung aus- 
gesprochen. -) 

Am 19. August musste bezüglich Stellung von 800 Mann durch 
die Bürgerschaft und die Frei-Compagnien „zum wachten und 
schanzen" eine neue Repartition gemacht werden. Anlass zu dieser 
Massnahme war, weil „die Burgerschaft theils durch den Feind, theils 
aber durch die rothe Ruhr ziemlich abgenommen, todi bliben, oder 
krank worden".*"^) Hocke's Angabe: „dass die Burgerschaft durch den 
Feind abgenommen", kann sich nur auf seine zum 14. August gemachte 
Bemerkung beziehen, dass bei den Schanzarbeiten, Abschnitte aus- 
heben und Pallisaden setzen die Bürgerschaft „wegen des Feinds 
Granaten, Dragoner und eingeworffnen Steinern in grosser Gefahr 
arbeithen müssen ; So seynd jedoch daran nicht sonderlich vil gebliben, 
oder beschädiget worden". *) Es ist oben nachgewiesen worden, dass 



*) Der französische Text dieses Schreibens findet sich bei Camesina 1. c. 
Seite 48. Aus diesem Bericht ergiebt sich, dass Graf Starhemberg während der 
ganzen Dauer seiner Erkrankung an der Ruhr, das Commando nicht abgegeben 
hatte, liass somit die Annahme, es habe während dieser Zeit Graf Caplirs das 
Obercommando geführt, irrthümlich ist. 

2) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. 515. 

') Hocke 1. c. Seite 132. Auch hier kömmt zu betonen, das die Mann- 
schaft nur „zum wachten und schanzen" zu stellen war. 

*) Daselbst. Seite 117. 



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während der ersten Belagerungs-Periode die Bürgerschaft bei den ver- 
lustvollen Kämpfen auf den Glacien und Contrescarpen nicht betheiligt 
war. Bei den Kämpfen vom 12. bis 19. August handelte es sich, wie 
dieses aus dem Berichte des Grafen von Starhemberg hervorgeht, ledig- 
lich um das Zurückschlagen von Sturmangriffen auf das Burg- 
Ravelin, und um Ausfälle zum Zerstören der feindlichen Arbeiten 
im Stadtgraben, wobei nur die Besatzungstruppen, nicht 
aber Bürger zur Verwendung kamen. 

Vor dem Burg-Ravelin setzten sich die Kämpfe durch Minen 
und Gegenminen, sowie durch Ausfälle zum Vertreiben der Türken aus 
den Annäherungsgräben, auch am 20., 21. und 22. August fort. Auch 
jetzt noch zeigte sich das Geschützfeuer der Belagerton jenem der 
Angreifer überlegen. Diesen Letzteren war es bisher nicht gelungen, 
gegen eines der angegriffenen Bollwerke ein wirksames, concentrisches 
Feuer eröffnen zu können, oder die Belagerten zum Zurückziehen der 
Geschütze von einer der angegriffenen zwei Basteien, oder von der 
zwischenliegenden Courtine zu zwingen. Die grösste Gefahr für die 
Stadt ergab sich aus einer andern Calamität, es war dieses die stets 
stärker auftretende Ruhr, welche den vom Anfange an nur massigen 
Stand der Besatzungstruppen fort und fort lichtete. Die Festungs- 
werke, durch ihren guten Baustand, sowie die Truppen, durch ihre 
über alles Lob erhabene Ausdauer und Tapferkeit, hatten bisher durch 
40 Tage den kräftigsten Widerstand geleistet; — nunmehr aber zehrten 
Kugeln und Schwert von Aussen, eine verheerende Krankheit im Innern 
der Stadt an den Besatzungstruppen und reducirte dieselben in 
besorgniserregender Weise. Aus dieser Sachlage dürfte sich eine der 
Hauptursachen ergeben haben, warum Graf Starhemberg nunmehr mit 
steigender Wärme auf die Beschleunigung des Entsatzes drang. 

Diö Geistlichen, namentlich jene der zahlreichen Klöster, hatten 
sich gleich im Anfange der Belagerung bei der Einrichtung des Spital- 
wesens als sehr ablehnend gezeigt; sie konnten auch in der Folge nur 
durch strenge Deere te zu einer thätigen Hilfeleistung gebracht werden. 
Viele Geschäftsleute, namentlich die Händler mit Nahrungsmitteln? 
nahmen keinen Anstand, trotz bestandener Preistarife, die allgemeine 
Nothlage für ihren Privatvortheil auszunützen. 

Am 21. August musste gegen den subordinationswidrigen Vor- 
gang der Frei-Compagnien, welche eigenmächtig die ihnen angewie- 
senen Posten verlassen hatten, eingeschritten werden. 



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Je mehr sich die Anstrengungen der Türken steigerten, um sich 
des Burg-Ravelin s zu bemächtigen, um desto energischer wurde die 
Gegenwehr von Seite der Belagerten. Am 23. August setzten sich die 
Feinde nach einem heftigen Kampfe auf der Spitze des Ravelins fest, 
während der durch einen Abschnitt und durch Pallisaden gedeckte 
rückwärtige Theil in den Händen der Besatzungstruppen blieb. ^) Die 
Türken gingen sofort zum Einbau einer Mine über. Dieselben waren 
am nächstfolgenden Tage bereits 7 Fuss über den Abschnitt in das 
Innere des Ravelins eingedrungen, als sie durch Gegenarbeiten, unter 
Leitung des Hauptmanns Hafner, wieder vertrieben wurden. 

Nachdem die Feinde ihre Angriffe nunmehr auch gegen die Burg- 
bastei und Löwelbastei eröffneten, Hess Graf Starhemberg an den, den 
Spitzen dieser Basteien zunächstgelegenen Mauertheilen, u. zw. am 
Fusse derselben, durch Pechkränze, in Pech getauchte Schindeln u. dgl. 
Feuer legen und dasselbe durch Aufwerfen von Holz fortdauernd unter- 
halten. Da die feindlichen Minenarbeiten zunächst gegen die Spitzen 
der Basteien gerichtet waren, so sollten diese Arbeiten durch das Feuer 
verhindert, auch während der Nacht die benachbarten Theile des Stadt- 
grabens thunlichst beleuchtet werden. -) 

um die Annäherungsarbeiten zu zerstören, fanden häufige Aus- 
fälle statt , wobei sich die Truppen jedesmal mit Ruhm bedeckten, 
leider jedoch auch viele Officiere, den Tod fanden oder verwundet 
wurden. Am 25. August wurde am Burg-Ravelin abermals eine feind- 
liche Mine durch Gegjßnarbeiten unschädlich gemacht. Sturmangriffe 
auf dasselbe fanden wiederholt, am 26. August sogar zwei, u. zw. Mor- 
gens und um 9 Uhr Abends, statt. Sie wurden jedesmal abgeschlagen. 
Die Verluste der Türken waren höchst erheblich, indem die Sturm- 



') Camesina 1. c. Seite 52 und 53 sagt: dass diese Theile des Ravelins 
in den Händen der Wiener blieben. Wenn er unter „Wiener" die Be- 
satzungstruppen versteht, dann lässt sich nur die Unklarheit dieser 
Bezeichnung tadeln; falls er aber unter „Wiener" die Bürgerschaft meint, 
so ist diese Angabe vollständig unrichtig. Das Burgravelin war bei dem 
damaligen Stadium der Kämpfe der Knotenpunkt für die Angriffe der Türken 
einerseits und für die Vertheidigung anderseits. Der Stadtcommandant 
konnte diesen Kardinalpunkt wohl seinem bewährtesten Truppentheil, nicht 
aber der Bürgerschaft, und noch viel weniger den Freicompagnien anvertrauen. 
Ich überlasse übrigens die Entscheidung dieser Frage recht gerne den Sach- 
verständigen. 

*) lieber Befehl des Stadtcommandanten sollte vom 24. Aug. beginnend 
bis zum Entsätze der Stadt, das ünterkammeramt täglich 40 bis 50 Klafter 
Brennholz auf die orenannten zwei Basteien stellen. Hocke 1. c. Seite 144. 



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167 

colonnen von den benachbarten Basteien aus mit Kartätschen und 
Kleingewehr heftig beschossen wurden. 

Am 23. August musste das ünterkammeramt über Befehl des 
Stadtcommandanten alle noch nicht verbollwerkten Stadtthore, mit Aus- 
nahme des Stubenthores , mit Steinen und Holz verbauen und die 
Brücken abtragen lassen. ^) An demselben Tage ertheilte Graf Starhem- 
berg die Zustimmung, dass bei den durch die Bürgerschaft zu stel- 
lenden 800 Mann j,die prima plana bey der Schantzung als Kopff 
für Kopff ^ zu rechnen ist. ^) Am 27. August wurde schliesslich auch 
die Stubenthorbrücke abgetragen. ^) 

Welche Zustände in der Stadt bereits platzgegriffen hatten, möge 
aus wenigen Daten entnommen werden. Am 26. August erhielten die 
Prediger den Auftrag, „dass sie nächstkünfftigen Sonntag, von denen 
Cantzlen auss ihre Zuhörer, auch die Gemeinde gantz bewöglich 
und ernstlich dahin anmahnen, sonderlich den verdambten 
Wucher, den sie gegen den armen Soldaten gantz un- 
barmherzig verüben thun, vergessen, und die Lebens-Mittel 
nicht also hoch schätzen sollen".*) Nachdem die Beischaffung der 
erforderlichen Medikamente für die blessirten und kranken Soldaten 
Schwierigkeiten ergab, musste das Apotheker-Gremium durch seinen 
Senior Johann Melchior Zorn aufgefordert werden, alsbald Vorkeh- 
rung zu treffen, und wurde demselben bedeutet: „dass an der 
paaren Bezahlung nicht zu zweifflen; Sondern sich zu ver- 
sichern habe, dass man ihnen auch anticipato etwas von paarem Geld 
vorschissen werde". ^) Die Beischaffung der für die blessirten und 
kranken Soldaten erforderlichen Strohsäcke anbelangend, musste mit 
der Militär- Assistenz gedroht werden.®) Sogar die Abgabe „an weissem 



') Hocke 1. c. Seite 141. Auch diese Massregel verdient wohl erwogen 
zu werden. 

8) Hocke 1. c. Seite 142. 

') Kammeramtsrechnung, Camesina 1. c. Anhang, Seite 10. 

*) Hocke 1. c. Seite 151. Camesina 1. c. Seite 56, ändert diesen Auftrag 
dahin ab, dass er sagt: „den verdammten Wucher, den man sich in der Stadt 
gegen die Armen und gegen die Soldaten erlaube." 

*) Hocke 1. c. Seite 155. Weiche Rechnungen von den um die Bezahlung 
so sehr besorgten Apothekern eingebracht wurden, sind oben bereits einige 
Fälle besprochen worden. 

^) Die Commissäre meldeten, „dass die Stroh -Sack auss denen Bürger- 
lichen Häusern vast alle genommen, in denen Herren Häusern wären keine 
zufinden; Sondern dero Bedienten thäten auff Madratzen liegen." Hocke 1. c. 



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168 

Mehl umb die taxierte Bezahlung für die kranken und geschädigte 
Soldaten" von den dem Stadt-Magistrat gehörigen Rossmühlen machte 
Verhandlungen mit dem Deputirten-Collegium nothwendig, wobei die 
„taxierte Bezahlung* mit einer gewissen Aengstlichkeit betont 
wurde. M 

Dass sich viele Stadtbewohner den Defensions-Arbeiten zu ent- 
schlagen suchten, geht aus den wiederholten Einberufungen der Säu- 
migen hervor. Hocke, 1. c. Seite 159, erzählt zum 28. August: „Von 
Ihro Exe. Herrn Gräften von Capliers, und dem Geheimen Collegio ist 
abermalen ein Befelch durch offnen Ruft publicirt worden, dass alle 
diejenige, so in den von denen zu Beschreibung der frembden Per- 
sonen verordneten Ccfmmissarien eingereichten Verzeichnissen in allen 
4. Viertlen fürgemerckt worden, unter was Commando sie auch seyn, 
bey Leib- und Lebens-Straff würckliche Dienst leisten, die übrige aber 
auff ergehenden RufP veranlaster massen erscheinen, dass im Widrigen 
die Üebertreter zum Fenster hinaus gehenckt werden sollen." 2) 

Dass Zustände, wie sie sich in den geschilderten Erscheinungen 
abspiegeln, nicht auf ein gutes Einvernehmen des Stadtcommandanten 

Seite 145 und 146. Sollten sich etwa die „Madratzen" far die blessirten Soldaten 
nicht eignen? 

^) In der Rechnung über die Kosten der Stadtvertheidigung sind 300 fl. 
angesetzt „für 32 Beckhen, so dass Bachwerkh far die Krankhen vnnd Bles- 
sirten Soldaten versehen." 

*) Einberufungen von Säumigen hatten schon viel früher stattgefunden. 
Es kommen aus der Kammeramts-Rechnung (Camesina 1 c. Anhang 8 n. f.) 
zu erwähnen: Schon im Anfang August „von 13 Lehen-Ross (Mieth-Pferde) 
vmb Publicierung zwayer RuefT, das ieder burger selbsten, auf die Wacht 
ziehen soll." Ferner zum 18. August: „Vor 5 Lehen Ross zur Publicierung 
des Rueffs, dass sich ieder Burger vnd andere zur Defension Deputirte vn- 
aussbleiblich zu rechter zeit bey seinen Fandl einfinden, vnd deren Keiner die 
ihme zustellende Munition zuverckhauffen vnderstehen solle." Weiter: „Vor 
ßjnf lehen Ross vmb publicierung des Rueffs, dass alle vnd iede so wissent- 
lich bishero zur Statt Defension ainige Hand angelegt, bei würklicher Leibs- 
Straff, an den ihnen assignirten Orten erscheinen sollen." Ferner zum 27. 
August: „Vor 7 Lehen Rossen vmb Publicierung des Rueffs, dass ieder Burger 
vnd Student, Niderlags- Verwandter, Hofbedienter, vnd HofTbefreyter , bei sein 
Fändl, It«m iedweter anderer der Statt-Protection genüssender zur Erbfeiiid- 
lichen gegenwehr auff den Neuenmarkh erscheinen, als widerigen fahls ap den 
Vbertrettern die würkliche Excecution vorgenohmen werden solle." Ei^dlich; 
„Ingleichen bezahlte ich von 11 lehen Ross, vnd Publicierung zwayer Rueff, 
dass die bisher ausblieben Vacirent Persohnen also gewiss zur Khriegs-Waffen 
ergreiffung angewissener massen erscheinen, des widrigens fahls bei Visitirung 
der Häuser die Vngehorsamben vor die Fenster gehenkht werden sollen." 



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169 

mit der Stadtbevölkerung hindeuten, ist wohl selbstverständlich. Die 
steigende Schärfe in den verschiedenen Anordnungen spricht diesfalls 
nur zu klar. 

Am 27. August sandte Graf Starhemberg durch den Raizen 
Michaelowitz einen neuen Bericht an den Herzog von Lothringen, auf 
das dringendste zur Beschleunigung des Entsatzes mahnend. ^) Dem- 
selben fügte auch Graf Qgj^lirs ein Schreiben bei, welches ich, da es 
die steigende Gefahr eingehend schildert, dem vollen Wortlaute nach 
hier aufnehme. Es lautet: „Aus Ew. Hochfürstl. Durchl. vom 22. d. M. 
an mich, Grafen von Caplirs, und Grafen von Starhemberg, gnädigst 
erlassenem Schreiben haben wir vernommen, dass der hoch nöthige 
Succurs gegen das Ende dieses Monats um Krems zusammen kommen 
werde, und dass inzwischen E. D. so oft wie möglich Nachricht von 
unserem Zustande verlangen. So berichten wir denn nun unterthänigst, V 
dass der Feind unterdessen mit Graben und Miniren das Ravelin der-| 
gestalt zugerichtet hat, dass, wenn es auch noch so lange dauert, esl 
über einen oder zwei Tage nicht mehr zu behaupten sein wird. Der 
Feind geht nunmehr nachdrücklich vor, uud avancirt stark gegen 
beide, die Burg- und die Löbel-Bastei, indem er nicht allein auf der 
Oontrescarpe viele Kessel und Logements macht, sondern auch die 
Descente in den Graben mit aller Macht betreibt. Man hat ihm zwar 
schon zu zwei Malen durch nachdrückliche Ausfälle den einen ifnd 
den anderen Einschnitt ruinirt, und dadurch, um Zeit zu gewinnen, 
so lange wie möglich von der völligen Bemächtigung des Grabens 
abzuhalten gesucht; allein, wie leicht zu erachten, verlieren wir dabei 
viele Leute, besonders Officiere, so dass allbereits bei manchem Regi- 
mente nur noch zwei Hauptleute sind. Es ist dahin gekommen, dass 
viele, die als Corporale in die Stadt gekommen, nunmehr Lieutnants- 
Dienste thun müssen. Unsere Besatzung mnss täglich schwächer wer- 
den, weil sie ausserhalb der Stadt den Feind wider sich hat, innöHialb 
die Ruhr, an welcher täglich bei sechzig sterben." 

„Darum hat der Herr Stadtoberster, gleich wie wir Alle, dafür 
gehalten, dass es nunmehr hohe Zeit und mit dem Succurs nicht mehr 
zu verweilen sei. Denn, wenn der Feind, wie es augenscheinlich nahe 
liegt, zugleich öut den beiden Bollwerken die Courtine angreifen wird : 
so wird zum genügenden Widerstand an allen Orten zugleich die 

*) Camesina 1. c. Sieite 57, der französische Originaltext; bei Onno Klopp 
1. c. Seite 240 die deutsche üebersetzung. 



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y- 



170 

I Mannschaft, besonders aber die Officiere, schwerlich ausreichen. An 

; Granaten, in denen jetzt unsere beste Gegenwehr bestehen sollte, ist 

jl wenig noch übrig. Mit Bomben wird man kaum auf drei Tage noch 

j auslangen. Die Kanonen sind auch schon meist ruinirt, theils durch 

den Feind, theils weil sie, aus schlechter Materie gegossen, kaum 

fünfzig Schüsse haben ausdauern können. Ausser den früher genannten 

Officieren sind neuerdings verwundet der Herzog von Württemberg, 

der Oberst Souches und ein Oberstlieutnant. Der neue Starhembergische 

Oberstlieutnant ist todt. Viele Unterofficiere sind an der Ruhr und vor 

dem Feinde geblieben, oder verwundet. Mit Einem Worte daher: der 

Zustand der Stadt erfordert, dass der Succurs ohne einigen Zeitverlust 

geschehe und beschleunigt werde." 

„P. S. Nach dem Schlüsse dieses Schreibens hat der Feind an 
dem Ravelin abermals eine Mine springen lassen, so dass, da nunmehr 
die Unsrigen darauf aller Orten enfilirt sind, es' ungewiss ist, ob wir 
es nicht noch diese Nacht verlieren. Im üebrigen, weil alle üeberläufer 
und Gefangenen von gewissen Minen reden, wir aber bei der Recognos- 
cirung der angegriffenen Stellen nichts der Art entdecken, stehen wir 
|in Sorge, ob nicht dergleichen sich an einem Orte befinden, wo wir 
s am wenigsten vermuthen. Dass der Feind einen Haupt-Plan vor- 
[laben muss, ist gewiss ; denn er hat heute dreissig Wagen mit grossen* 
angen Bäumen aus seinem Lager gegen die Stadt herführen lassen.* 

„Enfin, die Gefahr ist grösser, als dem Papier zu vertrauen." 

„P. S. Nach völligem Beschlüsse dieses Schreibens berichtet der 
Herr Stadtobrister, dass der Feind an einer Mine unter der Burgbastei, 
sechs Schuh unter unserer Mine, arbeitet. E. D. sehen also, dass mit 
dem Succurs kein Augenblick zu verlieren ist." ') 

In dem vorstehenden Bericht, welcher am 27. August an den 
Herzog von Lothringen abging, spricht Graf Caplirs die Sorge aus, 
es werde das Burg-Ravelin kaum mehr zwei Tage behauptet werden 
können. Dass sich dieses wichtige Bollwerk, als der vorzüglichste 
Knotenpunkt der damaligen Kämpfe nicht mehr lange werde halten 
lassen, stand allerdings ausser Zweifel, allein der Verlust desselben 
trat um mehrere Tage später ein, als Graf Caplirs besorgte. 



^) Onno Klopp 1. c. Seite 240. Dass Graf Caplirs diesen Bericht , der 
Jediglich militärische Angelegenheiten behandelt, als Präsident des hinter- 
lassenen Hofkriegsrathes, und nicht als Präsident des Deputirten- 
CoUögiums, an den Herzog von Lothringen erstattete , braucht wohl nur er- 
wähnt zu werden. 



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171 

Das wiederholte Minensprengen hatte das Ravelin schon am 
28. August so weit gebracht, dass, wie Välkeren meldet, „dasselbe 
nunmehro schier nit mehr aneinander henckete". Am 29., um 9 Uhr 
Vormittags, flog abermals eine Mine auf, „darmit dem Werk sein Rest 
gegeben, dann es wäre nunmehr allenthalben dermassen umbgewuelt, 
dass weder der Feind zum fechten, weder die unsrige zum verthätigen 
schier Platz mehr darauff hatten, ausser noch eines kleinen Winkels 
in der Mitte, worin die unsrige noch fest hielten hinter einem Ab- 
schnitt, vmb welchen sie ausserhalb desselben vmb vnd vmb biss an 
den Stadtgraben von Türken vmbgeben, und nichts zwischen beyden 
war, als die wenige Palisaden, hinter welchen sie sich dan noch tapffer 
vnd beständig hielten". ^) 

Da die Feinde ihre Angriffe nunmehr auch gegen die neben- 
liegenden Basteien erweiterten, war jeder Tag, über welchen das 
Ravelin noch gehalten wurde, ein wesentlicher Gewinn. Durch Ausfälle 
wurden den Türken ihre Angriffsarbeiten wiederholt zerstört. Erst am 
2. September ertheilte der Stadtcommandant dem Hauptmann Heister- 
mann des Starhemberg'schen Regiments, welcher mit 50 Mann zur 
Ablösung auf das Burg-Ravel in aufzog, die Ermächtigung, im Falle er 
mit Uebermacht angefallen würde, den Posten zu räumen. Heistermann 
wurde in der Nacht vom 2. zum 3. September von den Türken heftig 
angegriffen, allein er vertheidigte sich mit beispielloser Ausdauer, wo- 
bei 20 Mann, darunter der Lieutenant Sommervogel, und ein 
Wachtmeister fielen, bis zur nächsten Ablösung, welche Nachmittags 
4 Uhr durch den Hauptmann Müller stattfand. Dieser wurde bald 
darauf erschossen, daher Graf Starhemberg die Räumung des Postens 
anordnete, welche in der Nacht vom 3. zum 4. September stattfand. 

Die Türken brachten alsbald 2 Geschütze und 2 Mörser auf das 
Ravelin, um nunmehr aus unmittelbarer Nähe die Festungswerke be- 
schiessen zu können. 

Mit dem Aufgeben des Burg-Ravelins von Seite der Stadt- 
besatzung gelangte die zweite Abtheilung der denkwürdigen Verthei- 
digungskämpfe zum Abschlüsse. 

Bei diesen verlustvollen Kämpfen, es mochte sich dabei um die 
Vertheidigung des angegriffenen Ravelins, oder um Ausfalle zur Zer- 
störung der feindlichen Angriffsarbeiten gehandelt haben, standen 
nur die Be^atzungstruppen in Verwendung. Nicht der ge- 

') Välkeren 1. c. vSeite 72. 



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172 

ringste quellensichere Anhaltspunkt liegt vor, um schliessen zu können, 
dass dabei auch die Bürgerschaft oder die Freicompag- 
nien betheiliget waren. Abgesehen, dass die mitgetheilten Be- 
richte der Grafen Starhemberg und Caplirs über die Vorfälle während 
dem Verlaufe der in Rede stehenden Belagerungs-Periode nur von den 
Truppen und ihren grossen Verlusten an Officieren und Mannschaft 
sprechen, kommen auch die Angaben des Stadtschreibers Hocke, der 
durch die Herausgabe seines Diariums vorzüglich die Leistungen 
der Bürgerschaft während der Belagerung hervorheben 
wollte, zu berücksichtigen. 

Wenn es sich um die Einberufung der Bürger und der Frei- 
compagnien handelte, welche dem an sie ergangenen Ruf, — wie 
solches nachgewiesen wurde, — häufig nur mit Widerstreben Folge 
gaben, betont Hocke beinahe jedesmal, dass die Leistung nur in 
»wachten und schanzen" bestand. Während der in Rede stehen- 
den Belagerungs-Periode lässt derselbe nicht ein einziges Mal, weder 
die Bürger noch die Freicompagnien „zum Kampfe*' aufrufen. Der 
schon am 27. Juli vorgesehene Fall, dass beim Eintritt einer grössern 
Sturmgefahr, welche durch das Läuten aller Glocken kundzumachen, 
und sich alle Wehrhaften auf den bestimmten Plätzen zu stellen 
hatten, war bis zum 3. September, an welchem Tage das Burgravelin 
aufgegeben wurde, nicht eingetreten.. 

Hocke berichtet über die täglichen Vorfälle bei den Kämpfen 
um dieses Ravelin sehr eingehend. Er bezeichnet die Regimenter, zu 
denen die betheiligten Truppen gehörten, er nennt die commandirenden 
Oberofficiere und führt die gefallenen oder verwundeten Officiere 
namentlich an, sowie er die gefallene oder blessirte Mannschaft auf- 
zählt. Es lässt sich kein Grund auffinden, der Hocke bestimmt haben 
könnte, über die Namen der gefallenen oder verwundeten Officiere 
oder der gefallenen und blessirten Mannschaft der Bürger- und Frei- 
compagnien gänzlich zu schweigen, falls eine Betheiligung derselben 
an den in Rede stehenden Kämpfen wirklich stattgefunden hätte. ^) 



^) Die Behauptungen, dass sich die Bürger an den blutigen Kämpfen, 
zuerst um die Glacien und die Contrescarpen ,- sodann um das Burg- 
ravelin, betheiligten, sind erst in neuerer Zeit lebhafter hervorgetreten. In 
diese Frage hat die sonst sehr verdienstvolle Arbeit Camesinas viele Unklar- 
heiten gebracht. Hocke verwendet, um die kaiserl. Truppen kurz zu bezeichnen 
sehr häufig den Ausdruck: „Die Unseren"; er wendet ihn auch bei den unter 
Lothringen auf dem Marchfelde stehenden Truppen an. Anstatt „die ün seren" 
setzt Camesina mehrfach „die Wiener." Dieser bedauerliche Vorgang wurde 



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178 

XIV. 

Bei den Entsatztruppen bis zum 12. September 1683. 

Sobald die Absicht des Gross- Wesirs auf Wien nicht mehr be- 
zweifelt werden konnte, wurde, u. z. am 5. Juli 1683 der Graf 
Philipp von Thurn nach Warschau abgeordnet, um den König 
von Polen zur Leistung der vertragsgemässen Hilfe aufzufordern. Am 
17. Juli erging an Zierowsky die Weisung dem König vorzustellen 
dass, nachdem der Gross- Wesir mit 150 Tausend Mann vor Wien 
stehe und der Verlust der Festung zu besorgen sei, er „Kraft foederis 
mit aller möglichsten macht succuriren, den Verlust verhindern, vndt dabey 
sein aigenes interesse beobachten wolle," ^) worüber unterm 22. Juli 



bereits beanständet. Zur Beleuchtung mögen einige Fälle dienen. Hocke 1. c. 
Seite 140, erzählt zum 23. August, dass die Türken sich im Besitze von '/s ^^^ 
Burgravelins gesetzt „die übrigen zwey Theil aber seynd von den Unser n 
hinter den neuen gemachten Abschnitten erhalten, und ritterlich defendirt 
worden'-. Camesina 1. c. Seite 52, sagt ebenfalls zum 23. Angust: „doch konnten 
sie (die Feinde) bloss des dritten Theiles davon Meister werden. Der Ueberrest 
wurde von den Wienern noch bestens durch Granaten und Mlisketenfeuer 
vertheidigt." Die durch einen derart unklaren Ausdruck verursachte Verwirrung 
wird auf der nächstfolgenden Seite 53 noch gesteigert. Zeile 4 von oben lässt 
Camesina Theile des Ravelins „indenHänden der Wiener." Weiter unten 
lässt er „d i e W i e n e r" durch die Nachrichten des Michaelowitz wieder etwas 
auffrischen." Hier kann unter den Wienern offenbar nur die Stadtbevöl- 
kerung verstanden werden, während die „Wiener" auf dem Ravelin kaiserl. 
Truppen sind. Hocke 1. c. Seite 152 schildert einen am 27. August von 200 
Mann (zu den Regimentern Starhemberg und Mannsfeld gehörig) unternommenen* 
Ausfall, wobei von 100 Türken, welche sich in einem Kessel befanden, viele 
erschossen, auch „die Unser n ernennten Kessel mit dess Feinds eignen Grab- 
Zeug zugedeckt, und diejenige, so nicht todt geschossen, lebendiger begraben." 
Camesina 1. c. Seite 56, schildert ebenfalls den am 27. August stattgefandenen 
Ausfall, und sagt über die im Kessel befindlichen 100 Türken, dass viele er- 
schossen, „über denen dieWiener mit des Feindes eigenem Schanzzeuge die 
Grube zuwarfen, wobei gar viele lebendig begraben wurden." Weiter unten 
erzählt ferner Camesina, dass man sich um den Leichnam eines reich gekleideten 
Türken schlug, „bis ihn endlich die Wiener behaupteten." Vergleiche auch 
Välkeren 1. c. Seite 70. Durch derartige bedauerliche Verwechslungen müssen 
viele Leser, für die Camesina als Autorität gilt, die auch gar nicht in der 
Lage sind dessen Angaben prüfen zu können, zu der Ansicht gelangen, dass 
unter den „Wienern" jedesmal die Wiener Bürger zu verstehen sind, während 
im Sinne der von Camesina benützten Quelle, nämlich Hocke, nur kaiserl. 
Truppen verstanden werden können. 

») K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 3G7, Fol. 456. 



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174 

der König an den Herzog von Lothringen das Eintreffen eines Succurses 
anzeigte. 

Obwohl an Sobiesky die vertragsgemässen Subsidien von 200 
Tausend Reichsthaler bereits vollständig ausbezahlt waren, so verzögerte 
sich die Aufstellung und Zusammenziehung der Hilfstruppen dennoch 
sehr erheblich. Der König hatte unter der Voraussetzung, dass Kara 
Mustapha im Jahre 1683 Wien nicht angreifen, sondern zuvor trachten 
werde, die Festungen Raab und Comorn in seine Gewalt zu bringen, 
bereits einen Theil seiner Truppen gegen die Ukraine abgeordnet, um 
dort im Jahre 1683 die an die Türken verlornen polnischen Provinzen 
zurückzuerobern . 

Erst unterm 15. August 1683 meldete der König nach Passau, 
dass seine Truppen voraus commandirt sind, und er am „Liebfrauen- 
tag" aufbrechen werde. ^) Als Commissär während der Anwesenheit 
desselben in den kaiserl. Erbländern, wurde der Präsident der Schlesi- 
schen Kammer Graf Schafgotsch abgeordnet, dem unterm 16. Aug. 
eine Instruction ertheilt wurde, auch blieb der kaiserl. Abgesandte am 
polnischen Hofe, der Resident Freiherr von Zierowsky an der Seite 
des Königs.^) 

Lange schon vor dem Aufbruche desselben nach Wien, hatte 
sich die Königin Maria Kasimira an den Kaiser mit dem Antrage 
gewendet, es möge dem Könige das Obercommando über die vereinten 
kaiserl. und polnischen Truppen überlassen werden, worüber jedoch 
Zierowsky ddo. 11. August angewiesen wurde, zu erwidern: „dass es 
bei dem aufgerichten foedere und Vergleich zu bleiben habe. " ^) 



1) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 521. Der „Liebfrauentag*- war 
das auf den 15. August fallende Fest Maria-Himmelfahrt. 

*) Daselbst, Fol. 507. Camesina I. c. Seite 114. Anmerk. 3, nennt Zirawsky 
den polnischen Secretär, (wessen, des Kaisers oder des Königs?) eine Angabe 
die ganz unrichtig ist. 

8) Daselbst, Fol. 501. Nach dem Vertrage vom 31. März 1688, hatte der 
Kaiser das Obercommando über die vereinigten kaiserl. und poln. Truppen 
zu führen, nur in dem Falle als er nicht selbst bei der Armee anwesend war, 
fiel dasselbe dem Könige zu. Die Königin Maria Kasimira war eine überaus 
eitle und ehrgeizige auch intriguante Dame. Es ist bezeichnend, dass sie diese 
heikle Angelegenheit, welche im Grunde den Antrag in sich schloss, dass der 
Kaiser von der Armee ganz wegbleiben möge, schon zu einer Zeit angeregt 
hatte, wo der König noch lange nicht zu den Truppen abgegangen war. 
üebrigens stand derselbe bedeutend unter dem Einflüsse seiner Gemahlin. 
Ehrgeiz und Eitelkeit hatten dieselbe früher schon mit Ludwig XIV. in Conflic 
gebracht. 



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175 

Unterm 27. August berichtete Graf Schafgotsch aus Olmütz, 
dass der König am 25. spät Abends dort angelangt sei. ') Unterm 
29. August meldete der Graf die Ankunft des Königs in Wi schau, 
und fügte die wichtige Anzeige bei, derselbe habe über Antrag des 
Generalen Grafen Leslie „den succurs über den Wienerwald 
zu führen approbirt.** 2) 

Der Herzog von Lothringen hatte schon aus dem Feldlager bei 
Eipeltau, ddo. 20. Juli, an den Kaiser die Meldung erstattet: „das Er 
mit der Generalität consultirt und für guett befundten den Succurs 
yber Wienner Waldt gehen zu lassen." (Seite 124). Die Einstreuungen, 
welche von Seite des Hofkriegsraths-Präsidenten Markgraf Hermann 
von Baden, nicht nur in dem vorliegenden Falle, sondern wieder- 
holt gegen die Anträge des Herzogs von Lothringen erhoben wurden, 
lassen von Seite des Erstem eine gänzliche Unkenntniss der Terrain- 
und Ortsverhältnisse um Wien; — oder was noch übler, die Absicht 
erkennen, das klare Urtheil des Herzogs von Lothringen über die 
herrschenden, sich mannigfaltig durchkreuzendenden Zustände und 
Schwierigkeiten zu verwirren. Die demselben angedeutete Eventualität, 
sich mit der über die Brücke bei Stein auf das rechte Ufer der Donau 
gegangenen Entsatz-Armee, den Wiener Wald links, das steirische 
Gebirge rechts lassend, auf Wiener-Neustadt zu wenden, um dort zur 
Verstärkung eine ziemliche Anzahl Kroaten an sich zu ziehen, hätte 
unzweifelhaft den Fall von Wien zur Folge gehabt. Der angedeutete 
Marsch nach Wr.-Neustadt würde Wochen in Anspruch genommen 
und die Kräfte der Truppen zwecklos vergeudet haben. 

Um den Kaiser zu beruhigen, ordnete der Herzog den Generalen 
Grafen Johann Palffy nach Passau ab. Den Kriegsraths-Beschluss 
vom 20. Juli, der auch in der dem Kriegssecretär Rostinger ertheilten 
Listruction aufrecht erhalten war (Seite 125), hatte derselbe neuerdings 
zu rechtfertigen. Gleichzeitig wurde der Succurs über Press bürg 
als bedenklich bezeichnet und abgelehnt.*) 

^) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 36G, Fol. 665. Die polnischen Truppen 
scheinen zum Theile von Warschau, zum Theile von Krakau aus, den Marsch 
nach Wien angetreten zu haben. Der König begab sich offenbar zu der von 
Warschau auf der alten Heerstrasse über Petrikau und Czenstochau gegen 
Ratibor heranziehenden Abtheilung. In Ratibor war er am 23. August. Dort 
soll er das Commando an den Fürsten Stanislaus Jablonovsky übergeben haben 
und mit 20 Fähnlein Reiter vorausgeeilt sein. Da er am 25. August spät Abends 
in Olmütz eintraf, kann er in Troppau nur kurze Zeit verweilt haben. 

2) Daselbst, Fol. 558^«". 

») Vergl Onno Klopp, 1. c. Seite 283, auch 299. 



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176 

Für Wien war es ein ausserordentliches Glück, dass der Herzog 
von Lothringen jene Festigkeit besass. um das einmal als richtig Er- 
kannte, nicht durch Einstreuungen durchkreuzen zu lassen. Ein 
weniger unabhängiger und fester Charakter an seiner Stelle, würde 
vielleicht nachgegeben und damit Zeit verloren haben, was für Wien 
unzweifelhaft verhängnisvoll geworden wäre. 

Um den König von Polen über die Gesammtlage zu informiren, 
sandte der Herzog demselben den Grafen Leslie entgegen, der Sobiesky 
zu Wischau traf. Den Succurs über den Wiener -Wald anbelangend, 
stimmte der König dem gestellten Antrage bei, und bestimmte sohin 
die Marschroute für seine Truppen. 

In Brunn traf Sobiesky erst am 29. August ein, er übernachtete 
jedoch in dem eine Meile^üdlich gelegenen Ort Medritz, wo sich das 
Lager seiner Truppen befand. ^) Am 1. September passirte er Dürnholz. 
Seinen Truppen voraus, durcheilte er Niederösterreich und kam am 
3. September zu Stetteldorf an. Graf Breinner hatte „erinnert, dass 
der König von Pohlen durch Schlesien und Mähren tractirt und 
gastirt werde, ob nicht auch durch Oesterreich desgleichen geschehen 
solle?" 2) 

Grosse Schwierigkeiten waren gegenüber dem Churfürsten Johann 
Georg in. von Sachsen zu überwinden, namentlich aus dem Grunde, 
weil die Verhandlungen durch den Churfürsten von Brandenburg in 
einer dem Kaiser abgeneigten Weise durchkreuzt wurden. Mehrere 
Differenzpunkte mussten sogar während des Marsches ausgetragen 
werden.^) Das sächsische Hilfscorps, 11.000 Mann stark, durchaus 
Kerntruppen, langte am 2. , September zu Hörn an. Der Churfürst 
hatte die Absicht am 3. September den Herzog von Lothringen in 
Krems aufzusuchen, erfuhr aber am Wege dahin durch den Generalen 
Leslie, dass sich derselbe nach Stetteldorf zum Könige von Polen ver- 
fügt habe und eilte nun selbst dahin, wo er gerade zurecht kam, um 
sich sofort an den Berathungen über die durchzuführenden Operationen 
betheiligen zu können.^) 

^) d'Elvert Beit. zur Culturgeschichte Mährens etc., im 15. Band der 
Schriften der mähr. Gesellsch. für Landw. u. s. w. Seite 40 u. f. Da der König 
am 25. Aug. in Olmütz und am 29. erst in Brunn ankam, so lässt sich durch- 
aus nicht sagen, dass er den Marsch besonders beschleuniget habe. 

2) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 558. 

^) Vergl. Raumer hist. Taschenb. Jahrg. 1848, Seite 219 u. f. auch Onno 
Klopp, 1. c. Seite 290. 

*) Was Camesina 1. c. Seite 116 über diesen Kriegsrath meldet, ist gänz- 
lich unrichtig. Er lässt den Herzog von Lothringen schon am 30. August den 



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177 

Die im Lager bei Krems zusammengezogenen Truppen gingen 
am 5. und 6. September über die Brücke bei Stein auf das redete 
Donauufer und rückten am 7. nach Tulln ab. Die polnischen Truppen 
hatten die Donau auf den nächst dieser Stadt geschlagenen Schiff- 
brücken schon an den vorhergehenden Tagen überschritten, und ein 
Lager bezogen. Am 8. September fand die Vereinigung der Armee statt. 

Die nächste Frage, welche nunmehr dringend eine Lösung ver- 
langte, betraf das Obercommando über die vereinigten Truppen. Wir 
wissen, dass die Königin Maria Kasimira schon vor mehreren Wochen 
dasselbe für Sobiesky in Anspruch nehmen wollte. Der Vertrag vom 
31. März 1683 setzte allerdings fest, dass, im Falle der Kaiser nicht 
persönlich bei der Armee anwesend ist, der König von Polen das 
Commando über diekaiserl. und polnischenTruppen zu führen 
habe. Auf die Truppen der Kurfürsten von Sachsen und Bayern und 
auf die andern Kreistruppen konnte dieser Vertrag jedoch nicht be- 
zogen werden. Die Kurfürsten konnten sich unter das Obercommando 
des Kaisers stellen, allein es stiess auf Schwierigkeiten sich einem, 
Wahlkönige unterzuordnen. 

Am 7. September erging an den Grafen Schafgptsch ein Erlass 
mit der Meldung, der Kaiser werde am 8. zur Armee abgehen, was 
dem Könige von Polen mitzutheilen ist. „Wegen der Zuesambenkunfl 
zwischen Diro Kays. Myt. vnndt dem König von Pohlen, were ein 
solches temperament zu treffen, damit es in tertio loco beschehen 
möchte." ^) Der Entschluss des Kaisers, sich zur Armee zu verfügen, 



König im Hauptquartier zuHollabrunn aufsuchen und dort die Frage ver- 
handeln, ob der Succurs über Pressburg oder über den Wienerwald unjter- 
nommen werden soll. Diese Angelegenheit war längst entschieden. Welchen 
Sinn hätte es gehabt im Angesicht der höchst gefahrlichen Lage von Wien 
die polnischen Truppen nach HoUabrunn ziehen zu lassen, um von da den 
Marsch nach Pressburg anzutreten? Eben so irrthümlich erzählt Camesina 
Seite 119. Er lässt den Kurfürsten nach dem Kriegsrath zu Stetteldorf einen 
Befehl an Jablonowski wegen schleunigem Nachrücken absenden. Dieser 
Befehl konnte wohl nur von Sobiesky ertheilt werden und nicht vom Kur- 
fürsten. Auch soll dieser über Henner sdorf zu seinen Truppen zurückgekehrt 
sein. Nun gibt es in Nied.-Oesterr. allerdings einHennersdorf, aUein dieses 
liegt in der Nähe von Mödling. Der Kurfürst übernachtete zu Hadersdorf 
am Kamp von wo er am 4. Septemb. das Lager bei Krems besuchte. Auf- 
fallend ist, dass auch Graf Thürheim 1. c. 162. Camesinas Erfindung vom 
Kriegsrath zu HoUabrunn am 30. Aug., an welchem Tage der König noch in 
Mähren war, beinahe wörtlich nachschreibt. 

») K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 533. ,^- 

12 



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178 

wirkte auf Sobiesky im höchsten Grade verstimmend. Schon in Stettel- 
dorf hatte er sich seinen Vertrauten gegenüber geäussert: Wenn der 
Kaiser bei der Armee erscheine, so werde für den König von Polen 
an Ruhm wenig übrig bleiben. ^) 

Auch den Herzog von Lothringen erfüllte die Nachricht von der 
Ankunft des Kaisers mit Sorge. Durch die Berichte Starhembergs und 
des Residenten Kuniz von der auf das höchste gestiegenen Nothlage 
von Wien unterrichtet, suchte er jeden Zeitverlust zu vermeiden; die 
Gegenwart des Kaisers bei der Armee hätte schon des Ceremoniells 
wegen grosse Störungen herbeigeführt. 

Mittlerweile hatte sich eine besondere Vertrauensperson des 
Kaisers, der Kapuziner Marco d'Aviano bei der Armee eingefunden. 
Da sich der König von Polen über die Ankunft des Kaisers derart 
äusserte, dass sein Abzug zu befürchten war, steigerten sich die Be- 
sorgnisse des Herzogs im hohen Grade. Der Kaiser war zu Schiff bis 
Dürrnstein herabgekommen, es gelang jedoch, ihn daselbst, ohne dass 
er den Entschluss zur Armee zu kommen aufgegeben hatte, bis zuni 
12. September aufzuhalten.*'') 

Sobiesky war nun allerdings in das Obercommando der kaiser- 
lichen Truppen eingetreten, allein die beiden Kurfürsten erhoben 
Anstände, ihm die Führung ihrer Truppen zu überlassen. Zunächst 
suchten sie ihre Bedenken durch persönliche Momente zu verdecken, 
dass sie sich als Kurfürsten des Reiches nicht unter das Commando 
eines Wahlkönigs stellen können, allein die eigentlichen Ursachen lagen 
tiefer. Bei den deutschen Truppen befand sich eine Zahl der bewährtesten 
Generäle aus der zweiten Hälfte des XVH. Jahrhunderts, welche in den 
Kämpfen mit den Franzosen eine tüchtige Schule des Krieges mit- 
gemacht hatten. Sobiesky wurde von Allen als ein entschlossener, 
tapferer Truppenführer hochgeschätzt, allein auf dem Felde moderner 
Kriegskunst hatte er noch keine Probe abgelegt, während der Herzog 
von Lothringen in jeder Beziehung das höchste Ansehen genoss. 



*) Somit waren es weniger sachliche Momente, welche den König bei 
dieser Frage leiteten, sondern Eitelkeit und Ehrgeiz. Eitelkeit, Ehrgeiz und 
Eigennutz waren hervorragende Züge in dem Charakterbilde dieses merkwür- 
digen Herrn. Wie weit stand er in dieser Beziehung gegen den Herzog von 
Lothringen zurück. 

*) Vergleiche Onno Klopp 1. c. Seite 295 u. f In dem Schreiben 
Sobiesky's an seine Gemahlin vom 9. Sept. 1683 (Räumer 1. c. Seite 297) finden 
sich einige Aeusserungen des Erstem über diese Angelegenheit 



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179 

Die über alles Lob erhabene Selbstverleugnung dieses Herrn, 
vermittelte auch in dieser Angelegenheit. Durch einen Kriegsrath wurde 
jeder einzelnen Armee^-Abtheilung, die mit Rücksicht auf das Ganze 
zu lösende Aufgabe zugewiesen, und zugleich den beiden Kurfürsten 
sowie ^ dem Könige von Polen das specielle Commando über ihre 
Truppen übertragen, wobei der Kurfürst von Sachsen die besondere 
Bedingung stellte, dass Weisungen an ihn in der Form von Anträgen 
zu erlassen sind. Nunmehr wurde das Obercommando über die ver- 
einigte Entsatzarmee, welches unverkennbar nur noch eine formale 
Bedeutung hatte, als in den Händen des Königs von Polen liegend, 
anerkannt. 

Aus dem Lager bei TuUn traten die Truppen den Vormarsch 
gegen Wien am 9. September an. Sie benützten der Hauptsache nach 
zwei Wege, u. z. gingen deutsche Truppen, darunter die Sachsen so 
wie der grösste Theil der Geschütze, längs der Donau über Höflein 
nach Klosterneuburg und Weidling. Die Polen und die ihnen 
beigegebenen deutschen Truppen zogen durch das Hagenthal über 
Kierling ebenfalls dahin. ^) 



^) Vergleiche Raumer 1. c. Seite 270. Wenn Camesina, 1. c. auf der Karte 
zur Seite 120, Abtheilungen über Königstetten und den Scheiblingstein, 
ja sogar über Mariabrann nach Hütteldorf ziehen lässt, so kann solches 
nur als dessen Ansicht gelten, welcher jedoch die quellensichere Begründung 
fehlt. Gegen diese Ansicht bestehen wesentliche Bedenken. Bei der unmittel- 
baren Nähe des Feindes, und dem Umstände dass man selbst bei der Haupt- 
Armee fort und fort Angriffe durch die Tartaren besorgte, lässt sich kaum an- 
nehmen, dass Truppen-Abtheilungen auf so entfernte und schwierige Linien, 
wo damals genügende Wegverbindungen fehlten, gewiesen wurden. Dass es 
der Feind gänzlich unterlassen werde, den Entsatztruppen den üebergang über 
den Wienerwald, sei es nur durch die Anlage von Verhauen, zu erschweren, 
konnte nicht vorausgesetzt werden. Was hätte eine kleine Abtheilung, von der 
Haupt-Armee mehrere Wegstunden entfernt, beginnen sollen, falls sie auf ein 
Hindernis stiess? In der unmittelbaren Nähe des Feindes erscheint das Zu- 
sammenhalten der eigenen Truppen, nicht aber das Zersplittern in kleine Ab- 
theilungen geboten. Aus dem Tagebuche des sächsischen Stallmeisters Böse 
(Raumer L c. Seite 266) ist zu entnehmen, dass „wohin der Weg über den 
Wienerwald zu nehmen sei, unterschiedliche Schützen und herum bekannte 
Bauern examinirt wurden." In einer Eingabe an die Hofkammer gibt der 
Förster des Anzbacher Amtes, Christian Pözlperger an, dass er mit der 
Beaufsichtigung des Schanzbaues bei Purkersdorf betraut war, als die Arbeiter 
ganz unvermuthet von Türken überfallen wurden. Sein Weib und sechs Kinder 
kamen um; ihm gelang es sich zu flüchten und sich in den Wäldern unter 
Hunger zu erhalten bis sich die Truppen bei TuUn zusammen zogen „vnd 

12» 



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180 

Am 11. September 1683, an einem Samstage, stiegen jene Ab- 
theilungen der Entsatztruppen, deren Aufgabe es war, über den Kahlen- 
bergrücken gegen das türkische Lager vorzubrechen, in ihre Auf- 
stellungen empor, ohne dabei auf andere als durch das Terrain ge- 
botene Schwierigkeiten zu stossen. 

Endlich verkündeten vom Leopoldsberge aus, die schon in der 
Antwort auf den Bericht vom 19. August verheissenen drei Kanonen- 
schüsse der schwerbedrängten, gleichsam in den letzten Zügen liegenden 
Stadt, dass der Tag der Erlösung herangekommen. Auf den Ruinen 
des Kahlenbergschlosses wurde die kaiserliche Fahne entfaltet. 

Es war dieses ein welthistorischer Moment. Di6 Fahne verkündete, 
dass die Zeit der üebermacht des Halbmondes in Europa abgelaufen. 
Von hier aus führte der kaiserliche Doppeladler die Truppen welche 
sich um ihn geschaart, zu einer Reihe glänzender Siege, deren Er- 
gebnis die Rettung des Kulturstandes und der Freiheit Europas, zu- 
nächst aber Deutscjjlands, von dem, Beiden drohenden Untergange war. 

XV. 

Vom 4. September bis zum Entsatztage. 

Die Belagerung von Wien hatte nun schon 50 Tage gedauert. 
Trotz der grössten Anstrengungen, welche die Türken machten, war 
es ihnen bisher nur gelungen, sich der Contrescarpen vor dem 
angegriffenen Festungs-Segment und des Burgravelins 
zu bemächtigen. Wenn Graf Starhemberg in seinem Bericht an den 
Herzog von Lothringen vom 19. August sagen konnte: „dass den 
Feinden das Terrain Schritt vor Schritt streitig gemacht, und dass 
sie, ohne Haare dafür zu lassen, auch nicht einen Zollbreit gewonnen 
haben," so war er umsomehr berechtiget, dasselbe von der helden- 
müthigen Vertheidigung des Burgravelins, dieses Thermopylä Wiens 
und der habsburgischen Monarchie auszusprechen. Nachdem das ge- 
nannte wichtige Bollwerk in ihre Hände gefallen war, konnten die 
Türken ihre Angriifsmittel nunmehr mit verdoppelter Kraft gegen die 



dass Ich Entlichen Ihre Königl. Mayt. auss Fohlen vnd dero ganzen Armee 
mit Gnädigisten dero contento den rechten Weeg durch den Wiener Waldt, 
mühesamb gewissen, mir auch desshalben einige Recompens AUergnädigist 
versprochen worden.'* Da er jedoch nichts erhalten, so bat er um eine Gnaden- 
gabe. Unterm 6. Dec. 1683 wurde ihm ein „Rekompens" von 12 Reichsthaler 
angewiesen. K. k. H. K. A. Fase. 17104. 



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i8i 

nebenliegenden Basteien und die Courtine richten. Aber 
auch der Stadtcommandaht Hess keinen Augenblick vorübergehen, um 
Gegenvorkehrungen zu treffen. Er liess hinter den nunmehr unmittelbar 
angegriffenen Festungswerken neue Verschanzungen anlegen, die rück- 
wärtigen Strassen wurden mit Ketten abgesperrt, mit auf Rollen be- 
weglichen Pallisadenwänden, spanischen Reittern, ja selbst durch aus- 
gebrochene Fenstergitter u. dgl. verbarrikadirt. Die Kämpfe, wie sie 
bisher um das Burgravelin stattfanden, sollten mit gleicher Stand- 
haftigkeit auch auf den Basteien und der Courtine fortgesetzt werden. 
Alles deutete darauf hin, dass Graf Starhemberg und mit ihm die 
Truppencommandanten an seiner Seite, das dem Herzog von Lothringen 
und dem Kaiser gemachte Versprechen, „dass er den Platz nie über- 
geben werde, als mit seinejn letzten Blutstropfen" zur Wahrheit zu 
machen gedenke. 

Ehe ich die letzten acht Tage, die Tage der Krisis dieser welt- 
historischen Kämpfe bespreche, ist es nothwendig, zuvor die Auf- 
merksamkeit auf die* im Lager der Türken mittlerweile eingetretenen 
Zustände zu richten. 

Beim Kriegsrath, welchen Kara Mustapha im Lager vor Raab 
abhielt, hatte sich eine Zahl der Paschen, unter ihnen der achtzig- 
jährige Ibrahim Pascha von Ofen gegen den sofortigen Zug 
nach Wien ausgesprochen, und die Belagerung von Raab beantragt.^) 
Kara Mustapha entschied für die Belagerung von Wien. Die Differenz 
in den Anschauungen der türkischen Truppenführer über die Zweck- 
mässigkeit dieses Unternehmens, trat später im Lager vor Wien u. z. 
um so mehr hervor, als die Belagerung mit geringen Erfolgen, un- 
geheuere Opfer an Menschen und Kriegsmaterialien verschlang. 

Kara Mustapha gebrach es an der erforderlichen Bildung und 
an der militärischen Einsicht, um den vollen Umfang und die ganze 
Tragweite des von ihm geplanten Unternehmens beurtheilen zu können. 
Er war ein von masslosem Ehrgeize geleiteter Emporkömmling, ein 
Werkzeug in der Hand Ludwigs XIV. Falsche Nachrichten über den 
Vertheidigungsstand von Wien, welcher ihm als ganz ungenügend und 
vernachlässiget geschildert worden war, hatten ihn irre geführt, was 
er aber völlig unge würdiget liess, war die seinen Schaaren weit über- 
legene Kriegstüchtigkeit der kaiserlichen Truppen. 

') Onno Klopp 1. c. Seite 199. 



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182 

Wie der im türkischen Lager gefangen gehaltene Resident Kuniz 
meldete, nahm dort die Unzufriedenheit in dem Masse zu, als sich 
die Belagerung in die Länge zog, namentlich aber nach der Abreise 
des vom Sultan zur Einholung von Nachrichten in das Lager abge- 
ordneten Mohren Ali Aga. Schon am 17. August berichtete Kuniz, 
„der gemeine Mann dörffte von selbsten wider den Gross- Vezir eine 
Meuterey anspinnen." Die stets abgeschlagenen Stürme und die Aus- 
falle der Belagerten, hatten bereits ausserordentliche Verluste bei den 
besten Truppen zur Folge gehabt. Bezüglich der durch die Janitscharen 
drohenden Schwierigkeiten, meldete Kuniz: „Derselben Obligation ist, 
dass sie 40, dann zu Lieb des Sultans, Gross- Veziers und Janitscharen 
Aga, drey, zusammen 43 Tage in denen Approchen bleiben müssen. 
Nun ist bereits so viel Zeit verstrichen, dahero Sie Janitscharen 
schon zum andern mahl sich verlautten lassen, die Approchen zu 
quittiren/ so dass sie ihr Feldprediger zum Verbleiben ermahnen 
musste. Nach einem am 25. August abgeschlagenen Sturm, „war der 
Gross-Vezier über die Massen bestürzt, welches zu vertuschen, Hesse 
Er publiciren, dass Diro Kays. Mat. die Welt gesegnet hätten." Zum 
31. August meldete Kuniz, „Anheut haben die Misirli, so unter des 
Bassa von Alepo Commando sind, die Approchen wider willen des 
Gross- Veziers quittirt." 

Zu den Differenzen des Gross-Wesirs mit einzelnen Truppen- 
führern ^) und der Unzufriedenheit unter den Truppen selbst, gesellte 
sich Proviantmangel. Das sinnlose Sengen und Brennen der der türki- 
schen Armee vorausstürmenden Tartaren, hatten das Land zu einer 
weiten Wüste gemacht. Grosse Mengen an Getreide und Pferdefutter 
gingen anstatt für die Verpflegung der Armee zu dienen im Feuer 
zu Grunde. Der Bedarf musste aus immer grösseren Entfernungen 
requirirt oder aus Ungarn nachgeführt werden. 

Die ausserordentlichen Verluste, welche die Belagerungskämpfe 
sowie im Lager herrschende Krankheiten verursacht, hatten den Stand, 
der eigentlichen Combattanten in der türkischen Armee erheblich 
reducirt. Der kaiserliche Internuntius Graf Albert Caprara, ein erfahrener 
General, schlug die militärische Bedeutung der um Adrianopel sich 



^) Dass solche Differenzen bestanden haben, wird durch eine Meldung, welche 
Zierowsky ddo. Comom 5. October 1683 an den Hofkriegsrath erstattete, 
bestättiget. In diesem Bericht wird unter anderm auch angezeigt, „dass der 
Gross-Vezier, den Vezier von Ofen und vier Bässen habe stranguliren lassen/ 
K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. ÖSS^«". 



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183 

zusammenziehenden türkischen Truppen schon damals nicht hoch an.*) 
In einem am 12. December 1682 in Wien eingelangten Bericht sagt 
er: „Die Anzahl der Combattanten wird 60.000 nicht übersteigen; 
aber das begleitende Gesindel wird nicht zu zählen sein. Namentlich 
wird man sich der Tartaren zu verheerenden Streifereien bedienen.^) 
Auch der Resident Kuniz berichtete aus dem Lager bei der Raab, den 
3. Juli 1683 an den Herzog von Lothringen, „massen bey dieser 
grossen anzahl Leuth mehr als 2 drittel lauter canaglien vnd also nur 
ein drittel Soldaten zum fechten seindt. ^) Camesina 1. c. Seite 65, 
sagt zum 7. September „Kara Mustapha hält Musterung über sein 
mehr als 160 Tausend Mann starkes Heer." Diese Ziffern- Angabe 
stützt sich unverkennbar auf die bei Välkeren 1. c. Seite 80, vor- 
kommende „Musterungs-Lista," welche, wenn auch nicht ganz voll- 
ständig und ohne Angabe der Quelle, bei Camesina 1. c, Seite 100, 
abgedruckt ist. 

Seit dem Auszuge aus Adrianopel war das türkische Heer aller- 
dings noch durch verschiedene Zuzüge verstärkt worden, allein die 
160 oder 168 Tausend Mann, welche Camesina angiebt, sind schon 
nach den Anmerkungen, welche die „Musterungs-Lista" enthält, sehr 
erheblich zu reduciren. Für keinen Fall lässt sich die ganze Zahl, ob 
160 oder 168 Tausend, als Combattanten zählen, Kuniz be- 
zeichnet „?/3 der Leuth als canaglien." Auch Graf Starhemberg sagt 
in seinem Bericht vom 27. August an den Herzog von Lothringen, 
dass die Türken nicht 60.000 Combattanten zählen.^) 

Die Verluste der Türken seit dem Beginne der Belagerung bis 
zum 7. September, sollen durch die Musterung mit 48.344 Mann 
constatirt worden sein, in welcher Ziffer die in den Kämpfen vor 
Wien, durch Krankheiten und endlich bei Streifzügen erlittenen Ab- 
gänge eingerechnet sein dürften.'^) 

Indem wir in die belagerte Stadt zurückkehren, haben wir zu- 
nächst einige Momente zu erwägen, welche besonders geeignet sind, 
das Gesammtbild der hier in den letzten Tagen der Belagerung ob- 
waltenden Zustände zu ergänzen. 



1) Onno Klopp 1. c. Seite 129. 

2) Daselbst. Seite 139. 

8) K. k. Kriegs-Arch. Berichte des Kuniz. 

*) Camesina 1. c. Seite 57. Onno Klopp 1. c. Seite 240. 

*) Välkeren 1. c. Seite 84. 



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184 

Am 31. August liess das Deputirten-CoUegium den Stadtrath „zu 
Bezahlung der Soldatesca um eine Anticipation per 60000 fl." aufFor- 
dem. Sowohl schriftlich — als mündlich durch Abgeordnete — liess 
der Stadtrath dem Grafen Caplirs die Unmöglichkeit der Erfüllung 
dieses Begehrens vorstellen, „welche Entschuldigung auch angenommen 
und weiter nichts begehrt wurde".') Nachdem das Deputirten-Collegium 
über ausreichende Geldmittel^ verfugte (Seite 111), so dürfte die an 
den Stadtrath gerichtete Aufforderung zur Abstattung des Betrages 
von 60.000 fl. wohl in einer andern Absicht geschehen sein, als ein 
Darlehen zu erhalten. Wir wissen, dass in Folge der „ Steuer-Retension " 
die Stadt Wien mit einem mehrjährigen Steuerbeitrag im Rückstande 
war, von welchem auf das Einzeljahr circa 60.000 fl. entfielen. Das, 
was Hocke eine „Anticipation" nennt, dürfte in Wahrheit die Ein- 
mahnung eines einjährigen Steuerbeitrages gewesen sein. 

Am 30. August erliess der Landmarschall Graf von Mollard an 
den Landschafts-Secretär Nicolaus Brockhoff den Auftrag: „demnach 
bei fortan continuirenter Belagerung hiesiger Statt, vnd zwahr vmb 
sovill mehrers, weillen in das Landthauss villfaltige Feur Kuglen ein- 
fahlen, dardurch grosse Brunst, auch sonst andere gefahren zu be- 
sorgen, die nothwendigkheit erfordert, dass besagtes Landthauss, gleich- 
wie andere Loca publica, damit die in Ambtern und Registratur sich 
befindente instrumenta, Archiven u. s. w. auf eraigneten fahl der gefahr 
salvirt werden mögen, mit tag- und nächtlichen Wachten versehen 
werden solle". Nachdem der Landmarschall zum Secretär das Vertrauen 
hat, wird derselbe beauftragt, alle Officiere (Beamte) und ^Bediente vor- 
zuladen, ihnen Vortrag zu machen, dass sie, mit Ober- und Unter- 
gewehr versehen, die Wache im Landhaus bei Tag und Nacht in ent- 
sprechender Anzahl versehen. Die Waffen sind aus der ständischen 
Rüstkammer auszufolgen, auch sind Pechpfannen und Lichter beizu- 
schaffen.^) Dass es sich in dem vorliegenden Fall nicht blos um das 
Löschen eines zu besorgenden Brandes, sondern „auch um sonst andere 
Gefahren" handelte, geht wohl aus dem Auftrag hervor, dass die 
Beamten und Bedienten, mit Ober- und Untergewehr ausgerüstet, im 
Landhause als Wache anwesend zu sein haben. Feuersgefahr bestand 
auch vor dem 30. August. Hätte es sich blos um das Löschen eines 
Brandes gehandelt, dann wäre es wohl zweckmässiger gewesen, den 
Beamten und Bedienten das Bereithalten von Löschrequisiten aufzu- 



») Hocke 1. c. Seite 165. 
*) Landes- Arch. E. 2, 8. 



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185 

tragen. Augenscheinlich traten allmälig andere Gefabren hervor, diese 
ergaben sich von dem vielen „herrenlosen, müssigen und vagirenden 
Gesindel", welches trotz der schärfsten Massregeln nicht aus seinen 
Schlupfwinkeln hervorzuholen war. 

Obwohl erst am 28. August, unter Androhung von Strafen, wie 
das „Hinaushencken zum Fenster**, zur Dienstleistung bei den 
Defensions- Arbeiten aufgefordert wurde, musste schon am 31. August, 
über Auftrag des Stadtcommandanten, „denen Herren Statt-Haub- 
leu t he n abermalen der Vorhalt beschehen, dass sie die veranlasste 
Mannschaft, ohne weitere Entschuldigung, u. z. dergestalt, dass täg- 
lich 4 Compagnien sambt dem Fändl aufziehen** zu stellen haben,') 
Den 3. September Hess Graf Starhemberg an den Stadtrath den Befehl 
ergehen, „derer Officir anzumahnen, dass sie ihre Leuth im Schanzen 
zur Arbeit besser anhalten sollen**.^) Auch musste an demselben Tage 
durch einen öffentlichen Ruf den neu eingeschriebenen Leuten befohlen 
werden, dass sie sich am Neuen Markt *bey sonstiger Lebens-Straff** 
zu stellen haben.^) 

Die Raketen, welche in der ersten Zeit der Belagerung als 
Zeichen der in der Stadt eingetroffenen Boten benützt wurden, kamen 
nunmehr, vom Stephansthurme aus, in grosser Zahl als Nothsignale 
zur Verwendung.*) 

Als der baldige Fall des Burg-Ravelins nicht mehr zweifel- 
haft war, wodurch die Türken für den Angriff der nebenliegenden 
Basteien und der Courtine erst völlig freie Hand erhielten, eröffneten 
sie in energischer Weise gegen die genannten Bollwerke ihre Angriffs- 
arbeiten. Wie hervorgehoben wurde, suchte Graf Starhemberg den 

Hocke 1. c. Seite 165. 

*) und 8) Daselbst. Seite 173 

*) Die Anfertigung derselben fand unter der Leitung des sehr thätigen 
ünterjägermeisters Freiherrn von Kielmanseck durch den Oberfeuerwerksmeister 
Franz Köchly statt. „600 dreipfundige Raggeten vor die kays. Losung auf dem 
Stephansthurm" verursachten einen Aufwand von 2121 fl. 37 kr. K. k. H. K. 
A. Fase. 13867. Kielmanseck hatte auch die Einrichtung einer Pulvermühle 
übernommen. Välkeren 1. c. Seite 73. Dieselbe wurde nächst der Wasserkunst- 
Bastei hergestellt, und besorgte den Betrieb der Hofzeughaus -Pulvermacher 
Johann Enzinger. K. k. H. K. A. Fase. 13685. Kielmanseck hatte seine Amts- 
wohnung im Auhofe nächst Hütteldorf, wo damals eine kaiserl. Pulvermühle 
vorkam. Der einstige Standort derselben heisst heute noch „im Pulverstampf* 
Da Kielmanseck am 30. August an der Ruhr erkrankte, so übertrug er seine 
verschiedenen Geschäfte an den Oberstlieutenant ülrjci von Schwarzenau. Väl- 
keren 1. c. Seite 73. 



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186 \ 

Feinden das Annähern an die Spitzen der beiden Basteien, als deren 
schwächste Punkte^ durch fortwährende, am Fusse derselben erhaltene 
Feuer zu erschweren (Seite 166).^) 

Da 6in unterirdisches Eingraben der Minen durch das bald ein- 
dringende Wasser unausführbar war (Seite 161), mussten die Türken 
Galerien anlegen, um sich den beiden Basteien und der Courtine nähern 
zu können.^) Mittags den 29. August sprengten sie an der Contre- 
scarpe vor der rechten Face der Burgbastei eine Mine zu dem Ende, 
um den Ausgang in den Graben zu erweitern und Erde in den letz- 
teren zu werfen, welche alsbald zum Galeriebau verwendet wurde. ^) 

Um die Arbeiten der Türken gegen die Burgbastei zu zerstören, 
ordnete Graf Starhemberg einen Ausfall an, wekher Mittags den 
J. September durch 600 Mann — den Regimentern Scherffenberg und 
Heister entnommen — stattfand.'^) In der Nacht zum 2. September 
hatte der Feind seine Galerien über die Contremine und den Stadt- 
graben zur Face der Löw'elbastei vorgebaut, trotzdem man ihn 
durch das Hinabwerfen von Feuer, Steinen und schweren Bomben, 
sogenannte Mordschläge, zu vertreiben suchte.*) Am 2. September ent- 
zündeten die Türken an der Burgbastei „am Fuss deroselben zur 
rechten Hand von der Stadt beyseits der spitzen, alwo dass con- 
tinuirliche Feuer braute" eine Mine, wodurch sie einige Quader- 
stücke aus der Mauer heraussprengten und sich somit einen Platz 
eröffneten, „um ihre Minen \<reiter einzuschneiden**^. Ein Ausfall, welcher 
unternommen wurde, um die Feinde zu vertreiben und ihre Arbeiten 
zu zerstören, liess nur geringe Resultate erzielen.*) 



1) Välkeren 1. c. Seite 65. 

*) Vergl. Eggers 1. c. I. Bd. Seite 974. Solche Galerien sind enge Gänge 
aus Holzwerk, welche oben mit starken Bohlen überlegt, und in dem Masse 
sie von der Contrescarpe gegen die Basteimauern fortgesetzt, auch mit Erde 
überdeckt wurden. An den Seiten wurden die Galerien durch Pallisaden gesichert. 

') Die Angabe bei Camesina 1. c. dass die Türken am 29. August um 
12 ühr die rechte Face der Burgbastion sprengten, ist ganz unrichtig. 
Sie wird durch Hocke 1. c. Seite 159 und 160, und Suttinger 1. c. Seite 39, 
widerlegt. Beide sagen, dass der Feind mit dieser Mine „nicht anders tentirt, 
als seine Arbeit im Graben fortgesetzt und erweitert" habe. 

*) Camesina 1. c. Seite 60, Hocke 1. c. Seite 166. Välkeren 1. c. S. 74. 
Bemerkt wird, dass bei diesem Ausfall nurTruppen in Verwendungwaren. 

ß) Hocke 1. c. Seite 166. 

*) Välkeren 1. c. Seite 75. Hocke 1. c. Seite 169. Das Heraussprengen 
einiger Steine hatte somit zum Zwecke einen Angriffspunkt für die Minen- 
arbeiten in dass Innere des Basteikörpers zu eröffnen. 



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187 

Am 3. September fanden, wie bekannt, die letzten Kämpfe um 
das Burg-Ravelin statt, während dem die Türken ihre Minen in der 
Burgbastei einarbeiteten und dieselben am 4. Nachmittags, nach 2 Uhr, 
sprengten. Unter dem Erbeben der ganzen Stadt wurde an der rechten 
Face die ßasteimauer in einer Breite von fünf Klafter eingeworfen. 
„Auf welche ruin die Türken alsobald mit einer solchen Furi vnd mit 
so abscheulichem Geschrey anliefen und stürmten, dass es in der 
ganzen Statt einen Tumult verursachte : Aber die Tapferkeit der f f i- 
ciern vnd der gemeinen Soldaten, so damals auff dem posto 
wahren, hat die Stürmer heldenmüthig abgetrieben, die Löcher mit 
Vässern und Sandsäcken eylends vermacht, und mit Pallisaden ver- 
baut".^) Die Türken führten zu diesem Sturmangriff 3 bis 4 Tausend 
Mann herbei, welcher nach einem anderthalb Stunden anhaltenden 
Kampfe zurückgeschlagen wurde. ^) Am 5. September, Abends 6 Uhr, 
wiederholten die Feinde, ohne zuvor eine neue Mine auffliegen zu 
lassen, den Angriff auf den gesprengten Basteitheil, um sich auf der 
Höhe desselben festzusetzen, welcher' Angriff abermals abgeschlagen 
wurde.^) 

Mit dem Sturme am 4. September war die dritte Abtheilung der 
Angriffs- beziehungsweise Vertheidigungskämpfe unserer Stadt eröffnet. 
Die Ereignisse drängten allmälig zu einer Katastrophe. 

Am 6. September, Mittags 1 Uhr, sprengten die Türken die 
erste Mine an der Löwelbastei mit einer Bresche von sechs 
Klafter, worauf alsbald ein heftiger Sturmangriff folgte, der abermals 
abgeschlagen wurde. ,Der Türeken seynd bey disem Sturm über 



*) Välkeren 1. c. Seite 76. Auf dem Suttingerschen Plane über die tür- 
kischen Belageningsarbeiten, so auch auf der verkleinerten Copie desselben, 
welche bei Camesina auf Tafel III zur Seite 102 vorkömmt, sehen wir, dass 
an der Burgbastei nicht die Spitze gesprengt wurde. Das am Fusse derselben 
erhaltene Feuer hatte somit seine gute Wirkung gethan, denn durch das 
Sprengen der Spitze, als dem schwächsten Theile der Bastei, würde die Mine 
die losgerissenen Steine und den Schutt auseinander geworfen und eine viel 
leichter zugängliche Bresche hergestellt haben, als an der Basteiwand selbst. 

*) Hocke 1. c. Seite 175. Er sagt: „Bey disem Gefecht seynd unserer 
Seiten 1 Leutenandt gegen 100 Gemeine gebliben, 3 Haubtleuth, 2 Leutenandt, 
neben vil Gemeinen blessirt worden." Von einer Betheiligung der Bürger 
oder der Freicompagnien an dem Kampfe auf der Bresche, erwähnt 
Hocke nichts. Das Citat bei Camesina 1. c. Seite 63 constatirt ebenfalls, dass 
beim Abschlagen des Sturmangriffes am 4. September nurSoldaten bethei- 
ligt waren. 

*) Hocke 1. c. Seite 177. Välkeren 1. c. Seite 77. Suttinger 1. c. Seite 4!. 



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188 

1500 Mann, von Unsern ein Stahrenberg. Leutenandt, und in die 
100 Mussquetierer todt blieben und blessirt, dannoch aber die 
gesprengte Bresche also gleich widerumb mit denen in Bereitschaft 
vorhanden gewesten Pallisaden, Woll- und Sand-Säcken versetzet und 
eine Brustwöhr gemacht worden".*) 

Schon am zweitfolgenden Tage, d. i. am 8. September, Nach- 
mittags 2 Uhr, Hessen die Feinde an der Löwelbastei, u. zw. diesmal 
an der Spitze derselben, zwei Minen auffliegen. Der nun folgende 
Sturmangriff wurde nach zweistündigem heftigen Kampfe abermals 
abgeschlagen. Wahrscheinlich hatten die Türken beabsichtigt, gleich- 
zeitig auch an der Burgbastei eine starke Mine zu sprengen, welche 
jedoch von den Belagerten rechtzeitig aufgefunden und das Pulver 
entfernt wurde.^) 

Es war dieses der letzte von den Feinden unter- 
nommene Sturmangriff auf die Festungswerke von Wien.^) 

Der Besitz des Burg-Ravelins verschaffte den Türken die Mög- 
lichkeit, dass sie nunmehr von der Contrescarpe und vom Graben aus 
gegen die Courtine eine Zahl von Galerien einbauen konnten, um auch 
an dieser mit den Minirarbeiten zu beginnen; sowie sie von der Ga- 
lerie, welche gegen die Face der Löwelbastei gerichtet war, eine neue 



*) Hocke 1. c. Seite 179. Välkeren 1. c. Seite 78, Suttinger 1. c. Seite 42. 
Auch hier hatte sich das an der Spitze der Bastei unterhaltene Feuer bewährt, 
denn die Mine musste in der Face der Bastei eingebaut werden, wodurch die 
Bresche für das Sturmlaufen höchst unbequem wurde und für die Stürmenden 
grosse Verluste zur Folge hatte. Dass diese Mine „an der Mitte der Mauer" 
angebracht war, sagt deutlich Kuniz 1. c. Blatt 16. Auf der Gedenktafel, 
welche sich früher an dem Hause Nr. .8 der Löwelbastei befand, stand die 
Angabe : „Am 15. August leitete Rüdiger Graf Starhemberg vom Krankenbette 
aus, die Vertheidigung der arg bedrängten Bastei." Diese Angabe beruht 
entschieden auf einem Irrthume. Weder Hocke, noch Välkeren, noch 
Suttinger melden von einem am 15. August auf die Löwelbastei erfolgten An- 
griff. Auf dieser Bastei wurde die erste Mine am 6. September ge- 
sprengt, sowie der erste Sturmangriff auf dieselbe am 6. September 
stattfand. 

*) Hocke 1. c. Seite 183. Bei den Kämpfen am 6. und 8, September 
waren lediglich die Besatzungstruppen in Action. Auch nicht der ge- 
ringste Anhaltspunkt liegt vor, um auf eine Antheilnahme, sei es der Bürger 
oder der Freicompagnien schliessen zu können.^ 

3) Das Sprengen einer kleinen Mine an der Burgbastei am 10. Septem- 
ber, Nachts 11 Uhr, hatte lediglich die Erweiterung der Arbeiten zum Zweck, 
ein Sturmanlauf fand nicht mehr statt. 



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189 

Galerie gegen die flanc basse der Löwelbastei einarbeiteten. Die Be- 
lagerten suchten diese fiir sie sehr gefahrlichen Arbeiten durch heftiges 
Geschützfeuer, durch das Hinabwerfen von brennendem Holze, von 
Steinen, grossen Bomben oder Mordschlägen u. s. w. zu hindern, was 
aber nur noch eine Verzögerung, nicht mehr aber eine Zerstörung der 
feindlichen Annäherungsarbeiten zur Folge hatte.') 

Am 9. September waren die Arbeiten der Türken gegen die flanc 
basse der Löwelbastei so weit gediehen, dass sie, trotzdem die Be- 
lagerten zu ihrer Vertreibung drei Ausfälle unternahmen, sich der- 
selben endlich bemächtigten und die Besatzung gezwungen wurde, das 
wichtige Object gänzlich zu räumen, was in der Nacht zum 10. Septem- 
ber stattfand. Ungeachtet der grössten Anstrengungen konnte es den 
Türken nicht mehr gewehrt werden, mit ihren Galerien bis an die 
Courtine vorzuschreiten, wo sie sofort anfingen, in dieselbe eine An- 
zahl von Minen einzubauen. Bei der nunmehr auf das höchste sich 
steigernden Gefahr, dass Minensprengungen gleichzeitig an allen drei 
angegriffenen Bollwerken stattfinden, dem sofort ein Generalsturm 
folgen würde, Hess der Stadtcommandant nicht nur die Abschnitte und 
Verpallisadirungen auf den beiden Basteien und der Courtine auf das 
sorgfältigste vervollständigen, sondern er traf auch durch die Ver- 
harr ikadirung der rückwärtigen Strassen alle Vorkehrungen für einen 
Strassenkampf . - ) 

^) Die flanc basse der Löwelbastei ist auf dem Suttinger 'sehen Stadt- 
plan von 1684 (richtig 1680), — noch deutlicner aber auf dessen Belagerungsplan 
ersichtlich gemacht. Man sieht auf dem Letztern von der Contrescarpe und 
dem Burgravelin aus sechs Galerien gegen die Courtine laufen, sowie zwei 
Galerien, welche über die flanc basse angelegt waren. Völlig unklai* und un- 
richtig ist, was Camesina 1. c. Seite 63 zum 5. September angiebt. Er sagt: 
„auch merkt man, dass die Türken an einer Mine in der Courtine arbeiten! 
und entdeckt eine kleine Mine, aus dem man ihm das Pulver nimmt. Würde 
man die Gegenmine der Breite nach weiter fortgeführt haben, so würde man 
jene Hauptmine gefunden haben, die am folgenden Tage aufflog." Hier muss es un- 
verkennbar statt „Courtine", Bastei heissen, denn an der Courtine kam es gar 
nicht zum Sprengen einer Mine. Ebenso muss es auf Seite 68, statt Löwel- 
ravelin, Löwelbastei heissen, denn einLöwelravelin bestand nicht. 

^) Camesina sagt zum 10. September, Seite 68: „Auch machte man in 
der Stadt beim Löwelthor und beim spanischen Gesandten Gräben." Es 
kömmt zu bemerken, dass durch die Löwelbastei kein Thor führte, es somit 
auch kein Löwelthor gab. Ein Blick auf den Suttinger' sehen Stadtplan 
zeigt den unterlaufenen Irrthum. Es ist übrigens mehrfach der Fall, dass 
Angaben, welche Camesina im Texte seiner Abhandlung macht, durch die dem- 
selben angeschlossenen Beilagen widerlegt werden. 



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190 

Nachdem seit der Festsetzung der Türken auf dem Burg-Ravelin 
dieselben ihre Angriffsarbeiten gegen die nebenliegenden Basteien mit 
der grössten Lebhaftigkeit betrieben, auch nach dem ersten Haupt- 
sturm auf die Burgbastei am 4. September dort neue Abschnitte, Ver- 
schanzungen und Verpallisadirungen herzustellen waren, diese Arbeiten 
zugleich auf der Löwelbastei, auf der Courtine, sowie hinter diesen 
Bollwerken zur Verbarrikadirung der Strassen durchgeführt werden 
mussten, sah sich der Stadtcommandant zur Stellung erweiterter An- 
forderungen an die Bürgerschaft, sowie überhaupt an die Stadtbevöl- 
kerung gedrängt. Die Bürger-Compagnien wurden überdies aus einem 
andern Grunde zu erhöhten Leistungen herangezogen. 

Die Truppen, deren Stand bereits sehr reducirt war, mussten 
nunmehr in steter Bereitschaft gehalten werden, da stündlich das 
Sprengen von Minen an den beiden Basteien und Sturmangriffe zu 
gewärtigen waren. Da noch immer eine Anzahl von Wachposten auf 
den vom Feinde nicht angegriffenen Befestigungswerken sowie im In- 
nern der Stadt von den Truppen versehen wurden, „so haben auch 
Ihro Exe. Herr Graff von Capliers anbefohlen, dass bey andringender 
mehrer Gefahr des Feinds, die ohne das schwache und abgematte Sol-' 
datesca durch die Burgerschafft abgelöset werden solle". *) 

Ani 3. September wurden jene Personen, welche sich bisher der 
Dienstleistung entzogen hatten, auf den Neuen Markt einberufen, wo 
sie sich beim Stadtguardi - Oberstwachtmeister Marchese dgl'Obizzi 
zur Einschreibung zu melden hatten. Wieder musste die „Lebens- 
Straff" angedroht •werden. ^') Schon am nächstfolgenden Tage erfolgte 
von Seite des Stadtcomrnandanten der Befehl, dass sich diese Mann- 
schaft „nach dem beschehenen Trummelschlag auf dem Burck-Platz 
zum Schanzen zu stellen und sich zur Arbeit gebrauchen lassen solle". 
Der Stadtrath jedoch hat „denen Herrn Statt-Haubtleuthen einen 
Vorhalt gethan, dass sie bey der anwachsenden höchsten Noth bey 
der Mannschaft in persona seyn, und deroselben umb desto besser zur 
Arbeit zusprechen können. ^) 



Hocke 1. c Seite 173 

^) Während der Dauer der Belagerung war das Commando über die 
Stadtguardia dem Marchese d'Obizzi übertragen, welcher auch den militärischen 
Dienst im Innern der Stadt zu leiten hatte. Välkeren 1. c. Seite 20. 

^) Hocke 1. c. Seite 17fi. Die wiederholt an die Officiere der Bürgercom- 
pagnien gerichteten Mahnungen gestatten den Schluss, dass dieselben in der 
Erfüllung ihrer Obliegenheiten sehr lässig waren. 



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191 

Nach dem am 4. September abgeschlagenen Sturm auf die Burg- 
bastei, stellte Graf Starbemberg das Begehren, „dass die Schantz- 
Arbeiter mit noch 300 Mann der Burgerschaft versterckt werden." 
An demselben Tage Hess der Stadtrath kundmachen: „dass alle die- 
jenige Burger, so bis hieher in persona nicht aufFgezogen, sondern 
ein andern für sich geschickt, also gewiss in eigener Person zu seinem 
gehörigen Fändl erscheinen, und der, den er an statt seiner gestellt, 
zur Arbeit sich gebrauchen lassen, dass im Widrigen wider sie mit 
unaussbleiblicher Leibs-Straff in Kraff* der hievor publicierten Ruffen 
verfahren werden, diejenige aber, so krank, blessirt, oder Alters halber 
nicht erscheinen können, von dem Medico ein glaubwürdige Attestation 
zu Händen des Herrn Haubtmanns geben sollen." An demselben Tage 
verlangte Graf Starhemberg; „dass zwey Herrn dess Raths täglich 
umb ihn wären, mit denen er der Statt Anligenheit halber conferiren 
köndte." In gleicher Weise war ein Rathsherr dem Grafen Caplirs an 
die Seite zu ordnen.^) 

In dem Masse als die Gefahr für die Stadt von Stunde zu 
Stunde grösser wurde und von Seite der Besatzung die grössten An- 
strengungen gemacht wurden, um die heftigen Angriffe der Türken 
zurückzuschlagen, steigerte sich die ablehnende Haltung, welche ein 
Theil der Stadtbevölkerung gegen die vom Stadtcommandanten und 
dem Deputirten-Collegium angeordnete Heranziehung zur Durchführung 
der verschiedenen Defensions-Arbeiten angenommen hatte. 

Diese Haltung fällt umsomehr auf, als die Arbeiter entsprechend 
entlohnt wurden, und überdiess Brod und Wein erhielten.-) Eine 



^) Hocke 1. c. Seite 177. Da viele Bürger nicht selbst aufzogen, sondern 
Ersatzmänner stellten, gingen für die verschiedenen Arbeiten Kräfte verloren, 
ein üebelstand, welcher schon einmal zu Beschwerden Anlass gab (Seite 144), 
nunmehr aber gänzlich abgestellt werden sollte. Die Abordnung von Stadt- 
räthen_an die Seite der Grafen Starhemberg und Caplirs lässt ebenfalls die 
steigende Krisis erkennen. Die Zeit des Schreibens war abgelaufen. Jeder An- 
ordnung musste die Ausführung sofort und ohne den mit dem schriftlichen 
Verkehr unvermeidlichen Aufschub folgen. 

2) Wie aus der Rechnung über die Kosten der Stadt- Vertheidigung zu 
entnehmen ist, wurden : „Auf die Fortification oder allerseits beschehene ab- 
schnidts Vorpauungen vnnder der Belagerung nach und nach zahlt 36000 fl." 

Da der grösste Theil der Handwerksgesellen brodlos geworden, sich auch 
sonst viele Leute in der Stadt befanden, welche auf ein tägliches Arbeitsver- 
dienst angewiesen waren, so mussten, um diesem Theile der Bevölkei-ung nicht 
durch die Noth zu Ausschreitungen Anlass zu geben, Opfer gebracht werden. 
Er wurde bei den Fortifications- und Defensions-Arbeiten verwendet. Erst 



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192 

wesentliclie Ursache dürfte in der Gefahr zu suchen sein, welcher die 
Arbeiter durch die einfallenden Bomben und Steine, sowie durch die 
von feindlichen Kugeln abgesprengten Mauertheile und Steinstücke 
u. s. w. ausgesetzt waren, wodurch im Laufe der Belagerung Bürger 
und Arbeiter getödtet, Viele verwundet wurden. 

Da trotz der wiederholten strengen Aufforderungen sich noch 
viele Männer jeder Arbeitsleistung zu entziehen wussten, und mit 
Rücksicht auf die unverkennbare Gefahr, welche sich aus der Anwesen- 
heit eines derart renitenten, schon seit dem Beginne der Belagerung 
als bedenklich erkannten Gesindels, für den Fall einer Katastrophe 
ergeben musste, ordnete das Deputirten-CoUegium eine Hausdurch- 
suchung an. Dieselbe wurde unterm 7. September dem Obristlieutenant 
Heinrich Balfour übertragen,^) worüber am 8. September die erforderliche 

unterm 29. März 1684 waren „von der Freycompagnie der Ledigen Fleisch- 
hacker vnd Breyer Pursch" zwei Parthien u. z. 196 und 38 Mann um die Be- 
zahlung eines Rückstandes eingeschritten. Sie sagen, dass sie „auf dem gefahr- 
lichen Orth der Lebl-Pastein sich mit stein Brechen, stückarbeith mid Pale- 
sathen sezen drey Tag vnd Nacht, mit verwillignng und Befelch des Marques 
Obizi und Oberstleutnant Graf von Starhemberg treu und fleissig gearbeitet, 
und ihnen des tags sowohl als der nacht 3 groschen bedingt worden." Da sie 
die Bezahlung noch nicht erhalten haben, so bitten sie darum. Dem Act liegen zwei 
Bestattigungen u. z. vom 9. und 10. September 1683 durch den Marchese 
Obizzi und den Oberstlieutenant Guido Graf von Starhemberg ausgestellt, bei. 
Diese Bestattigungen lauten: „Dass von deren Lödigen Fleischhacker vnnd 
Bierbrauer Compagnien 196 man in arbeitung der obern Lebl pastion, in Stein- 
brechen, stuckharbeith, vnnd Palesäten sözen zwey Tag vnnd nacht, trey vnd 
fleissig gearbeitet haben attestirt diss." Nun folgen auf der einen Bestätigung 
die Namen der 196 auf der andern von 38 Arbeitern. Das über diese Eingaben 
vernommene Fortifications-Bau-Zahlamt meldete unterm 15. April 1684, dass 
die Bezahlung für die am 8. und 9. September geleisteten Arbeiten am 17. Sep- 
tember 1683 stattfand, dass jedoch noch der Betrag von 84 fl. im Rückstand 
ist, dessen Auszahlung an die Gesuchleger am 24. April 1684 angeordnet wurde. 
K. k. H. K. A. fasc. 13867. 

*) Hocke 1. c. Seite 182 gibt den Inhalt des Decretes wie folgt: „wie 
dass durch die langwürig feindliche Belagerung allhiesiger Statt der geworbne 
Soldat sehr abgemattet, und vil davon täglich verwundt und geschädiget 
worden, auch nicht weniger todt geschossen, und sonsten dahin gestorben seyn ; 
Dahero zu Sublevirung dess unterhaltenen Soldatens, neben der BurgerschafFk 
auch xmterschidliche Frey-Compagnien auffgericht, und an ihre Orth zu Ver- 
sehung der Posten abgetheilt worden, wenn aber die tägliche Erfahrenheit be- 
zeige, xmd auss denen eingeloffenen Verzeichnüssen zu ersehen, dass sich von 
ein und andern Mannbaren, auch Herren-losen müssiggehenden und vagieren- 
den Gesindl ein grosse Anzahl allhir befinde, in denen Häusern und Schlieff- 
Winklen, hin und her latitiren, den Schutz der Statt wollen gemessen, das 



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Kundmachung erfolgte, mit dem Beisatze: „dass die im Widrigen nicht 
Erscheinende durch die Soldatesca und Rumormeister in den Häusern 
visitirt, ergriffen und andern zum Exempel durch die Fenster hinauss 
und an Galgen gehenckt werden sollen.*' In der Nacht zum 9. September 
fand durch die Stadtguardia unter Zuziehung von Commissären, welche 
der Stadt-Magistrat abgeordnet hatte, die Hausvisitation statt j,und 
sind die zur Stadt-Defension taugliche Manns-Personen, was Stands 
und Würden die auch gewesen, herauss genommen und auf den Burg- 
Platz zur Arbeit gestellt worden."^) Obristlieutenant Balfour 
bildete aus der auf solche Art ausgehobenen Mannschaft drei Com* 
pagnien, stellte dieselben am Abend des 10. Septembers dem Grafen 
Caplirs vor und führte sie sohin zur Arbeit ab. Von einer Be- 
waffnung dieser Mannschaft wird nichts gemeldet. Es bestand die Ab- 
sicht, aus einem Theile derselben eine „Compagnie zu Ross** unter 
dem Commando des Grafen Gottfried von Salaburg, Obristlieutnant 
beim Graf Kerischen Kroaten-Regiment zusammenzustellen, welches 
Vorhaben jedoch nicht zur Ausführung kam.-) 

Da aus den in der Nacht aus ihren Schlupfwinkeln ausgehobenen 
renitenten Leuten drei Compagnien zusammengestellt wurden, so muss 



Proviant unnützlich verzehren helffen, und gleichwolen über öffter beschehene 
Citationen an die gehörige Orth bissliero niemalen erschinen seyn. Als solle 
Herr Obrist-Leutnandt Balfour alle und jede, welche noch unter keiner Bürger- 
lichen, oder Frey-Compagnien engagirt seyn; Sonderlich aber alles Herrn-loses 
müssiggehendes vnd vagierndes Gesindl, so die Waffen tragen und gebrauchen 
kan, alsobalden in der Stadt aller Orthen auffsuchen, dieselben beschreiben, 
und in ordentliche Compagnien eintheilen, entweder in der Güte oder aber 
auff Weigerung mit Gewalt zu dess gemeinen Weesens Diensten, wie es die 
Nothdurfft erfordern wird, appliciren." 

Hocke 1. c. Seite 185. 

^) Hocke 1. c. Seite 187. „Item wäre eine Compagnie zu Ross resolvirt, 
und unter der Contuit dess Herrn Graffen von Salenberg Kehrischen Obrist- 
Leutenandt, daraus aber nichts worden." Diese Angabe ändert Camesina 1. c. 
Seite 66 in folgender Weise ab: ,Auch wollte man zur Unterstützung eines 
Ausfalles gelegentlich der Entsatz-Schlacht aus jungen Bürgern eine 
reitende Freicompagnie unter Anführung des Gbrist-Lieutenants Grafen Salen- 
burg zusammenstellen, doch kam es nicht dazu, obschon viele Anmeldungen 
zur Compagnie eingetroffen waren, und die jungen Leute ihre Pferde selbst 
bringen wollten." Man kann über derartige Abänderungen nur sein Bedauern 
aussprechen. Während es sich thatsächlich um renitente bei der Nacht aus- 
gehobene Leute handelte, wird hier diese Angelegenheit derart dargestellt, als 
ob junge Bürger freiwillig auf ihren eigenen Pferden eine reitende 
Freicompagnie bilden wollten. 

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ihre Anzahl mindestens 600 Mann betragen haben. Dass bei den 
unter denselben vorhandenen Elementen, von der Wieder- 
spenstigkeit gegen die behördlichen Anordnungen zum 
offenen Widerstand und Meuterei, nur ein kleiner 
Schritt war, kann nicht verkannt werden. 

Obwohl Graf Starhemberg sowohl am 7. als auch am 8. September 
den Stadthauptleuten neuerdings die Plätze in Erinnerung rufen Hess, 
wo sie sich im Falle eines General-Sturmes, der durch das Läuten 
der Glocken signalisirt würde, mit ihrer Mannschaft zu stellen hatten, ^) 
auch der Stadtcommandant, das Deputirten-Collegium, sowie die ein- 
zelnen Truppencommandanten in der umsichtigsten Weise Alles vor- 
gesehen hatten, um der stets drohenden Catastrophe die Spitze bieten 
zu können, sah sich Graf Starhemberg noch am 9. September ge- 
zwungen, beim Stadtrath über die Lässigkeit der Bürgerschaft, Be- 
schwerde zu erheben. „Nachdeme sich Ihro Exe. Herr Commendant 
beschwärt, dass die Burgerschafft auss Manglung der Officir bey ihren 
zum Schantzen aussgetheilten Orthen nicht verbleiben wolten, hat der 
Statt-Rath an die Herren-Statt-Hauptleuth ein scharpffes Beeret dahin 
ergehen lassen, dass sie die unterhabende Mannschaft an den assig- 
nirten Orthen bey unaussbleiblicher Leibs-Straff zu bleiben, anmahnen 
sollen.* 2) 

Die Beschwerde des Stadtcommandanten, so wie das „scharfe 
Beeret" des Stadtrathes war nicht gegen eine oder die andere lässige 
Compagnie, sie war gegen Alle in gleicher Weise gerichtet; ein 
Zeichen, dass die Disciplin in den Btirgercompagnien bereits sehr er- 
schüttert war. Graf Starhemberg dürfte der Haltung derselben kaum 
mehr ein, grosses Vertrauen entgegengebracht haben, sowie der Ge- 
danke, es habe zwischen dem Stadtcommandanten und der Bürgerschaft 
damals ein gutes Einvernehmen geherrscht, sich kaum aufrechthalten 
lässt. 

Ein wesentliches Verschulden dürfte diessfalls dem städtischen 
Obrist- Wachtmeister Lorenz Nischi zur Last fallen. Hocke bemerkt 
zum 19. Juli: „Herr Burgermeister hat auch anheut auff Raths-Be- 
willigung Herrn Lorentz Nischii, gewesten Haubtmann für ein Obrist- 
Wachtmeister dergestalt gegen künfftiger Discretion auffgenommen, 
dass er von Herrn Burgermeister und Rath unmittlbahr dependiren 



Hocke 1. c. Seiten 183 und 185. 
*) Daselbst. Seite 188. 



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solle." ^) Es scheint, dass demselben die nothwendige Autorität abging, 
um seinen Anordnungen gegenüber den aus den manigfaltigsten Ele- 
menten zusammengesetzten Bürger- und Freicompagnien den erforder- 
lichen Nachdruck zu geben; auch mag der Umstand, dass er un- 
mittelbar vom Bürgermeister und Rath „dependirte," 
ihn zu Eigenmächtigkeiten veranlasst haben. Darauf deutet die Be- 
schwerde des Deputirten-CoUegiums hin, dass die Freicompagnien von 
jenen Orten, wohin sie durch den Stadtcommandanten befohlen werden, 
„anderweitig hin ordinirt wurden", woraus sich grosse Unordnungen 
ergaben. Das Deputirten-Collegium hatte sohin anbefohlen, dass die 
Freicompagnien auf jenen Posten, wohin sie vom Stadtcommandanten 
gewiesen wurden, bis auf dessen weitere Disposition zu bleiben haben, 
„so auch dem Herrn Obristen- Wachtmeister Nischii und denen Haupt* 
leuthen emennter Freyen Compagnia zu thun vom Rath aus aufferlegt 
worden." 2) Hocke erwähnt Nischii lediglich einigemale, niemalen 
jedoch nennt er seinen Namen unter jenen Officieren, 
welche bei Kämpfen gegen die Türken betheiliget oder 
nur anwesend waren. 

Der vom Bürgermeister und Stadtrath bestellte Obrist-Wacht- 
meister Nischii wurde schliesslich am 10. September seines Dienstes 
enthoben und ordnete nunmehr Graf Caplirs den Obrist- 
Wachtmeister des Schulzischen Dragoner-Regimentes Franz Sigmund 
Rosstauscher als Obrist-Wachtmeister der Stadt. Derselbe wurde 
durch eine Gommission den Officieren und Stadthauptleuten vorgestellt, 
„der auch gutes Commando geführt, die Repartition der Burgerschaft 

*) Hocke 1. c. Seite 52 und Välkeren 1. c. Seite 41 bemerken, dass 
Nischi ein Sachse war. Camesina l. c. Seite 23, Note 2, sagt nach Huhn über 
Nischi : „So etliche Wochen vorher von dem Herren Kriegs-Präsidenten Mark- 
graffen Hermann von Baden, umbweilen Er mit dem Töckelyschen Secretario 
wider das Haus Oesterreich verrätherische Correspondenz gepflogen zu haben be- 
schuldiget arrestirt, nun aber bei der Belagerung der Stadt, umb sein inwendiges 
zu prüfen und ihm besser auf die Feine zu kommen, emploiret worden." Es 
war gewiss ein ganz eigenthümlicher Vorgang, eine politisch -verdächtige 
Persönlichkeit, aus dem Grunde zum Chef der Stadtmiliz zu machen, um die 
Gesinnung desselben erproben zu können. 

^) Hocke 1. c. Seite 136. Nischi war es, der am 24. Juli den blinden 
Lärm hervorrief, dass sich die Türken in der Möring beim rothen Thurm 
hereinarbeiten „worüber die Bürgerschaft fast perplex wurde, unwissend was 
zu thun." Die nähere Untersuchung zeigte, dass es das Hacken der Abdecker 
war. „Der Stadtcommandant erzürnete darauff über den Anbringer Nitsky, 
putzete ihn in Praesenz der Bürger ärgerlich auss, vnd thäte denenselben ihre 
eytele Forcht benehmen." Välkeren 1. c. Seite 41. 

13* 



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196 

mit Contento Ihro Exe. dess Cotnmandanten, dess Raths und der 
BurgerschafFt aussgetheilet, die Burgerschafft auff Ihre Posto geführt, 
und sich biss zu dem Endsatz der Statt rühmlich verhalten." ') 

Ehe ich die letzten Stunden der Bedrängnisse unserer Stadt 
schildere, möge es gestattet sein, zuvor drei Momente einer näheren 
Erörterung zu unterziehen. 

In der ersten Periode der Stadtbelagerung, d. i. bis zum 
12. August, fanden die erbitterten, für die Besatzungstruppen ruhm- 
reichen, aber auch verlustvollen Kämpfe auf den Glacien und an 
den Contrescarpe^ vor dem angegriffenen Festungs- 
Segment statt. Das Terrain derselben lag vom Innern der 
Stadt ziemlich entfernt. Während der zweiten Belagerungs-Periode, 
d. i. bis zum 3. September, waren die Kämpfe auf ein engeres Terrain 
beschränkt, sie ballten sich der Hauptsache nach um das Burg- 
Ravel in zusammen. Nach dem Aufgeben desselben, eigentlich des 
Schutthaufens, welcher dessen Stelle bezeichnete, traten die Kämpfe 
plötzlich an die innern Festungswerke heran. Schon am 
4. September erfolgte das Sprengen einer Hauptmine an der Burg- 
bastei, mit einem heftigen Sturmangriff der Türken. Die entsetzliche 
Gefahr stand nunmehr unmittelbar vor den Augen der Stadtbevölkerung. 
Das Geheul der anstürmenden Feinde, der Donner der Geschütze, das 
Knattern der Musketen, sowie das Toben des Kampfes überhaupt, 
gleichsam vor den Thoren und Fenstern der Wohnhäuser, endlich das 
Ungewisse über den Ausgang des erbitterten Gefechtes muss in hohem 
Grade aufregend auf Jedermann gewirkt haben. 

Die auf Seite 187 nach Välkeren gegebene kurze Schilderung 
des Sturmes auf die Burgbastei am 4. September möge 'hier durch 
die eingehendere Schilderung, welche sich bei Hocke findet, ergänzt 
werden: „Gegen 3 Uhr Nachmittags hat der Feind an der Burck- 
Pastei eine Haubt-Mine gehen lassen, dadurch ein guter Theil an der 
rechten Face von der Spitzen eingeworffen, und die Pastei auff fünff 
Klaffter lang zerschmettert: Darüber mit einer so grossen Furi und 
Geschrey mit 3 bis 4000 Mann angeloffen, und anderthalb Stund lang 
gesturmet, dass es ein grosser Schrocken und Tumult in 
der Statt verursachet, sich auch gleich darinnen an dem Fuss 
logirt, ' etliche Fändl auffgesteckt, vil Woll-Säck, Schantz-Körb und 

*) Hocke 1. c. Seite 190. Unverkennbar hatte Nischii dasjenige was bei 
Rossthauscher belobt wurde, gar nicht, oder doch nicht entsprechend geleistet. 



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197 

anderes Holzwerk angebracht, bey welchem Stürmen von den ünsern 
vil, von dem Feind aber noch bey weitem mehrer gebliben, neben 
deme, dass er jedesmal von dem starken Kartatschen und Stuck- 
Schiessen und durch die ünsern dergestalt ritterlich abgetriben und 
Ton dannen hinweg geschlagen, dass sich kein einiger mehr in der 
Höhe erhalten können, sondern alle weichen, und sich in die Tieffe 
darunten am Fuss der Pastey aussgewühlten Erden wider salviren 
müssen; Die Löcher aber mit Vässer und Sand-Säcken eylends ver- 
macht, und mit Pallisaden verbauet worden; Worzu die Gegenwart 
Ihro Exe. des Herrn Commandanten, Herrn Graffens von Caplierß, 
Graffen von Thaun, Graffen Sereni, Graffen Souches, Graffen von 
Scherffenberg, Ihro Durchl. Hertzog von Württemberg (so bey angehen- 
dem Sturm in grosser Gefahr gestanden), Graffen Heister und anderer 
Herrn Obristen und Officirn, mehr den gemeinen Mann zum Fechten 
und tapfferer Gegenwöhr angefrischet : Bey disem Gefecht seynd unserer 
Seiten 1 Leutenandt, gegen 100 Gemeine geblieben, 3 Haubtleuth, 
2 Leutenandt, neben vil Gemeinen blessirt worden." ^) 

Der Sturm auf die Burgbastei am 4. September war unzweifel- 
haft der hartnäckigste Kampf, welcher während der Belagerung bisher 
stattgefunden hatte. Seine Bedeutung wird durch den Umstand, dass 
bei demselben der grösste Theil der Truppen-Commandanten anwesend 
war, gekennzeichnet. Es kann uns daher nicht überraschen, dass er 
in der Stadt ,ein grossen Schrocken und Tumult ver- 
ursachet**. Der Gross- Wesir erhielt von diesem Eindruck auf die 
Stadtbevölkerung schon am 5. September Nachricht. Li dem Bericht, 
welchen der Resident Kuniz „auss dem Türckisch Lager bey Wienn 
vmb Ein Uhr frühe den 6*®" 7bris 1683" an den Herzog von Lothringen 
niederschrieb, meldete derselbe: „Den 2. und 3. wurde wenig operirt, 
den 4. aber sprengte der feind ein stuckh von der rivellin, vnd Hesse 
von 12 Uhr biss 4 Uhr nachmittag continue stürmen. Eodem ist auch 
eines Armenischen Doctors nahmens Schahin Bedienter mit einem 
Paquet brief ausser der Vöstung den 5. bekomben, vnd zum gross 
Vesier gebracht worden, so in examine aussgesagt, wass gestalten der 
Commandant nicht mehr den fünftausend Soldaten in der Statt, vnd 
höchstens hilf vonnöthen habe, Item wehre ein grosser Zwietracht 
Zwischen denen Burgern vnd der militia darinnen also, wan der feind 
gestert mit seinen stürmen besser angehalten, Villeicht die Burger- 



») Hocke 1. c. Seite 174. 



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198 

schafft zur Uebergab der Vöstung sich hette resoluiren dörffen, so 
nun dem gross vesier dergestalten animirt, dass Er dato von 6 Uhr 
abends die gantze nacht hero mit canoniren Vnd stürmen continuiren 
lassen. Der Allerhöchste wolle der Vestung beystehen und die Christ- 
lich gemüther vereinigen, dass Sie dem feind repussiren mögen, befor- 
derist aber bitte vmb gottes Willen, bey so der sachen Beschaffenheit 
solcher bedrohend-augenscheinlichen gefahr mit einem entsatz, oder 
wenigist mit ainiger hilf, vnuerlengter Zeith alsobaldt der Vöstung 
beyzuspringen vnd für zu komben; So Viel diene per aviso in eyl."^) 
Der Bote, welcher am 5. September vor Kara Mustapha aus- 
sagte: „wan der feind gestert mit seinen stürmen besser angehalten, 
Villeicht die Burgerschafft zur Uebergab der Vöstung sich hette resol- 
viren dörffen", spricht unverkennbar von dem am 4. September statt- 
gefundenen grossen Sturmangriff auf die Burgbastei. Er war somit 
während des Kampfes in Wien, denn seine Aussage stützte sich auf 
die damals unter der Stadtbevölkerung herrschende grosse Aufregung. 
Välkeren sagt: dass der Sturm in der ganzen Stadt einen Tumult 
verursachte, welche Angabe Hocke noch verstärkt, indem er von einem 
grossen Schrocken und Tumult berichtet. 

Die Angelegenheit, vor deren Erörterung wir nunmehr stehen, ist 
von mehreren Seiten in heftiger Weise besprochen worden. Möge es 
auch mir gestattet sein, meiner Ansicht Ausdruck zu geben. 

Fassen wir zunächst jene Elemente in das Auge, aus denen die 
Stadtbevölkerung während der Belagerungszeit zusammengesetzt war. 
Am 7. Juli und an den nachfolgenden Tagen hatte der wohlhabendere 
Theil der einheimischen Bewohner in der Ueberzahl die Stadt ver- 
lassen; der Adel war, bis auf sehr vereinzelte Ausnahmen, geflohen, 
viele Beamte und ein grosser Theil der damals sehr zahlreichen Geist- 
^lichkeit hatte sich den Fliehenden angeschlossen. Ein Theil der zurück- 
gebliebenen Bürgerschaft waren Einwanderer, welche die Lücken aus- 



*) K. k. Kriegs-Arch. Berichte des Kuniz an den Herzog von Lothringen 
vom 3. Juli bis 6. Sept. 1683. Bezeichnet 1 683, 13, 3 V2, Letzter Bogen. Bei Onno Klopp 
„Zur zweiten Säcular-Feier des 12. Sept. 1683" Seite 14, wie auch im „Vater- 
land" Nr. 308 von 1882, hat sich ein bedauerlicher Lesefehler eingeschlichen. 
Der Satz „also wann der Feind gestürmt und mit seinem Sturme besser 
angehalten" lautet bei Kuniz: „also wan der Feind gestert mit seinen stürmen 
besser angehalten." Ein zweiter Lesefehler findet sich einige Zeilen tiefer, wo 
es statt „unverhängter Zeit," richtig „unverlengter Zeit" (soviel wie „ohne 
Zeitverlust") heisst. 



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199 

gefällt hatten, die durch die Pest 1679 entstanden waren. Diese neuen 
Stadtbewohner stammten kaum Alle aus der Blüthe des Bevölkerungs- 
standes der Nachbarländer, auch waren sie viel zu kurze Zeit in Wien 
ansässig, um bereits Bürger der Stadt in der alten würdigen Bedeu- 
tung dieses Wortes geworden zu sein. Dazu kam, dass beim Anzüge 
der Türken, Wien der Zufluchtsort für ganze Karawanen von Flücht- 
lingen aus Ungarn und einem Theile Niederösterreichs wurde. Anlass 
zu grossen Besorgnissen gaben die zahlreichen fremden Handwerks- 
gesellen und sonstigen Arbeiter, welche erwerbslos geworden waren, 
wozu noch Elemente höchst bedenklicher Natur kamen, welche sich 
nur zu bald in jeder grössern Stadt, der eine Katastrophe droht, 
zusammenfinden. Dass zahlreiche französische Emissäre sich hier be- 
fanden, beweiset der Umstand, dass unmittelbar vor dem Anzüge der 
Türken die Ausweisung aller Franzosen aus der Stadt, den Vorstädten 
und den benachbarten Dörfern im Antrage war, sowie überhaupt die 
Wegschaffung des „müssigen, herrenlosen und vagirenden Gesindels**, 
worunter sich viele Tökely'sche Parteigänger befanden, im Plane lag.*) 
Die Bürger und Angehörigen der Stadt dürften in dem damaligen 
Bevölkerungsstande kaum die Majorität gebildet haben. 

Von nachtheiligem Einflüsse auf die Zustände in Wien war der 
bedauerliche Umstand, dass der Bürgermeister Liebenberg bald nach 
dem Beginne der Belagerung an das Krankenbett gefesselt wurde. 
Gerade in der zweiten Hälfte der Belagerungszeit, wo sich die Schwierig- 
keiten steigerten, fehlte die Autorität des bewährten, allerseits geach- 
teten Mannes. Dafür hatte der Einfluss des Stadtschreibers Dr. Nicolaus 
Hocke ersichtlich zugenommen, der jedoch mit dem geheimen Deputirten- 
Collegium durchaus nicht in gutem Einvernehmen stand. Dass das 
Verhältnis des Stadtcommandanten zur Bürgerschaft ein vielfach ge- 
trübtes war, ergibt sich nur zu klar aus den wiederholten Beschwerden, 
welche von demselben gegen die Lässigkeit der Bürgermiliz und der 
Freicompagnien, noch mehr aber gegen die Öfficiere derselben erhoben 

wurden. 

Die Belagerung dauerte nun schon in die achte Woche. Der 

Entsatz der im Anfange auf die Mitte August in Aussicht gestellt 

') Erst in den letzten Tagen August Hess der Stadtcommandant das 
Burgthor verbollwerken und die Brücke vor dem Stubenthore abtragen (S. 167), 
augenscheinlich Massregeln der Vorsicht, um zu verhüten, dass nicht durch 
einen Handstreich der fremden Emissäre während eines Sturmes, wo alle Auf- 
merksamkeit auf das gefährdete Object gerichtet war, den Türken eines der 
Thore geöffnet werden konnte. 



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200 

war, verzögerte sich fort und fort, mittlerweile waren die Besatzungs- 
truppen in der bedenklichsten Weise geschmolzen. Die Schwierigkeiten 
steigerten sich in allen Beziehungen, man kann sagen stündlich, sowie 
sich Furcht und Zaghaftigkeit eines Theiles der Stadtbevölkerung 
bemächtigten. Da kam plötzlich das Sprengen einer Bresche an der 
Burgbastei und der tobende Kampf um dieselbe. Bei der ohnehin 
bestandenen Aufregung brauchte der Gedanke an die üebergabe der 
Stadt nur von einigen Seiten angeregt zu werden, um sofort Ver- 
breitung und Anklang zu findei;i. Dass die französischen und Tökely'schen 
Emissäre den Zeitpunkt für gekommen erachteten, um im Innern der 
Stadt eine Bewegung hervorzurufen, erscheint ziemlich naheliegend.^) 

Dass bei einem Theile der Bevölkerung der Gedanke an die 
üebergabe der Stadt auftauchte, kann uns durchaus nicht befremden, 
derselbe war jedoch nicht hervorgegangen aus einer in irgend einer 
Weise eine Zeit zuvor stattgefundenen Verständigung der grossen Menge 
über eine derartige Massregel; — er war einzig und allein das plötz- 
lich eingetretene Ergebnis einer überspannten Furcht und Aufregung 
einerseits, und der Aufhetzungen einer Zahl von Emissären anderseits. 
Die grosse Furcht und Aufregung verschwanden mit dem Abschlagen 
des Sturmangriffes, sie kehrten auch bei den noch folgenden Stürmen 
auf die Löwelbastei am 6. und 8. September nicht mehr im gleichen 
Grade wieder. Der erste Schrecken über die Kämpfe in unmittelbarer 
Nähe war verschwunden, die Stadtbewohner hatten wieder Vertrauen 
gewonnen, wo^ die sich mehrenden Anzeichen eines baldigen Entsatzes 
nicht wenig beigetragen haben dürften. 

Die Ankunft eines Boten aus Wien im türkischen Lager und 
die Angaben, welche derselbe mündlich über die grosse Aufregung 
machte, die am 4. September unter der Bürgerschaft herrschte, wollte 
dahin gedeutet werden, dass es sich damals bereits um die Anknüpfung 
von Capitulations-Präliminarien handelte, und wurde damit der Stadt- 
rath von Wien in Beziehung gebracht.^) 



*) Das Hervortreten zahlreicher Emissäre am 4. Sept. dürfte auch der 
vorzüglichste Anlass gewesen sein, dass man diese Leute schon während einer 
der nächsten Nächte aus ihren Schlupfwinkeln hervorzog, und aus ihnen unter 
Obristlieutenant Balfour drei Arbeitercompagnien zusammenstellte. Auffallig 
erscheint nur, dass trotz der wiederholten Aufträge an die Hausbesitzer und 
Hausverwalter zur Anmeldung der Fremden, mehrere Hunderte Personen Unter- 
stand fanden, welche erst unter militärischer Assistenz hervorgezogen werden 
mussten. 

*) Onno Klopp 1. c. Seite 245 u. f. auch dessen „Zweite Säcular-Feier." 



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201 

Nach der sorgfältigsten und gewissenhaftesten Prüfung der mir 
bezüglich dieser ernsten Frage vorgelegenen Quellen kann ich mich 
dahin aussprechen, dass mir nicht der geringste Anhaltspunkt vor- 
gekommen ist, um diese letztere Annahme als gerechtfertigt bezeichnen 
zu können. Es möge jedoch gestattet sein, an dieselbe einige Er- 
wägungen anzuknüpfen. 

In Wien konnten Capitulations-Verhandlungen nur durch den 
Stadtcommandanten Grafen Starhemberg eingeleitet werden, u. zw. aus 
dem einfachen Grunde, weil nur er allein berechtigt war, bei den 
Besatzungstruppen die Einstellung der Feindseligkeiten anzuordnen. 

Welchen Sinn hätten nun solche Verhandlungen gehabt, im 
Falle sie wirklich, jedoch ohne Vorwissen des Höchstcommandirenden, 
sei es von einzelnen Mitgliedern des Stadtrathes oder von dem Plenum 
desselben, mit dem Gross- Wesir versucht worden wären? Die Durch- 
führung eines Capitulations-Üebereinkommens hätte nothwendigerweise 
die Zurückziehung der Besatzungstruppen von dem Kampfe gegen die 
Türken verlangt. Hiezn gab es, im Falle das üebereinkommen durch 
den Stadtrath abgeschlossen wurde, nur drei Wege, u. zw. die Truppen 
zum Einstellen der Feindseligkeiten durch die Bürgerschaft zu zwingen, 
— oder dieselben zur Verweigerung des Gehorsams gegen die Com- 
mandanten zu verleiten, — endlich drittens den Stadtcommandanten 
selbst, für die Annahme des Capitulations-Üebereinkommens zu gewinnen. 
Die beiden ersten Wege erscheinen geradezu ausgeschlossen, da schon 
die Einleitung derartiger Unternehmungen dem Stadtcommandanten als- 
bald zur Kenntnis kommen musste, die betreffenden Herren des Stadt- 
rathes somit ihre Köpfe an ein aussichtsloses Beginnen gewagt hätten. 

Von dem Stadtcommandanten Grafen Starhemberg, ferner von 
dem Senior der anwesenden Generäle, dem vielbewährten Vice-Präsi- 
denten des Hofkriegsrathes Grafen Caplirs, weiter von den Generalen 
Daun und Sereni, den Obristen Heister, Souches, Scherffenberg, von 
der Beeck, dem Herzog von Württemberg, Marchese Obizzi und von 
den übrigen Truppencommandanten voraussetzen, dass sie nach einer 
erfolgreichen Vertheidigung der Stadt und im Angesicht des Entsatz - 
heeres, einem vom Stadtrathe ohne ihr Vorwissen abgeschlossenen 
Capitulations-Üebereinkommen beitreten werden, dazu dürfte sich wohl 
kaum einer der Stadtrathe bestimmt gefunden haben. Man darf diesen 
Herren wohl so viele Klugheit und Einsicht zumuthen, dass sie einem 
Unternehmen ferne geblieben sind, von dem irgend ein der Sache 
zuträglicher Erfolg gar nicht zu erwarten war. Allein es kömmt 



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202 

noch ein wichtiger Umstand zu erwägen. Es konnte dem Stadtrath 
nicht unbekannt geblieben sein, wie sehr Autorität und Macht des 
Gross- Wesirs bereits erschüttert war. Die türkischen Truppen, welche 
nur noch dadurch bei den Belagerungsarbeiten erhalten werden 
konnten, dass man ihnen die Plünderung der Stadt in Aussicht stellte, 
hätten sich durch eine Meuterei gegen den Gross- Wesir, in den Besitz 
der ihnen verheissenen Beute gesetzt. Der Stadt Wien würde auch 
durch eine Capitulation die Plünderung mit allen ihren Gräueln, nicht 
erspart geblieben sein. 

Ich gehe nunmehr zur Erörterung eines weitern Momentes über. 

Die Behauptung, dass der am 5. September aus der Stadt im 
türkischen Lager angekommene Bote, Capitulationseröffnungen mit- 
gebracht hatte, will auch noch dadurch begründet werden, dass Kara 
Mustapha, angeblich in der Erwartung weiterer Capitulations-Anträge den 
Generalsturm unterliess, somit eine Stockung in den Angriffsarbeiten 
eintreten Hess. ^) Auch dieser Behauptung wird durch den Verlauf der 
Ereignisse vom 5. bis 11. September widersprochen. Kuniz sagt in 
dem erwähnten Bericht, die Nachrichten aus Wien haben „den gross 
vesier dergestalten animirt, dass Er dato von 6 Uhr abendts die ganze 
nacht hero mit canoniren vnd stürmen continuirn lassen. ** Diese 
Meldung stimmt mit den bezüglichen Angaben bei Hocke, Välkeren 
und Suttinger vollständig überein. Schon am 6. September folgte das 
Sprengen einer Mine in der Face der Löwelbastei mit einem heftigen 
Sturmangriffe; am 8. fand das Sprengen der Spitze dieser Bastei aber- 
mals mit einem Sturmanlaufen statt. 

Das gleichzeitige Sprengen einer Mine an der Burgbastei unter- 
blieb nur aus dem Grunde, weil es den Belagerten gelungen war, aus 
derselben rechtzeitig das Pulver zu entfernen. Mittlerweile setzten die 
Türken die Galeriearbeiten gegen die Co.urtine fort; sie bemächtigten 
sich jedoch erst in der Nacht zum 10. September nach heftigen 
Kämpfen der flanc basse der Löwelbastei (Seite 189); nun erst 
konnten sie zum Einbau der Minen in die Courtine 
schreiten. Es beruht somit auf einem Irrthume, wenn Herr Onno 
Klopp 1. c, Seite 248, schon zum 7. September vom Sprengen 
der Minen unter der Courtine spricht. An diesem Tage waren 
die Türken noch gar nicht bis zur Courtine vorgedrungen und noch 
viel weniger hatten sie in dieselbe bereits Minen eingebaut. Die Minen 



*) Onno Klopp 1. c. Seite 250, und „Zweite Säcular-Feier" Seite 8. 



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203 

in der Courtine wurden überhaupt gar nicht vollendet und Pulver in 
dieselben gebracht, wenigstens wird das Entfernen desselben nach dem 
Entsätze von keiner Seite gemeldet. 

Die bis zum 10. September in gleicher Heftigkeit andauernden 
türkischen Angriffsarbeiten deuten in keiner Weise auf eine Unter- 
brechung oder Verzögerung derselben hin, wohl aber machte sich auf 
das ganze türkische Lager und auf dessen Truppen schon seit einigen 
Tagen jener Druck bemerkbar, welcher sich auf dieselben nothwendiger 
Weise aus der Annäherung der Entsatzarmee ergeben musste, deren 
erstes Raketen-Signal in der Nacht vom 7. zum 8. September vom 
Kahlenberg emporstieg. Kara Mustapha musste seine ganze Aufmerk- 
samkeit nunmehr dem für ihn viel gefahrlicheren Gegner zuwenden, 
um so mehr, da unter seinen Truppen bereits eine grosse Entmuthigung 
um sich griff. „Der Fürst Kantemir bezeichnet diesen Zustand in 
drastischen Ausdrücken: Man hörte die Türken, sagt er, matt und 
müde vom Schanzen und Arbeiten zum öfteren sagen (in Bezug auf 
den in Aussicht stehenden Entsatz): Ihr Ungläubige, wenn Ihr nicht 
selbst kommen wollt, so lasst doch nur Euere Mützen sehen. Sobald 
wir diese erblicken, laufen wir in einer Stunde Alle davon." ^) 

Das dritte Moment, welches noch zu erörtern bleibt, ist die Rede, 
welche Graf Starhemberg an seine Truppen an einem der letzten Tage 
der Belagerung gehalten haben soll, die ebenfalls als Beweis für die 
Behauptung, es habe der Stadtrath an Kara Mustapha Capitulations- 
Anträge stellen lassen, dienen soll. Camesina, der diese Rede zuerst 
brachte, weiss weder den Tag noch den Ort anzugeben, wo sie an- 
geblich gehalten wurde. ^) Er fügt sie zum 9. September als eine Note 
ein, wobei jedoch auffällt, dass dieselbe zu der Angelegenheit, welche 
im Text behandelt wird, gar nicht passt. Diese Rede wird von den 
gleichzeitigen Quellen ebensowenig erwähnt, wie jene, die Graf Starhem- 
berg am 8. Juli gehalten haben soll. (Seite 130.) 

Camesina war es auch, welcher die zweite Rede, die dem Grafen 
Starhemberg in den Mund gelegt werden will, in Beziehung brachte 
mit dem Bericht des Residenten Kuniz vom 6. September. Ohne irgend 
eine Quelle anzugeben, erzählt er zu diesem Tage: »Heute kam der 
Diener des kais. Residenten Baron Kunitz in die Stadt und berichtete, 
warum Kara Mustapha in den letzten Tagen so gestürmt. Es war 



*) Onno Klopp 1. c. Seite 251. 
*) Camesina 1. c. Seite 67. 



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204 

nämlich ein Bedienter eines armenischen Doctors aus der Stadt ins 
Lager gekommen, der die Mittheilung machte, dass die Stadt Wien 
sich nicht mehr lange halten könne, da Noth und Mangel, auch 
Kr?inkheit allenthalben herrsche, da die Bürgerschaft mit den Soldaten 
in grossem Zwietracht lebe und jene bei dem nächsten Angriffe die 
Stadt übergeben wolle." In einer Note fügt Camesina die Bemerkung 
bei : „Wenn man diese Angabe mit der nachfolgenden Rede Starhem- 
bergs und einer Aeusserung Sobieski's in Verbindung bringt, so 
scheint es, dass damals wirklich schon eine Partei in Wien bestand, 
die auf die Uebergabe der Stadt dachte."^) 

Während der Resident Kuniz lediglich erzählt: „wan der feind 
gestert mit seinen stürmen besser angehalten, Villeicht die Burger- 
schafft zur üebergab der Vöstung sich hette resolviren dörffen," sagt 
Camesina: „da die Bürgerschaft mit den Soldaten in grossem Zwie- 
tracht lebe und jene bei dem nächsten Angriffe die Stadt 
übergeben wolle." Indem Kuniz nur von einer Gefahr berichtet, 
die während des Sturmes am 4. September bestand, spricht Camesina 
von einer Uebergabe, die für den nächsten Angriff der Stadt 
beabsichtiget war und beschuldiget diessfalls eine in der Stadt 
bestandene Partei. 

Solche willkürliche, durch keine Quelle begründeten Abänderungen, 
die sich bei Camesina leider öfter wiederholen, können im Interesse 
der historischen Wahrheit nur tief bedauert werden. 

Was Camesina, jedoch ohne irgend eine quellensichere Be- 
gründung dafür zu geben „einer Parthei in Wien" aufbürdet, 
wird von einer anderen Seite auf den „Stadtrath von Wien" 
übertragen, und damit in gleicher Weise die angebliche Rede des 
Grafen Starhemberg in Beziehung gebracht, indem gesagt wird: „Die 
Rede Starhembergs ward gerichtet an seine Soldaten; aber sie hatte 
ihre schwere Bedeutung auch für die Nicht-Söldaten in Wien. Sie 
enthielt indirect die Ankündigung, dass er jedem Versuche, eine 
Capitulation zu erlangen, mit allem Nachdrucke entgeg§>|i treten 
werde." ^) 

Wäre Camesinas Angabe richtig, hätte der Resident Kuniz 
wirklich eine Mittheilung nach Wien, beziehungsweise an den Stadt- 
commandanten gelangen lassen, wie wir sie bei Camesina finden; und 
wäre es weiter richtig, dass diese Mittheilung sich auf üebergabs- 

*) Camesina 1. c. Seite 64. 
2) Onno Klopp 1. c. Seite 249. 



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205 

Verhandlungen mit dem Gross-Wesir bezogen hat, die vom Stadtrath, 
sei es von einzelnen Mitgliedern desselben oder vom Plenum eingeleitet 
worden waren, dann würde dem Grafen Starhemberg, wie jeder unbe- 
fangene Beurtheiler der Sachlage alsbald zugeben dürfte, sein Vor- 
gehen klar und bestimmt vorgezeichnet gewesen sein. Die Einleitung 
von Uebergabs- Verhandlungen mit dem Gross-Wesir durch den Stadt- 
rath, würde in einer Zeit, wo jeden Augenbick das Eintreten einer 
Krisis drohte, ein derart gefährliches Unternehmen gewesen sein, dass 
der Stadtcommandant, um der Gefahr zuvorzukommen, die sofortige 
Verhaftung der verdächtigen Mitglieder des Stadtrathes, ja der ganzen 
Körperschaft veranlassen musste. 

Wir haben den Grafen Starhemberg in energischer Weise während 
der ganzen Dauer der Belagerung seiner Pflicht entsprechend vorgehen 
gesehen; er würde auch in diesem Falle seiner Verpflichtung 
ungesäumt im vollen Umfange entsprochen, nicht aber sich damit be- 
gnügt haben, in einer Rede versteckte Warnungen und Drohungen an 
diejenigen zu richten, welche es gewagt haben, Unterhandlung von der 
höchsten Gefahr, anzuknüpfen. 

Ueber die erörterten drei Momente spreche ich mein Dafürhalten 
wie folgt, aus: 

a) Für die Angabe, dass der Resident Kuniz am 6. September 
oder an einem der nächstfolgenden Tage, Mittheilungen über Capitu- 
lations-Verhandlungen mit dem Gross-Wesir in die Stadt gelangen 
Hess, liegt nicht die geringste quellensichere Begrün- 
dung vor. 

h) Die Angabe, dass Kara Mustapha, um Zeit für solche Ver- 
handlungen zu gewinnen, in den letzten Tagen die Belagerungs- 
operationen verzögert hat, wird durch die Angriffsarbeiten der Türken 
und durch die heftigen Kämpfe, welche bis über den 11. September 
andauerten, als unrichtig gekennzeichnet. 

c) Der Angabe, Graf Starhemberg habe beim Beginn und gegen 
das Ende der Belagerung Reden gehalten, fehlt ebenfalls jede quellen- 
sichere Begründung. Eine nur in etwas eingehende Prüfung, lässt 
diese angeblichen Reden als Erfindungen erkennen. 

Unter den Ereignissen der letzten Tage der Belagerung kömmt 
zunächst das am 9. September erfolgte Ableben des Bürgermeisters 
Johann Andreas von Liebenberg zu erwähnen. An den Amts- 



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206 

geschäften hatte sich derselbe schon seit einigen Wochen nicht mehr 
betheiligt.^) 

Nachdem die Türken ihre Angriffsarbeiten sowie das Geschütz- 
feuer, letzteres auch noch am J 2.. September, als am Tage der Entsatz- 
schlacht mit besonderer Lebhaftigkeit fortsetzten, antwortete das Ge- 
schützfeuer von den Stadtwällen mit gleicher Heftigkeit. Sowohl die 
Truppen, als auch die Bürger und Frei-Compagnien hatten sich für 
den Fall eines Minensprengens und Generalsturmes in Bereitschaft zu 
halten. Die Arbeiten auf den beiden Basteien und an der Courtine, 
sowie die Verbarrikadirung der rückwärts gelegenen Strassen wurden 
ununterbrochen fortgesetzt, bis endlich der siegreiche Ausgang der 
Entsatzschlacht, die Belagerung und somit die Bedrängnisse der Stadt 
zum Abschlüsse brachte. 

XVI. 

Vom 12. September 1683 bis zur Abreise des Königs von Polen 

aus Ungarn, 

Die Entsatzschlacht vom 12. September 1683 ist so oft und so 
verschieden geschildert worden, dass ich es, als Laie in militärischen 
Sachen, wohl unterlassen kann, darüber eingehender zu sprechen. 

Am Morgen des ewig denkwürdigen Tages fand sich nochmals 
eine Zahl der angesehensten Truppenführer beim abgebrannten Kloster 



*) Den 8. Februar 1684 stellte der Ober-Stadtcämmerer DanielFockhy 
den Betrag von 300 fl. in Ausgabe mit dem Beisatze: „Nachdeme Ich das 
1683 Jahr vom Monath August an bis 1684 in das Monath February dass 
Burger Maister Ambt, und zwar fast auf 72 J^hr administrirt." Cammer- 
amtsrechnimg bei Camesina 1. c. Anhang Seite 13. Liebenberg war Eigen- 
thümer der „auf dem Hoff gelegenen, zum schwarzen Rössl genannten 
Behausung^ k. k. H. K. A. Quart. -Amts-Buch 1684, Fol. 69. Seiner Wittwe 
Rosina Judith wurde mit der kaiserlichen Resolution ddo. 13. April 1684 die 
Quartiers-Befreiung zuerst auf 10 Jahre und schliesslich unterm 29. August 
1695, auf ihre Lebenszeit verliehen. Die Angabe bei Camesina 1. c. Anhang 
Seite 71, wo das dem Joh. And. v. Liebenberg gehörige am Hof gelegene Haus 
mit „golden Weintraube" und „grosse Weintraube" bezeichnet wird, kömmt 
somit richtig zu stellen. Der in den Freiherrnstand erhobene Sohn des Bür- 
germeisters, Carl Josef Freiherr von Liebenberg, war kais. Feldmar- 
schallieutenant und Commandant der Festung Raab. Mit der Resolution ddo. 
Pressburg 22. November 1741 ertheilte Maria Theresia demselben die Genehmi- 
gung zum Verkaufe seiner in Ungarn gelegenen Güter. Von diesem stammen 
die noch dermalen bestehenden Freiherrn von Liebenberg ab. 



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207 

am Josefsberge zusammen, um auf Grundlage der letzten Meldungen 
das entsprechende Zusammenwirken neuerdings festzustellen. *) Der Um- 
stand, dass es Kara Mustapha gänzlich unterlassen hatte, sein Lager 
durch fortificatorische Anlagen zu decken, sowie er es versäumt hatte, 
dem üebergang der Entsatztruppen über den Wienerwald Hindernisse 
zu bereiten, erhöhte die Zuversicht der Führer in hohem Grade. „Cet 
homme est mal campe, c'est un ignorant, nous le batterons", soll sich 
der König von Polen, als er von der Höhe des Kahlenberges das offene 
türkische Lager überblickte, geäussert haben. 

Die wichtigste Aufgabe fiel dem linken Flügel des christlichen 
Heeres zu, der aus kaiserlichen und sächsischen Truppen ge- 
bildet war. Hier bestand die Absicht, unter allen Verhältnissen so weit 
gegen die Stadt vorzudringen, um eine Verstärkung in dieselbe gelangen 
zu lassen. Dieser Flügel wurde von starken türkischen Schaaren in 
heftiger Weise angegriffen, doch zeigte sich bald, wie sehr sowohl die 
kaiserlichen, namentlich aber die sächsischen Truppen den Feinden 
durch ihre tactische Ausbildung überlegen waren. Das Vorschreiten 
des linken Flügels konnte durch die anerkennungswerthe Tapferkeit 
der Türken wohl verzögert, nicht aber aufgehalten werden.-) 

Das Centrum der Entsatz- Armee, aus Bai er n und den frän- 
kischen Kreistruppen bestehend, von dem Kurfürsten von 
Baiern und dem Fürsten von Waldeck commandirt, wurde von 
den Türken wenig angegriffen. An einem raschen Vorgehen war das- 
selbe nur durch deji Umstand gehindert, dass der rechte Flügel, vor- 
herrschend aus den polnischen Truppen gebildet, spät in die Action 
eintrat. Ueber Begehren des Königs waren seinen Truppen vier Ba- 



^) Die Angabe, dass Marko d'Aviano in der Klosterkirche eine Messe ge- 
lesen, wobei ihm Sobiesky ministrirte, und dass dieser seinen Sohn den Prinzen 
Jacob zum Ritter geschlagen habe, wird durch keine verlässliche Quelle bestä- 
tiget. Abgesehen davon, dass damals keine Zeit für dergleichen Ceremonien 
war, kömmt zu erwägen, dass eine grosse Zahl der Truppenführer Protestanten 
waren. Die angebliche Rede, welche Sobiesky vor der Kirchenthiire gehalten 
haben soll, ist Hormayersche Erfindung. 

*) Von mehreren Seiten wurde angegeben, dass dem linken Flügel auch 
polnische Truppen beigeordnet waren. Diese Angabe ist unrichtig. Es waren 
dieses die drei kaiserlichen Reiter-Regimenter Lubomirsky, Tetwin und Königsegg, 
welche unter dem Commando des Prinzen Lubomirsky standen. Sie wurden 
in Polen auf kaiserliche Kosten geworben (Seite 75) und gehörten in den 
Verband der kaiserlichen Armee, somit nicht zu den polnischen Hilfsvölkern. 
Onno Klopp 1. c. Seite 308 zählt am linken Flügel auch ein Dragoner-Regiment 
Savoyen auf. Am 12. September 1683 gab es in der kaiserlichen Armee kein 



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208 

taillone Franken, unter dem Herzoge von Sachsen -Lauenburg, 
und vier kaiserl. Regimenter zu Pferd, es waren dieses unter dem 
Commando ihrer Obristen: Dünewaldt, Rabatta, Palffy und 
Gondola, beigegeben.^) Der rechte Elügel hatte seine Aufstellung 
am Hermannskogel bis gegen den Sauberg hin genommen und 
musste somit den weitesten Weg zurücklegen, bis er endlich gegen 
2 Uhr Nachmittags, Dornbach zur rechten Hand lassend, aus dem 
Walde hervorbrach. Das Eintreten desselben in den Kampf wurde von 
den übrigen Truppen mit dem grössten Jubel begrüsst. Diese hatten, 
in Folge des verzögerten Eintreffens der Polen in der Schlachtlinie, 
das Gefecht abbrechen müssen und gingen alsbald zum neuen An- 
griff über. 

Die erste Attaque der Polen, unverkennbar mit ungenügenden 
Kräften und lediglich durch Cavallerie unternommen, wurde von den 
Türken abgeschlagen. Die Polen zogen sich in überstürzter Eile auf 
das Hauptcorps zurück, wo sie von der kaiserlichen Cavallerie und 
der deutschen Infanterie aufgenommen wurden und mit diesen neuer- 
dings vordrangen. Der erbitterte Kampf, in welchem von beiden Seiten 
mit der grössten Tapferkeit gestritten wurde, wogte auf und ab. All- 
mälig trat der ganze rechte Flügel der Entsatzarmee in Action, auch 
eilte deij Polen die Cavallerie des Centrums, unter dem 
Commando des Kurfürsten von Baiern und des Fürsten 
von Waldeck zu Hilfe, so dass sich auch hier endlich der Sieg 
den vereinigten Entsatztruppen zuneigte. 

Der linke Flügel hatte mittlerweile trotz der tapfern Gegenwehr 
der Feinde unausgesetzt Fortschritte gemacht. Da Sobiesky im Kriegs- 
rath die Ansicht vertreten hatte, dass sich der Kampf über mehrere 
Tage erstrecken und der völlige Entsatz von Wien vielleicht erst am 
14. September stattfinden werde, ritt der Herzog von Lothringen, als 
der Kampf auch am rechten Flügel eine bessere Wendung nahm, zum 
Feldmarschall Goltz, welcher der eigentliche Commandant 



Regiment mit dem Namen S a v o y en. Das Dragoner-Regiment des Prinzen Julius 
Ludwig von Savoyen hatte am 12. September den Namen Haussier und das 
spätere Dragoner-Regiment Prinz Eugen von Savoyen, hiess noch Khuefstein. 
^) Sobiesky hatte diese Anordnung unverkennbar aus dem Grunde ge- 
troffen, um seinen eigenen tactisch weniger durchgebildeten Truppen Änen 
Halt zu geben. Diese Vorsicht wurde durch den Erfolg im höchsten Grade 
gerechtfertiget. ' 



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209 

der sächsischen Truppen war, ihn fragend, ob man sich, im 
Sinne der Kriegsraths- Verhandlungen, mit den erzielten Erfolgen für 
den Tag begnügen sollte. Goltz soll geantwortet haben: „Es wäre an- 
jetzo nicht Zeit dergleichen vorzunehmen, sondern vielmehr zu fechten, 
Gott wiese ja den Sieg schon, und müsse man das Eisen schmieden, 
so lange es warm wäre. Er hoffe als ein contracter Mann, diesen Abend 
noch mit Gott ein gut Quartier in Wien zu haben." ^) Der Herzog, 
der mit dieser Antwort sehr zufrieden war, ordnete sohin mit dem 
Ausruf „allons marchons" das weitere Vorrücken an. Die Türken 
wurden nacheinander aus allen Stellungen vertrieben, bis am Abend 
um halb 5 ühr endlich auch die Höhen bei Döbling erstürmt wurden.^) 
Zwischen 5 und 6 Uhr Abends schloss am linken Flügel Prinz Lud- 
wig von Baden die Aufgabe des Tages damit ab, dass er mit säch- 
sischen Dragonern, dem kaiserl. Dragoner-Begiment Haussier, dem 
halben Regiment Württemberg ^) und anderen Truppen bis an die 
Contrescarpe vor dem Schottenthore vordrang, und nach einer kurzen 
Begrüssung des Grafen Starhemberg, nun auch jene feindlichen Ab- 
theilungen, welche noch immer die Laufgräben besetzt hielten, daraus 
verjagte. 

Das siegreiche Vordringen der Truppen des linken Flügels und 
des Centrums über Döbling, und über die Höhen von- Gersthof 
und Weinhaus gegen Währing, brach endlich auch den Wider- 
stand, den die Türken noch immer dem Vordringen des rechten Flügels 
entgegensetzten, so dass sich schliesslich das ganze feindliche Heer 
in wilder Flucht auflöste. 

In einem Schreiben, welches Sobiesky: „In den Zelten des Veziers, 
am 13. Sept. in der Nacht,*' an die Königin Maria Kasimira richtete, 
erzählt er: „Alle Truppen haben ihre Pflichten gut erfüllt. Sie schrieben 
den Sieg Gott und uns (d. h. den Polen) zu. In dem Augenblicke, als 
der Feind zu weichen begann (und der heftigste Stoss fand da statt, 
wo ich mich selbst dem Grossvezier gegenüber befand), zog sich die 

') Räumer 1 c. Seite 278. 

^) Die Angabe, dass die Türken auf jener Höhe, welche dermalen noch 
den Namen „Türkenschanze" führt, eine Redoute errichtet hatten, lässt sich 
nicht erweisen. Der Feind hatte auf dieser Höhe lediglich sechs Kanonen auf- 
gestellt, welche jedoch nach wenigen Schüssen von den Sachsen erobert 
wurden. 

■^) Das Dragoner-Regiment Haus sie r ist unverkennbar dasselbe, welches 
Onno Klopp 1. c. Seite 308 „Savoyen" nennt. Die zweite Hälfte des Regimentes 
„Württemberg" befand sich bekanntlich mit seinem Obristen in Wien. 

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210 

ganze Reiterei zu mir nach dem rechten Flügel herüber, da das Cen- 
trum und der linke ohnehin nicht viel mehr zu thun hatten. Der 
Churfürst von Baiern, der Fürst von Waldeck und Andere kamen da 
herbei, um mich zu umarmen, u. s. w." ') 

Dieser Brief war, wie der König selbst verfügte, für die Ver- 
öffentlichung bestimmt, er war sohin ein gewöhnliches Sieges-Bul- 
letin, daher man auch die etwas starke Selbstüberhebung dem 
Schreiber desselben zu Gute halten muss. Die historisch^ Wahrheit 
macht jedoch einige Bemerkungen nothwendig. Thatsache ist, dass 
der linke Flügel der Entsatzarmee schon am frühen Morgen des 
12. September in Action trat und unter heftigen Kämpfen die Feinde 
aus allen Stellungen verjagte, so dass der Sieg so viel wie entschieden 
war, als der rechte Flügel, Nachmittags 2 Uhr, erst in die Schlachtlinie 
einrückte. Ausser Zweifel steht ferner, dass der üblen Wendung, welche 
der erste Angriff der Polen genommen hatte, nur durch das Eingreifen 
des fränkischen Fussvolkes und der vier kaiserl. Reiter-Regimenter 
Einhalt gemacht wurde, sowie es auch nicht bezweifelt werden kann, 
dass das rechtzeitige Herbeieilen der Cavallerie des Centrums unter 
dem Kurfürsten von Baiern und dem Fürsten von Waldeck dringend 
nothwendig war, um den Polen Luft zu machen. 

Sobiesky sagt in seinem Schreiben: „es zog sich die ganze Rei- 
terei zu mir nach dem rechten Flügel herüber, da das Centrum und 
der linke ohnehin nicht viel mehr zu thun hatten". Der linke Flügel 
und das Centrum hatten nur in dem einzigen Falle „nicht viel mehr 
zu thun", als sie die ihnen gegenüber gestandenen feindlichen Truppen 
aus dem Felde und in die Flucht geschlagen hatten. Nach des Königs 
eigenen Worten war somit der Sieg im Centrum und auf dem linken 
Flügel bereits vollständig entschieden, als er noch immer im heftigsten 
Kampfe verwickelt war. Die „ganze Reiterei" zog sich wohl nicht zu 
dem Ende „nach dem rechten Flügel", um, das Schwert in der Scheide 
dem Kampfe zuzusehen, sondern sie griff mit aller Macht in diesen 
Kampf ein, um — sagen wir es mit einem Worte — die Niederlage 
des rechten Flügels der Entsatzarmee zu verhüten. 

Noch harren viele Momente aus der Handlungsweise des Königs 
Johann von Polen gegen den Kaiser Leopold einer quellensichern 
Aufhellung. Trotzdem Sobiesky in der eindringlichsten Weise auf 
die gesteigerte Gefahr von Wien aufmerksam und an die Erfüllung 



') Ratimer 1. c. Seite 311. 



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211 

seiner vertragsgemässen Verpflichtung gemahnt wurde, brauchte er 
vier volle Tage um den Weg von Olmütz nach dem eine Meile 
südlich von Brunn vorkommenden Medritz zurückzulegen. Voll Sorge 
über das langsame Anrücken der Polen liess der Herzog von Lothringen 
dem Kaiser durch den Generalen Grafen Palffy melden: „Wenn 25.000 
Mann Infanterie beisammen mit der Cavallerie, die vorhanden ist, so 
könnte man, im Falle die Gefahr für die Stadt so dringend wäre, dass 
man auf den polnischen Succurs nicht warten dürfte, den Versuch des 
Entsatzes unternehmen. ^) 

Der 12. September 1683 war ein schöner Herbstag. Das Wetter 
begünstigte sichtlich alle militärischen Operationen. Am Tage einer 
Schlacht lässt man sicher die Truppen zeitlich genug in Bereitschaft 
treten. Der Weg von den Abhängen des Hermannskogels und des Sau- 
berges bis gegen Dornbach lässt sich unter den ungünstigsten um- 
ständen in zwei Stunden zurücklegen. Welches waren die Gründe, die 
den Eintritt des rechten Flügels der Entsatzarmee in die Schlacht- 
linie bis 2 Uhr Nachmittags verzögerte? Leider hat uns der General 
Graf Dünewald, den nach der Bibel der Chronist als „das Schwert des 
Herrn und Gedeon" bezeichnet, keine Memoiren hinterlassen. Welcher 
Ingrimm mag sowohl ihn, sowie die Generale Rabatta, Palffy und Gon- 
dola durchwühlt haben, als sie acht volle Stunden lang den Kanonen- 
donner von der belagerten Stadt und das Wüthen des Kampfes von 
der Donau herauf, das Schwert in der Scheide, anhören mussten. 
Wahrlich man muss die Selbstüberwindung dieser Herren bewundem, 
dass sie an der ihnen angewiesenen Stelle ausharrten und nicht dort- 
hin eilten, wohin sie der Schlachtendonner rief. Diesmal jedoch hatte 
dem König Johann von Polen sein Zögern, dessen Gründe wohl nie- 
malen aufgehellt werden dürften, einen grossen Dienst erwiesen. Er 
rückte in die Schlachtlinie zu einer Zeit ein, wo das Schicksal des 
Tages nahezu entschieden war, und nach seinen eigenen Worten, die 
Cavallerie des Centrums und theilweise jene des linken Flügels ver- 
fügbar war, um ihn vor einer sichern Niederlage zu retten. 

Die Entsatzschlacht am 12. September 1683 hatte für den linken 
Flügel und das Centrum der christlichen Armee nahe 12 Stunden, für 
den rechten Flügel jedoch nur 4 Stunden gedauert. Dass Sobiesky 
dieselbe nicht leitete, ergiebt sich schon aus der Erwägung, dass er 
bei den erstgenannten Truppen, deren Action die Entscheidung herbei- 

^) Onno Klopp 1. c. Seite 283. 

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212 

gefuhrt, gar nicht anwesend war. ^) Die Ehre des Tages gebührte dem 
Herzog von Lothringen. Hören wir was über denselben in dem bei- 
nahe gleichzeitigen Geschichts werke des Venetianers Camillo Contarini, 
ein Neffe des Venetianischen Gesandten am Wiener Hofe, Dominico 
Contarini, der in der Lage war die verlässlichsten Daten liefern zu 
können, gesagt wird : „An diesem Tage, dem 12. September 1683, legte 
der Herzog von Lothringen die augenscheinlichsten Beweise dar, so- 
wohl seiner umfassenden Einsicht, wie seines grossen Muthes, so dass 
er einer der wesentlichsten Urheber des guten Erfolges war. Die 
wunderbare Ordnung, die er beobachtete in der Disposition der 
Truppen, in den einzelnen Vorfällen des Treffens, indem er aller Orten 
die erforderliche Fürsorge traf und die Truppen immer gleichmässig 
vorrücken liess, indem er dort, wo er einen Widerstand gewahrte, 
frische Kräfte zur Unterstützung der Kämpfenden nachschob, — alles 
dieses charakterisirt ihn als den grössten Feldherrn unserer Zeit, 
hervorragend nicht blos durch den Gewinn dieses bedeutenden Sieges, 
sondern auch durch sein Verhalten vorher. Beim Anzüge der feindlichen 
Armee auf Wien hatte er es verstanden, mit wenigen Truppen unter 
den Augen — so darf man es bezeichnen — der gesammten türkischen 
Macht dem Kaiser die Ehre und das Reich zu bewahren, sowie den 
Christen die katholische Religion. Ungeachtet der Felonie der Rebellen, 
welche den Türken den freien Weg eröffneten, gelang es ihm, die 
Armee auf jenem bekannten Rückzuge von Raab her intact zu er- 
halten, und dann während der ganzen Dauer der Belagerung mit den 
geringen ihm gebliebenen Streitkräften gegenüber der feindlichen Armee 
die kaiserlichen Waffen im Felde furchtbar zu machen, indem er hier- 
hin und dorthin wuchtvolle Streiche austheilte. -) 

Niemand wird die Bedeutung der polnischen Hilfe für die 
Rettung von Wien auch nur im mindesten verkürzen wollen. Allein 
den Bestrebungen, die da glauben machen wollen, es habe Wien seine 
Rettung nur den Polen zu verdanken, muss denn doch die Wahrheit 
entgegengestellt werden. ^) 



') Camesina 1. c. Seite 132, auch Weiss, Gesch. von Wien, IL Band, 
Seite 158 lassen eine polnische Flügelcolonne über Hü ttel der f gegen die 
Schmelz und den Wienfluss vorbrechen. Dieser Angabe fehlt jedoch die quellen- 
sichere Begründung. 

*) Onno Klopp 1. c. Seite 328. 

^) In der Sammlimg von Tapeten und Gobelins des kaiserlichen Hofes 
befinden sich drei grosse in den Jahren 17*24 und 1725 angeferti<fte Tapeten. 



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213 

Was die Anzahl der Combattanten auf beiden Seiten anbelangt, 
wissen wir, dass Starbemberg die im Lager vor Wien befindlichen 
türkischen Truppen ohne den Tross mit 60.000, der Resident Kuniz 
mit 70.000 Mann angegeben hatte. In dem oben erwähnten Briefe 
Sobieskys vom 13. September an die Königin, sagte er über die Stärke 
der Türken: „Ich schätze sie ohne die Tartaren auf 300.000 
Mann."^) Diese ungeheure üebertreibung sollte wahrscheinlich in 
Warschau den Ruhm des Königs steigern helfen. Die Stärke der Ent- 
satzarmee wird von Marco d'Aviano in seinem Schreiben an den Kaiser 
vom 11- September mit 70.000 Mann angegeben. 2) Eine zweite Angabe 
sagt 87.000;^) eine dritte 84.800 Mann.^) Nachdem sich die Meldung 
des Ersteren an den Kaiser höchst wahrscheinlich auf eine Mittheilung 
des Herzogs von Lothringen stützte, dürfte sie als die der Wahrheit 
am nächsten stehende zu betrachten sein. 

Den vorstehenden Ziffern kömmt beizufügen, dass Spbiesky durch 
den Allianz-Vertrag vom 31. März 1683 die Verpflichtung übernommen 
und die Einhaltung derselben in die Hände des Papstes hatte be- 
schwören lassen, dem Kaiser für den Fall einer Belagerung von Wien 
durch die Türken, mit 40.000 Mann zu Hilfe zu ziehen, für welche 
er auch die vertragsgemässen Subsidien bezogen hatte. 

Nachdem die Flucht der Türken allgemein geworden, und somit 
der Kampf zum Abschlüsse gebracht war, wurden die deutschen 
Truppen von ihren Anführern bei den Fahnen gehalten, indem das 
Rückkehren türkischer Abtheilungen und ein neuerlicher Angriff der- 



welche Episoden ans der Entsatzschlacht darstellen. Auf allen erscheint der 
Herzog von Lothringen als der Anführer der christlichen Armee nnd in den anf 
den Tapeten vorkommenden Inschriften wird er auch als solcher genannt. Diese 
Darstellungen geben ein beachtenswerthes Zeugnis, wem man, vierzig Jahre 
nach der Befreiung von Wien, das Verdienst und den Ruhm derselben 
zuschrieb. Vergl das Jahrbuch der Kunstsammlungen des kaiserlichen Hofes. 
Die übertriebenen, in eine Art Cultus ausartende Anpreisungen der Verdienste 
Sobieskys und der Polen um den Entsatz von Wien, gehören vorherr- 
schend der neuern Geschichtschreibung an. 

*) Raumer 1. c. Seite 310. 

*) Onno Klopp 1. c. Seite 304, darunter etwa 20.000 Polen, daselbst 
Seite 294. 

ß) Camesina 1. c. Seite 120. Darunter 26.000 Polen. Ohne Quellen- 
angabe. 

*) Graf Thürheim 1. c. Seite 164. Darunter 26.600 Polen. Ebenfalls 
ohne Quellenangabe. 



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214 

selben nicht ausgeschlossen war. ^) Die Disciplin der gesammten 
deutschen Truppen der Entsatzarmee kam In höchst anerkennenswerther 
Weise zur Geltung.-) Anders war es bei den Polen, bei denen eine 
sehr lockere Disciplin herrschte. Dieselben gingen alsbald zur Plünderung 
des türkischen Lagers über. Während die Anführer der deutschen 
Truppen an der Seite derselben blieben, eilte Sobiesky in das Zelt 
des Gross- Wesirs, dadurch seinen Truppen das Signal zum Beute- 
machen gebend.^) Derselbe meldete unterm 13. September an die 
Königin: „Der Vezier hat bei seiner Flucht Alles zurückgelassen und 
Nichts behalten als seine Kleidung und sein Pferd. Ich bin es, der 
sich zu seinem Erben eingesetzt hat, denn der grösste Theil seiner 
Reichthümer ist in meine Hände gefallen. Aller Decorationen und 
Fahnen, die man gewöhnlich vor dem Vezier herträgt, habe ich mich 
bemächtiget." ^) Wir haben den sehr zweifelhaften Antheil, welchen 
König Johann von Polen an dem Siege der christlichen Waffen am 
12. September hatte, aus den von ihm selbst stammenden Angaben 
kennen gelernt und dennoch nahm er keinen Anstand, sich „zum 
Erben" des auf mehrere Millionen veranschlagten Inhaltes vom Zelte 
des Gross-Wesirs einzusetzen. Neben der masslosen Selbstüberhebung 
war auch Eigennutz einer der hervortretenden Züge im Character dieses 
Herrn.'^ ) 

*) Die Bezeichnung „deutsche Truppen" ist nur als Gegensatz zu 
den Polen aufzufassen. Den deutschen Truppen sind auch die Kaiserlichen 
beigezählt, unter denen sich mehrere Regimenter Kroaten zu Pferde, auch 
böhmische Regimenter befanden. 

*) Bei den Türken fehlte während der Schlacht unverkennbar jede ein- 
heitliche Leitung. Sie machten ohne Zusammenhang unter einander bald dort 
bald da Verstösse. Es ist die Frage berechtigt, welchen Verlauf der Kampf 
genommen hätte, wenn Kara Mustapha jene vortreölichen Truppen, welche den 
ganzen Vormittag unthätig auf das Vorbrechen der Polen warteten, zum Theile 
gegen das Centrum und den linken Flügel der Entsatzarmee verwendet hätte, 
wozu ihm Sobiesky durch volle 8 Stunden Zeit Hess. 

*) In dem Schreiben, welches Sobiesky am 12. September auf der Höhe 
des Kahlenberges an die Königin richtete, sagte er: „die Leute beseelt der 
beste Geist; die deutschen Regimenter, welche mit unserm Fussvolk vereiniget 
worden sind, dienen mit einer Fügsamkeit, die ich noch nie bei den Meinigen 
gesehen habe; die Unsern betrachten mit gierigem Auge das türkische 
Lager und sind höchst ungeduldig Besitz davon zu ergreifen." Raumer 1. c. 
Seite 307. 

*) Raumer 1. c. Seite 308. 

*) Bezeichnend ist die Schilderung, welche der französische Gesandte 
am Warschauer Hofe, Bischof Forbin J an son dem Minister Pomp onne 



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215 

Den deutschen Truppen wurde erst am 13. September, als ein 
üeberfall durch Türken nicht mehr zu besorgen war, gestattet, sich an 
der Plünderung des türkischen Lagers zu betheiligen. Auch aus der 
Stadt kamen viele Leute, um sich Beutestücke nach Hause zu schaffen. 
Des besten Theiles hatten sich jedoch bereits die Polen bemächtiget.^) 

Wie ungleich höher als Sobiesky steht der Bischof Kollo- 
nitsch. Auch dieser zog am 13. September in das Türkenlager hinaus; 
was er aber aufsuchte, waren die dort hilflos zurückgebliebenen 
Christen, namentlich Kinder, von denen er bei 500 sammelte und in die 
Stadt brachte, um dort für ihre Verpflegung Sorge zu tragen. Seiiiem 
Namen werden Menschenfreunde durch alle Zeiten ihre Verehrung zollen. 

Am Morgen des 13. September besichtigte Sobiesky, unter Füh- 
rung des Grafen Starhemberg und begleitet von den beiden Kur- 
fürsten und einer Zahl von Generälen, die Angriffsarbeiten der Türken. 
Beim Schottenthore angelangt, ritt er durch die Ausfallspforte in die 
Stadt ein, der Kurfürst von Sachsen und der Herzog, auch die deut- 
schen Generäle, blieben jedoch zurück. Dem Könige wurden eine grosse 
türkische Fahne und zwei Rossschweife vorgetragen und ein reich- 
gezäumtes Pferd nachgeführt, das Volk begrüsste ihn auf das leb- 
hafteste. In der Augustinerkirche wurde eine Messe gelesen und 



machte: „Sie können sich nicht vorstellen, welchen Verdruss man an 
diesem Hofe mit der hier herrschenden schmutzigen Habgier durchzumachen 
hat.** Als Sobiesky einmal Geld verlangte, rieth der Bischof auf die Gewährung 
an mit der Bemerkung: „il ne faut pas s'en promettre aucun secours dans 
la suit: c'est un homme de boutade et d'int^ret.«* Ein ander Mal nennt er 
ihn „extrememant avare." Onno Klopp, 1. c. Seite 46. Streiflichter auf die 
am Warschauer Hofe herrschende Gesinnung finden sich oben im IV. Kapitel 
der vorliegenden Arbeit. Den Löwenantheil der Beute nahm Sobiesky auf kurzem 
Wege in Besitz. Bezüglich der türkischen Geschütze bemerkte er, diese seien 
eine gemeinschaftliche Beute, sie müssen daher getheilt werden. 

*) Die Stimmung der sich verkürzt sehenden deutschen Truppen gegen 
die Polen war eine sehr gereizte und machte sich in verschiedenen Ausschrei- 
tungen geltend. Einige Fälle erwähnt Camesina 1. c. Seite 75, Note 1. Es 
dürfte sich daraus die Nothwendigkeit ergeben haben, die polnischen Truppen 
baldigst zu entfernen. Sie bezogen ein Lager bei Schwechat. Auch Speculationen 
machten sich bald bemerkbar. Nach dem Entsätze hatte ein Raitze Namens 
Diodata viele Pfeile, Bögen und türkische Röhre zusammengekauft. Da er in 
Verdacht kam, diese Sachen wieder den Türken zuliefern zu wollen, wurden 
sie ihm abgenommen und in das kaiserliche Zeughaus gebracht. K. k. H. K. A. 
fasc 13867. 



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216 

stimmte Sobiesky scliliesslich ein Te Deum an. ^) Von der Augustiner- 
kirche fuhr der König im „Kobel wagen" des Grafen Starhemberg in 
dessen Wohnung zur Tafel. Nach derselben stattete Sobiesky noch 
dem Grafen Caplirs einen Besuch ab und verliess dann mit seinem 
Gefolge die Stadt. -) 



^) Die Angabe, welche Hocke 1. c. Seite 203 u. f und nach diesem Came- 
sina 1. c. Seite 74, über den Zug des Königs durch die Stadt machen, bedarf 
vielfach der Kichtigstellung, sie stimmt auch mit den Mittheilungen , welche 
Sobiesky über den Aufenthalt in der Stadt an die Königin gelangen liess, nicht 
überein. Er schrieb dieser: „Ich war in zwei Kirchen, wo das Volk mir die 
Hände, die Füsse, ja sogar die Kleider geküsst hat; .... Sie schienen auch 
Lust zu haben Vivat zu rufen, aber die Furcht vor den Officieren imd den 
andern Obern hielt sie davon ab. Demungeachtet liess ein Volkshaufen eine 
Art von Vivat ertönen. Ich bemerkte, wie unangenehm diess nach oben hin 
berührte und beeilte mich, nachdem ich beim Commandanten gegessen, die 
Stadt so schnell als möglich zu verlassen." Raumer 1. c. Seite 311. Aus dem 
Vorstehenden ergibt sich, dass das gegenüber dem Kaiser wenig rücksichtsvolle 
Vorgehen Sobieskys „bei den Officieren und den Obern" abfällig beurtheilt 
wurde. 

^) Den Wagen hatte Graf Starhemberg unverkennbar zu dem Ende 
herbeikommen lassen, um alle weitern Demonstrationen abzuschneiden. Auf- 
fällig ist es, dass sich das geheime Deputirten-Collegiiim, als der Repräsentant 
der kaiserl. Regierung in Wien, von der Begrüssung des Königs ferne hielt. 
Ausser dem Grafen von Starhemberg als dem Hausherrn war von den deutschen 
Truppenführern nur der Kurfürst von Baiern bei der Tafel anwesend. Der 
Kurfürst von Sachsen, der Herzog von Lothringen, alle Commandanten der 
Besatzungstruppen, so wie sämmtliche deutsche Generäle der Entsatzarmee 
hatten sich ferne gehalten. Nicht ein Einziger derselben erschien weder in der 
Wohnung des Grafen Starhemberg noch an einem Orte in der Stadt, um sich 
dem Könige vorzustellen. Diese kaum misszuverstehende Demonstration dürfte 
für Sobiesky ein weiterer Anlass gewesen sein, um in seinem Schreiben an 
die Königin zu betonen, dass er bemerkte, wie unangenehm sein Zug durch 
die Stadt nach oben berührte. Von dem Geläute der Glocken und dem Lösen 
der Geschütze während des durch den König in der Augustinerkirche ange- 
stimmten Tedeums, meldet weder Sobiesky etwas an die Königin, noch weiss 
davon Välkeren 1. c. Seite 94, welcher den Zug des Königs durch die Stadt 
viel einfacher als Hocke, auch in üebereinstimmung mit dem Schreiben Sobiesky 
darstellt, etwas zu berichten. Das Lösen der Geschütze hätte nur über Befehl 
des Stadtcommandanten erfolgen können, der aber kaum vorausgesetzt werden 
kann. Dass Graf Starhemberg bemüht war, dem Durchreiten der Stadt durch 
Sobiesky jeden Schein einer officiellen Feierlichkeit zu benehmen, geht auch 
aus dem Umstände hervor, dass er es unterliess, dem Könige den Stadtrath 
vorzustellen, was Sobiesky in einem Schreiben an die Königin jedoch einem 
schlechten Einvernehmen des Stadtcommandanten mit dem Stadtrath zuschrieb. 



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217 

Kaiser Leopold langte zu Schiff am 14. September Morgens vor 
der Stadt an, wo er von den beiden Kurfürsten, dem Herzog von 
Lothringen, der gesammten Generalität und einer grossen Volksmenge 
unter Geschützsalven empfangen wurde. Er ritt um die Stadt und 
hielt durch das Stubenthor, dessen Brücke nothdürftig wieder her- 
gestellt war, seinen Einzug. Beim Stubenthor begrüsste ihn der Stadt- 
rath, an der Spitze der Stadt- Administrator Daniel Fokhy. Der Zug 
ging zunächst in den Stephans-Dom, wo Bischof Kollonitsch ein Hoch- 
amt celebrirte und sohin ein Te Deum intonirte, bei welchem aber- 
mals Geschützsalven erfolgten, auch die Glocken, welche seit dem 
27. Juli geschwiegen hatten, wieder geläutet wurden. ^) 

Am 15. September fand nächst Schwechat die so verschieden 
beurtheilte Begegnung des Kaisers mit dem König von Polen statt. ^) 
Um das Ceremoniell festzustellen, hatte der Erstere den Grafen Schaff- 
gotsch an Sobiesky abgeordnet, lieber die gepflogene Verhandlung 
gibt Letzterer in dem Schreiben, welches er aus dem „Lager von 
Schönau nahe der Donau" an die Königin Mg-ria Kasimira richtete, 
die beste Aufklärung. ^) In demselben sagt der König, er habe sich 
gegen Schaffgotsch geäussert: „wahrscheinlich besteht die Schwierig- 
keit allein in der grossen Frage, zu wissen, wer die rechte Seite 
nehmen wird**. Mit Rücksicht auf die Anschauungen jener Zeit 
über Rang und Ceremoniell, welche nicht allein am Wiener Hofe, son- 
dern an allen europäischen Höfen herrschte, und bei dem noch all- 
gemein anerkannten Satze, dass unter den weltlichen Fürsten der 
Christenheit dem römischen Kaiser der erste Rang gebühre, war es 
für Leopold I. unmöglich, dem König von Polen die rechte Seite 
zuzugestehen. Der Kaiser nahm sohin den von Sobiesky gestellten 



*) Der Kaiser hatte, sobald ihm die Meldung über den Entsatz von Wien 
zugekommen war, an Marco d' Aviano geschrieben, dass er der Erste sein 
will, der die Stadt betritt. Dieses Schreiben dürfte zu spät angekommen sein 
um noch Sobiesky von seinem Einzüge in die Stadt abzuhalten. Onno Klopp 
1. c. Seite 314. Allein es ist die Frage gestattet, ob der König, selbst in dem 
Falle als ihm der gewiss berechtigte Wunsch des Kaisers rechtzeitig bekannt 
geworden wäre, demselben Folge gegeben hätte. Wir wissen wie sehr sich 
Sobiesky bei allen persÖD liehen Angelegenheiten durch Eitelkeit und Selbst- 
überhebung leiten Hess. Den Kaiser musste, falls . er von dem Einzüge des 
Königs in die Stadt Kenntnis erhielt, das wenig rücksichtsvolle Vorgehen des- 
selben tief verletzen. 

2) Eingehend behandelt diese Angelegenheit Onno Klopp 1. c. S, 319 u. f. 

*) Raumer 1. c. Seite 315. 



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218 

Antrag einer Begrüssung zu Pferde an, wodurch diese leidige An- 
gelegenheit zur Erledigung gelangte. ^) 

Der Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen begleitete den 
Kaiser beim Einzüge in Wien. In der Stadt hatte er im Hause des 
Grafen Lamberg seine Wohnung genommen. ^) Unerwartet ertheilte er 
am Morgen des 15. September seinen Truppen den Befehl zum Rück- 
marsche nach Sachsen. Er selbst nahm von Niemand Abschied und 
richtete von Klosterneuburg aus an den Kaiser, den König von Polen 
und den Kurfürsten von Baiem Schreiben, in denen er seinen plötz- 
lichen Aufbruch mit Unwohlsein entschuldigte. Die angebliche kalte 
Haltung des Kaisers wurde als Ursache der überstürzten Abreise des 
Kurfürsten Johann Georg angegeben. Ein derart kleinliclies Motiv 
dürfte denselben bei seinen Beschlussfassungen wohl kaum geleitet 
haben. 

Als der Kaiser schon von Passau aus, ddo. 22. Juli 1683, den 
Kurfürsten um Hilfe ersuchte, ordnete der Letztere den Geheimrath 
von Schott an das Hoflager des Kaisers ab. Der Kurfürst versprach 
einen Succurs von 10.000 Mann, stellte jedoch als Bedingung die 
Abtretung eines Stückes Land, und die ihm günstige 
Entscheidung über einen zwischen Böhmen undSachsen 
streitigen Grenzwald. In Bezug auf diese Punkte wurde dem 
genannten Abgeordneten lediglich die thunlichste Berücksichtigung ^'er 
Wünsche des Kurfürsten in Aussicht gestellt.^) 



*) Es ist dem Kaiser eine kalte Haltung gegen den angeblichen Retter 
vorgeworfen worden. Die Verdienste Sobieskys um die Rettung von Wien sind 
längst auf das richtige Mass zurückgeführt worden. Uebrigens war auch die 
Verstimmung des Kaisers durch das verletzende Vorgehen des Königs bei der 
Frage des Obercommandos, des Einzuges in die Stadt, und endlich bezüglich 
der Begegnung vor den Truppen, nur zu gerechtfertiget. Was die Haltung 
gegenüber den anwesenden polnischen Grossen anbelangt, haben wir die im 
IV. Kapitel dieser Arbeit geschilderten Verhandlungen zu erwägen, welche 
ganz zu vergessen, einem derart integren Charakter wie es Leopold I. war, 
nicht zugemuthet werden kann. 

*) Graf Lamberg war der Gesandte des Kaisers am Dresdner Hofe. 

') Sowohl den Kaiser als auch die Staatsmänner an seiner Seite musste 
es peinlich berühren, die bestehende Nothlage zur Forderung von Landab- 
tretungen benützt zu sehen. Die Erhaltung von Wien war allerdings zunächst 
für den Kaiser und sein Haus von der höchsten Wichtigkeit, allein durch den 
Fall der Stadt war auch das Reich in hohem Grade, und zwar einerseits durch 
die Türken, anderseits durch die Raubgier Ludwig's XIV. bedroht. Weniger 
belangreich war im Grunde die Frage der Verpflegung der sächsichen Truppen 



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219 

Der Kurfürst von Sachsen würde sich an dem Feldzuge nach 
Ungarn kaum betheiligt haben, da die zweideutige Haltung des Kur- 
fürsten von Brandenburg die Rückkehr der Truppen nach Sachsen als 
dringend nothwendig erscheinen Hess. ^) Die plötzliche Abreise, ohne 
Abschied zu nehmen, war jedoch unzweifelhaft veranlasst durch die 
seinen Ansprüchen auf Landabtretungen nicht günstigen Entscheidungen 
des Kaisers. ^) 

Darum weil sich Leopold L nicht allen Ansprüchen und An- 
forderungen, welche Eitelkeit auch übertriebene Selbstüberhebung von 
der einen Seite und Eigennutz von der andern Seite stellten, sofort 
fügte, wurde er als frostig, ja als undankbar hingestellt. Eine unbe- 
fangene Prüfung seiner Handlungsweise wird ihn sicher anders be- 
urtheilen. 

Nach wiederholtem Drängen des Herzogs von Lothringen brachen 
die vereinigten Truppen am 1 8. September zur Verfolgung der Türken 
auf. Bei Pressburg wurde auf das linke Donau-Ufer übergegangen und 
der Marsch gegen Gran gerichtet. Die polnischen Truppen bildeten 
die Avantgarde. Trotz der Gegenvorstellungen des Herzogs wollte 
Sobiesky bei Parkany mit den Polen allein ein Unternehmen gegen 
die Türken ausführen, erlitt jedoch am 7. October eine empfindliche 
, Niederlage. Bezeichnend ist die Meldung, welche der Markgraf Ludwig 
von Baden an den Hofkriegsraths-Präsidenten Hermann von Baden 
über diese Affaire machte. Er sagt: „An dem König war, auf mein 
Wort, kein Halten, und er liess uns sagen: wir könnten warten oder 
kommen, wie wir wollten. Er ist dann im selben Augenblicke, eine 
Stunde vor uns, auf und davon marschirt, und hat die Mühe genommen, 

im Bereiche der kaiserlichen Erblande, auf Kosten des Kaisers. Die durch 
die Länder ziehenden Hilfstruppen verweigerten die Bezahlung der Verpflegung 
auch in dem Falle, als dem Kaiser die Verpflichtung hiezu nicht oblag, wie 
dieses bei den fränkischen und bairischen Truppen der Fall war (Seite 154). 
Um die Verpfiegungsansprüche, welche von sächsischer Seite gestellt wurden, 
in etwas beurtheilen zu können, diene die Bemerkung, dass der Hofstaat, 
welcher den Kurfürsten begleitete, 344 Personen und 387 Pferde umfasste 
(Raumer 1. c. Seite 238). Dem Kurfürsten erschien später ein Theil dieses Ge- 
folges als entbehrlich, er schickte es nach Sachsen zurück. 

*) Sobiesky meldete am 13. September an die Königin: „Die Fürsten 
von Baiem und Sachsen sind entschlossen, mir bis an das Ende der Welt 
zu folgen.* (Baumer 1. c. Seite 313). Diese Angabe lässt sich nur den ver- 
schiedenen Uebertreibuiigen des Königs beizählen. 

*) Auch Raumer 1. c. Seite 287 deutet auf diesen Grund hin, 



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220 

sich von 4000 Mann Türken, eine halbe Stunde von Gran, so völlig 
schlagen zu lassen, dass nicht sechs Mann von seiner ganzen Armee 
in Ordnung geblieben sind, und sie wären, meine ich, gar in den 
Boden gelaufen, wenn sie nicht unweit ihres Schlachtfeldes uns im 
Marsche angetroffen hätten." *) Die Entmuthigung war bei den pol- 
nischen Truppen derart, dass sie, ohne die Scharte ausgewetzt zu 
haben, nach Polen zurückkehren wollten. Der König hatte Mühe, sie 
zu beruhigen. Den deutschen Generalen gegenüber soll sich Sobiesky 
geäussert haben: „Ich gestehe, dass ich ohne Euch, für den Ruhm 
meiner Nation habe siegen wollen: ich bin bestraft dafür, denn ich 
bin tüchtig geschlagen worden. ^) 

Schon am 9. October rückte der Herzog von Lothringen, um die 
Feinde von dort zu vertreiben, neuerdings gegen Parkany vor, wobei 
die Polen die Nachhut übernommen hatten. Markgraf Ludwig von 
Baden befehligte den rechten, Graf Dünewald den linken Flügel, 
Graf Starhemberg das Centrum. Der Kampf dauerte nur eine 
Stunde, dann wendeten sich die Türken zur Flucht. In der Mittheilung, 
welche der Herzog über diesen Sieg unterm 16. October an den Dogen 
von Venedig machte, findet sich folgende Stelle: »Wir verdanken dem 
göttlichen Schutze, wie auch den Sieg von Wien, so auch denjenigen 
vom 9. October von Parkany. Ein Corps von II — ^12.000 Türken, 
welches in seiner Voreingenommenheit vermeinte, gegen die kaiserliche 
Armee dieselben Vortheile zu erringen, wie zwei Tage zuvor ein Theil 
von ihnen gegen die Polen, hatte die Verwegenheit, sich mit uns in 
einen Kampf einzulassen. Gleich im Beginne ihrer Flucht brach die 
Donaubrücke und Gott gab uns dadurch die Möglichkeit, fast das 
ganze Corps zu vernichten, welches die Elite ihres Heeres ausmachte."^) 

In dieser Mittheilung spricht sich unverkennbar ein sehr ab- 
falliges Urtheil des Herzogs von Lothringen über die Polen aus. Er 

Onno Klopp 1. c. Seite 345. * 

*) Raumer 1. c. Seite 322. Zierowsky meldete aus Comorn unterm 
8. October diese Niederlage der Polen und gibt den Verlust mit 2000 Mann 
an. Unter den gefallenen Anführern erwähnt er den Palatin von Pomerellen 
Grafen Dönhoff. K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 583»er8. Er hatte sich 
auch unter den Fliehenden das Gerücht verbreitet, dass der Kpnig sowie der 
Prinz Jakob gefallen sind. Sobiesky meldete später der Königin: „Jetzt, da 
ich ganz wiederhergestellt bin, kann ich dir wohl gestehen, dass ich von den 
Fliehenden dermassen gedrängt und gequetscht worden bin, dass mein Körper 
an vielen Stellen schwarz wie Kohle aussah. Raumer 1. c. Seite 324. 
8) Onno Klopp 1. c. Seiten 348 und 558. 



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221 

bezeichnet es als eine Verwegenheit (temerite) Seitens der Türken, zu 
glauben, dass sie gegen die kaiserlichen Truppen, ein eben so leichtes 
Spiel haben werden, wie gegen die Polen. Um die Bedeutung der 
polnischen Truppen in der Entsatzschlacht am 12. September richtig 
würdigen zu können, ist es nothwendig die beiden Gefechte 
bei Parkany am 7. und 9. October 1683 mit in Erwägung 
zu ziehen. 

Der Herzog von Lothringen schritt nunmehr zur Belagerung von 
Gran, zu welchem Ende die Truppen auf die rechte Donauseite über- 
setzen mussten. Sobiesky hatte gegen das Unternehmen Einwendungen 
erhoben, welche der Herzog in erregter Weise widerlegte. Am 21. October 
rückten die Truppen vor Gran, wobei jedoch die Polen nicht 
mehr in Verwendung kamen. Am 25. wurde die Stadt erstüimt, 
am 26. capitulirte die 4000 Mann starke Besatzung des Schlosses. 
Ein Theil derselben zog zu Wasser ab, ein anderer zu Lande. Der 
letztere musste durch eine Begleitung von 1600 Mann kaiserlicher 
Cavallerie, gegen die Plünderungsgelüste der Polen geschützt werden, 
wobei die Bedeckungsmannschaft gezwungen wurde, mehrere renitente 
Polen niederzuhauen. 

Mit der Eroberung von Gran schloss der für die kaiserlichen 
Truppen höchst ruhmreiche Feldzug des Jahres 1683 ab. 

Der Stand der polnischen Truppen war durch Verluste vor dem 
Feinde, Krankheiten und Desertionen auf 6- bis 8000 Mann herab- 
geschmolzen. ^) Die Disciplin, welche an sich schon nicht besonders 
fest war, lockerte sich mehr und mehr. Bezeichnend ist ein Urtheil 
des Grafen Starhemberg, welches sich im Bericht des venetianischen 
Botschafters Qontarini vom 28. November 1683 vorfindet. „Der König 
selber ist ein durchaus herzhafter Fürst und beweist dies durch seine 
Haltung; aber er ist nicht Herr seiner Truppen, die, wenn sie einmal 
das Gesicht abgewendet haben, nicht wieder zum Stehen zu bringen 
sind. Die Häupter seiner Miliz sind allzusehr unabhängig gestellt, und 
die Folge ist, dass der König sich nicht auf den strengen Gehorsam 
stützen kann, den der Kiieg erfordert. ** -) Die Truppen brannten und 
plünderten wo sie hinkamen, wie im Feindesland. Da die Absicht be- 
stand, den Polen die Bergstädte als Winterquartiere anzuweisen, er- 

•) Vergl. die Mittheilungen Sobiesky's an die Königin. Räumer 1. c. 
Seite 319. 

2) Onno Klopp 1 c Seite 346 nnd 558. 



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222 

ging unterm 4. October an den Herzog von Lothringen die Weisung, 
dahin zu wirken, dass der König von Polen seinen Truppen eine strenge 
Disciplin auftrage, auf dass die „Pergstättischen Camergütter von 
allen schaden und ruin conservirt werden mögen. " ^) 

Viele Sorge verursachte der kaiserlichen Regierung das Ver- 
hältnis Sobieskys zu Tökely. Der Verkehr zwischen Beiden dauerte 
auch während der Zeit fort, als sich der König im Bereiche der 
kaiserlichen Erbländer befand. War demselben an einer erfolgreichen, 
in ihren Wirkungen nachhaltigen Bekämpfung der Türken gelegen, so 
musste er auch dahin streben, Tökely in Ungarn unschädlich zu machen. 
Sobiesky that gerade das Gegen theil, es harrt hier noch mancher 
dunkle Punkt einer quellensichern Aufhellung. Tökely fand an dem 
Könige von Polen einen Vertreter seiner Forderungen, so dass sich 
daraus schliesslich eine Spannung des Letzteren mit der kaiserlichen 
Regierung ergab. ^) Zierowsky, der sich fort und fort als kaiserl. Ab- 
geordneter in der Nähe des Königs befand, überwachte dessen Ver- 
kehr mit Tökely auf das sorgfaltigste. Dieser Letztere war vom Sultan 
seinerzeit als Fürst von Oberungam eingesetzt worden. Sobiesky hatte 
unverkennbar die Anerkennung dieser Einsetzung von Seite des Kaisers 
im Auge. Tökelys und seiner Gemalin Güter lagen längs der polnischen 
Grenze. Es drängt sich der Gedanke auf, dass Sobiesky als Ent- 
schädigung für seine Bemühungen für Tökely, von diesem die Ab- 
tretung eines Theiles dieser Güter im Auge hatte, um daraus für sich 
oder für seinen Sohn einen Herrschaftsbesitz auf ungarischem Boden 
zu begründen.^) 

Unterm 1. October 1683 wurde als Antwort auf einen Bericht 
vom 28. September, Zierowsky angewiesen, er habe den König von 
Polen zu bewegen, dass „die Spannschaften und Platz auf Tökelischen 
Gütern, dem Kaiser eingerambt werden, und werde man aus dem pretio 
gemelter Guetter dem König genugsambe ergözlichkeit erfolgen lassen. ""*) 
Bei Sobiesky scheint die Absicht bestanden zu haben, diese Güter 
nicht im Namen des Kaisers zu besetzen, während das Bestreben der 
kaiserl. Regierung dahin gerichtet war, demselben nicht die Güter, 
dafür aber eine ihrem Werthe entsprechende Entschädigung zu 
gewähren. 



') K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 554. 

2) Vergll Onno Klopp das IX. Kapitel. 

8) Vergl. Onno Klopp 1. c. Seite 350. 

*) K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 551. 



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223 

Zu derselben Zeit trat auch Lubomirsky mit einem Anspruch 
hervor, er begehrte „zu einer Recompens seiner Dienste, des Töckhöly 
guett Kaesmark.** ^) Unterm 28. August 1684 wiederholte er sein An- 
suchen in einer andern Form, indem er um eine Pension oder um die 
Anweisung von Gütern an der polnischen Grenze bat. ^) 

Tökelys fortgesetzte Ränke und sein neuerlicher Anschluss an 
die Türken, zerriss endlich auch die Verhandlungen mit Sobiesky. 
Dieser letztere kehrte im December 1683 nach Polen zurück. 



XVII. 

Nach dem 12. September 1683. 

Kaiser Leopold I. hatte, da die neue Burg, der sogenannte 
Leopoldinische Tract, ganz unbewohnbar war, die Stallburg be- 
zogen. ^) Eine seiner ersten Resolutionen, u. zw. ddo. 15. September, 
betraf die Ernennung des Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg zum 
Feldmarschall. ^) Der Kaiser verliess die Stadt am 19. September, 
um nach Linz zurückzukehren. ^) Es verdient erwähnt zu werden, dass 
weder in den Acten, noch in andern gleichzeitigen Quellen von einer 
Begrüssung desselben in Wien, durch Abgeordnete der nied.-österr. 
Stände, Erwähnung gemacht wird. 

Eine weitere Anordnung verfügte die üeberführung der im tür- 
kischen Lager zurückgebliebenen Geschütze, Waffen und Munition in 
das kaiserliche Zeughaus. Schon am 14. September erhielt Graf 
Starhemberg die Weisung, hiezu IO(KJ Mann zu commandiren. ^') Da 
von der Bevölkerung Waffen und Munition verschleppt wurden, erflossen 
wiederholt strenge Aufträge zur Ablieferung derselben. 



i) K. k. Kriegs-Avchiv Prot. Nr. 36ü, Fol. 584vers. 

«) K. k. H. K. A. Fase. 13868. 

^) Hocke 1. c. Seite 208. Der Kaiser soll beim Anblick der unter seiner 
Regierung erbauten „neuen Burg" ob der furchtbaren Verwüstung derselben, 
in Thränen ausgebrochen sein. 

*) Diese Beförderung wurde dem Herzog von Lothringen am 19. Septem- 
ber bekannt gegeben, k. k. Kriegs- Arch. Prot. Nr. 367. Fol. 540. 

*j Von Interesse ist, dass man zu Linz schon am 13. September den 
Entsatz von Wien wusste. K. k. H. K. A. Fase. 17104. Wahrscheinlich hatte 
man zur Beruhigung der Kaiserin, welche erst am 7. September entbunden 
hatte, Signale durch Feuer u. s. w. eingerichtet. 

K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 367 Fol. 536. 



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224 

Am 21. September fand eine Musterung „der bey gewehrten 
belägerung in der Stadt Wien gewesten Regimenter vndt Compagnien 
statt ".^) Da sich die Musterungs-Listen nicht erhalten haben, so lässt 
sich der Verlust, welchen die Besatzungstruppen an Gefallenen, Bles- 
sirten, an der Ruhr und anderen Krankheiten Gestorbenen, nicht mehr 
genau angeben, diese Einbussen waren jedoch höchst erheblich. Der 
Stand der Truppen beim Beginne der Belagerung wird in den gleich- 
zeitigen Quellen verschieden, jedoch in nicht allzuweit von einander 
abweichenden Ziffern angesetzt. Starhemberg veranschlagte die Be- 
satzung auf 10.000 Mann (Seite 108); den gleichen Stand gibt Väl- 
keren, 1. c. Seite 19, an. ^) Graf Caplirs gab 7000 Mann an, welche 
mit Zurechnung von 1000 Mann des Regimentes Kaiserstein und 
1 200 Mann Stadtguardia zusammen 9200 Mann ergeben. Diese drei 
Ansätze kommen um die im Laufe der Belagerung angeworbenen 
550 Mann zu erhöhen. Hocke, 1. c. Seite 200, gibt mit Zuzähking der 
Stadtguardia 12.700 Mann an, wobei die eben erwähnten 550 bereits 
eingerechnet sein dürften. Der Durchschnitt würde somit 10.887, oder 
rund 10.900 Mann ergeben. 

Den Gesammtverlust an Todten gibt Hocke für die Besatzung 
mit 5000 Mann an, eine Ziffer, die zu hoch sein dürfte und auf 3500 
bis 4000 Mann herabzusetzen kömmt. ^) üeber die kranken und bles- 
sirten Soldaten der Garnison meldete das Deputirten-Collegium unterm 
22. September an den Kaiser, dass sich davon 3500 Mann in Wien 
befinden. ^) Es ergibt sich somit aus den Todten, Blessirten und 
Kranken bei den Besatz ungstruppen während der Belagerung ein Ab- 
gang von 7000 bis 7500 Mann, daher Starhemberg am 12. September 
3500, in höchster. Ziffer aber noch 4000 Mann unter den Waffen 
hatte. Wir sehen somit, dass jener armenische Diener, welcher am 
5. September im türkischen Lager aussagte, dass der Stadtcomman- 
dant nicht mehr als 5000 Soldaten habe, ganz gut informirt war. In 
dem auf ein Minimum zusammengeschmolzenen Rest der Besatzungs- 
truppen, und nicht in dem Zustande der Festungswerke, lag die 
grösste Gefahr. Wenn wir erwägen, dass das isolirte Burg-Ravelin 
vom 12. August bis 3. September gehalten werden konnte, so dürfte 

») K. k. Kriegs-Arch. Prot Nr. 366, Fol. öSOveis. 

2) Da Välkeren Mitglied des Hofkriegsrathes war, dürfte seine Angabe 
als verlässlich anzunehmen sein. 

3) Hocke 1. c. Seite :>00. 

') K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 807, Fol 717. 



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225 

auch den beiden viel stärkeren Bastionen und der zwischenliegenden 
Courtine eine entsprechende Widerstandsfähigkeit zuzuerkennen sein. 
Für die Vertheidigung derselben fehlten jedoch die Truppen. 

lieber den Verlust der Stadtguardia in der Zeit vom Beginne 
der Belagerung bis zum 24. December 1683 „durch den Erbfeind und 
andere Todesfälle*^ liegt ein genaues Verzeichnis vor. Er betrug 
bei der Stadtobristen-Compagnie ...*... 155 Mann 

„ „. Obristlieutenant-Compagnie 167 „ 

„ „ Obristwachtmeister-Compagnie 179 „ 

Zusammen 501 Mann. ^) 
Selbst wenn angenommen wird, dass diese Truppe beim Beginn 
der Belagerung den completten Stand von 1200 Mann besass, so 
beträgt der Verlust derselben noch immer 42 7o- 

„Von der Burgerschafft und andern seynd von Anfang July biss 
End dess Septempris 1683, 1648 Personen jung und alt gestorben, 
darunter 166 würkliche wöhrhaffte Burger gewesen,** 
erzählt Hocke.r) Die 1648 Personen jung und alt werden als die in 
den Monaten Juli, August und September Verstorbenen bezeichnet, 
darunter 166 wehrhafte Bürger. Dass von diesen welche vor dem 
Erbfeind, oder überhaupt im Kampfe gefallen sind, wird nicht 
gesagt. 

Die Belagerungs- beziehungsweise Vertheidigungskämpfe von Wien 
wurden von mir in drei Abtheilungen gebracht. Die erste Periode 
(Capitel XI) umfasst die Zeit vom Beginne der Angriffe bis zum 
Sprengen der ersten Mine am Burg-Ravelin am 12. August. Während 
dieser Zeit lag der Schauplatz der Kämpfe auf den Glacien und an 
den Contrescarpen ; sie umfassten eine Zahl ruhmreicher, aber auch 
sehr blutiger, namentlich an Officieren verlustvoller Ausfälle zum Zer- 
stören der feindlichen Annäherungsarbeiten, oder Abschlagen feind- 
licher Sturmangriffe auf den bedeckten Weg. Diese Kämpfe konnten 
erfolgreich nur durch wohldisciplinirte bewährte Truppen durchgeführt 
werden. Dass dabei die Bürger oder die undisciplinirten, im Gebrauche 
der Waffen ganz ungeübten Frei-Compagnien verwendet wurden, lässt 
sich durch quellensichere Belege nicht nachweisen. 

Die zweite Periode umfasste die Zeit vom 12. August bis zum 
Aufgeben des Burg-Ravelins am 4. September. (Capitel XIII.) Es han- 



K. k. H. K. A. Fase. 13866. 
2) Hocke 1. c. Seite 200. 

15 



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226 

delte sich während dieser Zeit in erster Linie um die Vertheidigung 
des genannten Ravelins. Für die Vertheidigerivon Wien war 
dieses die glanzvollste Episode der Kämpfe. Graf Caplirs 
hatte in seinem Bericht an den Herzog von Lothringen schon am 
27. August gesagt, dass sich das Ravelin nur noch einen oder zwei 
Tage werde halten lassen (Seite 169). Die Truppen behaupteten es 
jedoch selbst dann noch, als der Stadtcommandant das Aufgeben des- 
selben bereits genehmigt hatte, und überliessen schliesslich erst am 
4. September einen Schutthaufen in den Händen der Türken. Für 
die Annäherung des Entsatzes war jeder gewonnene Tag von der 
höchsten Bedeutung. Auf Seite 171 wurde dargelegt, dass sich eine 
Betheiligung der Bürger oder der Frei-Compagnien an diesen Kämpfen 
nicht nachweisen las st. 

In der dritten Periode der Stadtbelagerung, u. zw. vom Aufgeben 
des Burg-Ravelins bis zum Entsatztage, waren in erster Linie die drei 
Sturmangriffe, u. zw. am 4. September auf die Burgbastei, am 
6. und 8. September auf die Löwelbastei von Bedeutung. Dass 
beim Abschlagen dieser drei Angriffe nur die ßesatzungstruppen, 
nicht aber die Bürger oder die Frei-Compagnien betheiligt 
waren, geht aus den über diese Kämpfe bei Hocke, u. zw. auf den 
Seiten 174, 179 und 183, vorkommenden Berichten hervor. ^) 

Die Bürger hielten die Dominikaner- oder Bürgerbastei besetzt, 
wo sie auch ihre Geschütze placirt hatten. Sie deckten hier das 
einzige nicht verboUwerkte Stadtthor, das Stubenthor, und wiesen die 
Annäherung des Feindes an dieser Seite der Festungswerke zurück. 
Ein eigentlicher Angriff fand hier jedoch nicht statt. Die Studenten 
überwachten das Befestigungs-Segment vom Schottenthor abwärts zum 
Neuthor. Den Hofbefreiten waren die Festungswerke vom Stubenthor 
aufwärts zur üeberwachung zugewiesen. Auch an diesen Punkten 
erfolgten keine feindlichen Angriffe. 

Die Bürger und Frei-Compagnien betheiligten sich besonders bei 
den verschiedenen Defensionsbauten, wie Herstellung von Abschnitten, 
Aufwerfen von Brustwehren, Verpallisadirungen u. dgl. beim Verboll- 
werken und Verbarrikadiren der Strassen u. s. w. An diesen Arbeiten 
war übrigens auch das Militär betheiligt und bezog der Mann per Tag 
eine Zulage von 2, später von 3 Groschen, auch Brod und Wein. Auch 
die Angehörigen der Frei-Compagnien wurden entlohnt, sowie Alle, 



*) Vergl. auch Camesina 1. c. Seite 63, Note 1. 



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227 

welche sich freiwillig bei den Defensionsbauten beschäftigten. Es wurden 
zu diesem Ende während der Dauer der Belagerung 36.000 Gulden 
beausgabt. Die Türken suchten alle diese Arbeiten durch das Einwerfen 
von Bomben und Steinen zu verhindern, wodurch, sowie durch abge- 
sprengte Mauerstücke viele Bürger und Arbeiter getödtet und ver- 
wundet wurden. Hocke und Välkeren berichten darüber an mehreren 
Stellen. Hieher gehört unzweifelhaft auch eine Anzahl jener „166 würck- 
lichen wehrhaften Bürger", welche Hocke Seite 200 unter den Ver- 
storbenen aufzählt. Sowohl die Bürger, sowie die Angehörigen der 
Frei-Compagnien konnten sohin mit vollem Rechte sagen: „dass sie 
bei der Defension der Stadt Blut und Leben daran 
gesetzt*'. 

In dem Masse, als die Stadtbesatzung zusammenschmolz, musste 
Graf Starhemberg auch jene Mannschaft, welche bisher in der Stadt 
Wachposten besetzt hielt, zu jenen Truppen einziehen, die bei der 
eigentlichen Stadtvertheidigung in Action waren. Daraus ergaben sich 
die erhöhten Anforderungen, welche an die Bürger gestellt wurden, 
wobei es sich jedoch lediglich um die Betheiligung beim „Wachten 
und Schanzen** handelte. *) 



*) Auch der Archivsdirector Herr Weiss, konnte in seiner Abhandlung 
„Herr Onno Klopp und das Verhalten der Bürger Wiens im Jahre 1683" nur 
die Betheiligung der Bürger beim Wachen und Schanzen nachweisen (Vergl. 
die Seiten 12, 13, 14, 16 n. a. dieser Abh.) Eine Antheilnahme dersel- 
ben an den Kämpfen vermochte er aus den Quellen nicht darzuthun. Von 
entscheidender Wichtigkeit für die Bem*theilung dieser Frage, ist jedoch das 
Votum der Stadt Wien zu den Landtags-Propositionen pro 1684. (Abged. 
bei Camesina 1. c. Anhang Seite 20, Beil. XIV.) In demselben erscheinen in 
eingehender, und wie es gar nicht in Abrede gestellt werden kann, in berech- 
tigter Weise, jene Schwierigkeiten und Bedrängnisse geschildert, von denen 
Wien damals belastet war. Der Stadtrath hätte es in diesem umfassenden 
Schriftstück sicher nicht unterlassen, den Verlust an Bürgern in den Kämpfen 
zu erwähnen, falls sich dieselben an diesen Kämpfen betheiliget und dabei 
Verluste erlitten hätten. In dem Votum wird hervorgehoben : „Man will nicht 
sagen, was die ai-me burgerschafft Vor — In — und nach der belägerung an 
Wein hergeben, täglich schanzen, an extra ordinäre Quartierungen neben 
den Hoff und Statt Guardi Soldaten Quartieren und andern beschwernussen 
aussgestanden, die Vermögens-Steyer raichen, sich Verproviantiren müssen 
und was für grossen schaden selbe gelitten, u. s. w." Wollte man schliess- 
lich den kleinen Ausfallen, welche von Studenten, einzelnen Trupps der Frei- 
compagnien, auch von Bürgern und Soldaten, jedoch an den von den Tür- 
ken nicht angegriffenen Seiten der Stadt unternommen wurden, 
eine Bedeutung beilegen, so kömmt zu erwägen, dass es sich bei diesen ünter- 

15* 



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228 

Man wird vielleicht auf den Umstand hinweisen wollen, dass 
der Stadtcommandant schon am 27. Juli Vorkehrungen für den 
Fall eines Generalsturmes traf, an verschiedenen Orten den Bewaff- 
neten ihre Sammelplätze anweisen und zugleich verlautbaren Hess, 
dass das Läuten aller Glocken das Eintreten einer solchen Krisis 
anmelden werde. Diese Anordnungen wurden wiederholt, auch noch 
am 7. September in Erinnerung gerufen. Ein Generalsturm trat 
jedoch, Gottlob, nicht ein. Im Falle eines solchen Ereignisses 
konnte es allerdings geschehen, dass die Kräfte der Stadtbesatzung 
nicht zugereicht hätten, denselben abzuschlagen, wie auch Starhemberg 
unverkennbar in den letzten Tagen der Belagerung das Eintreten einer 
solchen Katastrophe befürchtete, dann aber hätte sich Jeder um sein 
eigenes Leben zu wehren gehabt. 

Wäre die Stadtvertheidigung an einem derart verhängnisvollen 
Moment angekommen, dann würde sich höchst wahrscheinlich noch 
eine andere Calamität geltend gemacht haben. Das in der Stadt anwe- 
sende zahlreiche „fremde, herrenlose und müssige Gesindel**, bei dem 
sich viele französische und Tökely'sche Emissäre befanden," hätte sich 
wohl kaum an der Stadtvertheidigung betheiligt, sondern es wäre als- 
bald zu Raub und Plünderung übergegangen. 

Ich weiss nur zu gut, dass meine Darstellungen, welche sich 
gegen liebgewordene Traditionen richten, eine tiefgehende Verstimmung 
hervorrufen werden. Man hatte, jedoch erst durch neuere Publicationen 
veranlasst, die Ansicht gepflegt, dass die Wiener Bürger des Jahres 
1683 mit den Waffen in der Hand auf den Breschen der Stadtmauern 
den Türken entgegengetreten sind, und dort blutige Kämpfe bestanden 
haben. 

Es ist mir nicht gelungen, für die Richtigkeit 
dieser Ansicht, auch nur die geringsten quellensicheren 
Belege aufzufinden. 

Da nun die Resultate eingehender Studien mit den Traditionen 
welche sich über dieselbe Frage gebildet haben, nicht übereinstimmen, 
so dürften, so sehr dieses auch immer verstimmen mag, die Letztern 
aufzugeben sein. 



nehmungen nicht dahin handelte, den Feind von der Stadt zurückzuschlagen, 
sondern lediglich darum, Hornvieh aus dem feindlichen Lager in den Stadt- 
graben zu treiben. Dieselben verliefen beinahe sämmtlich ohne Verluste für 
die Ausfallenden. 



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229 

Bei den gegen die Türken mit der blanken Waffe durchgeführten 
Kämpfen auf den Glacien, an den Contrescarpen, im Stadtgraben, auf 
dem Burgravelin und endlich auf den Breschen der Burgbastei und 
der Löwelbastei waren nur die kaiserlichen Besatzungs- 
truppen betheiliget. 

Es kann eingewendet werden, es sei dadurch, dass für die Be- 
theiligung der Wiener Bürger an diesen Kämpfen ein quellensicheres 
Belege nicht vorliegt, noch durchaus nicht die Nichtbetheiligung der- 
selben an diesen Kämpfen erwiesen. Eine derartige Einwendung dürfte 
darum alsbald als hinfällig erkannt werden, weil Niemand beweisen 
kann, dass etwas nicht vorgekommen sei. Die Ergebnisse meiner 
ebenso sorgfältigen wie unbefangenen Forschungen werden sich nur 
dadurch widerlegen lassen, wenn, — jedoch nicht auf blosse Tra- 
ditionen, sondern auf quellensichere Grundlagen gestützt — der Tag, 
an welchem und der Ort, wo sich die Bürger an den oben erwähnten 
Kämpfen mit der blanken Waffe betheiligten, nachgewiesen, auch der 
Verlust an Todten und Verwundeten aus den Reihen derselben, nament- 
lich in Bezug auf die Officiere und die Namen dieser letztern für die 
einzelnen Kämpfe angegeben wird. 

Uebrigens dürfte der dermal igen Bürgerschaft von Wien der 
Gedanke ferne liegen, das Verdienst, welches durch die Vertheidigung 
der Stadt gegen die Türken im Jahre 1683 die kaiserlichen Be- 
satzungstruppen erworben haben, in irgend einer Weise verkürzen zu 
wollen. 

Diese Truppen haben mit beispielloser Ausdauer und Tapferkeit, 
das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertiget. Die Führer Alle und 
gewiss auch viele aus der Mannschaft erkannten, dass sie auf den 
Wällen von Wien den Fortbesand der Habsburgischen Monarchie, aber 
auch den Culturstand Mittel-Europas gegen die demselben drohende 
Vernichtung vertheidigten. In den Acten wird die Stadtbesatzung 
wiederholt „aus Kerntruppen bestehend" bezeichnet. Die Vertheidigung 
von Wien ist eines der glanzvollsten Blätter in der Geschichte des 
kaiserlichen Heeres. So wie die Mannschaft haben sich auch die An- 
führer mit unsterblichem Ruhm bedeckt: 

„Und dieser Ruhm bleibt vor dem Gerichte, 
Dem unbestechlichen, der Weltgeschichte!" 

Wie schön wäre es, wenn ein Denkstein mit den Namen jener 
Regimenter, welche die Besatzung von Wien zur Zeit der Türken- 
belagerung im Jahre 1683 gebildet, auch mit den Namen ihrer An- 



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230 

führer geschmückt, an jener Stelle wo einst das Burgravelin stand, 
den Nachkommen erzählen würde, dass an diesem Platze Tausende 
von braven kaisertreuen Soldaten geblutet, um Wien dem Christen- 
thume und dem darauf gegründeten Kulturstande zu erhalten. 

Die in Wien befindlichen kranken und blessirten Soldaten an- 
belangend, mussten, da die kalte Jahreszeit heranrückte, thunlichst 
bald Vorkehrungen getroffen werden. Unterm 22. September hatte das 
Deputirten-Collegium an den Kaiser den Antrag gestellt, dass jene 
Kranken und Blessirten, deren Standquartiere und Werbebezirke vom 
Feind nicht devastirt wurden, dahin abzugeben sind. Diejenigen aber, 
welche in devastirte Orte gehören, etwa 2000 Mann, sind nach dem 
Vorschlage des Bischofs KoUonitsch nach Nieder-Ungarn auf die Herr- 
schaften der Rebellen zu verlegen. Diese Anträge wurden vom Kaiser 
genehmiget und erging an den Marchese d'Obizzi, welchem, da Starhem- 
berg bei der Armee in Ungarn war, das Stadtcommando übertragen 
wurde unterm 1. October die erforderliche Weisung.^) 

Von Greillenstein aus, ddo. 8. October 1683, traf der ständische 
Verordnete Graf Khuefstain die Einleitung, dass für die nach Mähren 
bestimmten Kranken und Blessirten, in Stockerau, wohin dieselben per 
Schiff gebracht wurden, für die Weiterbeförderung nach Znaim Fuhren 
bereit waren. Die nach Oberösterreich gehörigen Kranken und Blessirten 
wurden am Wasser hinaufgeführt. ^) 

1) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, Fol. öSO^ers. auch Fol. 557v'rB. 
*) Landes- Archiv E. 5. 13., auch E. 6. 10. Für die Beurtheilung dieser 
Angelegenheit ist das nachfolgende Verzeichnis von Interesse: 

Specification. 
Der von nachbenannten Regimentern zu Fuess noch in Wienn befindenden 
Krankhen vnd blessirten Soldaten, vermög eingegebenen Tabellen Ihro Exe. 
dem Herrn Stadtobristen Grafen von Stahremberg. 

Krankhe Blessirte 

Stahremberg Reg 349 374 

Summa 723 Mann 

Wovon die Helffte als 361 Köpf in Mähren vnd die andte Helffte An- 
mitls Herrn Bischoff von KoUonitz in Hungarn verlegt werden sollen. 

Schärffenberg . . . . 229 337 

Summa 566 Mann 

Welche völlig in ober Oesterreich gehen sollen. 

Beckh 218 148 

Summa 366 Mann 

Die hier bleiben werden. 



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231 

Die Verhandlungen wegen Verpflegung der in Wien befindlichen 
kranken und blessirten Soldaten, verschärften neuerdings die zwischen 
dem Deputirten-Collegium, der hinterlässenen Hofkammer und dem 
Stadtrathe ohnehin bestehenden Schwierigkeiten. Der letztere hatte für 
die Spitäler die Abgabe von 1000 Eimer Wein zugesagt, auch bis 
zum Entsätze von Wien 200 Eimer wirklich geliefert, verweigerte 
jedoch, da die Stadt nunmehr befreit,« die restlichen 800 Eimer. Der 
Hofkammer-Rath von Belchamps, der dieselben in Anspruch nahm, be- 
richtete über diese Angelegenheit nach Linz „dannoch aber vngehindert 
aller vorgebrachten Erheblichkeiten, nicht allein lehres Stroh getroschen 
sondern auch von dem hiesigen Statt Syndico Doctore Hocki noch 
einige vngeschaffene worth habe anhören müssen." 

üeber eine neuerliche Eingabe, welche Belchamps unterm 
30. September an die anwesende Hofkammer richtete, erfolgte von der- 
selben, ddo. Linz 7. October 1683 die Weisung, es möge das De- 
putirten-Collegium ersucht werden, die erforderlichen Schritte zu ver- 
anlassen, worüber die hinterlassene Hofkammer an das genannte 
Collegium, ddo. 14. October die nachfolgende Note richtete: 

„Hochlöbl. Hinderlassene gehaimbe vmd Depudirte Herrn Räthe. 
Gnädig vndt günstige Herrn vndt Freundt. 

Nachdem des Hoff-Cammers Mittls Rath Herr Carl von Belchamps 
die zu Lüntz anwesendte Kays. Hoff Camer, vnderm 30 negst abge- 
wichenen Monaths 7 bris erindert, wassmassen die von Wienn an dem 
vor die Soldatesca verwilligten Wein quanto, noch 800 Emer zu liffern 
restireten, hat erst gedachte anwesende Kays. Hoff Camer an die allhie 
hindlassene vnderm 7, decurrentis rescribirt, dass bey dem Hochlöbl. 
Collegio der Hm. gehaimben vndt Depudirten, dessentwegen eyffrigst 
Instanz geschehen, vndt die gemessene aufflaag an die von Wienn 
dissfahls aussgewürkht werden solle, wann nun nicht allein von den 
abmarschirenden Regimentern eine nambhaffte anzahl der Krankhen 
vndt blessirten alhir zuruckh verhüben, die Peckhische, Neuburgische^ 
Wirtenb. vndt Heisterische aber völlig allhir subsistirt worden, zu 
welchen auch die Bayrische vndt Saltzburg. Krankhe auf den halss 



Thünb ohne die Kayserstein, welche beede Regimenter sonsten zusammen 

repartirten ♦ • 218 47 

Snmma 265 Mann 

so in Schlesien die quartier zu beziehen haben. 

Kayserstein aber mit 113 Krankhen vnd 89 Blessirten in Böhmen. 
Wienn den 24. September 1683. 



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232 

geladen worden, welchen allen die nothdurfft an wein durch pahre 
mittel zu verschaffen, der Hoff-Camer bey ohne diss anderertig vner- 
schwincklich Aussgaaben alzu beschwerlich fallen will, beynebens Ihro 
Kays. Mayt. an conseruirung der Miliz höchstens gelegen, vndt der- 
gleichen wider genessende Soldaten vor andern neuen unexercirten 
guethe erspriesliche Kriegsdienste laisten khönnen, auch die Statt 
Wienn vndt mithin eines ieden Bürgers vndt Inwohners Substanz 
durch diser Soldaten standhafftigkhait erhalten worden ist, wie dann 
auch durch die aufgehobene belagern ng die Obligation der gemainen 
Statt, wegen der versprochenen anzahl wein, darauff man sich be- 
ständig verlassen, kheinesweegs erloschen ist, alss ersuchet dass 
hochlöbl. gehaimbe Depudirte Collegium die hinderlassene Kays. Hoff 
Camer dienstgehors. an mehr besagte von Wienn die gemessene auff- 
laag vnd Anordnung ergehen zu lassen, damit von denen selben der 
ruckhstandt pr. 800 Emer wein, zu banden der vor die Krankhen vnd 
plessirten Soldaten beobachtung, depudirte Cameral-Commissarien vn- 
verlängt aussgefolgt werden solle." 

„Wien, 14. October 1683.« ^) 

Die Erledigung dieser Angelegenheit lässt sich aus einer Note 
entnehmen, welche die anwesende Hofkammer, ddo. Linz 20. October 
1683, nach Wien richtete. Es wird in derselben gesagt, dass es keinem 
Anstände unterliege, denen kranken und blessirten Soldaten „einen 
noth und Zöhrpfennig zu raichen, Vnd versieht man sich vbrigens 
genzlich, die von Wienn werden die vor die Kays. Miliz noch ruckh- 
stendige 800 Emer Wein in keine weitere difficultet stellen, vmb willen 
vorkombt, das diese vnter die Jenige, so in der Statt Wein liegend 
haben, bereits repartirt seyn".^) 

Auf Seite 109 wurde nachgewiesen, auf welche Weise das De- 
putirten-Collegium jene Geldmittel herbeischaffte, die zur Deckung der, 
während der Belagerung aufgelaufenen grossen Auflagen erforder- 
lich waren. 

Da die beiden Erzbischöfe das Ansuchen stellten, es möge bezüg- 
lich Refundirung ihrer Gelder ein Abkommen getroffen werden, ordnete 



1) K. k. H. K. A. Fase. 13864, auch Fase. 17104. 

2) Daselbst. Fase. 13864, auch Faso. 17104. Es wurde schon ein- 
mal auf den, einem guten Zusammenwirken abträgigen Einfluss des Stadt-Syn- 
dicus Hocke aufmerksam gemacht. Dieser war unverkennbar ein sehr tüchtiger, 
aber auch rechthaberischer und leidenschaftlicher Mann. 



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233 

der Kaiser die Vorlage der einschlägigen Rechnungen an. Controlor 
Eineder brachte, ddo. Linz 27. März 1 684, eine aus den Wochen- 
ausweisen zusammengestellte Specification ein, welche die Hofkammer 
unterm 29. März dem Kaiser vorlegte, von dem sie ddo. 6. April 1684 
mit der Resolution „Dient zur Nachricht vndt habe vor diessmahl 
weitter nichtss dabey zu erindern. Leopold." erledigt wurde.^) 

Nachdem die Vorlage des Controlors Eineder von hohem Interesse 
ist, theile ich dieselbe ihrem vollen Wortlaute nach mit, 

Specification 

Wohin dess Herrn Ertzbischoffen von Gran in Zeit der Wien- 
nerischen Belegerung erhobene 480793 fl. 38 kr. (worunter 24294 fl. 
51 kr. aggio von denen Ducaten vnd Tallern begriffen) dann dess 
Herrn Erzbischoffens zu Raab 61555 fl. 10 kr. Vnd dess Fürsten von 
Schwarzenberg Empfangene 50000 fl. alle drey posten in einer Summa 
592348 fl. 48 kr. betragendt. Verwendet worden. Beschrieben in Linz 
den 27*«» Marty 1684 

Aussgaaben undter der Belegerung. 

Erstlichen. Auf Verpflegung der in der Statt Wienn gelegenen 
Kais. Regimenter, alss: 

Alt Starhemberg 15277 fl. 30 kr. 

Neuburg 7^ Regiment 7121 „ 30 „ 

Württemberg V2 « • - • 7160 „ 45 „ 

Kaysserstain ^/g „ i . 7861 „ 30 „ 

de Souches ganz „ 15117 „ 30 „ 

Scherffenberg „ 14468 „ 45 „ 

Mannsfeldt „ 14479 „ 30 „ 

Beckh „ 10354 „ 15 „ 

Heyster '/, „ 7615 „ 15 „ 

Thünbische 3 Compagn 4512 „ 30 „ 

Der Strasoldischen Mannschaft 172 » 30 „ 

Dem Stadtguardia Regiment . ... 7651 »15 « 

Dem Dupignischen Regt, zu Pferdt 12513» — » 

Denen Artiglerie Persohnen . .... . . 2859 » 30 » 

Vnd andern Vnterschiedlichen Officiern so sich in der 

Defension gebrauchen lassen Zur Vndterhaltung . 3774 » 30 » 

Dem Kais. Schöffambt zalt 3000 „ — „ 

Dem Obrist-Proviantambt . 20737 „ — „ 

') K. k. H. K. A. Fase. 13867. 



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234 

In das Kais. Zeughauss Wienn zu dessen Ambts Not- 

turften abgegeben 6000 fl. - kr. 

Dann zu Bezahlung einer gewissen anzahl Handt- 

Granathen vnd ander Nothwendigkheiten . . . 582 ^ 30 „ 
Dem Stukhgiesser Vor ein anzahl gegossener Stukh-. 

kugeln 500 , — , 

Auf die Fortification oder allerseits beschehene ab- 

schnidts Verpauungen vnnder der Belegerung nach 

vnd nach zahlt . . 36000 „ — „ 

Auf zuewerbu^g 550 Mann haben Vorbemelte Regter 

empfangen vor Jeden 3 Reichsthaller bringet . . 2525 „ — „ 
Zu ünnderhaltung der Krankhen und Blessirten Sol- 
daten zahlt 7898 „ 54 „ 

Dann Zu Bezahlung der verbrauchten Medicamenten 

entricht . 3750 „ — „ 

Item 32 Beckhen so dass Bachwerkh für gedachte 

Krankhe Soldaten versehen zur Besoldung . . 300 „ — „ 

Dem Corneo vnd Hochen, beeden Ingenieuren an 

Ihrer Verpflegung 924 „ — „ 

Dann denen gesambten General Adjutanten .... 420 „ — „ 
Vor erkhauffte Rupfen vnd andere grobe Leinwath 

zu denen Woll- vnd Sandtsäckhen auf die Prust- 

wöhren, vnd vor dass macherlohn ...... 3407 ^ 25 ,, 

Dreyen Ratzen welche von der Kays. Generalität zu 

4 mahlen mit höchst nothwendiger Communication 

auss der Statt nach der Kays. Armada geschickht 

worden zur verdienten recompens in goldt zahlt 2760 „ — „ 
Unterschiedlichen Soldaten vnd andern Partheyen zur 

adjuta geben 1499 „ 30 „ 

Volgen die Aussgaaben gleich nach der Be- 
legerung auch von eingangs gemelten geldern be- 
schehen 
In die Kays. Veldtkriegs Cassa zu Bezalung der 

Kays. Armada hinaussgeben 200000 „ — » 

Nacher Linz zu Bestreitung der alda vorfallenden 

Kriegs- Aussgaaben abgeführt 161062 »17 „ 

Vnd abgestatt die Jenigen 10000 fl., welche kurz 

vor der Belegerung auf der hochlöbl. Hoff-Cammer 

gnedigen Beuelch zu gewissen endte Vor den 



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235 

Baron Saponara in Oberhungarn Zusendten, anti- 

cipiert werden müssen Id est 10000 „ — „ 

Summa aller ob specificirten Aussgaben 592306 fl. 21 kr. 

Linz den 27. Marty 1684. Joh. Michael Eineder 

Controlor. ^) 

Von den mit 592.306 fl. 21 kr. ausgewiesenen Gesammt- Ausgaben 
wurden im Laufe der Belagerung 221.244 fl. 4 kr. verwendet, wozu 
der Stand der Feldkriegskassa beim Einrücken der Truppen in die 
Stadt mit 24.000 fl. und endlich jene Forderungen kommen, welche 
nach der Belagerung von verschiedenen Parteien geltend gemacht und 
an dieselben mit 6183 fl. 12% kr. bezahlt wurden ; -) so dass sich 
die Gesammt-Summe der durch die Stadtvertheidigung verursachten 
Baarauslagen mit 251.427 fl. 16% kr. ergibt. 

Nachdem die Stände der Erbländer die Steuerbeiträge in der 
kurzsichtigsten Weise beschränkt hatten, waren es zunächst die Sub- 
sidien des Papstes Innocenz XL, welche dem Kaiser die Kriegs- 
rüstungen gegen die Türken und die Kriegsführung selbst ermög- 
lichten. ^) Ohne diese Geldhilfe würde der Entsatz von Wien unaus- 
führbar geblieben sein. Aber auch die Kosten der Vertheidigung von 
Wien wurden vorherrschend aus Geldern der Geistlichen bestritten, 
welche jedoch zwangsweise herangezogen werden mussten. Beide Mo- 
mente lassen auf die trostlose Lage der kaiserlichen Regierung ein 
helles Streiflicht fallen. 

Der Umstand, dass dem Deputirten-Collegium genügende Geld- 
mittel zur Verfügung standen, ermöglichte die rechtzeitige Soldzahlung 
an die Besatzungstruppen. Eine in Folge von Soldrückständen etwa 
entstandene Unzufriedenheit hätte bei den ausserordentlichen Ansprüchen, 
welche an die Truppen gestellt werden mussten, höchst bedenkliche 
Zustände hervorgerufen. 



^) Da vom Erzbischof von Gran verschiedene Gold- und Silbergegen- 
stände nach Wien gebracht worden waren, welche an die Münze abgegeben 
wurden, liegt über das Ausmünzungsergebnis ein vom Münzmeister Mitter- 
mayer eingereichtes Verzeichnis vor. Die in dem zu Gran aufbewahrten Proto- 
coU mit 499786 fl. 77* kr. schätzungsweise angesetzte Ziffer (Seite 110) stellt 
sich mit 480793 fl. 38 kr. richtig. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 17723. Vergl. auch Camesina 1. c. Anhang 
Seite Ip. 

^) Dem Kaiser flössen auch Subsidien von einigen deutschen Kirchen- 
fursten, desgleichen von mehreren norditalienischen Fürsten und Republiken zu. 
Die hier einschägigen Fragepunkte sind noch lange nicht klar gestellt. 



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236 

Für Kundschafterdienste wurden an drei Raizen 2760 fl. in Gold 
ausbezahlt. Unter diese Raizen gehörte unzweifelhaft auch Kolschitzky, 
der jedoch keinen Anstand nahm, auch die Stadt Wien um eine 
„Höchstverdiente belohnung" anzugehen. ^) Von besonderer Bedeutung 
war es, dass die vorhandenen Geldmittel die Möglichkeit boten, den 
in der Stadt anwesenden Handwerksgesellen und anderen erwerbslosen 
Leuten bei den Fortificationsarbeiten einen Verdienst zu gewähren. Es 
wurden zu diesem Ende unter der Verrechnung des Fortifications- 
Bauzahlmeisters Scholz 36.000 fl. verwendet. Wäre es nicht ausführbar 
gewesen, diesen Leuten die für ihren Unterhalt erforderlichen Mittel 
auf diesem Wege zukommen zu lassen, dann hätte sich aus ihnen für 
die in der Stadt befindlichen bedenklichen Elemente ein gefährlicher 
Zuwachs ergeben. 

Nachdem Feldmarschall Graf Starhemberg am 25. September zur 
Armee nach Ungarn abgegangen und Graf Caplirs als Vicepräsident 
des Hofkriegsrathes anderweit in Anspruch genommen war, wurde eine 
Ergänzung des geheimen Deputirten-Collegiums nothwendig. Kaiser 
Leopold verordnete mit der Resolution vom 29. September 1683 den 
Statthalter Grafen Conrad Balthasar von Starhemberg an Stelle 
des Grafen Caplirs als Präsidenten, und als dessen Stellvertreter den 
Grafen Johann Quintin Jörger in das genannte Collegium ab. 
An Stelle des Stadtcommandanten Grafen Starhemberg wurde der Com- 
mandant der Festung Komorn und Hauszeugmeister Graf Hof kirchen, 
und statt dem Hofkammerrath von Belchamps, Gottlieb Freiherr 
von Aichpüchl in dasselbe berufen. ^) 

Mit der Resolution ddo. Linz 1. October 1683 wurde Belchamps 
als Commissär an die Seite des Commandanten in Steiermark, Grafen 
Carl Strassoldo, abgeordnet, mit der Weisung: „die dort herum lie- 
genden Gränizhäuser und Landen des Batthyani, Draskowitz, Zechi, 
Tökely und anderer türkischer Adhaerenten in possession zu nehmen, 
wenn nothwendig mit deutscher Besatzung zu belegen, und alle Vor- 
räthe, Effecten und Einkhommen, bis auf weithere Verordnung, so guet 
man khan verwahren und Niemanden einen Eingriff zu gestatten", 
den Eigen thümern sei jedoch bekanntzugeben, dass diese Massregel zu 
keinem anderen Ende als einzig ex ratione status et belli erfolgt und 



*) Camesina 1. c. Anhang Seite 31. 

*) Landes-Archiv E. 6. 10. K. k. H. K. A. Fase. 13864 und k. k. Kriegs- 
Arch. Prot. Nr. 366, Fol. 580vers. auch Nr. 367, Fol. 554. 



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237 

diese Orte, bis weiter darüber resolvirt wird, in status quo bleiben. ^) 
Um diese an Belchamps ertheilte Weisung zu präcisiren, erfolgte 
unterm 22. October ein Erlass an die Hofkammer, in welchem betont 
wird: „da der Kaiser annoch nicht resolvirt, was zu beruhigung des 
Königreiches Hungarn zu thun, und gegen derlei Ungetreue zu statuiren, 
sondern nur Kommissarien bestellt, welche dasjenige zu exequiren 
haben, was ex ratione status et belli insonderheit, damit unter andern 
auch nicht die victualia zu nothwendiger Unterhaltung der armata 
distrahirt werde, so ist durch die ungarische Hof-Canzlei der Palatin 
Graf Paul Esterhazy, welcher bereits Confiscationen vorgenommen, 
beauftragt worden, darin nicht fortzufahren". Die Hofkammer hat den 
ungarischen Kammer-Präsidenten, Grafen von Kollonitsch, hievon eben- 
falls zu verständigen. -) 

Dem neuorganisirten Deputirten - Collegium fiel zunächst eine 
wichtige Aufgabe zu. Dieselbe betraf das Ausfüllen der von den 
Türken hergestellten Laufgräben, das Abtragen der Galerien, Ver- 
schanzungen u. 8. w. und die Wiederherstellung der zerstörten und 
der beschädigten Festungswerke. 

Der Ingenieur Suttii^ger, welcher im Jahre 1680 einen Plan 
der Stadt Wien und^ ihrer Befestigungen angefertigt hatte (Seite 20), 
veranlasste alsbald eine Aufnahme der Laufgräben u. s. w. und legte 
„einen abriss der gewesten approchen" dem Kaiser vor. ^) Mit dem 
Planiren der Glacien wurde schon am 17. September der Anfang 
gemacht, es fand dabei ein Theil der Stadtbevölkerung, der es an 
Erwerb gebrach, eine Beschäftigung. Unterm 21. September, ferner 
unterm 9. October ergingen an das Kriegszahlamt Weisungen jedesmal 
bezüglich Auszahlung von 2000 fl. zur Durchführung dieser Arbeiten. ^) 

>) K. k. H. K. A. Fase. 14632, k. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 367, 
Fol. 563 und Nr. 367, Fol. 549ver8. 

«) K. k, H. K. A. Fase. 14632. 

8) Suttinger wurde im December 1683 zum kaiserliehen Hauptmann 
ernannt. Unterm 3 1 . Deeember 1 683 wendete sich der Hofkriegsrath mit einer 
„nachtrukhlicheu Recommandation" an die Hofkammer wegen Gewährung einer 
Entlohnung für den gelieferten „Abriss." K. k. Kriegs-Arch. Prot. Nr. 366, 
Fol. 643. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 17104. Während dem Einräumen der Lauf- 
gräben wurden fort und fort verschiedene von der Belagerung zurückgebliebene 
Requisiten weggeschafft. Unterm 1. October meldete Belchamps, er habe von 
den im rothen Hof und im Türkenlager vorhanden gewesenen Sandsäcken 
vier schwer beladene Wägen voll zur Aimade nach Ungarn geschickt, das 



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238 

Für die Wiederherstellung der eigentlichen Festungswerke hatte 
der Stadtcommandant Graf Starhemberg umfassende Anträge eingebracht. 
Sie bezogen sich auf die Behebung jener Mängel, aus denen sich 
während der Belagerung ein für die Vertheidigung nachtheiliger Ein- 
fluss ergeben hatte, ferner auf die Befestigungsarbeiten in der Leopold- 
stadt und auf der Donauinsel, und endlich auf eine entsprechende 
Erweiterung der Glacien, da die Nähe der Vorstadthäuser an den 
Contrescarpen den Türken die sofortige Festsetzung in geringer Ent- 
fernung von den letztern ermöglicht hatte. Graf Starhemberg ging 
unverkennbar von der Ansicht aus, dass die Niederlage vom 12, Septem- 
ber die Türken allerdings zurückgedrängt, ihreMachtjedochnicht 
für dieDauer gelähmt, und noch viel weniger gebrochen 
worden sei. Er behielt die Wiederholung einer Belagerung von Wien 
im Auge und strebte, in consequentem Festhalten seiner seit dem 
Jahre 1680 bethätigten Bestrebungen für die Hebung der Verthei- 
digungsfähigkeit der Stadt, eine Vervollständigung der Festungs- 
werke an. 

Ueber die von Starhemberg gestellten Anträge erfolgte, ddo. Linz 
den 19. October 1683, an den Stadtguardi-Obristwachtmeister Marchese 
degli Obizzi der nachfolgende kaiserliche Erlass: 

„Auss beyliegender abschrifft wirdest du mit mehrerm ersehen, 
wass Vnser (titl) Graf von Stahrmberg Wegen fortificirung Vnserer 
Residenz Statt Wien, vnd abraimb, oder Wider auf erbauung der in 
denen Vorstätten daselbst abgebranten Heusser für ein Vnderthänigstes 
guetachten erstattet hat. 

„Nun ist in solchen gar wohl gemeldet worden, dass wegen der 
spaten Zeith im Jahr nicht allein, wie Vnser Veld-Marschal graff von 
Stahrmberg errindert, sondern auch auss Viel anderen bewegenden 
Vrsachen mehr, dermahlen, vnd villeicht bey wehrenden disen Türken 
Krieg alle Verbesserung der Fähler an der Wienerisch fortification 
schwerlich gleich vorzunehmen. Viel neue Haubt-Werkh zu erbauen 
vnd ietzo allein dahin zu sehen sein werde, wie das nothwendigste 
reparirt, vornemblich aber die feindtliche approchen vmb die Statt 
eingeworffen, die contrascarpen, vnd bedekhte Weg in mehrern de- 
fension gesetzt, die Breschen gegen anfang des frühelings, zu welcher 



üebrige sei dem Zeuglieutenant übergeben worden. K. k. H. K. A. Fase. 13864. 
Am 14. Oktober meldete Aichpüchl, dass die im rothen Hof und im türkischen 
Lager noch immer vorhandene Munition, da nunmehr Wägen zur Verfügung 
stehen, in das Arsenal geschafft wird. K. k. H. K. A. Fase. 17104. 



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239 

Zeith man mauern kan, entzwischen mit Holzwerkh vnd anderer re- 
parirung vermacht werden. 

„Wegen der zu Verfertigung diser Werkh bedörfftigen Leuth vnd Gelt- 
mittel ist man bömühet, solche soviel immer möglich zusamb zu bringen. 

„Sonsten haben Wir auch auf ermeltes grafen von Stahrmbergs 
guetachten gnädigst resoluirt, dass die abraumung der nahe bey den 
bedeckhten Weg stehenden Vorstätt, gebew, Häuser, Mauern, Wie auch 
die abhackung der in denen gärten sich befindenden Hacken, Spallier, 
Baum, vnd dergleichen auf die 200 Claffter, so beyläufig 600 Schritt 
ausstragen möchten, von der contrascarpen an zu rechnen vorgenohmen, 
in wass für einer Zeith aber solche abraumung zu geschehen, von 
Vnseren hinterlassenen geheimb. vnd deputirten Räth zu Wien, alss 
an die Wir dissfals die notturfft schon gelangen lassen, vnd bey 
welchen Du Dich zu insinuiren haben wirdest, ein termin' etwa von 
3 oder 4 Wochen, nachdem Sie es für guet ansehen werden, auss- 
gesetzt, in solcher Zeith auch die obgemelte Abraumb vnd Abhackung 
Selbsten zu thuen, die materialien wegk zu bringen, vnd zu Ihrem 
nutzen sich derselben zu bedienen, denen possessoribus vnd Inhabern 
frey gelassen. Wo sie sich aber darmit säumbig oder renitent erzaigen, 
vnd solche abraumb vnd abhauung nicht in den ausssetzenden termin 
werkstellig machen wolten, so dan selbige ohne einigen respect der 
Persohnen ex officio vorgenohmen, vnd bedeute Materialien zur fortifi- 
cation der Statt Wien verbraucht vnd angewendet werden sollen, Wan 
nun dise abraumb vnd ausshakung geschehen, wirdet auch die gemelte 
ganze distanz der 200 Claffter oder 600 schritt zu gleich gantz eben 
gemacht die in solchen gezirckh vorhandenen Hügl ab- getragen, die 
tieffen Keller, gewölben vnd andere Löcher angefült, vnd alles vol- 
kommentlich applanirt werden muessen. 

„Die conservation der communication mit der Donau vnd dem 
anderen Land betreffend, lassen Wir es bey Vnserer den 18. Decembris 
vorigen Jahrs gefassten, vnd nachgehendts widerhohlten gnädigsten 
resolution verbleiben, dass die fortification in der Leopoldstatt nach 
dem von dem Obristleuth. vnd Ingenieur Rimpler seel. mit dem profil 
vnd Massstab ausführlich gemachten Riss vortgesetzt vnd verfertigt, 
iedoch das gantze Werkh nochmahlen vorhero, in Sonderheit wegen 
des Wassergebäues mit denen Wasser Ingenieur vnd Architecten vber- 
legt werden solle. " *) 

') K. k. H. K. A. Fase. 13865 Gdkb. Nr. 211, Fol. 423. K. k. Kriegs- 
Arch. Prot. Nr. 367, Fol. 577 und 577ver8, 



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240 

Die vorstehende Resolution, wodurch für die Glacien eine Breite 
von 200 Klafter bestimmt wurde, berührte das Interesse der Stadt 
Wien in empfindlicher Weise. Viele Gebäude mussten abgebrochen und 
Gartenanlagen rasirt werden, auch war die Fläche der Glacien bleibend 
mit dem Bauverbot belegt. Der Stadtrath brachte im November 1683 
eine eingehende Vorstellung ein, welche nach mehrfacher Berathung 
durch die Central-Stellen, unterm 5. Juli 1684 die kaiserliche Er- 
ledigung erhielt.^) 

So lange das Wetter Erdarbeiten gestattete, wurden dieselben 
eifrigst fortgesetzt, und mittlerweile die Materialien für den Aufbau 
der Festungswerke, namentlich Kalk herbeigeschafft. Als der Frost 
die Erdarbeiten einstellte, wurde zum Abbrechen der Glaciehäuser ge- 
schritten. Mit Erlass vom 28. December 1683 wurde es den Eigen- 
thümern freigestellt, das Materiale zu verkaufen oder dasselbe gegen 
entsprechende Preise dem Fortifications - Bauamte zu überlassen. ^) 
Unterm 12. Jänner 1684 meldete der Oberst-Stallmeister Graf Harrach, 
dass der Kaiser die Absendung von 12 Paar Zugpferden zur Dienst- 
leistung beim Festungsbau angeordnet habe. ^) 

Mit der Resolution, ddo. Linz, 28. December 1683 wurde der 
Auftrag ertheilt, dass, sobald es das Wetter gestattet, die Wieder- 



^) Unterm 24. November 1683 wurden dem Stadtschreiber Dr. Hocke 
„vmb ersprüsslich gelaister assistenz vnd mühesamen elaboriiung der zum 
Gemainen weessensstandt nüzlich Verfassten, auch beraits Ihre Kay. Mayt. ein- 
geraichten beschwerungs Schrifft 300 fl." ausbezalt. (Camesina 1. c. Anhang 
Seite 4). Der über diese Eingabe von der österr. Hofkanzlei an den Kaiser 
erstattete Vortrag enthält unverkennbar den Wortlaut derselben. Die Anträge 
der Hofkanzlei suchten den vorgebrachten Beschwerden thunlichst gerecht zu 
werden. Ueber die Resolution des Kaisers befindet sich auf dem Actenstück 
von der Hand des Secretärs Koch folgende Bemerkung: „Relatum sua Caes. 
Mt. Lincy 5. July 1684 et placuit; ausser dass, sovil die Hadschier vnd Tra- 
banten belanget, selbige bey der am 15. July an. 1660 ergangenen resolution 
nemblich bei 25 bis 30 Eimer jährlich zum Haustrunkh fechsen, vnd was 
Einer nit brauchet, für sich und ohne Ueberlassung an andere, biss auf weitere 
Verordnung aussschenken mögen, zu lassen sein." (Archiv des k. k. Min. des 
Inn.) Die Erledigung der Österr. Hofkanzlei findet sich Cod. aust IL Bd. 
Seite 495. Da die Stadt Wien durch den Wegfall vieler Häuser eine erheb- 
liche Einbusse an den Beiträgen zu den städtischen Ausgaben und Lasten er- 
litt, wurde zunächst mit der kaiserlichen Resolution vom 28. Jänner 1685 ein 
Ersatz angeregt, welche Angelegenheit jedoch erst mit dem Burgfriedens-Patent 
vom 15. Juli 1698 zum Abschlüsse gelangte. (Cod. aust. IL Bd., Seite 499.) 

2) K. k. H. K. A. Fase. 13865. 

^) Daselbst, Fase. 13866. 



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Herstellung der Festungswerke mit 4 bis 5 Tausend Arbeiter in An- 
griff zu nehmen ist, und kömmt nach dem Antrage des Grafen 
Starhemberg jedem Arbeiter ein Taglohn von 2 bis 3 Groschen je 
nach der Tagesdauer, und eine Portion Brod zu verabreichen. Zur 
Unterkunft sind in den Vorstädten Baracken zu errichten, oder die 
noch gut erhaltenen Brandstätten einzudecken. Die hinterlassene Hof- 
kammer wurde angewiesen, zur Rechnungsführung einen eigenen Bau- 
Gegenhandler zu bestellen.^) 

Die zum Fortificationsbau erforderlichen Arbeiter anbelangend, 
erging zunächst an die nied.-österr. Stände die Aufforderung zur Bei- 
stellung von 1200 Mann Landroboter, auch wurden von den Regi- 
mentern u. z. Daun 600, Rosa 400, Croy 500 und Lothringen 500 
Mann nach Wien commandirt, von welcher kaiserl. Resolution Starhem- 
berg am 23. Dec. 1683 verständiget wurde.-) Unterm 17. Jänner 1684 
wurden die in Inner-Oesterreich gelegenen Regimenter Heister und 
Aspermont nach Wien gerufen. ^) Die Stände von ob der Enns wurden 
angewiesen, 400 Mann Landroboter für die Zeit von zwei Monaten 
herabzusenden,*^) auch wurden dieselben ddo. Linz, 17. Febr. 1684 
„sehr nachtrukhlich vrgirt" sobald die Donau eisfrei ist, 28 Tausend 
Pallisaden gratis nach Wien zu liefern.'*) Sämmtliche Arbeiter u. z. 
Soldaten und Roboter erhielten den oben erwähnten Taglohn, so wie 
eine Brodportion oder 3 Kreuzer. 

Bei dem Umstände, dass sowohl zum Fortificationsbau, als auch 
zur Wiederherstellung der Wohngebäude in der Stadt und in den 
Vorstädten, grosse Mengen von Bauholz und Sägemühlwaren zur Ver- 
wendung kamen, machten sich bald eigenthümliche Uebelstände be- 
merkbar. 

Unterm 10. December 1683 erging an die nied.-österr. Regierung 
ein Erlass folgenden Inhaltes: Bei der Zulieferung von Bauholz und 
Baumaterialien habe sich der Uebelstand ergeben, dass Vorkäufer die 
Hölzer an sich bringen und dann wucherisch wieder um hohe Preise 
verkaufen; auch däss Herrschaften den Unterthanen verbieten, die 
Sägemühlen zu betreiben und sie ihr Holz der Herrschaft überlassen 

K. k. H. K A. Fase. 13866. 

2) K. k. Kriegs-Archiv Prot. Nr. 467, Fol. 694 auch 366, Fol. 641 ^era. 

8) K. k. H. K. A. Fase. 13866. 

*) Daselbst, Fase. 17107. 

*) Daselbst, Fase. 13866. Diese Pallisaden waren unzweifelhaft jene, 
welche die Stände im Winter auf 1683 zu liefern übernommen hatten, diese 
ihre Zusage aber nicht einhielten. 

16 



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242 

müssen, welche es um hohe Preise verkauft. Da solche Vorkommnisse 
der öffentlichen Wohlfahrt und der baldigen Wiederherstellung der 
verschiedenen Gebäude nachtheilig sind, habe die nied.-österr. Regierung 
dagegen strenge Vorkehrungen zu treffen. *) 

Nachdem der Aufbau der Fortificationen, sowie der verschiedenen 
kaiserl. und Privat-Gebäude zahlreiche Handwerker und Taglöhner 
nach Wien gerufen hatte, wurden wegen hoher Fleischpreise Be- 
schwerden gegen die Fleischhauer eingebracht. Um solchen „wucheri- 
schen Handlungen entgegen zu treten," verordnete die Hofkammer 
ddo. Linz, 27. März 1684, den zeitweiligen Nachlass des Aufschlages 
von 2 Pfenn. vom Pfund Rindfleisch, mit dem Beisatze, „dass hier- 
nach Ein billich Fleischsatzung einzurichten sein wirdt." ^) 

üeber eine Beschwerde, welche Bürgermeister und Rath der 
Stadt Wien über den Fleischverkauf der Stadtguardia und deren 
Weiber einbrachten, stellte die Hofkammer mit Erlass vom 6. Mai 1684 
diese Uebergriffe sofort ab.^) 

Unterm 2. Juni 1684 richtete die Hofkammer eine dringende 
Aufforderung an die österr. Hofkanzlei wegen Eintreibung der Türken- 
steuer von Nieder-Oesterreich, indem sonst die Vollendung der Fortifi- 
cation von Wien, woran doch dem Lande Nieder-Oesterreich am meisten 
gelegen sein muss, ins Stocken gerathen müsste. Die Hofkammer be- 
merkte, dass sie zu diesem Bau bereits 150 Tausend Gulden ange- 
wiesen, und die Arbeitslöhne während der Zeit vom 23. Sept. 1083 
bis Ende Mai 1684 allein 95.500 fl. betragen haben. ^) Mit der Reso- 
lution, ddo. Linz, 16. Juni 1684 wurde der Obristlieutnant Johann 
von Hohen als Oberingenieur für Wien bestellt.^) Unterm 2. De- 
cember 1684 konnte endlich die Anzeige erstattet werden, dass auch 
die Löwelbastei so weit fertig ist, dass nur noch das Ueberdecken des 
Mauerwerkes mit Erde und das Ausräumen der Casematten fehlte. ^) 

Im Laufe des Jahres 1684 fand der Verkehr über die Donau auf 
Schiffbrücken statt. Unterm 25. September 1684 erfolgte eine Resolution 
an das Deputirten-Collegium, mit dem Auftrage zur Vornahme einer 
commissionellen Erhebung über den Ort, an welchem die neu zu er- 
bauende stabile Donaubrücke herzustellen sein wird. Bei der am 



K. k. H. K. A. Fase. 17104. 

*) Daselbst, Fase. 17105. 

») Daselbst Fase. 17106. 

*) und *) Daselbst, Fase. 13867. 

8) Daselbst Fase. 13869. 



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243 

8. October gepflogenen Localverhandlung waren anwesend: von Seite 
des Hofkriegsrathes der mittlerweile zum Feldmarschall ernannte Vice- 
präsident Graf Caplirs, vom Stadtcommando Graf Dann und Graf 
Breinner, von Seite der Stände Graf Traun, von Seite der Hofkanamer 
Belchamps und Aichpüchl. Nach Erwägung der Oertlichkeit und mit 
Rücksicht auf die kaiserl. Anordnung, dass die Brücke in die Fortifi- 
cationen in der Leopoldstadt zu führen habe, wurde die Trace der- 
selben bestimmt*^) 

Ein offenbar die grösste Beschleunigung verlangender Gegen- 
stand, dessen monatelange Verschleppung wir heute kaum mehr be- 
greifen werden, betraf die Hinwegschaffung der ungelieueren ünrath- 
massen von den Plätzen und Gassen der Stadt. Unter Hinweis auf 
den Umstand, dass es sich um eine aus der Belagerung der Stadt 
hervorgegangene Angelegenheit handle, deren Kosten die Kriegskassa 
zu tragen habe, hatte der Stadtrath es abgelehnt, die Stadtsäuberung 
zu veranlassen, ja man gab es ruhig zu, dass die vorhandenen Un- 
rathhaufen durch das Aufschütten von Abfällen aller Art noch fort 
und fort vergrössert wurden. Ein gemessener kaiserl. Befehl, welcher 
dem Stadtrath unterm 16. November 1683 bekannt gegeben wurde, 
war nothwendig um diese leidige Angelegenheit ihrer Erledigung zu- 
zuführen. -) Unterm 26. November erfloss von Seite des Deputirten- 
Collegiums an den Landmarschall ein Erlass, dass „Nach der Mainung 
der Medicorum" die vielen Krankheiten von dem während der Be- 
lagerung auf allen Plätzen und in den Gassen aufgehäuften Unrathe 
herrühren sollen. „Als hat man solchem nach vor Nothwendig be- 
fundten, mit gesambter handt disem Uebl vorzukhommen" und werden 
die Ständte aufgefordert, „nach beschaff enheit einer und der andern 
behausung'' mit einer Zahl von Fuhren zu concurriren, oder aber zur 
Beistellung von Wägen einen entsprechenden Geldbeitrag zu leisten. 
Es handelte sich um eine Heranziehung der den Ständemitgliedern 
gehörigen befreiten Häuser zu den Kosten der Stadtsäuberung. Auf 
dem in Rede stehenden Erlass befindet sich folgende Erledigung: „Bey 
der Registratur aufzuhöben: und ist in hoc extraordinaris casu, doch 
ohne einiche consequenz, ainiche willkhürliche fuhr für dissmahl von löbl. 
Ständten verwilliget worden. Wien, im Landtag deü 7. December 1683.^) 

») K. k. H. K. A. Faso. 17108. 

*) Der Erlass abgedruckt bei Camesina 1. c. Anhang Seite 19, Beil. XIII. 
8) Landes-Archiv, E. 6. 10. Wir sehen auch in diesem Falle das altge- 
wohnte Bestreben der Stände, jede Betheiligimg an den öffentlichen Lasten 

16* 



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244 

Nach der Einstellung der Ablagerang des Unrathes auf den 
Plätzen und in den Gassen der Stadt, wurden von Seite der Be- 
völkerung alle Abfalle unmittelbar ausser den Stadtthören aufgehäuft 
von wo sie auf Kosten der Fortificationskasse entfernt wurden. Die 
daraus erwachsenden Auslagen wurden der Hofkammer endlich zu 
viel, sie verweigerte mit dem Erlasse vom 28. September 1684 die 
fernere Bestreitung derselben, darauf hinweisend, dass das Ablagern 
des Unrathes unmittelbar vor den Thoren eine Neuerung ist, und die 
Wiener zu verhalten sind, denselben wie früher auf grössere Ent- 
fernung abzuladen. ^) 

Ein neuer Anlass zu Schwierigkeiten zwischen der kaiserl. Re- 
gierung und dem Stadtrath von Wien, welche Angelegenheit ebenfalls 
vor den Kaiser gebracht werden musste, ergab sich aus Folgendem. 
Als im Jahre 1669 die Juden ausgetrieben wurden, waren „denen von 
Wienn" die Judenhäuser in der Leopoldstadt gegen dem überlassen 
worden, dass sie die bisher von den Juden geleistete Toleranzsteuer 
von 10.000 fl. jährlich zur Abstattung übernahmen. Dieser Betrag 
wurde seitdem für die Besatzung von Comorn verwendet. Nachdem 
der Stadt-Administrator Focky die Bezahlung nunmehr verweigerte, 
brachte die Garnison von Comorn eine Beschwerde ein, und bat um 
die Bezahlung der bis zum Monat Juli 1683 fällig gewesenen 6000 fl. 
Mit dem Erlasse, ddo. Linz 30. November 1683, verfügte die Hof- 
kammer, dass, weil dieser Betrag schon im Juli fällig war und der- 
selbe mit dem „durch den feindlichen Einfall erfolgten Ruin kliaine 
connexion hat," der Erlag „der Statt Wienn per decretum auferlegt 
werde." üeber Bericht, dass wiederholter Einnerungen ungeachtet, die 
Zahlung nicht geleistet wurde, wodurch bei der Besatzung in Comorn 
grosse Gefahr drohe, erstattete die Hofkammer ddo. Linz, 17. De- 
cember 1683 Vortrag an den Kaiser mit der Bitte, es möge di,e er- 
forderliche Weisung „nachdrukhsamst an die von Wienn" erlassen 
werden.-) Die kaiserl. Resolution erfolgte im Sinne dieses x\ntrages 
schon am 20. December. Der Stadtrath brachte nunmehr das Ansuchen 
um Nachlass ein, darauf hinweisend, dass die „aufgetragene Stadt- 
säuberung ein namhaftes kostet." Unterm 28. December ordnete die 

abzulehnen, und alles was sie thun, als eine freiwillige Leistung hinzu- 
stellen. 

K. k. H. K. A. Fase. 13868. 

2) Daselbst Fase. 13865. 



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245 

Hofkammer eine Commission an, bei welcher unter Beiziehung des n. ö. 
Regierungs-Kanzlers Hartmann und des Hofkammerrathes Aichpüchl, 
„mit denen von Wienn zwar nicht die schuldt, weillen selbte in sich 
selbst liquidirt ist, sondern der modus sojvendi ausfindig zu machen 
sein w'irdt." *) 

Diese Verhandlung führte jedoch zu keinem Resultat, denn 
unterm' 15. März 1684 richtete die Hofkammer an die österr. Hof- 
kanzlei die Aufforderung, „die von Wienn mit aller Energie" zur Ein- 
zahlung der 6000 fl. zu verhalten. Wieder vergingen Monate, denn 
im August 1G84 ordnete der Stadtrath eine Deputation an den Kaiser 
nach Linz ab, die aber kein anderes Resultat als eine Verzögerung 
herbeiführte, denn unterm 14. September 1684 urgirte die Hofkammer 
bei der Hofkanzlei neuerdings die Bezahlung des noch immer aus- 
ständigen Betrages von 6000 fl. ^) 

Nach dem Abzüge der Türken mussten Vorkehrungen in das 
Auge gefasst werden, um der Stadt Wien und den vom Feinde de- 
vastirten Theilen von Nieder-Oesterreich eine entsprechende Unter- 
stützung zuzuwenden. Es begab sich zu diesem Ende noch im Sep- 
tember 1683 eine Deputation der Stände an das Hoflager nach Linz, 
um dort geeignete Anträge zu stellen. Schon am 29. September er- 
folgte an das Deputirten - Collegium ein kaiserl. Erlass mit der 
Weisung, dahin die Einleitung zu treffen, dass für Wien und das 
Land die freie Zufuhr von „Victualien, Vieh, Trayd vnd allerhand 
Khörner auch Baumaterialien ** eröffnet werden könne. Die Durch- 
führung dieser Anordnung stiegs auf wesentliche Schwierigkeiten. Für 
alle Zufuhren, welche von der linken Donauseite zu erwarten waren, 
fehlte, da die Brücken zerstört waren, die Verbindung mit Wien. Der 
Kaiser hatte zur Herstellung einer Schiffbrücke den Betrag von 
3000 fl. angewiesen, allein bis diese erbaut war, musste ein ürfahr 
benützt werden, welches der kaiserl. Schiffmeister Simon Peter 
Langsteger bei Nussdorf eingerichtet hatte. Da gegen denselben 
Beschwerden wegen übertriebenen Ueberfuhrs-Taxen erhoben wurden, 
musste er entfernt werden, und wurde an dessen Stelle Sebastian 
Artner für das ürfahr aufgenommen.^) 

Mit dem Erlasse an das Handgrafen amt, ddo. Wien 21. November 
1683, wurden „zur Unterstützung der Stadt Wien" sämmtliche Auf- 

') K. k. H. K. A. Fase. 13865. 

2) Daselbst Fase. 13868. 

3j Daselbst Fase. 17104, Landes-Archiv. E. 6. 10. 



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246 

schlage auf Land-, Rind- und Jungvieh, auch Getreide u. s. w. bis auf 
weitem Befehl suspendirt, die Compagnie zur BeischafPung ungarischer 
Ochsen wieder aufgerichtet, den Vorstadt-Fleischern wieder gestattet, 
in der Stadt zu verkaufen, auch mehrere gegen die Wiener Fleisch- 
hauer erhobenen Beschwerden abgestellt. ^) 

Nachdem die Tabormauth nicht aufgehoben worden war, ordneten 
die Stände im December abermals eine Deputation an das Hoflager 
ab. Mit dem kaiserl. Erlass vom 10. Jänner 1684 wurde betont, dass 
die Tabormauth im Patent ausdrücklich ausgeschieden blieb» Es haften 
darauf Schulden und muss aus dem Erträgnis die Erhaltung der 
Brücken bestritten werden. Der Kaiser genehmigte die Aufhebung auf 
6 Monate, sprach jedoch die Erwartung aus, dass als Ersatz für die 
von ihm gebrachten Kameralopfer, die Stände zur Fortführung des 
Krieges und zum Schutz des Landes voi? neuem feindlichen Einfall 
auch ihrerseits beitragen werden. ^) Unterm 23. Jänner wurde in einem 
Erlasse an die „Taborer Mauthbeamten" verordnet, dass die Mauth- 
abgaben für Lebensmittel, Victualien und Baumaterialien für G Monate 
aufgehoben sind, einzuheben sind blos die Mauthgebühren von Land- 
kutschen und Handelsleuten, welche andere als die befreiten Waaren 
transportiren. Aus diesen letzteren Gebühren kömmt vorläufig das ür- 
fahr zu bestreiten und ist nach Abgang des Eises alsbald eine Schiff- 
brücke über die ganze Donau zu schlagen. ^) 

XVIII. 

S c h 1 u s s. 

Ausserordentliche Schwierigkeiten hatten sich im Laufe des 
Jahres 1683 beim Verpflegswesen der Armee herausgestellt. Beim 
Rückzuge von Raab waren Proviant-Magazine in die Hände der Türken 
gefallen. Die Verpflegung der in den Monaten Juli und August von 
allen Seiten im Anzüge befindlichen, sowohl kaiserlichen wie Auxiliar- 
Truppen, endlich der nach dem Entsätze von Wien nach Ungarn ab- 
rückenden Armee, machte die grössten Anstrengungen noth wendig, 
wobei sich grosse Unklarheiten im Verrechnungswesen ergaben. 

Schon unterm 22. Jänner 1683 hatte sich der niederösterr, Ober- 
Kriegs-Commissär Christoph Vorster an die Stände gewendet, es mögen 

») K. k. H. K. A. Fase. 17105. 

2) Landes-Archiv. E. 6. 10. 

8) K. k. H. K. A. Gdkb. Nr. 212, Fol. S^ers. 



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247 

ihm von Seite der ständischen vier Viertels-Commissäre, welche die 
Truppen-Verpflegung zu leiten und zu überwachen hatten, j,zur Ver- 
meidung verschiedlicher Vortheilligkheiten, in denen plintenplatz oder 
Vacanzen, bey genüssung der quartier und Verpflegs-Portionen" genaue 
Ausweise über den Stand der Officiere und der Mannschaft „bei denen 
einquartirten Völkhern" zugesendet werden, worüber schon am 23. Jänner 
die erforderliche Weisung an die genannten vier Commissäfe erging. ') 

Da bis zum Schlüsse des Jahres 1683 das Verpflegswesen der 
Armee einen ausserordentlichen umfang angenommen hatte, beschloss 
der Kaiser, die dabei hervorgetretenen Anstände einer eingehenden 
Untersuchung unterziehen zu lassen. Er betraute mit dieser ebenso 
schwierigen wie heiklen Aufgabe den Freiherrn von Ab ei e, in 
Finanzfragen die vorzüglichste Vertrauensperson Leopold's I. 

Schon unterm 18. November 1683 erging an 54 kaiserl Regi- 
menter der Befehl: „Sollen eine ordentliche Verzeichnus überschicken? 
was Sie den Veldtzug über für Proviant empfangen, wann, woher, wie 
offt, vnd wie viel dessen auf einmal erfolgt, welcher gestalten es vnter 
die Soldatesca vertheilt, wie lang es darmit zurückgehalten worden, 
in was guete unndt sorten solches bestanden, vnndt woher der mangel 
kommen?" -) Gleichzeitig erfolgte an den Hofkriegsrath und an die 
Hofkammer ein kaiserlicher Befehl zur Verfassung einer Instruction 
für den „nacher Hungarn zu Untersuchung der allda angeordneten 
Verpflegungs-Commission abzuraisen beordneten Baron Abele". ^) 

Nach der Feststellung dieser Instruction wurde mit der kaiserl. 
Resolution ddo. Linz 11. Jänner 1684 der Freiherr Christoph 
Abele von Lilienberg nach Ungarn zur Untersuchung des Ver- 
pflegswesens abgeordnet. ^) 

Ehe ich zum Schlüsse meiner Darstellungen übergehe, sei es mir 
zuvor gestattet, jener Anerkennungen zu gedenken, welche in dank- 
barer Würdigung der um die Rettung von Wien erworbenen Verdienste 
an mehrere Personen verliehen worden sind. 

Dass Kaiser Leopold I. den Stadtcommandanten ErnstRüdiger 
Grafen zu Starhemberg schon am 15. September 1683 zum Feld- 
marschall ernannte, wurde bereits erwähnt. Papst Innocenz XI. ehrte 



^) Landes- Archiv, Repartitionen. 

*) K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 367, Fol. 630. 

8) Daselbst, Prot. Nr. 366, Fol. 660. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 13866. 



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248 

dessen Verdienste um die Christenheit durch ein eigenes Breve. Der 
König von Spanien verlieh ihm den Orden des goldenen Vli esse s. 

Im Landtag am 22. November 1683 beschlossen die drei obern 
Stande von Niederösterreich, für den Grafen Starhemberg die Ueber- 
gabe eines „Gedenkh-Präsent" und widmeten hiezu den Betrag von 
8000 fl. mit dem Beisatze, es sei dies allerdings eine kleine Gabe, 
allein der Graf werde bei der dermaligen Bedrängnis den guten Willen 
erkennen. Graf Otto Ehrenreich von Traun wurde mit der Durchführung 
dieses Beschlusses betraut. ^) 

Schon am 15. September 1683 beschloss der Stadtrath von Wien 
die üeberreichung von 1000 Ducaten an den Grafen von Starhemberg 
„mit fernerer Versprechung der künfftigen Steyer befreyung dero 
behausung". ^) Mit der kaiserl. Resolution, ddo, Wien 28. November 
1686, genehmigte Kaiser Leopold I. für denselben zur Erinnerung an 
die „ Ewig -ruhmb würdigist* Vertheidigung von Wien eine Wappen- 
vermehrung. ^) 

Ausser dem Stadtcommandanten war die Rettung von Wien zu- 
nächst dem Hofkammer-Präsidenten Freiherrn von Abele, welchei* 
mit der grössten Energie und in voller üebereinstimmung mit dem 
Grafen Starhemberg die Fortification und die Ausrüstung der Stadt 
förderte, zu verdanken. Kaiser Leopold L erhob denselben mit Diplom 
vom 11. November 1684 in den Grafenstand. ^) 

Dem Landmarschall Franz Maximilian Grafen von Mol- 
lard wurde mit der kaiserl. Resolution ddo. 28. November 1683, ob 
seiner Verdienste während der Pest und der Türkenbelagerung, wo er 
jedesmal in Wien verblieb, die Geheime Raths-Besoldung per 2000 fl. 
und eine Gnadengabe bis 12.0C0 fl. auf ungarische Confiscationen 
angewiesen.^) Die drei obern Stände von Nieder Österreich hatten ihm 
im Landtag vom 22. November 1683 eine Remuneration von 12.000 fl. 
bewilligt. ^) 

*) Landes-Archiv. G. 18. 5. 

*) Camesina 1. c. Anhang, Seite 1. Bezüglich der Steuerbefreiung des 
Hauses in der Krugerstrasse das Freibriefs-Concept vom 20. September 1683, 
Seite 43. 

^) Camesina 1. c. Anhang, Seite 41. Die Abbildung des vermehrten 
Wappens Seite 42. 

*) Christoph Graf von Abele starb am Schlagfluss, zu Wien am 
12. October 1685. Er liegt in der Servitenkirche zu Fronleiten in Steiermark 
begraben. Das dortige Servitenkloster wurde von ihm gestiftet. 

') K. k. H. K. A. Fase. 17104. 

®) Landes-Archiv G. 18. 5. 



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249 

Dem Residenten, zugleich Hofkriegsrath Georg Christoph 
Freiherr von Kuniz wurde mit der kaiserl. Resolution vom 
1. December 1684 der Betrag von 4000 fl. angewiesen. *) 

Dem Präsidenten des geheimen Deputirten-Collegiums Caspar 
Zdenko Grafen Caplirs Hess die Stadt Wien den Betrag von 
1500 Gulden in Gold überreichen. -) 

Die Anerkennungen, welche Kaiser Leopold I. einer Anzahl von 
Mitgliedern der Stadtvertretung und des Stadtrathes widmete, ver- 
zögerten sich durch mehrere Jahre. Erst mit dem kaiserl. Erlas» ddo. 
Wien den 1. März 1687 wurde der Juwelier Lüttich mit der An- 
fertigung von 16 goldenen Gnadenketten beauftragt. ^) 



») K. k. H. K. A. Fase. 13869. 

*) Camesina 1. c. Anhang Seite 4. Nachdem im Jahre 1683 der Dukaten 
= 2 Reichsthalern oder = 3 Gulden gerechnet wurde, so erhielt Graf Starhem- 
berg von der Stadt Wien 3000 fl., somit doppelt so viel wie Graf Caplirs. Da 
damals der Ducaten ein Agio von 45 kr. hatte, so bezog Graf Starhemberg 
den Betrag von 3750, Graf Caplirs von 1875 fl. Aus dem Vorstehenden erklart 
sich die Bezeichnung „1500 Gulden in Gold." Ein grosser Irrthum wäre es, 
darunter 1500 Goldgulden verstehen zu wollen. Im Jahre 1683 waren die 
„Goldgulden" schon seit mehr als 100 Jahren ausser Verkehr. 

») K. k. H. K. A. Fase. 13878. Der Erlass vom 1. März 1687 lautet 
wie folgt. 

Leopold etc. 

„Demnach Wür, allergnädigist Verwilliget, dass für (titl.) N. Burger- 
maister, Richter, vnd Statt Magistrat Vnserer Residenz Statt Wienn, zur 
gnadenserkhandtnus, wegen Ihrer standthafft erwiesenen threu, bey vorge- 
wester Türkhischer belägerung hiesiger Haubtstatt, K» güldene Ketten, alss 
benanntlichen 3 Ketten iede pr. 80 Cronen, vnd dan 5 Ketten iede pr. 
70 Cronen, nicht weniger 7 Ketten iede pr. 60 Cronen vnd Schliesslichen 
Eine pr. 50 Cronen, alsogleich durch den Jubellir Lüttich bestelt, vnd dem- 
negsten in Vnsere geheimbe Camer, zu banden des (Titul.) Scalvinoui, 
welcher dan auch der gnaden pfening halber schon des weiteren befelcht 
ist, vnd in Commissis hat, wohin Er Ein vnd anders (allermassen negsthin, 
mit denen N. Ö. Verordneten, vnd Einigen von denen landtständten, vnd Ihre 
bediehnten, Ihrer regalierung halber besprochen) abzugeben, geliefert werdten 
sollen." 

„Alst werdet Ihr (allermassen Vnser gnädigster befelch hiemit ist) 
deme also vnverlengt nachzukhomben, die Verfertigung obspecificiirter 
16 Kötten, vnuerlengt fürzukehren, vnd vollends solche, zu gehörten Ende, 
in Vnsere geheimbe Camer, gegen des Scalvinoni bescheinigung abzugeben 
wissen, daran beschieht etc. Wien den ersten Marty 1687.** 

Ein genaues Verzeichniss über jene 16 Personen, denen" die Gnadenketten 
verliehen wurden, liegt nicht vor. 



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250 

Die grossen Verdienste des Herzogs von Lothringen um 
den Entsatz von Wien, anerkannte Kaiser Leopold L durch das Ver- 
trauen mit welchem er demselben das Obercommando der in Ungarn 
gegen die Türken operirenden Armee übertrug. Wie sehr die Verdienste 
des Königs von Polen um die Rettung von Wien gegen jene des 
Herzogs von Lothringen zurückstehen, wird jeder unbefangene Beur- 
theiler, der die einschlägigen Leistungen beider Herren nach ihrem 
wahren Werthe vergleicht, alsbald anerkennen.^) 

Nach dem Abschlüsse des Feldzuges mit der Eroberung von Gran 
und der Verlegung der Truppen in die Winterquartiere, begab sich 
der Herzog von Lothringen alsbald an das kaiserliche Hoflager nach 
Linz, um an den Berathungen über die Fortführung des Türkenkrieges 
im Jahre 1684 Theil zu nehmen. Es herrschte die Anschauung vor, 
dass von Seite des Feindes das Aeusserste aufgeboten werden wird, 
um die erlittenen Niederlagen und Verluste, welche das Ansehen der 
türkischen Macht im hohen Grade schädigten, wieder auszugleichen. 
Die Ueberzeugung, dass das Jahr 1684 neue und schwere Kämpfe 
bringen werde, war am Hoflager zu Linz eine allgemeine. Der Stadt- 
commandant von Wien, Graf Starhemberg, suchte, wie wir bereits 
wissen, mit allem Eifer die Wiederherstellung der Befestigungen von 
Wien zu betreiben. 



*) Eine Art Vermächtnis, welches der Herzog von Lothringen unserer 
Monarchie hinterliess, war Oesterreichs ruhmgekrönter Feldherr Prinz Eugen 
von Savoyen. Der Prinz hatte sich, unter Hinweis auf die kränkende Be- 
handlung, welche ihm am französischen Hofe zu Theil geworden, an Leopold L 
um die Aufnahme in kaiserliche Kriegsdienste gewendet. Die Eingabe ist 
nicht datirt, fallt jedoch unverkennbar vor den Todestag seines Bruders 
Julius Ludwig, der am 7. Juli 1683 bei Rägelsbrunn schwer verletzt wurde. 
Von Cöln aus ddo 31. Juli 1083 wendete sich Prinz Eugen an den Herzog von 
Savoyen, unter Hinweis, dass Wien von den Türken belagert wird, und dort 
sein Bruder gefallen ist, um die Zustimmung zum Eintritt in kaiserliche Kriegs- 
dienste. (Vergl. Dr. Markus Landau in der Beilage zur Augsb. Allg. Zeit. 
Nr. 189 vom 8. Juli 1882. Aus der Privatbibliothek des Königs von Italien.) 
Der Prinz scheint sich alsbald nach Oesterreich begeben zu haben, denn am 
7. September 1683 befindet er sich bereits im Gefolge des Herzogs von Loth- 
ringen (vergl. Onno Klopp 1. c. Seite 294 und 550), jedoch ohne irgend ein 
Commando, sondern lediglich als Volontär. Erst mit Patent vom 14. Decem- 
ber 1683 wurde an den Prinzen Eugen von Savoyen das vacante Dragoner- 
Regiment Khuefstein verliehen, welches Regiment seit jenem Tage den Namen 
„Savoyen-Dragoner" fahrt. 



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261 

Mit der Resolution ddo. Linz 26. November 1683 verordnete 
Kaiser LeoJ)old I., dass für den Feldzug des Jahres 1684 die Armee 
auf 80 Tausend Mann zu ergänzen sein wird, dem gemäss an die 
Stände der Erbländer die erforderlichen Propositionen vorzubereiten 
sind. ^) 

Der General-Feld-Kriegscommissär Graf Breinner legte für die 
aufzustellenden 80 Tausend Mann den Bedarfs-Ausweis, mit dem Be- 
trage von 6,084.825 fl. abschliessend, schon am 6. Jänner 1684 der 
Hofkammer vor, ^) worüber mit thunlichster Beschleunigung an die 
verschiedenen Landtage die kaiserlichen Propositionen abgegeben 
wurden. Die nied.-österr. Stände, welchö ohnehin noch mit dem grössten 
Theile der 1683er Steuern im Rückstande waren, lehnten pro 1684 
zunächst jeden Steuerbeitrag ab. ^) In einer Note, welche die Hof- 
kammer über diesen Ständebeschluss an die Hofkanzlei richtete, sagt 
dieselbe, dass sie den heurigen Beitrag von Nieder-Oesterreich auf die 
Hälfte herabgesetzt habe, dass ein Theil des Landes unzweifelhaft auf 
das Höchste ruinirt, allein mehr als die Hälfte vom Feinde ganz un- 
berührt geblieben und aufrecht ist, die Kammer müsse auf den Bei- 
trag bestehen, weil sie sonst gar nicht im Stande wäre, die zur Er- 
haltung der Truppen erforderlichen Mittel aufzubringen. Auf eine 
neuerliche Eingabe der Stände vom 10. April 1684 bemerkt die Hof- 
kammer in einer Note an die Hofkanzlei vom 27. April 1684, dass 
sie die postulirten Steuerbeiträge nicht entbehren könne und bemerkt, 
dass dieStände die Rettung des Landes aus der Feindes- 
gefahr erwarten, allein wie soll dieses geschehen, wenn 
die nothwendigen Mittel hiezu verweigert werden.*) 



K. k. H. K. A. Fase. 13865. 

«) Daselbst Fase. 13866. 

") Daselbst Fase. 17J06. Den zu Krems versammelten ständischen 
Abgeordneten hatte die Hofkammer über deren Ansuchen ein Darlehen von 
3000 fl. aus der dortigen Salzkasse gewährt (Seite 154). Unterm 24. December 
1683 und 28. Februar 1684 mahnte die Hofkammer die Rückzahlung ein. Die 
Stände bemerkten jedoch, dass die Landschaftskasse nicht in der Lage sei, 
diese Zahlung zu leisten. Fase. 17105. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 17106. üeber das angebliche Unvermögen nament- 
lich der drei obem Stände, zur Leistung einer Steuer zum Zwecke der Landes- 
vertheidigung, möge unter mehreren ein Beispiel angeführt werden. Der Prä- 
lat von St. Polten hatte beim Anzüge der Türken über hunderttausend Reichs- 



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252 

Da der Sold der Wiener Stadtguardia aus dem Steuerbeitrag der 
nied.-österr. Stände bezahlt wurde, die Stände jedoch mit dem grössten 
Theile der 1683er Steuer im Rückstande geblieben waren, hatte 
schliesslich die Stadtguardia ein Soldguthaben von 23.000 fl. zu fordern. 
Vergebens waren alle Bemühungen des Stadtguardiobristen und Stadtcom- 
mandanten Grafen Starhemberg, die Stände verweigerten beharrlich jede 
Bezahlung^ brachten jedoch als Antwort auf die ihnen schon am 
17. Jänner 1684 zugekommenen Landtags-Propositionen ddo. Wien, 
2. Mai 1684 eine den Steuerbeitrag pro. 1684 betreffende Eingabe an die 
Hoflianzlei ein, in welcher sie zunächst den Ruin des Landes beklagen, 
„sintemalen aber der allgemeine bludt- und guttdürstige Christenfeindt 
bereihts wiederumb mit Einer grossen macht im Anzug begriffen, deme 
zu resistirn die euseristen Mittl zu ergreiffen, auch Euer Kays. Mat. 
zu rettung vnd Verthaittigung Dero von Gott anvertrautten Erbkönig- 
reich und Landen eine gute Anzahl der Völkher auf den Bainen hetten, 
welche den 20. Mai in Hungarn unweith Gran zusammen khomen 
sollen, die doch allein auss mangel der Leibsnotturfften vndichtig vnd 
vnstreuttbar seyn wurden," also werden die Stände dasAeus- 
serste beitragen. Sie erlären, nachdem die erforderlichen Mittel 
in der Landschaftskassa nicht vorhanden, dass sie eine Anticipation 
aufnehmen wollen, wenn ihnen die Versicherung gegeben wird, dass 
Kapital und Interessen zu 6% in Anschlag gebracht, „die ausschreibende 
Landtsanlagen in genere et specie Ihnen verschrieben werden," auch 
ihnen gestattet wird, alle Hof- und Militär-Anweisungen zu verrechnen, 
dann wollen sie in Bausch pro 1684, 40 Tausend Gulden aufbringen, 
und daraus zunächst die Wiener Garnison bezahlen, „da den Ständen 



thaler nach Kloster Gamming geflüchtet und dennoch gehörte derselbe unter 
jene nied.-österr. Prälaten, welche den Kaiser schon im Monat Juni 1683 an 
die Abstattung einer erst am Ende des Jahres 1683 falligen Schuldpost, die 
sich für seine Person kaum auf 3000 fl. belief, erinnern liess (Seite 63). Der 
Prälat starb jedoch kurze Zeit darauf, als das Geld wieder nach St. Polten 
zurückgebracht worden war. Durch die Aufnahme der Inventur kam die Re- 
gierung zur Kenntnis über diesen bedeutenden Geldvorrath. Die Hofkammer 
wendete sich nunmehr ddo. Linz 11. October 1683 mit dem Ansuchen an die 
Hofkanzlei, dieselbe möge dahin wirken, dass aus diesem Gelde ein Darlehen 
von mindestens Hunderttausend Gulden gegen entsprechende Versicherung 
gewährt werde. Schon unterm 14. October antwortete die Hofkanzlei, dass sie 
nach diesem Antrage vorgehen werde, die Verhandlungen sind jedoch erst zu 
eröffnen, wenn Dechant und Capitel um einen landesfürstlichen Commissär 
angesucht haben. Bis dahin bleibt Alles in der Sperre. K. k. H. K. A. 
Fase. 17104. 



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253 

wegen der Vesstung Wien et consequenter dem Land an dero Ver- 
wahrung am meisten gelegen." ^) 

Graf Starhemberg scheint von diesem Antrage der nied.-österr. 
Stände Kenntnis bekommen zu haben, denn er richtete schon am 
7. Mai 1684 ein Schreiben an den österr. Hofkanzler Freiherrn von 
Strattmann, welches ich mit Rücksicht auf das hohe Interesse, welches 
dasselbe für die Beurtheilung der damals obwaltenden Zustände hat, 
seinem vollen Wortlaute nach, mittheile. 

„Wollgebohrner Freyherr etc. 
IfochgeEhrter Gebiettendter Herr Canzler. Euer Excellenz berichte 
Ich, dass das alhisige Fortificationsweessen, mit denen wenigen leüthen 
so man Zu der arbeit hat, noch gott lob, Zimblich woU von statten 
gehet, dan neben deme, wass an der Contrescarpen an den glacin, 
welches Zimblich weith avanzieret, wie auch an den graben, vnd denen 
ruinirten Pollwerckhen, ist gearbeitet wordten, seindt die Prückhen 
über der Donau, bey der fabnenstangen gestert Verfertiget wordten, 
die weg in der Au aussgehauen, vnnd die graben aussgefühlt, dass 
schon gestern etliche wägen darüber gefahren seindt. An der Neuen 
Fortification bey der Leopoldstatt, gehet die arbeit auch Zimblich von 
statten, also dass Ich VerhofPe, innerhalb 6 Wochen, dieselbe seithen 
in Defension Zubringen, g4thrauete mir auch noch heür die Andere 
seithen bei den Bratter Zu fortificiren, wie auch dass werkh ienseit 
der Prükhen so Zu behaubtung derselben höchstnöthig, anzulegen, 
wan mich allein die Löbl. Hof Camer, mit denen nöthigen Baumitlen 
nicht hindert, vnd die überige Verssprochene Mannschafft auss Böhmen 

*) Von der höchst befremdlichen Haltung der nied.-österr. Stände 
gegen die Anordnungen des Kaisers und der kaiserlichen Regierung, gibt ein 
kaiserlicher Erlass ddo. Linz 12. December 1683 Zeugnis. Unterm 29. No- 
vember wurde den Ständen bekannt gegeben, dass 5 Neuburgische Compagnien 
zu Fuss in Niederösterreich einzuquartieren sind. Nachdem das Regiment 
jedoch gemeldet hatte, dass demselben die Einquartirung verweigert werde 
und äie Truppe bei der Winterkälte zu Grunde gehe, bemerkt darüber der 
erwähnte Erlass: „Nun hetten Allerhöchst gedacht Ihre Kays. Myt. Sich weil 
gnädigist versehen, Sie gethreu, gehorsambiste Stände wurden bey noch schweben- 
der grosser Feindts-Gefahr voll bedachtlich zu Gemüth gezogen haben, wie vill 
Ihren Diensten und dess lieben Vatterlands Hayl, an Conservation dergleichen 
alten Mannschaft gelegen sei, und wie schwer es sei die abgekommenen Re- 
gimenter mit neuen Recruten zu ergänzen." Um den ferneren türkischen 
Einbruch abzuwenden, erwartete der Kaiser, man werde den Truppen geeignete 
Winterquartiere anweisen. Landes-Archiv Repartitionen. 



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254 

(von wanen, an statt der Verssprochenen 2000, nur 1700 Man khom- 
ben seindt) vnd Ober Oesterreich, völlig hieher geschafft wierdt. 
Recommandiere also disses werkh Euer Excell. die alst höchst ver- 
ninfftig selbst Considerieren werdten, wass Ihr Mayt. an beforderang 
dieser so hoch nothwendtig arbeith gelegen, vnd wie schädtlich es sein 
wurdte, wan es aniezo, da die leuth Zur arbeith vorhandten, vnd die 
arbeith aufs beste incaminieret, an den gelt fahlen solte. 

2do. Muess Ich Euer Excell. auch wehemiotig die noth diser 
armen Guamison khlagen, auf die Ich Zwar mit grosser Muehe die 
recrouten gelder erhalten, Sye aber dergestalten vnmiglich completieren 
khan, weillen wan man einen wirbt, 3 oder 4 davuon durchgehen, wie 
Ich dan von der leib Compagnie allein seither des neuen Jahrs, 60 Mann 
Verlohreu, ist auch kein wunder, dan dise arme leuth, vngehindert Sye 
in der belägerung so redlich, leib vnd leben, vor Ihr Mayt. Dienst 
aufgesetzt, theils verwundtet worden, theils aber, an der damahls gras- 
sirenden Krankhheit, schwer damider gelegen, ob welches Sye nicht 
allein Ihren ohne dem geringen Soldt, sondern woll billich einen re- 
compens meritiert hatten, in 16 monathen, keinen kreizer bekhomen 
vnd vbler gehalten seindt, alss alle vbrige Ihrer Kays. Mayt miliz, 
welcher zum meisten 3 oder 4 monath abgehen. Ich habe Zwar nich 
unterlassen, bey den löbl. Herrn Ständten, von welchen Sye in andern 
Jahren bezahlt wordten eyferige Instanz zuthuen, bin aber allzeit, 
mit der vnmiglichkeit, vnd dass keine mittel vorhandten, abgewissen 
wordten, biss aniezo, da gedachte Herrn Ständte 40;M fl. Ihro Mayt. 
zugeben verwilliget haben, solten nun von dissen 40 M fl. (wie es 
das ansehen hat, dass die Löbl. Hof Camer, Sie andern Regimentern 
zu assignieren willens ist) disse armen leuth nicht zum wenigsten ein 
Jahresbesoldtung bekhomben, so weiss Ich nicht mehr zu helffen, vnd 
miessen Sye nothwendtig alle entlauffen, oder crepieren, wierdt auch 
vnmiglich seyn, die nöthige Wacht, durch Sye zuversehen, Ersueche 
Euer Excell. also gehors. diser armen leuth sich zu erbarmben, weill 
es ein mall gegen Gott nicht zu verantwortten, dass man Sye ellendig- 
lich crepieren last, vnd dahin zu cooperieren, dass Ihne Ihro Mayt. 
von obbesagten 40 M fl. wenigst eine Jahrsbesoldtung allergnädigst 
anweissen, welche, wan Sye auch Ihnen bezahlt wierdt, ein Mussquetirer 
(Weillen ohne diss Ihre Gage nicht höcher laufft) nicht mehr alss 1 2 fl. 
bekhombt, von deme, wan Sye auch richtig bezahlet werdten, einmall 
nicht möglich, dass einer ein ganzes Jahr leben khan. Verhoffe Euer 
Excell. alss ein beförderer der gerechtigkeit, werdten mich, vnd dise 



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255 

arme Guarnison, hierin nachtrückhlich protegieren, vnd Ihnen auch im 

Vbrig meine Persohn lassen befolchen seyn, der Ich mich zu gnaden 

befelch, vnd verbleibe 

Eure Excell. Meines HochgeEhrten 

vnd gebiettendten Herrn Canzlers Gethreü Gehorsambster 

E. R. G. V. Starhemberg. ') 
Wien, den 7. May 1684. 

Ueber die Eingabe der nied.-österr. Stände vom 2. Mai gab die 
Hofkammer ddo. Linz 20, Mai ihre Aeusserung ab. Sie spricht ihr 
Staunen über die Anträge der Stände aus und bemerkt, dass die in 
Pausch bewilligten 40.000 fl. auch noch an ganz unannehmbare Con- 
ditionen geknüpft sind. Sie weiset nochmals darauf hin, dass das 
Land nicht so verwüstet ist, wie es die Stände schildern wollen, dass 
mehr als die Hälfte vom Feind nicht berührt wurde, daher sie auch 
die Hälfte des vorjährigen Steuerbeitrages genehmigen sollten. Der 
Kaiser thue sein Aeusserstes, er verkaufe seine Kammergüter, um nur 
die Mittel zur Hilfe aus dieser Nothlage beizuschaffen. -) 

') K. k. H. K. A. fasc. 13867. Wir wissen, dass die Stadtguardia, während 
der Belagerung einen Verlust von 501 Mann erlitten hatte und sehen nunmehr, 
welche Schwierigkeiten bezüglich der Completirung derselben bestanden haben. 
Trotzdem man sich alle Mühe gab, das fremde, arbeitsscheue und verdächtige 
Gesindel aus der Stadt zu entfernen, kamen die Hauseigenthümer und Haus- 
verwaltei der strengen Weisung zur Meldung der in den Häusern sich auf- 
haltenden Fremden nicht nach. Viele verdächtige Leute fanden unterstand, so 
dass der Sicherheitszustand sehr zurückging, Einbrüche, Diebstähle, ja Raub- 
anfälle an der Tagesordnung waren. Der Stadtcommandant wurde beauftragt» 
die Stadt unausgesetzt mit starken Patrouillen durchziehen zu lassen, wozu 
jedoch der herabgekommene Stand der Stadtguardia nicht zureichte. Starhem- 
berg verweigerte den Abmarsch der Heister' sehen Compagnien, bis Erstere 
wieder complettirt sein wird, welcher Massregel der Kaiser mit der Resolution 
ddo. Linz 10. März 1684 seine Zustimmung ertheilte. K. k. H. K. A. 
Fase. 13866. 

*) K. k. H. K. A. Fase. 17106. Die den Ständen am 17. Jänner 1684 
vorgelegten Propositionen beantragten, die Raaberische Besoldung wie bisher 
— für das Militär 250000 fl. — für die Magazine 600 Muth Getreide — end- 
lich zu freier Verfügung 75000 fl. Der viei-te Stand, d. h. die Stadt Wien und 
die 18 landesfürstlichen Städte und Märkte beantragte pro 1684 für Nieder- 
Oesterreich einen Steuerbeitrag von 100000 fl. Nun dürfte darüber wohl kaum 
ein Zweifel bestehen, dass von der Türken-Invasion die Stadt Wien und eine 
Anzahl landesfürstlicher Städte und Märkte viel härter gelitten hatten als die 
drei obern Stände : Prälaten, Herren und Ritter, welche nur 40000 fl. bewilligen 
wollten. Die Stände verschärften, wie wir sehen, die oppositionelle Haltung, 



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256 

üeber das Schreiben des Grrafen Starhemberg an den Hofkanzler 
Freiherrn von Strattmann, ddo. 7. Mai 1684, meldete die Hofkammer 
an den Hofkriegsrath ddo. Linz 30. Mai, „dass die nied.-österr. Stände 
über alle angewandte Mfihe anheuer ein mehrers nicht, dann 40.000 fl. 
verwilliget haben, wovon der Stadtguardia 23.000 fl. angewiesen 
werden." Von der Vermögens- oder Türkensteuer haben die genannten 
Stände noch gar nichts erlegt, es möge daher auch der Hofkriegsrath 
bei der Hofkanzlei dahin wirken, dass die Stände zur Einzahlung 
dieser Steuern verhalten werden. ^) 

Die Letztern brachten nunmehr ein aus der Sinzendorfischen 
Zeit zurückgebliebenes, vom Freiherrn von Abele seinerzeit jedoch be- 
kämpftes Mittel in Anwendung. Sie verschleppten die ganze Steuer- 
be will igungs- Angelegenheit, indem sie erst ddo. Wien 7 October 1684 
die Erklärung abgaben, dass sie pro 1684 an Lichtmessen und Ostern 
1685, zusammen in Pausch 115.000 fl. beitragen wollen, auch die 
Raaberische Besoldung bestreiten werden, und stellen die Bitte, dass 
gegen den vierten Stand seiner Beitragsverweigerung 
wegen eingeschritten werde. -) 

In der Note, welche die Hofkammer ddo. 27. October 1681 über 
diese Anträge an die Hofkanzlei richtete, bemerkt dieselbe, dass sie 
bei der weit vorgerückten Jahreszeit die 115.000 fl. annehme, dass 
aber die Stände auf den Ersatz der Durchzugs- und Servizkosten ver- 
zichten mögen, indem sie sonst mit der einen Hand das wieder nehmen, 
was sie mit der andern gegeben haben. Die Kammer betont, dass alle 
Länder mit Ausnahme von Nieder- und Ober-Oesterreich die vorjährigen 
Steuerbeiträge auch heuer geleistet haben, auch könne sie sich mit der 
Hinausschiebung der Zahlung bis Lichtmessen und Ostern 1685 nicht 
zufrieden geben. Die Hofkanzlei wisse ohnehin, „wie schwer dass 
Camerale allerdings aufligt und wie hingegen demselben vnglaubliche 
Aussgaben antringen thuen." Die Hofkammer beklagte zum Schlüsse 

welche sie gegen die Anträge des Kaisers und seine Regierung seit Jahren 
eingenommen satten, in hervortretender Weise. Die Frage wegen Beischaffang 
der erforderlichen Geldmittel wurden vielfach berathen. Unterm 8. Februar 
1684 legte der Hofkammerrath Freiherr von Aichbüchl einen eingehenden Be- 
richt vor. K. k. H. K. A. Fase. 17105. Die Hofkammer selbst brachte ddo. 
Linz 28. März 1684 Vorschläge ein, worin gesagt wird, dass der Fürst Hart- 
mann von Liechtenstein mehrmals aufgefordei-t wurde, ein Darlehen zu gewähren, 
es jedoch jedesmal abgeschlagen habe. Fase. 13866. 

') K. k. H. K. A. Fase. 13867. 

*} Daselbst. Fase. 17108. 



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257 

die „rückständige bereits auf ein grosses sich belauffende quantu des 
vierten Standes. " ^) 

Aus den vorstehenden Actenstücken geht hervor, dass zum Feld- 
zuge gegen die Türken in Ungarn im Jahre 1684, dessen vorzüglichste 
Aufgabe es war, Nieder Österreich, namentlich aber die Stadt Wien 
gegen eine Wiederholung der furchtbaren Katastrophe zu schützen, wie 
sie im Vorjahre hereingebrochen war, die Stände von Nieder- 
österreich und mit ihnen die Stadt Wien, an Steuern 
nicht einen Kreuzer beigetragen hatten. 

In Oberösterreich trat der Landtag zur Beratung der 1684er 
Steuerpropositionen am 16. Jänner 1684 zusammen. Bei der Eröff- 
nung war der Kaiser persönlich anwesend. Schon am 18. Jänner 
gaben die Stände die Erklärung ab, dass sie unter dem üblichen Vor- 
behalt des freien Eingriffs und Abrechnung der Serviz- und Durch- 
zugskosten, an Steuern pro 1684, 150.000 fl. n. z. 100.000 fl. an 
Ostern und 50.000 fl. an Bartholomae zahlbar, bewilligen. Unterm 
8. Februar erklärte die Hofkammer an die Hofkanzlei, dass sie diesen 
Antrag nicht annehme, sondern auf dem Beitrag von 230.000 fl. be- 
stehe. Die Zahlungstermine müssen derart eingerichtet sein, dass die 
Soldatesca, welche nicht warten kann, rechtzeitig bezahlt werden könne. 
Die Stände wären darauf aufmerksam zu machen, „dass Sye durch so 
viele anhero geflüchtete hohe und niedere Standes-Persohnen, als auch 
durch die subsistenz des Kays. Hofes selbsten, alle Ihre failschafften 
zu gueter anwerthung bringen." Schliesslich hob die Hofkammer die 
Bereitwilligkeit der böhmischen Stände hervor. -) 

Die ober-österr. Stände hatten die vorjährigen Steuern noch nicht 
voll abgestattet, wodurch bei einigen Regimentern, welche mit ihrem 
Sold an dieselben angewiesen waren, nunmehr Rückstände bestanden, 
auch hielten sie auf Grundlage des vorbehaltenen „freien Eingriffes" zur 
Truppen Verpflegung 30.000 fl. zurück. Die Stände hatten ferner über 
Aufforderung der kaiserlichen Regierung ein Proviantmagazin angelegt, 
für welches sie nunmehr 27000 fl. anrechneten, dabei aber ausserge- 
wöhnlich hohe Einheitspreise ansetzten. Obwohl die Hofkammer auf 
diese Unzukömmlichkeit aufmerksam gemacht hatte, hielten die Stände 
dennoch ihren Anspruch aufrecht. Unterm 29. April 1684 erfolgte 
eine neue Eingäbe, in welcher sie den Antrag stellten, es möge ihnen 



1) K. k. H. K. A. Fase. 17108. 
«) K. k. H. K. A. Fase. 17105. 

17 



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258 

gestattet werden, die Einkommen- oder Türkensteuer in die ordinäre 
Steuerbewilligung einzurechnen. *) 

Auf die Einwendungen der Hofkammer vom 5. Mai, erfolgte 
unterm 14. Mai eine neue Eingabe der Stände, welche mit einem Er- 
lasse der Hofkanzlei vom 20. j Mai erlediget wurde. Die Zurückhaltung 
der 30000 fl. wird nicht zugegeben, dieser Betrag ist an die betref- 
fenden Regimenter abzuführen. „Betreffend aber die Ihro Mayt. auf- 
raittende 27000 fl. wegen des Getraydts, Ihro Mayt. dissfalls weder 
weichen wollen noch können." Die Hofkanzlei hebt hervor, dass bei 
der grossen Nothlage das Getreide hätte requirirt werden können, 
allein man ersuchte die Stände um die Beistellung, welche dafür nun 
einen Ersatz verlangen, der überspannt ist, „man auch das getraid 
anderorts vmb ein merkhlich wenigers woll haben hätten khönnen auch 
gehabt hat." Die Stände muthen dem Landesfürsten in dieser ausser- 
ordentlichen Nothlage eine Zahlung zu „dazue auch ein Jeder Privatus 
nit verbunden wäre. Es khombt hiezue, dass sye Stende dises getraidt 
noch in haendten haben." Nachdem femer die Regimenter ihre Be- 
zahlung nicht mit einem Mal ansprechen, sondern allmälig abgefertiget 
werden können, so genügt, wenn nur die Zusicherung vorliegt, dass 
dieses bezüglich des fertigen (vorjährigen) Ausstandes als auch der 
neuen Bezahlung, geschehen werde. Schliesslich sagt die Hofkanzlei : 
„Und dises ist, was Ihr Kays. Myt. gnedigist anbefohlen, Ihnen gehors. 
Ständten, oder deren Herren Verordneten, nochmals ex superfluo ohne 
Verzug zu hinterbringen, dess gnedigigsten Versehens, die werden 
denen in dieser Sachen vorgegangenen so vielen Schrifftenwexlungen 
nunmehr ein Endt machen, und die angewiesenen Regimenter ihres 
ferttigen Hinterstandts halber ohne Ihr. Kays. Myt. weiter Entgelt 
vnd zuthun, ohne ainige weithere replicirung zufrieden stellen." ^) 



^) In Bezug auf diesen Antrag kömmt zu bemerken, dass die ordin. 
Steuerbeiträge, die drei obern Stände einfach auf ihre Herrschaftsunterthanen 
umlegten, während die Einkommensteuer die Herrschaftsherren ad personam 
traf. Wäre der Antrag zur Cumulirung beider Steuern angenommen worden, 
ßo hätten die Stände unzweifelhaft abermals den ganzen Steuerbeitrag auf die 
ünterthanen umgelegt, sie selbst wären aber, wie bisher, steuerfrei geblieben. 
Da unverkennbar ein solcher Vorgang, falls er in einem Lande gestattet worden 
wäre, auch in allen übrigen hätte zugegeben werden müssen, so hätte sich aus 
der Gewährung des von den oberösterreichischen Ständen gestellten Antrages 
alsbald eine gänzliche Auflassung der Einkommensteuer ergeben. 

'») K. k. H. K. A. Fase. 17106. 



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259 

Der ober-österr. Landtag des Jahres 1684, konnte jedoch erst 
am 9. November 1684 geschlossen werden. Den Ständen wurde die 
Abrechnung des Serviz-Guldens und der Truppenverpflegung, der Con- 
sequenz wegen nicht genehmiget. Die Einbringung von Bekenntnissen 
zur Berechnung der Türkensteuer von Allen, welche mehr als 1000 fl. 
im Vermögen besitzen, wurde strenge angeordnet. ^) 



Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683, so 
wie der Umstand, dass dieselbe überhaupt eintreten konnte, zeigen 
nur zu klar die Schwäche des österreichischen Staates in der zweiten 
Hälfte des XVII. Jahrhunderts. 

Welches waren die Ursachen, dass die hereingebrochene Galamität 
einen für Niederösterreich, namentlich für Wien so verderblichen, für 
den Bestand der Monarchie höchst gefahrlichen Charakter angenommen 
hatte ? 

Als der vorzüglichste Ausgangspunkt für jene Zustände, aus 
denen sich die in jener Zeitperiode so auffallend hervortretende 
Schwäche der Monarchie ergab, kömmt die historische Thatsache zu 
bezeichnen, dass damals der österreichische Gesammtstaatsgedanke 
beinahe vollständig erloschen war. Kaiser Leopold L war der Erbherr 
einer Zahl von Königreichen und Ländern, allein jedes derselben be- 
trachtete sich als selbstständig und unabhängig von den Neben- 
provinzen, ihre Zusammengehörigkeit fand einzig und allein in der 
Gemeinsamkeit des Staatsoberhauptes Ausdruck. 

Jene Centralstellen, welche Kaiser Ferdinand I. zur Wahrung 
der allen Erblanden gemeinsamen Interessen eingesetzt, hatten allmälig 
den grössten Theil ihres Einflusses und ihrer Macht verloren. Das 
Schwergewicht war in die Hände der Stände der einzelnen König- 
reiche und Länder übergegangen, wo sich jedoch die drei obern 
Curien, die Prälaten, Herren und Ritter des ganzen Einflusses be- 
mächtigten und die Bedeutung der Städte herabdrückten. 

Die drei obern Stände-Curien waren nicht blos der Regierung 
gegenüber übermächtig, sie waren auch nach unten vollkommen die 
Herren der Länder geworden. Wenig beschränkt war ihre Macht über 
die Herrschaftsunterthanen, so dass für jene Zeitperiode, welche wir 
im Auge haben, mit vollem Rechte gesagt werden kann, dass der 
Reichthum der Provinzen in die Kassen der Herrschaftsherrn abfloss. 



K. k. H. K. A. Fase. 17109. 

17* 



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260 

Diese waren auf ihren Dominien nahezu souveräne Machthaber ge- 
worden. Bei den Landständen hatte sich schliesslich die Anschauung 
gebildet, ja sie war zu einer Art Cardinalpunkt für ihre Haltung ge- 
worden, dass dem Interesse der Länder nur dasjenige als zuträglich 
betrachtet werden könne, was ihrem eigenen, ständischen Interessen 
förderlich erschien. Darum traten sie auch jedem Antrage der Re- 
gierung entgegen, der in irgend einer Richtung, diese ihre ständischen 
Interessen mit einer Verkürzung oder einer Einbusse bedrohte. 

Weil an die Stelle der wahren wohlverstandenen Landesbedürf- 
nisse das Interesse der Stände getreten, war in den kaiserlichen Erb- 
ländern allmälig der Gedanke der Zusammengehörigkeit, der Noth- 
wendigkeit einer Pflege der gemeinschaftlichen Angelegenheiten, so 
wie das Bewusstsein einer Verpflichtung zur wechselseitigen Hilfe- 
leistung im Falle der Noth verloren gegangen. Die Stände gelangten 
nur dann zu einer raschen Verständigung, wenn es sich um die 
Wahrung ihrer von der Regierung bedrohten ständischen Rechte und 
Prärogative handelte. 

Wir mussten sehen, wie durch die Verweigerung der erforder- 
lichen Steuerbeiträge, die von der kaiserl. Regierung zur Vertheidigung 
der Länder ergriffenen Massnahmen lahm gelegt wurden. In Bezug 
auf Nieder-Oesterreich wissen wir, dass die Stände im Jahre 1680 die 
blosse Zufuhr der für die Fortification von Wien erforderlichen Palli- 
saden abgelehnt hatten und mit welchen Vorbehalten und Verklausu- 
lirungen sie im Frühjahr 1683, nicht etwa die Beistellung auf ihre 
Kosten, sondern lediglich die vorschussweise Bestreitung der auf etwa 
5000 fl. belaufenden Auslagen für die Deckung des Pallisadenbedarfes 
übernommen hatten. Im hohen Gria.de musste es befremden, dass die 
Stände von Nieder-Oesterreich im Winter auf 1683, den kaiserl. 
Truppen, welche das Land gegen Einfälle der Türken und der Tökely- 
schen Banden schützen sollten, die Einquartierung im Lande ver- 
weigerten, wir wissen ferner, dass dieselben Stände das in den 
wärmsten Worten gehaltene Ansuchen des Kaisers um die Verlängerung 
der bei der Fortification von Wien in Verwendung gestandenen Robot- 
Arbeiter um die Zeit einiger Wochen ablehnten, so wie sie erst zu 
einer Zeit, als sich die türkische Heeresmacht bereits in Stuhlweissen- 
burg befand, den Beschluss fassten, die Fluchtörter und Kreudenfeuer 
binnen Her vier Monate Juni — September in Stand zu setzen; welche, 
heute gar nicht mehr zu begreifende Verzögerung und Säumnis für 
Tausende und Tausende der Landbewohner Tod oder Sclaverei zur 



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261 

Folge hatte. Bei den vier Curien der Stände Nieder-Oesterreichs war 
das Verständnis über die Wichtigkeit der Rettung von Wien für den 
Culturstand Europas vollständig erloschen. 

Als beim Einbrüche der Feinde, Alle die zur Flucht noch Zeit 
fanden, darunter mit weniger Ausnahme sämmtliche Ständemitglieder, 
das Land verlassen hatten, drohte eine neue Calamität dadurch, dass 
die rath- und hilflos zurückgebliebene Landbevölkerung schwierig 
wurde und jeden Augenblick das Ausbrechen von Bauernaufständen 
zu besorgen war. 

Nach dem Entsätze von Wien sehen wir die alten Zustände 
bald wieder Platz greifen. Anstatt mit dem Zusammenfassen aller 
Kräfte die kaiserl. Regierung zu unterstützen, um die stets drohende 
Gefahr einer Wiederholung des türkischen Einbruches hintanzuhalten, 
verweigern die Stände von Niederösterreich zunächst jeden Steuer- 
beitrag zur Vertheidigung ihres Landes, erinnern aber den Kaiser 
wiederholt daran, dass sie erwarten, er werde die ihm von Gott an- 
vertrauten Länder durch seine Waffen zu schützen wissen. 

Wenn nun die Stände von Niederösterreich, des Landes, welches 
durch die Türkengefahr unmittelbar und am meisten bedroht war, 
eine gegen die Steuerpropositionen, ja selbst gegen die vom Kaiser 
persönlich ausgegangenen Vorstellungen und Ermahnungen geradezu 
oppositionelle Haltung annahmen; wie konnte dann von den Ständen 
der übrigen Erbländer, welche einem feindlichen Einbrüche weniger 
ausgesetzt waren, eine ausreichende Unterstützung erwartet werden? 
Siegreiche Erfolge der kaiserl. Waffen lagen in einer Beziehung gar 
nicht im Interesse der Stände, denn eine nach Aussen siegreiche Re- 
gierung musste sich auch im Innern derart kräftigen, dass daraus 
für die ständische üebermacht Gefahren erwachsen konnten. Wie die 
Stände der Erbländer ihre Stellung auffassten, konnte ihrem Interesse 
eine nach Aussen und Innen schwache Regierung nur am meisten zu- 
träglich erscheinen. 

Es dürfte die Annahme nicht als gewagt erkannt werden, dass, 
im Falle der kaiserl. Regierung von den Ständen der Erbländer für 
Kriegszwecke zureichende Steuerbeiträge bewilliget worden wären, der 
Krieg gegen die Türken in einem kürzern Zeiträume und im Ganzen 
auch mit einem geringern Gesammt-Aufwand zum siegreichen Ab- 
schlüsse gebracht worden wäre. So aber kargten die Stände mit den 
Steuerbewilligungen derart, dass die kaiserl. Truppen in den einzelnen 
Jahren im ungenügenden Stande, auch verspätet den Feldzug er- 



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262 

öffneten, und dass sie mangelhaft verpflegt, ja nnr zu oft in die 
grösste Nothlage versetzt waren. Und dennoch haben sich diese 
Truppen in ihrer Kaisertreue auf das standhafteste bewährt 

Jene HofEaungen, welche am 11. September 1683 die auf den 
Ruinen des Kahlenberger Schlosses entfedtete Fahne mit dem Doppel- 
adler wach rief, sie haben sich erfallt am 11. September 1697, dem 
Tage der Würgeschlacht bei Zentha, wo diese Fahne in den 
reichsten Siegesstrahlen erglänzte, üeber das für alle Zukunft 
von der Gefahr einer Türkenbelagerung befreite Wien, 
ging erst die Sonne des 12. September 1697 auf. , Alier- 
gnädigster Herr" berichtete Prinz Eugen von Savoyen vom Schlacht- 
felde aus an den Kaiser, „den tapferen Heldengeist Ihrer gesammten 
Oenerale, Officiere und Soldaten kann meine schwache Feder nicht 
genugsam entwerfen, weniger denn sattsam loben und preisen. Es ist 
nicht ein Einziger, welcher — so viel ich weiss — nicht mehr als 
seine Schuldigkeit gethan hätte.'' Zum Schlüsse bat der ruhm- 
gekrönte Feldherr für seine Armee um die längst ver- 
heissene Soldzahlung. Es ist überaus traurig es sagen zu 
müssen, allein es ist dennoch nur zu wahr, an den Ständen der Erb- 
länder hatten damals die Feinde Oesterreichs, wenn auch nicht ab- 
sichtliche, deshalb aber nicht weniger wirksame Stützen. 

Kaiser Leopold I. genoss unter den Regenten seiner Zeit das 
höchste Ansehen. Seine Vertragstreue, sein Streben nach Recht und 
Gerechtigkeit, sowie seine Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung über- 
nommener Verpflichtungen, sind wahre Glanzpunkte seines Charakters. 
Von ihm kann mit voller Berechtigung gesagt werden, , Seine Staats- 
kunst war die Ehre." 

Nachdem seine Politik von feststehenden, auch im Unglück be- 
harrlich aufrecht gehaltenen Grundsätzen geleitet war, trat allmälig 
eine Zahl ausgezeichneter Männer aus allen Ländern Europas in seine 
Kriegsdienste. Die kaiserl. Armee war zu einer wahren Pflanzschule 
ruhmgekrönter Feldherren und Truppenführer geworden. Es war dem 
im Laufe seiner Regierung so vielfach und hart geprüften Kaiser 
Leopold I. gegönnt, die Demüthigung seines ränkevollen, Vertrags- 
brüchigen und raubsüchtigen Gegners Ludwig XIV. durch die Schlacht 
bei Hochstätt zu erleben. 



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263 
Beilage, 



Referat, Vber die mit dem Hrn. Johann 
Ludwig Mittermayer gehaltener Commission 
vmb tractirung mit Ihme des Werthes 
halber, wegen des von Ihme zu verschaffen 
habenden Zeuges vnd Munitions requisiten. 
Wienn 24. Marty 1683. 



Allergnädigister Kayser vnndt Herr etc. 

Es Hat E. K. M. Rath. queksilber vnndt Kupfer Administrator 
Johann Ludwig Mittermayr von Waffenberg, bey der Hoff Camer 
gebührendt angehalten, man mächte mit Ihme vber diejenige Zeigs 
vnd munitions sorten, zu derer Liferung anhero mit Endt diss Monaths 
Er sich erbotten, E. K. M. auch dessenthalber die nachricht ratione 
quanti zu verschidenen mahlen allervnterthänigist schon hinterbracht 
worden, dermahlen einst einen gewissen werth schliessen. Nun hab 
ich Hoff Camer Präsident auf dises anbringen mit E. K. M. Cammerer» 
Oberst Landt vnd Hauss, auch Gral. Veldt Zeügmaister obrst. der 
Comorisch Gräniz Carl Ludwig Grafen von Hoffkirchen (titl.) Gral. 
Comisario Grafen Breüner, Hoffcamer Rath Mayr, mit Zueziehung der 
Zeug Lieut. von Wenzelsberg vndt Spenemans, den 9. Marty 1683 in 
meiner Behausung eine Zusamen Kunfft gehalten, Worinen Erstlich 
der Mittermayr angefragt worden, in was für einen werth Er die 
bewuste, zu Lifern versprochene, auch maisten thails schon bestelte 
Zeugs vndt Munitions sorten an gehörige orth verschaffen : 
2^*^ weill dem Vememben nach 8000 Centr. Pulfer Jeglicher Zu 1 5 Reichs 
Thal, oder 22 fl. 30 kr. In frankhfort zu Verkhauffen seyn solten, ob 
vorträglich währe, selbte vmb erstbenanten preiss Zuübernemben ? dan 
drittens ob: vnd wo noch mit mehrer pulfer aufzukhomen. Er auch 
sich vber das Versprochene, vmb Verschaffung einer grösserer raänge 
weiters annemben wolte? 



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264 

Hierauf hatt Er Mittermayr in primo geantworttet, das die Ver- 
anlaste 2000 Centen Pulfer von Ihme In Bayern, vnd dem Rom. Reich, 
dabenebens 1000 Centen Salliter In Hollandt zu Amsterdam, vndt 500 
zu Haimbburg schon bestellet worden, vnd diese 1500 Centen Saliter 
in pulver verkerter nebst dennen Vorig 2000 Centen mit negsten hie- 
her gebracht werden khünen. Des Werths halber hat Er Zwey weeg 
vorgeschlagen, das man entweder von hierauss Leuth abschikhen könne, 
welche das bereitss erzeigte pulfer recognoscieren , probieren, über- 
nemben, einfassen, auf E. K. M. Gefcihr hieher Ufern, vnd an orth 
vnndt Endt nachfragen mögen, wie Er solches eingehandtlet habe, vndt 
werde sich nicht änderst findten, als das Ihm an den in Bayern vnd 
den Rom. Reich erkhaufften guetten legerhaften 2000 Centner pulfer 
Jeglicher Center Wienner gewicht, ßambt der Liferung auf das wasser, 
von 24 biss 25 fl. costete; auf solch Fall Er es in diesen werth 
herumb Lassen, auch durch seine original Correspondenz-Brief, vnd 
rechnungen Zaigen wolle, dass Er Kainen Kreuzer bey solcher Be- 
schaffenheit zu gewünnen verlange; Sofehrn Er aber die gefahr vnd 
Liferungs vncosten biss hieher vber sich nemben müsste Kunte Er 
den Centen Wiener gewicht vnter 27 fl. rh. (worunter auch die abladt- 
vnndt Liferungsvnkosten von den schif in die Benennende Lägestätt 
oder Zeughäuser verstanden wären) gar nicht Verschaffen, vnd Zwar 
darumben, weillen Er Erstlich auf einen Jeglich Centen von Regenss- 
purg biss hieher I fl. 30 kr. Schiffmieth, sodan Vor die Lägstätt, vndt 
Kundschafften nambhafte Regalien, Item vor die darauf obacht Tragende 
vnd die weithere anstalten in der Liferung, auch sonsten, fürkherende 
Leuth, an Recompensen ein Zimbliches beizutragen haben wurdte, zu- 
geschweigen der gössen gefahr vndt Verlusts, deme Er mit herbey 
Bringung diser haikhlich wahr vnterworfen währe. 

Die vbrige in Hollandt erkhaufFte 1000, vnd zu Hamburg er- 
handelten 500 Centen kunten vnter 28 fl. hieher, oder wo es E. K. M. 
haupt Zeügambt hin haben wolte, auf sein gefahr vnd mit ausstehung 
vorangezogener vnkosten, ganz nicht vberbracht werden, welches vmb 
so vill mehrer zuglauben, wan man erweget, dass die Frachtencosten 
allein von erstbenannten beeden orth biss an die Donan auf 6 fl. vom 
Centen belauffen. 

Anderortens werde Bey erkhauffung des Frankhforter zu 1 5 Reichs- 
thall, der Centen vorgeschlagenen Pulfers, ein schlechter gewün seyn, 
indeme der Centen sambt fracht vnd Schiftnüethvncosten biss hieher 
vnd mit Zurechnung des abgangs an gewicht (Zumallen der frankh- 



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265 

furter Centen vmb 18 ^. ringer seye, alss der Wiennerische) auf 
30 fl. auch höcher kommen wurdte, vnd währe man noch darzue 
der erforderlich güette halber nicht versichert. 

Drittens wolle Er sich Zu einer weittem Pulfer erzeigung gänz- 
lich nicht einlassen, Jedoch den fingerzeig geben, wie manss von der 
Hoff Camer aus selbsten bestraitten, vnd wo maus am besten aufbringen 
möchte, seiner mainung nach währe es in hollandt am Besten, dan 
alda kunte mans von erster Handt am wolfailsten vnd so die sach 
recht eingerichtet wurde wöchentlich 1000 Centen gewiss, hingegen 
von anderen orthen, vnd bey solchen, die den Vorkhauff treiben vnd 
Ihren gewinn darbey suchen, weder in quantitate, noch in disen preis s 
haben. Zu Augspurg wisse Er auch Pulfer, werde also gleich darumb 
schreiben, vnd den Befundt mit negsten berichten. Zu disen Vorrath 
komete auch diejenige 300 Centen welche gratis herzugeben der Erz- 
bischof von Salzburg verwilliget hat. 

Hierauf hatt man Ihme Mitter mayr abtreten lassen, vnd aus 
volgend vrsach für vorträglicher befunden, mit Ihme lieber zu trac- 
tieren, alss die gefahr vnd Liferungsvngelegenheit zu vbernemben, in- 
deme hierdurch vill Lifergeld für die Jenige Bediente, so man etwa 
der Vbernemb probier vnd Liferung halber abschikhen mieste, sambt 
allen andern Vnkosten, vill müehe, vnd Zeit ersparet würdte. Den 
Werth anlangendt hat man 25 fl. durchgehends genug zu seyn vermainet, 
vnd zwar darumben, dass Ihme gleichwoll schon vill gelder zu erzei- 
gung diser Zeügsnotturften anticipate hinaus gegeben worden, welche 
vermuetlich vnter dieser Zeit nicht feyrendt werden gelegen seyn. 
Nicht weniger ist drittens zu vnterbringung dises Pulfer Vorrath der 
Pulfer Thurm zu Crembs am bequembisten, vnd letztlich für guett 
erachtet worden, Ihme zuezusprechen das Er sich zu verneren Life- 
rungen einlassen möchte. 

Er Mittermayr hat aber, da Er wider fürgefordert worden, in 
kheinen punct seiner obigen erklärung weichen wollen, ist doch endt- 
lich nach villfältig Zuesprechen mit denen ersteren 2000 Centen von 
jeglich, vmb 30 kr. also von 27 fl. biss auf 2(i fl. 30 kr. herabge- 
wichen, mit denen vbrig 1500 aber auf den Vorig pot (gegen Vber- 
nembung der gefahr vnd aller vncosten biss in die Legstatt hieher, 
nach Crembs oder wo mans hin haben wolle, nicht weniger gegen den 
erbietten, dass man die manglhaffte Sorten aussschiessen möge) Ingleichen 
dass Er sich weitters auf sein gefahr in dergleichen Liferung nicht 
mehr einlassen wolle, dabey beständtig verbliben. 



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266 

Votum Commissionis. Nun hat die Commission dise tractation 
aus vorberührten Vrsachen zwar für annemblich befunden, auss ürsach 
aber, dass man keinen gressern abbruch (wie es sonsten in dergleichen 
Käüffen zu beschechen, vnd die Kauffer den Werth zu erhöchern, der 
VerkhaufPer hingegen herabfallen zu lassen pfleget) machen können, 
nicht positive geschlossen, sondern ad referendum angenommen, in- 
massen es mithin atif E. K. M. allergnedigsten entschluss beruehet, 
anbey gleichwoll zu beobachten, dass Er Mittermayr keinen sonder- 
bahren Vortl dabey haben künne, weillen Er zum öfftern bittend sich 
erbotten, gleich 500 Reichsthaller ex proprio herzugeben, wan man 
denselben von seinen, wegen solcher pulfer Liferung gegebenen Ver- 
sprechen frey lassen wolte. 

Vnndt dises ist das Jenige, was die Pulver tractation anraichet. 

Der vbrig veranlasten Zeugssorten halber, hat man sich mit Ihme 
volgend gestalt verglichen nemblich auf 

4000 Centner Pley Jeder in das Kays. Zeughauss zu 8^4 A- 
hieher zu liefern, worbey zu merkhen, dass bey der J. Oe. Cammer 
für Jeglich Centen Pley 1 fl. 30 kr. Mauth vnd Zollgebührnuss ab- 
geleget würdt, weill nun diser Reichsthaller E. K. M. zu nuz komet, 
also belauffet sich der Centen in effectu nur auf 7 fl. 15 kr., welches 
ein grosser vnterschiedt ist gegen denen Vorig Zeitten, da man den 
Centen in den alhiesig Zeughauss vmb 10 fl. bezallet hat. 

1500 Centner Lunden auss dennen Erblandten, vndt zwar 1000 
Centner mit Ehisten, dan die vbrigen 500 Centner biss hin Jacobi 
dises Jahrs, jeden Centner auf den Hefft Stökhen alhier a S^/g fl. zu lifern. 

1000 Centner deto auss dem Rom. Reich, jeden zu 4 fl. 30 kr. 
weillen aber diese 1000 Centner zu teyer, also solle durch Ihme 
Mittermayer vmb einen nachlass geschriben oder anderwertig Lunden 
wolfailler erkauft werden. 

100/^ Handt, und 1400 Polier vnd Haubizen granaten seyndt 
bey den grafen de Souches zu Jeyspiz, bey grafen von Liechtenstein 
zu Bernstain, vndt bey dem Samuel oppenheimber Juden bestellet, 
hieran seyndt 14067 Handtgranaten, vnd zwar der Centner von disen 
ä 8 fl. 36 kr. bezalt vnd gelifert worden, an den vberrest aber den 
Centner zu 7 fl. 30 kr. werden mit negsten 25/M, vnd das Vbrige 
auch baldt darauf nach vnd nach hieher geliefert werden. Item so 
seyndt ohne dem noch 8000 Handtgranaten hier vorhanden, vnd in 
den Reich daroben (wiewoU teyrer) ein guetter anzall in fall der noth 
zu bekhomen. 



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267 

Vnter dennen nothwendigisten sachen hätte man also gleich 
200 Centen Kupfer zum Stukhgiessen vonnethen. Es ist aber biss dato 
Keines alss das dem Mittermayr verhypothecierte vorhandten, dahero 
man demselben, vmb die interims ervolglassung sothanig 200 Centen 
gegen vnfehlbarer widerersetzung von der Cammer Neysoll aus zuege- 
sprochen. 

200 Centner Pöch Jeder Centner ä 372 fl. 

80 Centner Cärtatschen Schrödt in 4 Sorten, Jeder Centner 
ä 14 fl. werden mit negsten hier seyn. 

10000 gestölte Sturmbnägel ä 4 kr. das Stukh. 

60000 Lemb oder fuesseissen in drey sorten jedes ä 5 kr. 

18000 Mortschläg in öerley gattung Jeder ä 5 kr. 

Feyerwerkhs-Platten in 4 sorten 700 paar. Jeder Centen ä 17 fl. 

Sprengkugl-Platten in 4 sorten 400, Jeder Centen ä 17 fl. 

Batteryen Nögl in zweyrley Sorten 30000, ein Pfundt zu 8 Krzr. 

1800 Spreng Platen Nögel Jeder ä 1 kr. 

Die Reparirung der Pulfer Thurm zu Crembs vndt alhier, ist 
auch sehr nothwendig befunden, vndt seihte alsogleich werkhstellig zu 
machen, darzue aber die mitl von der Hof-Camer zuuerschaffen veran- 
lasset worden. 

Weitters ist in dieser abrede die einrichtung der Künfftig 
mehreren pulfer erzeigung, die reparierung der vorhandenen, vnndt 
erzeigung neyer Handtmühlen, sambt noch Villen in Zeugsachen er- 
forderlichen nothwendigkheiten vorgekhomen, dieweill aber für diss- 
mahl die Zeit zu kurz gewessen, vnd das weithere auf ein andere ab- 
handlung remittiert worden, Alss hatt man gleichwoll die obgehabte 
Tractation E. K. M. ad notitiam allervnterthänigist vorzutragen, sodan 
Dero allergnädigisten entschluss in tüffister vnterthänigkheit zu er- 
warthen für nothwendig erachtet. 

„Ich lasse mir alle diese anstalten wollgefallen 
vnd in allen bestatte ich Selbige." 

Leopold. 



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268 

Herr Mittermayr, vber seine Verschaffende Munition vndt Zeugss- 
requisiten. 

Wien den 7. Aprilis 1683. 
Specification Wass die bestellten Munitionssorten vermig geschlossenen 

preiss kosten: 

2000 Centner Pulver zu 26 fl. 30 kr 53fXX) fl. 

2000 Centner Pulver zu 28 fl 56000 fl. 

4000 Centner Pley zu 8V4 A 35000 fl. 

1500 Centner Lundten zu SVg fl 5250 fl. 

1000 Centner Lundten zu A\U^ fl 4ö(:0 fl. 

100/M Handtgranadten vnd 140J Polier vnnd Hau- 
bitzen Granadten, weillen man dass Gwicht 
deren nicht waiss, alss wiert der Kosten vn- 

gefehr aussgeworffen . 24000 fl. 

200 Centner Pöch ä SVg fl. . 700 fl. 

80 dtto. Eissene Kugl Rundte schrödt ä 14 fl. 1120 fl. 

10000 Sturmnegl ä 4 Kzr 666 fl. 40 kr. 

60000 Lemb oder Fuss Eisön ä 5 Kzr 5000 fl. 

18000 Mortschlag ä 5 Kzr 150(j fl. 

700 paar Feyerwerksplatten 1 diese werden auch 

400 paar Haubuüzenplatten j nach Gewicht vnd 

zwar ain Centner zu 17 fl. gegeben, vnnd 

vngefehr 350 Centner gerechnet ä 1 7 fl. 5950 fl. 

30000 Batterien Nögl ain Pfundt zu 8 Kzr. werden 

ebenfahl s nach dem Gewicht abgegeben vnd 

Vngefehr aussgeworffen 900 fl. 

1800 Sprengplathen Nögel ä l Kzr 3 fl. _ 

Sa. . . 193616 fl.40lr. 
Hievon habe ich Empfangen 

Von einem Löbl. Hoff-Kriegs-Zahlambt 130000 fl. 

Von Löbl. vicedom ambt . . . 41500 fl. 

Von Herr Grundteman zu Lünz 40000 fl. 

Sa. . . 21 ll)ÖO fl! 

Wan nun die Munitions-Kosten 193616 fl. 40 kr. 

von dem Empfang der 211500 fl. defalciert werden, So erzeigt sich, 
dass ich der löbl. Hoff-Cammer 17883 fl. 20 Kzr. Hinauss zu thun 
schuldig verbleibedte. 



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Inhalt. 



Seite 

L Die Stände von Nieder- und Ober-Oesterreich 1 

n. Vorbereitungen und Rüstungen zur Vertheidigung von Wien ... 19 
TTT Wachsende Kriegsgefahr und steigende Finanznoth des Kaisers . . 44 

IV. Actenstücke zu den Verhandlungen mit Polen 63 

V. Das Defensionswesen in Nieder-Oesterreich 76 

VI. Vor der Ankunft der türkischen Hauptmacht bei Wien 82 

Vn. Abreise des Kaisers und Bestellung der höchsten Civil- und Militär- 

Functionäre 92 

Vni. Beschaffung der für Wien während der Belagerung erforderlichen 

Geldmittel 107 

IX. Die Besatzung von Wien und Vorsorge für die Kranken und Ver- 
wundeten 113 

X. Betreiben des Entsatzes durch den Herzog von Lothringen .... 122 

XI. Vom 8. Juli bis 12. August 1683 129 

XII. Zustände und Ereignisse am flachen Lande Nieder-Oesterreichs . . 149 

XIII. Vom 12. August bis 3. September 1683 . . 159 

XIV. Bei den Entsatztruppen bis zum 12. September 1683 173 

XV. Vom 4. September bis zum Entsatztage 180 

XVI. Vom 12. September 1683 bis zur Abreise des Königs von Polen aus 

Ungarn 206 

XVII. Nach dem 12. September 1683 .223 

XVni. Schluss 246 



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BEITRAGE ZUR GESCHICHTE 

DER 

BELAGERUNG VON WIEN 

DURCH DIE TÜRKEN IM JAHRE 1683. 



Historische Studien 



Johann Newald 

«m. Director der k. k. Forst- Akademie in Mariabrunn, des her20glich Sachsen £mestinischen- 

Haiisordens Ritter I. Ciasse, Conservator der k. k. Central-Commission für Kunst- 

iind historische Denkmale, Ausschuss - Mitglied des Alterthums - Vereines zu 

Wien und des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich etc. etc. 



II. Abtheilung. 



Alle Rechte vorbehalten. 



WIEN 

Vorhiff von Knbasta und Voigt 
1884. 



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ßuchdriiekerei Kreisel & Gröger, vorm. L. W. Seidel & Sohn. 



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Meinem lieben Bruder 



dem Herrn 



D"- JULIUS RITTER VON NEWALD 

Comthur des kaiserlich - Österreichischen Franz- Josef- Ordens (mit dem Sterne), 

des österreichisch - kaiserlichen Ordens der eisernen Krone dritter Classe, 

Gross-Officier des königlich italienischen Ordens der italienischen Krone, 

Commandeur des königlich belgischen Leopold - Ordens etc. etc. 



als Zeichen 



aufrichtiger Aritiäiig'lichkeit. 



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Vorworte 



Der GManke, welcher mich bei der ZttsammensteHting 
meiner „Beiträge zur Geschichte der Belagörung von Wien 
durch die Türken im Jahre 1683'' leitete, war zunöichst da- 
hin gerichtet, eine Zahl verschiedener mit dem Türkenkrieg 
und der Belagerang von Wien im Zusammenhange stehenden 
Fragen, als: das Verhalten der Landstände, die Befestigung 
und Ausrüstung der Stadt, das Defensionswesen und die Er- 
eignisse auf dem flachen Lande Niederösterreichs, die Ver- 
handlungen mit Polen, Details aus der Stadtvertheidigung 
u. s. w. einer eingehenden Besprechung m unterziehen. Die 
Absicht, eine erschöpfende Geschichte der Belagerung von 
Wien zu schreiben, lag mir gänzlich ferne, u. zw. umsomehr, 
da ich mich der üeberzeugung nicht verschliessen konnte, 
dass dk für- eine solche Aufgabe erforderlichen Quellen- 
Forschungen noch lange nicht abgeschlossen sind. 

Schon im Vorwort zu meiner oben erwähnten Publication 
wurde betont, dass mehrere Momente nur angedeutet werden 
konnten und ihrer Klarstellung eingehende Quellenstudien 
vorausgehen müssen. Mit Rücksicht auf den Umstand, dass 
ich meine Forschungen in den Wiener grossen Archiven auch 
nach dem Erscheinen meines Buches fortsetzte, daneben auch 
die mittlerweile von anderen Seiten publicirten Quellen eine 



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Ergänzung meiner eigenen Forschungs - Ergebnisse erwarten 
Messen, wollte ich mir eine allfällige Erweiterung meiner 
Excurse vorbehalten. 

So entstand die vorliegende IL Abtheilung der ^Beiträge 
zur Geschichte der Belagerung von Wien im Jahre 1683**, 
der ich jedoch abermals die Bemerkung beifüge, dass ich 
meine auf diesen Gegenstand Bezug nehmenden Quellenstudien 
auch dermalen noch nicht als abgeschlossen betrachte. 

Wie in der L Abtheilung meiner „Beiträge* reihe ich 
auch diesmal zunächst die Acten und Quellen aneinander, 
lasse diesen gleichsam das Wort und beschränke mich auf 
Schhissfolgerungen, welche sich aus dem Quellenmateriale von 
selbet ergeben, wobei ich mich mehrfach genöthigt fand, auf 
jene Fälle aufmerksam zu machen, wo sich in einschlägige 
Publicationen aufgenommene Angaben, mit den Quellen und 
Acten nicht im Einklänge fanden. 

Mit besonderer Sorgfalt suchte ich eine quellensichere 
Grundlage für die Erörterung der angeblichen Capitulations- 
Präliminarien mit dem Gross -Vesir zu gewinnen. Im Ab- 
schnitt XIII sind die Ergebnisse der diese Frage berührenden 
Forschungen zusammengestellt. 

Wien, den 16. Mai 1884. 

Johann Newald. 



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I. 

Zur Finanzlage in den Jahren 1683 und 1684- 

Die „Beiträge zur Geschichte der Belagerung von Wien durch 
die Türken im Jahre 1683" wurden absichtlich mit einer Beleuchtung 
der Stellung eröffnet, welche die Stände von Nieder- und Ober- 
Oesterreich zur Frage einer Betheiligung an den durch den drohenden 
Türkenkrieg erwachsenden gesteigerten Auslagen; zur rechtzeitigen 
Durchführung aller das Defensionswesen auf dem flachen Laxide be- 
treffenden Massregeln u. s. w., eingenommen hatten. 

In den historischen Publicationen über den Türkenkrieg, welcher 
mit dem Jahre 1683 den Anfang genommen hatte, wurde das Ver- 
hältnis der Landstände zur kaiserlichen Regierung nahezu gänzlich 
mit Stillschweigen übergangen. Es ergaben sich daraus namentlich 
bei. der Beurtheilung der Katastrophe des Jahres 1683 ungerecht- 
fertigte Vorwürfe gegen die Regierung, der man verschiedene Ver- 
säumnisse, Saumseligkeit in der Durchführung der Vertheidigungs- 
anstalten der Monarchie im Allgemeinen, als auch jener der Stadt 
Wien iija Besondern zum Vorwurfe machte^ ja * selbst dem Kaiser 
Leopold I. Mangel an Einsicht und an der thatkräftigen Förderung 
des Defensionswesens zuschrieb. Im Interesse der historischen Wahr- 
heit, war die Ausdehnung der Quellenforschungen auf das, der da- 
maligen Landesverfassung entsprechende Thätigkeits-Gebiet der Stände, 
unvermeidlich geworden. 

Für die vorgelegenen Zwecke war es genügend, die Detail- 
Studien auf die durch eine Türken-Invasion zunächst bedrohten Länder 
Oesterreich unter und ob der Enns zu beschränken. Wenn 
die Stände dieser beiden Länder keinen Anstand nahmen, gegen die 
von der kaiserlichen Regierung eingebrachten, das Vertheidigungs- 
wesen anbelangenden Landtags-Propositionen, sowie den vom Kaiser 
unmittelbar ausgegangenen Anträge und Ansuchen gegenüber, trotz 
der in denselben vorkommenden eindringlichen Vorstellungen und 
Schilderungen der stündlich wachsenden Gefahre»^ in eine ziemlich 
weitgehend ablehnende Haltung einzutreten, so musste sich unver- 
kennbar aus den Beschlussfassungen der Landstände dieser zwei Pro- 
vinzen auch ein, für die kaiserl. Propositionen und Anträge un- 

l 



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günstiger Einfluss auf die Verhandlungen mit den Ständen der andern 
Erbländer ergeben. 

Der Gedanke der Zusammengehörigkeit und der Verpflichtung 
zur wechselseitigen Hilfeleistung in den Zeiten >^er Noth und Gefahr 
war damals bei den Ständen der Erbläftder gänzlich erloschen. Wie 
war nun aus jenen Provinzen, welche durch eine Türken-Invasion 
weniger bedroht waren, eine ausgiebige Unterstützung der Regierung 
bei der Bekämpfung des gemeinschaftlichen Feindes zu erwarten, 
wenn die am meisten gefährdeten Länder unter und ob der Enns, 
den Vorstellungen des Kaisers und seiner Regierung beharrlich das 
Ohr verschlossen hatten? 

Das völlig ungenügende, der von den Ständen der Erbländer 
der kaiserl. Regierung zum Türkenkriege gewährten Steuerbeiträge, 
werden wir alsbald zugeben, wenn wir dieselben mit jene'n Summen 
vergleichen, welche in unserer Zeit für das Kriegs-Budget in Friedens- 
jahren und ganz abgesehen von einem Kriegsfall aufgebracht werden 
müssen. Für das Jahr 1683 war die Aufstelhmg einer Armee von 
80 Tausend Mann beschlossen und wurden die auf die Erbländer um- 
zulegenden Militär-Beiträge mit 5,739.514 fl. prälimiiiirt. *) Unterm 
20. Mai 1683 musste die Hofkammer an den Kaiser die Meldung er- 
statten, dass in Folge der ganz ungenügenden Steuerbewilligungen 
der Landstände, an äen ordentlichen Kriegsbedürfnissen noch 3,370.000 fl. 
Ungedeckt sind, und daher die Truppenanwerbungen und Ausrüstungen 
ins Stocken gerathen sind. ^) 

Ueber die Form, in welcher die Abstattung der Soldgebühren 
an die einzelnen Regimenter erfolgte, kömmt hervorzuheben, dass auf 
Grundlage des üblichen Vertheilungsmassstabes die Regimenter den 
einzelnen Ländern zur „Verpflegung" zugewiesen waren. Die Länder 
führten alle für die ihnen zugetheilten Truppen körper entfallenden Bei- 
träge unmittelbar an die Kassen der betreffenden Regimenter ab. 
Durch diese Einrichtung war der Hofkammer die Möglichkeit be- 
-nommen, die von den Ländern zur Erhaltung der Truppen bewilligten 
Steuerbeiträge für andere Zwecke zu verwenden, woraus sich jedoch 
von selbst ergiebt, dass aus Soldrückständen hervorgegangene Üebel- 
stände und Schwierigkeiten, nicht der kaiserlichen Regierung, sondern 
in erster Reihe den Landständen zur Last fielen. 



Beiträge zur Geschichte der Belagerung von Wien. S. 51. So oft von 
nun an diese Publication eitirt wird, wird immer nur „Beitrage" gesagt werden, 
*) „Beiträge" S. 62. 



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Der Kaiser hatte seinen Hofstaat und Hofhaushalt auf das zu- 
lässigste eingeschränkt, und gewiss gab es damals unter den Fürsten- 
höfen Deutschlands nur wenige, wo das Hofleben in gleicher Weise ein- 
fach war, wie am Kaiserhofe zu Wien. Da Festlichkeiten nur sehr 
selten stattfanden und somit Fremde nur wenige zureiseten, so litt 
auch die Stadt Wien unter diesen Einschränkungen. Kaiser Leopold I. 
war weder nach seiner Persönlichkeit, noch seinen Neigungen nach, 
ein Freund grosser lärmender Festlichkeiten. Ausser der Jagd, der 
er viele Vorliebe zuwendete, war es noph die Musik, welcher der 
Kaiser ein hohes Interesse entgegenbrachte. Während der Zeit der 
Türkenkriege lassen sich zu Wien jedoch kostspielige Jagden ebenso- 
wenig wie grosse Musikfeste nachweisen. 

Durch den ganz ungenügenden Steuerbeitrag der Landstände 
wurde die kaiserl. Regierung in die grösste Nothlage gebracht. Die 
Geldmittel, welche sie zur Verfügung hatte, waren nicht einmal zur 
Deckung der dringendsten Ausgaben zureichend. Bei allen Kriegs- 
und Vertheidigungsanstalten traten Stockungen ein, welche bei den 
Kriegsoperationen gegen die Türken, namentlich aber in Bezug auf 
die Vertheidigung von Wien, die gefahrlichsten Zustände herbei- 
führten. Mit der Vermögensateuer, der man bald den Namen „Tür ken- 
steuer" beilegte^ suchte der Hofkammer-Präsident Abele zunächst 
Diejenigen zur Beitragsleistung zu den Staatslasten heranzuziehen, 
welche sich derselben bisher zu entziehen wussten. Allein es 
brauchte einige Zeit, bis diese Steuer, deren Einführung namentlich 
die drei obern Stände-Curien : Prälaten, Herren und Ritter auf 
das lebhafteste bekämpften, regelmässig eingehende Beiträge eireichen 
Hess. ^) 

Ohne den Vorwurf einer üebertreibung besorgen zu müssen, 
lässt sich behaupten, dass beim Ausbruche des Türkenkrieges 
im Jahre 1683, die kaiserl. Regierung mit jenen Geldzuflüssen, welche 
ihr aus den Kammeraleinnahmen und den Steuerbewilligungen der 
Landstände zukamen, nicht 30.000 Mann auszurüsten und die Kriegs- 
auslagen auf die Dauer von drei Monaten zu bestreiten vermochte. 
Dazu kömmt noch zu erwägen, dass auch die in Folge des Krieges 
vermehrten Gesandtschaften an verschiedene Höfe und die Beiträge, 
welche den Gesandten zur Bestreitung der sogenannten geheimen 
Auslagen gewährt werden mussten, grosse Geldsummen in Anspruch 

>) Vergl. „Beträge" S. 7 ii. f. 

1* 



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nahmen.*) Es muss hier nochmals Dasjenige, was schon in den „Beiü-ägen^ 
Seite 83 hervorgehoben wurde, wiederholt werden : ^Aus der äusser- 
sten Noth retteten den Kaiser lediglich die Subsidien, 
welche Pa|)st Innocenz XI, in reichem Masse gewährte.*' 

Die Propositionen, welche an die Landtage in Bezug auf die 
Steuerbeiträge zur Aufstellung einer Armee von 80.000 Mann zu 
richten waren, hatte Kaiser Leopold L am IK Jänner 1683 geneh- 
migt.^) In der von der Abtheilung für ' Kriegsgeschichte des k. k. 
Kriegs-Archivs herausgegebenen Publication : „Das Kriegsjahr 
1683* wird, Seite 13 u. s. w., auf Notaten des damaligen General- 
Quartiermeisters Tobias von Hasslingen gestützt, die Dislocation der 
kaiserl, Armee im Februar 1683 mitgetheilt, und Seite 26 gesagt: 
„Die Stärke sämmtlicher aufgebotenen kaiserl. Kriegsvölker wurde — 
ohne die Grenzer und Ungarn — auf 54.968 Mann Inf. und 21. 600 Reiter, 
zusammen 76.668 Streiter berechnet, das Regiment zu Fuss mit 2040, 
das zu Pferd mit 800 Köpfen." Diese Angaben können sich nur auf 
den „So 11 st and" der Truppen beziehen, der thatsäc bliche Stand 
blieb jedoch gegen diese Ziffer erheblich zurück. In den „Beiträgen" 
sind eingehend jene Veranlassungsursachen geschildert, ftus denen sich 
weitgehende Verzögerungen in der Ausrüstung der Truppen ergaben, 
so dass die ursprünglich für den halben Monat April angeordnete Concen- 
trirung der Armee bei Pressburg, bis 3. Mai prolongirt wurde,^) und dass 
sich dort schliesslich nicht viel über 30.000 Mann eingefunden hatten."*) 



*) In dieser letzteren Beziehung kommen namentlich die in der Äbth. IV. 
der „Beiträge*' vorkommenden Nachweise zu erwägen. 

2j „Beiträge" Seite 49. Mit der kai&erl. Resol. ddo. Wien, 7. Dec. 1682 
wurde die Recrutirung und Reinontirung auf 76 Tausend Mann angeordnet. 
Die auf 80 Tausend fehlenden 4000 Mann sollten durch die Errichtung neuer 
Regimenter, welclie im Reich zu werben waren, ergänzt werden. K. k. Hof- 
kammer-Archiv Fase. 16.042. 

3) „Beiträge" S. 85 und 88. 

*) Zu den Notaten des Gen.-Quartm. Hasslingen, wie dieselben im „Kriegs- 
jahr 1683'^ mitgetheilt sind, kommt zu bemerken, u. zw. S. 14, dass 10 Comp. 
Sereny (somit das ganze Regiment) zweimal aufgeführt werden, u. zw. „an der 
Waag" und „bis an die Donau". Auf S. 33 wird der General - Quartiermeister 
„von Selinger" genannt ; — seine eigenhändige Unterschrift ddo. 9. März 1683 
lautet: „Bernhard von Sehligeucron Gen. quartiermeister". Der Christ und 
Commandant zu Raab fertigte seinen Namen mit: Georg Freiherr von Wallis, 
Obrister; nicht Graf Wallis. Die Wallis wurden erst, u. zw. die erste Linie am 
18. März 1706, die zweite Linie am 14. Juli 1724 in den Grafenstand erhoben. 



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5 

Das Jahr 1684 anbelangend ging die kaiserl. Regierang von 
der Ueberzeugung aus, dass der Islam die^ äuss^rsten Anstrengungen 
maöhen werde, um die Niederlagen des Vorjahres, welche das Ansehen 
der türkischen Macht in hohem Grade schädigten, wieder auszu- 
gleichen.') Abermals wurde von derselben die Aufstellung einer Armee 
von 80.000 Mann beschlossen und zugleich beantragt, dass .auf die 
Stände der verschiedenen Länder zusammen 6,084.825 fl. umzulegen 
wären (ü, Jänner 1684).^) Für das Jahr 1G84 bewilligten die Land- 
tage aller Erbländer zusammen nur 3,621.000 fl., wobei überdies zu 
bemerken kömmt, dass dieser Beitrag wohl bewilligt, nicht aber auch 
einbezahlt worden ist. So blieb Niederösterreich mit seiner ganzen 
Quote von 115.000 fl. im Rückstände.^) 

Im Jahre 1683 fand von Seite sämmtlicher Landstände die Ab- 
lieferung der den Truppen angewiesenen Gebühren derart verzögert 
statt, dass bei den meisten Regimentern am Schlüsse des Jahres ein 
dreimonatlicher Sold-Rückstand vorkam. Da über die 1684®' 
Propositionen mit den Landtagen noch verhandelt wurde, konnte auch 
von einer für das Jahr 1684 entfallenden Soldzahlung keine Rede sein. 
Nachdem die Hofkammer mit den Landtagen nur im Wege der Hof- 
kanzleien verkehren konnte,^) wurden ddo. Linz, 24. Februar 1684, 
an die letztern dringende Aufforderungen zur Betreibung der säumigen 

^) Auch Tökely und Seine Anhänger setzten auf eine kräftige Offensive 
der Türken im Jahre 1084 ihre Hoffnung. Um die Rebellengüter zu oeeupiren, 
rückte Oberst Timb mit 2000 Mann über den Jablunkapass in Ungarn ein und 
besetzte am 14. November 1683 Czazä. Als kaiserl. Coramissär war ihm der 
Tarnovitzer Oberamtmann Tobias Eidtner beigegeben. Zunächst wurde Graf 
Illeshazy zur Uebergabe der beiden Schlösser Budetin und Littawa auf- 
gefordert. Ueber die Antwort, weiche derselbe ertheilte", meldet Eidtner, ddo. 
Neustättl (Nova-Mesta 2 Meilen ober Sillein gelegen) 17. Nov. 1683 „dass- 
Er (Illeshazy) als Thro Kays Mt. Rath ied Zeit Seinem König Trew gewesen 
were, auch also continuiren wolle; wass Er aber mit dem Fürsten Teköli ange- 
fangen, habe Ihne die liebe zum Vaterlandt vndt dessen Freyheit hierzu bezwun- 
gen, welches Ihme niemandt Verdenken kundte; Letzlichen wundert Er sich, dass 
man nach so kleiner Victory gegen den Türken so hoffertig sich 
erzeige, da doch solches Gott, vndt nicht den Menschen zuzuschreiben seye, 
gedenket aber von keiner Abtrettung dess Schlosses Littawa noch Budetin" 
K. k. H. K. A., Fase. 14.632. Budetin liegt in der Nähe von Neustädtl, Littawa 
etwa 2 Meilen» südlich von Sillein. 

*) „Beiträge" S. 251. 

») Daselbst S- 256 u. f. 

*) Daselbst S. 3. 



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6 

Stände gerichtet und hievon der Hofkriegsratli verständigt. Dieser 
legte die Acten sofort dem damals zu Linz anwesenden Herzog von 
Lothringen vor, der selbstverständlich auf das Dringendste zur Be- 
zahlung der Soldrückstande aufforderte, wovon der Hofkriegsrath schon 
ddo. Linz, 29* Februar 1684, an die Hofkammer Mittheilung machte 
und beiperkte: „dass zugleich an die Löbl. Königl. Böhaimbische vnd 
österr. Hofcanzleyen die Erinderung gemacht wurde, die vor Augen 
schwebende unumbgängliche Noth, Ihnen Herren Ständen mit allem 
Nachtrukh zu remonstriren, absonderlich aber das denen Ländern zu- 
stehende überaus grosse Eilend vnd Schaden bey ausbleibender oder 
nicht gleich folgender Bezahlung der Miliz, als welche dergestalt in 
kheinen guetten Standt gebracht werden, consequenter die Länder 
nicht beschüzen khönte, inevitabiliter zuewachsen müsste, zu reprä- 
sentiren, also dieselben dahin zu vermögen, damit doch nur die Ab- 
stattung wenigist der auf das vorige Jahr ausständigen drey Monath 
baldt, weillen das maiste an der Zeith gelegen, erfolge."*) 

Aus den ungarischen Bergstädten langten besonders bedenkliche 
Nachrichten über den ausserordentlichen Nothstand der dort liegenden 
Regimenter ein. Schon unterm 6. März 1684 richtete der Hofkriegs- 
rath an die Hofkammer eine neue dringliche Note mit dem Ansuchen 
um schleunige Abhilfe, da die Regimenter vom Vorjahr mit drei Mo- 
naten im Rückstande sind, auch heuer noch nichts erhalten haben.-) 

Die in Folge der rücksichtslos restringirten Steuerbeiträge der 
Landstände herbeigeführte und durch die unpünktliche Abstattung 
selbst der restringirten Beiträge noch gesteigerte Finanznoth der 
kaiserl. Regierung, wurde überdiess dadurch vergrössert, dass die 
Subsidien, welche Papst Innocenz XI. gewährte, reducirt wurden. Es 
Jcann uns daher nicht befremden, dass die Zustände bei der kaiserl. 
Armee in Ungarn einen überaus traurigen Charakter annahmen. Graf 
Ernst Rüdiger von Starhemberg meldete vertraulich seinem Vetter 
Gundacker, dass sein armes Regiment nicht einmal mehr auszurücken 
vermöge, „die Leute ziehen auf in lauter Lampelfell so sie aus Noth 
haben müssen umnehmen, gehen barfuss, ohne Schuhe und so das 
ganze Merci'sche Corpo, von welchem die bevorstehende Campagnia wenig 
wird zu brauchen sein." Am 12. Juni 1684 schreibt derselbe aus dem 
Lager bei Gran: „Die Croy'schen sind zu Wien 300 *ausmarschirt 
und 100 hierher kommen. Aus diesem können Euer Liebden urteilen, wie 



') und 2) K. k. H. K. A., Fase. 14633. 



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es mit denen neuen Regimentern hergehet, vnd ob ich diesen Winter 
unrecht prophezeiet habe." In einem andern Brief u. z. ddo. 17. Jänn. 1685 
berichtet Starhemberg: „In Ungarn gehet es schlecht. Hier ist wohl 
wahr, wie Euer Liebden schreiben, dass an etlichen Orten in denen 
Bergstädten unsere armen Soldaten Menschen gefressen haben. " ^) 

Wenn wir auf die geschilderten Schwierigkeiten und Zustände 
zurückblicken, so werden wir mit Staunen fragen, wie es kam, dass 
trotz der bei der Armee in Ungarn herrschenden grossen Noth und 
dem bestandenen Soldrückstande, dieselbe noch actionsfahig blieb. 
Nur das grosse Vertrauen, welches die Subaltern -Officiere und die 
Mannschaft zu den Anführern hatte, welche die Armee, von einzelnen 
ungünstigen Zwischenfallen abgesehen, schliesslich von Sieg zu Sieg, 
von Erfolg zu Erfolg führten, lässt das Zusammenhalten bei der 
Fahne erklären.^) 

In Bezug auf den im Anfange des Jahres 1680 vom Amte ent- 
fernten Hofkammer-Präsidenten Georg Ludwig Grafen von 
Sinzendorf, aus der Linie Neuburg am Inn, wird bis in die 
neueste Zeit angegeben, dass demselben die Ersatzleistung seiner 
grossen Veruntreuungen nachgesehen wurde, und will dadurch dem 
Kaiser der Vorwurf grosser Schwäche aufgelastet werden. In den 
„Beiträgen" Seite 4, habe ich auf Grund der mir vorgelegenen Acten 
darauf hingewiesen, dass der gegen Sinzendorf eingeleitete Process 
mit grosser Sorgfalt und Strenge durchgeführt wurde. Die Malver- 
sationen, welche dem Grafen zur Last gelegt worden waren, und 
welche er grösstentheils zugab, beliefen sich auf 1.970.000 Gulden 
Diese wurden gedeckt: durch die schuldenfreie üebergabe seines 
Realitätenbesitzes an den Fiscus im Gesammtwerthe von 869.350 fl. 
Darunter waren die Herrschaften Neuburg am Inn, Peuerbach und 
Brück an der Aschach in Ober-Oesterreich u. a., die beiden Häuser 
in der Herrengasse, der Garten in der Leopoldstadt etc., die Summe 
von 630.650 fl. bezahlte im Baaren für Sinzendorf eine Anzahl von 



Victor V. Renner „Wien im Jahre 1683". S. 94. 

*) Auf Seite 247 der „Beiträge" wurde mitgetheilt , dass der Kaiser mit 
der Resol. ddo. Linz, 11. Jänner 1684, den Freiherrn von Abele zur Unter- 
suchung des Verpflegswesens in Ungarn während des Jahres 1683 abgeordnet 
hatte. Im K. k. H. K. A., Fase. 14.637, werden 38 Originalberichte sammt zahl- 
reichen Beilagen aufbewahrt, welche Abele in dieser Angelegenheit an den Kaiser 
erstattet hatte. Sie geben ein reiches Materiale zur Beurtheilung der bei den 
Truppen in Ungarn im Jahre 1683 herrschenden Zustände. 



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8 

Herrschaftsherren. Der Rest im Betrage von 450.000 fl. wurde mit 
Rücksicht auf die Ansprüche seiner zweiten GemaKn Dorothea Elisabeth, 
geborne Herzogin von Holstein-Sonderburg, aus der Ersatzforderung 
ausgeschieden. Die Besitzungen des Grafen Sinzendorf waren an den 
Fiscus übergeben, die Summe von 630.650 fl. war bereits einbezahlt, 
als Kaiser Leopold I., ddo. Wiener-Neustadt, 10. August 1681, die 
Schlusserledigung des Processes ratificirte. 

Nachdem Sinzendorf schon am 14. December 1681 starb, so 
müsste der angebliche Gnadenact des Kaisers in die Zeit vom 
10. August bis 14. December 1681 fallen, wovon sich in den Acten 
auch nicht die geringste Spur vorfindet. 

Die Angabe, dass dem Grafen Sinzendorf der mit Beschlag be- 
legte Güterbesitz zurückgestellt wurde, wird in Bezug auf die grosse 
Herrschaft N e u b u r g am Inn durch äen Umstand vollständig wider- 
legt, dass dieselbe mit der kais. Resolution ddo. Wien, 18. Dec. 1682, 
gegen ein Darlehen von 350000 fl. an den Hofkammer - Rath und 
Salzamts - Administrator Peter Bonaventura Edler von CroUalanza 
vei-p fandet worden ist. *) Die Herrschaften Peuerbach und Brück 
an der Aschach wurden um den Betrag von 170.000 fl. an den 
Hofkanzler Strattmann verkauft. ^) 



Zu den Allianz-Werbungen in Polen und Sachsen. 

In den „Beiträgen zur Geschichte der 1683er Türkenbelagerung 
Wien's" fand ich wiederholt Anlass, um die mehrfach ausgesprochenen 
Anschuldigungen, es habe die kaiserl. Regierung die Kriegsvorberei- 
tungen in kurzsichtiger Weise verzögert und sei dieselbe schliess- 
lich durch den Einbruch der Türken überrascht worden, als ganz 
irrthümlich zu bezeichnen. Die kaiserl. Regierung war sich des 



') K. k. H. K. A., Fase. 13.864. 

*'*) Daselbst Fase. 17.105. Die diesen Verkauf bestätigende Resolution des 
Kaisers, ddo. Linz, 3. Febr. 1684, lautet: „Obwollenich nicht gehrn an Verkauffung 
der Herrschaften kombe, Allein weilien die Notli gross, vnnd man aller ohrten 
Mitel zusamben klauben muess, Also lasse ich es In allen puncten bey diesem 
;:iietachten bewenden. Leopold." Auf Grundlage der mir bekannten Quellen 
gedenke ich seinerzeit den gegen Sinzendorf durchgeführten Process zu be- 
leuchten. 



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ganzen UmföBges der ^fahr vollkoiömön bewusst, sie ordnete um- 
fassende BekämpfUngsanstalten an; die üimch^n, warum diese scMiesä- 
lich ungenügend geblieben sinfd, wurden von mir in quellensicherer 
Weise klargelegt. 

Aus vielfachen Anhaltspunkten, die sich in den Acten vorfinden, 
Iftsst sich der Schluss ziehen, dass man in Wien einen kräftigen 
Eriegs2rug gegen Tökely in Absicht hatte, um denselben vor dem 
Eintreffen der türkischen Hauptmacht zu schwäöhen und den ihm nur 
gezwungen anhängenden Ungarn, Luft zu machen. *) Unverkennbar 
suchten sich Tökely und die Wiener Regierung über ihre eigentlichen 
Zielpunkte wechselseitig im Dunkel zu halten. 

Schon ddo. Wien, 27. October 1682, erging an den kaiserl. Ab- 
gesandten am Polnischen Hofe^ Freiherrn von Zierowsky, ein kaiserl. 
Befehl, er möge vom König von Polen die Zustimmung, erwirken, um 
in Lublau und Neumarkt „ergiebige Vorräthe an Trayd vnd Meli 
Zeitlich versamblen zu lassen, auf dass vnsere etwa dahin zu agieren 
kommende Armee, mit dennen behörigen Lebensmitlen versehen seye. " ^) 
Von Stry aus, ddo. 16. November 1682, meldete Zierowsky, der König 
habe die Errichtung von Magazinen zu Lublau und Neumarkt „gar 
gern placidirt und werde die Vorräthe in dero Protection über- 
nehmen*^, jedoch habe derselbe bemerkt: „da Neumarkt eine Starostey 
sey, welche der Cron gross Cantzler Wielopolski geniesst; so wäre 
auch dessen Zustimmung einzuholen, vnd weil Lublau dem Fürsten 
Lubomirsky gehöret, müsse man auch an diesen sich wenden.*' *) 

Wenn wir die Lage von Neumarkt und Lublau erwägen, so 
werden wir unschwer wahrnehmen, dass die von der Wiener Regierung 
dort errichteten Proviant - Magazine nur für eine in Oberungam 
operirende kaiserl. Armee bestimmt sein konnten. 

Auch die Art, wie das Lubomirskysche Corps in Polen ange- 
worben wurde, kann als Bestätigung dieser Auffassung dienen. Man 
suchte über den Umstand, dass diese Anwerbung für den Kaiser 
stattfinde, das strengste Geheiraniss zu wahren. Unterm 5. Februar 1683 
richtete der Reichs-Vice-Kanzler Graf Königsegg an die Hofkammer 
folgende Note: „Nachdeme allerh. Ihre Kays. Mi zu dero Kriegs- 
diensten einige Regimenter von Pohlnischen National- Völkher in 
selbten Königreich vnter Commandp des Herrn Hironymus Fürsten 



») „Beiträge*^ S. 84 u. f. 

») K. k. H. K. A., Fase. 16.041. 

") Daselbst Fase. 16.044. 



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10 

Lubomirsky, des Johanniter^Ordens m Pohlem Commendatoren und 
Cron-Fendrichen, alss dero bestellten General-VeldtmajschalMieutenandt 
vermög auflgerichteter Capitulation, vnd nach anleitung beygefäegten 
entwurffs werben zu lassen, allergnädigst resolviret, dieselbe mithin 
anbefohlen, die Löbl. Hoff-Cammer dessen 2U erinnern, dass Sie die 
schieinige dispositiones in enger geheimbe in Schlessien allhin 
veranstalte, dass die Werbegelder zu Bresslau erleget werden, je dach 
von angezieletem Zwekh nicht das geringste vnzeitig 
offenbahr werde*'. Ausserdem ging ddo. 14. Februar 1683 ein 
„Kaiserl. Handtbriefl" an den Präsidenten der Schlesischen Kammer 
Grafen Christof Leopold Schaffgotsch in dieser Angelegenheit ; 
„Inmassen nun auch, obangebrachte Werbung anderer Gestaltten 
nicht, dann vnter dem Nahmben vnndt Vorwandt ainiger Recrouten 
der Königl. Pollnischen Armee beschehen und angestellet werden 
können, vnd deren eigentliches Absehen, vmbsovihl mehr es 
immer müglich, zu secretiren" werde der Graf mit der 
„wohlbekandten Dexteritet vnd getreuisten Eyffer pro Publico gar 
Recht zu thun wissen." unter dem Concept dieses „kaiserl. Hand- 
briefl's steht die Bemerkung „scribatur in summo secreto". ^) 

So lange eine gewisse Unklarheit über die Frage bestand, für 
wessen Dienste diese Truppen angeworben werden; war der Erfolg ein 
sehr untergeordneter. Erst nach dem Abschlüsse des Allianz-Vertrages 
vom 31. März 1683, als das bisher obwaltende Geheimnis gelüftet 
wurde, nahm die Anwerbung «einen bessern Verlauf. Die vollständige 
Abstattung der Verpflegsgelder für 6 Wochen beziehungsweise 3 Mo- 
nate im Betrage von 50.625 fl. und der Werbegelder pr. 161.500 fl. 

») K. k. H. K. A., Fase. 16.0i2. Der Note des Grafen Königsegg liegt 
bei folgender: „Entwurf der Werbgelder." 

„Für zwei Regim. zu Pferdt, jed^s von 800 Köpffen bringt das Werbgeldt 
(ausser den Staab.s vnd prima plana Personen, auff welche kein Werbgeldt passirt 
wirdt) für 60 Oaporalen und 1320 gemeine Reutter, zusammen 1380 Köpfe auf 

ieden 40 Reichsthaler ... 55.200 Reiehsthaler, 

für ein Dragoner-Regiment auch zu 800 Köpfen bringt das 
Werbgeld für 30 Cap. vnd 670 Gemeiner Dragoaer, zu- 
sammen 700 Köpfe, vnd auf jeden 30 Reiehsthaler . . 21.000 „ 
Fahnen oder Standarten gelder für alle drey Regimenter 

auf jedes 400 fl. bringen 1200 fl. oder 800 

Item Werbgelder für 400 Panzer-Reutter auf ieden 60 Reichs- 
thaler tragen aus \ . 24.000 

Summe aller Werb- und Fahnengelder . . 101.000 Reiehsthaler. 

oder 151,500 fl. 



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u 

fand durch den Kriegs-Commissär Jakob Wenzel an Lubomirsky am 
4. Mai 1683 statt. ^) Diese polnischen Regimenter wurden Anfangs 
Juni 1683 zwischen Bielitz und Teschen gemustert« Der Landrichter 
im Fürstenthume Teschen, Freiherr von Sobeckh, klagte über „ihre 
Extorsionen undt verübten Excessen," Beschwerden, welche damals 
über alle Truppen erhoben werden konnten. Die Lubomirsky'schen 
Reiter zählten zu den tüchtigsten Regimentern der kaiserlichen Armee. 
Die Zahl der 400 Panzerreiter hatte Lubomirsky auf seine eigenen 
Kosten um 100 Mann verstärkt, unterm 9. October 1683 stellte der- 
selbe die Anfrage, ob der Kaiser diese letztem, welche sich in den 
strengsten Diensten besonders ausgezeichnet haben, nunmehr in eigene 
Besoldung übernehmen wolle. -) Trotz des sorgfältigsten Forschens 
ist es mir nicht gelungen den Namen des eigentlichen Commandanten 
der 400, beziehungsweise 500, Panzerreiter aufzufinden. 

In der Abtheilung IV. der „Beiträge" : „ Actenstücke zu den Ver- 
handlungen 4ait Polen" wurde die Thätigkeit des kaiserl. Residenten 
am Warschauer Hofe, des Freiherrn Hanns Christoph Zierowsky 
von Zierowa eingehend beleuchtet. Es gab kaum eine Persönlich- 
keit, welcher mit mehr Beruhigung die gleich schwierigen wie hoch- 
bedeutsamen polnischen Angelegenheiten, zur Austragung anvertraut 



6 woQhentlieher oder IVa monatlicher vnderhald auf die 2 Regimenter zu Pferdt 
bei iedem 30 Caporale und 666 gemeiner Reutter, zusammen 60 Oaporale und 

1320 gemeine bringt 15.120 fl. 

Für deren prima planen alss bey iedem Regiment HO Köpf, zusammen 

220 Köpff vnderhalt auf 3 Monath ., 13.300 „ 

Item 6 woohentlioher Vnterhalt auff ein Drag.-iveg. alss 30 Caporalen 

vnd 670 gemeine bringt 7.665 „ 

Für selbige Prima Plana von 100 Köpffen vuterhalt auf 3 Monath . 6.540 „ 

Item 6 woehenti. Vnterhalt für 400 Pantzer-Reutter iedem des Monaths 

10 fl. bringt . . 6.000 „ 

Summa aller Vnderhaltungsgelder . . . 50.625 fl. 
und Werbgelder . . • . . . . 153.500 „ 

Zusammen . . 202.125 fl. 

„Beiträge" S, 86, Note 5, nur steht dort in Folge eines Druckfehlers 
statt 151.500 fl., 1.500 fl. 

*) K. k. H. K. A., Fase. 14.632. Der französische Gesandte Sebeviile er- 
wähnt die Bestellung des Prinzen Lubomirsky schon in einer Depesche vom 
28. Jänner 1683, der Nuntius Pallavicini in Warschau meldet in einer chiffi*irten 
Depesche nach Rom vom 18. Jänner 1688, die Genehmigung des Königs zur 
Anwerbung von 2000 Reitern. Sauer, „Rom und Wien," S. 167. 



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12 

werden konnten. Zierowsky besass des Kaisers volles Vertrauen, und 
hat dasselbe durch seine seltene Thätigkeit und ürosicht vollstäiidig 
gerechtfertigt. Seine Berichte an den Kaiser und an "die Wiener 
Centralstellen, von denen viele ganz von seiner Hand geschrieben sind, 
lassen den gewiegten Geschäftsmann erkennen, dem eben so sein 
Thätigkeitsfeld bis in das letzte Detail bekannt war, sowie er die 
handelnden Personen nach ihren intimsten Beziehungen, Neigungen 
und Schwächen vollkommen durchblickte. Es ist eine ötaunenswerthe 
Sicherheit, mit welcher er sich auf dem stets schwankenden Boden 
des polnischen 4Hoflebens bewegte. 

Da seine Amtsbesoldung zur Bestreitung der gesteigerten Ver- 
tretungs-Auslagen nicht zureichte, schritt Ziei*owsky ddo. Warschau 
19. November 1681 um ein Adjutum von 6'X) fl. ein. Auf dem Vor- 
lage-Bericht der Hofkammer resolvirte der Kaiser ddo. 24. Jänner 
1682 „Weillen Er wohl dient Vnd dise adjuta wohl vonnötten hat, 
also conformiere ich mich mit disem guetachten. Le^old." ^) In 
dem Dankschreiben vom 4. April 1682 bemerkte Zierowsky: „Weillen 
aber die hiesige Nation auf das Eusserliche sehr reflectirt, vnnd die 
reputation aufs beste zu erhalten die notturfft sein will (da die Fran- 
zosen mit Ihrem pralen ambitiös genug sein)," habe er sich genötiget 
gesehen um das Adjutum zu bitten. -) Mit grosser Sorgfalt wachte 
der Resident auch darüber, dass mehreren polnischen Herren die ihnen 
vom Kaiser zugewiesenen „Pensionen** thunlichst pünktlich zukamen. 
So erging ddo. 8. April 1682 ein„kaiserl. HandbriffI" an den Grafen 
Schaffgotsch über Meldung des Zierowsky, dass dem ünterfeldherrn 
Jablonowsky, dann dem Baron Königsegg ihre Pensionen auszubezahlen 
sind. Das Concept dieses Auftrages ist bezeichnet mit „Scribatur in 
summo secreto." ^) Zierowsky unterliess es auch nicht, erhöhte An- 
forderungen einflussreicher Personen, in kluger Weise rechtzeitig zur 
Genehmigung zu empfehlen. Von Ebersdorf, ddo. 9. September 1682, 
meldete der Reichs- Vice-Kanzler Graf zu Königsegg an die Hofkammer : 
„Nachdeme die Rom. Kays. Mt. Unser allerg. Herr, des Königl. Poln. 
Obristen Feldtherrn Jablonowsky sonderbare devotion, welche selbiger 
in viele weege Zeithero dargethan, auch fürohin mehr nützlich zu 
er weissen vermag, in Hohe gnäd. Consideration gezogen, vnd auss 
hochwichtigen Bewegnussen resoTviret, besagten Jablonowsky seine 

») K. k.'H. K. A., Fase. 16.036. 
*) und «) Daselbst. Fase. 16.087. 



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13 

bisshero genpfjsene pens^ion iährlicher 3000 Gulden, mit noch andern 
30(X) gülden verbessern zu lassen ; Alss haben dieselbe mithin gnäd. 
iinbefohlen, solches dei^o löbl Hoff-Cammer in gnaden anzudeuten, 
damit Sie darnach, diegges in enger geheimbe halten, vnd zu 
seiner Zeit berürtem Feldjfcher^n Jablonowßky diesse erhöhte p^nsi(Mi 
richtig außszahlen lasse»" Graf Schaffgptsch meldete ddo. Breslau 
6, October .1682, dase er ,die für Jablonowsky resolvirte erhöhte 
Pensipn^ yf\^ früher, dem Zierowsky zur Zustellung werde übermitteln 
lassen. ^) 

Mit der kaiserl. Resolution ddo. 20. October 1682 wurde an 
Zierowaky der Charakter eines Abgesandten an den polnischen 
Hof verliehen.") Von Warschau, ddo. 18. April 168'^, meldete er an 
den Hofkammer-Präsidenten Grafen Orsini-Rosenberg, dass : „abgewichene 
Oster-Nacht dahisiger Reichstag sich Gottlob glücklich geendiget und 
mitfiin dass zyTischen Ihro kais. Mt. ynd der Krön.. Fohlen getroffene 
foederis wider den Erbfeind appijobirt worden. " . Er sagte am Schlüsse, 
dass die Abgeordneten des Moskowitischen Czaren beizutreten er- 
klärten, und um die Ermächtigung nach Moskau geschrieben haben. ^) 
Nunmehr betrieb Zierowsky die Bezahlung der an Sobiesky zuge- 
sicherten Subsidien von 200000 Reichsthalern oder 300.000 fl. Rhein. 
Die letzte Rate ging auch am 7. Juni 1683 nach Warschau ab, und 
ddo. Breslau, 23. Juli 1683 erstattete die schlesische Kammer, die 
Anzeige, dass Zierowsky die Quittung über die 300.000 fl. eingesendet 
habe. *) 

Während des Verrufes der Reichstagsverhandlungen hatte der- 
selbe mehrere Zahlungen, darunter sogenannte geheime Auslagen zu- 
sammen mit 4746 fl. bestritten und suchte nunmehr um den Ersatz 
dieses Betrages an. Der Kaiser resolvirte ddo. 24. Mai 1683: „Ist 
gar billig, dass diesse gelder bezallet werden, vnnd kann solches wol 
von denen von Rom kombenden Geldern bestritten werden, Leopold." •') 



• ^) K. k. H. K. A., Faso. 16.041. r 

2) Daselbst, Faso. 16.046. Wie schon iu den „Beiträgen'* S, 69 betoul 
•wurde, war Graf Carl Ferdinand von Waldstein der ausserordentlioh© 
Gesandte des Kaisers an den Reichstag. Er ging erst Anfang Februar 1683 
nach Warschau ab. Die bleibende Vertretung des Kaisers war somit an Zierowsky 
übertragen. 

8) K. k. H. K. A., Fase. 16.046. 

*) Daselbst, Fase. 16.047. 

^) Daselbst, Faso. 16.046. Im Nachfolgenden wird das zur S. 73 der „ßei- 
träge" gehörige Namens- Verzeichnis mitgetheilt: 



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14 



So wie die grössten Schwierigkeiten zu überwinden waren, um 
den Allianz vertrag mit Polen vom 31. März 1683 zum Abschlüsse 
zu bringen, ebenso traten auch den auf eine Truppetihilfe hinzielenden 
Verhandlungen mit dem Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen, 
die mannigfaltigsten Anstände entgegen. Von erheblicher Bedeutung 
war die von demselben durch den Geheimrath Schott gestellte Bedin- 
gung, die Abtretung eines Stückes Land, und die ihm günstige Ent- 
scheidung über einen zwischen Böhmen und Sachsen streitigen Grenz- 



Consignation der Gehaimben Extraordinär Ausgaben. 

fl. Reinisch 

Haoki 1000 



Zaluski Canrier . 1.500 

Gninsky Pro Cancell. Regni . 3.000 

Auf die Reuter . 150 

Alexandrowiz ........ 150 

GurowslÄ Landboth 720 

Zalusky Vater 1.800 

Woywod von Posen ..... 3.600 

Lesczinski Landboth.- Marschall 1.200 

Wilkobarsky 540 

Rafalowitz 36 

Jaranowski 300 

Cron Marschall Fürst Lubom. 7.200 

Unterfeldherr Sieniawsky . . . 3.000 
Potocky Gebrüder ...... 12.000 

Sapieha Jjithauischer Schatzm. 3.600 

Rostworowsky 150 

Zydowsky • . 3U0 



fl. Reinisch 
150 

543 

. 300 
. 180 
. 1.500 



Dimicby uudt Taranöwski . 
Graf Czaki . . ..... 

Korzenlewsky ..... 

Smoszewski 

Breza Gastellan von Posen 

Piniazek 1.500 

Königl. Beicht Vater Mathe- 
maticus nebst dehnen Königl. 

Secretariis 70ü 

Oginski Gebrüder Woywod von 
Trocki und ünterfeldherr . . 3.000 

Oheimski a600 

Jablouowski . . 6.000 

das Silber auf. die Hochzeit . . 333 
Noch andere kleinere Posten, 
welche an Verehrungen der 
Hofbedienten bezahlt zusammen 867 



• Summa . . . 58.919 
Solche seindt undt werden bezahlt alss von denen anfangs ang»> schafften . 12.000 
Dann resolvirten aber noch nicht bezahlten ?nd an Herrn von Sohmeltau 

in Bresslau gutt zu machen . 8.000 

Summa . . . 20.000 

Bleiben annoch zu bezahlen 38.919 

Worzu unterdessen aufgenommen so in Wienn zu bezahlen. 

Von Herrn Borelli . . 7.200 

„ „ Manfredi 8t000 

„ „ Meooni * 7.500 

Hierzu was Ihr Excell. selbsten vorgeschossen . . 8.400 

Welche sämbtliche Vier Posten so zu Wienn zu bezahlen zusammen ge- 
zogen betragen .... • 26.100 

Diese von dehnen 38.919 fl. Reinisch abgezogen bl^fot Rest tlieils in die 

militar Oassa zu ersetzen tkeils die Vorlehen zu entrioliten fl. Reiiüsch 12.819 

Hanns Christoph Zierowsky. 



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waM, anbelangend. ^) Bei dieser letztern handelte es sich um die 
Austragung der, seit Ferdinands I. Zeiten streitigen Benützungsrechte 
von, in der Nähe der beiden Bergstädte Göttesgab und Platten 
gelegenen Wälder, in welcher Angelegenheit in den letzten Jahren 
wiederholt Verhandlungen stattgefunden hatten. *) 

In Dresden scheinen die Bemühungen der kaiserl. Regierung, 
welche auf den Abschluss eines Bündnisses gegen die Türken ge- 
richtet waren, im Anfange wenig Entgegenkommen gefanden zu haben. 
Auf welchem Wege auch hier auf eine bessere Stimmung hingewirkt 
werden musste, erfahren wir aus einer Note, welche der Reichs- Vice- 
Kanzler Graf Königsegg unterm 16. März 1683 an die Hofkammer 
richtete: Diese lautete: „Von der Rom. Kays. Mt. Vnsers allergnäd. 
Herrn wegen, dero Löbl. Kays. Hoff Oammer in gnaden hiemit anzu- 
fügen, Welcher gestalt dieselbe dem gemeinen weessen zum besten, 
auss beweg, und erheblichen vrsachen sich entschlossen, dem Chur- 
fürstl. Sachsischen Gross Hoffmeister und Geheimben Rath, Frey- 
herrn von Gerstor ff mit einer aussgesetzten Verehrung von 
Fun ff zehn tausendt gülden Rhein, der gestalt gnädigst zu 
begegnen, dass solche nach- und nach stückweiss abgestattet dissmahl 
aber für die erste angab, dem Kays, dorthin wider zurückkherenden 
Abgesandten Cammerern vnd Reichshoffrath, herrn Graffen von Lam- 
berg dreytaussendt gülden davon mit gegeben werden sollen. 



Rarnuer: Historischem Tasohenbueh 1848. S. 235. 

^) Bei der ßegehiings-Coinmissioii war von Seite Sachsens als Commissäi" 
anwesend: Christoph Dietrich Böse, Kammerdirectov und Kriegpmtb. Er 
begleitete im Jahre 1683 den Kurfürsten nach Wien. Im Bericht der böhmischen 
itammer an die Hofkammer ddo. Prag, 27. August 1681, wird gesagt, letztere 
möge sich ,,der Sachen dahin eyfrig annehmen, damit solche Wälder, an welchen 
Ihrer Maj. vnd dem gantzen Lande, vnd absonderlich dem Joachimsthalischen 
Bergwwkh höchstgelegdn, und eine dieses Edlen Königreichs von Gott vnd der 
natur selbst gemachter Vormauer seindt, auf keinerley weiss hingelassen werden, 
sondern in statu quo verbleiben möchten." An die Stelle der vollständigen VVald- 
abtretung, welche abgelehnt wurde, sollte nun ein Holzbezugsrecht für 18 Blech- 
nnd Stabeisenhämmer mit der jährlichen Abgabe von 14.400 Schräg oder 43.20Ö 
Klafter Brennholz treten. Die Hofkammer machte nunmehr geltend, dass bei 
einem so grossen jährlichen Holzbezug die fraglichen Wälder alkuseht durch- 
liehtet werden müssten, sie hob hervor, dass, um diese Wälder zu schonen, in 
Joachimsthal der Eisenhüttenbetrieb reducirt wurde. Mit der kaiserl. Besol. ddo 
Oedenburg 27. Octob. 1681 wurde nunmehr auch die „Ueberlassung auf Stockh- 
itwmbsarth der in vnsern Gottesgaber und Plattnerisohen Wäldern befmdlichen 
Hölzern" abgelehnt. K. k. H. K. A., Fase. 16.037. 



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16 

deme dann obwohl gedachte Kay«. Hoff Ganniner naohzukommen ii^issen 
wirdt/' Um den kaiserl. Zahlungs- Auftrag einzuholen^ erstattete letztere 
unterm 22. März 1683, Vortrag an den Kaiser. Dieser resolvirte: 
„Die Intention ist, dass man, doch in höchster geheimb Ihme 
diese 15 M. fl. auswerffe, Vnd iezo durch den Graff von Lamberg daran 
3/M. fl. bezallen thue. Leopold." Nunmehr erfolgte ddo. 8. April 1683 
an den böhmischen Kammer-Pfäsidenten Grafen Wratislav die Weisung, 
dass die 30Q0 fl- dem durchreisenden Grafen Lamberg auszufolgen 
siud, „solches alles aber in Hechster Gheimb gehalten werde." *) 

Dass Kurfürst Johann Georg III. nicht Ursache hatte, sich 
gegenüber dem Kaiser über Mangßl an Aufmerksamkeit zu beklageD, 
dürfte sich aus folgender, allerdings nur nebensächlicher Angelegenheit 
ergeben. Am 1 4. April 1 683 wurde die böhmische Kammer ver- 
ständiget, dass am Ostertag die verwitwete Kurfürstin von Sachsen, 
und später auf 8 Tage auch der Kurfürst wie im Vorjahre mit 
„kleiner Suite" ins Teplitzer Bad kommen werde. Graf Johann Georg 
Clari und Altringen ist als, kaiserlicher Commissär beigeordnet, und 
sind sämmtliche Spesen durch die böhmische Kammer zu bezahlen. 
Im Jahr lü82 wurde von beiden kurfürstlichen Durchlauchten eben- 
falls das Bad besucht und betrugen die Auslagen 1 1 .621 Gulden. ^) 



111. 

Bis zur Einschliessung von Wien durch die Türken. 

Die Heerschau bei Kittsee am 6. Mai 1683, gegen deren Vor- 
nahme sich mehrere Generale ausgesprochen hatten, zeigte das ganz 
ungenügende der von der kaiserlichen Regierung zur Abwehr der 
türkischen Heeresmacht und der Tökelyschen Truppen ausgerüsteten 
Armee. Es ergab sich daraus eine nach mancher Richtung nachtheilige 
moralische Wirkung. Viele in der Treue zum Kaiser wankende ungarische 
Magnaten gaben nunmehr die Hoffnung auf eine erfolgreiche Abwehr 
der Türken durch die kaiserlichen Waffen auf, und stellten sich beim 



^) und ^) K. k. H. K. A., Faso. 16.046. Der Umstand, dass dem Freiberrn 
von Gerstorfif die 15 Tausend Galden mir „naeh uud nach stückweise abzustatten" 
waren, lässt erkennen, dass man sich seiner guten Stimmung bleibend versiohem 
wollte. Zu erwähnen kommt ferner, dass der Geheimrath Sdiott bald nach seiner 
Ankunft am Kaiserhofe, mit Genehmigung des Kurfürsten, von Leopold I. in den 
Adelstand erhoben wurde. Raumes 1. c. S. 234., 



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i7 

ersten Anlass, um ihren Besitz und das Leben ihrer ünterthanen zu 
retten, unter Tökely's Schutz, der ihnen bereitwilligst „Sauvegarde- 
briefe*' ausstellte. 

Trotz der völlig ungenügenden Truppenzahl setzte der Hofkriegs- 
rath, oder was richtiger ist, dessen Präsident Markgraf Hermann 
von Baden, in die Leistungen derselben weitgehende Erwartungen, 
wie solches aus dem für die Operationen der kaiserlichen Armee ent- 
worfenen Kriegsplan zu entnehmen istJ) Der Höchstcommandirende, 
Herzog Carl von Lothringen konnte solchen Erwartungen wohl 
an der Spitze einer Heeresmacht von 60 bis 70.000 Mann, deren 
Aufstellung in der Absicht der kaiserlichen Regierung lag, nicht 
aber mit kaum 25.000 Mann, da ein Mitwirken des ungarischen 
Aufgebotes bald entfiel, entsprechen. Kara Mustapha hätte es dann 
auch sicher nicht gewagt, eine auf die Festungen Comorn und Baab 
gestüzte Truppenmacht von 60.000 Mann in seinem Rücken lassend, gegen 
Wien vorzubrechen. Die Enttäuschung trat nur zu bald in der furcht- 
barsten Weise ein. Die kaiserlichen Feldtruppen mussten sich auf 
Wien zurückziehen und es war ein Glück, dass sie die Stadt noch 
vor dem Eintreffen der Türken erreichten. 

Wie sich dieses vollzog näher zu beleuchten, möge nunmehr 
gestattet sein. 

Als sich der Herzog von Lothringen zum Rückzüge auf Wien 
gezwungen sah, liess er, wie im „Kriegsjahr 1683," Seite 54 ange- 
geben wird, die nach Abzug der Garnison von Raab übrige Infanterie 
unter Befehl des Feldzeugmeisters Grafen Leslie mit der Artillerie 
auf der Schutt zurück, um Raab noch ferner zu decken, zugleich 
mit der Weisung, falls das türkische Heer sich gegen Wien wenden 
sollte, in Eilmärschen dahin aufzubrechen, zu diesem Ende das ent- 
behrliche Gepäck vorauszusenden, die schwere Artillerie jedoch zurück- 
zulassen. Ohne letztere und ohne schweres Gepäck könne er durch 
die Donau gedeckt, unter allen Umständen Wien früher als der Feind 
erreichen. Am 1. Juli Abends zog die Infanterie durch Raab auf die 
Schutt (selbstverständlich die kleine Schutt) über. Der Herzog 
nahm mit der Cavallerie die Richtung gegen Wieselburg. 

Auf Seite 57 „Kriegsjahr 1683" finden wir die weitere Angabe, 
dass am 3. Juli die kaiserliche Cavallerie bis Deutsch - Jahmdorf 



•) Vergl. „Kriegsjahr 1683*', S. Si u. f. 



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X8 

marschirte — und dass am 4. und 5. Juli Carl von Lothringen in 
einem Lager bei Rohrau nächst Brück an der Leitha stand. 
Seite 58 wird gesagt, dass als es der Herzog am 7. Juli für zweifel- 
los hielt, dass die feindlichen Hauptmassen nach Wien marschirten, 
er an den Grafen Leslie nach Raab den Befehl ertheilte, sogleich 
mit der Infanterie nach Wien aufzubrechen. Auf Seite 60 lesen wir, 
dass diese letztere erst in der Nacht zum 8. Juli von Raab 
aufgebrochen war, und schon am 11. Juli tausend „Commandirte" und 
das Regiment Scherffenberg in Wien anlangten. 

Die vorstehenden, wie erwähnt im „Kriegsjahre 1083" vor- 
kommenden Angaben, für welche eine specielle Quelle nicht genannt 
wird, stehen nicht ganz im Einklänge mit jenen Daten und Auszügen 
aus den Berichten des Herzogs von Lothringen, wie dieselben in dem 
in der Registratur des k. k. Kriegs-Ministeriums aufbewahrten Ge- 
schäfts -Protokoll vom Jahre 1683, Nr. 366, Fol. 518 u. f. anzu- 
treffen sind. *) 

Aus dem „Veldtlager bey Teutsch-Jahrendorff" sandte der 
Herzog am 4. und 5. Juli 1683 Berichte nach Wien ab. ^) Unterm 

5. meldete er, dass „Graf Leslie den Posto in der Schutt ohne sein 
Vorwissen verlassen möchte," und zeigte zugleich an, was dem Grafen 
„dagegen erindert" wurde. Schon am nächstfolgenden Tage, d. h. am 

6. Juli berichtete der Herzog „Auss dem Veldtlager bei bergen," dass 
Graf Leslie „zuwider der ordre ohne einige gefahr die kleine 
Schütta nunmehr verlassen" und schloss „die motiva des Leslie 
bei, warumben dis beschehen." In einem, zweiten Bericht, ebenfalls 
vom 6. Juli meldete Lothringen, er werde, um sich mit der „Infanteria 
zu conjungieren" zwei Brücken zur Verbindung mit der „grossen 
Schutt" schlagen lassen, und bezeichnet „Carlspurg" als den 
Standort für eine dieser Brücken. Im Lager bei Berg werde er bis 
zur „Verfertigung derselben bleiben."^) 



*) Herr von Renner folgt in der Festschrift, S 220 dieser Quelle, welche 
auch von mir in den „Beiträgen" S. 90 u. f. benützt wurde. 

*) Der Herzog stand somit am 4. und 5. Juli nicht bei Rohrau. 

*) Prof. V. Renner „Wien im Jahre 1683'* S. 220 sagt, dass eine der 
Schiffbrücken bei Karlburg zur Verbindung des rechten Donauufers mit der 
kleinen Schutt dienen sollte Hiezu kommt zu bemerkfen, dass sich jener 
Donauarm, welcher die kleine Schutt umfliesst, mehr als eine Meile unter Karl- 
burg vom Hauptstrom abtrennt , dass bei Karlburg somit eine Verbindung des 
rechten Ufers der Donau mit der kleinen Schutt nicht denkbar ist. 



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Aus diesen Daten erhellt Folgendes : Graf Leslie hatte schon am 
6. Juli mit den von ihm geführten Truppen die kleine Schutt ver- 
lassen. Während die kaiserliche Cavallerie den Marsch gegen Deutsch- 
Jahrendorf fortsetzte, wo sie am 4. und 5. Juli Halt machte, zog 
Leslie, um die Deckung durch dieselbe nicht ganz zu verlieren, auf 
der kleinen Schutt in gleicher Höhe stromaufwärts. Als am 6. Juli 
Lothringen sein Lager nach Berg verlegt hatte^ ging Leslie, der nun- 
mehr von der kaiserlichen Cavallerie vollständig getrennt war, alsbald 
auf die grosse Schutt, somit auf die linke Donauseite über, um da- 
durch den Hauptstrom zwischen seine Truppen und einer etwaigen 
türkischen Verfolgung zu bringen. . 

Dass sich Graf Leslie am 6. Juli bereits am linken Donau- 
ufer befand, geht ferner aus dem [Imstande hervor, dass Lothringen, 
der sich bekanntlich auf der rechten Seite des Stromes befand, 
um sich mit der „Infanterie zu conjungiren", Schiffbrücken schlagen 
wollte. 

Die Angabe, dass der Herzog erst am 7. Juli an den Grafen 
Leslie nach Raab den Befehl ertheilte, sogleich mit der Infanterie 
nach Wien aufzubrechen,') beruht somit entschieden auf einem Irr- 
thume, sowie es als ein Irrthum erscheint, wenn gesagt wird, dass 
Leslie mit seinen Truppen erst in der Nacht zum 8. Juli von Raab 
aufgebrochen ist.^) Sachverständige mögen beurtheilen, ob eine In- 
fanterietruppe, welclie erst in der Nacht zum 8. Juli von Raab auf- 
brach, nachdem sie die grosse Donau und die March zu überschreiten 
hatte, schon am 11. in Wien eintreffen konnte.*) 

Die Opposition, in welche Graf Leslie zu den ihm zugekommenen 
Weisungen getreten war, scheint nicht lediglich aus dem Streben, für 
seine Truppen eine genügende Deckung zu erhalten, hervorgegangen 
zu sein. Er beurtheilte die eigentliche Sachlage vollkommen richtig, 
und erkannte das er mit der Infanterie Wien, wo sich lediglich eine 
Besatzung von etwa 2000 Mann befand, so rasch als möglich erreichen 
mü^e. Während vom 10. Juli Abends beginnend kleinere Truppen- 
abtheilungen hier einrückten, zog Graf Leslie mit dem Haupt- 



„Kriegsjahr 1683". S. 58. 

2) Daaelbst S. 60. 

^) Zu bemerkeu kommt schiiesslieh , dass nach Hoeke (Besehreibung der 
Belagerung von Wien) S. 10, 7 Comp, des Regimentes Seherffenberg schon am 
10. Juli Abends in Wien ankamen. 

2* 



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Corps unter dem Jubel der Stadtbevölkerung am 14. Juli in Wien 

ein.O 

Durch das plötzliche Vorbrechen der Türken gegen Wien, sah 
sich der Herzog von Lothringen gezwungen, mit der kaiserl. Cavallerie 
schon am 6. Juli das Lager bei Berg zu verlassen, er marschirte 
über Wolfsthal und Hainburg noch an demselben Tage bis 
Deutsch-Altenburg,-) und zog am 8. Morgens über St. Marx, den 
Rennweg und die Schlagbrücke — ohne die Stadt zu passiren 
— gegen den Tabor, wo er die Cavallerie ein Lager aufschlagen 
liess. ^) 

Eine Angelegenheit, deren Ausführung durch das Vordringen der 
Türken und der Tökely'schen Banden höchst dringend wurde, war die 
Entfernung der ungarischen Krone von ihrem bisherigen Aufbewah- 
rungsorte im Schlosse zu Pressburg. Es wurde zunächst die Ueber- 
bringung nach Wien angeordnet. Die beiden Kronhüter waren damals 
Graf Stephan Zichy sen, und Graf Christoph AntonErdödy. 
Seit jeher und bis in die neueste Zeit gehörten in Ungarn die Kron- 
hüter, unter die mit einem der wichtigsten Vertrauensämter betrauten 
Magnaten. Da die Krone über die ungarische Landesgrenze gebracht 
werden sollte, musste einer der Kronhüter sie begleiten, wozu sich 
Graf Erdödy entschloss. Er kam am 6. Juli 1683 mit der Krone nach 
Wien und blieb mit derselben an der Seite des Kaisers, während sich 
der Hof zu Linz und Passau befand. Unterm 23. December 1683 
wendete sich Graf Erdödy an den Kaiser um Anweisung der Liefer- 
gelder täglich 10 Reichsth. oder 15 fl. während seiner Anwesenheit 
mit der ungar. Krone am Hoflager. Die Hofkanzlei beauftragte die 

') „Beiträge" S. 91 und 113. Die Truppen brachten grosse Mengen von 
Schlachtvieh in die Festung mit. 

*) Välkeren ,,Wien von Türken belagert" S. 4. In den mir vorgelegenen 
verlässlichen Quellen, findet sich keine Bestätigung über die Angabe, dass der 
Herzog von Lothringen am 4. und 5. Juli in einem Lager bei Eohrau stand. 

*) Välkeren 1. c. S. 12, erzählt „dass am 8. Frühe Morgens der Herzog 
von Lothringen von St. Markus über den Rennweg „vest bey der Statt 
vorbey marschirten, und sich bey dem rothen Thor über die Schlag -Brück 
durch die Leopoldstadt zogen." Happel Eberhard Wei ner „Der ungarische Kriegs- 
Roman*', Ulm 1687. I. Bd. S. 5*»3. Der Herzog von Lothringen zog am 8. Juli 
mit der Cavallerie „unter schallenden Trompeten, Paueken und Trummein, in 
guter Ordnung unter den Stadt- Wällen im Gesichte der Bürgerschaft vor- 
bey über die Brücke auf den Arm der Donau" u. s. w. 



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21 

Hofkammer zur Einvernehmung der ungar. Kammer. Erdödy hatte 
angegeben, „dass er bei vergangenen Türkischen Einfahl, die Königl. 
Cron hin vnd her salvirt"J) Erst unterm 23. Juli 1684 wurde die 
Ungar. Kammer von der Hofkammer zur Berichterstattung aufgefor- 
dert, üeber die Angelegenheit der „Salvirung der Hungar. Cron, im 
verwichenen Jahr" sagt die Erstere im Bericht vom 24. Juli 1684 
„pari modo ingruente praeterita periculosa Belli Turcici tempestate, 
Omnibus Bonis suis derelictis, et per hostes desolatis penes m^ntio- 
natam Sacram Regni Coronam, in longinquas pergendo et exulando 
partes, ad latus Suae Maittis Sacratissimae, grani cum fticultatum et 
expensurum suarum dispendio in constanti fidelitate et servicio Summe- 
dictae Sa Majestatis perseveraverit idem Dominus Comes." Die 
Ungar. Kammer hatte vorgeschlagen, dass dem Grafen Erdödy „auf 
die Zeith, als Er mit salvirung der Hungar. Cron, im verwichenen 
Jahr, Sich bey Hoff hat aufgehalten, die Liefergeld täglich zu 10 
Reichsth. oder 15 fl. zu passiren wären," wogegen die Hofkammer in 
dem Vortrag an den Kaiser ddo. Wien 14. August 1684, den Antrag 
stellte, dass zur Verhütung einer Consequenz dem Grafen „pr. Pausch 
sub Nomine Adiutae 1000 fl. zu passiren wären," welchem Antrag 
der Kaiser sein „Placet" beisetzte.^) 

In neuerer Zeit wurde die Entfernung der ungarischen Krone 
ans dem durch den Feind bedrohten Schlosse zu Pressburg und die 
Uebertragung derselben nach Wien, als ein besonderes Verdienst des 
Grafen Caplirs bezeichnet.*) Der Sachverhalt war folgender: Graf 
Caplirs wurde am 2. Juli 1683 nach Pressburg abgeordnet, um die 
Krone nach Wien zu bringen. Die Kronhüter* verweigerten die Aus- 
folgung, ein umstand, der wohl vorauszusehen war.^) Die beiden 
Kronhüter waren angesehene Magnaten, Graf Erdödy war überdies der 
Vicepräsident der ungarischen Kammer. Er genoss das Vertrauen des 
Kaisers in hohem Grade, und wurde am 6. Mai 1684 an Stelle des 
Bischofs Kellonitsch, welcher der vielen anderen Geschäfte wegen 
resignirt hatte, zum Präsidenten der genannten Kammer resolvirt.^) 

*) „nee non modernis bellis turoioi motibus iraelibatain sacram regni Coronam, 
in remotas paites abdoxerit''. Liefergeld ist dasselbe was heute mit „Diäten** be- 
zeichnet wird. 

») K. k. H. K. A., Fase. 14.636. 

•) Vergl. Freih. v. Helfert „der Chef der Wiener Stadtvertheidigung 1683", 
S. 41, auch Victor v. Renner „Wien im Jahre 1683", S. 214. 

*) Happel, „Der ungar. Kriegs-Roman", Ulm 1687, S. 487. 

«) K. k. H. K. A., Faso. 14.636. 



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22 

Es hätten sich die Kronhüter von ihren Landsleuten die stärksten 
Vorwürfe zugezogen, falls sie die ihnen anvertraute Krone, eine der 
heiligsten Reliquien des Landes, einfach in fremde Hände übergeben 
hätten. Erst als aus Wien die „kaiserlichen Reversales" einlangten, 
da SS die Krone nach dem Aufhören der Gefahr wieder nach Ungarn 
zurückgebracht werden wird, konnten die Kronhüter in die Entfernung 
derselben über die Landesgrenzen eingehen. Graf Erdödy begleitete, 
mit Preisgebung seines Besitzthums die Krone, Graf Caplirs war der 
Commandant jener 200 Reiter, welche während der Uebertragung der- 
selben von Pressburg nach Wien als Escorte dienten. ') 

Die Abreise des Kaisers Leopold von Wien, fand, wie bekannt, 
Mittwoch den 7. Juli 1683, Abends 8 Uhr statt. ^) Unverkennbar war 
die Entfernung des Hofes aus der Stadt, welcher in nächster Zeit 
eine Belagerung durch die Türken bevorstand, zur Staatsnothwendig- 
keit geworden.^) Die dadurch hervorgerufene Panik, namentlich aber 
der Umstand, dass der wohlhabende Thi^il der Bevölkerung in über- 
stürzter Eile aus der Stadt zu entkommen suchte, steigerten die ohne- 
hin bestandene ausserordentliche Aufregung in höchst bedenklicher 
Weise. Schon am 5. Juli Nachts hatte man dem Bischof E m e r i c h 
Sinelli, dem man viele Schuld an dem hereingebrochenen Unglück 
zuschrieb, die Fenster eingeworfen.^) Nach der Abreise des Kaisers 
machte sich die übertriebene Furcht vor der drohenden Gefahr in den 
mannigfaJtigsten Vorschlägen Luft, es gab sogar Leute, welche den 
Antrag vorbrachten, man möge sich um den Tökely'schen Schutz be- 
werben.^) In Korneuburg nahm die Haltung der aufgeregten Land- 



*) Vergl. FreiheiT von Helfert 1. c. S. 19, und Berichte und Mitth. des 
Alterthums-Yereines, XXI. Bd., S. 124. Diese beiden Angaben stimmen jedoch 
tinter einander nicht überein, denn die 200 Reiter kamen aus Pressburg, nicht 
von der Armee des Herzogs von Lothringen. 
^) „Beiträge" S. 95. 

') Der aus Anlass der Abreise dem Kaiser namentlich von französischen 
Schriftstellern gemachte Vorwurf der Feigheit, lässt eine solche Unkenntnis der 
Sachlage und absichtliche Missgunst erkennen, dass er einer weitern Beaehttmg 
gar nicht werth ist. 

*) Renner, „Wien im Jahre 1683'*. S. 219. 

^) Wenn auch der französische Gesandte Sebeville in seinen Depeschen 
an Ludwig XfV., in dem Bestreben dem eitlen König angenehme Mittheilungen 
zu machen, dijö Bedrängnisse des Kaisers in übertriebener Weise schilderte, und 
sieh sogar in der Depesche ddo. Linz. 14. Juli 1683 zu <}er Bemerkung verstieg: 



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23 

bevölkerung sogar gegen den Kaiser einen bedrohlichen Charakter an. 
In erster Reihe waren es jedoch der Hofkriegsraths-Präsident Mark- 
graf Hermann von Baden und der Bischof Sinelli, gegen welche die 
Erbitterung der Landbevölkerung gerichtet war und es Hess sich für 
dieselben nur als ein Glück bezeichnen, dass sie während der Reise 
nach Linz nicht erkannt wurden. Gegen diese beiden Herren herrschte 
übrigens auch in den höheren Kreisen eine starke Verstimmung. 

Ueber die Abreise des Hofes von Wien erstattete auch der päpst- 
liche Nuntius Cardinal Buonvisi, ddo. Krems, 9. Juli 1683, nach 
Rom Bericht. Die Ankunft in Korneuburg fand gegen Mittemacht 
statt, von wo aus viele Brände wahrgenommen wurden. Gross war 
die Sorge, dass die Tartaren vorbrechen und über die Donau schwimmen. 
Man wollte 1500 Reiter unter dem Commando des Grafen Caprara 
von den Truppen des Herzogs von Lothringen herbeiziehen. Am 8. 
wurde die Fahrt mit der kaiserl. Familie, — die Kaiserin war im 
siebenten Monat schwanger, — bis Krems fortgesetzt, wo man in der 
Nacht anlangte. Von Braunau aus, ddo. 21. Juli, berichtete der 
Nuntius über den Verrath, dessen der Graf Balthasar Zriny be- 
schuldigt wurde. *) 

In den „Beiträgen zur Geschichte der Belagerung von Wien im 
Jahre 1683'S Seite 100 u. s. w. werden jene Behörden bezeichnet, 
denen in der Stadt während der Dauer der Belagerung die Civil- und 
Militär- Administration übertragen war, und wurde hervorgehoben, dass, 
obwohl Graf Ernst Rüdiger zu Starhemberg beiden Collegien 
als Mitglied angehörte, er dennoch in Bezug auf seine Stellung als 



„Enfin, Sire, graud et petits se sont mis dans la tete qu'ils sont perdu si Votre 
M^este ne leur donne pas du secours, et je crois aussi tout eomme eux", so 
müssen dennoch auch diese Schilderungen beachtet werden, wenn man sich ein 
in etwas zutreffendes Bild über die damaligen Zustände entwerfen will. VergL 
„La France et l'Autriche au siege de Vienne en 1683", in der „Nouvelle Revue'*, 
XXIIL Bd., 4. Lieferung, S. 744 u. f. Die Herren Klopp und Renner schreiben 
den Namen des Gesandten mit „Seppeville.'* Die eigenhändige Unterschrift des- 
selben, ddo. Oedenburg 29. Nov. 1681 lautet: „Le Marquis de S^beville*' wie 
er auch in der oben erwähnten Publication geschrieben wird. 

*) „Rom und Wien im Jahre 1683'* von Augustin Sauer. S. 135 und 138 
Unter den vielen Quellen-Publieationen zur ßeschichte des Jahres 1683, kommt 
dieses Buch in die erste Reihe zu stellen. Es ist für die Klarstellung vieler 
Fragen von der eminentesten Wichtigkeit. Ueber den Grafen Zriny kommt nach- 
zuschlagen : Onno Klopp, „das Jahr 1683," S. 253. 



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24 

Stadtcommandant von diesen beiden Stellen unabhängig war« Es 
wurde dort Seite 103 ausdrücklich gesagt: „In jeder belagerten Festung 
muss schliesslich eine Persönlichkeit mit jener Vollmacht und Auto- 
rität ausgerüstet vorkommen, durch welche sie berechtigt wird, das 
letzte und entscheidende Wort zu sprechen. In Wien war dieses der 
Stadtcommandant Graf Ernst Rüdiger zu Starhemberg 
dem der Kaiser, wie solches der Hofkriegsraths-Präsident Markgraf 
Hermann von Baden am 8. Juli den anwesenden Stadt Vertretern be- 
kannt gab, „das höchste Commando" übertragen hatte." 

Diese Stellung des Grafen Starhemberg wurde in neuerer Zeit 
wiederholt in Zweifel gezogen und die Anschauung vertreten, „dass 
Graf Caspar Zdenko von Caplirs eigentlich der Höchst- Com- 
mandirende war." Es ist dadurch ganz unvermeidlich geworden, dass 
diese Frage nochmals in Betracht gezogen werde, und kömmt zunächst 
das persönliche Verhalten des Grafen Caplirs im Verlaufe jener Tage 
zu erörtern, an welchen für Wien die kaiserlichen Verordnungen 
bezüglich Constituirung der beiden, mit der Civil- und Militär-Admini- 
stration betrauten Collegien, erlassen wurden. 

Als Vice-Präsident des Hofkriegsrathes war es eine Oblie- 
genheit des Grafen Caplirs, nachdem der Präsident Markgraf Her- 
mann von Baden mit dem Kaiser die Stadt verliess, die Leitung 
des „hinterlassenen Hofkriegsrathes" zu über- 
nehmen, somit in Wien zu bleiben.^) Graf Caplirs, 
welcher erst am 6. Juli mit der ungarischen Krone hier ankam, ver- 
liess jedoch, unverkennbar ohne Vorwissen des Kaisers die Stadt und 
verfügte sich nach Krems. Es ist von Interesse, was über diese An- 
gelegenheit Eberhard Werner Happel in dem bereits erwähnten „Un- 
garischen Kriegs-Roman" Seite 500 u. f. mittheilt. Dieser erzählt, 
dass der Kaiser vor seiner Abreise „Wien mit einem zwifachen Regi- 
ment versehen, Eines war Weltlich und das Andere Militärisch." Für 
das erstere werden nunmehr die fünf bekannten Mitglieder: Caplirs, 
Mollard, Starhemberg, Hartmann und Belchamps namhaft gemacht und 
weiters erzählt: „Diesen allen ward vom Kayser vorgestellet der Herr 
Graf Caplirs. Es war aber ein Bedienter ürsach daran, dass dieser 
Graf mit dem Kayser nach Crems abreysete, bevor er den Bericht 
empfangen, dass ihm von Kays. May. diese hohe Verwaltung wäre 
aufgetragen worden. Dann da der Kayser auf der Abrayse begriffen 



') Siehe diessfalls „Beiträge." S. 101 und 102. 



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25 

\^ar, kam ein Diener eines gewissen hohen Ministers zum Grafen, 
wünschöte ihm in dessen Namen gute Nacht, und bittet ihn, er wolle 
ihm die gutte Stadt Wien lassen anbefohlen seyn, als darinn er vom 
Kayser zu bleiben befehligt wäre. Der Graf verstünde nicht recht, 
wie solches gemeynet, lasset diesen grossen Minister wieder salutiren, 
und seine Dienste anmelden: Im übrigen könne Se. Excellenz von 
ihm die Vorsorge der Stadt Wien nicht begehren, ' als der schon bey 
hohem Alter, und dess. Lebens satt, auch von dem Kayser dessfalls 
keinen sonderbaren Befehl habe, noch zu haben verlange, wie er dann 
in diesem Moment gesonnen wäre, in seine Carosse zu steigen, dem 
Hof zu folgen, und bei demselben seinem Vice-Präsidenten- und Estats- 
Baths-Amt femer abzuwarten." 

„Als der Bediente hier auf von ihm gangen, eylet Graf CapliJrs 
umso viel mehr mit seinem Abzug, und gehet nach Crems. Unter 
Weges aber schicket er gleich wol seinen Secretarium David Poden, in 
aller Eyl nach dem Hof mit Brieffen an den Kayser, darinn er Sr. 
Maj. kund thut, was ihm zu Wien begegnet; Bittet zugleich, weil er 
nicht eigentlich wisse, was er zu Wien zu verrichten haben solte, 
Se. Maj. wolle Allergnädigst geruhen, bey dieser gefährlichen Zeit ihn 
solcher schweren Last entbürden, und bei seinem gewöhnlichen Amt 
und Bedienung am Hof lassen." 

Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass, obwohl dem Grafen 
Caplirs bekannt geworden war, wie er vom Kaiser zumVerbleiben 
in Wien „befehligt war e'*, — derselbe „nur um so viel 
mehr mit seinem Abzug geeyle t." *) Diese ablehnende 
Haltung des Grafen gegen die kaiserl. Verordnung, wird in besonders 
scharfer Weise vom franz. Gesandten Sebeville in einer Depesche an 
Ludwig XIV. beleuchtet Dieser sagt : Graf Caplirs habe das Ver- 
bleiben in Wien einfach abgelehnt, indem er hervorhob, dass bei dem 
Zustand der Stadt, der Commandant keine Ehre erwerben, sondern 
dieselbe verlieren werde; — er wolle nicht, dass sein Name an der 
Spitze einer traurigen Angelegenheit und hässlichen Capitulation stehe, 
und dass man durch die ganze Christenheit sage, Caplirs habe Wien 
nach ganz kleiner Vertheidigung an die Türken übergeben, weil eine 
grosse Vertheidigung unmöglich, indem die Stadt aller Nothwendig- 



*) Freiherr v. Belfert: „Der Chef der Wiener Stadtvertheidigung u. a. w., 
S. 41, bezeichnet die vorstehenden Angaben des Chronisten Happel, von „in's 
Einaelne gehender Genauigkeit und unverkennbarer Richtigkeit,'' 



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26 

keiten beraubt sei um eine Belagerung aushalten zu können.^) Die 
Eingabe des Grafen Caplirs an den Kaiser, womit er seine Entfernung 
von Wien zu rechtfertigen suchte, gab zu einer neuen kaiserl. Ver- 
fügung, ddo. Krems, 9. Juli 1683, Anlass, mit welcher derselbe beauf- 
tragt wurde, nach Wien zurückzukehren, um dort das ihm übertragene 
Amt anzutreten. Der Kaiser versprach, den Grafen nicht lange dort 
zu lassen und bald eine andere Disposition zu treffen. ^) 

Graf Caplirs kehrte am 10. Juli nach . Wien zurück. *) Allein 
schon unterm 12. Juli richtete er an den Markgrafen von Baden 
neuerdings eine Eingabe, in welcher er bittet, „ihme bey hoff seiner 
Sfera nach, oder bey der Armee zu employren, seye zu disen carico 
in der Stadt zu alt, vndt abgemath, wüsse auch nit zu sub&istiren," 



') Nouvelle Revue, 1. e. S. 747. Die vorstehend auszugsweise mitgetheilte 
Stelle aus der Depesche des Gesandten Sebeville lautet: Capliers refusa tont 
net d'abord, all^guant „qu'en l'^tat oü etait Vienne, le commandant n'aurait pas 
lieu d'y aeqüerir del'honneur, mais bien d'y perdre tout le peu qu'ii aui-ait acquis, 
et quil ne voulait pas que son nom füt ä la tete d' une mauvaise aflfaire et 
d' une vllaine eapitulation, ni qu'on put dire dans toute la chretiente que Capliers 
a rendu Vienne au Türe apr^s une tr^s petite defense , sachant bien qu'il etait 
imp'ossible d'y en faire une grande, etant d^pourvue qu'elle etait de tontes las 
choses nescessaires pour soutenir un siege." 

2) Freiherr v. Helfert, „Der Chef der Wiener Stadtvertheidigung." S. 20. 

^) Es ergiebt sich dieses aus einem Sehreiben, welches der Salz- und 
Schliisselamtmann zu Krems, Simon von Wagenheim an den Hofkam mer-Prasi- 
denten Grafen Orsini-Rosenberg richtete. Der Wortlaut dieses vom 11. Juli datirten 
Schreibens ist folgender: 

Hoch vnd Wohlgeborner Herr Grau. 

Gnedig vnd hochgebittender Grau vnd Herr. Ew. Exe. Bevelchen mir auss 
Agstain vnderm gestrigen dato das zu herauf Bringung des Rests der Kaiserl. 
Sachen Ich mich auf alleweiss Befleissen solle Pferdt hinab zu schikhen, Nun 
ist vnmiglich von hier nur ein ainziges zu vberkomben, hab gewisslich grossen 
Vleiss angewendet, vnd mich ser bekombert dass den Volzug nicht laisten kan-, 
es hat mich aber der desswegen von Regirung ausgesehikhte Ainspanier Oonsu- 
lirt in dem er mir vermelt, das zu dieser Intention alberaith der nottdurflft Pferdt 
hinabkomben seindt. 

Der Haass ist gester komben , mit dessen schiffend der General Caplirs 
wid in Wien zurüokhgangeu. Herr von Albrecht ist gester zu Landt vnd Herr 
Koch zu Wasser angelang akuch gleich wider abgereist. Die Kays, hindlastene 
Hoff Cammer bevilht das Ich mein schlisslambts rest in das Hoff Zahlambt liffern 
solle, deme ist aber allhir volzug beschehen, dann vor mich armen Schlukher 
<rar nicht wohl, in dem die hinderlassene Hoff Camer eben auch beuolehen der 
Unkosten wegen abschikhung des Pulfers auss d«nen ambts geilen (deren 
keine zu hoffen) herzunemben, das Pulfer wird den 12 ddo. in aller frue abfahren 



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27 



worüber ihn ein kaiserlicher Erlass abermals zum Verbleiben in Wien 
aufforderte.') 

Wir haben somit ein Bild von dem Widerstreben, mit welchem 
Graf Caplirs die ihm vom Kaiser für Wien übertragene Aufgabe an- 
trat. Er war es auch, der die ängstlichen Berichte über ungenügende 
Besatzung, unzureichende Munitions- und Proviant-Vorräthe erstattete, 
wodurch er allerdings die Wirkung erzielte, dass von den mass- 
gebenden Personen der Entsatz mit der grössten Thätigkeit betrieben 
wurde. Dass er sich später in das unvermeidliche fügte, und seinen 
Pflichten auf das sorgfaltigste nachkam, kann übrigens nicht be 
zweifelt werden. 

Wie aus dem Schreiben des Gra^n Starhemberg an den 
Kaiser vom 11. Juli 1683 hervorgeht, fasste dieser seine Aufgabe 
gleich vom Anfange an ganz anders auf, als Graf Caplirs. Ein Um- 
stand verdient besonders erwogen zu werden. In dem Masse, als' sich 
die Belagerung in die Länge zieht, als die Gefahr steigt und die 
Lage der Stadt von Stunde zu Stunde bedenklicher wird, tritt Graf 
Caplirs mehr und mehr zurück. Sein Name wird in den Berichten nur 
selten mehr genannt, wogegen sich im Stadtcommandanten Grafen 
Starhemberg, die ganze Vertheidigungs Action wie in einem Brenn- 
spiegel concentrirt. Die Frage, wer in Wien im Jahre 1683 der 
Höchatcomraandü'ende war, wer die Vertheidigung geleitet, und wem 
die Rettung der Stadt zunächst zu danken war ; diese Fragen wurden 

Ich aber gehe zu Calles voran umb zu sehen, wo man damit zulenden vnd sicher 
hinkoraben kann, mit dem werde ich auch mitbringen, wie die Stainer Prugen 
solle beschitzt werden. Sonsten ist alles noch in forcht vnd vmb desto mehr 
weil! der Dekhely allererst nach eindung des Stillstandes auch agiren solle. 

Orembs den IL July 1683. 

Getreu gehorsamber 

Simon von Wagenhaimb. 
K. k. H. K. A., Pasc. 13.864. 

*) „Beiträge*' S. 104. Hocke 1. c. S 9, sagt, dass Graf Caplirs am 9. Juli 
in Wien ankam Hier liegt unverkennbar ein Irrthum vor. Der kaiserl. Erlass, 
womit der Graf nach Wien abgeordnet wurde, itt; Crems 9. Juli datirt. Selbst 
für den Fall, dass dieser Erlass dem Grafen in den Morgenstuodeu zukam, ist 
dessen Ankunft in Wien an demselben Tage nicht mehr gut denkbar. Dagegen 
sagt Wagenheim in seinem Schreiben vom 11. Juli, dass Graf Ot^rs mit dem 
Schiff des Haas „gestern" d. i. am 10. Juli, „wider nach Wien aurükhgangen." 
Der Herzog von Lothringen meldete dessen Eintrefien in einem am 11. Juli an 
den Kaiser erstatteten Bericht. Durch das Vorstehende modificiren sich auch die 
Angaben bei Benner 1. c. S. 233 imd „Kriegsjahr 1683." S. 139. 



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28 

bereits vor 200 Jahren endgiltig entschieden. Es genügt wohl ein 
Hinweis auf jene Anerkennungen, welche dem Grafen Starhemberg für 
die ruhmreiche Vertheidigung von Wien von allen Seiten zu Theil 
geworden sind, im Vergleiche mit den wenigen Fällen, in denen be- 
sondere Verdienste des Grafen Caplirs um die Rettung unserer Stadt 
hervorgehoben wurden. Nach dem Entsätze verschwindet sein Name 
aus den Acten, er hatte sich nach Böhmen zurückgezogen. Erst mit 
der Eingabe an den Hofkriegsrath, ddo. Prag, 30. October 1683, ent- 
schuldigte Graf Caplirs sein langes Wegbleiben vom Dienste.*) 

In dem Schreiben vom 11. Juli 1683 bemerkte der Schlüssel- 
amtmann Wagenheim, dass er in Wien den Schutz derSteiner 
Donaubrücke anregen w#rde. Er kam am 12. Juli Abends nach 
Wien, wohin er die vom Kaiser angewiesenen 1000 Centner Pulver 
befördert hatte,^) und dürfte somit am 13. Juli sein Anliegen dem 
Herzog von Lothringen vorgebracht haben, welcher alsbald den Grafen 
Dünewald mit einer starken Cavallerie-Abtheilung nach Krems ab" 
ordnete.'*) Wagenheim machte auch das Deputirten-Collegium 
auf die Bedeutung der Steiner Brücke aufmerksam, welches unterm 
14. Juli an den Hofkriegsrath den Antrag stellte, dass dort ein 
Brückenkopf herzustellen und Mannschaft dahin abzuordnen wäre, in- 
zwischen möge die Brücke durch die Landvölker beschützt werden. 
Diese letztere Weisung war selbstverständlich an die zu Krems be- 
findlichen ständischen Verordneten gerichtet, denn nach der da- 
maligen Landesverfassung gehörten alle das Defensionswesen am 
flachen Lande betreffenden Angelegenheiten in die Competenz der 
Stände. In Krems befand sich der Land-Obristlieutnant Scheller,'*) 
welcher die Anlage einer Schanze bei Mautern beantragte, da sich 
jedoch das Landvolk verlaufen hatte, und die Tartaren näher streiften, 
wurde von den ständischen Verordneten das Abtragen der Brücke 
beschlossen, als noch rechtzeitig Graf Dünewald mit seiner Cavallerie 
ankam.*) 



E. k. Kriegs-Arohiv, Prot.-Nr. 366. Fol. 615. 

«) „Beiträge" S. 113. 

») Daselbst S. 114. 

*) Daselbst S. 45. ' 

*) In den Blättern des Vereines für Landeskunde von Niederösterreioh, 
XVII. Jahrgang 1883, S. 270 u. f., habe ich den Schlnssberioht, welchen die in 
Krems anwesenden ständischen Verordneten, Ober ihre Thätigkeit während der 
Dauer der Türken-Invasion, an die Stände von Niederösterreioh erstatteten, mit- 



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29 

IV. 

Zur Ausrüstung und Besatzung von Wien. 

Auf Grundlage eines bishin unbekannten Actenmateriales, wurden 
in den mehrerwähnten „Beiträgen", u. z. im 11. und V. Capitel jene 
Vorkehrungen hervorgehoben, welche von Seite des im Jahre 1680 
zum Stadtcommandanten von Wien ernannten Grafen Ernst Rüdiger 
vonStarhemberg, im Vereine mit dem nahe gleichzeitig zum 
Hofkammer-Präsidenten bestellten Freiherrn Christop hAbele von 
Lilienberg getroffen wurden, um den Befestigungsstand von Wien zu 
vervollständigen, auch alle Defensionsmittel rechtzeitig herbeizuschaffen. 
Es wurden dort von den in dieser Angelegenheit erflossenen kaiserlichen 
Resolutionen die wichtigsten, auch andere einschlägige Actenstücke, 
nach ihrem vollen Wortlaute mitgetheilt. Jedem unbefangenen Beur- 
theiler dürfte sohin eine verlässliche Grundlage geboten sein, um sich 
die Frage zu beantworten, wem die Schuld beizumessen kömmt, dass 
sich Wien beim Anzüge der Türken nicht in dem wünschenswerthen 
vollen Vertheidigungsstand befand, und so manches nachgeholt werden 
musste. 

Obwohl Herr Professor von Renner auf Seite 63 seines ver- 
dienstvollen Werkes „Wien im Jahre 1683" sagt, dass die Versuche, 
welche seit Mitte September 1682 gemacht wurden, um Wien vor 
einem eventuellen üeberfalle zu sichern, den ersten Schritt zur Rüstung 
für den Türkenkrieg bezeichnen, so giebt er später Seite 156 dennoch 
zu, dass schon im Jahre 1681 an den Festungswerken gebessert 
wurde/) 

Dem eigentlichen Sachverhalte nicht entsprechend, wird der Zu- 
stand der Befestigungen von Wien und jener Vorkehrungen, welche 
der Stadtcommandant Graf Starhemberg seit dem Jahre 1680 zur 
Hebung desselben, sowie überhaupt für die Ausrüstung der Festung 
getroffen hatte, in dem mehr erwähnten Werk „Das Kriegsjahr 1683" 



getheilt, in welchem auch die Angelegenheit der Steiner Brücke besprocheu 
wird. Aus dem „Lager beyn Wiener Brüggeu 18. Juli 1683'* meldete Qraf 
Breinner an den Kaiser, dass die Generalität besorge, Tökely werde mit Macht 
heraufbrechen und Krema besetzen oder doch die dortige Brücke zerstören. K. 
k. H. K. A., Fase. 13.864. 

') In Folge eines Druckfehlers wird bw Renner 1. c. S. 157 und 454, der 
General-, Land- und Hauszeugmeister, Karl Ludwig Graf Feldkirohen genannt. 
An anderen Stellen des Buches wird er richtig Graf Hofkirchen geschrieben, 



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so 

u. z. auf Seite 130 u. f. dargestellt. Auffallender Weise blieb dort bei 
der Besprechung dieser hochwichtigen Frage, das über dieselbe vor- 
handene reiche Actenmateriale unbenutzt. Was auf Seite 130 über 
die Beischaffung von Pallisaden „deren etwa 30.G00 bei^öthigt 
wurden" gesagt wird, steht mit den betreffenden Acten nicht im JßTin- 
klange. Richtig ist, dass Graf Starhemberg schon Anfangs October 

1682 die Beistellung von 200.000 Pallisaden verlangte, und daas die 
Stände Niederösterreichs mit dem Landtagsbeschluss vom 4. Februar 

1683 die Lieferung von 80,000 Pallisaden übernommen hatten.') Aul 
Seite 133 findet sich die auch bei Onno Klopp 1. c. Seite 208, und 
Renner 1. c. 247 anzutreffende irrthümliche Angabe, dass am 12 Juli 
1000 Centner Pulver, welche der Erzbischof von Salzburg angeblich 
gesendet hatte, in Wien ankamen, wiederholt.'^) 

Ferner wird Seite 134 „Kriegsjahr 1683" angegeben, dass ein 
Munitions-Transport noch am 16. Juli in der Leopoldstadt landete; 
dem entgegen wir auf Seite 160 desselben Werkes lesen, dass s^ 
16. Juli die bei Nussdorf herübergekommenen Türken in der N^he 
der Brigitta-Kapelle Verschänzungen errichtet hatten, welche alle 
Hoffnung benahmen, den directen Verkehr mit Wien aufrecht erhalten 
zu können.*) Auf Seite 125 „Kriegsjahr 1683 ' finden wir die un- 

„Beiträge*' S. 32 und 37. 

•) Auf S. 42 der „Beiträge" wurde nachgewiesen, das 300 Centner Pnlver, 
welche der Er^bischof von Salzburg dem Kaiser überlassen hatte, schon im 
April 1683 in Wien angelangt waren, ferner erscheint auf S. 112 der ,, Beiträge" 
quellensicher angegeben^ dass die aui 12 .Juli in Wien angekommenen 1000 Centner 
Pulver, aus dem kaiserl. Pulverthunn zu Krems entnommen wurden, und dass 
der Kaiser persönlich die üeberführung nach' Wien anbefohlen hatte. Unterm 
22. JuH hatte der Ei*zbischof von Salzbuig angezeigt, dass er abermals 300 Centner 
Masketen-Pnlver und 12«J0 Stücke eiserne 23 und2ö^ Stöokkugeln absende, wo- 
für der Kaiser mit dem ,,Haudbriefl'' ddo. Passau 25. Juli 1683 dankte. Diese 
Munition kam selbstverständlich nicht mehr nach Wien, k. k. H. K. A., Fase. 13.864, 
Von dieser Sendung geschieht auch bei Sauer, „Rom und Wien im Jahre 1683,'* 
S. 23 Erwähnung. 

*) Wie unter solchen Verhältnissen am 16. Juli ein Munitionstransport 
durchkoinmen konnte, ist schwer zu begreifen. 1« den Acten findet sich von einem 
solchen Wagnis auch nicht die geringste Spur vor. Der Herzog von Lothringen 
meldete aus dem „Veldtlager bey ycrlsee** am 15. Juli an den Kaiser, dass 
1000 Centner Munition in die Stadt geworfen wurden. Es sind dieses unzweifel- 
haft die 1000 Centner Pulver, welche am 12. Abends nach Wien kamen. Unterm 
18. Juli meldete der Herzog, dass Kugeln und Munition nicht mehr in die Stadt 
gebracht werden konnten „weillen der Feind ein lauffbrukhen ober der Rossau 
geschlagen,*' k. k. Kriegs-Archiv, Prot. Nr. 366, Fol. 519. 



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31 

zweifelhaft unrichtige Angabe, dass Graf Starhemberg schon am 7. Juli 
Abends in Wien ankam*) und Seite 132 wird von der Rede erzählt, 
die am 8. Juli Vormittags Graf Starhemberg auf einem Platze den 
versapamelten Bürgern gehalten haben soll.^) 

Zu einem weitern Bedenken geben die in dem mehrgenannten 
Werke „Das Kriegs -Jahr 1683'' auf den Seiten 136 und 137 vor- 
kommenden Angaben über das Niederbrennen der Vorstädte Anlast 
Während auf Seite 136 gesagt wird, es habe das geheime Depu- 
tirten-Collegium beschlossen, die Vorstädte, welche dem Feinde 
Schutz bieten konnten, in Brand stecken zu lassen, und beauftragte 
dasselbe den Stadtcommandanten mit der Durchführung dieser harten 
aber nothwendigen Massregel, lesen wir auf der nächstfolgenden 
Seite J37, aus einem Berichte des Prinzen Ludwig von Baden, dass 
„der hertzog (Lothringen) Befohlen, durch die LifBtnterie die 
Vorstätte ahnzuzünden." Aus den Acten ist mir nicht der geringste 
Anhaltspunkt bekannt, um schliessen zu können, dass das Deputirten- 
CoUegium über das Loos der Vorstädte entschieden habe, .wohl aber 
wurde diese Massregel in einem Kriegsrath beschlossen, und vom 
Herzog von Lothringen sohin zur Durchführung angeordnet. Der 
Herzog war es auch, welcher von dieser Angelegenheit dem Kaiser 
nach an demselben Tage (13. Juli) Meldung erstattete.^) 

Richtig zu stellen .kömmt ferner die im „Kriegsjahr 1683'* 
Seite 140 vorkommende Angabe, dass der Hofkammerrath von Aich- 
püchel während der Belagerung Beisitzei: des Deputirten-Collegiums 
war. Derselbe befand sich damals gar nicht in Wien. Ebenso beruht 
es auf einem Irrthum, wenn auf den Seiten 141 und 182 erzählt 
wird, dass sich Bischof Emerich Sinelly während der Belagerung 
in der Stadt befand. Derselbe war eine bei der Bevölkerung höchst 
missliebige Persönlichkeit. Er schloss sich dem kaiserlichen Hofe an, 
und war während der Abreise in einer gefährlichen Lage.^) 



*) Auch Renner 1. o. S. 242 lässt den Grafen S arhemberg erst am 8. Juli 
4beads in Wien ankommen. Veigl. auch „Beiträge'* 8. 96 u. f. 

^) Renner übergeht die Erzählung von dieser angeblichen Rede ganz mit 
Stillschweigen. Vergl. „Beiträge" S. 130. 

») K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 366, Fol. 519. 

*) Auf S. 150 der „Beiträge" wurde nachgewiesen, dass sich Bischoi' 
Sinelly während der Belagerung von Wien in Passau befand. Vergl. diessfalis 
„Melk in der Türkennoth des Jahres 1683" von ?. ß. Gumpoldsberger S. 16, 
wo die Anwesenheit des Bischofs in Passau ebenfalls dargethan wird* 



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32 

Die während der Belagerang in Wien anwesenden Militär-Personen 
anbelangend findet sich auf Seite 146 unter den als Besatzung ein- 
gerückten Fusstruppen zuletzt aufgeführt: „Thimb, Johann Georg 
Graf, Oberst. Commandant der Oberst-Inhaber selbst 3 Compagnien/' 
Im Falle der Ausdruck „Commandant der Oberst-Inhaber selbst** dahin 
zu verstehen ist, dass es Oberst Thimb war, welcher in Wien die 
3 Compagnien seines Regimentes persönlich commandirte, «o kömmt 
diessfalls zu bemerken, dass Oberst Thimb durch den Sommer und 
Herbst 1683 Commandant eines etwas über 2000 Mann starken 
Truppencorps war, welches den Jablunka-Pass besetzt hielt, um 
das Durchbrechen der Tökely'schen Banden nach Schlesien abzu- 
wehren. ^) 

Auf Seite 144 des „Kriegsjahr 1683" wird unter den in der 
Stadt anwesenden Ober-Officieren auch der „Stuck-Obrist Christoph 
V. Born er** aufgezählt. Es ist dieses eine vollkommen richtige An- 
gabe, allein auf Seite 174 lesen wir, dass am 17. Juli auch der ver- 
dienstvolle «Artillerie-Oberst Werner Mittel und Wege gefunden hatte 
in die Stadt zu schleichen." Auf Seite 190 wird dieser angebliche 
Oberst „Werner" nochmals genannt, er soll am 31. Juli verwundet 
worden sein. In den Acten wird der „Stuck-Obrist B ö r n e r" bald 
Bömer, bald Werner geschrieben. Hocke, Seite 82, heisst ihn Werner. 
Välkeren, Seite 31, erzählt von ihm „Was aber zu der Artiglerie ge- 
höret, das beförderten meister- und ritterlich Herr Christoph von 
Bömer, ein Mecklenburgischer von Adel, als Stuck-Obrister, ein 
tapffer und wolerfahmer Mann, welcher durch eine Wangen geschossen 
an dem Tag vnser Erlösung noch nit völlig wieder curiret warr, ferner 
Obrist-Lieutenant Johann Martin Gschwind u. s. w." Für die Angabe, 
dass während der Belagerung 1683 in Wien zwei Stuck- oder Artillerie- 
Obriste anwesend waren, von denen der eine „Börner" der Andere 
„Werner" geheissen, fehlt jede actenmässige Grundlage. 

Auf Seite 144 des ofterwähnten Werkes „Das Kriegsjahr 1683" 
finden wir angegeben, dass während der Belagerung dem „Ingenieur- 
wesen der berühmte Kriegsbaumeister und Ingenieur: Oberstlieutenant 
Georg Rimpler vorstand und als Ingenieure Leander Anguisola 



') Iq den Acten des k. k. Hofkaininer - Archives wird die Thätigkeit des 
Obristen Thimb im Jahre 1683, zuerst im Fürstenthnme Teschen, dann an der 
Jablunka-Schanze, imd später im Wagthale ziemlich häufig besprochen. Er wird 
Thimb, Timb, Dhimb geschrieben. Seine eigenhändige Fertigung lautete: Hanns 
V. Timb. Niemals erscheint er jedoch als Graf genannt. 



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36 

und Daniel Suttinger foiigirteii. ** Auf Seite 193 werden im Inge- 
nieür-Fäche noch die Hauptleute Christ. Zimmermann und Leonhard 
Behr genannt.^) Diese Angaben lassen einige Erläuterungen als un^ 
vermeidlich erscheinen. Zunächst körnmt zu bemerken, dass während 
der Belagerung von Wien die beiden Ingenieure Anguisola und ^ttinger 
noch gar nicht im kaiserl. Militärdienste standen. Suttinger befand 
sich während der Belagerung in unserer Stadt. In Bezug auf Angip- 
sola ergiebt sich aus den Acten auch nicht der geringste Anhalts- 
punkt um auf seine Anwesenheit in Wien während dieser Zeit schiiessen 
zu können, im Gegentheile, es lässt sich mit grosser Sicherheit sagen, 
daifö er während der Belagerung nicht in Wien anwesend war. 

In einer Specification der General-Kriegs-Casse zui?ä Monat April 
1684 werden als kaiserl. Ingenieure mit der beigesetzten Jahres- 
besoldung aufgezählt: Johann van Hohen 1200 fl. — Johann 
Oorneo 600 fl. — Johann Kleinwächter 1200 fl. — Mathias 
Andersy 500 fl. — Johann Alex. Rainer 600 fl. — Heinrich 
Nuisement 600 fl. — Joh. Rud. Sturmb 360 fl. — Job. Phil, 
von Hannenstein 500 fl. — Daniel Suttinger .500 fl. — 
Lucas Georg S c h i g a 600 fl. Endlich werden noch als Ingenieure 
erwähnt: Giblhausen, Burkhardt, Beaufeiis und Perger. Am, i. April 
1684 richtete der Hofkyiegsrath an die Hofkammer eine Note, ipi 
welcher gesagt wird, dass Heinrich Nuisement ein alter schon lange 
dienender Ingenieur sei, „so auch in jüngster Belagerung der Statt 
Wienn vermög producirter Attestaten sich wohlverhalten - und nützlich 
gebrauchen lassen,*' daher sein Gehalt von 600 auf 900 fl. verbessert 
wird, ferner werden in dem Actenstück als Ingenieure, Falducci in 
Prag und Henel in Mähren genannt. In einer zweiten Note, wie die 
erste ddo. Linz, 1. April 1684, wird der Hofkammer mitgetheilt, der 
Kaiser habe der Ingenieure halber resolvirt, dass der Obristlieutenant 
und bestellte Ingenieur Johann van Hohen, „welcher ein Cavalier 
aus dem Gelder Land, vnd nach Absterben ' des Ingenieur R i m p l e r 
bei wehrender Belagerung der Statt Wienn dass maiste gethan, sich 
benebens nicht allein auf die Ingenieurs-Kunst, sondern auch auf alle 
Wasser Gebäu hauptsächlich verstehet, die Ober-Ingenieur Stell da- 
selbst zu Wien mit 1200 fl. jährlicher Besoldung conferirt, vnd anbey 
Ihme die neuaufgerichte wasser Gompagnia gelassen,'' die beiden In- 



Vergl. Välkeren 1. c. S. 31 und 32, nur wird dort Züumermann nicht 
als Ingenieur-, sondern als Artillerie -Hauptmann erwähnt. 

3 



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genieure Reiner und Suttinger, unter der gehabten Besoldung ver- 
bleiben, endlich sei der Ingenieur Berger mit 600 fl. zur jetzigen 
Fortifications- Arbeit zu Wien, aufgenommen worden. *) Hohen und 
Reiner werden auch von Välkeren 1. c. S. 47, namentlich der Erstere 
rühmlich erwähnt. In der Rechnung über die Kosten der Stadtver- 
theidigung werden „dem Corneo vnd Hohen, beeden Ingenieuren 
to Ihrer Verpflegung 924 fl." angeführt. Es mueste sohin befremden, 
dass im „Kriegsjahr 1683" Ingenieure, welche seit längerer Zeit in 
kajserl. Kriegsdiensten standen, von denen die Acten besonders hervor- 
heben, dass sie während der Belagerung von Wien vorzügliche Dienste 
geleistet haben, wie Hohen, Corneo, Nuisement und Reiner 
übergangen werden, und dagegen Anguisola und Suttinger erwähnt 
werden, da doch bezüglich des Erstem die Anwesenheit in Wien 
während der Belagerung noch gar nicht nachgewiesen ist, und Suttinger 
erst im December 1683 als Hauptmann in kaiserliche Militär-Dienste 
aufgenommen wurde. ^) 

Da es eine besondere Obliegenheit monographischer Arbeiten ist, 
sowohl die Ereignisse als auch die dabei betheiligten Personen in 
quellensicherer Weise klar zu stellen, so darf auf Entschuldigung 
gerechnet werden, wenn im Interesse der historischen Wahrheit auf 
unterlaufene Irrthümer aufinerksam gemacht wird. 



*) K. k. H. K. A., Fase. 14.634. Der Ingenieur Heinrieh Nuisement ist 
derselbe, welcher bei Renner 1. c. S. 251 u. a. a. 0. Wissemanu genannt wird. 

') Leander Anguisola trat allerdings im Jahre 1684, jedoch nach dem 
Monat April in kaiserl. Militär-Dienste ein, denn in dem oben mitgetheilten 
Verzeichnis der im Monat April 1684 im Dienste gestandenen kaiserl. Ingenieure 
findet sich sein Name noch nicht vor. In einer Eingabe ddo. Wien 29. Dec. 1700 
nennt er sich „kays. Haubtmann vnd allhiesiger fortifieation unter Ingenieur." 
Er sagt, dass er seit 1684 im Dienste stehe. In einer Eingabe vom 13. April 1705 
schreibt er sich bereits Oberstlieutenannt und Ober- Ingenieur. K. k. H. K. 
A. Hoffinanz-Acten vom 21.' April 1701 und 7. Juni 1706. Im „Kriegsjahr 1683'' 
S. 166 wird ein ,.Stuckhauptmann Corneo" erwähnt. Da von einem zweiten 
kaiserl. Hauptmann Namens Corneo, als während der Belagerung in Wien an- 
wesend in den Acten sich nichts vorfindet, so muss es hier offenbar statt 
,j&tuckhauptmann'', „Ingenienrhanptmann" heissen. 



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36 



Zur Beischaffung des fftr die Besatzung erforderlichen 
Proviants und des Geldbedarfes. 

In den „Beiträgen zur Belagerung von Wien" Seite 107 u. f. 
wurde über jene Conferenzen Mittheilung gemacht, welche, in Folge 
Anordnung des Herzogs von Lothringen, am 9, und 10. Juli 1688 
im Hause des Grafen Starhemberg in Angelegenheit der Verprovian- 
tirung von Wien und der Beischaffung der erforderlichen Geldmittel, 
stattfanden. Bei denselben konnte es sich zunächst nur um die Fra^e 
handeln, ob für den Fall einer Belagerung die Besatzung mit dem 
erforderlichen Proviant versehen sein werde. Schon unterm 22. Fe- 
bruar verordnete eine kaiserl. Resolution : „dass Ein Jeder Sich dahier 
in der Statt auf Jahr und Tag verproviantire" und wurde am 26. März 
über Antrag des Stadtcommandanten Grafen Starhemberg die Bestellung 
einer Visitations - Gommission bei der Bürgerschaft beschlossen. *) 
lieber die in den Militär-Magazinen vorhandenen Vorräthe wurde dem 
Stadtcommandanten ein Ausweis vorgelegt, durch dessen Ansätze der- . 
selbe zufrieden gestellt wurde. ^) 



1) „Beiträge". S. 41. 

«) K. k. H. K. A., Fase. 14.632. Dieser Ausweis lautete: 
Specificatioii 

Was für die Statt Wieun iu Khorn, Habeni vnd Mehl zur Extra Veldt- 
proviantirung vorräthig gemacht worden. 

Wienn, den 9. Juli 1683. 

In Khorn Einen Vorrath nach gedachter Statt Wienn zu machen ist nichts 
intimirt, noch anbefohlen worden, dannenhero auch nichts vorhanden. 

In Haberu ligt \yirkhlich in vnderschiedlichen orthen 
zusamben 1297 Muth 28 Mtzn. 

In Mehl hat sich vermög des Herrn Anthony Dortsch Veldt-Proviandt- 
Commissary eingeraichten Extract den 30. Juni 1683 befunden 28.398 Cent. 96^. 

hiezu ist khomben seithero 3.633 „ 90 „ 

Summa . 32.032 Cent. 86 U. 

Vermög Hr. Provianl-Ober-Commissary Haass mir angehendigten Extract 
hat derselbe ohne das ord. und für die im fahl einer Belegerung einlogierende 
12.000 Mann, pro Extraord. von dennen appaltierten 100/M Cent. Mehl in Bereit- 
schaft ... . . . 23.695 Cent. 70^. 

Summa . . 55.728 Cent. 56 U 
3* 



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Eine bei weitem grössere Schwierigkeit ergab sich aus der Bei- 
schaffung jener Geldmittel, welche zur Bestreitung der während der 
Belagerung bevorstehenden Auslagen erforderlich waren. In der Con- 
ferenz am 10. Juli, bei welcher auch der Hof-Kriegszahlmeister Ludwig 
Albert Thavonath und der Hofkamiherrath Hager atiWÄsend 
waren, meldete Ersterer, dass sich in der ihm unterstehenden Casse 
nur 30.000 fl. befinden.^) Die- erste Beihilfe ergab sich aus dem 
durch den Fürsten FerdinandzuSchwarzenberg vorgeschossenen 
Betrag von BO.OOO fl.^) An diese Geldhilfe schloss sich bald der 
Betrag von 61.000, und mit Einrechnung des für eine Partie Gold- 
münzen entfallenden Agio 61.B55 fl. 10 kr. an, welche der Erzbiäclaöf 
von Galoczä, Graf Georg Szecheny, darlehensweise überlassen 
hatte.^) Eine vollständige Deckung des während der Belagerung sich 
ergebenden Geldbedarfes, erfolgte erst durch die Einbeziehung jener 
Beträge, welche der Erzbischof von Gran, Georg Szelepcheny, nach 

Hiezae khönndte gebracht werden 

Von Mannswörth vermittels Convoy 18^ Cent. 

Von Stoekherau .• • 3998 „ 

In Khorn 900 Miith geben zu Mehl angeschlagen, Jeder Muth a 17 C«nt* 
zasamben 15.300 Cent. 

Zu Crembs vnd St. Johann sind in beraitschaft so eben hieher zu fiehren 
die anstalten schon gemacht worden 3156 Cent. 

Von der Theya vermitels Convoy vnd paarer Zahlung von 20 kr. pr. 
4000 fl. bringt, khönnen hieher gebracht werden . ...... 12.000 Cent. 

Summa . . , 20.983 Cent. 
J. Fried. Krieehpaumb, Frhr. 

^»»Beiträge" S. 108. 

') Renner 1. c. S. 266 sagt, dass der Kaiser dem Grafen Kollonitsoh noch 
vor völliger ümschliessung der Stadt eine Anweisung auf 50.000 Gulden auf 
die Casse des Fürsten Sohwarzenberg habe übergeben lassen. Wie in den „Bei- 
trägen'* S. 110, Note 4 zu entnehmen ist, kam Fürst Schwarzenberg erst nach 
der Abreise des Kaisers, aus Steiermark in Wien an, er konnte daher auch 
nicht eine Anweisung auf seine Cassa 11 die Hände des^ Kaisers gelegt haben . 
Der Fürst folgte die 50.000 fl. ohne jeder vorausgegangenen Verhandlung mit 
dem Kaiser oder mit der flofkammer, an den Grafen KoUonitsch als seinen 
Vertrauensmann aus. Dieser stand mit den beiden im südlichen Böhmen begüter- 
ten verschwägerten Fürstenhäusern Schwarz eiiberg und Eggenberg in sehr 
freundschaftlichen Beziehungen, woraus sich das dem Grafen geschenkte unbe- 
dingte Vertrauen erklärt. 

*) „Beiträge*' S. 109 und Renner 1. e. S. 265. Dies« Gelder wurden unver- 
kennbar schon vor der Einlaiigung der Zustimmiu)gs-Erklärung des Erzbischofs 
für die Kriegskasse einbezogen. 



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37* 

Wien gebracht und in seinem Hause verwahrt hatte.^) Die üeber- 
nahme dieser letztern Grelder für die Kriegskasse, gab dem Erzbischof 
zu heftigen Anschuldigungen gegen den Bischof Kollonitsch Anlass, 
wodurch Letzterer in unangenehme Weitwendigkeiten hinein gezogen 
wurde. 

In dem Hause des Erzbischofs waren zurückgeblieben der Caplan 
Paul Haydinovich, der Kämmerling Pongracz und ein 
Diener Namens: F r a n g o. Während dem Brande des Schotten-Maier- 
hofes, den die aufgeregte Bevölkerung als durch Tökely'öche Mord-' 
brenner gelegt, bezeichnete, hatte der Letztere einem Soldaten gegen- 
über, um dens<»lben zu vierspotten, die Aeusserung fallen lassen, Tökiöly 
selbst befinde sich im Erzbischöflichen Hause. Duixjh den sohin hervor- 
gerufenen Tumult entstand die Gefahr, dass das Haus von der erbit- 
terten Menge gestürmt und ausgeplündert werde. Nach dem Entsätze 
erstattete der Caplan an den Erzbischof der sidi auf seinem Schlosse 
zu Lettowitz in Mähren befand eine Anzeige, in welcher er ausführte : 
dass er schon längst, wenn * es möglich gewesen wäre, von der Be- 
drängnis, welcher das Haus ausgesetzt war, berichtet hätte, nunmehr 
aber, da Gott sei Dank die Belagerung am 13. d. M. aufgehoben 
wurde, melde er, wie dasselbe und die Schätze des ErzbisohofB be- 
handelt wurden. 

Der Schutz, den ihm Graf Kollonitsch unaufigefordert angeboten 
hatte, war nur ganz kui-ze Zeit von Wirkung, denn bald kamen Sol- 
daten, die ihn (den Caplan) unter Drohungen zurückhielten, den 
Pongracz von seiner Seite lissen, den Frango in Arrest führten, und 
söhin vereint mit den Bürgern alle Thüren des Hauses mit Axthieben 
erbrachen und bis in <lie innersten Gemächer drangen. Sie erbrajchen 
die Kästen, untersuchten die darin verborgenen Schätze, nahmen auch 
Einiges, Was ihnen im Schlafgemache in den Weg kam, mit sich fort. 
Wie Räuber wurden wir (erzählt der Caplan) unter starker Militär- 
bedeckung zu den Generalen gebracht, wo man uns als Grund dieser 
gefänglichen Abführung angab, dass wir als Ungarn alle Rebellen, und 
mit den Tökely'schen Brandstiftern einverstanden sind. General Starhem- 
berg jedoch, der unsere Bedrängnis sah, hiess uns sogleich frei nach 
Hause gehen. Der Erfolg zeigte aber, dass ihm vor Allem daran lag, 



*) ,, Beiträge" S. 110 und Renner S. 267. Das Haus lag in der Hiromel- 
pfortgasse jetzt Nr. 14 „zur ungarischen Krone." 



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38 

zu erfahren, wo sich die Schätze befanden. Nun verlangten sie, fährt 
der Caplan fort, von mir die Schlüssel des Hauses und Kellers, da 
ich sie verweigerte, bedrohten sie mich und Pongracz mit dem Tode 
und hätten uns auch sicher getödtet, wenn wir uns nicht vot ihren 
Waffen in das Innere des Haukes zurückgezogen hätten. Bald jedoch 
ereilte die Schätze ein ganz unerwartetes Schicksal. 

Um den Sold der Besatzung zu bezahlen, schildert del' Caplan 
weiter, habe man zuerst vom Fürsten Schwarzenberg 50.000 und vom 
Erzbischof von Calocza 60.000 fl. entnommen, nun kam die Reihe an 
den Erzbischof von Gran. Gegen alle Erwartung, und entgegen dem, 
gleichsam an Eidesstatt zugesagten Schutze, sei Graf Kollonitsch mit 
einigen Oommissarien erschienen, habe durch Schlosser alles aufsperrea 
lassen, und am 19. Juli 74.8 J2, am folgenden Tage 5860 fl. hinweg- 
genommen und das ganze Silberzeug in's Münzamt bringen lassen. 
Der Oaplan erzählt ferner, dass Graf Kollonitsch, — was ein Ver- 
brechen gegen Gott und Christus war, — alle Kleinodien, Ringe, 
Ducaten, Thaler, das ganze in den Kisten befindliche Geld, am 13. Sep- 
tember in fünf Wägen hinwegschaffen Hess, ebenso habe er die Kleider, 
Monatranzen, Kelche u. s. w. mit sich genommen. Als er (der Caplan) 
ein Inventar begehrte, habe man ihm mit Kerker gedroht, jedoch habe 
Graf Kt)llonitsch die Zurückstellung der werthvollen Sachen versprochen. 
Bis auf einige werthlose Teppiche und einige Kleidungsstücke sei das 
Haus leer, man hätte auch diese weggenommen, wenn nicht die Dunkel- 
heit angebrochen wäre. Nachdem der Graf die wichtigsten Kleinodien 
bei sich habe, so wolle der Erzbischof die nöthigen Vorkehrungen 
treffen, bevor dieselben verschleppt werden. Schliesslich bemerkt der 
Caplan, dass er das Nähere über diese Begebenheiten einer münd- 
lichen Berichterstattung vorbehalte. 

Die Anzeige des Caplans gab dem Erzbischof zu einer Eingabe 
Anlass, welche er ddo. Lettowitz, 27. September 1683, an den Kaiser 
richtete. Er leitete seine Beschwerde mit einer Beleuchtung der 
Stellung ein, welche die Kirche in Ungarn einnahm und betonte, dass 
seit der Schlacht bei Mohacz, in welcher der Primas und eine Zahl 
voir Bischöfen den Tod fand, die kirchlichen Angelegenheiten sehr 
zurückgegangen sind, indem entgegen den vaterländischen und könig- 
lichen Gesetzen, das Besitzthum der Bischöfe und Prälaten etc. zur 
ungarischen Kammer eingezogen wurde, j^ Solche der Kirche feindlichen 



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m 

Leute and besonders einer aus ihnen,') kam zu einer derartigen 
Verruchtheit, dass er nicht nur die von Verstorbenen zu frommen 
Zwecken hinterlassenen Güter angriff, sondern auch zweien hervor- 
ragenden Mitgliedern der ungarischen Kirche^ ^) und vorzugsweise mir, 
zum Sc'andale Ungarns und der ganzen Welt, Alles und auch gering- 
fügige Sachen plünderte und vei*darb (expilando et depradando). Er 
schützte zwar, wie ich höre, die neueste Notiiwendigkeit vor, gab 
jedoch dadurch seinen gegen mich durch viele Jahre gefassten Groll 
zu erkennen. " Der Erzbischof bemerkte ferner, dass er wiederholt 
mündlich und schriftlich seine Bereitwilligkeit dem Kaiser zu dienen 
erklärte, allein er (Kollonitsch) hat darauf keine Bücksicht genommen, 
sondern sei mit seinen Gesellen in das Haus des Erzbischofe in 
Wien räuberisch eingedrungen, habe daselbst alle Zimmerthüren u. s. w. 
aufgebrochen, die eisernen Kisten mit Gewalt geöffnet „und mich bis> 
auf den letzten Heller ausgeplündert. " Im Anschlüsse hebt- der Erz- 
bisdiof hervor, dass ihm Kollonitsch doch so viel, als er zum täglichen 
Gebrauche benöthiget, hätte zurücklassen können, so wie er es ,mit 
dem Erbgut des Fürsten von Schwarzenberg, beim Erzbischof von 
Gaioeza und bei den reichen ketzerischen Kaufleuten getban hat» 
„jedoch sein alter Hass gegen mich verblendete ibn derart, dass er 
nicht Anstand nahm in solch unerhörter Weise, mir ein so grosses 
Unrecht anzuthun. Was wird unsere ungarische rechtgläubige Kirche 
sagen, der eine so grosse Schmach und Missachtung in ihrem ersten 
Hirten und Haupte zugefügt worden, ist? Gott im Himmel selbst 
wird richten und rächen, diese entsetzliche mir angethane zum 
Himmel schreiende Schmach." 

Der Erzbischof weiset nunmehr auf seine Verdienste hin, wdche 
er seit dem Jahre 1638 auf den Landtagen, bei seinen Sendungen 
nach Constantinopel und nach Polen, um Ungarn und den Kaiser er- 
worben, „wie werde ich behandelt für alle meine Verdienste?" Aus 
Hass gegen ihn habe man die in seinem Hause in Wien zurück- 
gelassenen Leute, durch die öffentlichen Gassen der Stadt so schimpflich 
mit militärischer Escort, als ob sie einer verbrecherischen Schandthat 
schuldig gewesen, geschleppt und herumgeführt. Der Erzbischof sagte, 
dass ihm nicht blos geprägtes Geld, sondern Gold- und Silber- 
geschirre, Kelche, Kreuze, Monstranzen, ßing6 u, s. w. genommen; 

^) Kollonitsch. . . , , . 

*) Die beiden Erzbischöfe von Grau und Calocza. 



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4Ö 

desgleichen alle seine silbernen Gerätbschaften, Weihgeschenke der 
Kirche, Legate etc., vieles zu einer Zeit als der Feind bereits ver- 
jagt war, als wäre er ein Veif äther oder schon todt gewesen. Der 
Erzbischof erzählt ferner, dass man einen kostbaren Zobelpelz dem 
Grafen Starhemberg angetragen habe, der aber die Annahme des 
ruchlosen Raubes wegen, für unwürdig hielt. 

Nach einer wiederholten Beschwerde über das was ihm, einem 
so alten Diener zugefügt wurde, betonte der Erzbischof, wie er durch 
Tökelj, Illeshazy und die Barbaren selbst viel gelitten, am meisten 
aber schmerze ihn die ihm in Wien zugefügte Schmach, mehr als 
seine Verluste in Ungarn, welche 3 Millionen übersteigen. Er weiset 
darauf hin, dass ihm im Namen des Kaisers durch den ungarischen 
Secretär die Zusicherung ertheilt worden war, es werde sein Haus 
geschützt werden, es hatte auch Graf Starhemberg eine Salvaguardia 
und einen Coinmissär in sein Haus abgeordnet. Zum Schlüsse wird 
gebeten, der Kaiser gferuhe der ungarischen Hof-Kanzlei die erforder- 
lichen Erhebungen aufzutragen. *) 

Dieser ersten Eingabe folgte schon ddo. 3. October 1683 ^ine 
neue Vorlage, in welcher der Erzbischof um die Unterstützung des 
Kaisers und um die baldige Untersuchung seiner Beseh werden bittet. 
Die Eingabe vom 27. September 1683 wurde dem Grafen Kollönitsoh 
abschriftlich am 11. October zur Aeussening zugesftellt. ^) Nachdem 
derselbe mit der Abgabe seiner Aufklärungen zögerte, erging an ihn 
ddo. Linz, 3. November 1683, ein „kaiserl. Handbriefl" mit dem 
strengen Auftrag, über die Beschwerde des Grauer Erzbischofs baldigst 
Bericht zu erstatten. Aus einem Erlasse der Hofliammer jtom 6. No- 
vember an Kollonitsch geht hervor, dass zwischen den beiden streiten- 
den Theilen die Vermittlung einer „Friedens-HaiMitüng" angestrebt 
wurde. ^) 

Mit einem ddo. Wr.-Neustadt, 4. December 1683 an den Hof- 
kanüner-Präsidenten Grafen Orsini-Rosenberg gerichteten Schreiben, 
brachte Graf Kollonitsch seine Aeusserung ein. Dieselbe umfasst 



K. k. H. K. A., Fase. 14.633. Es möge hier die Bemerkung Platz 
finden, dass der Erzbisdiof von Gran schon im Jahre 1680 zu*Tyraau an einem 
Sehlagftnfall erkrankte« Seitdem scheint er fflr frepide Einflüsterungen sehr zu* 
gänglich gewesen zu sein. 

2) Die Abschrift weicht au mehreren Orten von der Original-Beschwerde 
in der Richtung ab, dass allzuscharfe Stellen gemildert wurden. 

») K. k. H. K. A.. Fase. 14.632. 



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4i' 

sieben eng geschriebene Bogen, sie zeigt die tiefe Versilmimung,' 
welche zwischen den beiden betreffenden geistHchen Würdenträgern 
Platz gegriffen hatte. 

Graf Koüonitsch bemerkt im Eingange, dass er berechtigt wäre, 
die Eingabe vom 27. September im gleichen Tone ' zn beantworten, 
allein aus schuldiger Ehrfurcht vor Sr. Mt. werde er die falschen An- 
gaben, zu denen der Erabischof durch seinen Caplan angeregt wurde,' 
durch die Darstellung des ganzen Vorfalles widerlegen, so dass 
Niemand über die Lauterkeit aller seiner Handlungen zweifeln, oder 
dieselben herabwürdigen kann. Er würde seine Aeusserung schon 
längst erstattet haben, allein der Herr Erzbischof habe den Bischof 
GeorgFenessy mit einem Schreiben an ihn gesandt, welches jedoch 
nach der Gewohnheit des Erzbischofs durch seinen herben und ganz 
unartigen Styl alle Grenzen überschütten hatte, auch der Bischof 
Penessy mit keiner Vollmacht versehen War. Kollonitsch etitliess den- 
selben mit der Bitte, der Hen* Erzbischof möge in Zukunft von der 
Zusendung solcher verletzender Briefe ablassen, fügte jedoch die Zu- 
sage bei, dass er in gleicher Weise wie für den Fürsten- Seh warzen- 
berg und den Erzbischof von Calocza, deren Gelder in Wleh ebehfalhf 
für das Öffentliche Beste verwendet wurden,^ auch für den Erzbischof 
voii Gran thätig sein wolle. Dieser Antrag hatte jedoch keinen Erfolg, 
weil derselbe mehr den Einflüsterungen seines Caplan s als dem guten 
Willen des Grafen Kollonitsch Vertrauen schenkte. Letzterer bemerkte 
ferner, dass er mit der Abgabe seines Berichtes nicht läiiger zögern 
konnte, da er mit voller Berechtigung annehmen musste, dass der 
Erzbischof durch seine aufdringlichen Sendlinge bei Hof und allseitig 
ausstreuen werde, „dass ich wedel* den Willen no<jh die Päkigheit 
habe, mich dem von Sr. kais. Mt. ertheiHeri Auftrage zu untemiehen** 

Der Erzbischof sagt in seiner Eingabe, — bemerkt Kollonitsch 
Weiter, dass der vom Kaiser dem Grafen Stairhemberg ertfaeiHen 
Weisung, es sei das Haus des ErKbischofs von Grfcn besondirs äu 
schützen, nicht entsprochen wurde. Er, Kollonitsch, müsse da^fegen 
hervorheben, dass dieses Haus das einzige in der Stadt war, welche« 
mit Militärlasten nicht belegt wurde. Wenn der £nblsoh(^ in Idig* 
lieber Weise angibt, dass sein Haus Ausgeplündert und die in dMnMHMn 
befindlichen Leute fortgeschleppt wurden, so müsse dem entgegen 
darauf hingewiesen werden, dasB aller Schade nut durch die Leuto 
des Erzbischofes herbeigeführt wurde, und dass die Bettung nur den 



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42 

geheimen Deputirten-Räthen, besonders aber ihm, Kollonitsch, zu 
danken kömmt Der Beschwerde des Erzbisobofes, es seien die Sachen 
aus seinem Hause mit Hast, aus Leidenschaft und heimlich entnommen 
worden, kömmt entgegen zu halten, dass Alles in höchster Ordnung 
mit Vorwissen und Zustimmung der höchsten Gewalt und der öffent- 
lichen Behörden geschehen. Wenn der Erzbischof angibt, er, Kollo- 
nitsch, habe Einrichtungsstücke aus dem Schlafzimmer und aus der 
Garderobe zu seinem Vortheile entwendet, oder unter seine Freunde 
und Genossen vertheilt, so sei ein solcher Schimpf unwürdig der 
Feder, ihn zu widerlegen. Was den Zobelpelz anbelangt, der angeblieh 
dem Grafen Starhemberg angeboten wurde, dieser ihn Jedoch ab- 
gelehnt habe, weiset das anliegende Schreiben de3 Doktors Ferdinand 
Khiem, ddo. Wien, 21. November 1683, nach, dass an dieser Angabe^ 
kein Wort wahr sei. 

Zur Darstellung der Ereignisse übergebend, citirt Kollonitsch 
nunmehr die Anzeige des »Caplans Paul Haidinovich an den 
Erzbischof und sagt, dass ihn Beide weniger durch diese Erzählung 
als vielmehr durch das was sie verschweigen, verläumden. Der Erz^ 
bischof und der Caplan verschweigen absichtlich die Ursache des 
entstandenen Tumultes und des Angriffes auf das Haus, sie ver- 
schweigen die Mittel, welche ?5ur Rettung desselben, der ^Bewohner 
und der darin vorhandenen Sachen aufgewendet wurden. Er, Kollo- 
nitsch, werde ihrem schwachen Gedächtnis zu Hilfe kommen und das 
Fehlende ergänzen, er werde dort anfangen, wo der Erzbischof und 
sein Caplan böswillig ihre Erzählung beschliessen. 

Yon dem beim erzbischöflichen Hause ausgebrochenen Tumulti 
bemerkt Kollonitsch, hatte weder er, noch Graf Starhemberg, noch 
die geheimen Räthe Kenntnis erhalten, sie wahren Alle viel zu sehr 
mit dringenden Geschäften und mit den Bränden in und ausaer der 
Studt beschäftiget. Er, Kollonitsch befand sich In seinem Hause, *) da 
kam d^ erzbischöfliche Caplan mit angehobenen Händen gerannt und 
bat: ^m Schutz, es wäre sonst um das erzbischöfliche Haus sammt 
den P^sonen und Sachen darin geschehen. Demselben wurde Hufe 
zugf^agt ^nd bedeutet, dass er nach Hause gehen möge, er, Kollo- 
nitiiiA werde bald nachfolgen. Kaum, dass Letzterer die Strasse betrat, 



*) Annagasse jetzt Nr. 7, Vergl. den Sattinger'gehen Plan im Band XVI. 
der Berichte imd Mittheilungen. des AJtert^uma-yereiii^a zu Wien , : ,^ , 



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43 

eilten abermals der Caplan in Begleitung des Erzbisdiöflichen Kämmcr- 
lings Pongracz herbei, ihn, KoUonitsch beschwörend, sobald als 
möglich in das bedrohte Haus zu kommen, ohne seine Hilfe würde 
Alles eine Beute des Raubes werden. Sie selbst wagen sich nicht mehr 
nach Hause, weil dort Soldaten und Burger und die ganze ihnen 
feindliche Nachbarschaft tobe. KoUonitsch erzählt weiter, dass er die 
Beiden eiwauthiget und nach Hause gewiesen habe, mit der Zusage, 
ihnen bald nachzufolgen. 

Er eilte nunmehr zu den Grafen Starhemberg, Caplierg und 
Mollard, fand aber keinen zu Hause, da bei den Schotten neuerlich 
ein Brand ausgebrochen war. Er suchte nun den Regierungskanzler 
auf, allein auch dieser hatte von dem Tumult noch keine Kenntnis, 
versprach jedoch Hilfe. Erst beim Bürgermeister, der mit dem Stadt- 
richter und andern Räthen. versammelt war, erfuhr KoUonitsch die 
Ursache des Tumultes. Anlass habe ein aufgefangener Brief des Erz- 
bischofes gegeben und die Aussage seines Dieners Frango, dass 
Tökely selbst im erzbischöflichen Hause sich aufhalte und man ihn 
auch beim halboffenen Fenster will gesehen haben. Frango sei im 
Starhemberg'schen Hause') im Arreste, der vielen Geschäfte wegen 
konnte er noch nicht vernommen werden. KoUonitsch ersuchte, es 
mögen die im erzbischöflichen Hause einquartirten Soldaten in ein 
anderes Quartier gelegt werden. Der Rath genehmigte dieses Ansuchen 
und bestimmte zu diesem Ende das Aidipüeh] 'sehe Haus als neues 
Quartier, worüber KoUonitsch nunmehr dem Bürgermeister die Zusage 
machte, dass er in das ersbischöfliohe Hatts eilen und dasselbe unter- 
suchen werde, ob sich dort eine verdächtige Person aufhalte. Derselbe 
erzählt weiter, dass er in dem genannt^i Hause zwei Reiterc^ciere 
des Regimentes Dupigny mit ihrer Mannschafi: «mgetn^lfon habe, 
welche jedoch die Umquartirung in das Aichpüchrsche Haus ver^ 
weigerten. In der Absicht, diesfalls den Grafen Starh^nberg ai^u- 
sueheU) traf er diesen zu Pfer^ auf der Strasse, unterräehteie ihn 
von dem Vorgefallenen und bat um einen Begleiter, wieloher den 
beiden Offlcieren den Quartierweehsel ai^ubefeMen habe. Starlieinberg 
gab ohne Zaudern einen Mann seiner Garde mit, welcher den Offimeren 
den Befehl des Stadtcommand&nten bekannt gab. Di^e tiAsaea 
jedoch den Gardisten ohne aller Erwiederung, im Hause in Arrest abr 
mhrm. 



^ ^) Krugerstrasse, jetzt Nr. 10. 



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44' 

Als Kollonitscii neuerdings den Grafen Starliemberg aufsuchen 
wollte, ihn jedoch nicht antraf, bat er einen Beamten desselben, er 
möge den Officieren unter Androhung von Strafen die Räumung des 
erzbisch. Hauses auftragen und zugleich die Enthaftung des Gardisten 
bewerkstelligen. Dieser begleitete den Grafen Kollonitsch, aber die 
Officiere leisteten nur insoferne Folge, dass sie Erstem aus der Haft 
entliessen. Da es mittlerweile Abend wurde und die erzbischöflichen 
Leute meldeten, dass sich die beiden Officiere bereits einiger Sachen 
bemächtigt hätten und darüber planten, wie sie während der Nacht 
das Üebrige zur Beute machen könnten, eilte Kollonitsch zum Grafen 
Caplirs, der von der ganzen Angelegenheit noch nichts wusste, und 
sich nunmehr in das erzbischöfliche Haus verfügte. Er lieös den 
altern dfficier vorrufen und drohte ihm mit Strafen, wenn er nicht 
sofort das Haus verlasse. Dieses wirkte. Als das Haus geräumt war, 
legte Kollonitsch eine Sauvegarde vom Regiment Starhemberg in das- 
selbe und versiegelte alle Thüren. Derselbe bemerkt weiter „der Bitte 
des Caplans in die Zimmer zu treten und nachzusehen, ob vielleicht 
etwas fehle, willfahrte ich nicht, da ich die Gesinnung des Erzbischofs 
kannte und fürchten musste, er könnte mich selbst für den Räuber 
halten.* Nachdem er glaubte für die Sicherheit des Hauses genügend 
Vorgesorgt zu haben, entfernte sich Kollonitsch. 

Ueber die Ereignisse des folgenden Tages meldete derselbe in 
seiner Aettssertmg^ «r habe sneh beim Deputirten-Cöllegium vorgestellt 
und über den Vorfall des Vortages Bericht erstattet, auch ersucht, 
dass d^* im Starhemberg'schen Hiause gefangen gehaltene Frango vei^- 
nomm^i werde, um dasjenige, was er übe* Tökely geäussert habe^, 
klar EU stallen. Zu dem alsbald vorgenommenen Vek-hör wurde auich 
Kollonitsch beigezogen, Frango sagte aus; er ^i vw dem erzbisch. 
HauBe gesessen, als ein SoHat vordbergiag ttnd ihn fragte, ob auch' 
ear einer von den Tökely'schen Mordbrennern sei. Er habe ihiii geant^ 
woftet ja^ komm nur herein, Du wirst den Tökely s^bst sehen, «r 
sieht beim Fenster heraus. Das habe er mir: im* Scherte gesagt tun 
den Soldaten zu verspotten, er hätte nieM gegkittbt, dass diesem 
Jiemand ernst nehmen k6miie. Er habe Tökely niemals gesehen und 
gebiern ül>erhafq)t viel im, Raus^^e gesprochen, woran er sich nicht 
mehr erinnern könne. Ueber seine Aussage sei ein grosser Tütfttili 
entstanden und er in Arrest abgeführt worden. Kollonitsch kehrte 
nunmehr zu den geheimen Räthen zurück, wo über seinen^ Antrag 



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Frango freigelassen wurde. Derselbe berichtete weiter, das^ bei diesem 
Anlässe die genannten Räthe über den Geldmangel klagten, wodurch 
der Fäll der Stadt beschleunigt -werden könnte. Kollonitsch ertheilte 
den Rath, es mögen Einige aus ihnen entsendet werden um in seiner 
und des Capläns Beisein das im erzbischöflichen Hause depönirte 
öeld zu inventiren. Das Deputirten-Collegium beschlos's nach diesem 
Antrage und" beauftragte den Hofkammerrath Helchamps (da es 
sich tim eine Kammeral- Angelegenheit handelte), dabei entweder selbst 
anwesend zu sein, oder sich durch den Kriegs-Zahlamis-Controlor Johann 
Michael Eineder vertreten zu lassen. ') Ferner wurden beigeordnet 
der Kriegs-Zahlaints-Official Martin Werner, von Seite der lingar. 
Kammer der Controlor Gregor Hoffbauer und der Öfficial Franz 
Sekel. Von Seite des Erzbischofs hatten anwesend zu sein der Caplan 
Paul Häidinovich und der Kämmerling Pongracz. Der ganzen Coni- 
mission stand Bischof Kollonitsch vor. Dieser berichtete weiter, dass 
in Gegenwart der genannten sieben Personen, das Siegel von den 
Thüren abgenommen und diese geöffnet wurden. Das vorhandene Geld 
wurde abgezählt, Goid und Silber zum Abwägen in das Mtinzhaus 
getragen, üeber Alles wurde ein Inventar errichtet. Das Geld wurde 
gegen Empfangsbestätigung dem Controlor Eineder übergaben kollo- 
nitsch hemerkt nun : Von all dem will der Caplan jetzt nichts wissiBÜ, 
wäihrend er doch zwei, nach seiner Angabe ihili und dem Kämmerling 
eigenthümlich gehörige Schneckenbehälter übei'nalim 'und überdiess 
verschiedene Ansprüche auf Belohnung bei dör Inventarisirung erhob. 
In Angelegenheit der im erzbischöflichen Hause befindliehen 
goldenen Götäthe, Kelche, Kreuze, mit Diamanten und Steinen be- 
setzten Monstranzen u. s. w., bemerkt Graf Kollonitsch, dass alle diese 
Sachen unversehrt texistiren, dass an ihnen nicht ein Nädelknopf 
fehle. Es besteht darüber ein mit der grösfeten Genauigkeit auf- 
genommenes Inventar. Viele silberne und goldene Gegenstände waren 
vorhanden, an denen die Arbeit mehr werth war als das Metall, die 
daher durch Einschmelzen verlofen hätten. Sie einzeln zu verkaufen, 
fehlte die Zeit. Sie wurden daher bei einem Geldgeber vetsetzt, unter 
der Bedingung, dass er dieselben nach Empfang des dargeliehenen 
Geldes zurückzustellen habe. Kollonitsch betont ferner, der Erzbischof 
gebe ja selbst zu, dass nicht nur sein, des Erzbischöfs Geld, sonxierii 



i J) : Zufolge Erlasg dd©. , Passj^u 17. .Juli 16^. ^wajr^^^ Belch>mps das 
Directorium der hiuterlassenen Hofk^^miner übertragen worden. 



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46 

auch das des Fürsten Schwarzenberg und des Erzbischofs von Calocza 
während der Belagerung verwendet wurde. Mit Unrecht sage er nun- 
mehr, dass seine Lage schlechter sei, als die der genannten Herrn. 
Während die Häuser derselben mit militärischen Contributionen be- 
legt waren, war das des beschwerdeführenden Erzbischofs frei. Die 
beiden genannteil Herren schätzten sich glücklich, etwas zum all- 
gemeinen Besten beigetragen zu haben, überdies gab nach dem Ent- 
satz der Stadt Fürst Schwarzenberg 100.000, der Erzbischof von 
Calocza 50.000 fl. zur Verfolgung des Feindes. KoUonitsch schliesst 
sohin die Frage an: Wo sind nun die Verbrechen, wo das Aergerniss, 
von denen der Erzbischof in seiner Beschwerdeschrift Erwähnung 
macht? Derselbe brüstete sich, dass er dem Kaiser sein ganzes 
Vermögen zur Bekämpfung des Feindes angeboten habe, was dem 
Erzbischof allerdings wohl geziemt hätte, lieber den Zobelpelz, von 
dem angegeben wurde, dass man ihn dem Grafen Starhemberg an- 
getragen hatte, bemerkt KoUonitsch, dass dieses eine unwürdige Ver- 
läumdung sei, denn dieser Pelz verblieb stets in der Verwahrung des 
Caplans. üeber rothes Tuch, dessen Verlust der Erzbischof ebenfalls 
beklagt, erwähnt KoUonitsch, dass es an jene Kundschafter überlassen 
wurde, die während der Belagerung Briefe aus der Stadt an den 
Herzog von Lothringen überbrachten. 

Nachdem er noch einige nebensächliche Angelegenheiten be- 
sprochen hatte, erörterte Graf KoUonitsch in seiner Aeusserung die 
Fragen: Soll ein Ersatz gewährt werden, an wen wäre dieser, und 
aus welchen Mitteln zu leisten? In ersterer Beziehung wird bemerkt, 
dass Juristen und Theologen darin einig sind, dass, wenn in Zeiten 
der Noth die öffentlichen Gelder nicht zureichen, das Mangelnde aus 
Privatvermögen zu entnehmen i?t. Nach Beseitigung der Gefahr sei 
jedoch Ersatz zu leisten. In diesem Sinne habe er, KoUonitsch, auch 
die geheimen Käthe inständig gebeten, als daran gegangen wurde, 
die Gelder für die Kriegskasse einzuziehen, was ihm auch zugesagt 
wurde. Schwieriger sei die Beantwortung der Frage, an wen der 
Entsatz zu leisten sein wird. KoUonitsch weiset darauf hin, dass 
der Erzbischof kurze Zeit vor der Türkenbelagerung in einer 
Eingabe an den Kaiser um die Auszahlung seines Gehaltes von 
1200 fl. bat, da er sonst nicht einmal genug zum Leben habe, was 
er unmöglich sagen konnte, wenn er wirklich der Eigenthümer der in 
seinem Hattse aufbewahrten, von ihm selbst auf eine Million Gulden 
geschätzten Reichthumer wäre. Der Erzbischof selbst hat somit die- 



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47 

selben als Eigenthum der Kirche und des Klerus betrachtet, denen 
sie nunmehr zuzuwenden wären, wodurch auch mehrfachen Ver- 
pflichtungen desselben, mit deren Erfüllung er im Rückstande ist, 
entsprochen werden könnte. 

Die im Vorhergehenden lediglich nach ihren Hauptzügen wieder- 
gegebenen Aeusserungen des Grafen KoUonitsch über die Beschwerden 
des Erzbischofs Szelepcheny, gestatten einen Einblick in Ereignisse 
und persönliche Verhältnisse, welche zur Beleuchtung des Gesammt- 
bildes nicht ohne Interesse sind, daher ich sie als Ergänzung der in den 
,, Beiträgen zur Geschichte der Belagerung von Wien durch die Türken 
im Jahre 1683", Seite 110 vorkommenden Angabe, hier nachgetragen 
habe. Auch der Erzbischof von Calocza, Graf Szecheny, war dem 
Primas nicht besonders zugethan* Es geht dieses aua dem Sehreiben 
hervor, welches er ddo. 7, November 1683 an den Grafen KoUonitsch 
richtete. Er sagt in demselben: „Auf keine andere Weise, als dass 
ich und das ganze Königreich in Folge der vielfachen Eincassierungen 
und Erpressungen jenes Mannes für diesen Schatz zusammengescharrt 
haben. Und siehe, wie gut es sich traf; durch den Richtspruch des 
allgerechten Gottes, wurde durch jenen schnöden Mammty^ Wien be- 
freit; ja der Herr Erzbischof mag Gott da^ür danken und es sich zur 
Ehre anrechnen."*) 

Im Nachfolgendem soll der Verlauf der auch dem Kaiser. sehr 
unangenehn^en Angelegenheit geschildert werden. 

Graf KoUonitsch hatte in seinem Schreiben an den Hofkammer- 
Präsidenten vom 4. December 1683 ausdrücklich erwähnt, „dass es 
Diro Mayt. Dienst erfordert, dass seine Aeusserimg ihme Hm. Erz* 
bischoff communicii't werde." In diesem Sinne erstattete Graf Orsini- 
Rosenberg, ddo. Linz, '22. December 1683, Vortrag aa den Kaiser. 
Dieser resolvirte jedoch wie folgt: „Dienet mir zur Nachricht, ich 
wolte aber gehrn das Inventarium sehen, wohin Ein- viind das andere 
verwendt, was ? vnnd wembe versetzet, vnnd was noch vorhanden seye. 
Wegen der communication stehe ich noch etwas an, doch kan Ibt 
dessen des KoUonitsch Information, ommissis acerbioribus terminis 
zur communication Eingerichtet werden. Leopold."^) 



*) V. Renner 1. o. S. 268. 

*) K. k. H. K. A., Fase. 14.633. Von Interesse ist einschreiben, welches 
Erzbischof Szelepcheny ddo. Lettowitz 17. Dec. 168^ an den Grafen KoUonitsch 
richtete. Siehe v. Benner 1. o, S, 269. 



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Unterm 17. Jäaner 1684 wurde Gi-af KoUoaitsch aur Vorlage 
des laventars uud der andern vom Kaiser verlangten Nachweise auf- 
gefordert, worauf nunmehr derselbe zwei, ddo. Wr. -Neustadt 8. Febr. 
1684, ausgefertigte Specificationen über die während der Belagerung 
an die Kriegscassa abgelieferten Gelder u. s. w. und über deren Be- 
ausgabung auch ein, Q2 Nummern umfassendes Inventar über die im 
Hause des Erzbischofs von Gran vorgefundenen Prätiosen etc. ein- 
brachte. 

Die Verzeichnisse über Empfänge und Ausgaben sind von 
Interesse, daher sie ihrem vollen Wortlaute nach mitgetheilt werden. 

Specification oder Extract. 

Ueber Empfang und Aassgaab deren von (titl.) beeden Herrn 

Erzbischoffen zu Gränn and Raab, in währender Belegerung der statt 

Wienn genohmenen vnd Fürst Schwarzenbergerisch hergeliehenen 

geltem. 

Empfang. 

fl. kr. 

Von (titl.) herrn Erabischoffen zu Grän: 

In Minz lauth Inventirung haben sich befanden , . . 292.765' 5 

In goldt 44/M. Specie Ducaten jeder pr. 10 Groschen 

laggio gerechnet, thuet 154.000* — 

In Xhallw» 16.729 Stück, jeden pr. 4Gsch. laggio 

gerechnet, thuet 28.439-33 

für das Erzbischöfl. vermünzte weisse Silber aus dem 

Münzhaus 664012 

Item för ein silberes trücherl so 24 Mark 3 loth ge- 
wogen 362-48 

Item von dem verguldten Silber besag Probzetl, über 
abzng des Schlagscha^ vnd Scheiderlohn in Münz 
5875 fl. 40 V4 ^^"> in goldt l99'/g Ducaten thuet 
sambt der Laggio pr. 10 Groschen in einer Summe 6572.88^/4 

Widumben aus dem Münzhanss wegen gelieferten 
weissen Silber vnd auch goldt in Münz 654 fl. 
5472 ^^- in i goldt ^1^/2 Dn^aten so mit dem 
laggio pr. tO Gr. in allem ausstragt . . 3400'- 9*/ 2 

Dan wird anhero in Empfang gesetzt , ein Silberner 
Schlaf bzeiig, , so auch hate verschmelzt werden 
sollen, weillen aber in selben Schröibzeug iinter- 



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4» 

schiedliche maäijBmatisclie Instrtiineiit ge^reaen, fl* ^* 
haben selben Ihre Exe. Herr Graf Gral Starnberg 
gegen Erlegung des Wertfaes far sich, begehrt, so , 
gewogen 4i Mark. 6 Loth, die rohe Mark Augs- 
burger Prob pr. 15 fl., thuet * . 600*37 

Item seind zwey Stuckh tuei^ Sobarlaehlaxb genohmea 

VDorylen, welche denen Räzeji vnd Soldaten, so Brief ; ' 

wehrenter Belegerung auj^s vnd eingetrgigen zu 
einer Recompens geben worden. Jedes iuech ist 
heyieiffig werth 124* — 

Summa des ganzen Empfangs von (titL) Heim Er^ 

bischoffen von Gran ....:. 493.080' 37* 

Von (titl.) Hr. Erzbischoffen zu Eaab 61.55010 

Voi^ Ihyo fiirstl Gnaden v. Schwarzenberg ... 50*000' — 

Summe Summarum des völligen Empfanges .... 604.585.1 3 V4 
Neustatt den 8. Februar 1684. 

Leopold Graff von Kollonitz, 

Bisohoff zu Neistati. 

Aussgaab 

Vorges(chriebener geltern in das Kays. Hoff- Kriegszahl- fl. kr. 

ambt. den 23. July 1683 lauth Quittung . . . 74.522-17 

den 18. August : 51.514-22 

den 21. dito . . 6.64OI2V4 

den 1. Sept 61-5a510 

Eodem die 2000 Ducaten in Speeie so sambt dem 

lafeio pr. ^0 Gr. ausstragt ..... 7.000* — 

den 19. Sepi L6fcü4l-33 

dito 42 /M Du(»id;eii in Speeie, Item 16J29 Spedes 

Thaller, so sambt dem taggio die Ducaten pr. 10^ 

und die Thallex pr. 4 Gr. gerechnet ausstragen 17&439?33 

den 26.' iBiusdem 5(]b00& — 

NB. die quittung.ist Ihro fürstl. Gndn. von äßkwarzen-* 
berg Hoffmeister eingehendigt worden. 

den 2. Otbr h4S6:53 

Summa wass in das Kays. Hoff-Kriegszahlambt laatin 

Händen habenden ^juittnng geUelert woiden . . . 593.400* — V4 

4 



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m 

Veberdiss seind von 4ie8en Geltern bezahlt vnd aus- d. kr. 

gelegt worden, für die Schwarzenbergische 1000 
Emer Wein, Item 600 so von Hrn. Creizer Tndt 
500 So von P. P. Soc. Jesu erkaufft, vndt alle 
2000 Emer dem Commissariat lanth recognition 
für die Soldatesca eingehendigt worden, jeder 
Emer pr. 3 fl 6.000 — 

Dan seind dem Commissariat zu ErkaHffaäg allerhand 
nothwendtigkeiten für die krankhen . Soldaten 
krafft Quittung erlegt worden 1.500' — 

Item seint bemelten Commissariat für die krankhen 
Soldaten 2300 Hemeter g«lifert worden, so kuth 
des Leinwather Ausszug sambt dem Macherlohn 
aosstragen 1.16314 

Dem Gregorio Hoffbauer gewesten- Controllor bey der 
Hung. Cammer, so unter dessen wegen mehrerer 
Sicherheit in (titl.) Herrn Erzbischoffen Hauss ge- 
wohnet, zu Erhaltung der Erzbisch, leuth, bezah- 
lung der alda gelegenen Salua Guardi vnd anderer 
Aussgaben Crafft quittung 353" — 

Des Herrn Erzbischoffen Capellan vnd S^cretario, Jeden 
wegen versprochener discretion 100 Reichsth. zu- 
samben ........... 300* — 

Dem Herrn Graffen Volkra für die aussgelegten Vn- 
Qosten in Machung einer Kriegsmachina und 
Pulver-Mihl, auf Ersuchen Ihro Excell. herrn Gral. 
Starnberg bezahl 125*86 

Für die Wacht im Patzmanianiscben Collegio, alwo 

des Herrn Erzbischoff von Raab gelt gelegen lauth 48* — 

reeognition 

Dem Hung. Gamer Agenten, wdll selber alle diese 
gelter vbemehmen vnd ausszahlen helffen, auch in 
andern vndschiedtiohen Oommi^sionen wahrender 
Belagerung gebraucht worden für ein recompens 160* — 

Dan kombt hier in Auaga^ab das oben in Empfang ge- 
nohmene, vnd Ifato fixe. Herr& Gral. Stahmberg 
gegen Erbiettung den Werth zu erlegen gegebener 
Silberne Schueibzeng Castl, weillen eracht worden, 
dasB man von Ihme als Comenttaateai etwass so 



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gl 

schlechtes nicht begehren, sondern za einer Ver- fl kr. 

ehrong lassen solte, so ausstragt 66ö'37 

Ingleichen, die für das tuech weillen selbes denen 
Razen vnd Soldaten geben worden in empfang 
aussgeworffen 124* — 

Dann seint denen Landtgutschen, so deme Mansfeldi- 
schen vnd Stahrnberg-Soldaten, wie sie abmarchirt 
das Proviant auf 2 Tag nachgeführt bezalt worden 25* — 

Dem Härtl Proviant - Verwalter zu Comorn vor die 

Liechtische Frey-Compag. lauth quittung geben 880' — 

Summa der völlig Ausgab 604.734-2774 

Diese Summa der Ausgab gehalten gegen den Empfang 
pr. 604.585 fl. W kr. abgezogen, bleibt man mir 

schuldig 149-46 

Neustatt den 8. Februar 1684. 

Leopold Graf v. Kollonitz, 
Bischof zu Neu8tatt. ^) 

Eine neue Schwierigkeit wurde in die ohnehin sehr gespannte 
Angelegenheit dadurch gebracht, dass Bischof Trautson, als Deckung 
einer Geldforderung von 29.280 fl., Namens der Trautsonschen Erben 
eine Zahl von Pretiosen des Erzbischofs von Gran übernommen 
hatte. 

Die Hofkammer erstattete ddo. Linz, 9. März 1684 Vortrag an 
den Kaiser.^) Es werden in demselben zunächst die Beschwerden des 
Erzbischofs aufgezählt. Derselbe giebt auch an, dass er schon vor 
Jahren mit seinem Testament dieses sein Besitzthum dem „Thumb- 
Capitel* vermacht habe, daher der Entgang nicht ihn, sondern das 
Capitel treffen würde. Er bittet, der Kaiser möge anordnen, dass ihm 
das Geld restituirt und "öein Hausrath und Kleinodien, welche noch 
alle vorhanden sind, durch seine Deputirten inventirt, und ihm sohin 
wieder zugestellt werden. Die Hofkammer hob hervor, dass im Baaren 
mit dem Agio 481.844 fl. an das Kriegs-Zahlamt gelangten und 
werden diese, sowie die bei der Belagerung von Wien ausgelegten 

«) K. k. H. K. A., Paso. 14.634. 

') Die Abschrift, welche von der Aeusserung des Grafen KoUonitsoh wie 
der Kaiser anbefohlen „ommisis acerbioribus terminis" angefertigt worden war, 
warde dem Erzbischof von Gran nicht mitgetheilt. Sie befindet sich neben dem 
Origin»] in den Acten. 

4« 



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62 

Gelder „gebührlich zu passiren sein." Der Erzbischof werde sich 
„circa restitutionem auf Ein Zeith mit der Versicherung von denen 
etwan in Hungarn sich ereignenden Mittlen die guttmachung zu 
laisten noch wohl zur geduldt weisen lassen.^ 

Die Resolution des Kaisers, ddo. 22. März 1684, lautete: „Ich 
conformire mich in Allem mit disem guetachten, aiswill Ich dass 
1 was annoch von Mobilien Vorhanden, dem ErzbischofF Eingerathen er 
Massen Restituirt werde. 2^^ woldte. Ich aber gern wissen was von 
Silber vnd goldt verschmeltzet worden, damit Ich sehe, in wembe 
Solches bestanden. 3**^ dass Ihme vors künftig die Versicherung geben 
werde von dem Geld Ime Seiner Zeitt vnd aus gelegen Mittel zu 
refundiren. 4**^ kan Ich noch nitt sehen von wa^ diser Mittel Ime 
Bezahlung auszusprechen. Des von Mir Erkauffethen Trautsonischen 
Gardten ausstandt werde aber weilen auch billich, denen Trautsonischen 
Erben, von der Hoff-Cammer oder hungarischen Camer-Mittln, So bald 
es Sein kan schon bezahlen. 5*^ Woldte Ich gerne wissen wohin 
Eigentlichn dise Erzbischofflichen gel dter verwendet worden. Leopold."*) 

Der unter Punkt 5 erlassenen Weisung entsprechend, brachte 
der Controlor Eineder bereits am 27. März die verlangte Rechnung 
ein, welche von der Hofkammer schon am 29. März dem Kaiser vor- 
gelegt wurde. ^) 

Unterm 12. April 1684 wurde Graf KoUonitsch von der, die 
Üebergabe der Prätiosen betreffenden kaiserlichen Resolution ver- 
ständiget und ihm bekannt gegeben, dass von Seite der Hofkapimer 
der Hofkammer-Rath von Aichpüchl, von Seite des Erzbischofs der 
Secretär der ungarischen Kammer M ahoi an j :als Commissäre ii^terr 
veniren werden. Der alsbaldigen Ausführung dieser Anordnung trat 
jedoch der Umstand entgegen, dass, wie oben erwähnt, ein Theil der 
Prätiosen sich in Händen der Trautsonschen Erben beffind. Auch 
diese Angelegenheit wurde über Vortrag der Hofkammer ddo. Ldnz 
13. Juli, mit der kaiserl. Resolution vom 21. Juli 1683 g^rdijiet.') 
Die Üebergabe verzögerte sich bis in den Monat September. A\13 einer 
Eingabe des Grafen KoUonitsch vom 20. September geht hervor, 4«äs 
dieser die Ausfolgung verweigert hatte, weil der Abgeordnete des 
Erzbischofs weder eine schriftliche Vollmacht zur . Uetbernahme der 



') K. k. H. K. A., I-asc. 14.634. 

^) „Beiträge" S, 233, wo die ganze Rechmm^ mitgetbeilt wird, 

»j K. k. H. K. A, Fase. 14.636. 



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68 

Prätiosen und der andern Gegenstände besass, auch sich weigerte, 
darüber eine Empfangsbestätigung abzugeben. Erst nachdem auch 
diese Differenz behoben war, fand die üebergabe statt.') 

Der Erzbischof von Gran und Primas Geotg Szelepcheny 
voÄ Prohonz, starb zu Lettowiz in Mähren, den 11. Jänner 1685. 
Nach seinem Tode erhob der Palatinus Graf Paul Esterhazy auf 
den vierten Theil seines beweglichen und unbeweglichen Nachlasses 
Anspruch.^) 

VI. 

Passau, Juli und August 1683. 

Nach der Ankunft des .Hofes in Passau überreichte der Hof- 
kriegsrath dem Kaiser am 17. Juli eine Art Programm über die zum 
Entsätze von Wien auch sonst dringend nothwendigen Anstalten und 
stellte am 18. Juli der Hofkammar eine Abschrift folgenden Wort- 
lautes zu: 

AllergnedigsterKayservndHerr! 

Auf Eur Kays. Mayt. allergnädigsten Befelch ist die expeditioB 
an Zierowsky wegen nachtrukhlicher urgirung dess succurs vom König 
in Pohlen aussgeförttigt worden, wie hierbey ligt. 

jmo j)ßj. Magazinen vnd Prouiand halber muss mit der löbl. 
Hoff-Camer in aller eill conferiert werden. 

2^** Ingleichen mit der Löbl. Reichs - Hoff - Canzeley, wohin es 
bereits remittiert wird, den Succurs aus Bayern, Saxen, Brandenburg, 
auch den fränkhischen Kraiss zu befördern, auch ob 

3*** Von Hanouer wass zu erhalten, zu cansideriern. 

4*^ Die anstalten genugsamber Magazinen zu machen, währen 
alle Früchten so nur zu bekhomben, von oben, oder auch auf beeden 
seithen der Donau herab zu bringen, und an gehörigen orth ausszu- 
theilen, insonderheit auch an den Steyrischen gränizen. In Raab, 
Commom, Presspurg vnd Leopoldstatt würdet sich noch wpll was 

') K. k. H. K. A., Fase. 14.687. 

2} K. k. H. K. A., Fase. 14.639. Wenn im „Kriegsjahr 1683'* S. 142. ge- 
sagt wird, dasß der grossmftthige Primas von Ungarn, Szelepcheny 
400.000 Gulden beisteuerte, so dürfte durch das Vorhergehende diese Angabe 
richtig gestellt werden. 



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finden, dem Succurs, wan Er dahin gelangen solte zu providiera, vnd 
wehre anf alle weiss zu trachten, in gedachtes Leopoldstatt etwas 
mehres an proviand zu bringen. 

5*** Die expedition an Sierowsky, wie auch die andere, von 
welchen oben gedacht, sind immediate auf den Succurs der Stidi: 
Wienn gerichtet. 

6*^ Mehrere Kuglen, Handgranathen vnd pulver, vnd dergleichen 
dahin zu bringen worvoQ die zwey erstere Sorten am maisten von- 
nöthen solche khönen nicht änderst alss auf dem Doaustromb dahin 
befördert werden, ob zwar nicht ohne hazard, solange aber die com- 
munication zu Wasser vnter denen Bruckhen durch, bis gegen den 
Brater zu erhalten, so noch woll zu practiciren sein möchte, so lang 
die daherumb liegende Insuln werden conseruirt sein, wie gar leicht 
hette geschehen können, wann man mit mehrern ernst, macht, vnd 
eiffer die vom Kriegsrath vorgeschlagene vnd von Eur Mt. resoluirte 
communicationes mit der Donau von mittels einer schiffbruckhen bey 
der fahnenstangen hette angelegen sein lassen. 

7"*® Zu Behuff obgemelten Succurses wirdet nottwendig sein, 
souill möglich alle schiff, zu Linz vnd alhier zusamben zu bringen 
vnd was dahier an puluer vnd dergleichen zu bekhomben, bey Tag 
vnd nacht abzuschickhen, erstlich von hier auf Linz, all wo man schon 
vernemben wird, ob sicher nach Krembs zu khomben, vnd von dannen 
nach Wienn auf eingezogene KhundschafFten, ob es sich auch 
thun lasse. 

8" Alhier seind würklich etliche 20/M Handgranathen von 
Vlmb ankhomben so heunt noch khönen vortgeschikht werden. 

9° Ess were der herr Bischoff alhier zu vernemben, ob er mit 
einer anzahl der bedürfftigen Kuglen assistiren khönte. 

Sonsten sind dergleichen Zeugsnotturfften hin vnd wieder noch 
bestelt, vnd unterwegs sein werden. 

Von allen disen Währe dem Herrn Herzogen zu Lottringen vnd 
dem graffen Caplirs parte zu geben. 

Ingleichen von Palatino vnd Batthian zuuernembeti, wie sie 
noch daselbst stehen. 

Wegen der Ledigen pursch in der statt Wienn ist noch vor 
Eur Kays. Mt. abreiss von dannen gehörige intimation beschehen. 

Ob aber auf dem Land ein aufbott ergehen zu lassen, wahre 
durch die österr. Hoff-Canzley zu consideriem. 



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&s 

Yebrigens berahet es bey deme bisshero an den Herrn HerzogeB 
^gangenen Kays. Handsckieiben, mit örinderung, dass Bor Kays. Mt^ 
Ihro vo? allen seinen Vorschlag wegen der prnkben nnd commtini(^tioii 
bey der Fahnen stangen al$o gefallen lasset. 

Die Truppen in steier währen zu lassen, wie sie stehen. ^ 

Der Baty, wie auch andere generales mit einfühmng der er- 
warttenden hilffen zu animieren, damit sie zusamben stehen, viid ver- 
hindern, dass der Feind kheinen einfahl von der Raab vnd selbigen 
orthen hinein thue, sondern villmehr, wans möglich, dem Feind ins 
land fahlen, doch mit gueter B^hnetsamkheit, vnd vorsichtigkhait, wo 
sie es am nüzlichsten vermainen. 

Sollte es aber dahin khomben, dass man von selbigen orthen 
her den HaaptrSuccurs der statt Wien zu tentiern resolviren nliessfte, 
khünten alsdan selbige völkher, sonderlich die Croaten sich mit (fem 
Succurs coniungiren, vnd darmit demselben ein zimbhches pondö 
gegeben werden, so den d. 0. stöllen, Bano, vnd graffen von Herber* 
stein zu communicieren. Vnd thuet sich dero gehorsambster Hoff- 
Kriegsrath zu beharrlichen Kays. Gnaden allerunterthänigst empfelhen. 
Passau, den 17. Juli 1688. 

Hoff'Kriegsrath. 
Denen löbl. Kays, herren Hofcammer-Präsident, vnd 
Käthen wirdet hiemit in Pdscht. communicirt, was Ihrer 
Kays. Mt. von dero gehorsamsten Hofkriegsrath für ein 
allerunterthänigistes Guttachten .erstattet worden, mit er- 
suechen, ob dieselbe vnbeschwärth ermelten Hofkriegsrath 
Ihre mainung, auch wass Sie Ihres orths darbey zu er- 
indem oder zu conferirn haben möchte, eröffnen wollte. 

Ex consilio BeHico 
Pas sau, 18. Jüly 1683. 
Johann Adam Wöber. ^) . 

Bei mehreren der vorstehenden Vorschläge ging der Hofkriegs- 
rath offenbar von der Ansicht aus, es werde dem Herzog von Lothringen 
gelingen, die Leopoldstadtinsel dauernd oder doch durch eine längere 
teii besetzt zu halten. Daraus erklärt sich der im Punkt 6 vor- 



K. k. H. K. A., Fase. 14.632. 



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m 

kommtwie Tadipl, <lass mafi «s unterlassen habe, eine ;,sckiffbiiickhen 
h^f der Fahnenstange^ zu schlagen. Dieser Tadel' konnte niir g«gen 
den Hödisteommandirenden^ nämlich den Herzog ton Loihrinfgen ge* 
richtet sein. Der Hofkriegsraths-Präsident Markgraf Hermann ton Baden 
^atte sich von den auf dem Kriegsschauplats^e obwaltenden Terhält- 
nifisen, oi^bar ein wenig zutreffendes Bild entworfen. Er stellte an 
das schwache Truppencorps, welches nach defr Abgalbfe des gröftSten 
Theiles der< Infanterie als Besatzung von Wien, diem Herzog ge- 
blieben %ar, unverkennbar zu weitgehende Anforderungen. Wir 
wissen, dass dieser schön am 16. Juli durch die Uebermacht der 
Türken gezwungen wurde, auf das linke Stromufer überzugehen und 
die grosse Donanbrücke abzubrennen. Das gleiche Loos hätte un- 
zweifelhafb auch die Schiffbrücke, falls eine solche bei der , , Fahnen- 
stangen'^ bestanden hätte, ereilt. Dem Herzog musste selbstverständliob 
Alles daran liegen, dass Oebersetzen auf die linke Doöauseite, dem 
Feinde zu verwehren, nicht aber zu erleichtem. Die Situation de« 
Herzogs war in jenen Tagen auch persönlich erine überaus peinliche. 
Y(Hn Hpfkriegsrath kamen ihm Aufträge zu, deren DutöhfÜhrtmg et* 
als schädlich, oft als unmöglich erkannte. Die Diffeiienzen zwtischen 
den ihm ertheilten Weisungen und seinen eigenen Dispositionen 
führten zunächst dazu, dass man in Passau nur zu sehr geneigt war 
ihm die eingetretenen Calamitäten zur Last zu legen. Von Interesse 
ist diessfalls eine Stelle, welche sich im Nuntiatur - Bericht des 
Cardinais B u o n v i s i, ddo. ßraunau, , 2 L Juli 1683, findet. Derselbe 
betont als besonders nothwendig die Ankunft des Königs von Polen, 
um auch das Commando über die kaiserl. Truppen zu übernehmen, 
,perche il Sig. Duca di Lorena e tanto abbattuto di animo et e tanto 
screditato con i soldati per gl' errori che ha fatti."') 

Es dürfte hier auch auf die Absendung des Feldkriegs-Com- 
missärs Rostinger an den Kaiser, welche der Herzog von Lothringen 
in Gemeinschaft mit dem Grafen Breinner am 22. Juli 16^3 ver- 
anlasste, hinzuweisen sein.^') Welche Anliegen Rostinger neben der 
schriftlich erhaltenen Instruction mündlich dem Kaiser vorzubringen 
hatte, wird kaum mehr klar zu stellen sein, es lässt sich jedoch 
schHessen, dass sie ernster Natur waren. Die Gegensätze zwischen 
dem Herzog von Lothringen und dem Markgrafen Hermann' von 



Sauer „Rom und Wien im Jahre 1683" S. 138. 
») „Beiträge" S. 125 u. f. - ^ 



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BajcLsB^ wobei LBtaterer ro» Bi«ohof:jSi»dlf J»ntetj6tütetj^rurde.,;:Meliea 
jedoch biß zum EftJtsatae voa: WieAi ^au. Kuora aluvor b^wbtc^e der 
{hmziteisehe Gesandtä Seberalle;. ),J^ Jj'^ire^f et iL de Bfdefi, .a^s^i 
stiUiraiits: Tun qne F^tlne t dana ki Aietifff; del .la gu^r^ per$6cut0nt 
teUenkiit Mv 4e LoEraine-f quU eai ßurt le^-poini' (feittfiuttef^ «^t d^r se 
retirer äu : Tirol/ ') - .: i: 

Wal! söbos aif fogfnne diäib Jala;«»^ 1683 dift'Foti^iusnotli dD8 
Kataets eine höchst (irückende,. 90 efteigeite . sitfi tdieieO^e.Qfunin^ht 
dapch. den aU96erordeid;)ich v^gr(tese]^teii Krij^gEftUf^and^ darck^die 
Gesandtschaftsbosten und endlioh durch fden Umstand^ dass.fiir die> ATer- 
]^öegttTig : de» HHfstcupf eu nind ihreir zabltmtii^ia ; Stäbe > Vwiorge , ge- 
troffen werden musste. . . ' I 

Während Kaiser Leopold J. tioA Jaine ans sith nmh Pas sau. 
verfügte, eilte der Nuntius Buonvisi nach Braun au. V9n Mattig- 
hofen aus, ddo. 18. Juli 1683, berichtete ^r narfc Rom über die Lage 
des. K£|iser$. ^r betonte, dass <Jer Hof ,ka^nir sq yiel Geld besitzen 
dürfte, um zu^ leben^ er hob l^ervor, dass ohne einer grossen Aushilfe, 
der Christenheit die grösste Gefahr drohe, und beantragte, dass man 
den in der Ehgel^urg aufbewahrten Schatz zur Hilfe heranziehen 
iQöge. Von Braunau aus, ddo. 2 1 . Juli 1683, erstattete er nach Rom 
einen neuen Beri.cht. Er meldete' dass die Kurfürsten von Sachsen 
und Brandenburg ihre Hilfe angetragea, „mä con condizione durissime, 
e particolarmente in pregiudizio della religione.^ Würde man nicht 
ausgiebig dem Kaiser zu Hilfe kommen, so bestehe die Gefahr, dass 
auf der einen Seite die Türken, auf der andern die Heräsie triumphiren. 
Er habe dem Kaiser den Antrag gestellt, das Kirchensilber, nament- 
lich aber den Schatz der Wallfahrtskirche zu Maria-Zeil zur tJm- 
münzung in Geld zu verv^enden. ^) 

Aus Braunau ddo. 25. Juli richtete der Nuntius an den Kaiser 

das nachfolgende Schreiben: \ ' 

'• * ■ -.-^ • -; \' 1 - • ^/-. '. 

^ ^ &aci*a Oeiuvea^Beal Ma^fesifil! ■ . .*' 

\^ Qua) sia la mM afifü^hane per tk «luBgxafeie mltimayi*^ QOOQr«^» 
är Y. M. Ctfarea, non hb^ «Höre cilie b&sti -pBr efi^icajrK i^ipotoadö» 



*) „La nouvelle Revae" 1. c. 8. 758. Die Phrase „der Eine wie der 
Äft4*re fleiÄh gCFehrt ffn'K"ffeg'8fiand*^rk;'-1äife^'8i«h VoftI rrlir iäs eine boshafto 
Ir:inie anffaßÄen: ' ^ - . - ^^ • . .^ :> .^^ n • .-.. t 

*) Saotr l. c. S. 136 u. f. r > • : . 



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58 

assai meglio la M. V. imagimrselo, mentr« Sk FiBfinito mio osseqtito, 
e la mia riverente depend«nza dalla Sua Gesa^ea Petsona. Vorm che 
il flik) Sangue baalasse per i^paiiare ä tanti mali et intando offorisco 
k V. M. tntto qtidlo, cbe p«K>l 4epeindere dnlV opera laia, et banrendo 
la Mta Vra hami» la hotik di riceorcare i miei offisii i^resso Monfdg. 
Arcivescovo di Salzborgo per Fimprestito di cento niüa Tallari^ hb 
subito scritto in conformitä. di quello, che V. M. vedrä dalla Gopia 
havendo aggnuita la . Skuresza de Pegni Sacri, percM la Rata della 
Taeea dtlli 500/M. fiorini nim puc^ importar tanto; Non mi dilkmdo 
maggionnente in significare a Y. M. la mia pronta obedienoa^ perche 
la vedrä dal falto, e Tndirä dalla relasione del SecietariO) che mi hä. 
spaditOy e'mentre mi preparo per ess^r frä* pochi giorm all' attoiil 
servizio di Y. M., le prego da Dio tntti i pin fehd Sttoeessi, ehe 
merita, et homilm^ e profondam^ me l'incfaitto. 

Braunau, 25. liiiglio 1683. 

Della Sac. Ges » Real M. Y. Hum"« Revd^"*> et Obbl"»^ Set'^« 

Francesco Card. Buonvisi 
Nnntio Apostolico. *) 

Gardinal Buonvisi hatte von Braunau aus ddo. 26. Juli 1683 
an den Erzbischof von Olmütz bekannt gegeben: Er (der Nuntius) 
habe ein päpstliches Breve in Händen, * welches ihn ermächtiget eine 
(Tmlage von 1% auf alle geistlichen Güter in den Ländern des 
Kaisers ohne Ausnahme und einschliessig der Besitzungen der Jesuiten, 
des Maltheser- und deutschen Ordens zu machen. Durch ein zweites 
Breve sei er ermächtigt 500/M. Gulden auf alle Kirchenbesitzungen 
in den kaiserl. Ländern umzulegen. Weil bis zur gerechten Repar- 
tition zu viele Zeit verfliessen würde und Wien mittlerweile verloren 
gehen könnte, so habe vorläufig eine Anticipation zu erfolgen, wovon 
auf das Bisthum Olmütz 20/ M. Thaler entfallen. Der Bischof wird 
ermächtigt, aus dem Kirchen • das entbehrliehe Silber und andere 
Gegenstände wl verpfiiiideii, um tfauBiiciist raaek diese Aflticipatiön 
eiüotibringeH. Am demselben Tage ergingen ähnliche Sehreiben an 



K. k. H. K. A^ Fae. 14.632. Das yorstehende Schreiben verdient ^ea 
Platz in der höohit lohäizenswerthen Pablication von Sauer: „Rom and Wien 
jm Jahr« 1688." . \,. 



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59 

die Erzbwchöfe von Salabiorg wegwi 100/M., und von Prag wegen 
50/M. Thalern/) 

An den Erzbischof von Salzburg, Maximiliaä öähdolph 
Graf von Khuenburg, hatte sich der Kaiser mit einem „Hand- 
brieflein" um ein Darlehen von 100 ^M. Gulden gewendet, dieser hatte 
jedoch mit der Antwort ddo. Salzburg, 29. Juli 1683 einfach abge- 
lehnt^) 

Auch dem Nuntius gegenüber hatte der Erzbischof dte Vei?- 
pfändung der Kircb^n&ehiUze vevwciig^« Cardinal B^iosiviai riobteie 
nunmehr ddo. Braunau, 3L Juli 1683, ein neuerliches »ehr eingebeaä- 
des Schreiben an den Erzbischof, in welchem er zueüefast sdin Mis^^ 
fallen ausspricht, das dieser für die Anleihe von 100/M^ Thalern di^ 
Yerpflindung der Kirchenschätze verwei,gerte. Der Nuntius betont^^ 
dass er weit entfernt sei die erzbischöflidüe mensa zu belaaten^ er 
verlange im Sinne des päpstlichen breve lediglich die YerpfliiKhiBg 
der Kirchengeräthe, wobei er namentlich ckn 3chatz der Wt^lfahris- 
kirche Mariazeil hervorhob^ und drohte schlie^eiich, daas er bei fecneyer 
Weigerung die Einschätzung durch kaiserl, Commisaäire werde V4>r* 
nehmen lassen („sarai forzato di commetteripi^ la cura ^ 1 commiS" 
sarii laici di S. M*% quando V. S. Dl"* rieusasse di addossarßi 
questo peso.") Nachdem die Repaxtition der vom Papst genehwdgten 
Umlage von 1% auf die in den Ländern des. Kaisers befindlichen 
Kirchengüter viele Zeit in Auspnijch nimmt, die NothJage je4pch eine 
grosse ist, so erwarte er, da die Kirdtönsohätze für die Aiitoihe v<m 
lOO/M. Thalern eine genügende Siqherheit bieten^, der Exzbischpf werd^ 
diese Summe alsbald einliefern, ,^E non solo pi^e ä me imposaihüe, 
mä lo parerä ancora ä S. S**, che un Arcivescovato «psi ricco, et una 
cittä cosi mercantile, comme h Salzburgo, non habbia potuto s,oi3|imini- 
strare in presto una somma cosi tenue."^) Wir sehen wie schwer 
der Erzbischof von Salzburg zu einer Geldhilfe zu bewegen war, ob- 
wohl der Nuntius darauf hingewiesen hatte, dass die Vertheidigujig 
des Christenthums dieses Opfer dringend fordert und der Erzbi«chof 
durch die Unterstützung des Kaisers, seine eigene Diöcese vor den 
Feinden sichert. 



») K. k. H. K. A, Fase. 14.632. 
*) Daselbst. Fase. 13.864. 
•) Sauer 1. c. S. 21. 



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60 

Mit dem Schreiben vom 3. Augast 1683 gab der Erzbischof dem 
Nuntius die Erklärung, dass er sich bemühen werde, die Aukihe von 
100/ M. Thalern mit aller Beschleunigung aufzubringen/) 

Der Aufforderung, welche der Cardinal Buonvisi ddo. Braunau, 
26. Juli 1682, an den Bischof von Olmfitz, Karl Grafvon Lichte n- 
stein-Castelcorn, in Angelegenheit einer Anticipation von 20/'M. 
Reichsthalern gerichtet hatte, folgte schon ddo. Passau 27. Juli 1683, 
ein kaiserl. Erlass mit der Weisung, diesen Betrag dem (jrafen 
Breinner auszufolgen, „zur nothhilf vnd beförderung des Succui^, der 
belagerten Statt Wienn.«-) Erst mit dem Schreiben, ddo. Schloss 
Miraü 28. October 1683, somit, trotzdem unterm 4. September ein 
Mahnschreiben erging, erst nach Verlauf von drei Monaten, meldete 
der Bischof, dass er von den päpstlich angeordneten Beiträgen von 
20/M. Reichsthalern nunmehr 20/M. GuMen beisammen habe, die in 
Ohiiütz erhoben werden können. Unterm 2. Novembsr dankt der Hof- 
kammer-Präsident und bittet, den Rest der üinläge pr. 10.000 11. 
baldigst einzubringen. Diese Aufforderung beantwortete der Bischof, 
ddo. Schloss Mirau 15. November, mit dem Ersuchen, da die 20'M. 
Gulden erlegt sind, man nunmehr seinen Clerus mit weitern Bei- 
trägen verschonen möge, indem derselbe „kein überfliessige mittel 
hat, hingegen aber in Oesterreich, Steiermark und andern Kays. Landen, 
sich dergleichen vermögende Klöster befinden, dass Eines so Viel alss 
obgedacht gesambte Geistlichkeit diesess Landes vermag. * Di« Ant-^' 
Wort erfolgte ddo. Linz, 12. Deeember 1683, mit der Ablehnung des 
Ansuchens, „weil an der starken armatur, vnd den dazu gehörigen 
Mittel, die Oonservation der Christenheit, vor so grosser Potenz des 
Erbfeindts gelegen ist.«») 

Schon ddo. Wien, 15. April 1683, erfloss wegen Gewährung eines 
Darlehens von 148/M. Gulden, ein kaiserl. Erlass an den Erzbischof 
von Prag, Johann Friedrich Graf "von Waldstein.*) Der- 
selbe" stellte, nachdem zuvor die päpstliche Zustimmung eingelangt 
war,*) ddo. 8 Mai 1683, den Antrag zum Verkaufe des Dotations- 

•) Sauer 1. c. S. 27. 

«) K. k. H. K. A.. Fase. 16.047. 

•) Daselbst. Fase. 16.048. 

Daselbst. Fase. 16.046. 

») Sauer 1. «. S. 125. ^ • 



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m 

gutes Janowizin der Art, daes der erzielte Kaufischilling geg^n 5^„ 
Verzinsung als Darlehen an die Hofkammer gelangen sollte. Mit der 
Durchführung des Verkaufes wurde der oberste Lehenrichter in Böhmeh, 
Johann Joachim Graf Slavata, als kaiserl. Ckymmissär betraut, 
und das genannte Gut dem Grafen Wilhelm Albrecht Kra- 
kowsky von Kollo wrat um den Meistbot von 48/M. Gulden über- 
lassen* Die Ratification erfolgte mit der kaiserl. Resolution ddo. Wien, 
la Juni 1688. ') , ^ 

Dem Schreiben, welches der Nuntius Buonvisi ddo. Braunau 
26. Juli 1683, an den Erzbischof von Prag wegen Einbringung einer 
Anticipation von 50/M. Reichsthalem, und da derselbe AdminiUrator 
des Bisthumes Breslau war, für diese Diöcese von 30/M. Thalerh 
gerichtet hatte, folgte ddo. Passau, 29. Juli ein kaiserl. Erlass wegen 
beschleunigter Einzahlung dieser Beträge. Die Zusendung dieses Er- 
lasses fand mittelst eigener Stafette statt. ^) Schön ddo. Prag, 
4. August 1683, meldete der Erzbischof, dass er um die zum Türken- 
krieg „auf die Böheimbischen Geistliche Gütter, vnd dann auch 
Kirchen - Sdhätz angelegten Collecta'' einzubringen, ungesäumt Alles 
einleiten werde, worauf ihn ddo. Pässau, 10. August, ein „Handbriefl" 
des Kaisers nochmals „ztim schleunigen Vollzug" aufforderte. ^) 

Mit dem Schreiben ddo. Prag 18. August, entschuldigt der Erz- 
bischof, dass er die 5ü M. Thaler noch nicht eingebracht habe und 
bemerkt: es habe ihm Cardinal Buonvisi noch nicht eine authen- 
tische Abschrift des päpstlichen Breve zugeschickt, und bei der 
Repartition werden die Prälaten und andere Geistl iche 
in dasselbe Einsicht nehmen wpllen.*) Erst unterm 15. Sep- 
tember meldete der Erzbischof, es werde der Rentmeister Goll In Brunn 
20.0'JO fl. als Abschlag auf die 50;M. Thaler abstatten, wofür ihm 
ein kaiserl. Erlass ddo. Linz, 26. September, für die 2cK000 fl. dankte, 
er aber auch dringend aufgefordeprt ."wurde, den auf 50 M. Thaler noch 
fehlenden Rest, zur Unterstützung der christlichen Waffen thunlichst 
bald eiöauzahlen».*) ' -. 



>) K. k, H. fc A., jpaw. 16.048. v : 

2j paselbat. Fase. 16.047. 
■) Dasdlbst. F'asc. 1«.048. 

*) Diese etwas sonderbare' Ausflucht lässt durchaus nicht auf einen be- 
sondern Eifer des Erzbisohofes, bezüglich Einbringung dar Gelder, ^hliessen. 
«) K. k. H. K. A., Faso. 16.048. 



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62 

Es kann darüber wohl kaum ein Zweifel obwalten, dass die in 
Rede stehenden Bischöfe und ihre Kirchensprengel über genügende 
Mittel verfügten, um dem in der drückendsten Nothlage sich befin- 
denden Kaiser Leopold I. mit einem ergiebigen Geldbeitrag zu Hilfe 
kommen zu können ; — es hatte sie hiezu auch der päpstliche Nuntius, 
unter Hinweisung auf den Umstand, dass sie durch die Rettung von 
Wien ihre eigenen Diöcesen schützen und Hunderttausende von 
Christen vor Tod oder Sclaverei bewahren, eindringlichst aufgefordert, 
und dennoch Hessen dielselben Wochen, ja Monate vorübergehen, um 
schliesslich ganz ungenügende Aushilfen zu leisten. 

Die Finanznoth des Kaisers in der Mitte des Monats August 
1683 »nbelaagend, also während der Zeit, wo durch die Verprovian- 
tirung der im Anzüge begriffenen Hilfsvölker, sowie durch die Be- 
soldung und Verpflegung der kaiserl. Armee von allen Seiten die 
grössten Anfofderungen an die Hofkammer herantraten; verdient der 
Nuntiatur-Bericht, welchen Cardinal Buonvisi ddo. Passau, 18. August 
1633, nach Rom erstattete, erwähnt zu werden. Der Nuntius meldete, 
dass Montags (16. August) beim Anbruch der Nacht der Courier aus 
Rom einlangte, und dass er (Nuntims) sich beeilt habe, die vom Papst 
gesendeten neuen Subsidien, und dessen Trostschreiben unverweilt 
dem Kaiser au überreichen. Derselbe hatte sich bereits zurückgezogen, 
Hess den Cardinal jedoch alsbald vor und dankte ihm für den Eifer 
ungesäumt die vom Papste ausgesprochene lebhafte Theilnahme, begleitet 
von so grossen Werken der väterlichen Liebe bekannt zu geben. In 
Thränen ausbrechend habe der Kaiser in den wärmsten Ausdrücken 
sich geäussert, dass diese Grossmuth ihn in seinem Unglück umso- 
mehr rührt, 4» ?^ augen.blickftch nicht den Bedarf von 10 /M. Gulden 
zu decken vermöge.^) 

Vif 

Das Tagebuch über die Auslagen während der Belagerung. 

Die Belagerungs , beziehungsweise die Vertheidigungskämpfe von 
Wien, wurden nach den Hauptereigilissen in den „Beiträgen" in drei 
Abtheilungen besprochen, u. zw. beschäftigt sich Abtheilung XI, 
Seite 129 u. f. mit den Kämpfen um das GJacis und die Contrescarpen 

Sauer 1. c. S. 142. 



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63 

bis 12. August 1683; die Abtheiluni? XIII, Seite 159 u. f. mit den 
Kämpfen um das BurgBaveJin bis 3. September; und endlich Ab- 
theilung XV, Seite 180 u. f. mit den Kämpfen vom 4. September bis 
zum Entsatztage. Auf Seite 233 u. f. wurde die vom Kriegs-Zahlamts- 
Controlor Job. Mich. Eineder, ddo. Linz, 27. März 1684, verfasste 
Rechnung abgedruckt. 

Nachdem sich aus den Rechnungen sehr werthvolle Anhaltspunkte 
und Daten für d^ Beurtheilnng der Leistungen und der Thätigkeit 
einzel^iey Personen, auch über die Ausfiüirung ve^rschiedener Ver- 
theidigungs-Massregeln und AdminiBirations-VerCägungen ^geb^p, so 
soll im Nachfolgenden zuttäehat das vom Hofkammey - Rath von 
Belchamps ejngebr^hte Rechnungs-Tagebuch «einem y<>}k>n Inhalte 
nach mitgetheilt werden.') Die Vorlage erfolgte scjbum mit der Eingabe 
ddo. Wiep, 16. September 1683. In derselben erzählt Belchamps, dass 
unmittelbar vor dem Aii^ünden der Vorstädte Michael ZoUikofer zu 
ihm kain und ^n^igte, dass in seinem Garten über der Donao noch 
bei 700 Centner Kupfer und 2000 ^^Mu^sketir-Kleider** liegen Das 
Kupfer wurde «dsbald in;, das Zeughuus und m die M^nzß, die 
Montur^ an das Kriegs-Zahlamt abgegeben. Belchaii^p^ bemerkt femer, 
„es hat der Herr Bischoff Qt^S von Kollo^itzpo viel gelt vo» de© 
Erzbischoffen von Granu . und Raab viid Flirrten Schw^rze^hesrg hier 
verlas9^en Baarschaft zusammen geklaubt,, da^ man nit allein die 
in der Beilag enthaltenen, und noch andeje Au^lagan hat ' bestreiten 
können, auch noch. e^a,*. zuc kays. Di^ipoRition bat JibfBiigehen können, 
also wann diese Müttl nit g^i^cbt worden wären, oJles gliek^h anfangs 
einen gefährlichen gang g<&nombß». »l^tta^^) Djas in Rede s^^hende 
Rechnungs-Tagebuch lautet; r ; 

Verzaichniss 

Der in wehrunden Belagerung der Stadt Wien von 14 July bis 
16. Sept. beym Kriegszahlambt eingegangenen, vnd auf anschaWng 
ausgelegten geltter. » 



l^rl V. Belchamps führte während dcF Belagernng das Dif eotorium der 
hinterlassene^ Hofkammer, und waren ihm im geh. Depatirten-CoUegiom die 
Cameral' Angelegenheiten anvertraut. Vergl „Beiträge'* S. 101. 

») K. k. H. K. A., Faso. 14.682. 



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64 

' Empfang. 

Von dem ErzpischofFen von Gran vnd Raab ^ie auch fl. kr. 

Fürsten von Schwarzenberg .... ' . . 2UÖ.00Ü* — 

Item auss dem Kais. Saltambt ... 10000* — 

Au SS gab. 

Aiiff der Herrn Gehaimben Deputirten guetlbefinden, Aetn • 
Herrn Graff de Vignancottr, wellen Ei* ^ich iü Mih- 
taribus brauchen lassen, den 1 4. July angewiesen 60^ — 

Eodem dato, dem Obriöt-Proviant-Ambts-lenth. Herrn 

fiaas, Äum Extra göbäch aögeschafft ... 2.000' — 

den f8. July dem Herrn Obrist. Prv. Leut. Haass die 
Newe Bacböffen aiuf der Reutlis6hull verferttigen 
zu lassen assignirt . . . '. ... . ' ÖOO" — 

Den 19. July des Gral. VeMt-Z^ugmaysters viöidt Stadt 
Obristen Gräften von Starhmberg Adititant Herrn 
Ferdinandt von Heystemiänn pro Maiö und Juiiio, 
die Ihm gebührende 6 Mundt vnd 6 pferd pört 
angewiesen mit ..... 72* — 

Eodem dato, dem Herrn iCrral. Wachtmeiöter Graff 
^reny, was er bey den AüssftAl denen Soldaten 
gegeben, angewiesen .... . . BO"— 

Den 20. July, denen Kays. Mer b^y der Belageirung 
an\teöenden Regtem zue Fuess vnd zue Werdt, 
Artigleria, vnd Stadt Gtiardi dem EfPectiven Standt 
nach, auff der Kays. Herrn Gehaimben vnd Depu- 
tirten Räth guett Befinden auff ein halbs Monath 
Soldt bezahlt, wie volgt. 

5. Compag. Kaysser-Stain * ' . . .' . . . 2.065*30 

iStahrmberc 4.137-45 
Mansfeldt .V ... . \ .' . . '. 3966-45 
Souches ... \ . ..../.. 4.040-45 
Scherffenberg 3909-45 

5 Compag. Neuburg 2.018* 16 

7 , Beeckh 2.70330 

5. „ Heyster . . '. * ...'... 1.988'— 

3 ; 'r»' Thim, . . . ., V • ' ' . . . ; ., 1.1^9-45 
5 „ Württenberg .;:- #i . ,. - r . . ,^ Xön*— 



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65 



fl. kr. 

ganzes Reg. zu Ross Dupigni . 3.099*^ — 

Artigleria . . . . • *. . . " 926r — 

Stadt-auardi 2'409*45 

Sa. . . 34.41145" 

Den 20. July den Spitall-Commissarien Herrn Johann 
Ludwig Prenner vnd Christoph Hinterhoffer zu Be- . 
streittung der aussgaben angewiesen . . . , . 400* — 

Dem Stuckhgiesser halbe Karthaunen-Kugl zuegi^ssen 

auf Rechnung den 21. July gegeben . . . , . 500* — 

den 21. July dem Fortiiications-Bauzahlmeister Herrn 

Daniel Scholz angewiesen 4.000* — 

Den 22. July, 150 Schockh Leinwath zu Sandtsäckhen 
erkhauflFt vnd dem Zechmeister Herrn Georg Danzer 
die Bezahlung angewiesen pr 712*30 

Dess Herrn Gral. Graff Sereny Adiutanten ein Moüath 

Soldt den 22. July angewiesen pr 36* — 

Den 24. July dem Herrn Asole zu Verfertigung der 
Wollsäckh vnd andern Ausgaben auf Rechnung 
angewisen , ti)0\~-f 

Eodem dato Widumben 50 StiK^h Rupfifene^ Leinwath 

zu Wollsäck erkhaufft vnd angewiesen * . . . 75* — 

Den 25. July dem Herrn Haubtmaan von Herbeuile 
Tragoner-Regt. Herrn Heinrich Bolfour m abschlag 
seiner Verpflegung angewisen. ,.,..... 5Q:—^ 

Den 27. July dem Herrn Agatio Olischer sein ruckh- 
ständiges Quartal!, als Leuthenandt ^u Leopol^i- 
statt angewisen 42* — 

Eodem dato dem Kays. Tolmetschen Herrn Frantz 
Meninzky, in abschlag seiner Forderung auff guett 
befinden der geheimben Deputation angewiesen 200* — 

Item dem Fortifications-Bauzahlmeister Herrn Daniel 

Scholtz angewisen 4.000* — 

Den 29. July, einem Englischen* Cavalier Edy Lacy 
auff des Herrn Gral. Stadt Obristeö GraflFen von 
Stahrmberg Begehren, weillen Er die Gränadirer 
auffführt, angewisen ..... 75' — 

Den 30. July 10.100 Sandtsäckh, vnd 150 grosse Woll- 
säckh, dise zu 3, die andern zu 9 Krsr. Yerf5irtti- 



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gen zu lassen, dem Herrn Asole auf Rechnung fl. kr 

angewisen ..... . . .... 160 — 

Den 3. August dem FoFtifications-Baueahlmeister Herrn 

Scholz auff Rechnung angewiesen 6.000* — 

Eodem dato einem Jeden Regt, zu Fuess 50 Mann zu 
recrutirn 3 Thaller auf den Mann gegeben, vtid 
also den hier anwesenden Zehn Rgtrn. angewi«en 2.250"' — 

Eodem dato den Ober-Ingenieur Rimpler zu Begraben 

in abschlag seiner Forderung angewisen .... 100* — 

Den 4. Aug. dem Ingenieur Herrn Corneo zwei Monnath 

Söldt angewisen 120' — 

Den 5. Aug. dem Gral. Hauss-Zeug-Ambt zu banden 
des Herrn Christoph Anzenbacher auff Rechnung 
. Aögewisen 1.000*. — 

Den 6. Aug. dem Herrn Obrist- Wachtmeister von Knobl- 
s]fcorff, der die Zimmer-Leuth in der Contraßcarpa 
commandirt^ auff der Hn. Gehaimben vnd Deputirten 
Räth befinden angewisen . . 75* 

Den 7- Aug. dem Gondolischen hier verspürten Cornet 
Herrn Ferdinandt Mayer auff guet Befinden der 
Herrn Gehaimben angewisen 24*^ — 

Eodem dato Widumben 150 Schockh Leinwath zu 

Sandsöckhe«! Erkaufft vnd angewisen 71 2*30 

Den ö.' Aug. dem Proviant-Amts-Commissario Herrn 
Antonio TÖrtsöh zu Bezahlung der hier einge- 
spörtten 32 Proviant -Böckhen auff Rechnung an- 
gewisen 150* — 

Eodem dato dem Fortifications-Bau-Zahlmeister Herrn 

Daniel Scholtz angewisen . . 4.000" — 

Den 11. Aug. auff der Herrn Geheimben guettbefindten, 

dem Gral. Adiutanten Vernglass alss der sich bey 

der Belagerung gebrauchen last, angewisen . . 75* — 

Den 12. Aug. ^em Herrn Haubtmann Elio Kl^ün auff 

der Herrn Geheimb^n Befelch in abschlag seiner 

Forderung angewisen . 75* - 

Den 13. Aug. Ihro Exe. Jöerm Gral. Graffen Capliers 

Adiutant ein MimatsQkit asagewieaen pr. . : ♦ . 36*— 



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67 



Eodem dato der Kays. Artigleriae sambt denen Burger- A- . kr- 

liehen 29 Püxen Maistern ein halbs Mannath 

ängewüssen pr. . . . . . ....... 96645 

Den 14. August dem Staabs Parwür Herrn Johann 

Preiner das Mannath July angewisen pr. . . 126— 

Eodem dato denen Pfaidlern allhier dass Macherlohn 

10.085 Sandtsäckh angewisen pr 168* 5 

Eodem dato dem Fortiiications-Bauzahlmaister Herrn 

Daniel Scholtz angewisen 4000* — 

Den 17. August dem Herrn Winterssperger auff abschlag 

seiner Luckhen angewissen 24; — 

De^fi Herrn Obristen Johann Gierlich Kolosky auff der 

Herrn Gehaimben Befelch den 17. Aug. angewisen 12 — 

Den 1 8. August zu Bestreittung deren beym Kollbrennen 

anffgehenden Vnkosten, dem Herrn Wolff Christoph 

Haass auf Rechnung angewissen 100' — 

Eodem dato dem Herrn Frantz Hortschizki Brieff der 

Gralitet zuezubringen angewisen 200 Dugatten in 

specie. 
Den 19. August dem Rottgiesser Herrn Joachim Gross 

Handtgranatten von Mettall zu giessen in abschlag 

angewisen . . . '. • ...... 50* — 

Eodem dato denen Kays. Regtern. ein halbes Monath 

Soldt angewiaen wie volgt: 

Kaysserstain ........!... 

Stahrmberg . .... 

Mansfeldt . . '..•.. 

Souches 

Scherffenberg 

Neuburg ... ..... 

Beeck 

Heister . . ... 

Thim 

Württemberg ... 

Dupigny 

Statt-Guardy .... 

Sa.r 



ö* 



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68 

Der Kriegss Canzley auff Ihro Exe. Herrn Grffen Caplirs fl. kr. 

Befelch, weillen Sye hier verbliben, vnd täglich 
arbeithen, den 19. August angewisen . . 364* — 

Eodem dato dem fortifications Bauzahlmeister Herrn 

Daniel Scholtz angewisen 4000* — 

Eodem dato dem Gral. Stahremberg Adiutant Herrn 

V. Heystermann das Monath Juli angewisen . 30 — 

Eoäem dato dem Herrn Stephan Seradly der zu Ihro 
Durchl. Herzog v. Lottringen mit Brieff geschickht, 
von denen versprochenen 200 Dugaten Ihme 100 
in specie angewisen. 

Eodem dato dem Gral. Graff Stahrmberg-Regt., alss 
welches die Newe recrutirte 50 Mann, dem Löbl. 
N. Oe. Commissariat vorgestelt, auf dise 50 Mann 
zu 3 Thaller Jedem angewisen 225* — 

Dem Herrn Graff Vinancour die Ihme manatlich von 
Herren Geheimben verwilligte 60 Gulden den 
22. August angewisen 60* — 

Eodem dato dem Gral. Serenischen Adiutant pro Augusto 

angewisen . . . . • ^ 36* — 

Eodem dato dem Haubtmann von Herbeuil Tragoner-Rgt. 
Herrn Hainrich Bolfour auff der Herren Gehaimben 
Befelch ein Monathsoldt angewisen pr 63* — 

Eodem dato dem Herrn Gral. Wachtmaister Graff 
Sereny auff Ihro Exe. Herrn Gral. Graffen Caplirs 
Befelch ein Monath Soldt angewisen pr. . . 300* — > 

Den 24. August denen Spittall Commissarien Herrn 
Johann Ludwig Prenner vnd Herr Christoph Hinter- 
' hoffer auff Rechnung angewisen 1000 • — 

Eodem dato alss der Herr Stephan Seradly von der 
Armee zurückhkhomen Ihme 100 Dugatten in Specie 
angewisen. 

Eodem dato dem Fortifications Bauzahlmaister Herrn 

Daniel Scholtz angewisen ... 40(j0.— 

Eodem dato dem Kays. Ingenieur Herrn Reiner ein 

Mannath Soldt angewisen pr . 60 — 

Den 25. August dem Gral. Graff v. Thaun Adiutanten, 
Herrn Bernhardt Sartory ein Mannath Sold an- 
gewisen pr. . . ......... 36' — 



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69 

Eodem dato des Veldt Apotekhers Herrn Daniel Müllers fl. kr. 

Erben in Abschlag der für die krankhen vnd 

Blessirten hergegebenen artzney angewisen . . , , 1500* — 

Eodem dato dem Kays. Musico Hetrn Alexandro Contili 

in abschlag seines Quartalls angewisen . . . . 50* — 

Den 26. August dem Gral. Hauss. Zeugambt zu Händen 

des Herrn Christoph Anzenbacher angewisen . . 2000* — 

Den 27. August dem Herrn Georg Michaelowiz Brieff 

zu der Armee zu tragen vor seiner Abraise 100 

Dugatten in specie angewisen. 
Eodem dato abermahl zu Verförttigung 5000 Sand- 

säck 75 Schokh Leinwath Erkhaufft, vnd den Zöch- 

maister Herrn Georg Danzer angewisen . . 35615 

Den 28. August 1580 Kozen für die Kränkhe vnd 

Blessirte Soldatten bestelt vnd angewisen . 1198*54 

Den 30. August dem fortifications Bau-Zahlmeister Herrn 

Daniel Scholtz angewisen . 4000* — 

Eodem dato denen 9 Apotekheru zu Wienn zu ßay- 

schafPung aller Medicamenten angewisen .... 2250' — 

Eodem dato den Spitall Commissario Herrn Johann 

Ludwig Prenner Victualien für die Krankhen zu 

kauffen angewisen . . . , 500' — 

Den 31. August dem Herrn Rittmaister Fabris in 

abschlag seiner Forderung angewisen ... 100 — 

Eodem dato dem Gral. Hauss-Zeugambt zu banden des 

Herrn Anzenbacher angewisen 2000 — 

Eodem dato mit den Herrn Paul Kaintz bürgl. Haffner 

1000 Granathen von gebrendten Gippss zu 20 ^. 

zu verförttigen, auff abschlag angewisen . . . 100* — 

Den 1. September der Kays. Artiglerie ein halbs Mannath 

angewisen pr. . . 966 45 

Eodem dato dem Herrn Georgio Michaelowiz wie Er von 

der Kays. Armada mit schreiben zurück khomen, 

die andere Ihm versprochene 100 Dugaten in 

Specie angewisen. 
Eodem dato dem Spittall-Commissario Herrn Johann 

Christoph Hinterhoffer Victualien beyzuschaffen 

angewisen ........ 500* — 



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70 

Den 2. September Ibro Exe. dess Herrn Gral. Graff fl. kr. 

Capliers Adiutant pro Augusto angewisen . ... 36- — 

Eodem dato dem Herrn Georg Michaelowiz Hrieff zu 
der Kays. Armee zu trageij 200 Dugatten in Specie 
voran anweisen müessen. 

Den 3. September denen Strasoldischen hier anwesen- 
den Soldatten angewisen ... •...., 172*30 

Eodem dato dem Gral-Wachtmaister GrafP vpn Tbaun 

ain Mannathsoldt angewisen pr , 300" — 

Eodem dato seinem Adiutanten angewisen ..... 3(i* — 

Item dem Kays. Tollmetschen Herrn Marinzki an- 
gewisen . . . . 200' — 

Den 4. September den Spitall-Commissario Herrn Prenner 
zu ErkhaufPung 1 7 Vjigarische Oxen für die Krankhe 
vndt Blessirte Soldatten angewisen 800' — 

Eodem dato dem Gral. Adiutant Herrn Hoffmann ein 

Mannathsoldt angewisen pr 126' — 

Den 4. September dem fortifications Bauzahlmaister 

angewisen . 4000* — 

Eodem dato 180 Stückh Leinwath zu sandt ynd woUsäckh 

erkhaufft vnd dem Herrn Danzer angewisen . 427*30 

Eodem dato ^dem Kays. Hoff Cammer Cancellisten Herrn 
Asole zu Bestreittung der aufi eintrettung, ab- 
wegung der WoUsäkh nothwendig Aussgab an- 
gewisen .... 50* — 

Eodem dato dem Herrn Stephan Seradly BriefP zu der 
Armee zutragen 120 Dugatten in Specie angewisen. 

Abermahl 150 Stück Leinwath zu sandtsäckhen er- 
^aufPt, und dem Herrn Danzer den 5- September 
angewisen 35615 

Ihro Exe. Gral. Graffen von Stahrmberg Adiutanten 
Herrn Johann Ehrnfridt Burger den 6. September 
die gebühr pro Augusto angewisen mit . . 36- — 

Den 6. September dem Proviant - Amts - Commiss^rio 
Herrn Antonio Törtsch 150 Gulden zu Bezahlung 
der Proviant-Böckchen aufp Rechnung angewisen 150* — 

Eodem dato dem Kays. Musico vnd Jäger Herrn Ale- 
xandro Contily mit Vorwissen der Hrn. Geheimben 
vnd Deputirten angewisen*. . . . • . . . 5Ö* — 



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sTl 



Eodem dato deaen Kays, ßßgt» 
angewisen wie Voigt 
Compag. Kayser Staia 
^ Stahrmberg 

„ Mansfeldt 

,) Suches . . 
„ ScherfPenberg 

„ Neuburg 

y, Beeckh 

^ Heyster . ,, 

Thim . . 
» Wüftbemberg 

üupigny . . 



ein hallpie» Mamiftth 



5 

10 
10 
10 
10 

5 

7 

8 

3 

ä 

10 

Sa,r 
Den 7. September dem Kays. Ingenieur Herrn Wisemann 
auff der Kays. Herrn Geheimben Bewilligung an- 

' gewiesen . . , * 

Eodem dato 50 Flinten für die den feindlichen Sturm 
aiisshaltende Mannschaft erkhaufft tnd dem Herrn 
Pentzen angewiesen 

Den 8. September dass Macherlohn von 10.086 sandt, 
vnd 276 Wollsäckh, die Erste zu 1, die andern 

zu 2 kr. dem Herrn Asole angewisen 

Den 9. September dem Herrn Edy Lacy der die Gränadirer 

anfuhrt auff der Herrn Gehaimben Bewilligung 

angewisen . 

Eodem dato dem Kays. Hoff-Cammer Diener Herrn Wolff 

Haas, zur Bestreittung des Kollbrennen Vnkosten 

angewisen 

Den 10. September dem fortifications-BauzahJmeister 

abermahl angewiseji ..... .... 

Eodem dato, dem Gral. Hauss-Zeugamt zu Händen des 

Herrn Christoph Anzenbaober angewisen . 
Dem Herrn Gral. Auditor zwey Monathsoldt . . 

Dem Obrist Rembling . . 

Dem Baron von Kilmanssegg 

Dem Schlosser ein Handtmüll und halb Karthaunep 

Modi bezahlt 



fti kr. 

1920--P / 

366515 

345226 

371915 

347530 

1653-45 

236315 

: 1896^45 
1091-15 
168715. ; 
3108 — . 

28.032-30 , 



; 300-^ 

212-30 

17718 
37-30 

äo-- 

40QO-— , 

1000,— . 
294 — 
150-— 
150-— 

^ 70- 



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72 



Dem Herrn Obrist Leuthenant van Hochen verm5g fl. kr. 

Capitulation zahlt 512* — 

Vieh für die Blessirten zu khauffen dem Herrn Prenner 

geben 1000 — 

Der Statt Guardy zahlt 262045 



SumiÄa: 171.00017 
Wienn den 16. Sept. J683. 
' Belchamps. 

Die „Defensiv-Materialien" anbelangend verdient zunächst die 
Beistellung von Woll- und Sandsäcken eine Beachtung. Vom 22. Juli 
beginnend werden wiederholt, u. z. bis 8. September nicht unbe- 
deutende Beträge für die Beischaffung dieser Requisiten verrechnet, 
und wurden im Ganzen 426 Wollsäcke und 35.27 1 Sand sacke bei- 
gestellt. In dem Verzeichnis, welches der Stadtcommandant Graf 
Starhemberg schon im September 1082 über die „desiderirt werdenden 
Defensiv-Materialien" vorlegte, werden im Punkt 10 verlangt „100 
grosse Woll-Säkh, 6 bis 8 Fuess in Diametro und 10 bis 12 fuess 
lang vmb selbige vor die Mauern zu hangen, allwo der 
Feindt anfang Brech zu schües sen.'"; Wollsäcke kamen that- 
sächlich zum Schutze der Festungsmauern gegen das feindliche Ge- 
fechützfeuer in Anwendung. In einer Eingabe an den Kaiser, ddo 
2. Sept. 1684, sagt der Hofkammer-Canzellist Georg Asole, dass 
er während der Belagerung 35.000 Sandsäcke und „383 Zentner 
höchstnöthiger Schafwolle beigeschafft, die allein auf denen zwey. 
gefährlichsten alss Purgg- und Lebl-Pasteyen verwendet worden."-) 

Aus der Rechnung gewinnen wir auch Anhaltspunkte um die 
vielseitige Thätigkeit der beiden Spital-Commissäre Hanns Christoff 
Hinter hoff er und Ludwig Brenner, welche der Stadtrath am 
19. Juli dem Grafen Kollonitsch an die Seite gegeben hatte, beur- 
theilen zu können. Schon am nächstfolgenden Tage wurden ihnen zur 
Bestreitung der Spital-Auslagen 400 fl. ausbezahlt. Der letzte Vor- 
schuss während der Belagerung erfolgte mit 1000 fl. am 10. Sept. 
Im Ganzen bezogen sie, mit Ausschluss der an die Apotheker ent- 



») „Beiträge S. 33. 

2) K. k. H. K. A., Fase. J 4.638. Dass Graf Starhemberg vor die Festiings- 
mauern Karren, Leitern, Kader, Rinderhäute und Wollsäcke hängen Hess, wird 
auch in „La nouvelle Revue," 1. c. S. 754, mitgetheilt. 



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73 

fallenden Beträge, 5398 fl. 54 kr.^) Aus der Detail- VerwenduÄg dieees 
erheblichen Betrages, welchen sie zu verrechnen und au vertreten 
hatten, lässt sich auf die höchst verdienstvollen Leistungen der beiden 
Spital -Commissäre schliessen. 

Unter den während der Belagerung in der Stadt anwesenden 
Personen befand sich auch der bisher wenig genannte kaiserl. Rath, 
Dolmetsch der Orient. Sprachen und Ritter des heil. Grabes, Franz 
de Mesguien-Meninsky. Er bezog in Wien den Betrag von 400 fl. 
und wurde ihm in Folge kaiserl. Resol. ddo. Linz, 14. April 1684, 
der Rückstand pr. 890 fl. ausbezahlt.-) 

Eine Persönlichkeit, welche soweit mir bekannt, bisher nicht 
erwähnt wurde, ist der „Englische Ca valier Edy Lacy," dem am 
29. Juli ,.auff des Stadt-Obristen Graffen von Starhemberg Begehren, 
weillen Er die Gränadierer auflFführt," 75 fl. angewiesen wurden. Er 
bezog noch am 9. September, weil er „die Gränadierer anführt auff 
der Herrn Geheimben Bewilligung" 37 fl. 30 kr. Es wäre von 
Literesse nachzuforschen, ob dieser Lacy ein Vorfahre des spätem 
kaiserl. Feldmarschalls Lascy war? 

In der Rechnung, welche der Controlor Eineder, ddo. Linz 
27. März 1684, vorlegte, findet sich der Betrag von 2760 fl. in 
Gold in Ausgabe gestellt, „zur verdienten recompens dreyer Ratzen, 
welche von der Kays. Generalität zu 4 mahlen mit höchst noth- 
wendiger Comunication auss der Statt nach der Kays. Armada ge- 
schickht worden.''^) Eine Vergleichung dieser Rechnungspost mit den 
einschlägigen Ansätzen, welche sich im T^igebuch des Hofkammer- 
Rathes von Belchamps vorfinden, . lässt mehrere beachtenswerthe 
Momente erkennen. Kolschitzky kehrte am 17. August von seiner 
Sendung an den Herzog von Lothringen zurück. Wie aus dem eben 
erwähnten Tagebuch zu entnehmen ist, wurden demselben am 18. Aug. 
200 Ducaten in specie angewiesen. Die zweite Sendung an den Herzog 
übernahm nicht Georg Michaelowitz, sondern „Herr Stephan 
Seradly** dem am 19. Aug. 100, und da er am 23. Aug. in die 
Stadt zurückkam, am 24. August abermals 100 Ducaten in specie 
ausbezahlt wurden. Man hatte ihm für das Unternehmen 200 Ducaten 



*) Welche überspannte Apotheker -Rechnungen vorgelegt wurden, vergl. 
„Beiträge" S. 148. 

«) K. k. H. K. A., Fftse. 14.634. 
») „Beiträge" S. 234. 



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74 

verspiocken* Wir haben. an Ser^dly somit den zweiten „ßätzen," 
der Brkfe an dea. HÄrzQg bip/ihte. Erst der dritte Bote istMichaelo- 
wHz. Ihm wurdß am 1^7. August, um j^Brieff zu der Armee zu tragen 
vor seiner Abraiss 100 Dugatten in specie angewiesen '^ . Er 
kehrte, am 31. August in die Stadt zurück und erhielt am 1. Sept. 
„die, andere Ihm versprochene 100 Dugaten in Specie angewiesen." 
Es war dieses die dritte Sendung an den Herzog. 

Zum 2. September trägt Belchamps in sein Rechnungs-Tagebuch 
ein jjdem* Hjcrrn Georg Michaelowiz BrieflF zu der Kays. Armee zu 
tragen 200 Dugatten in Specie voran anweisen müssen.** 
Während Kolschitzky die versprochenen 200 Ducaten erst bei der 
Rückkunft in die Stadt ausbezahlt erhielt, und bei den nächst- 
folgenden zwei Botengängen, 100 Ducaten bei der Abreise, und 100 
Ducaten bei der Rückkunft verabfolgt wurden, erhielt Michaelowitz 
bei seinem zweiten Gange schon bei der Abreise 200 Ducaten 
ausbezahlt Belchamps bemerkt hiezu, er habe dieselben „voran an- 
weisen müssen.". Es ist somit der Schluss gestattet, dass Michaelo- 
witz diesmal gar nicht mehr die Absicht hatte, in die Stadt zul-uck 
zu kehren. Möglich, dass er diese Sendung auch nur unter dieser Be- 
dingung übernommen hatte. Es war dieses die vierte durch „Ratzen" 
ausgeführte und gelungene „ Communication aus der Statt nach 
der Kays. Armada." 

Zum 4. September hatte Belchamps in seinem Tagebuche ein- 
getragen : „ dem Herrn Stephan Seradly Brieff zu der Armee « au 
tragen 120 Dugatten in Specie angewiesen.* Ich mache jetzt 
schon auf diese Sendung aufmerksam, dehn ich werde 
später auf dieselbe zurückkommen. 

Für die nachgewiesenen Botengänge hatte Belchamps zusammen 
920 Ducaten in specie auszahlen lassen. Da der Ducaten damah mit 
3 Gulden berechnet wurde, so ergeben sich daraus jene 2760 fl. in ' 
Gold, welche Eineder in Ausgabe gestellt hatte.*) 

Die während der Belagerung in der Stadt anwesenden Ingeni«uxe 
anbelangend, wurde schon auf Seite 33 u. 1 nachgewiesen, dass nach 
dem Tode des Ober-Ingenieurs Georg Rimpler, Johannivan 
Hohen an seine Stelle trat und wurden dort auch die übrigen in 



') „Beiträge" S. 234. Im „Kriegsjahr 1683*' S. 190 wird erzählt, dass 
„thatsächlich nur Kolschitzky mit dem ausgesetzten Preise von 100 Duoirten 
belohnt wurde." Diese Angabe erscheint durch daö Vorhergehende berichtiget. 



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-555 

Wien in Verwöndung gestitnclefien Ingenieure naÄihaft genmcht. Wie 
an» dem Oeldtagebuche de» Hofkammer*Rathes Belchamps ku ent- 
nehmen Ist, wurden von ihm «ur Auszahlung angewiesen u. z. am 
3. August i, Herrn Bimpler zu begraben" ICO fl.» den 4. August 
an Coüneo zwei Mooaatsold 120 fl., den 24. August dem JkaiserL In- 
geniear Beiner 60 fl., den 7» September dem kaieerl. Lagenieur Wiße- 
mann (richtig JNuissjement) 800 fl. und endlich am: 10. September 
dem Obrist-Lieutjenant van Hohen 512 fl-' Es darf daher beftemden, 
dass im ^Kriegsjahr lUi83" die Leistungen derselben, namentlich der 
in, den* Acten des HofkriegsHathes beöonders belobten Ingenievufe van 
Hohen und Nuissement, sowie von Corneo und Reiner . gan^ ü<ber- 
gangQn werden, dem entgegen jedoch Anguisola und Suttinger auf- 
geführt erscheinifwi, ') da doch bezüglieh des Krstemv der im Jahre 
1G83 wenig über dreissig Jahre alt gewesen sein kann^ die Anwesen- 
heit in Wien während der Belagerung actenfeicher noch nicht nach- 
gewiesen ist, und Suttinger erst im December 1683 itt kaiserU Kriegs- 
di^nst^e aufgenommen wurde. Ajehtiüche Bedenken bestehen bezüglich 
des Ingenieurs Bartholomäus Cammuocio, über den mir nicht. d?is 
geringste verlässliche Acteüstück bekanat i^t, aus dem sich auf seine 
Bötheiligung bei der V^rtheidigung unseuer Stadt sdUiessen liesscw ^) 

Aus dem Rechnungstagebtiche des Hofkammerrathes Bekhamps, 
waches uns überhaupt mit den .Leistungen verschiedener, bisher willig 
genannter Personen bekannt macht, werden wir auch auf den Obrist- 
Wachtmeister von Knoblstorff aufmerksam gemacht, welcher die 
Zimmerleute in den Oontrescarpen commandirte, und für diese Dienst- 
leisttifag am 6. August 75 fl. bezog. 

t)a di^ Sorge bestand, es könne im Falle einer längerri Dauer 
der Belagerung, an " H a n d g r a n k t e n ein • Manget eintreien, wurde 
die Anfertigung von Metall granaten dem Rothgiesser Joachim Gross 
übertragen. Es wurde ihm am 19. August auf „ Abschlag *♦ der Be- 
trag von 50 fl. angewiesen.») Auf Seite 263, „Kriegsjahr 1683^ 
wird die Munition aufgezählt, welche in der Stadt während der Be- 
lagerung verwendet worden ist, und wird gesagt dass 8052 eiserne 
und gläserne Häudgaranaten an die Vertheidiger abgegeben und ver- 

') „Kriegsjahr 1^83'' S. 145.' 
^) „Kriegsjahr 1683" S. 163, v. Renner 1. c. S. 097. 
' ^> Die „rnv^trtion" dfcs Grafen Volkra schont keinen prÄkti«6hen Werth 
gehabt zu haben. ,. 



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76 

braucht wurden.') Bei Yälkeren findet sich die Zahl der verwendeten 
eisernen und gläsernen Handgranaten mit 80.502 Stücken angegeben.^) 

Der Kupfer-Administrator Johann Ludwig Mittermayr hatte mit 
dem Vertrag vom 24. März 1683 die Lieferung von 100/M. Hand- 
granaten übernommen. •*) Nachdem der Jude Samuel Oppenbeimer die 
von ihm beizubringenden 26 M. Stücke erst im Juli 1683 nach Linz 
lieferte, so gelangten durch Mittermayr nur 74 M. Handgranaten in 
das Wiener Zeughaus. Werden die in Vorrath befindlichen 8000 
Stücke *) zugezählt, so standen aus dem kaiserl. Zeughau^se 82.000 
Handgranaten zur Verfügung, von denen 80.502 Stücke zur Verwen- 
dung kamen. 

Von Interesse ist ferner, dass Granaten aus gebranntem G^ps 
angefertigt wurden, wofür dem Hafnermeister Paul Kaintz am 31. Au- 
gust für 1000 Stücke solcher Granaten zu 20 Pfunden, auf „Abschlag** 
100 fl. ausbezahlt wurden. 

Dass in der Stadt während der Belagerung auch Schiesspulver 
erzeugt wurde, steht ausser Zweifel, gross kann die Menge desselben 
jedoch nicht gewesen sein, indem für Kohlenbrennen zusammen nur 
150 fl. angewiesen wurden. Während Välkeren das verbrauchte Pulver 
mit 3187 Centner angibt, finden wir im „Kriegijahr 1683," Seite 263, 
7183 Centner angesetzt. Hier hat unverkennbar eine Versetzung der 
Ziffern stattgefunden, denn in beiden Zahlen stimmen die einzelnen 
Ziffern • überein, nur steht bei Välkeren die Ziffer 3 an Stelle der 
Tausender und 7 an Stelle der Einheiten, während im „Kriegsjahr 
1683** umgekehrt die Ziffer 7 vorn und 3 rückwärts steht. ^) Auf- 
fälliger Weise finden wir auch bei Renner, „Wien im Jahre 1683**, 
Seite 4i0, bezüglich Pulver und Handgranaten dieselben Abweichungen 
von den bei Välkeren vprkommenden Angaben wie im „Kriegsjahr 



*) Auf der erwähnten S. 263, Note 2, wird als Quelle Välkeren S. 77, 
78 u. A. citirt. Hier ist ein Irrthum unterlaufen, denn auf den S. 77 u. 78 findet 
sieh weder in der lateinischen Ausgabe vom Jahre 1683, noch in der deutschen 
vom Jahre 1684 des Välkeren ein Munitions- Verzeichnis. Dasselbe ist beiden 
Ausgaben ganz gleichlautend als Beilage angeheftet. 

*) In Folge eines offenbaren Copierfehlers blieb die zwischen den Ziffern 
5 und 2 weg. 

8) „Beiträge" S. 41 u. f., ferner die Beilage S. 363 u. f. 

*) „Beiträge" S. 266. 

') „Im Kriegsjahr 1683," S. 263, Note 2 ist ausdrüeklich Välkeren als 
Quelle oitirt. 



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77 

1688^, während doch alle übngen Ansätze über verbrauchte Kriegs- 
materialien und Munition, mit den in beiden Ausgaben von Välkeren 
vorkommenden Zahlen übereinstimmen.*) 



VIll. 

Details zur öeschichte der Bela^rung;. 

Die vorstehenden Erörterungen einzelner Daten des Belchamps- 
schen Rechnungstagebuehes könnten nach verschiedenen Richtungen 
erweitert werden, und würden sich daraus interessante Momente au^ 
der Belagerung von Wien constatiren lassen. Nachdem jedoch die 
Angriffs-, beziehungsweise Vertheidigungskämpfe in einer Zahl neuerer 
Werke eine eingehende Besprechung gefunden haben, so werde ich 
mich darauf beschränken jene Fälle zu erwähnen, wo sich in diesen 
Pablicationen Angaben finden, die mit den betreffenden Quellen nicht 
ganz im Einklänge stehen. 

In dem Schreiben, welches Graf Starhemberg am 8. August 1683 
an den Herzog von Lotiiringen richtete, bemerkt er, dass die Feinde 
besonders gegen die Häuser wüthen, namentlich gegen die kaiaerL 
Residenz, welche sie ununterbrocheti beschiessen, allein diess sei nicht 
der Weg um in die Stadt einzudringen. Wo sich der Feind mit seinen 
Batterien nähert, um die Werke anzugreifen, werden ihm vierfach 
stärkeore Geschütze als die seinen entgegengestellt, 90 wie alle Mass- 
regeln getroffen sind, ihn überall entsprechend zu bekämpfen, wo er 
vorrückt.*) Unterm 19. August bemerkt ein Bericht, es »ei ein Wunder, 
dass so viele Bomben und tausende von glühenden Kugeln, welche in 

*) „Kriegirjahr 1683" S. 19 sagt, dass eine Lieferung von !ö0.000 Centner 
Palver attsgeBohrieben wurde. Aub den Holkammer-Acten i^t 741 entnehmeiK, da»» 
im Beginne des Jahres 1683 mit Uefei*anten, darunter der Kupferadministrator 
Mittermayr, der Frankfurter Handelsmann Johann Peter von Böhm, der Heidel- 
berger Jude Samuel Oppenheimer u. A. wohl Pulverlieferungen im Umfange von 
höchstens 151 M. nicht aber 150|M. Oentner abgeschlossen wurden. „Beiträge** 
S. 42 und 263. Da der Centner Schiesspulver damals rund 27 fl. kostete, so 
würden 150|M Centner nahe 4V2 Millionen Gulden, somit nahe die gesammten 
Steaerbe willigungen aller Erbländer in Anspruch genommen haben. Es bleibt 
fraglich, ob 150|IV[. Centner Pulver im Jahre 1683 in sämmtlichen Zeughäusern 
des europäischen Oontinents in Vorrath waren. 

«) Sauer 1. c. S. 31. 



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m 

die St^dt geworfen, so gültige Erfolge haitteu. Es sei nicht beschädiget 
irgei^i. eine Brustwehre oder die Flanhen, einer Bastion^ nur einige 
Häuser haben gelitten, namentlich aber. die kaiaerl. Begidenz^ welche 
sehr zerschossen ist. Weder Geld, noch Brod, noch Wein, noch 
Munition mangeln, die Musquetiere kämpfen übermenschlich „in somma 
alli poveri soldati nulla manca fqifiphe patienza e riposo. " ) Aus den 
beiden Schreiben, welche die Grafen Starhemberg und Caplirs am 
27. August an Lothriiig^n richteten, ist zu leoatnehnwn, - ; dass damals 
die Belagerten noch Herren des Wallgrabens waren, ^) dass somit bis 
zu jenem Tage von einem Sturmangriffe der' Feinde^ auf die Löwel- 
oder auf die Burgbastei keine Rede sein konnte, wie denn auch in 
den Quellen von solchen Unternehmungen der Türken nichts ge- 
meldet wird. 

Bei der Beurtheilung der verschiedenen Momente der Kämpfe, 
ist als ausser Zweifel stehend festzuhalten: 1, Dass es den 
Türken bis zum Schlüsse der Belagerung nicht gelungen war, an 
irgend einem Punkt der von ihnen angegrifPenen Festun gsboll wer fce : 
Burgbastei, Löwelbastei, dazwischen liegend« Courtin« und • Burg- 
ravelin, durch' Gesehützfeu^r, gangbare Breschen vor^ubclreiten. 
2: Die Angriffe auf das Burgravelin wurden durch Minen eingeleitet. 
3.' An der Burgbastei erfolgte die erste grosse Minensprengüng und 
sohin der erste Sturmangriff aift 4. September. 4. Die erste Bresche- 
sprengung an der Löwelbastei fand am 6., die zweite am 8. Sept. 
statt. 5. An der Courtine erfolgte gar keine Minen Sprengung. 

' Der Laie in militär-technisehen Fragen ist umsoniehr genöthiget, 
sich strenge an die zur Verfügung stehenden Quöllen au halten. Von 
diesem Standpunkte ausgehend, möge gestattet '«ein^ hier einige E)r- 
örterungen einauÄchalten. ' 

Zum 6. August wird erzählt, dass die Türken dreimal den 
Löbel zu stürmen versuchten. ^ Schon war mit ßrd- und Sandsäcken 
der Graben überbrückt, als Mannsfeld-Infanterie von zwei S^ten in 
den Graben stieg, die Türken in die Mitte nahm und sie mit einerti 
Verluste von 200 Todten zurückschlug."^) Wenn unter „JiöbeH die 
Löwelbastei gemeint ist, so stimmt diese Angjabe mit d^n Quellen 

. f) Sauer L e. S. 4-1. 

^) v. Reaner 1. e. S. SsJO. „Beiträge'^ S. 169. „Kriegsjabr 1683" 8. 212. 

^) Die BelagewMig und Vertheidigung von Wien 1683, Vortrag gehalten 
im Militär-wissenschaftliehen Vereine zu Wien am 9. F©i»riiÄr 1883 von Paul 
Rehm. S. 27. 



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n 

nicht tiberein. Nach Suttinger*) versuchten die Tüi^ken »m 6. August 
aus der Conttescarpe vor der Löwelbastei geg«n den Guaben vorr 
zudringen, sie wurden jedoch zurückgeschlagen. In derselben Publication 
von Rehm, Seite i^9, wird ferner gesagt: „In der Nacht zum 16. August 
unternahmen die Türken abermals einen heftigen Sturm gegen den 
LÖbel und setzten sich in grosser Zahl vor diesem Werke fest/ 
Auch im „Kriegsjahr 1683" wird von einem Sturm, der am IG. Aug. 
auf die Löbel-Bastion stattfand, bei dem angeblich der Bürgerhaupt- 
mann Adam Loth fiel, gemeldet.*) Weder Suttinger. noch Välkerftn 
berichten zum 16. Aug. von einem Stuime auf die Löwelbastei. üe)>«r 
den Haut)tmann Loth sagt Suttinger, Seite 33, ausdrücklich; dass er 
auf der Burgbastei erschossen wurde. Zu benaecken kömmt, daas 
am 16. August die Türken noch nicht Herren des Wallgrabens 
waren, dass an der Löwelbastei an dem genannten Tage weder in 
Folge Geschützfeuer noch durch Minensprengung eine Bresche bestand 
und ein Sturm auf die glatten Basteiinauern denn doch ©in ,gan^ 
aussichtsloses Unternehmen gewesen wära Dasselbe kömmt über die 
Angabe zu erwähnen, dass „am 26. August, das Ranrelin, .und d^it 
Burg-Bastion -gleichzeitig gestürmt wurden."^) Quellensioher steht 
fest, dass auf die Burgbastei der erste Stuum n^h. dew 
Sprengen der Bresche am 4. \i-MJ* und auf die Löwelbastei der 
erste Sturm ebenfalls nach uv*^^ Sprengen einer Breache.. im» 
6. ^U2fust stattfand. 

„Am 4. September wurde dur(ih überladene Minen die Spitze 
des Burg-Bastions abgerissen und eine 5 Klafter breite t Bresehe 
in der nördlichen Face erzeugt. 4000 Türken mit Kara M'ustaphn 
an der Spitze, stürmten diesen Bastion und eine Bresche- in 
der Courtine, die einzige, die durch Gesciützfeuer erzeugt wurde. " *) 

„Plötzlich, um 2 ühr Nachmittags (am 4* Septembfer) spcang 
eine so gewaltige Mine an der Spitze der Burg-Bastion, dass 
die halbe Stadt erb<»bte und eine Bresche von 10 M. Breite erzeugt 
wurde.* ^) 



V) Daniel Suttinger, Belagerung der Stadt Wien, S. 29. •; 

2) „Kriegßjahr 1683 ' S. 150, Note 1. Die Angaben ülier den Tod des Haupt- 
manns Loth auf der Löwelbastei, wurde schon in den „Beiträgen" S IQl, Note 
3, richtig gestellt. 

») Rehm 1. c. S. 31. 

*) Daselbst S. 33. 

«) „Kriegsjahr 1683' S. 221. 



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80 

Die vor&teheBden beiden Angaben, dass die Spitze der Burg- 
bastei abgerissen wurde, lassen, so unbedeutend sie an sich er- 
scheinen, dennoch eine Erörterung als entsprechend erkennen. Die 
ausspringenden Spitaen der Basteien und Ravelins etc. werden als die 
schwächsten Punkte solcher Anlagen betrachtet. Sowohl das Geschütz- 
feuer als auch die Minenarbeiten sind zunächst gegen dieselben ge- 
richtet. Namentlich werden an der Spitze angebrachte Minen solchen 
Bollwerken sehr gefahrlich, weil sie den Schutt auseinanderwerfen und 
somit gut gangbare Breschen herstellen. Graf Starhemberg hatte auch 
diesem Umstände rechtzeitig seine Aufmerk9amkeit zugewendet. Hocke, 
Seite 139, bemerkt zum 22. August: „Ihro Excellenz Herr Commen- 
dant Hesse von denen Burck- und Löwel-Pasteyen die im Bürger- 
lichen Zeug-Hauss gemachte Bech-Kräntz und in ßech eingetunckte 
Schindel und anderes Brenn-Holtz bey denen Spitzen hinunter 
in die Gmben werffen, und solches täglich continuiren, damit der 
Feind, wo er gearbeitet, desto besser dess Nachts gesehen, und 
wann er an denen Spitzen miniren wolte, von dem 
Feuer und Hitze verhindert wurde. "^ Am 24. August erging 
an das städtische Unterkammeramt der Auftrag zur Beistellung von 
40 bis 50 Klafter Brennholz „jeden Tag sambt der Nacht*' bis zum 
Entsätze der Stadt, auf die genannten Basteien. ') Diese Vorkehrung 
entsprach ihrer Bestimmung vollständig, denn Välkeren erzählt zum 
2. September, dass die Feinde ihre Mine „under der Burg-Pastey am 
Fuss deroselben zur rechten Hand von der Statt beyseits der spitzen, 
alwo dass continuirliche Feur bränte" einbauten. Die am 
4. September gesprengte Bresche befand sich auch an der Face der 
Burgbastei.^) 

Von den neuen G^schichtschreibern der Türkenbelagerung 1683, 
blieb die Anordnung des Stadtcommandanten, die Spitaen der beiden 
angegrifiPenen Basteien gegen den Einbau von Minen, durch ein 
„continuirliches Feuer** zu sichern, unbeachtet. Es wurde die 
Verwendung von Pechkränzen, in Pech getauchten Schindeln u, dgl. 

Hocke 1. e. S. 144. 

*) Hocke 1. c. 174 und Satinger 1. c. S. 41, sagen an der rechten Face, 
Välkeren 1. c. S. 76, offenbar in der Stellung von Aussen gegen die Stadt, sagt: 
„Nachmittags vmb 2 Uhr theten die Türken eine Mine bei der linken Sei- 
then der Burg-Pastey mit solcher Macht und Kraft anzünden, dass die halbe 
Statt darvon erzitterte, vnd die Pasiey auf fünff Olaffter lang zerschmettert 
ward." 



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81 

lediglich als zur Beleuchtung des Grafeens -während der Nacht 
bestimmt, angenommen. Zu diesem Zwecke allein würde die grosse 
Menge von Holz u. zw. 40 bis 50 Klafter „jeden Tag sambt der 
Nacht" nicht erforderlich gewesen sein. Dass die Spitze der Burg- 
bastei nicht weggesprengt wurde, lässt sich auch aus dem Suttinger'- 
sclien Plane über die Belagerungsarbeiten der Türken entnehmen. 
Auch auf dem Plane von Camuccio und Anguissola, welcher der 
deutschen Ausgabe von Välkeren beigeheftet ist, sowie auf der ver- 
kleinerten Copie desselben, die sich bei Renner 1. c, Seite 276, vor- 
findet, endlich auf Tafel II, „Kriegsjahr 1683", können wir die gleiche 
Wahrnehmung machen. ^) 

Die Angabe anbelangend, dass von den Türken am 4. September 
di€ Burgbastei und eine Bresche in der Courtine, die einzige 
die durch Geschützfeuer erzeugt worden war, gestürmt wurde, ^) kömmt 
zu bemerken, dass in den mir bekannten Geschichtswerken über die 
Türkeabelagerung 1683, sowie in den zugehörigen Quellen, von einer 
Bresche in der Oourtine zwischen der Löwel- und der Burgbastei, 
nichts erwähnt wird, dass somit diese Angabe hier das erste Mal 
angetroffen wird. Ich erachte mit aller Bestimmtheit betonen zu 
dürfen, dass dabei ein Irrthum unterlaufen ist. Auf dem Suttinger'- 
schen Belagerungsplane ist die Bresche an der Burgbastei, es sind 
die Breschen an dem Burgravelin und an der Löwelbastei, endlich die 



„Beiträge" S. 166, 186 und 187. üeher die türkischen Laafgi'äben etc. 
sind zwei Pläne bekannt, u. zw. jener von Daniel Suttinger, der zweite von 
Bartholomäo v. Camuccio und Leander Anguissola. Beide Pläne stimmen wohl 
im Allgemeinen, im Detail jedoch nicht überein. Dass in Bezug auf grössere 
Genauigkeit dem ersteren Plane der Vorzug zuzusprechen ist, dürfte sich aus 
Folgendem ergeben. Suttinger befand aich während der Belagerung in Wien. 
Er veranlasste alsbald eine Aufnahme der Laufgräben, wobei ihm der Umstand 
sehr zu statten kam, dass er im Besitze eines Planes der Festung und. ihrer 
Umgebung war. Derselbe legte seinen neuen Plan dem Kaiser vor und der Hof- 
kriegsrath wendete sich unterm 31. Deeember 1683 an die Hofkammer um die 
Gewäbi:uhg einer Entlohnung. (Vergl. „Beiträge" S. 237, Note 3.) Suttingers 
Arbeit lässt sieh somit als der offieielle Plan bezeichnen. Anders ist es mit 
dem Plane der beiden Italiener. Ihre Anwesenheit in Wien während der Be- 
lagerung ist quellensicher nicht nachgewiesen. Da mit dem Einwerfen der Lauf- 
gräben schon am 17. September begonnen wurde, so trafen sie bei ihrer Ankunft 
in Wien einen Theil der Approchen wahrscheinlich bereits verschüttet, woraus 
sieh der Unterschied zwischen ihrer Darstellung und jener des Suttinger er- 
klären dürfte. 

*) Rehm 1. c. S. 33. ' 



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fieschädigung an dem Cavallir der Löwelbastei ersichtlich gemacht, 
die Bezeichnung einer Bresche an der Courtine fehlt gänzlich. Ein 
gleiches Bewandtnis hat es mit der Angabe, dass sich am 4. Sep- 
tember Kara Mustapha an der Spitze der Sturmcolonne befand. 
T^ei der ausserordentlichen Sorgfalt, mit welcher der Gross-Wesir für 
die Sicherheit seiner Person Vorsorge traf, lässt sich für einen der- 
artigen Heroismus nicht gut eine Erklärung finden. 

Aus den Tagen der Belagerung sind noch einige im „Kriegs- 
jahr 1683" vorkommende, nicht ganz klare Angaben zu erörtern. Auf 
Seite 214 lesen wir zum 27. August: „An der Burg -Bastion, der 
anstossenden Courtine und der schon arg beschädigten Löbel- 
Bastion begann nun der feindliche Mineur seine unheimliche Arbeit; 
diese Mine sollte den Vertheidiger seiner letzten Brustwehr berauben." 
Wenn wir mit dieser Stelle die Angabe auf Seite 219 vergleichen, 
wo gesagt wird : „Mit dem Falle dieses wichtigen und letzten Aussen- 
werkes (des Burgravelins) öffnete sich für den Feind der directe Zu- 
gang zur Courtine und es galt nur noch die beiden anstossenden 
Bastionen durch Geschätzfeuer und Minen lahmzulegen, um dann 
ungehindert die Courtine in die Luft zu sprengen und, die Breschen 
stürmend, in die nun fast wehrlose Stadt zu dringen", so kann uns 
der Widerspruch, der sich in diesen beiden Stellen findet, nicht ent- 
gehen. Während hier betont wird, dass nach dem Aufgeben des Burg- 
ravelins Seitens der Besatzung (Nacht vom 3. zum 4. September) 
nunmehr erst den Türken der directe Zugang zur Courtine geöffnet 
wurde, um dort Minen einzubauen, wird oben schon zum 27. August 
.bemerkt, dass in der anstossenden Court ine der feindliche 
Mineur seine unheimlichen Arbeiten begann. 

Einem schwer wiegenden Irrthume begegnen wir auf Seite 223 
der in Rede stehenden Monographie „das Kriegsjahr 1683." Es wird 
dort zum 5. September erzählt, dass um 6 Uhr Abends ein Sturm 
auf die Burgbastei abgeschlagen wurde, und fortgefahren: „umso 
grösser waren dafür deren (der Feinde) Fortschritte im Graben und 
schon unterminirten sie die Court ine; man fand, beim Entgegen- 
graben, eine kleine Mine, aus der man das Pulver wegnahm. Hätten 
die kaiserli<?hen Mineurs weiter geforscht, würden sie bald auf jene 
Hauptmine gestossen sein, welche nächsten Tags aufflog". 
Diese Stelle ist nahezu wortgetreu aus Camesina's „Wiens Bedrängniss 
im Jahre 1683", Seite 63, zum 5. September, entnommen. In den 



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m 

„Beiträgen" Seite 183, Note 1, wurde bereits auf den hier unter- 
laufenen Irrthum aufmerksam gemacht. Es muss offenbar statt „Cour- 
tine" Bastei u. zw. „Löwelbastei" heissen, denn an der Coür- 
tine kam es gar nicht zum Sprengen einer Mine, wohl 
aber wurde am 6. September die erste grosse Mine an der Löwel- 
basteige sprengt. 

Auf Seite 228, „Kriegsjahr 1683", lesen wir, dass die Besatzung 
beim Löbelthor Gräben machte, welche sie mit Pallisaden besetzte. 
Auch für diese Angabe scheint Camesina 1. c, Seite 68, als Quelle 
gedient zu haben. Wie sowohl aus dem Suttinger sehen Plan von 
Wien, so auch aus der dem „Kriegsjahr 1683" beigehefteten Tafel II. 
eiitnommen werden kann, führte durch die Löwelbastei kein 
Thor, es bestand somit auch nicht ein Löwelthor.^) 



IX. 

Die Polnischen Hilfstruppen. 

Durch den Vertrag vom 31. März 1683 hatte Sobieski die Ver- 
pflichtung zur Aufstellung einer Armee von 40.000 Mann übernommen 
und hatte sich dieselbe im Falle der Belagerung von Wien an dem 
Entsätze der Stadt zu betheiligen. Die Abstattung der vom Kaiser 
vertragsgemäss zu leistenden Subsidien von 200/1VI. Reichsthalern 
oder 300/M. Gulden Rhein, war schon am 7. Juni 1683 durchgeführt ^) 
Als zuerst durch den Grafen Philipp von Thurn die Aufforderung des 
Kaisers zur Leistung der vertragsgemässen Hilfe einlangte, und bald 
darauf auch der Gesandte Zierowsky diese Aufforderung erneuerte, ^) 
betrieb 'Sobieski nunmehr die Rüstungen auf das lebhafteste, allein 
die grossen Entfernungen und die Schwerfälligkeit in der Zusammen- 
ziehung der polnischen, grösstentheils im Wege des Aufgebotes ge- 



„Beiträge« S. 189. 

*) Da 1 Gulden Rhein, gleich 4 polnischen Gulden war, so betrug die 
Subvention 1200/M. Gulden polnisch Oourant, wodurch die bei Kluczyeki 
„König Johann III., im Feldzug gegen die Türken im Jahre 1683'* S. 22 vor- 
kommende Ziffer von 120/M. Gulden richtig zu stellen ist. Die Hypothekar- 
Verschreibung über Wiliczka wurde an den König, zu Krakau durch den 
Salzamtmann Eidtner zurückgestellt, worüber derselbe ddo. Tarnowitz, 26. August 
1683, an die Hofkammer berichtete. K. k. H. K. A., Fase. 16.048. 

8) „Beiträge" S. 173. 

6* 



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84 

bildeten Heere, verzögerte dieselben im hohen Grade. Den aus dem 
südlichen Polen anrückenden Truppen war Krakau als Sammelplatz 
angewiesen worden. Die königl. Familie verliess Warschau Sonntag 
den 18. Juli 1683. ') Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in dem 
reichen Wallfahrtskloster Czenstochau kam dieselbe am 29. Juli 
in Krakau an. -) Die Truppen-Aufgebote rückten hier nur sehr langsam 
ein. Unterm 10. August meldete der König an den Cardinal Bar- 
be r i n i nach Rom, ^) dass er in den nächsten Tagen aufzubrechen 
gedenke; am 18. August erstattete der Secretär Talenti an den Car- 
dinal die Anzeige, dass der König, die Königin und die königliche 
Familie, Sonntag den 15. August, den Truppen folgend, welche sich 
bisher angesammelt hatten und 13- bis 14.000 Mann betragen 
dürften, Krakau verlassen haben.'*) Die Truppen anbelangend wird 
in dem Schreiben bemerkt, dass die Lithauische Cavallerie und 4000 
Kosaken noch nicht eingetroffen waren. 

Wir haben hier die erste und unzweifelhaft verlässliche Nach- 
richt über die Stärke der polnischen Aufgebote. Anstatt mit 40.000 
Mann, wozu Sobieski durch den Vertrag vom 31. März 1683 ver- 
pflichtet war, zu deren Ausrüstung er auch vom Kaiser 300/M. Gulden 
Rhein, oder 1200/M. Gulden polnisch Oourant Subsidien erhalten 
hatte, waren es 13- bis 14.000 Mann, mit denen der König 
nach Wien aufbrach.^) 

*) Sauer 1. c. 19. Der König scheint schon damals das Obercommando 
über die gesammte Eutsatzarmee in's Auge gefasst zu haben. Am Schlüsse eines 
Schreibens vom 22. Juli, welches der Secretär Talenti au den Kardinal Bar- 
berini nach Rom richtete, sagt derselbe: dass, im Falle dem König auch das 
Oommando über die kais. Truppen überlassen würde, er Wunder wirken werde. 
Damals hatte sieh auch die Königin des Obercommandos wegen an den Kaiser 
gewendet, worüber Zierowsky ddo. 11. August angewiesen wurde, unter Hinweis 
auf den Vertrag, den Antrag der Königin abzulehnen. Vergl. „Beiträge" S. 174. 

2) Sauer I. c. S. 24. 

') Barberini war der Cardinal-Protector von Polen. 

*) Sauer 1. c. S. 38. Talenti sagte: „Tutte le truppe che fino ad hora e 
riuscito mettere assieme^ e che possono esser da 18 in 14 mila incirca coman- 
date dalli due generali del Regno, marciano poco avanti di noi alla destra, et 
alla sinistra, et la Maest4 Sua nel mezzo." 

*) Sobieski hatte auch vom Papst zur Rüstung gegen die Türken erheb- 
liche Subsidien erhalten. Als sieh diese Rüstungen verzögerten, bemeAte der 
Cardinal Buonvisi im Nuntiatur-Bericht vom 4. Juli, dass das BOndnis mit Polen 
dem Kaiser eher nachtheilig als zum Nutzen sei, indem mit den, an Sobieski 
verabfolgten Geldern in Deutschland ein starkes Heer hätte angeworben werden 
können. Sauer 1. o. S. 134. 



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■8Ä 

Von Tarnowitz aus ddo. 16. August 1683 richtete der kaiserl. 
Sakamtmann Tobias Joseph Eidtner au die Hoffcammer dafe 
nachfolgende Schreiben: 

Hochlöbliche Kays. Hoff Cammer etc. 

„Euer Excellenz vnd Gnaden berichte gehorsambist dass ich 
auf einrathen dess Kays. Abgesandten am Königl. Poblnischen Hoff 
Herrn Baron Zirowski wegen anmarchierenden Pohlnischen auxiliar 
Völcker, damit Ihro Kays. Mtt. Hey den Salz-Niederlagen kein Schaden 
zugefügt wurde, mich nacher Crackaü begeben müssen. Nun ist fast 
täglich sowohl in march Ihro Königl. Mayt, alss der Armee die Sachen 
mutirt vnd verendert worden, also dass alhir in Schlesien wegen dess 
proviants vnd andern victualien die grösste confusion entstanden, 
weillen man solches bald von einem orth in das. andere hat führen, 
grosse Vnckosten aufwenden ja die Vnterthanen ruiniren müssen, 
biss lezlich verlittenen Sonnabendt beykombende Specification dem 
Herrn Ablegaten angehendiget wurde. Wie starkh aber die Armee 
eigentlich ist, hat Ihro Mayt. der König Selbsten verbothen keine 
Specification ausszugeben, so viel ich aber bey Vornehmen gutten 
Freunden, wie auch der Herr Ablegat habe penetriren khönnen, werden 
der Pollacken gegen 16.000, der Litauer aber gegen 7000 Man sein, 
diesse sind erst an der Littauischen gränzen vnd marchiren sehr 
langsamb, thuen auch ausser dass Sie nicht brennen vnd niederhauen 
in Pöble n schon den Tartarn fast gleich, absonderlich mit den Weibs- 
bildern sehr unsauber hausen. So war auch Sonnabendts der Schluss 
von Ihro Königl. Mayt. mit deroselbigen Hofstadt sambt der Infanterie 
vnd Gavalerie, dehro march alhir über Tarnowiz nacher Troppau fort- 
zusetzen, vnd den 15*^" alss gestern würklichen aufzubrechen, der 
Vndterfeldtherr aber ist würklich mit 7000 Man nacher Billiz vnd so 
forth gegen Mähren aufgebrochen, Dannnero ich dan voran geeylet 
vnd gleich anizo alhir angelangt, lasse also gleichforth das völlige 
Kays. Salzambt aussraumen, damit Ihro Mayt. sambt dem Prinzen 
weillen in dem Städtl ganz keine gelegenheit ist, aufs wenigste mit 
Zwey Zimmern accomodirt werden khönnen u. s. w." ') 

*) K. k. H. K. A., Pasc. 16.Ö48. Dem Act liegt das nachfolgende im vor- 
stehenden Schreiben erwähnte Verzeichnis bei über den 

Königl. Hoffstatt. 
Ihre Königl. Mtt. der König Selbsten. 
Aelterer Prinz Jaeobus. 



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Auch in dem vorstehenden Bericht wird die Stärke der polni- 
schen Armee mit 16.000 Mann angegeben. Wir erfahren weiters, dass 



Herr Castellan von Lifflandt, Felkersein, Senator. 

Cron Unter Canzler herr Gninski Senator. 

Conte Malini der Königin Brueder. 

Cron Obrister Stallmeister herr Malczinski, Vertritt den Obristen Cammerer 

und muss nahe beym Könige stehen. 
Cron Hoff Schatzmeister herr Modrzeiowski. 
Königl. Beicht Vater Jesuiter P. Przeborowski 
KÖnigl. Leib-Medicus' Herr Doctor Braun. 
Herr Prälat Wizioki Cano. Regni. 
Herr Prälat Haeki. 
15 bis 18. Cammer Junker. 
2 Secretary, Pohl. Sarnowski, Welscher Talenti. 
Herr Cron Schatzschreiber Ossowski. 
• Unter Stallmeister. 
Futtermeister. 

Küchel, Keller und Stallparthey. 
Pavoi 6, Laquayen 6. 
Trompeter und Pauker 6. 
Peiken 20, Thürsteher 3, Cammerdiener 3. 
NB. Königliche Züge zu 6 pferden, etzlich tmd 20 biss 30 Züge, zugleich 

dess Prinzens mitgerechnet. 
Handpferde über 30 ohne die Keith Knechte. 

Jeder Senator hat aufs wenigste 2 Zug mit 6 pferden, ohne die Keithpferde. 
Die Hoff Junker zu 4, 5 biss 6 plerden, so in allem leicht in die 2000 

pferde ausstragen wird. 

Bei der Königl. Armee. 

Gross Feldtherr herr Jablonowski. 

General-Leuthenandt über die deutsche Völker herr Graf Dönhoff. 

General Feldtzeügmeister herr Konski. 

Herr Zamoski Woywodt zu Lublin. 

Fürst Constantin Wisniowiecki Woywodt von Pelsk. 
Officiales ßegni bey der Armee. 

Cron Truchsses herr Polanowski. 

General-Krigs Commissari Herr Czarneeki. 

Cron Wachtmeister Herr Buzinski. 

Ferner folgen der Armee. 

Woywodt von Krakau Herr Potacki. 

Herr Starosta von Sendomir- Fürst Lubomirski. Das Schreiben des Salz- 
amtmannes Eidtner, sowie das vorstehende Verzeichnis findet sich auch in den 
„Acta Joannis JH. Begis Poloniae, ad A. D. 1683", S. 260 u. f. abgedruckt. 
Da sowohl dieses Sehreiben, sowie eine grosse Zahl der in diese Publication 
aufgenommenen Correspondenzen aus dem k. k. Hofkammer-Archive stammen, 
so citire ich die „Acta Joannis III." nur in besonderen Fällen. 



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87 

es der König strenge verboten hatte, über den Truppenstand irgend 
eine Angabe zu machen, und dass der Unterfeldherr (Hieronimus 
Sieniawski, Woywode von Volhynien) am 15. August mit 7000 
Mann gegen Bielitz abzog. ^) Der König selbst, noch immer von der 
Königin begleitet, nahm den Weg nach Tarnowitz, von wo unterm 
23. August der Salzamtmann Eidtner^ an die Hofkammer meldete: 
„dass gestern umb Eylff Uhr Ihre Königl. Mt. nach dem Sie zwey 
Tag hier gestanden, sich von Ihre Mayt. der Königin beuhrlaubt, und 
Ihren march nacher Wienn forthgesetzt. " ^) Obwohl Sobieski von 
Krakau aus unterm 10. August den Cardinal Barberini und am 
15. August den Papst selbst versichert hatte, ^) dass er nichts ver- 
säumen werde um Wien zu retten, verzögerte er dennoch in auffälliger 
Weise seinen Aufbruch. Binnen der Zeit von sieben Tagen hatte er 
lediglich den Weg von Krakau nach Tarnowitz zurückgelegt, und 
befand sich an dem letztern Orte thatsächlich nur um wenige Meilen 
Wien näher, als von Krakau aus. 

Unterm 26. August meldete der Salzamtmann Eidtner an die 
Hofkammer den vollständigen Abzug der Truppen von Tarnowitz und 
bemerkte, er habe schon in Krakau beim König und den Feldherrn 
Vorkehrung getroffeu, auf dass „den Kays. Salz- Niederlagen von den 
schlimben Gästen kein schaden zugefügt werde", worauf der „General- 
Quartiermeister" beauftragt wurde, den Anträgen des Salzamtmannes 
nachzukommen, „welches denn auch Gott Lob und Dankh beschehen. 
Vor diese Behüttung aber hat der gutte Herr General-Auditor und 
Quartiermeister Einhundert Reichsthaler recompens gefordert, ich habe 
es aber letzlichen durch ainen gutten trunk Wein vnd Bier auf 32 fl. 
gebracht, hingegen sind alle Stadl und Scheuern vmb die Salz-Nieder- 
lagen herumb aufgeschlagen vnd spoliert worden." *) 

Die Reise des Königs von Polen und seines zahlreichen Stabes, 
sowie der Marsch der polnischen Armee und des sie begleitenden 

*) Das Ti-uppenkorps des Sieiiiavvski vereinigte sieh erst in Niederöster- 
reich mit der polnischen Armee. 

2) K. k. H. K. A., Fase. 16.048. 

') Sauer 1. c. S. 32 und 36. Es versteht sich von selbst dass es bei dem 
zweiten Schreiben statt Warschau, Krakau heissen muss. 

K. k. H. K. A., Fase. 16.048, 



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88 

ausserordentlich grossen Trosses ^) durch die kaiserl. Erbländer, machte 
verschiedene Verfügungen nothwendig. 

Von Breslau aus, ddo. 31.. Juli 1683, hatte der Oberhauptmann 
in Schlesien, der Deutschordens-Hochmeister Johann Kaspar von 
Ampringen gemeldet, dass in Bezug auf die Verpflegung der pol- 
nischen Armee, die dortigen Stände, selbst mit der Ausfolgung all' 
ihrer Vorräthe, nicht ausreichen werden. Der Kaiser möge genehmigen, 
dass zur Aushilfe die Troppauer Magazine beigezogen werden können. 
Ddo. Passau, 10. August, wurde die Genehmigung durch eine eigene 
Stafette an die Breslauer Kammer abgesendet. ^) Unter demselben 
Datum wurde auch die Verpflegung des Königs von Polen und seiner 
Armee durch einen eingehenden Erlass geordnet. ^) 

Der kaiserl. Gesandte Freiherr von Zierowsky war beauftragt 
den König von Polen zu begleiten. Die Schlesische Kammer wurde 
ddo. Passau, 31. Juli angewiesen, demselben den Betrag von 1000 fl. 
auszubezahlen. *) Als kaiserl. Commissär war Sobieski der Schlesi- 
sche Kammer - Präsident Graf Christoph Leopold Schaf f- 
g 1 s c h an die Seite gegeben. Demselben wurden ddo. Passau, 
20. August 1683, 3000 Gulden zur Bestreitung geheimer Auslagen 
angewiesen. •'*) 

Eine besondere Vorsorge machten die Münzverhältnisse noth- 
wendig. Polen war ßeit Jahrhunderten die Geburtstätte leichter, gering- 
haltiger Münzen. In den kaiserl. Erbländern wurden von Unternehmern 
die guten Sorten, gegen geringhaltige polnische Gelder eingewechselt. 



^) „Kriegsjahr J683" S. 338. ,,Der Train der poluisehen Heere war sehr 
gross, indem jeder Huszar oder Panzeriie für seine Person 2 bis 10 Wagen und 
oft bis 30 Diener und Trossknechte führte." 

2) und 3) K. k. H. K. A., Fase. 16.048. Die Vei-pflegung der polnischen 
Hiifsvölker erfolgte aufKosten des Kaisers, und nicht wie polnische Quellen 
angeben, auf Kosten des Königs von Polen („Kriegsjahr 1683" S. 114.) Sobieski 
meldete an die Königin: „Bis jetzt haben wir kein baares Geld nöthig gehabt, 
denn man liefert uns Lebensmittel im Ueberflusse. Dennoch entwischt uns eine 
Menge Soldaten und Trainknechte." Briefe des Königs von Polen an die Königin. 
Deutseh von Oechsle. S. 19. 

*) K. k. H. K. A., 16.047. üeber den Gesandten bemerkte die Hofkanimer 
>muess bekhennen, dass der Zierowssky Ein Minister, welcher mit Geldtforde- 
rnngen, ohne neeessitet gar nit pflegt molest zu sein, vnd vber die aussgaben 
icderzeith Seine richtige Verrechnung Eingeschickht, auch furo hin also zu 
eontinuiren ohnzwayffentlich nit ermanglen wird. 

') K. k. H. K. A., Fase. 16.048. 



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erstere über die Grenze nach Polen gebracht und in den dortigeai 
Münzhäusern wieder in leichtes Geld umgeprägt. Darum waren seit 
Ferdinands I. Zeiten die polnischen Münzen in den .Et Wandern ver- 
boten, sie wurden, wo man sie antraf, eonfiscirt. ^) Bei dem zu 'er- 
wartenden Durchmarsch der polnischen Truppen wu3st^ daher ein^ 
Vorkehrung getroffen werde«. Die böhmische Hofkanzlei gab ddo. 
Paösau, 5. August 1 683, an die Hofkammer bekannt : der Kaiser habe 
unterm heutigen Datum resolvirt, dass beim Anmarsch der po]nisc]|en 
Haupt-Annada, die polnischen Münzen anzunehmen sind, unter der 
Vorsicht, dass Niemanden und unter keinem Vorwand gestattet werde, 
mit diesen Münzen einen Handel zu treiben. Daher die Grenaämter> 
anzuweisen sind, dass sie die herein Reisenden genau visitiren „vnd 
da Sie dergleichen ringhaltige Pohlnische Silberne Münttz antreffe» 
vnd finden theten, solche anzuhalten und zu contrabandiJen haben." ')• 

.1 

Eine Schilderung der polnischen Truppen, ihres Aussehens und' 
ihrer Bewaffnung, findet sich nach den Aufzeichnungen eines Augen- 
zeugen, des Paters Bernard Brulig aus dem Kloster Raigem, in 
Renners „Wien im Jahre 1683,^ Seite 396 u. f. Einen Theil des 
Fussvolkes beschreibt Brulig in folgender Weise : »Viel aber hergcgen 
schienen auch ein unversuchtes, zerlumbtes, abgemattes und schlecht 
mundirtes Volk zu sein. Hatten neben dem Säbel entweder Musketen, 
Röhr oder halbe Picken, wie auch nicht weniger Morgenstern, Hand- 
schare oder grosse honnakische Priegel; marschirten allein mit 
Drummel oder Schallemey oder aber gar still. Hielten auch schlechte 
oder Ja gar keine Ordnung und ' sahen .viel derjenigen mehr denen 
Zigeynern als Soldaten gleich."^) Bei dem polnischen Fussvolk dürfte 
es schwer gewesen sein, die Grenze anzugeben, wo die Miliz, der 
Soldat, aufhörte und der Tross anfing, daher auch die Angaben über 
die Stärke der Armee, welche mit Sobieski zur Theilnahme an dem 
Entsätze von Wien her*ingezogen war, so weit von einander abweichen* 
Wie oben mitgetheilt wurde, bezifferte der Secretär Talenti die 
Truppen des Königs auf 12'» bis 14.000 Mann, Eidtner sagt 16.000 



^) Numismaten ist es bekannt, dass Thaler und Halbthaler von König 
Joiiann HI. von Polen niclit vorkommen. Sobieski Hess die ihra zugekommenen 
Subsidieu soweit es Silber war, in landesübliche gerlnghalHge Münzen umprägen. 

2) K. k. H. K. A., Pasc. 16.048. 

3) V. Renner 1. c. S. 397. 



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90 

Mann. Mit diesen Angaben stimmt das Mannecript: „R^ponse d'un 
officier", welches die polnischen Truppen mit 3000 zu Fnss und 
12.000 zu Pferd ansetzt, auffallend überein. ^) Ueber die Stärke der 
polnischen Armee haben wir noch eine vierte Quelle, deren Glaube- 
Würdigkeit wohl von keiner Seite angezweifelt werden dürfte; es ist 
dieses eine Depesche des französischen Gesandten Sebeville an 
Ludwig XIV., ddo. Linz, 25. September, in welcher die polnischen 
Truppen mit 14- oder 15000 Mann angegeben werden.*) Der eigent- 
lichen Armee Sobieski's hatte sich ein zahlreiches „GesindP ange- 
schlossen, dessen Absicht einzig und allein dahin gerichtet war, in 
den durchzogenen Ländern, wo sich nur immer eine Gelegenheit ergab, 
zu rauben und zu plündern. Von einer Betheiligung an dem Kampfe 
mit den Türken, konnte bei diesem Tross keine Rede sein, daher auch 
die in der Schlacht am 12. September unter dem unmittelbaren Com- 
mando des Königs gestandenen polnischen Truppen in höchster Ziffer 
mit 12.000 Mann angesetzt werden können.^) 

üeber das Vorgehen der polnischen Truppen beim Zuge durch 
die kaiserlichen Länder, meldete der Marquis de Sebeville: „Les 
Polonais, en passant en Silesie et Moravie, pillerent tout ce qu'ils 
purent, et, hormis qu'ils n'ont pas mis le feu, ils ont autant fait de 



') „Kriegsjahr 1683." S. 236. 

^) La nouvelle Revue 1. c. S. 767. Kluczycki, 1. c. S. 45, auch Dr. J. 
Chelmecki «König Johann Sobieski und die Befreiung Wiens", Seite 28, setzen 
die polnische Armee mit 34.400 Mann an. Ich habe bei den von mir angegebenen 
Zahlen genau die vier Quellen genannt, aiis denen dieselben entnommen sind. 

^) In dieser Zahl sind die in Polen geworbenen drei Cavallerie-Regimenter 
und 400 Panzerreiter des Prinzen Lubomirsky nicht eingerechnet, denn diese 
gehörten in den Verband der kaiserl. Armee und befanden sich am 12. Sept. 
am linken Flügel des vereinigten christlichen Heeres. Dieselben werden in 
mehreren Schriften als Vortruppen der polnischen Armee betrachtet und dieser 
beigezählt, woraus sich ebenfalls Abweigungen in den Stärke- Angaben der 
Truppen Sobieski's ergeben. Talenti hatte die Stärke der polnischen Truppen 
mit 12 bis 14.000 Mann angegeben. Von einem späteren Nachschub findet sich 
keine Erwähnung. Schon am Marsche fanden häufig Desertionen statt. Wird 
noch erwogen, dass zur Bewachung des zurückgelassenen Trains Truppen ver- 
wendet werden mussten, so blieben dem König für die Schlacht höchstens 
12.000 Mann. Die Angaben, wie sie in verschiedenen Publieationen, namentlich 
im „Kriegsjahr 1683" anzutreffen sind, haben lediglich den „Sollstand" im Auge, 
die thatsächliche Stärke der vor Wien befindlichen polnischen Truppen geben 
sie nicht an. 



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mal que des Tartares."^) Ja selbst den deutschen Truppen wurden die 
Polen nach der Vereinigung mit denselben gefährlich. Es musste das 
kurfürstlich sächsische Leibregiment zu Ross und das Trautmanns- 
dorffische Reiterregiment zur Bedeckung des sächsischen Haupt- 
quartiers nach Hadersdorf, das Reiterregiment von Plotho aber zur 
Sicherung der Artillerie und der Bagage befehliget werden, „weil es 
wegen der Pollacken darumb sehr unsicher.'' Der Sicherheit wegen 
hatte der Kurfürst von Sachsen in der Nacht zum 6. September sein 
Lager auf einer Donauinsel aufgeschlagen, und trotz dem entstand 
am späten Abend ein Allarm, welcher sowohl den Kurfürsten wie den 
Feldmarschall von der Goltz zu Pferde rief. Es stellte sich aber bald 
heraus, dass die Unruhe nur durch die Abweisung marodirender 
Polen entstanden war,^) 

Aus dem „Feldlager zwischen Enzersdorff und Corneuburg'' ddo. 
26. Aug. 1683, hatte Graf Breinner nach Passau berichtet, dass der 
König von Polen in Schlesien und Mähren gastirt wird, mit der An- 
frage, wie es in Niederösterreich zu halten sein werde? Aus dem 
„Lager bei Stödldorf den 4. September, meldete der Graf an den 
Hofkammer-Präsidenten Grafen Orsini-Rosenberg : „Wie Eur. Excell. 
ich Jüngsthin berichtet, habe ich in ermanglung der Herrn Landts- 
Verordneten vnd Landt-Commissarien, auf dess Herrn Herzogen von 
Lothringen begehren, die Commission angenomben, Diro Königl. Mt. 
auss Pohlen, nachdeme Sie Mähren verlassen, durch Oesterreich zu 
führen, vnd so guet Möglich, zu tractiren, welches ich auch biss an 
heint, vnd hiehero nacher StötteldorfiF, souill alss in dissem theills 
verhörten, theills von Inwohnern verlassenen Landt, thuen lassen, 
vollzogen hab. Demnach aber fürohin nit allein auss Mangel der 
erforderenten Notturfften, welche diss landts auch vmb paares geldt 
nit zu bekommen, oder sicher zuegefuhrt werden können, sondern 
auch, weillen ich mit meinen Ambts-Functionen occupirt bin, ich 
disser Commission nit abzuwartten vermag. So habe Euer Exe. ich 
es hiemit erindern vnd annebens dienstl. bitten wollen, selbe geruhen 
iemandt andern hierzue zu deputiren, vnd auf wass weiss es mit 



') La nouvelle Revue, 1. c. S. 759. 

^) Zar Geschichte des Türkenkrieges ini Jahre 1683. Die Betheiliguiig 
der kursächsischen Truppen an demselben von D. P.Hassel und Graf Vitzthuiii 
von Eckstädt, S. 135. 



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spesir oder tractirang Hochged. Ihre Königl. Mt. färohin gehalten 
werden solle, zu verordnen/*) 



Zu den Ereignissen auf dem flachen Lande Uieder- 
Oesterreichs. 

Es ist mir gelungen, die Sehluss-Relation aufzufinden, welche 
die während der türkischen Invasion in Krems anwesenden ständischen 
Verordneten*) an die niederösterreichischen Stände erstattet hatten.^) 
Aus diesem Bericht ergeben sich mehrfache Ergänzungen zu den in 
den „Beiträgen" Seite 149 u. f. vorkommenden Mittheilungen. 

Die grösste Sorge verursachte im Anfange die Donaubrücke bei 
Stein. Da die Tartaren rasch vordrangen, bestand die Gefahr, dass 
dieselbe in ihre Hände fallen werde, worauf sich dann die Ver- 
heerungen auch auf die linke Stromseite ausgedehnt hätten. Da das 
.Stättlein Mautem, so ohnedem schlecht versehen, von den meisten 
Innwohnern verlassen wäre** beschlossen die Verordneten die Ab- 
tragung der Brücke, welche Massregel durch das rechtzeitige Ein- 
treffen des Grafen Dünewald mit vier Cavallerie-Regimentern ent- 
behrlich wnrde.^) 

Der Sorge um die Brücke enthoben, entstand bald aus den Zu- 
sammenrottungen der Bauern in den beiden Manharts-Vierteln eine 
überaus gefährliche Situation. Die ersten Schwierigkeiten zeigten sich 
dadurch, dass die Bauern die Wege, namentlich jene zwischen Stein 
und Dürnstein abgegraben hatten, und von den Flüchtlingen ^vill er- 
presten". Durch das Einschreiten des Abgeordneten Carl Hacke 1- 
berger von Höhenberg wurden die Wege wieder geöffnet, aHein 
^es begunte das Glimmende Landt Empörungsübel Jenseits der 
Dhonau immer Grösser zu werdten, allermassen die eingeloffene be- 
richten nun versicherten, dass sich die Pauern in vill Taussent zu- 
sammen rotirten, vmb Anführung rueffen alles ja sogar die Geistlichen 



») K. k. H. K. A., Fase. 16.048. 

^) Die Namen der Verordneten in den ^.Beiträgen" S. 149. 
*) Diese Relation findet sich vollständig abgedruckt im XVII. Band der 
lilätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich, S. 270 u. f. 
*) „Beiträge" S. 114, auch oben S. 28. 



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«8 

selber mit Ihnen aufzustehen zwangen; und es das Ansehen gewunne, 
dass vnter dem Scheinbahren Vorwandt sich vor dem Feindt au 
defendiren obgedachte zusammen rotirte und Ergrimte Pauern, Clö«ter, 
Schlösser und Herren Heusser anfallen, undt eine allgemeine Rebellion 
erwecken derfften, haben die Herren Verordneten für anständig be- 
fundten, mit dissen rassenden Leuthen allen Glimpff zu brauchen, vmb 
auf bessere gedancken zu bringen."^) 

Die Relation erzählt, dass „die Grausamben Tartarn mit beseit- 
lassung der verhackten Pässe, die höchste berg und tieffeste von 
Menschen Impracticable Thäller durchgetrungen, und allwo man sich 
disser Gäste am wenigsten versehen, vnvermuther denen, armen Sal- 
virten Leuthen auff den hals gekhommen." Es wird aber auch hervor- 
gehoben, wie wenig dazu gißhörte, um sich der Tartaren zu erwehren, 
^massen dißse liederliche Leuthe alle Resistenz dermaasen geschichen, 
dass sich auch von Ihnen vil offene Dörffer durch wehige Gegenwöhr 
ja ein Hoffkircherisches Schloss dardurch erhalten, dass ein junges^ 
Mädlein auss Solchen auff dem Feindt Etlichmahl Feuer geben, da 
sye auch in grosser macht und anzahl angesetzet, hat die Resistenz 
souili gewürchet, dass der Feindt auch nach offtmaligen Tentiren den 
Platz verlassen muessen." 

Aus der Darstellung über die Zustände und Ereignisse am 
flachen Lande Nieder-Oesterreichs im Abschnitt XII., Seite 149 der 
mehrei^wähnten „Beiträge", ergiebt sich ein quellensicheres Bild über 
die erfolgreiche Thätigkeit der ständischen Abgeordneten, zugleich 
aber auch eine Ergänzung zu den einschlägigen Angaben im „Kriegs- 
jahr 1683" Seite 198 u. f., nur kömmt zu bemerken, dass die Be- 
zeichnung des Grafen Otto Traun als Landeshauptmann von 
Nieder-Oesterreich auf einem Irrthume beruht. Der Chef der ständischen 
Körperschaft führte im Lande unter der Enns seit Jahrhunderten bis 
zur Gegenwart den titel „LandmarschalL" Im Jahre 1683 war 
im Lande unter der Enns Landmarschall der Graf Franz Max von 
Mollard, er befand sich während der Belagerung, wie solches auch 
im „Kriegsjahr 1683" Seite 139 zu lesen ist, als Mitglied des 
Deputirten-Collegiums in Wien.^) In Ober Österreich war Landes- 



*) Die 7on den Verordneten getroffenen Vorkehrungen siehe „Beiträge" 
S. 152 u. f. 

*) Graf Otto Ehrenreioh von Traun wurde erst im Jahre 1690 Land- 
raarschall. Er wurde als solcher am 12. Juni 1690 beeidet. 



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94 

hauptmann Helmhardt Christoph Graf Weissenwolff, nicht 
wie „Kriegsjahr 1683 ** Seite 200 angegeben wird: Wolf Graf 
Weis'senthurn. 

Als ein Ereignis, welches sich während der Dauer der Invasion, 
am flächen Lande vollzogen haben soll, wird im „Kriegsjahr 1683,** 
Seite 175, erzählt, dass es am 1. August „dem F. M. L. Grafen 
Dünewald gelang, einen feindlichen Convoi von 600 Wagen in der 
Nähe von Wien er -Neu Stadt wegzunehmen. Die Türken, — wird 
dort angegeben — „welche anfänglich die nächste Umgebung Wiens 
total verwüstet hatten, waren nämlich schon zu ausgreifenden Foura- 
girungen gezwungen, und setzten eben aus der' Gegend bei Wiener 
Neuätadt diesen Convoi nach Wien in Bewegung. Dünewald, welcher 
niit zwei Regimentern bei Schottwien stand und den Semme- 
ring bewachte, rückte auf die hievon erhaltene Nachricht rasch 
vor, überfiel mit einem Regimente die sorglose Bedeckung und ver- 
folgte deren Reste bis gegen Pottendorf.* 

Den Grafen Düne wald hatte der Herzog von Lothringen mit 
vier Cavallerie-Regimentem zum Schutze der Steiner Brücke ab- 
geordnet. *) Von Krems aus ddo. 22. Juli meldete derselbe „über seine 
verrichte Parthey wider den Erbfeindt bei Sitzenberg. "^) Unterm 
9. August berichtete der Schlüsselamtmann von Wagenheim, nach zuvor 
stattgefundener Berathschlagung mit den Generalen Leslie und Düne- 
wald über den Zustand der Steiner Brücke.^) Es ist somit, und was 
besonders zu erwägen kömmt, aus den Protocolleu des k. k. Kriegs- 
archives constatirt, dass sich Graf Dünewald nicht bei Schott- 
wien, sondern an der Steiner Brücke befand. Die in Rede 
stehende Angabe im „Kriegsjahr 1683" stimmt auch nicht ganz mit 
der auf Seite 102 daselbst anzutreffenden Erwägung über den Grafen 
Dünewald zusammen.*) Zu bemerken kömmt, dass in Wr. -Neustadt 
während der Türken-Livasion, Commandant der Graf Friedrich 
Magnus von Castell war. 



*) K. k. Kriegs-Archiv. Prot. Nr. 366, Fol. 518 u. f. „Beiträge« S. 114. 

2) Daselbst Prot. Nr. 366, Fol. 513^«" und 367, Fol. 457. „Beiträge" 
S. 114. 

») „Beiträge« S. 158. 

*) Die auf Seite 102 vorkommende Note lautet: „Dünewald stand, wie an 
anderer Stelle gesagt, bei Krem?, an ihn hatten sieh schon die bayrischen 
Hilfstruppen angeschlossen. (Siehe S. 92 nnd 111.) 



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95 



XI. 

Zur EntsatzscMacht am 12. September 1683. 

Der Angabe, dass erst in einem Kriegsrath, welcher am 30. ^^gust 
im Hauptquartier des Königs von Polen zu Hollabrunn stattgefunden 
haben soll, über die Frage verhandelt wujrde, ob der „Succurs von 
Wien" über Pressburg oder über den Wienerwald zu geschehen habe, 
fehlt jede Begründung, indem diese Frage damals längst ent- 
schieden war.^) , 

Im Kriegsrath zu Stetteldorf am 3. September scheint nament- 
lich ein vom Markgrafen -von Baden vertretener Antrag, Gegenstand 
einer lebhaften Verhandlung gewesen zu sein. In der Vorlage, welche 
der Hofkriegsrath ddo. Passau, 17, Juli, an den Kaiser richtete 
(Seite 55), wird schon die Möglichkeit des Entsatzes von Wien in der 
Richtung von Wr. -Neustadt aus, betont. Markgraf Hermann von Baden 
brachte diesen Punkt auch noch später in den Erlässen .an den 
Herzog in Anregung,^) und war derselbe auch noch in Stetteldorf ein 
Berathungsgegenstand, indem erwogen wurde, ob es nicht entsprechend 
erscheint, mit der Armee über St, Polten, Wilhelmsburg, Hainfeld und 
Altenmarkt auf die Ostseite des Wienerwaldes zu rücken. Der Herzog 
bekämpfte auch diesmal diesen Antrag auf das lebhafteste und wurde 
von Sobieski unterstützt, der sich für den Vormarsch über den Kahlen- 
berg entschied.^) 

Es kann darüber kein Zweifel bestehen, dass Sobieski der 
Höehstcommandirende der im Lager bei Tullri vereinigten christlichen 
Kriegsvölker war. üeber die kaiserl Truppen gebührte ihm der Ober- 
befehl nach dem Vertrage vom 31. März 1683. Die beiden Kurfürsten 
von Sachsen und Baiern, hatten ihre Truppen über Ansuchen des 



») „Beiträge" S. 176, Note 4. 

2) „Beiträge" S. 175. „Kriegsjahre 1683". S. 107 werden einige Fälle 
erwähnt von Differenzen in den Anschauungen des Markgrafen von Baden und 
jenen des Herzogs von Lothringen. Wir wissen, dass die Einstreuungen des 
Ersteren den Herzog dem Entschlüsse zudrängten, das Oommando ganz nieder- 
zulegen und sieh nach Tirol zurückzuziehen. (S. 56.) 

«) Kluczycki, l. e. S. 58. Der Wortlaut der „Resolütions prises k Stetten- 
dorf le 3. Septb, 1683" findet sieh in der anonymen Publication „Der Entsatz 
von Wien am 12. September 1683", S. 25 u. f. 



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96 

Kaisers freiwillig unter das Obercommando des Königs gestellt, wobei 
der Knrforst von Sachsen die besondere Bedingung stellte, dass 
Weisungen an ihn, in der Form von Antragen zu erlassen sind.^) In 
dem Schreiben, welches Sobieski aus dem Lager bei Tulln am 9. Sept. 
an die Königin richtete, spricht er seine besondere Befriedigung dar- 
über aus, dass der Herzog von Lothringen und der Herr von Sachsen die 
Parole immer bei ihm holen.*) Ceber die Einholung der Parole 
hinaus, scheint man den König nicht viel belästiget zu haben, denn 
ein Oberfeldherr, der am Morgen vor einer entscheidenden Schlacht 
so viele Zeit findet, um an seine Gemalin einen Brief über theilweise 
ganz nebensächliche Dinge zu schreiben, welcher im Druck fQnf 
mittelgrosse Octavseiten einninmit, war sicherlich von den Geschäften 
des Ooramandos wenig in Anspruch genommen.*) 

In den „Beiträgen,* Seite 207 wird hervorgehoben, dass für die 
Angabe, es habe Marko d'Aviano in der Kirche des abgebrannten Klosters 
am Josefsberge eine Messe gelesen, wobei ihm Sobieski ministrirte 
und dass dieser seinen Sohn, den Prinzen Jacob zum Ritter ge- 
schlagen habe, keine verlässliche Quelle vorliege. Aus einem Schreiben, 
ddo. München 17. Sept 1683, ist zu entnehmen, dass Marko d'Äviano 
Sonntag den 12. September die Messe um drei ühr Morgens ge- 
lesen hat,*) somit gerade zu jener Zeit, wo Sobieski nach seiner 
eigenen Angabe, mit dem Brief an seine Gemalin beschäftiget war. 

Es ist mehrfach ein Schriftstück publicirt worden, welches als 
die von Sobieski selbst entworfene ^ Ordre de 1a bataille" ausgegeben 
wird.^) Im Falle dasselbe wirklieh bestanden hat, kann es nur als der 
Entwurf betraohtet werden, für Anträge, welche der König einem zu 
Stetteldorf oder im Tullner Lager abgehaltenen Kriegsrath vorgelegt 



•) ,. Beiträge" S. 177 u. f. 

*) Briefe des Königs Johaun Sobieski an die Königin. Deutseh von F. F. 
Oeehsle, S. 36. Diese Briefe erscheinen auch in den erwähnten ,.Acta Joannis ni.~ 
abgedrackt 

^) Sobieski's Brief an die Königin „Auf dem Calenberg, nahe bei einem 
brennenden Kloster, dem tärkiseben Lager gegenät>er, den 12. Sept. Morgens 
8 Ühr" nimmt bei Oechsle mehr als fünf volle Druckseiten ein. 

*) Sauer, 1. c. Seite 64. 

') „Kriegsjahr 1683^ S. 237, v. Renner 1. c. S. 416, Kluczycki 1. e. S. 58. 
Letzterer giebt einige Daten über dieses Schriftstäek, woraus zu entnehmen ist, 
dass sich das Original bis nun nicht vorgeftindeu hat. 



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97 

hatte. Kluczycki 1. c, Seite 59, bemerkt hiezu: ,, Dieser Befehl allein, 
denn der befehlende Ton klingt hier wohl nur allzu deutlich durch, 
kann schon einen unverbrüchlichen Beweis liefern, dass König Johann IIl. 
seit der Vereinigung mit dem kaiserlichen Heere das oberste Com- 
mando übernahm." Dass Sobieski der Höchstcommandirende der ver- 
einigten christlichen Kriegsvölker war, ist, soviel mir bekannt, von 
Niemanden ernstlich in Abrede gestellt worden, allein ein Vergleich 
der angeblich vom König selbst niedergeschriebenen ^ Ordre de la 
bataille" mit der thatsächlichen Vertheilung der vereinigten Truppen, 
lässt nur zu deutlich wahrnehmen, wie wenig Sobieski im Stande 
war, seine persönlichen Anträge im Kriegsrathe zur 
Geltung zu bringen. 

Das in Rede stehende Schriftstück hatte die kaiserl. Truppen 
in das Centrum gewiesen ; — dieselben befanden sich jedoch am 
12. September am linken Flügel der Entsatzarmee. Weiter verordnete 
dasselbe: „Die Truppen der Kurfürsten von Sachsen und Bayern 
werden den linken Flügel bilden. Wir werden ihnen ebenfalls einige 
Schwadronen unserer Gendarmen und Cavallerie zutheilen, an' deren 
Stelle sie uns Dragoner und Infanterie geben werden." Abweichend 
von diesem angeblichen „Befehl" Sobiesküs, standen die bairischen 
Truppen am 12. September im Centrum. Die beiden Kurfürsten hatten 
jeder ein Bataillon Fussvolk, jedoch keine Dragoner an den rechten 
Flügel abgegeben, auch fanden sich keine polnischen Truppen unter 
den Sachsen oder Baiern eingetheilt. Die Kreistruppen des deutschen 
Reiches hatte die fragliche „Ordre de la bataille" an den ausser sten 
linken Flügel gewiesen, sie standen jedoch während der Schlacht im 
Centrum und hatten ein Bataillon Fussvolk zur polnischen Armee 
abgegeben, sowie dieser letzteren die vier kaiserl. Regimenter zu 
Pferd: Dünewald, Rabatta, Palffy und Gondala zugetheilt waren. Der 
König hatte angeblich verfügt: „Wollte man die Armee in drei 
Treflfen ordnen, so würde. sie eine Frontlänge von anderthalb deutschen 
Meilen haben, was nicht vortheilhaft wäre. Der rechte Flügel würde 
auf das rechte Ufer des Wienflusses zu stehen kommen, der zur 
Deckung der rechten Flanke dienen soll. Man muss also vier Linien 
machen, die vierte als Corps de reserve bestimmen."') Entgegen 



>) „Kiiegsjahr 1683" Seite 238. Bei Kluczycki, Seite 59, lautet diese 
Stelle wesentlich anders, wir finden dort: „Falls wir das ganze Heer in drei 
Linien aufstellen wollten, würde uns dies mehr als 1% Meile einnehmen, was 
für uns von keineI^ Nutzen wäre, un,d wir müssten das Wienllüsschen über* 

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98 

dieser Disposition wurden dennoch drei Linien gebildet, und reichte 
der rechte Flügel der Schlachtordnung nur bis Dombach. 

Der befehlende Ton der von Sobieski verfassten ^ Ordre de la 
bataille'^ lässt sich wie Kluczycki 1. c. Seite 39 betont, nicht ver- 
kennen, dieser dürfte auch verletzt haben, und es ist die Annahme 
berechtiget, dass durch diesen „befehlenden Ton" der Kurfürst von 
Sachsen dazu geführt wurde, zu verlangen, dass Weisungen an ihn 
in der Form von Anträgen ausgefertiget werden.^) 

Den ziemlich zahlreichen gleichzeitigen Darstellungen der Schlacht 
am 12. September 1683, kömmt zunächst eine „Relation von der 
Victoria der Christen so sie bey Entsatz der Stadt Wien gegen die 
Türeken erhalten, 1683" anzureihen. ^) Im Nachfolgenden soll nun- 
mehr jener Bericht mitgetheilt werden, welchen der Gesandte des 
fränkischen Kreises am Wiener Hofe, Johann Freiherr von 
Schliz genannt von Görz, an die Kreismitglieder erstattet 
hatte. Diese Relation ist umsomehr von Interesse, da, wie aus dem 
Final-Bericht des Gesandten ddo. Nürnberg, 15. December 1683, zu 
entnehmen ist, derselbe auch während der Schlacht bei den Truppen 
anwesend war. ') Der Wortlaut des Schlachtberichtes ist : 

Relation. 
„Von der Bataille, welche sich den 12./2. Septembr. dieses lauffen- 
den 1683. Jahres, bey Entsezung der Kays. Residenz Statt Wien 

sehreiten, welches uns jedoch zur Rechten bleiben soll; deshalb müssen vier 
oder fünf Linien gebildet werden, ausserdem bedeutende Reserven hinter jedem 
Flügel und dem Centrum des Treflfens.*' 

Beiträge S. 179. Der Kurfürst hatte diese Bedingung sehon früher 
angeregt. 

*) Diese Relation hat sich in einem Plugblatt u. zw. im Staatsarchive zu 
Idstein, Dniek ohne Angabe des Ortes, erhalten. Sie wurde veröffentlicht im 
neuen Archiv für Sächsische Geschichte und Alterthumskunde, 11. B., S. 77 u. f. 

•) Dieses Actenstück wird im Archive den Fürstlich Schwarzenbergisehen 
Schlosses Schwär zenberg bei Wtirzburg aufbewahrt. Für die bereitwillige 
Genehmigung zur Benützung dieser Relation für die vorliegende Publieation 
bin ich dem fOrstl. Schwarzenberg'schen Archivs-Director Herrn Adolf Berger 
OT grossem Danke verpflichtet. Johann Freiherr von Schliz, 'genannt Görz, war 
Brbmarschall zu Fulda, Fürstl. Würzb. geh. Rath und Amtmann zu Triemberg 
an der ßala, hernach Fürstl. Hessen-Casserscher geheimer, auch Kriegsrath und 
Kammer-Präsident, Reich sburggraf zu Friedberg, f 18. Jänner 1699. Der Sohn 
seines Vetters Philipp, f 1695, war Georg Heinrich Freiherr von Schliz, genannt 
Görz, der Minister Karls XII. von Schweden, welcher am 28. Februar, nach 
Andern am 2. März 1619 zu Friedriohshall enthauptet wurde. 



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99 

begeben, und von 6 uhr morgens, bis« abenta umb 9 uhr ge- 
währet. 

Den 8. Septembr. wurde der March fortgesezet, umb dem Wiener 
Wald näher zu kommen, aber ohngeachtet alles angewendeten fl^isses, 
Konte man selben damals nit erreichen. 

Den 9. wurden die weg wohl recognoscirt, und funde man nicht 
mehr, als 2. wordurch das Canon Kündte geführet werden. Der König 
von Polen erwählte den zur Rechten, die Teutsche den zur Lincken, 
mit der Resolution, neben diesen Wegen noch andere, umb dardurch 
zu kommen zu suchen, damit man den andern Tag auf den 
Rendezvous, Zwischen Kloster Neuburg, und einem Dorff Weitling 
genannt, sayn Köute. Eben selben Abendt, recognoscirten Ihro Dehlt. 
der Herzog von Lothringen die Posten, so zu fassen stünden, in 
Persohn, und Hessen sie besezen durch den General Feld Zeugmeistern, 
Graff Lesle, mit 10 BatüDons, und 2. Regiment Dragoner, nebenst 
einem detachement Cavallerie; die ganze Nacht durch Hess man die 
Artillerie fortgehen. 

Den 10. marchirten alle troupen sowohl Cavallerie als Infanterie, 
mit solchem Äeiss über das gebürg, und fast unbrauchbare Wege, 
dass alles Zugleich auf einmahl biss an besagtes Rendezvous zustehen 
kam, aber die Artillerie und Ammunition der AUiirten, wurden durch 
die böse wege zurück gehalten, und weilen der König von Polen seine 
nit wolte binden lassen, so Hess Er seine troupen eine Stund von 
gemelten Rendezvous stehen, und ward allda beschlossen, dass man 
den Tag darauff über den Kaienberg, einem Kloster, das den Namen 
von dem berg hat, passiren wolte, und zwar in folgender Ordnung, 
dass der König mit 4 Bataillons und' 10 Suadrons Kaiserlicher, so 
der Herzog von Sachsen Lauenburg commandirte, verstärket werden, 
und auf den rechten FHegel marchiren solte. Hieran sollten die Bayr. 
und Fräncks. schliessen, und in der mitten die Kays» iafanterie, mit 
den Sachs* und dem Rest Ihrer Cavallerie auf dem linken Flügel 
bleiben, in dreyen. Linien, gleich beyliegender Plan weiset, und also 
in Bataille biss auf die höhe dess Berg^ fortmarchiren. Die Artillerie 
und Ammunition solte gehen biss über das Closter Neuburg auf den 
Kaienberg. Es wurde auch proponirt, dass man diesen abend an 
einigen Orten dess Gebürgs Posto fassen solte, sonderlich auf dem 
Calenberg, aber die Jenigen, welche der Meinung waren, dass man 
die Posten so weit entfernet, nicht würde behaubten Können, und 
dass der Feind selbige zu attaquiren nicht würde unterlassen, be- 

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100 

hinten die Oberhand. Man marchirete also den 11. in aller firabe, die 
Kays, besetzten das gemelte Versperrte Kloster Kahlenberg und 
St Joseph, gleich man nun mit allem Fleiss fortgieng, mit der ersten 
Linie der Infanterie sich auf dem Berg zu Postiren, also gieng es 
auch allerseits sehr woll ¥on statten, aber die Artillerie kun selben 
abend nicht an: Man beredet sich mit Ihro Königl. May. von Pohlen 
an einem Ort, da man das ganze feindlidie Lager übersehen kunte, 
welchergestadt man die Attaque Tomehmen wolte, da dann ein franz. 
Ingenieur, welchen der König tou Pohlen bey sich hatte, sich fast 
sehr befliesse, den König zu überreden, dass die gegend, Ton wannen 
man den Succurs zu thun erwählet, nicht gar wohl Yortraglich 
wäre, aber nach einiger Unterredung, über diese Materie wurde man 
dieserthalben einig und indeme man auf die Artillerie und ammunition 
wartete, so wurde beschlossen, sich andern Tags auf den Calenberg 
zu sezen, woraufF dann der König von Pohlen, welcher selbst zu- 
gegen war, hirrinnen alles ordinirte. 

Den 12. wie man zur Conferenz gieng, liess Herr Graf Lesle 
eine Bataillon InfEmterie gegen den tag von dem Berg dess Closters 
Calenberg marchiren, worauff die Türken eine hitzige Attaque thäten, 
so dass, ungeacht man Ihnen mit gleicher Resistenz begegnet, man 
doch geobligirt wurde, dass zwey andere Bataillons kommen, und Sie 
sustiniren musten, welches verursachte, dass man sich mit dem Feind 
weiter engagirte. Die Kays. u. Sachs, troupen fasseten ihre Posten 
nach Proportion Ihrer Macht, der Churfürst in Bayern mit seinen 
und die frank, troupen fasseten dergleichen Posten, biss an gemelte 
10 Esquad^ons, und diese biss an die Polen, die Polen aber nahmen 
das Feld gegen das Gebürg, so weit Sie Kunten. Weiln nun weder 
die Zeit noch die Situation zu Hesse, eine formale Bataille zu stellen, 
so empologirten die Generalen die Troupen nach denen zustossenden 
Begebenheiten, und verstärkten einander, wo es nöthig war. Die In- 
fanterie, welche mit einiger Oavallerie vermengt war, gieng vorauss, 
der Überrest folgte gleich darauff, bald in dreyen, bald in mehr 
lienien. Die Türkische Attaque auf die Kays, war sehr furieus, und 
nach deme dieselben einer guten Stunden lang, gleichmässigen Wieder^ 
standt fandten, wurden Sie ungedultig thäten auch mit blossen Säbeln 
in der band, einen solchen anfall, dass die Kays, obligirt wurden, 
sich mit Ihnen meliren, doch wurde dieses durch der Generalen gute 
Yorsorg gleich remedirt, und der Feind zurück getrieben. Die Sachs, 
troupen setzten dem Feind auch dermassen zu, dass Sie ihn in die 



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101 

Flucht brachten, die Bayr. and fränkischen Infanterie, nahm inmittelst 
die höhe, neben derjenigen, welcher sich die Kays, und Sachs, be- 
meistert hatten, und trieben die allda befindliche Türken zurück. Die 
Cavallerie folgte indessen der Infanterie, und wurden die Alliirten von 
Ihro Dchlt. dem Hertn Marggraffen von Bayreuth General Feldmarschall 
Leutenant, nebenst dem General Wachtmeister Münster und Bavois 
commandirt. Nachdeme sich nun der meiste Theil nebenst denen 
Pohlen zur Rechten wendete, und die Türken vermerkten, dass die 
Polen mit Infanterie nit genugsam versehen waren, drangen sie auf 
dieselbe dergestalten an, dass man gemüssiget 'wurde, selbige mit 
2 Bataillons und 2 Regimenter Dragonern zu verstärken, nach diesen 
begunte die ganze Armee, und gleichsam Fuss vor Fuss zu marchiren, 
und secundirte einer den andern, wo es nöthig, indessen kam die 
Artillerie auch nach und nach an, deren man sich dann gleich be- 
diente, und depostirte den Feind von den Bergen und Creuzwegen, 
welche derselbe biss an sein Lager, besezt hatte. Darauf begunte der 
^eindt sich uuf die Kays, zur Rechten, und auf die Pohlen zur Linken 
(zu werffen) weilen aber das Land vom Berg an dieser selten sich 
öffnete, zog man mit der Infjanterie sich mehr zur rechten, und 
succurrirte den Pohlen, da dann die Kays, auf dem linken Flügel die 
Türk. Trencheen anfielen, und die Stück eroberten. 

Die Bayrische Infanterie, welche der General Feld Marschall 
Leutenant Degenfeld, neben andern Generals-Majoren, commandirte, 
attaquirten unterdessen den Berg, worauff der Gross -Vezier stunde, 
umb daselbst gleichfalls der Stück, während Zeit, dass man von dreyen 
orten unter sie die Türken spielete, sich zu bemeistern, der Feind 
aber hatte wegen einer höhe avantage, und die Janitscharn incommo- 
dirten die Pohlen sehr mit Ihren Musqueten. Es erwiesen aber ermelte 
Polen grossen Valeur, und Hess man während diesen gefechts, etliche 
Bataillons, so der General Feld Marschall Leutenant Leyhen, und 
General Major Thüngen commandirten, Ihnen in die Flanquen gehen. 
Die Bayrischen erstiegen zugleich den Berg, woebey Sie alles Feuer 
von den Janitscharen aussstunden, hieraufif wurden die Türken wankel- 
hafft und gezwungen diesen Posten zu verlassen, und ferner unter 
stettigem Chargiren biss an die Thor, ja gar biss zu der Attaque 
von Wien getrieben. Es schien aber, als ob der Gross- Vezier sich 
darmit raillirte, in deme Er im Gesicht der ganzen Christlichen 
Armee seine Approchen nicht verlassen wolte, auch mit cannoniren 
auf die Stadt continnuirte. Wie solches der König von Pohlen sähe, 



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102 

ruckte er im Gefolg einer grossen anzahl Teutschen an den Peind 
und jagten ihn auss dem Lager, folgend ts gaben die Kays. Generalen 
ordre, die Türken in denen trencheen auch anzugreiffen, und begunten 
die troupen von Fürsten Lubomyrsky die Jenigen, so in den trencheen 
waren und aussriessen, zuerschiessen, bey 600 Türken blieben alhier 
auf dem Blatz, alle Artillerie und Stuck, alle Zelten, die Magazin an 
vivres und ammunition, nebens vielen schönen meublen, wurden der 
Christlichen Armee zu Theil. Das Pferdt worauff der Gross-Vezier 
selbst geritten, und sehr precieux ornirt war, seine Estandarte, und 
die beede Feld-Zeichen, die Er vor sich her tragen zu lassen pflegte, 
blieben in der Polen bänden, und also hat man die über 2 Monath 
so hoch betrangte Stadt Wien, welche an Zweyen Orten durch minen 
solcher gestalt geöffnet gewesen, dass man mit einem Pferd durch die 
eine reiten konte, und wovor 180/M Türken ihr eusserstes ge waget, 
mit einer Armee von 70/M Mann, so in Kayserl., Pohlnischen, Bayri- 
" sehen. Sächsischen und Fränkischen troupen bestünde, befreyet, durch 
einmüthiges Concert und Admirable gute Ordnung, auch unver- 
gleichliche Fi*eud der Soldaten, währenden Combatts, so dass die 
Hand Gottes in diesem Streit sichbarlich erschienen, indeme dessen 
Feinden Herz, Muth und Verstand entzogen worden." 

Dieser Bericht ist von Aussen bezeichnet : 

„Relation 
über die vor Wien sich begebene Bataille, mit Beilag B." 

Diese Beilage enthält die nebenstehende Ordre de Bataille. 



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104 

Aus dem Eingange dieser Relation kann entnommen werden, 
däss man am 9. September nach einer sorgfaltigen Recognoscirung 
nur zwei Wege fand „wordurch das Canon Kündte gefiihret werden." 
Das Rendezvous war zwischen „Kloster Neuburg, und einem 
Dorff Weitling genannt" bestimmt Der, eine dieser Wege u. z. 
jener zur Linken, führt längs der Donau bis Klosterneuburg. Auf 
demselben rückten, wie die Relation angibt, die deutschen Truppen, 
namentlich die Sachsen vor. Der zweite Weg, der zur Rechten, 
welchen „der König von Polen erwählte,* war jener, der bei St. Andrä 
in das Hagenthal eintritt, auf der Höhe die Richtung nach Gugging 
nimmt und über Kirling zum Rendezvous zwischen Klostemeuburg 
und Weidling führt. ^) 

Dass Sobieski am 10. September dort eintraf, wird durch die 
Relation ausser Zweifel gestellt. Durch dieselbe lernen wir auch die 
aufdringliche Geschäftigkeit kennen, mit welcher der französische 
Ingenieur D u p o n t dem König die Gefahren der bevorstehenden 
Schlacht in den übertriebensten Farben zu schildern suchte.^) 

Die Relation betont ferner: „Weiln nun weder die Zeit noch 
die Situation zu Hesse, eine formale Bataille zu stellen, so empologirten 
die Generalen die Troupen nach denen zustossenden Begebenheiten, 
und verstärkten einander, wo es nöthig war." Hier findet sich der 
Eindruck, den die verschiedenen gleichzeitigen Schilderungen der 
Schlacht machen, in einem Gesammtbild ausgedrückt. Von einer 
„formalen Bataille*' d. h. von einer, beiderseits nach taktischen 
Grundsätzen geleiteten Schlacht, konnte schon darum keine Rede sein, 
weil die Türken ohne Zusammenhang bald dort, bald da Vorstösse 
machten, es somit im Laufe des Vormittags am linken Flügel der 



^) Es ist dieses derselbe Thalzug, darch welchen einst die Römerstrasse 
führte. Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich, II. Jahrgang, S. 121 
u. f. Nach der Besiegung der Avaren 791 zog Karl der Grosse auf diesem Wege 
an die östliche Seite des cetischen Gebirges. Im Jahre 1876 iiess der nieder- 
österr. Landesausschuss ober dem Orte St. Andrae einen Denkstein aufstellen, 
auf dem es statt „der linke Flügel" richtiger heissen muss: „Von hier aus 
rückte 1683 der rechte Flügel des Entsatzheeres gegen den Kahienberg vor, 
um Wien von den Türken zu befreien." 

*) Dupont lässt sich nur als ein französischer, im Interesse Ludwigs XIV. 
thätiger Agent auffassen. In gleicher Weise war Sobieski fort und fort von 
Tökelyschen Agenten begleitet. Auch in der anonymen Publication ,,Der Ent- 
satz von Wien", Seite 64, wird auf die bedenklichen Rapporte des genannten 
Ingenieurs hingewiesen. 



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105 

Entsatzarmee an verschiedenen Orten zu heftigen Kämpfen kam, wo- 
durch das Vorrücken der sächsischen und kaiserlichen Truppen wohl 
verzögert, nicht aber aufgehalten werden konnte. Bemerkenswerth ist, 
dass in den gleichzeitigen Relationen über die Schbchi, so wenig 
von Angriffen der Türken auf das Centrum der Entsatzarmee zu 
lesen ist.') 

Daraus ergab sich die für den rechten Flügel so überaus 
wichtige Möglichkeit, ' dass die Cavallerie des Centrums unter dem 
Commando des Kurfürsten von Baiern und des Fürsten von Waldeck 
den Polen alsbald zu Hilfe eilen konnte. 

Die der Relation des Freiherm von Görz angeschlossene „Forme 
de la Bataille" stimmt mit der bei Suttinger vorkommenden Zu- 
sammenstellung, die deutschen Truppen anbelangend, mit wenigen 
Abweichungen überein. Für den rechten Flügel, d, h. für die Polen, 
fehlt die üntertheilung der Truppenkörper. Es scheint, dass dem Frei- 
herr» von Görz die nothwendigen Daten fehlten, um die Ordre de 
ßataille, bezüglich der Polen in verlässlicher Weise ergänzen zu 
können.^) 

Wenn es auch ausser Zweifel steht, dass Johann III. Sobieski, 
König von Polen, als der Höchstcommandirende der vereinigten Entsatz- 
armee anerkannt werden muss,^) so kann dennoch nicht zugegeben 
werdfen, dass er auch der Leiter der gesammten christlichen 
Truppen in der Schlacht am 12. September war. Sobieski 
nahm weder an den entscheidenden Kämpfen am linken Flügel, noch 
an jenen des Centrums in irgend einer Weise einen Einfluss. Dort 



') Auf dem Plane der Sohlacht, der sich bei Suttinger 1. c. S. 46 bei- 
geheftet befindet (Copien bei Camesina 1. c. S. 130 und im verkleinerten Mass- 
stabe bei Renner 1. c. S. 434), ist dieser Umstand ebenfalls zu entnehmen. 

*) Die von Suttinger vorgenommene Vervollständigung, welcher auch Ca- 
mesina, 1. c. S. 122 folgte, seheint nicht ganz zutreffend zu sein. Es fehlen 
doi-t gänzlich die dem rechten Flügel zugewiesenen vier deutschen Bataillone 
Fasstruppen. Dass die gleichzeitigen Relationen von polnischen Fossvölkeni 
und ihrer Thätigkeit, beinahe gänzlich schweigen, braucht wohl nur angedeutet 
zu werden. Dem im „Kriegsjahr 1683*' vielfach citirten Manuscript: „Reponsc 
d'un officier" nach, war weder die Stärke des polnischen Fussvolkes (3000 Mann), 
noch die bei Pater Brulig geschilderte Ausrüstung desgelben der Art, um grosse 
Erwartungen voraussetzen zu lassen. Desshalb dürfte Sobieski dasselbe auch 
zur Ueberwachung des zurückgelassenen, bei den Polen ausserordentlich grosseii 
Trains bestimmt haben. 

8) „Beiträge*' S. 177 u. f. 



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106 

überwachte das Zusammenwirken der einzelnen Truppenkörper einzig 
und allein der Herzog von Lothringen. Als die Polen Nach- 
mittags zwei Uhr in den Kampf eintraten^ war Sobieski sofort durch 
die heftigen Angriffe der Türken derart in Anspruch genommen, dass 
ihm nicht eine Minute Zeit blieb, um auf den Verlauf der Kämpfe 
am linken Flügel und im Centrum irgend einen Einfluss nehmen zu 
können. Ohne auf eine Aufforderung von Seite des Königs zu warten, 
eilten der Kurfürst von Baiem und der Fürst von Waldeck mit ihrer 
Cavallerie alsbald dem hart bedrängten rechten Flügel zu Hilfe. Dass 
selbst Cavallerie vom linken Flügel zur Unterstützung seiner Truppen 
herbeigeeilt war, giebt ja der König in seinem Schreiben an die 
Königin vom 13. September selbst zu.*) 

In den mehrerwähnten „Beiträgen", Seite 2 12, wird ausdrück- 
ich betont: „Niemand wird die Bedeutung der polnischen Hilfe für 
die Rettung von Wien auch nur im mindesten verkürzen wollen. 
Allein den Bestrebungen, die da glauben machen wollen, es habe 
Wien seine Rettung nur den Polen zu verdanken, muss denn doch 
die Wahrheit entgegengestellt werden." Nachdem sich nunmehr aus 
verlässlichen Anhaltspunkten ergibt, dass jener Stand, welcher bisher 
für die polnischen Hilfsvölker angenommen wurde, sehr erheblich zu 
reduciren ist, kömmt umsomehr die Bedeutung der dem rechten 
Flügel beigegebenen vier Bataillone deutscher Fusstruppen und der 
vier kaiserlichen Cavallerie-Regimenter hervorzuheben, '*) so wie auch 
der Werth der vom Centrum und dem linken Flügel herbeigeeilten 
Cavallerie für die Unterstützung der Polen um so erheblicher ins 
Gewicht fallt. 

„Aus den Zelten des Veziers; den 13. Sept. Nachts," richtete 
Sobieski ein Schreiben an die Königin, welches im Drucke bei Oechsle 
sieben volle Octavseiten einnimmt. Es ist dieses ohne Zweifel jenes 
Acten stück, welches am meisten aur Verbreitung der übertriebensten 
Nachrichten über die Leistungen Sobieski's und seiner Polen in der 
Schlacht am 12. September beigetragen hat. Das Schreiben beginnt: 
„Gott sei hochgelobt in Ewigkeit! Er hat unserer Nation den 
Sieg verliehen; er hat ihr einen solchen Triumph ge- 



') „Beiträge^' S. 210, Baumer 1. o. S. 311. Oechsle 1. c. S. 50. 
^) Die 4 Bat. Fussvolk kommen mindestens auf 2000, die 4 Heiter-Reg. 
auf mindestens 2500 Mann zu veranschlagen. 



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geben, wie die vergangenen Jahrhunderte nie einen solchen sahen.** 
An einer andern Stelle wird gesagt: ^Der Yezier hat auf seiner 
Flucht alles zurückgelassen; er hat nur sein Kleid u»d sein Pferd 
behalten. Ich habe mich zu seinem Erben einge$etzt; denn der grösste 
Theil seiner Reichthümer ist mir in die Hände gefallen." Ferner: 
,Ich schätze sie, (die Türken) ohne die Tartaren, auf dreimalhund«rt- 
tausend Streiter. " Er erzählt, dass der, Kiarfürst von Baieiti und der 
Fürst von Waldeck herbeigeeilt sind, um ihn zu umarmen, „die Ge* 
nerale küssten .mir Hände und Füsse.'^ Er beschreibt seilen Zug 
durch die Stadt mit der bekannten Aeusserung: „Ich sehe,, dass 
Stahrenberg mit dem Stadtmagistrat nicht in gutem Ei;nverständnis»6 
ist." Nach einer Reihe von Ausbrüchen des Eigenlobs sagt Sobieski: 
3 Dieser Brief ist die beste Zeitung, und Sie können sich desselben 
zu diesem Endzweck bedienen, mit der Bemerkung, dass es der Brief 
des Königs an die Königin ist." Letztere hatte in der That aus dem 
Schreiben des Königs ein Sieges-Bulletin durch den Druck veröffent- 
lichen lassen, auf welches wir später zurückkommen werden.') 

Es möge noch eine Stelle aus der Depesche Platz ünden, welche 
der französische Gesandte Marquis de Sebeville ddo. Linz, 25. Sep- 
tember 1683, an Ludwig XIV. richtete. Dieser meldete: „Der Kaiser 
ist am Mittwoch (22. Sept.) zurückgekehrt und alle die ihn begleitet 

') Auch die österr. Geschichte kennt ein Schreiben, welches ein vater- 
ländi